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Samstag, 7. Mai 2011

»Ein Buch lesen! - Privat« Heute: Grete C. Roth

Im IV. Teil unserer Interview-Serie »Ein Buch lesen! - Privat« stellt sich heute Grete C. Roth den Fragen von Walter-Jörg Langbein

W.-J. Langbein: Liebe Grete, Du »machst« Bücher (Layout, Satz usw.) und Du schreibst Bücher. Was kam zuerst: das Schreiben oder das Machen und Gestalten?

gcroth
g.c.roth: Zuerst kam das Schreiben. Mein Vater und mein Klassenlehrer ermunterte mich oft, mehr zu schreiben. Da ich allerdings viel lieber draußen durch die Natur getobt bin, durch mannshohe Kornfelder strich, über Gräben sprang, Insekten beobachtete, Schnecken sammelte, mich auf Bauernhöfen tummelte und mit Ferkeln und Kälbchen spielte, kam es eher selten vor, dass ich Geschichten darüber schrieb. Natur und Tiere zu erleben ist ungleich intensiver, als man sie beschreiben könnte.

An meinem dritten Geburtstag eröffnete mein Vater seine Druckerei und es entstand der Kontakt zum Papier und zu den Buchdruckfarben, deren Geruch mich noch heute in die Zeit meine Kindheit versetzt. Ich erinnere mich an schöne Stunden, wenn er in der Papierverarbeitung an der Schneidemaschine arbeitete, deren riesiges schwarzen Schwungrad mit Muskelkraft zu bedienen war. Dann saß ich oft in einer der großen Teekisten, die er als Container für den Papierabfall nutzte und wir haben uns Geschichten erzählt.

Gelernt habe ich den Beruf der Schriftsetzerin in der Firma meines Vaters. Seinerzeit wurde noch im Bleisatz ausgebildet, wo jedes Wort aus einzelnen Bleilettern zusammengesetzt wurde, bis einige Zeilen im Winkelhaken erfasst waren. Diese kamen dann auf das „Schiffchen“, so wuchs ein Artikel Zeile um Zeile. Anschließend wurde der Block mit der Kolumnenschnur ausgebunden und zwar so fest, dass man ihn bequem von der Setzerei in die Druckerei tragen konnte. War der Block schlecht ausgebunden, löste sich alles in Wohlgefallen auf und rieselte einem durch die Hände. Also hieß es: alles einsammeln, zurücksortieren in die Setzkästen und noch einmal von vorn beginnen. Deshalb trug man seinen fertigen Satz, ab einer bestimmten Größe, dann vorsichtshalber doch meistens auf dem Schiffchen zur Druckmaschine.

Die Gestaltung von Anzeigen und Plakaten war seinerzeit um einiges aufwendiger. Von Bildern und Logos wurden Lithos hergestellt, um die herum der Text gearbeitet wurde. Man musste also vorher genau berechnen, wie viel Text man unterbringen konnte, welche Schrift und Schriftgröße benutzt werden und wie groß die Bilder sein konnten. Hatte man sich verrechnet, mussten neue Lithos angefertigt werden, was zusätzliche Kosten und Zeitverlust bedeutete.

Walter-J. Langbein: Den größten Teil Deines Lebens stellst du Druckproduckte her, nimmt da die Routine überhand?

g.c.roth: Nein, absolut nicht! Das ist das Faszinierende an meiner Arbeit, dass jeder neue Auftrag ein völlig neues Projekt ist, das von Grund auf aufgebaut und entwickelt wird. Individuelle Drucksachen – ob Flyer, Broschüren oder Bücher werden einmalig erschaffen. Und ich bin mit Herzblut dabei, von den ersten Entwürfen über Korrekturabzüge, bis zur Auslieferung. Ich empfinde mich selbst in diesem Prozess als eine Art Hebamme, die viele „Kinder“ ans Licht der Welt geholt hat. Routine ist etwas, das ich in meinem Beruf noch nicht erfahren habe.

W.-J. Langbein: Du schreibst selbst Bücher, hast Du literarische Vorbilder?

Fluffige und andere Zeiten
von gcroth
g.c.roth: Nein, ich habe keine Vorbilder. Mein erstes Buch „Kein Herbst ist ein Ende“ (1986) entstand als Anthologie mit zwei weiteren Autoren und enthielt zu 90 % Gedichte. Das zweite Büchlein „Der Wolken silberne Tropfen ...“ (1991) ist schon eine Mischung aus Geschichten und Poesie, während mein drittes Buch „Fluffige Zeiten“ (2004) hauptsächlich heitere Kurzgeschichten enthält. Diese drei Bücher habe ich noch selbst vertrieben und sie sind, bis auf einige Exemplare für mein eigenes Bücherregal, ausverkauft. Das vierte Buch, „Fluffige und andere Zeiten“ (2008) ist eine erweiterte Neuauflage und das fünfte: „"Bestatten, mein Name ist Tod!" Friedhofsgeschichten aus dem Leben gerissen“ (2008), fällt völlig aus der Reihe meiner üblichen Themen, was einfach daran liegt, dass mir das Leben Gelegenheit zu diesem morbiden Thema anbot.

W.-J. Langbein: Wenn Du ein Buch schreibst, schöpfst Du nur aus der Fantasie oder recherchierst Du, oder greifst Du auf Erlebtes zurück?

Bestatten, mein Name ist Tod!
von g.c.roth
g.c.roth: Ich schreibe so, wie ich meine Geschichten erlebe. Ich erfinde keine kompletten Storys, sondern verarbeite das, was das Leben mir anbietet. Und deshalb findet sich auch die ganze Palette an in meinen Büchern wieder. Lustiges, Kurioses, Nachdenkliches oder auch Trauriges in Form von Kurzgeschichten, Gedichten und Fabeln, so unterschiedlich, wie das Leben sich auch präsentiert. Der Humor, den man zweifelsohne braucht im Alltag, überwiegt meistens.
Mein Buch „Bestatten, mein Name ist Tod!“, ist zum Beispiel aus jahrelang gesammelten Erzählungen eines alten, schrulligen Totengräbers sowie aus Unterhaltungen mit ehemaligen Bestattern entstanden. Natürlich ist nicht alles 1:1 so geschehen, wie ich es erzähle, aber man kann davon ausgehen, dass 70 % der Ereignisse so oder so ähnlich stattgefunden haben.

W.-J. Langbein: Wie siehst Du die Zukunft von Buch- und Verlagswesen im Printbereich? Werden »elektronische Bücher« die gedruckten ablösen?

g.c.roth: Nein, ich gehe nicht davon aus, dass das E-Book das gedruckte Buch ablöst. Ein Buch ist etwas mit allen Sinnen Erfahrbares. Es verheißt gemütliche Stunden in Sessel- und Sofaecken, auf grünen Wiesen und unter schattigen Bäumen, zu denen es keine Alternative gibt. Keine Festplatte der Welt kann ein schön gefülltes Bücherregal toppen. Das Lesen eines Buches verschafft sehr persönliche Momente, das Umblättern der Seiten, der Geruch des Buches, einfach das Material in der Hand zu spüren, das alles ist nicht einfach austauschbar. Bücher haben eine unvergleichliche Ausstrahlung und sind viel mehr als eine Datei.

Das E-Book ist meiner Ansicht nach eine tolle Ergänzung, die besonders für Fachliteratur in großen Mengen perfekt ist. Man kann am PC lesen und gleichzeitig arbeiten, bestimmte Textstellen können in Sekunden aufgefunden werden, schnelle umfangreiche Informationen, ohne vollgestapelte Schreibtische, sind beim E-Book einfach ein Pluspunkt, den das Buch nicht hat. Praktisch sind E-Books auf E-Readern auch für unterwegs, besonders für Vielleser, die nicht kiloweise Bücher schleppen möchten. Oder für Sehbehinderte, die sich die Schrift in angenehm lesbarer Größe darstellen lassen können. Vermutlich wird jede Buchvariante ihren Platz finden. Verlage werden sich an dem orientieren, was der Leser wünscht.

W.-J. Langbein: Hast Du konkrete Zukunftspläne für Dein Studio?

g.c.roth: Die Zukunft für mein Satzstudio ist gleichzeitig die Frage nach meiner persönlichen Zukunft. In meinem Alter blickt man in die Zukunft etwas anders, als im Alter von vielleicht 30 Jahren. Zukunft ist selten das, was man sich erhofft, im Nachhinein aber genau das, was man gebraucht hat, um als Persönlichkeit wachsen zu können.

Als Mutter von drei Kindern, bin ich dankbar, dass ich mit Blick auf die Gegenwart sagen kann: Sie sind alle wohlgeraten, die ersten beiden gehen ihren Weg im Leben und haben mir bereits vier Enkelkinder geschenkt. Mein Nesthäkchen muss sich noch einige Jahre durch den Schulalltag kämpfen und wird dann ebenfalls seinen Weg finden.

Zukunft ist unberechenbar. Kein Mensch weiß, was schon morgen auf ihn wartet. Deshalb versuche ich offen zu sein, für das, was sie mir anbietet. Wenn man aufmerksam ist, dann liegt alles, was man braucht, immer bereit, nur sehen und aufnehmen muss man es. Das gelingt manchmal und manchmal nicht.

W.-J. Langbein: Liebe Grete, es würde mich interessieren, was Du noch für Interessen hast.

g.c.roth: Was mir in meiner Freizeit Spaß macht, das ist mein Garten, sowohl der Anbau von Gemüse als auch das Ziehen von Zierpflanzen. Mein Garten ist ein meditativer Ort. Gartenarbeit macht still und einig mit der Natur und bringt mich wunderbar nahe an die wesentlichen Dinge des Daseins heran. Wann immer Zeit ist, zeichne, male oder fotografiere ich. Die Fotografie –wie könnte es anders sein –hat den praktischen Nebeneffekt, dass sie eine reiche Motivauswahl für meine Arbeit abwirft. Mein Herz schlägt für alles, was mit der Natur zu tun hat. Ich versuche meinen Alltag so zu leben, dass ich möglichst wenig Schaden an der Natur anrichte. Wenn es mir vergönnt ist, werde ich einen Teil meiner Zeit nach dem aktiven Berufsleben in umweltpolitische Arbeit investieren.

W.-J. Langbein: Welche Ziele hast Du Dir für Deine Arbeit als Autorin gesteckt?

g.c.roth: Autorin und Texterin bin ich hauptsächlich aus beruflichen Gründen, da ist das Ziel natürlich, meinen Kunden ansprechende und anspruchsvolle Texte zu liefern. Zufriedene Kunden empfehlen mich weiter, sodass mein Kundenstamm kontinuierlich wächst. Meine Bücher sind eher ein Hobby, das sich daraus ergeben hat, dass sich Geschichten ansammelten. Hier habe ich kein festes Ziel.
Letztlich ist bei all meinen Arbeiten wichtig, dass sie mir Freude machen, dass ich anderen damit Freude mache und dass ich mit meiner jüngsten Tochter gut davon leben kann. Das ist mehr, als die meisten Menschen auf der Welt haben und somit schon Luxus. Reichtum ist das, was man spürt, wenn man einer Beschäftigung nachgeht und ganz eins wird mit ihr, sodass Zeit und Raum bedeutungslos werden. Reichtum ist nicht das, was man sieht, wenn man auf seinen Kontoauszug schaut.

W.-J. Langbein: Wenn Du einen Wunsch freihättest, was würdest Du Dir wünschen?

g.c.roth: Dass wir „zivilisierten“ Menschen uns in etwas mehr Demut und Bescheidenheit üben würden, damit wir die Vielfalt und Schönheit der Erde mit unserer Unersättlichkeit nicht völlig zerstören. Und natürlich, dass unsere Gemeinschaft „Ein Buch lesen“, die aus einer gemeinsam erlebten Krise erwachsen ist und die ich als eine große Bereicherung empfinde, noch viele Jahre so kreativ, mit viel Spaß und menschlicher Wärme zusammen wirken kann.

W.-J. Langbein: Liebe Grete, danke für das aufschlussreiche Interview. Ich wünsche Dir noch viel Freude mit Büchern, interessante Lektüre guter Werke von Kollegen, viel Freude beim kreativen Erstellen von Büchern in Deinem Satzstudio und genussreiche Selbstverwirklichung beim Schreiben! Und uns allen wünsche ich... mach weiter so, im Team von Ein-Buch-lesen ... und überhaupt!

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Auf meinem Meinungsblog gibt es mehrLesestoff zu unterschiedlichen Themen von mir.
Dort schreibe ich unter dem Namen dandelion.

Dienstag, 30. November 2010

Die letzten Worte von Susanne


Text u Bilder: gcroth / Sprecherin: Sylvia B.

Ich bin nicht gegangen.
Denn ich hatte dir mein Wort gegeben.
Ich habe dich nicht betrogen,
dich nicht belogen und dir nichts verschwiegen.
Ich habe zu dir gehalten.

Auch, nachdem du meine Freunde vertrieben hattest,
... du hast ja keine.
Auch noch, als du meine Kinder mit deiner Lieblosigkeit brechen wolltest,
so, wie du deine Kinder gebrochen hast.
Auch noch, als du mein Bett gemieden hast,
weil dich die kleinen Hände nach Rumänien zogen.
Auch noch, als ich vor Einsamkeit an deiner Seite erfroren bin.

Weißt du noch, als ich dich damals im Scherz fragte, ob du weißt, was du tust?
Nein! Du wusstest nicht was du tust und du weißt es bis heute nicht.
Und du wirst es niemals wissen.
In deiner Wiege lag ein Fluch, der dich bis heute begleitet.
Dich und Deine Söhne, Deine Brüder und Neffen.
Und alle Menschen, die dein Leben streiften und streifen sind mit verflucht.
Du wurdest in diese Welt geworfen,
um anderen Menschen Seelenhölle zu bereiten.
An deiner Seite können nur Tote überleben.

Du schmückst dich mit großen Namen in geschriebenen Worten.
In der Hoffnung, dass ein wenig Glanz auf dich abfärbt.
Aber nichts davon, hat mit dir zu tun.
Denn du selbst bist eisiges Schweigen. Totenstarre.

Hast die Mütter deiner Kinder ausgeraubt und ausgelaugt.
Deine Kinder betrogen um ihre Zukunft, für deine vergnügliche Gegenwart.
Lügen, betrügen, demütigen und den Menschen ein Grab bereiten,
das ist deine Bestimmung. Ignoranz und Rattigkeit sind deine hervorragenden Eigenschaften.

Und wieder hast du eine Blüte gepflückt, um sie zu brechen.
Wie klein du bist.
So klein, dass ich erst jetzt erkenne, weshalb dich all die Jahre panische Angst vor Ratten verfolgt hat.
Sie werden dich finden. Sind schon ganz nah.
Du hast ihnen die lebendigen Köpfe mit bloßen Händen abgerissen, sie werden dich holen ... in jeder Nacht ... wenn du schläfst... werden sie kommen... an dir nagen mit ihren giftigen, gelben Zähnen ... und dich bei lebendigem Leibe fressen. Nacht für Nacht ein wenig mehr, es gibt kein entrinnen.

Dieser Fluch wird dich begleiten, bis ans Ende deiner Zeit. Und er gibt dir die Schmerzen, Verletzungen und Demütigungen, die du Zeit deines Lebens, ohne Reue an die Menschen, die es gut mit dir gemeint haben, ausgeteilt hast, zurück. Von nun an, jede Sekunde, jede Stunde deines restlichen Daseins.

Totenstarrer Totengräber — Dein Name wird nie mehr genannt.

Mehr von Susanne, den Bestattern und Totengräbern lesen Sie in:
"Bestatten, mein Name ist Tod!" Friedhofsgeschichten aus dem Leben gerissen.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Der Wettbewerb

Sichtlich beschwingt öffnete Heinzwilli Prollmann dem Reporter die Tür.

„Komm rein, wenn du nicht zu blöd bist, die Tür hinter dir zu schließen.“
Heinzwilli schoss schon wieder um die Ecke in die Küche.
„Ich koche gerade meine vorzügliche Kaninchenköttelsuppe für meine Untertanen und die sogenannte Jury.“

Der Reporter schloss sorgfältig die Tür hinter sich und folgte Heinzwilli in die Küche, während er eifrig Block und Stift aus der Jackentasche zerrte.
„Oh, Sie haben Untertanen?“, fragte er interessiert und sah sich nach einer Sitzgelegenheit um.

„Ja natürlich, oder wie würden Sie den Sauhaufen von Löffelschleuderern nennen, dem ich seit Jahren vergeblich versuche zu erklären, wie man eine anständige Kaninchenköttelsuppe kocht?“

„Ööh, ja, achso …äh, kann ich mein Aufnahmegerät hierher stellen?“, er schob einige Bierdosen auf dem Küchentisch zur Seite und sah Heinzwilli fragend an.

„Das ist doch wieder typisch, kommt hier rein, stellt ne Menge dummer Fragen und hat es nicht mal nötig sich vorzustellen!“ Heinzwilli schlug kurz aber heftig mit der Suppenkelle auf den frei gewordenen Platz auf dem Küchentisch.
Der Reporter zuckte zusammen. „Entschuldigung, ich dachte, die Redaktion hätte Bescheid…“

„Die Redaktion? Bist du nicht in der Lage, deinen eigenen Namen auszusprechen?“, fauchte Heinzwilli, schob mit dem Unterarm weitere Dosen zur Seite und ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen.
„Setz dich hin!“

„Also, Herr Prollmann, ich heiße Reißwolf, Heribert Reißwolf, das ist aber purer Zufall, hahaha, meine Artikel schreibe ich immer sehr fair, machen Sie sich keine Sorgen.“

Heinzwilli griff mit einer Hand unter den Tisch, ohne seinen Blick von Herrn Reißwolf abzuwenden, holte eine Flasche Schnaps hervor, öffnete sie und schenkte zwei Wassergläser voll.
„Fair?“, blökte er. „Junger Mann wissen Sie überhaupt, wie man das Wort schreibt?“
Ein gefülltes Glas schob er mit Schwung über den Tisch, sodass ein Teil seines Inhalts herausschwappte.
„Trinken Sie!“

„Vielen Dank, aber ich trinke während der Arbeit keinen Alkohol. Vielleicht könnten wir jetzt einfach mit dem Interview beginnen?“

„Woher soll ich wissen, ob sie das können?“

„Gut, Herr Willi…, ääh Herr Prollmann , kommen wir zur ersten Frage. Seit 15 Jahren sind Sie stellv. Vorsitzender des Kaninchenköttelsuppenvereins und stehen mit Rat und Tat zur Seite, weshalb hat man Sie Jahr um Jahr bei der Wahl zum 1. Vorsitzenden übergangen?“

Heinzwilli griff zu seinem Glas und schüttete die Hälfte des Inhalts in seine Kehle.
„Vielleicht ist es einfach so, dass ich mich nicht um dieses Amt beworben habe? Glauben Sie im ernst, ich würde mir das antun? Vorsitzender eines Vereins arbeitsscheuer Kaninchenköttelsammler zu sein? Von denen ist doch einer fauler als der andere!“

„Höre ich aus dieser Aussage heraus, dass Sie keine sehr hohe Meinung von Ihren Vereinsmitgliedern haben oder vermissen Sie einfach ein wenig Eigenengagement?“

Heinzwilli kippte noch einen Schluck in sich hinein und knallte das Glas abrupt auf die Tischplatte.
„Eigengema … Eigengange…. Scheiße, du meinst, die sollen mal selber was auf die Beine stellen? Hahaha, dass ich nicht lache.“ Sein Ellbogen flutschte über die Tischkante und Heinzwilli sackte halb unter den Tisch, zog den Arm aber gleich wieder hoch und legte sicherheitshalber beide Arme angewinkelt auf den Tisch.
„Pass mal auf, du kleiner Möchtegernschmierfink“, raunte er, „Wer sich im Verein engagieren will, kann das jederzeit tun. Eigene Arbeit ist allerdings das, was die Köttelsammler so ziemlich am meisten fürchten Wir hatten natürlich Mitglieder, die mit Vorschlägen kamen. Da sie aber nicht von mir waren, habe ich sie erfolgreich abgewatscht. Mit anderen Worten: Lauter Eintagsfliegen mit Lippenbekenntnissen.“

Reißwolf schaute angestrengt auf seinen Block, während er jedes Wort notierte. Die Fahne von Heinzwilli verursachte ihm Übelkeit und eigentlich wollte er schnellsten wieder das Haus verlassen.

„Herr Prollmann, ihre Kaninchenköttelsuppe ist gefürchtet bei der Jury, und einen Preis haben Sie in den letzten Jahren auch nicht mit ihr erreichen können. Haben Sie für dieses Jahr die Rezeptur verändert?“

Heinzwilli kippte sich den restlichen Schnaps aus dem Glas in den Hals und lehnte sich zurück an die Stuhllehne.
„Meine Köttelsuppe koche ich nach alter Tradition die ich mir selbst ausgedacht habe, und jede Veränderung wäre ein unverzeihlicher Stilbruch, den nur einer begehen würde, der weder von Suppen noch von Kaninchenkötteln eine Ahnung hat. Letzes Jahr erst hab ich eine Suppe probiert, die alles wild durcheinander enthielt, vermutlich nur keine Kaninchenköddel. Für diese Modescheiße ist mir meine Zeit einfach zu schade.“

„Herr Prollmann , Sie plädieren immer wieder dafür, dass der Nachwuchs sich mehr anstrengen soll, wie sehen Sie die Chancen der diesjährigen Köttelsuppenkandidaten?“


Heinzwilli hatte mittlerweile einige Probleme die Augen geöffnet zu halten und den Fragen zu folgen. Auch seine Zunge tat sich schwer, die Worte verständlich zu formulieren.
„Blösinn …“ lallte er, „kompledder Unwug, sich in’n Wettbewerb zu begem, solange man ein unbekannter Subbenkoch is ... den kann man nur verlieren, vor allm solange ich da mitmische. Die sollen sich erst mal’n Namen machen, vielleicht können se dann mal …“

„Sie meinen, ein Wettbewerb ist nur etwas für berühmte Kaninchenköttelsuppenköche? Ich dachte immer, Wettbewerbe sind dazu da, sich einen Namen zu machen?

„Quatsch, alles Quatsch. Entweder man kann’s oder man kann’s nich.“
Heinzwilli kniff ein Auge zu, visierte die Schnapsflasche an und griff zu.
„Wozu die Umstände“, murmelte er „… ich tringjasonsauchausepulle.“ Er nahm einen kräftigen Schluck.
„Wenn die Möchgernsubbenpanscher mit neuen Rezepten kommen, heißt das nix anners, als dass ich nicht mehr erwünscht bin! Schreib das auf Mann!“

Reißwolf gehorchte und ahnte, dass sich das Interview frühzeitig dem Ende zuneigte. Nicht, weil er keine Fragen mehr hatte, doch er bekam zunehmend Verständnisprobleme mit Heinzwillis Aussprache. Da würde ihm vermutlich auch die Bandaufnahme nicht helfen.

„Offensichtlich haben andere aber mit ihren Rezepten Erfolg, wie erklären Sie sich das und haben Sie damit ein Problem?“

„Erfolg? Was ist das? Erfolg ist doch nicht, wenn man einen goldenen Hasenköttel nach Hause tragen kann!“ Heinzwilli raffte sich wieder zusammen und schenkte sein Glas bis zum Rand voll.
„Du scheinst auch so ein Spinner zu sein. Aber wenn du es nicht verstehen willst, ist das dein Problem. Wer mein Rezept missachtet, hat schlicht keinen Erfolg mit seiner selbstgebastelten Suppe, auch dann nicht, wenn tausend andere die Suppe anschließend –hicks – in den Himmel jubeln, geht das nicht in deine engstirnige Birne? Hicks.“

Er schenkte sein Glas wieder voll, leerte es in einem Zug und warf es anschließend über die Schulter in Richtung Herd. Es zerschellte am Suppentopf.
„Oh, meinsubbe… fasvergessen, müssen noch paar Köddel rein.“

Heinzwilli zog sich an der Tischkante hoch, kam zum Stehen und pendelte sich ein Weilchen aus. Dann wankte er zum Herd. Als er mit dem Rücken zu Reißwolf stand, nutzte dieser die Gelegenheit, um sich leise aus dem Staub zu machen.

Heinzwilli stand am Herd und glotzte in den Suppentopf. Was war los mit der Suppe? Sie sah eher aus wie ein Eintopf! Die Menge im Topf reichte höchstens noch für zwei Teller! Damit brauchte er gar nicht auftischen. Und überhaupt, wusste eh keiner seine Köttelsuppe wirklich zu würdigen. Er überlegte, wie er aus der Nummer rauskommen konnte und durchdachte eine kleine Ansprache:
„Liebe Untertanen,“ würde er seine Rede beginnen, „bei der Zubereitung habe ich heute Dutzende von Fehlern gemacht, weil mich der Schmierfink Reißwolf absichtlich denunzieren wollte. Fehler sind unverzeihbar, außer wenn ich sich mache. Damit aber niemand auf meine Suppe verzichten muss, verkaufe ich gern das Rezept. Weitere Zubereitungstipps gibt’s aber nur gegen Cash.“

„Der ganze Verein is Scheiße, und weil ich mich in Scheiße am Wohlsten fühl, bleib ich hier der Fachmann für Scheiße! Sollen die Kaninchenköttelsuppenkocher doch Erfolg haben, mir doch egal, ich werd mich damit nicht zufrieden geben. Auch wenn ich meine Suppe allein essen muss, Hauptsache ich weiß, was gut ist! Jawoll!“

Heinzwilli nahm den Topf vom Herd, setzte ihn an die Lippen, um wenigstens herauszufinden, auf welche Köstlichkeit, die Minus-IQ-Menschen in seinem Verein heute verzichten mussten. Wo war eigentlich der Schmierfink geblieben? Na egal, Hauptsache, er hatte die Flasche nicht mitgehen lassen.

Nein, sie stand noch auf dem Tisch, den kleinen Rest wollte Heinzwilli nicht umkommen lassen, taumelte zwei Schritte, griff zweimal daneben, erwischte sie dann doch und leerte sie aus.

„QUALITÄÄÄÄÄÄT“ brüllte er, „das bin IIIICHH! – Ihr seid nur zu BLÖÖÖD, das zu erkennen!“
„JUUURYYY? SCHIEDSRICHTER??? Was ist denn das? Doch nicht die, die ehrenamtlich für einen freundlichen Umgangston sorgen und jede Scheißsuppe mit „Sehr Gut“ bewerten, nur meine nicht??? Was „Sehr Gut“ ist, bestimme IIIIHIIICH!“

Ihm wurde kotzübel und sein Gebrüll ging in einen eigenartigen nuscheligen Singsang über. Langsam tastend, bewegte er sich in Richtung Klotür. Die Suppe hatte kein Bedürfnis sich noch länger in ihm aufzuhalten. Heinzwilli öffnete die Klotür, sackte vor der Keramik zusammen und entließ unter Krämpfen die mühsam angesammelten Flüssigkeiten. Es nahm kein Ende. Heinzwillis Kräfte verließen ihn langsam, als ihm eine geniale Idee kam! Wenn er nicht mehr die Kraft hatte, vor der Keramik zu hocken, dann musste die Keramik irgendwie mit zu ihm ins Bett.

Heinzwilli verspürte Stolz in sich aufkommen. Genau das ist das Problem aller anderen. Einfache Dinge konnten sie regeln, aber wenn es tiefer gehen musste, um ein neues Problem zu lösen, dann braucht es nun einmal Fachleute wie ihn.

Natürlich! Er wunderte sich, dass er darauf nicht längst gekommen war. Mit Mühe erhob er sich, sammelte noch einmal die letzten Kräfte, griff nach der Klobrille und riss unter gewaltigem Gebrüll die Brille samt Deckel von der Schüssel.
„Na also, geht doch“ lallte er stolz wie Oskar, klemmte sich die Brille unter den Arm und tastete sich ins Schlafzimmer.


So gegen Mittag öffnete Heinzwilli am nächsten Tag die Augen. Irgendwas drückte ihm gegen den Hals. Seine Hände tasteten nach dem Etwas und dann fiel es ihm ein: Die Klobrille! Er hatte die Klobrille um den Hals! Vorsichtig richtete er sich auf und öffnete ein Auge. Er hatte tatsächlich Gebrauch gemacht von seiner genialen Idee und wie es aussah, hatte sie funktioniert.

Dann sah er Else. Else rauschte mit einem Koffer in der Hand an ihm vorbei, riss den Kleiderschrank auf und stopfte ihre Klamotten in den Koffer. Dann rauschte sie wieder an ihm vorbei, knallte die Tür zu und war verschwunden.

Heinzwilli ließ sich mitsamt seiner Halskrause zurück in die Kissen fallen. Else war auch einfach zu blöd, um die Genialität seiner nächtlichen Aktion zu erkennen. Er zog sich die saubere Ecke der Bettdecke über den Kopf und schlief sofort wieder ein.


Am nächsten Tag sah man Heinzwilli im Baumarkt an der Kasse stehen. Die neue Klobrille unter dem Arm. Nicht, dass er von seiner nächtlichen Aktion nicht mehr überzeugt gewesen wäre. Auf keinen Fall!

Er hatte sich einen weiteren genialen Plan überlegt. Logisch nachgedacht sozusagen, seine Spezialität. Else war wieder mal gegangen, dieses Mal allerdings mit Koffern und Kindern. Er brachte diesen Umstand in Zusammenhang mit dem Abgang der Klobrille. Vielleicht käme sie zurück, wenn sie nicht mehr auf der kalten Keramik sitzen müsste. Eine wirklich freundliche Geste von Heinzwilli, die ihm wohl niemand zugetraut hätte.


Vielen Dank für die Zeichnungen an: Sylvia B.


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