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Sonntag, 13. Januar 2019

469 »Der Kaiser, Kelten und Gott Krodo«

Teil 469 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Tikal, Guatemala – Steile Stufenpyramiden

In den 1980-ern und 1990-ern war ein schweißtreibendes Abenteuer noch gestattet, das heute weitestgehend verboten ist. In Guatemala (Tikal) wie in Mexiko (Palenque) durfte man die eine oder die andere Pyramide besteigen. Die Stufen waren schmal, Treppen steil und der Weg nach oben höchst anstrengend. Und es war nicht ungefährlich. Ein Fehltritt hätte genügt, schon wäre man im wahrsten Sinne des Wortes abgestürzt. Die fantastischen Denkmäler überstanden die Jahrhunderte. Tikal entstand vom dritten bis ins 9. Jahrhundert. Als Karl der Große in Europa Heidentempel zerstören ließ, entstanden in Zentralamerika einige der schönsten Pyramiden: vergleichbar mit Treppen in den Himmel.

Treppen in den Himmel gibt es auch in zahllosen christlichen Gotteshäusern. In den 1980-ern und 1990-ern war ein schweißtreibendes Abenteuer noch gestattet, das heute weitestgehend verboten ist. In Guatemala (Tikal) wie in Mexiko (Palenque) durfte man die eine oder die andere Pyramide besteigen. Die Stufen waren schmal, Treppen steil und der Weg nach oben höchst anstrengend. Und es war nicht ungefährlich. Ein Fehltritt hätte genügt, schon wäre man im wahrsten Sinne des Wortes abgestürzt. Die fantastischen Denkmäler überstanden die Jahrhunderte. Tikal entstand vom dritten bis ins 9. Jahrhundert. Als Karl der Große in Europa Heidentempel zerstören ließ, entstanden in Zentralamerika einige der schönsten Pyramiden: vergleichbar mit Treppen in den Himmel.

Treppen in den Himmel gibt es auch in zahlrlosen christlichen Grotteshäusern, deren Türme den steilen Pyramiden von Mexiko und Guatemala nicht unähnlich in den Himmel ragen. Das Münster zu Hameln bietet einen wahrlich »himmlichen Blick«.

Foto 2: Blick vom Turm des Hamelner Münsters.

Wir schreiben das Jahr 780 n. Chr. Kaiser Karl der Große betreibt mit harter Hand die Christianisierung der Sachsen. Besonders verhasst sind ihm Denkmäler, die die alten heidnischen Götter zeigen und die offenbar immer noch von Gläubigen aufgesucht und verehrt werden. Anscheinend sah es der missionierende Kaiser als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, die Statuen der alten Götter zerstören zu lassen.

Folgt man Forstsekretär Julius Gottfried Eberhardt Leonhard, dann gab es für den frommen Kaiser allein auf diesem Gebiet viel zu tun. Vermeldet doch Leonhard anno 1825 in seinem Werk »Die Harzburg und ihre Geschichte« (1) eine Vielzahl von heidnischen Gottheiten, deren Heiligtümer Karl der Große zerstören lassen wollte. »Irmen«, nach Leonhard »Gott des Krieges und der Gerechtigkeitspflege«, muss dem mächtigen Herrscher ein Dorn im Auge gewesen sein. Ein Götze namens »Irmen« erfreute sich offenbar bei den »Heiden« großer Beliebtheit. Er wurde, so Leonhard (2) »zu Ehrensburg, jetzt Stadt Berge an der Lippe«, verehrt. Ein »Ehrensburg, jetzt Stadt Berge an der Lippe«, freilich kann ich nicht ausfindig machen. Wurde die Schreibweise ihres Namens neuerlich geändert?

Von »wikipedia« (3) erfahre ich, dass es im 8. Jahrhundert »in einiger Entfernung von der Eresburg, dem heutigen Obermarsberg« eine Irminsul gab. Sollte das die Stätte gewesen sein, an der laut Leonhard »Irmen« verehrt wurde? Wurde aus der »Ehrensburg« (Leonhard!) »Eresburg«? Das liegt, meine ich, nahe.

Fakt ist, dass Karl der Große just dort ein Kloster gründete. Es war weit verbreitet, einstmals heidnische heilige Plätze in christliche zu verwandeln. Wo zu heidnischen Zeiten ein Tempel stand, wurde von christlichen Missionaren so manches christliche Gotteshaus errichtet. Überliefert ist weiter, dass Karl der Große anno 772  eine Irminsul zerstören ließ. Umstritten ist allerdings bis heute, wo diese Säule zu Ehren des Irmen stand. Anno 863 vermeldete der Mönch Rudolf von Fulda in »De miraculis sancti Alexandri« (»Von den Wundern des heiligen Alexanders«):»

Foto 3: Der Ceibabaum
Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Muttersprache ›Irminsul‹ nannten, was auf Lateinisch ›columna universalis‹ bedeutet, welche gewissermaßen das All trägt.« Die Legende von den Wundern des heiligen Alexanders wurde anno 863 im Kloster Fulda von Rdulf von Fulda begonnen und noch im 9. Jahrhundert von Meginhard niedergeschrieben.

Eine Säule die das All trägt? Diese Vorstellung war einst weit verbreitet. So stand bei den Mayas der Ceiba-Baum im Zentrum ihres Kosmos.

Einen Ceibabaum habe ich nie erklommen, wohl aber die eine oder andere Mayapyramide in Guatemala und Mexiko. Und wenn ich auf der obersten Plattform ankam, dann war ich erschöpft und verschwitzt wie in einer Sauna. In der Tat: Ich fühlte mich dort oben dem himmlischen Elysium bedeutend näher als unten bei den Pyramidenwächtern. Ganz ähnlich erging es mir, als ich bei sommerlicher Hitze den Turm des Münsters zu Hameln erstieg und schließlich die hölzerne Tür hochgewuchtet und ins Freie geklettert war. Der Blick auf das scheinbar sehr tief unter mir liegende Hameln war himmlisch. Die Weser war zu einem kleinen Rinnsal geschrumpft. Das nordeuropäische Pendant zum Weltenbaum der Mayas war Yggdrasil, die Weltesche, die ebenso den Kosmos verkörpert wie der Ceiba-Baum.

Solche Weltenbäume wurzelten in der Unterwelt und stützten den Himmel. Im Mithraskult gab es statt eines Baums eine achtteilige Leiter zwischen Erde und Himmel. Offensichtlich gab es unterschiedliche Variationen von Bildern, die alle einander ähnelten und für die Verbindung zwischen Erde und Himmel standen. Ob Weltesche Yggdrasil der Germanen, ob steile Stufenpyramide der Mayas oder der biblische »Turm zu Babel«, immer geht es um eine Verbindung zwischen Erde und Himmel. Und häufig geht es darum, dass man über diese Verbindung aus dem Himmel zur Erde und auch wieder von der Erde zurück in den Himmel gelangen kann. Ich darf an Jakobs Himmelsleiter erinnern (4): »Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.«

Die »Royal Society Open Science« untersuchte Märchen und kam zu erstaunlichen Ergebnissen (5). Im Märchen »Jack und die Bohnenstange« klettert ein Junge eine wundersame Bohnenranke empor und gelangt schließlich in den Himmel. Dort hausen Riesen, denen Jack nur mit Mühe entkommt. Das  angesehene »Smithsonian Institute« (6) berichtete über die Forschungsergebnisse der »Royal Society Open Science«. Demnach wurzeln die Ursprünge vom Bohnenstangenmärchen weit in der grauen Vergangenheit, sind wohl 5.000 Jahre alt.

Manche unserer Märchen, so fasste »Science News« sind sehr viel älter als man gewöhnlich annimmt. Titel der »Science News«-Meldung (7): »Kein Ammenmärchen: Ursprünge einiger Geschichten reichen Jahrtausende zurück«. Untertitel (8): »Statistische Analyse von Sprachevolution hilft das Alter von erzählten Geschichten zu datieren«. Mit anderen Worten: Schon vor Jahrtausenden gab es Geschichten über Menschen, die von der Erde in den Himmel kletterten. Die »Irminsul« ist lediglich eine nur gut ein Jahrtausend altes Pendant zu sehr viel älteren »Säulen«, »Bäumen« oder »Leitern«.

Foto 4: Stand hier einst in luftiger Höhe die Irminsul?

Wo aber stand die letzte »Irminsul«? Bei der Eresburg? Oder auf einem der Externsteine? Standort Externsteine für die Irminsul ist durchaus denkbar. Weile doch Karl der Große anno 784 im Lipperland, um in der Stadt der Osterräder Weihnachten zu feiern. Von hier aus konnte der Herrscher bequem die Externsteine erreichen und die Irminsul zerstören lassen. Einer von der Wissenschaft stark angezweifelten Überlieferung zufolge soll Karl der Große damals versucht haben, den Brauch des Laufs der Feuerräder in Lügde abzuschaffen. Ihm sei der heute noch zelebrierte Brauch zu heidnisch gewesen. Da die Bevölkerung angeblich das Verbot des Kaisers nicht akzeptierte und die brennenden Räder von Anhöhen weiter ins Tal bis an die Emmer rollen ließen, sei aus dem heidnischen Feuerräderlauf der christliche Osterräderlauf geworden. Allerdings ist der Brauch für die Zeit Karls des Großen nicht nachweisbar.

Foto 5: Ein brennendes Rad rollt zu Tal (Osterräderlauf Lügde).

Heute findet der Osterräderlauf am Abend des Ostersonntag statt, gewöhnlich gegen 21 Uhr. Vielsagend war der Spruch, den anno 1985 eines der hölzernen Räder zierte: »Meine Ahnen sind die Kelten und Germanen, jetzt lauf ich in Christi Namen.«


Foto 6: Eines der Lügder Osterräder.

Schon im Jahre 780 soll Karl der Große im Harz von einem Gott namens Krodo alias Crodo erfahren haben. Zu seiner Empörung verehrten die Menschen diesen seltsamen Gott zutiefst und beteten sein Standbild an. Arglos die Heiden dem christlichen Herrscher mit, ihr Gott sei Krodo. Und ihr Denkmal stelle eben diesen Crodo dar. Empört soll Karl der Große ausgerufen haben: »Krodo ist euer Gott, der Krodo-Teufel!«

Foto 7: Krodo wird zerstört.

Eine Lithographie, etwa 1840 entstanden, zeigt wie Kaiser Karl »Die Zerstörung des Götzenbildes Crodo« beaufsichtigt. Mehrere recht muskulöse und spärlich bekleidete Männer rücken dem Krodo-Denkmal zuleibe. Die einen wollen ihn mit einem Seil vom Podest zerren, andere schwingen gleichzeitig schwere Hämmer, um die von den sächsischen Heiden verehrte Figur zu zertrümmern.


Zur Lektüre empfohlen:

Foto 8: Sehr lesenswert!

Vogler, Mike: »Rätsel der Geschichte«, eBook, Dresden 2014
Voglers Buch ist Teil 1 einer inzwischen auf 5 Bände angewachsenen Reihe. Das Werk ist sowohl als Taschenbuch als auch als eBook erhältlich!

Fußnoten
(1) Leonhard, Julius Gottfried Eberhardt: »Die Harzburg und ihre Geschichte«, Fleckeisensche Buchhandlung, Helmstedt 1825
(2) ebenda, Seite 23,Zeilen 11-13
(3) wikipedia, Stichwort »Irminsul«, Stand 05.12.2018
(4) 1. Buch Mose Kapitel 28, Vers 12
(5) https://www.smithsonianmag.com/smithsonianmag/fairy-tales-could-be-older-ever-imagined-180957882/
(6) https://www.sciencenews.org/article/no-fairy-tale-origins-some-famous-stories-go-back-thousands-years
(7) »No fairy tale: Origins of some famous stories go back thousands of years«
(8) »Statistical analysis of language evolution helps estimate storytelling dates«

Zu den Fotos
Foto 1: Tikal, Guatemala – Steile Stufenpyramiden, Treppen in den Himmel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick vom Turm des Hamelner Münsters. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: Der Ceibabaum, kosmischer Baum der Mayas. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Stand hier einst in luftiger Höhe die Irminsul? Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Ein brennendes Rad rollt zu Tal (Osterräderlauf Lügde). Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 6: Eines der Lügder Osterräder. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Krodo wird zerstört. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 8: Sehr lesenswert und zur Lektüre empfohlen! Foto Verlag.


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Sonntag, 8. Februar 2015

264 »Begegnung im Urwald«

Teil 264 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der Tempel der Inschriften von Palenque.
Es regnete unaufhörlich, Myriaden und Abermyriaden von Regentropfen verwandelten den »Urwald« von Palenque in eine Fantasiewelt. Was eine ideale Kulisse für einen spannenden Mysterythriller hätte sein können, war aber Realität an jenem Novemberabend. Die Elektronik meiner beiden Kameras streikte. Beide Kameras ließen sich nicht auslösen, an manuelle oder gar automatische Scharfeinstellung war nicht zu denken. So machte ich mich auf, von meinem Hotelzimmer bis zur weltbekannten Pyramide benötigte ich, vorbei am örtlichen Museum, keine halbe Stunde. Ich bin versucht, die steile Treppe an der Vorderseite des Tempels der Inschriften empor zu klettern, trotz des deutlich angebrachten Verbotsschildes.

Ein Schrei irgendwo aus dem undefinierbaren grünen Dickicht lässt mich zusammenzucken. Für Augenblicke wird die kräftige Solostimme von einem kreischenden Chor begleitet. Angst und Wut, scheint mir, kommen zum Ausdruck. Dann verstummen sie wieder, die Brüllaffen von Palenque.

Foto 2: Blick aus dem Urwald...

Es ist kein Regen mehr, der vom Himmel kommt. Es kommt mir so vor, als würde sich die Luft langsam in Wasser verwandeln. So gehe ich einige Schritte weiter, weg vom Tempel der Inschriften. Nur wenige Minuten später. Ich stehe unter mächtigen Bäumen, wieder erheben Brüllaffen protestierend ihre Stimmen. Dazu gesellt sich ein sehr viel unangenehmeres Geräusch. Es ist ein leise auf- und abschwellendes Surren, geradezu grell und spitz. Moskitos suchen offenbar Blutspender. Noch höre ich sie nur, noch umschwirren sie mich nicht wie ihre Artgenossinnen in heimischen Gefilden. So mache ich mich auf den Rückweg, bleibe nur noch kurz vor dem Tempel der Inschriften stehen. Morgen werde ich frühmorgens wiederkommen. Ich weiß, dass man von der Rückseite des Tempels fast bis auf die oberste Plattform gelangen kann. Man muss gar nicht die breite Treppe auf der Vorderseite benutzen. Der Kalkstein der Stufen ist weich und unzählige Touristen haben bereits ihre Spuren hinterlassen.

Foto 3: Unmittelbar von Urwald umgeben...
Diese Treppe war wohl auch nicht für den heutigen Massenansturm gedacht. Vermutlich waren es vor Jahrhunderten nur wenige Auserwählte, die am Tempel emporsteigen durften. Waren Vertreter des »Hochadels«? Waren es Priester? Astronomen?

Die Maya waren geradezu besessen von Astronomie und Astrologie. Astrologen und Astronomen waren vor elf Jahrhunderten in Palenque zuhause. Sie dominierten das Zeremonialzentrum, das sie »Chan Kah« nannten, zu Deutsch »Schlangenort«.

Für die Lacandonen war Palenque der »Nabel der Welt«. Priester, Astronomen und Astrologen wagten den Blick in eine Normalsterblichen verborgene Welt, in der Göttinnen und Göttern lebten. Es heißt, dass die Wissenden noch vor elf Jahrhunderten nicht nur präzise Berechnungen über den Lauf von Planeten und Sternen anstellten. Sie sollen sich Pilze einverleibt haben, die Halluzinationen auslösten. So glaubten sie, heißt es, Wirklichkeiten wahrzunehmen, die ihnen sonst verborgen blieben.

Die Lacandonen – sie nannten sich »wahre, echte Menschen« – lebten bis ins 20. Jahrhundert nach uralten Traditionen. Sie huldigten, allen missionarischen Versuchen zum Trotz, den alten Göttinnen und Göttern ihrer Vorfahren. Zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends scheint es nur noch eine Frage von Jahren oder bestenfalls Jahrzehnten zu sein, bis die alte Kultur ausgestorben sein wird. Schuld daran sind die wenig segensreichen Kontakte mit unserer »zivilisierten Welt«. Heute gehen fast alle Kinder der letzten 700 (?) Lacandonen in staatliche Schulen, wo sie in spanischer Sprache unterrichtet werden. Ihnen wird die Historie der Sieger beigebracht, die eigene Kultur wird gering geschätzt. Als erstrebenswert gilt der Wohlstand der westlichen »Zivilisation«. In Aussicht steht ein Mehr an materiellem Lebensstandard und ein Weniger an wirklicher Kultur.

Foto 4
 Werden mit den Lacandonen, den letzten echten Maya-Nachkommen, die alten, überlieferten Geheimnisse vergessen sein, noch bevor sie gelöst werden konnten? Umstritten ist die Zahl der heute noch lebenden Lacandonen. Es wird gelegentlich behauptet, die kleine Gruppe würde wieder wachsen. Aber sind Lacandonen, die vom Tourismus leben, noch echte Lacandonen?

Nach offiziellen Angaben sprechen heute nur noch zwanzig Nachkommen der Lacandonen die Ursprache ihres Volkes. In Wirklichkeit dürften es aber deutlich mehr sein. Dessen ungeachtet ist unbestreitbar, dass die alte Kultur, die selbst die Gemetzel der mörderischen Spanier überdauerte, mittelfristig bis langfristig ausstirbt. Die Stammesmitglieder werden nicht mehr ermordet, sondern huldvoll in die »Zivilisation« aufgenommen, bis sie nicht mehr zu erkennen sind. 1996 starb der geistige Führer der Nord-Lacandonen Chan K’in Viejo im Alter von 104 Jahren. Der altehrwürdige Lehrmeister hatte bis zu seinem Tod versucht, die Kultur seines Volkes am Leben zu halten.


Werden wir je erfahren, was die heilige Schlange der Mayas wirklich bedeutete? Gab und gibt es wissenschaftlich korrekte Erklärungen für die Bezeichnung »Schlangenort«? Die doppelköpfige Schlange hatte offenbar astronomische Bedeutung. Sonne, Mond und Planeten standen in – enger? – Beziehung zur mysteriösen Schlange. Jegliche positive Bewertung der Schlange war und ist seit Jahrhunderten christlichen Missionaren in Zentralamerika ein Gräuel! Die Schlange darf nicht positiv, sie muss negativ gesehen werden, hat sie doch Eva zur ersten Sünde im Paradies verleitet. Somit ist aus christlicher Sicht die Schlange für alles Elend verantwortlich. Ohne dieses angeblich teuflische Tier wären die ersten Menschen nicht aus dem Paradies vertrieben worden! Empört stellten frühe Missionare fest, dass die Maya Verstorbene als Sterne am Himmel sahen und dass sie Sterne wiederum als Schlangen deuteten (1).

Fotos 5a und 5b

Der Regen verstärkt sich rapide. Es schüttet förmlich vom Himmel, als ich zum Hotel zurückeile. Da stoße ich dabei mit einer jungen Einheimischen zusammen. Der sintflutartige Regen hatte die lange Zigarre in ihrem Mund gelöscht. Bekleidet war sie ein langes, weißes Gewand. Vor der Brust trug sie ein metallenes, silbern glänzendes »Amulett«.  Ich meine einen stilisierten Baum zu erkennen, an dem  sich eine Schlange empor windet. Ich weiß: Das gerade geschnittene weiße Kleid aus Leinen ist Relikt aus alter Lacandonen-Tradition. Tabak-Rauchen war kein Qualmen als Genuss, sondern wurde einst als heiliger Akt zelebriert. Das Amulett (?) der attraktiven Lacadonin (?) lässt eine alte Symbolik vermutet: Der stilisierte, hoch gewachsene Baum könnte Wacah Chan sein, der Lebensbaum der Mayas. Mayas, aber auch Azteken, Mixteken und Olmeken kannten ihn. Er reichte von der »Unterwelt« bis in den »Himmel«.

Foto 6: »Weltenbaum« auf sumerischem Siegel

In der Mythologie der Maya wird der Ceibabaum als Wacah Chan gesehen, als Weltenbaum, als Achse der Welt. Die Schlange am Wacah Chan als Amulett habe ich nirgendwo in der einschlägigen Literatur finden können. Ein katholischer Priester vor Ort interpretierte die kunstvolle Darstellung so: Die Schlange könnte für einen Verstorbenen (oder dessen Seele?) stehen, unterwegs von irdischen Gefilden in den Himmel, um dort zum Stern zu werden.

Foto 7
Der Mythos vom Weltenbaum schein so etwas wie ein kollektives Erbe der Menschheit zu sein, und das seit Jahrtausenden! Im heutigen Afghanistan huldigte man diesem Baum des Lebens bereits vor rund fünf Jahrtausenden. Im alten Mesopotamien, aber auch im Alten Indien erstreckte sich diese »Achse« von der Unterwelt bis in den Himmel der Göttinnen und Götter. In der heiligen Mythologie Babylons recht Baum Xixum seine Äste weit in den Himmel, während die starken Wurzeln fest in der Unterwelt verankert sind. Auch die nordische Mythologie kennt diesen »Baum« als Abbild des Kosmos, Yggdrasil genannt. Ich bin davon überzeugt, dass die Irminsul nichts anderes darstellt, als eben jene Verbindung zwischen Unterwelt und Himmel, zwischen Tod und Leben.

 Was mich mehr als nur verblüfft hat, das war eine erstaunliche Entdeckung: Es gibt eine heidnische Irminsul vor einem der schönsten Gotteshäuser Europas, vor dem altehrwürdigen Dom zu Bremen!

Literatur

Foto 8
(1) Siehe hierzu…. Thompson, John Eric Sidney: »Maya Hieroglyphic Writing/ An Introduction, 1960, University of Oklahoma Press, S. 85

Weiterführende Werke, auch zur Vertiefung:

(2) Stuart, David und George: »Palenque/ Eternal City of the Maya«, London 2008
(3) Gockel, Wolfgang: »Die Geschichte einer Maya-Dynastie/ Entzifferung
     klassischer Maya-Hieroglyphen am Beispiel der Inschriften von Palenque«,
     Mainz 1988
(4) Kearsley, Graeme R.: »Pacal’s Portal to Paradise at Palenque/ The Iconography
     of India at Palenque and Copan«, London 2002


Hotels in der Nähe der Ruinen von Palenque:

Piedra de Agua Palenque, El Colombre, Hotel Villas Kin Ha, Cabanas Kin Balam, Mayabell

Anmerkungen zu den Fotos

Foto 1: Der Tempel der Inschriften von Palenque. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2 und 3: Blick aus dem Urwald auf Ruinen von Palenque. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fantasievolle Darstellung von Ygdassil. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5a und 5b: Die berühmte Grabplatte von Palenque. Wurde ein Bild der Weltenachse eingearbeitet? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Weltenbaum« auf sumerischem Rollsiegel. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: »Weltenbaum« Irminsul an den Externsteinen, geknickt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die »Irminsul« vom Dom zu Bremen. Foto Walter-Jörg Langbein

265 »Von der Heiligen Taube zum Schlangenmonster«
Teil 265 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.02.2015


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Sonntag, 4. Mai 2014

224 »Der Teufel, die Fratze und die Säule«

Teil 224 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Spiegelbild im See. Foto Walter-Jörg Langbein
Es sind insgesamt dreizehn mächtige, natürlich »gewachsene« Steinsäulen, die vor rund 70 Millionen Jahren durch unvorstellbare tektonische Kräfte aus der Horizontalen in die Senkrechte gepresst wurden. Die schon von Weitem zu erkennende spezielle Verwitterungsform ist für Granit typisch. Die Säulen der Externsteine aber sind aus Sandstein, was die Bearbeitung deutlich vereinfacht. Bis zu 50 Metern ragen die majestätischen Kolosse in den Himmel. Sie bilden so etwas wie eine Felsenburg oder Monstermauer mit Lücken.

Eine weitflächige Lichtung lädt zum Verweilen ein. Betrachtet man die Steine, so meint man da und dort Gesichter ausmachen zu können. Auf dem höchsten steinernen Riesenfinger scheint so etwas wie ein Haupt zu stehen. Mich erinnert das Gesicht an Elvis mit seiner berühmten Haartolle.

»Elvis« in Stein... Krieger oder Gott?
Foto Walter-Jörg Langbein
Daneben, auf dem nächsten Steinfinger, saß einst ein tonnenschwerer Monolith, »Wackelstein« genannt. Der Koloss drohte Jahrtausende in die Tiefe zu stürzen. Eindrucksvoll beschreibt Externsteine-Experte Walter Machalett (1): »Hoch auf der Spitze des Felsens 4, rund dreißig Meter über der Erde, liegt der Wackelstein. Es ist ein gewichtiger Felsblock, der besonders von der Brücke zur Gestirnbeobachtungskammer (Sacellum, der Verfasser) her einen nachhaltigen Eindruck auf den Besucher macht. Er liegt nämlich so sonderbar auf seiner Unterlage, daß er sie nur in zwei Punkten berührt. Kein Sturm, kein Orkan, keine Erderschütterung vermochten bisher, ihn zum Absturz zu bringen. So liegt er anscheinend seit urdenklichen Zeiten.«

Wurfgeschoss des Teufels... sagt die Sage.
Fotos Walter-Jörg Langbein
Als Wackelsteine bezeichnet man gewaltige Steinkolosse, die exakt ausbalanciert auf einer oder zwei Steinspitzen ruhen, dass sie – trotz ihres gewaltigen Gewichts – mit geringer Kraftaufwendung zum »Wackeln« gebracht werden können. Der Wackelstein der Externsteine indes wurde vor einigen Jahrzehnten abgesichert. Mächtige Eisenklammern wurden angebracht, die sein Herabstürzen verhindern sollten.  Zusätzlich wurde zwischen Wackelstein und Unterlage Beton gegossen, so dass die Bezeichnung »Wackelstein« nicht mehr zutrifft.

Der Wackelstein ist aber für die Geschichte der Externsteine von besonderer Bedeutung. Im Volksmund wird überliefert, wie er an seine exponierte Stelle kam. Der Teufel höchstselbst soll ihn mit tückischer Absicht geschleudert haben. Die greise Großmutter eines Geistlichen diktierte mir vor Jahren die fromme Sage: »Lange Zeiten war der Eggesterenstein (einer der älteren Namen der Externsteine) ein Ort, wo zum Teufel gebetet wurde. Die Jünger des Teufels bestiegen eine der hohen Steine und versammelten sich in einer finsteren Kammer. In der Dunkelheit frönten sie ihren heidnischen Riten, die jedem Christenmenschen ein Gräuel sein mussten.  Nur durch ein rundes Loch kam spärliches Licht herein! Manchmal beschien es die in den Stein gehauene Fratze Satans. Ihn verehrten die Heiden, verachteten aber Gottvater, Sohn und Heiligen Geist!«

Fratze des Teufels?
Foto Walter-Jörg Langbein

Offensichtlich ist das einst geschlossene Sacellum gemeint. In diesem »kleinen Heiligtum« sollen einst Sonne, Mond und Planeten beobachtet worden sein, um einen präzisen Kalender zu erstellen. Das kleine, primitive »Observatorium« war ursprünglich ein geschlossener Raum, durch den so gut wie kein Licht fiel. Zu bestimmten Terminen –  Sommersonnenwende und Mitwintervollmond – sollen die Sonnenstrahlen durch das kleine Rundfensterchen gefallen sein und ein steinernes Gesicht aus der Dunkelheit gerissen haben. Bis heute ist ungeklärt, wer da im Stein verewigt wurde. Ein heidnischer Gott der Steine vielleicht? Wurde dieses mysteriöse Schauspiel von Gläubigen staunend beobachtet? Oder waren nur Priester zugelassen?

Lassen wir die alte Dame wieder zu Wort kommen: »Ein frommer Mönch hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dem Teufelsspuk ein Ende zu bereiten. So machte er sich eines Morgens auf, um im finsteren Teufelsloch Worte der Weihe zu sprechen und eine heilige Messe zu sprechen. So sollte die Macht Satans gebrochen werden. So sollte Satan aus unserer Mitte vertrieben werden. So sollte der Ort teuflischer Anbetung zu einem Ort frommer christlicher Andacht werden.


Als nun der fromme Mönch sich anschickte, die Stufen zum Raum der Finsternis zu ersteigen, da trat der Satan aus dem Gestrüpp. Er streckte seine glühende Zunge aus dem Maul. Seine spitzen Hörner schickten feurige Flammen aus. Der Mönch aber ließ sich nicht beirren. Das ergrimmte den Satan sehr. Er packte voller Wut einen riesigen Stein, und  warf ihn. Er wollte den frommen Einsiedler treffen, sein hinterhältiger Plan ging aber nicht auf. Der Stein stieg hoch, traf das gotteslästerliche Heiligtum Satans. Höher stieg der Stein empor, um wieder herabzustürzen. Er schlug auf einer der steinernen Säulen auf und blieb auf zwei Steinspitzen liegen. Weil nach wie vor teuflische Kraft in ihm steckt, blieb er dort bis auf den heutigen Tag liegen!«

Satan? Foto Walter-Jörg Langbein

Die Sage geht davon aus, dass die Externsteine ursprünglich ein heidnisches Heiligtum waren, bevor christliche Mönche einzogen. Vermutlich wurde im 14. Jahrhundert die erste Messe im Sacellum abgehalten. Nach der Reformation dürfte das Sacellum aber nicht mehr als Kapelle genutzt worden sein.

Die Sage erklärt zudem den Sachverhalt, dass das Sacellum weitestgehend zerstört wurde. Nach der frommen Überlieferung wollte Satan einen glaubensfesten Priester töten, er verwüstete aber sein eigenes »Heiligtum«. Die weitestgehende Zerstörung des einstigen »Sacellum«, dem kleinen Heiligtum mit dem kreisrunden Fensterchen ist Fakt. Vermutlich war es aber Karl der Große, der im späten 8. Jahrhundert nach Christus das heidnische Heiligtum der Externsteine zerstören ließ. Der Teufel wird wohl nicht Hand angelegt haben. Allerdings trat Karl der Große gerade im Kampf gegen »Heiden« mit blutiger Grausamkeit auf, die aus heutiger Sicht durchaus das Prädikat »teuflisch« verdient!

Inzwischen habe ich über viele Jahre hinweg recherchiert. Ich habe in historischen Quellen nach der Sage gesucht, die mir die alte Dame bei den Externsteinen erzählte. Und ich wurde fündig (2). Karl Theodor Menke. Da lesen wir, dass bis zum Einschreiten des mutigen Mönches »sein Wesen getrieben hatte«. Weiter: »Lang hatte Satanas die glühende Zunge ausgestreckt; aus den Augen schoß er kurze Blitze und auf den Spitzen seiner Hörner sprühte er Feuerflammen.« Auch bei Karl Theodor Menke findet sich der Wurf des gewaltigen Steins, der den frommen Gottesmann verfehlt und schließlich als »Wackelstein« endet.

Bei Menke wird in der alten Sage noch das Ende des Teufels von den Externsteinen vermeldet. Nachdem der christliche Mönch dem Unhold eine tüchtige Weihwasserdusche verabreicht hatte, taumelte der geschwächt zu einer hohlen Eiche. Mit letzter Kraft versteckte er sich im Baum. Der göttlichen Strafe aber konnte er nicht entgehen! Ein Blitz fuhr vom Himmel herab, traf die Eiche und vertilgte sie ganz und gar.

»Magie der Externsteine«...
Foto W-J.Langbein

Sollten die Externsteine also doch ursprünglich ein heidnischer Kultort gewesen sein, bevor die Mönche vom Kloster Corvey kamen? Sollte die heidnische »Verwendung« des Kultortes auch nach der Verwüstung durch Karl den Großen angehalten haben? Das »Kreuzabnahmerelief« enthält jedenfalls einen Hinweis, der meiner Überzeugung nach den Sieg des christlichen über den heidnischen Kult darstellen soll!

Im »Kreuzabnahmerelief« sehen wir Nikodemus. Er steht erhöht, sein Helm ist ihm in den Nacken gerutscht. Mit dem rechten Arm hält er sich  am Kreuz fest. Sein linker Arm ist abgebrochen. Vermutlich reicht er den Leichnam des toten Jesus nach unten. Joseph von Arimathäa, mit seltsam abgewinkeltem Oberkörper, nimmt den Toten entgegen und schultert ihn. Worauf aber steht Nikodemus? Was wie ein merkwürdiger Stuhl oder Sessel aussieht, ist in Wirklichkeit eine umgeknickte Irminsul-Säule! Die Irminsul-Säule war der Lebensbaum der »Heiden«. Und die Irmisul steht nicht stolz und aufrecht, sondern sie ist rechtwinklig abgeknickt und dient Nikodemus demütig als Schemel.

Einer der Externsteine
Foto: Walter-Jörg Langbein


 Klaus Zetzsche, langjähriger Erforscher der Externsteine, schreibt (3): »Das karolingische Apostelbild (Kreuzabnahmerelief, der Verfasser)  sollte gleichzeitig zum Ausdruck bringen, dass das siegreiche Christentum nun über das zerbrochene germanische Heidentum von jetzt an ohne Kommentar anzuerkennen sei! Denn das Symbol der Irminsul bedeutete in der Welt der Germanen immer ein aufrechtstehendes, signifikantes Kult- und Heilsemblem. Mit dieser ›geknickten Darstellung‹ sollte den Germanen immer die Überwindung ihrer höchsten Kultstätte (Externsteine) durch den neuen christlichen Glaubenssieg vor Augen gehalten werden.«

Man kann darüber streiten, ob es überhaupt »die« Germanen überhaupt als eine geschlossene Gemeinschaft gegeben hat. Womöglich gab es »die« Germanen als ein Volk gar nicht, sondern nur eine Vielzahl von Stämmen.

Fakt ist: Die Irminsul war ein frühmittelalterliches Heiligtum der Sachsen, bevor sie von Karl dem Großen mit brachialer Gewalt und Gemetzel zum Christentum »bekehrt« wurden. (»Blutgericht von Verden an der Aller«. 782 ließ Karl der Große angeblich 4500 Sachsen ermorden, die sich nicht taufen lassen wollten!)

Fakt ist, dass Karl der Große anno 772 die Irminsul zerstören ließ. Unklar bleibt, wo sich diese Irminsul (zu Deutsch »Große Säule«) stand. Ein heißer Kandidat als Irminsul-Heiligtum sind die Externsteine.

Links im Bild: Die Irminsul.  wiki commons
Foto Marianne Klemment-Speckner
Rechts im Bild:
Die geknickte Irminsul im Relief der Externsteine.
Foto Walter-Jörg Langbein

Fakt ist: Das kleine Heiligtum mit dem runden Fenster wurde weitestgehend zerstört. Vermutlich gab Karl der Große den Auftrag. Ließ er ein altes heidnisches Relief umarbeiten? Wurde aus einer Darstellung der Verehrung der Irminsul die Kreuzabnahme Jesu? Wurde die Aussage des ursprünglichen Reliefs ins Gegenteil verkehrt, von der Verehrung der Irminsul zum Sieg des Christentums über die »Irminsul-Gläubigen«?

Übrigens: Der »Lebensbaum« Irminsul-Säule hat das Heidentum überlebt. Die christliche Kirche hat ihn in abgewandelter Form übernommen. So finden sich an der Decke der Kilianskirche zu Lügde, deren Ursprung auf Karl den Großen zurückgehen soll, Lebensbäume.

Lebensbäume an der Decke der
Kilianskirche. Foto W-J.Langbein
Fußnoten

1) Machalett, Walther: »Externsteine«, Maschen, 1970, S. 132

2) Menke, Karl Theodor: »Lage, Ursprung, Namen, Beschreibung, Alterthum, Mythus und Geschichte der Externsteine«, Münster 1824, Seiten 106-108

3) Zetzsche, Klaus: »Das sagen uns die Externsteine«, Köln-Seeberg 1983/84/85, S. 77

»Der Drachen und der Heilige«,
Teil 225 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.05.2014


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Sonntag, 10. April 2011

64 »Das Geheimnis der Kreuzabnahme«

Teil 64 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Gekreuzigter mit Speerwunde
Bild: ©Walter-Jörg Langbein
Die Externsteine bei Detmold im Teutoburger Wald, wo einst Hermann die Römer geschlagen haben soll, ziehen Jahr für Jahr Hunderttausende Besucher an. Nur die wenigsten Gäste nehmen sich die Zeit, die mysteriösen Kalk-Sandstein-Gebilde sorgsam in Augenschein zu nehmen. Im Lauf der Jahrmillionen nagte der Zahn der Zeit ganz erheblich an den steinernen »Türmen«. Die Verwitterung hinterließ Spuren, die mit einiger Fantasie als Gesichter von Menschen oder Darstellungen von Fabelwesen erkannt werden können... so wie die Wolken am Himmel oftmals ganz bizarre Formen annehmen.

Ohne Zweifel haben die Externsteine schon seit Jahrtausenden Menschen angelockt. Ohne Zweifel erkennen schon seit Jahrtausenden künstlerisch begabte Menschen in den Verwitterungsspuren »Zeichnungen«. Einige mögen sie dazu angeregt haben, natürlich entstandene Risse und Spalten zu einem »Relief« zu verarbeiten. Besonders beeindruckend ist da der »Jesus am Kreuz«.


Steht da nicht Jesus am Kreuz, die Arme an den Querbalken genagelt, das Haupt sterbend zur Seite geneigt? Der biblischen Überlieferung nach fügte einer der römischen Landsknechte Jesus mit seinem Speer eine Wunde zu, um zu überprüfen, ob Jesus noch lebte oder bereits tot war. Die Wunde dieser Speer-Verletzung ist besonders deutlich am Externstein zu erkennen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben eindeutig ergeben, dass hier mit Meißelwerkzeug (nach?)gearbeitet wurde.

»Gesicht« an Fels II 
Foto: ©W-J.Langbein
Ursprünglich lag wohl eine natürliche Verwitterung vor, die von christlichen Künstlern genutzt wurde, um ein frommes Bild entstehen zu lassen. Allerdings wirkt der »Jesus am Kreuz« nach wie vor eher wie ein Werk der Natur. Ebenfalls ein zufälliges Werk der Natur ist das »Gesicht« hoch oben an Fels II. Mit stoischer Gelassenheit blickt es von rechts nach links. Eigentümlicher Zufall: Das Antlitz erinnert deutlich an Darstellungen aus Zentralamerika aus der Maya-Zeit...
Betrachtet man das »Bild« aber genauer, so erkennt man selbstkritisch, dass einem die Fantasie etwas vorgegaukelt hat. Sicher Stirn, Auge und sogar Haaransatz wirken realistisch wie ein gemeißeltes Kunstwerk, aber Nase und Mund sowie Kinn sind eindeutig zufällige Verwitterungen...

Die »Kreuzabnahme« indes wurde ganz eindeutig von wirklichen Künstlern geschaffen, die ihr Handwerk verstanden. Die Künstler haben keinen erklärenden Text zum Bildnis hinterlassen, wir sind daher bei der Interpretation auf Vermutungen angewiesen.

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte habe ich immer wieder die Externsteine besucht und das Kreuzabnahme-Relief auf mich wirken lassen. Es verändert sich scheinbar ständig, erscheint je nach Lichteinfall immer wieder anders. Manche Einzelheiten werden leicht übersehen, treten aber bei seitlichem Lichteinfall deutlich hervor. Andere wiederum erscheinen besonders am Abend, wenn Licht und Schatten auf das Kunstwerk wirken!

Die Kreuzabnahme
Foto: ©Walter-Jörg Langbein
Im Zentrum des Bildes steht das Kreuz. Links oben segnet Gott-Vater im Himmel das Geschehen auf Erden... den Tod seines Sohnes. Jesus ist bereits verstorben, seine Seele ist gen Himmel aufgefahren. Sie wird im Relief – schwer zu erkennen – als kleines Kind im Arm Gottes dargestellt.

Ein behelmter Mann – vermutlich Nikodemus – hat soeben, vom Betrachter aus links im Bild – den Leichnam Jesu vom Kreuz abgenommen. Er hat den Toten geschultert, wird ihn wohl gleich niederlegen. Links neben diesem Mann steht eine weitere Gestalt. Ist es eine Frau, vielleicht Maria? Der Kopf dieser Person wurde abgeschlagen. Übrig blieb ihr Leib. Man sieht, dass sie liebevoll das Haupt des Gekreuzigten stützt.

Greift hier die todtraurige Mutter ein, hält sie den Kopf des geliebten Sohnes... der tot vom Kreuz genommen wird? Oder sollte es sich um Maria Magdalena handeln, die nach biblischem Bericht – im Gegensatz zu den männlichen Jüngern – aus Angst vor Verhaftung durch die Römer nicht floh?

Rechts im Bild sieht man eine stark beschädigte Figur. Sie trägt einen Helm, der auf die Schulter gerutscht ist. Der Mann beugt sich nach vorne, hält sich mit dem rechten Arm am Kreuz fest. Sein linker Arm ist ebenso verschwunden wie seine Beine.

Dieser Mann ... worauf steht er? Worauf steht das Kreuz? Was befindet sich im Relief »Kreuzabnahme« eine Etage tiefer?

Die umgeknickte Irminsul
Foto: ©Walter-Jörg Langbein
Ein intensives Literaturstudium brachte Erstaunliches zutage. Worauf die - leider abgeschlagenen – einst standen, darin sind sich die Experten uneins. Folgende »Erklärungen« sind mir begegnet: »Stuhl«, »niedergebeugter Baum«, »niedergebeugte Palme« und »Irminsul«. Mir will die Lösung »Irminsul« am ehesten einleuchten.

Die Irminsul war der heidnische Weltenbaum, der einst Himmel und Erde miteinander verband. Christliche Interpreten lehnen diese Sichtweise ab: Ein heidnisches Symbol darf doch in einem urchristlichen Bild nicht zu finden sein! Aber ist das »Kreuzabnahmerelief« so eindeutig christlich?

Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe (1) erkannte nach intensiven Studium des Kunstwerkes vorchristliche – sprich heidnische – Ursprünge: Ein Relief wurde in vorchristlicher Zeit gemeißelt. Was mag es gezeigt haben? Ein Bild aus uralten Mythen. Im Zentrum mag nicht das christliche Kreuz, sondern die heidnische Irminsäule gestanden haben... die Verbindung zwischen Erde und Himmel. Erhebliche Teile des ursprünglichen Kunstwerkes wurden umgearbeitet, verschwanden völlig. Aus einem uralten heidnischen Motiv wurde ein christliches.

Der untere Teil des Bildes
Foto: ©Barbara Kern
Beachten wir nun den unteren Bildteil, unterhalb der Kreuzszene... in der »Unterwelt« sozusagen. Dieser Teil des Kunstwerkes muss sehr viel älter sein als der obere. Er ist sehr viel stärker verwittert, sehr viel undeutlicher und kaum noch zu erkennen!

Was wir ganz klar ausmachen können, das ist der Kopf eines drachenartigen Wesens, das vom Betrachter aus nach rechts blickt. Diese Kreatur hat einen schlangenartigen Leib. Das Ende des Schlangenschwanzes ist links im Bild zu erkennen. Was aber tut das Schlangenwesen?


Offenbar umschlingt es die beiden Gestalten in der Mitte. Ich habe diesen Teil des Reliefs stundenlang, auch mit einer Lupe und einer zusätzlichen Lichtquelle, untersucht. Da steht ein furchteinflößendes Wesen zweibeinig mit dem Gesäß zum Betrachter. Mit schlangenartigem Hals und mit langem Schwanz umschlingt es zwei menschliche Gestalten. Die Person rechts könnte bärtig, also männlich, die links könnte weiblich sein. Beide Personen knien.. umschlungen von einem Schlangendrachen ...

Drachenschlange und Menschenopfer
©Walter-Jörg Langbein
Staunend steht der interessierte Besucher vor dem Kreuzabnahme-Relief. Er erkennt das christliche Motiv. Er fragt sich, ob in der »Unterwelt« des Reliefs Adam und Eva mit der Schlange zu sehen sind? Eine Schlange im klassischen Sinn aber ist dieses mysteriöse Wesen nicht, hat es doch einen Körper mit Beinen, langem Hals und langem Schwanz. Trifft Goethens Vermutung zu, dass ursprünglich ein Bild aus mythischen Zeiten zu sehen war ... mit einem furchteinflößenden Fabelwesen, dessen Namen wir nicht mehr kennen?
Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte habe ich immer wieder die Externsteine besucht. Manchmal war ich fast allein bei dem alten Heiligtum und habe die geheimnisvolle Atmosphäre auf mich wirken lassen können. Wer nicht im Sauseschritt die Externsteine erkundet, wer die laute Hektik unserer Zeit für einen Moment hinter sich lassen kann, der empfindet das Mysterium eines uralten Ortes, der von der Zeit vergessen worden zu sein scheint.

Steine im Wasserspiegel
Foto: ©Walter-Jörg Langbein
Am Fuße der Externsteine spiegelt ein kleiner Teich das Blau des Himmels wider. Den schönsten Blick auf das uralte Heiligtum kann man genießen, wenn man einem Fußweg folgend den Teich umrundet und durch Bäume hinweg die steinernen Säulen betrachtet... im Spiegel des Wassers gehen manchmal Himmel und Erde ineinander über. Und man fragt sich: Spiegeln sich die steinernen Säulen im Himmel... oder im Wasser?

Ich muss an die Irminsul denken, die Säule zwischen Himmel und Erde... an den Weltenbaum, der unsere Welt mit der himmlischen verband. Lokalforscher sind überzeugt: Einst stand bei den Externsteinen so eine Irminsulsäule ... und Karl der Große ließ sie in seinem Missionierungswahn zerstören ...

Fußnote
1: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Externsteine. Siehe hierzu Goethes Werke. Weimarer Ausgabe. Abt.I., Bd.49.2, Weimar 1900, S.46-52. Erstmalig in: Kunst und Altertum 5 (1824), S.130-139



»Felsengrab und Felsenhöhle«,
Teil 65 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.04.2011


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