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Sonntag, 25. November 2018

462 »Mysteriöse Pflanzen und gefährliche Drachen«

Teil 462 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Blick in die Krypta vom Altar aus

Betritt man die Krypta der Abdinghofkirche, so gewöhnen sich die Augen rasch an das diffuse Licht. Von der Decke hängen an jeweils vier Ketten Leuchterschalen. Friedrich Stuhlmüller, Goldschmied und Kirchenkünstler aus Hamburg (1), hat sie 1978 geschaffen. Wir stehen vor dem Altar in der Krypta und blicken zur originalgetreuen Kopie von Bischof Meinwerks Grabplatte, die auf der anderen Seite des unterirdischen Raums an der Mauer steht. Sie zeigt den Kirchenmann im Ornat mit Mitra.

Der Bischof aus Stein blickt Richtung Altar. Säulen und Pfeiler tragen das Tonnengewölbe, unterteilen die überschaubare Krypta. Sie wird zu einem dreischiffigen Raum im frühromanischen Stil (Ende 10. Jahrhunderts bis um 1070). Die starken Säulen tragen den »Himmel« der Krypta seit über einem Jahrtausend. Die Bomben, die Paderborn in Schutt und Asche legten, konnten dem unterirdischen Raum unter der Abdinghofkirche nichts anhaben. Die Krypta überstand das Bombardement, anders als so mancher Bunker.

Langsam gewöhnen sich unsere Augen an das diffuse Licht. Der Raum wirkt größer als er ist. Seine Schlichtheit macht ihn irgendwie zeitlos. Sind 500 Jahre verstrichen, als die Krypta angelegt wurde oder 1000? Oder mehr? Irgendwie scheint der Lauf der Zeit bedeutungslos geworden zu sein, hier in der Unterwelt, nur wenige Meter vom Trubel, von der Hetze auf den Plätzen und Straßen. Den Lärm des Alltags haben wir hinter uns gelassen. Dem einen fällt es leichter, dem anderen schwerer, die Ruhe zuzulassen. So eine unterirdische Krypta ist da ein guter Lehrmeister.

Foto 2: Mysteriöse Krypta unter der Kirche

Wir lassen die Ruhe auf uns wirken. Wir studieren die etwa in Augenhöhe angebrachten Verzierungen an den Säulenkapitellen. Einige sind nur geglättet worden. Vielleicht hatte man vor, Ornamentik anzubringen. An anderen Kapitellen erkennen wir immer wieder blattartige Muster. Es sind nicht nur Schmuckelemente, die mehr oder minder symmetrisch die Flächen füllen. Der großformatige Führer »Die evangelische Abdinghofkirche in Paderborn« (2) spricht von »akanthusartige(r) Pflanzensymbolik«. Die Internetseite »Symbol Attribut Allegorie« führt aus (3) dass Akanthus-Blätter schon seit der Antike in Gebäuden als weit verbreitetes Motiv anzutreffen sind. Irgendwie gelangte das Symbol »Akanthusblatt« aus Griechenland nach Europa und wurde gern im sakralen Bereich eingesetzt (4) »und zwar bevorzugt für Kapitelle im Chor einer Kirche, denn dieser birgt die Reliquien der Heiligen, denen die Auferstehung verheißen ist«.

Fotos 3 und 4: Akantusblätter an einem Säulenkapitell

Fotos 5 und 6: Akantusblätter an zwei Kapitellen

Bevor die Reliquien der Heiligen in den allgemein zugänglichen Bereich von christlichen Gotteshäusern gelangten, wurden sie in den Krypten verwahrt. So ruhte Bischof Meinwerk ursprünglich in seinem Sarkophag in der Krypta der Abdinghofkirche. Als das Abdinghofkloster anno 1803 aufgelöst wurde, brachte man die Reliquien Meinwerks in Sicherheit und transportierte den »Seligen« in seinem Sarkophag in die Busdorfkirche. Dort befindet er sich auch heute noch im »Hohen Chor«. Die Gebeine Meinwerks wurden 1936 im Dom zu Paderborn beigesetzt. Präziser: Geht man von der Krypta des Doms gen Westen, so gelangt man in den Vorraum zur Bischofsgruft. Dieser Vorraum wurde 1935 mit Mosaik ausgestaltet, zahlreiche christliche Symbole sind da zu sehen, von der Taube (»Heiliger Geist«) zum Kelch (»Abendmahl«).

F. 7: Meinwerks Grab
In der Mitte des in himmlischem Blau gehaltenen Vorraums zur Bischofsgruft wurden die Gebeine Bischof Meinwerks unter einer massiven steinernen Grabplatte beigesetzt. Es handelt sich bei dieser kunstvoll gestalteten Grabplatte um den Original-Deckel von Meinwerks Sarkophag.

Der Sarkophag selbst befindet sich heute in der Busdorfkirche von Paderborn: natürlich leer und abgedeckt mit einem schlichten Stein. Unter dem Dom zu Paderborn wartet »der selige Meinwere« auf die Auferstehung von den Toten.

Zum christlichen Auferstehungsglauben passt das Symbol des Akanthusblatts, das sich nicht nur an Säulenkapitellen in der Krypta der Abdinghofkirche findet, es ist auch am mysteriösen Paradiestor des Doms zu sehen. Die Akanthus-Pflanze ist im Mittelmeerraum beheimatet. Akanthus-Blätter zieren korinthische Säulenkapitelle etwa ab dem 5. Jahrhundert vor Christus. Wie gelangte das Blatt in christliche Baudenkmäler? Und wie wurde das Blatt zum Symbol für Auferstehung von den Toten?

»KUNSTDIREKT.NET« vermutet (4): »Akanthus: Die symbolische Bedeutung bezieht sich wahrscheinlich auf seine Stacheln; er zeigt an, daß eine schwierige Aufgabe vollendet gelöst wurde.« So kann man die Auferstehung von den Toten als schwierige Aufgabe verstehen, die vollendet gelöst werden muss, soll sie denn auch wirklich gelingen. Christlich ist diese Vorstellung allerdings nicht. Nach christlich-theologischem Weltbild kann der Mensch nur hoffen, dass er erlöst wird. Die Auferstehung wird ihm als ein Akt der Gnade geschenkt, selbst erarbeiten kann sich der Mensch nicht die Rückkehr aus dem Reich der Toten in das der Lebenden.

Foto 8: Christliches Symbol - der Pfau.

Christliches Symbol für die Auferstehung ist der Pfau, der im Vorraum zur Bischofsgruft im Dom zu Paderborn im kunstvollen Mosaik verewigt wurde. Ein stolzer Pfau blickt auf die letzte Ruhestätte Bischof Meinwerks herab. Christlichen Ursprungs ist der Pfau als Symbol aber nicht. Schon im »Alten Griechenland« hatte er religiöse Bedeutung. Er war der Göttin Juno heilig und wurde wegen seines Rades aus Federn, das der männliche Hahn schlägt, als Sonnensymbol angesehen. Die christliche Interpretation als Symbol für die Auferstehung geht auf den älteren Plinius (* 23 oder 24; † 25. August 79) zurück, der einst beschrieb, wie der Pfau im Herbst seine Federn verliert, die ihm im Frühjahr wieder wachsen. Gerd Heinz-Mohr schreibt in seinem »Lexikon der Symbole« (5): »Hier erblickten die Christen ein Symbol der Auferstehung des Leibes. Dazu kam die Erklärung des Kirchenvaters Augustinus, daß das Fleisch des Pfau unverweslich sei. In diesem doppelten Bezug stehen die überaus zahlreichen Darstellungen des Pfau auf Katakombenfresken, Sarkophagen, Reliefplatten, Grabstelen, Epitaphien, Mosaiken.«

Wir stehen vor dem Altar in der Krypta und blicken zur originalgetreuen Kopie von Bischof Meinwerks Grabplatte, die auf der anderen Seite des unterirdischen Raums an der Mauer steht. Direkt vor uns: die erste Reihe mit Kirchenbänken. Links von uns: die interessanteste Säule in der Krypta der Abdinghofkirche. Wir interessieren uns für das Kapitell dieser einen Säule. Je zwei Drachen befinden sich an jeder der vier Seiten des Säulenkapitells (Kapitell, abgeleitet vom lateinischen »capitellum«, zu Deutsch Köpfchen). Drachen in einer christlichen Kirche entsprechen so gar nicht dem christlichen Verständnis! Denken wir an den Heiligen Georg, der in unzähligen Kathedralen, Domen und Kapellen als wackerer Drachentöter dargestellt wird. Denken wir an den Erzengel Michael, der sich wie St. Georg als Drachentöter hervortat. Unverkennbar: der Drache gilt da als Symbol des Heidentums, der teuflischen Gefährdung, also als böse.

Fotos 9 und 10: Drachen an einem Säulenkapitell.

Christliche Heilige scheinen so manchen Drachen dahingemetzelt zu haben. Die Heilige Margareta von Antiochien (*unbekannt; † um 305 n.Chr.) war eine der wenigen weiblichen Drachentöter. Die Jungfrau und Märtyrerin rückte ihrem Drachen freilich nicht mit einem Schwert oder Spieß zuleibe wie ihre männlichen Kollegen. Sie ließ sich von so einem Untier verschlingen, machte das Kreuzzeichen im Inneren des Monsters, das daraufhin zerplatzte. Die Heilige Margareta überstand die blutige Prozedur im Gegensatz zum Drachen gänzlich unversehrt.

Margareta ließ sich nicht vom christlichen Glauben abbringen. Lieber wollte sie sterben. Sie wurde, wie einige Legenden überliefern, aufs Grausamste gefoltert und blieb dennoch standhaft, bevor sie Als Märtyrerin starb. Auf diese Weise überzeugte sie zahlreiche Heiden von ihrem Glauben. Sie ließen sich ebenfalls taufen, wurden Christen.

Wir müssen uns fragen: Wieso finden sich dann in der Krypta, also dem ursprünglich Allerheiligsten, wo die Reliquien der Heiligen ruhten, gleich acht Drachen, an den vier Seiten eines Säulenkapitells sichtbar für alle angebracht?

Foto 11: Die Abdinghofkirche
Am ehesten lassen sich die Drachen in der Krypta meiner Meinung nach mit Schlangendrachen in sumerischen Darstellungen vergleichen, die bereits Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends v.Chr. auftauchen. Es sind lokale Götter, die im dritten Jahrtausend v.Chr. in mesopotamischen Texten als Drachentöter beschrieben werden. Fazit: Götter wie Helden töteten Drachen, schon Jahrtausende vor Entstehung der biblischen Texte.

Die Verfasser des apokryphen »Evangeliums des Pseudo-Matthäus« waren offensichtlich enttäuscht vom Evangelium nach Matthäus, fällt doch die Schilderung der Flucht von Maria und Joseph nebst Baby nach Ägypten recht knapp aus. Was mochte sich auf der Flucht nach Ägypten abgespielt haben? Und siehe da: Der apokryphe Text ist sehr viel ausführlicher und inhaltsreicher. Es kam demnach zu einer dramatischen Begegnung mit gefährlichen Drachen. Maria und Josef mit dem Jesusbaby und drei weitere Knaben sowie ein Mädchen suchten auf der gefährlichen Reise Unterschlupf in einer Höhle. Auf einmal (7) »krochen mehrere Drachen hervor, und bei ihrem Anblick schrien die Kinder laut vor Entsetzen. Da sprang Jesus von Marias Schoß und richtete sich auf vor den Drachen, die aber beteten ihn an.« Auch hier gelten Drachen als gefährlich, aber sie unterwerfen sich dem Jesus-Baby.

Niemand vermag zu sagen, wieso an einem Säulenkapitell in der Krypta der Abdinghofkirche viermal zwei, also acht Drachen zu sehen sind. Und nirgendwo ist dokumentiert, was diese Drachen zu bedeuten haben!

Fußnoten
(1) Die Lebensdaten von Friedrich Stuhlmüller konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Er soll bis in die 1980er Jahre ein Atelier in Hamburg geführt haben. Kunstobjekte Stuhlmüllers erfreuen sich bei Sammlern großer Beliebtheit.
(2) Ev:-Lutherische Kirchengemeinde Paderborn/ Pfarrer Dr. Eckehard Düker (Hrsg.): »Die evangelische Abdinghofkirche in Paderborn«, Paderborn 2011, keine Seitenzählung.
(3) http://baseportal.de/cgi-bin/baseportal.pl?htx=/Peter_Eckardt/Symbole&_fullsearch~~franz+otto+erich+k%FChl+geb.+am+14.09.1904&fullsearch_range=259,500000
(4) http://www.kunstdirekt.net/Symbole/symbole/sonstige.htm Stichwort »Akanthus« (Stand 23.09.2018)
(5) Heinz-Mohr, Gerd: »Lexikon der Symbole«, Stichwort »Der Pfau«, München 1988, S. 236 f. (Hinweis Rechtschreibung wurde nicht der Rechtschreibreform angepasst!)
(6) Daniel-Rops, Henri: »Die apokryphen Evangelien des Neuen Testaments«, Zürich 1952, S. 51-63
(7) ebenda, S. 59 ff.

Foto 12: Akanthusblätter in der Krypta

Zu den Fotos
Foto 1: Blick in die Krypta vom Altar aus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Mysteriöse Krypta unter der Kirche. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Akantusblätter an einem Säulenkapitell.Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Akantusblätter an zwei Kapitellen. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Meinwerks Grab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Pfau - christliches Symbol für Auferstehung von den Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Drachen an einem Säulenkapitell. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Abdinghofkirche hat so manches Geheimnis. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Akanthusblätter in der Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 13: Drachenmotiv nach einem Fund in Worms. Rekonstruktion und Fotomontage Walter-Jörg Langbein

Foto 13: Drachenmotiv, nach einem Fund in Worms

463 »Böse Drachen, gute Drachen«,
Teil 463 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.12.2018


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Sonntag, 4. Dezember 2016

359 »Gruselige Fabeltiere in Gotteshäusern«

Teil  359 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2 : Kuriose Kreatur vor den Pyramiden. Fotomontage

Die Kreatur könnte auf einem steinernen Podest im Wüstensand vor den Pyramiden auf dem Gizeh-Plateau stehen. Sie könnte aber ebenso einem SF-Schocker entsprungen sein, als mörderisches Alienmonster.  Das Ding ist aber kein mythisches Mischwesen aus Ägypten wie der rätselhafte Sphinx. Es ist aber auch nicht der Fantasie eines SF-Schriftstellers entsprungen. Es existiert real, nicht in fernen Landen wie Ägypten, sondern in Deutschland, nicht vor unserer Haustür, sondern in einem der meistbesuchten Kulturdenkmäler Europas, im Dom zu Bamberg.

Bamberg, Sonntag, 9. September 2012. Sonderführungen machten interessierte Besucher des Doms mit einer geheimnisvollen Welt vertraut, die sonst nicht öffentlich zugänglich ist. »Die Welt der Heiligen und Fabelwesen – Tag des offenen Denkmals im Bamberger Dom«. Konkreter: Es ging um das Chorgestühl des Westchores im Bamberger Dom. Der »Neue Wiesenbote« (1) wusste zu berichten, dass da –  »kunstvoll von Meistern des Mittelalters ausgestattet« - in Holz geschnitzte Figürchen von Heiligen, aber auch von Fabelwesen gezeigt wurden.

Foto 3: Chorgestühl im Ostchor

Zu den aus Holz geschnitzten Kreaturen gehört das sphinxartige Mischwesen, im Chorgestühl des Bamberger Doms. Zum Ostchor gelangt man über zwei Treppen, rechts und links vom Kaisergrab. Anno 1499 erhielt Tielman Riemenschneider den Auftrag für das Grabmal des Kaiserpaares. Der Meister machte sich sofort ans Werk. Vierzehn Jahre später wurde die kunstvolle Tumba im Dom aufgestellt. Die Deckplatte aus Kalkstein soll von Riemenschneider selbst geschaffen worden sein. Die seitlichen Reliefs aus Jura-Marmor dürften ein Gemeinschaftswerk der Riemenschneiderwerkstatt sein.

Am oberen Ende der Treppen versperrt ein Tau den Weg. Das Chorgestühl im östlichen Georgenchor  entstand um 1300. Die Holzplastiken – zum Beispiel von der mysteriösen »Sphinx« –  können sehr wohl viel älter sein. Mit meinem Teleobjektiv hole ich mir die seltsamen Mischwesen heran.

Foto 4: Einige der kuriosen Kreaturen im Bamberger Dom

Mich stört, offen gesagt, das moderne Gestühl zwischen dem Chorgestühl rechts und links. Die Fabelwesen am Gestühl aus alten Zeiten wirken befremdlich, unpassend. Und gar nicht christlich: die sorgsam geschnitzten Fabelwesen, über denen hoch oben thront in der Apsiswölbung Christus, die Arme weit ausgebreitet (Foto 12, ganz unten!). Das fromme Fresko wurde bis März 1928 von Akademieprofessor Karl Kaspar geschaffen. Es kommt mir so vor, als segne Christus die ganze Welt, zu der eben auch die geheimnisvollen Mischwesen am Chorgestühl gehören. Von oben ragt die Hand Gottes ins Bild, segnend, bestätigend.


Foto 5: Fabelwesen am Gestühl

Fabeltiere in Gotteshäusern sind keine besonders seltene Rarität. Sie kommen sogar häufig vor, werden aber meist übersehen. Achim Hubel, Professor für Denkmalpflege an der Universität von Bamberg, hat von 1984 bis 2009 den Dom zu Regensburg saniert und auf das Gründlichste Zentimeter für Zentimeter untersucht. Tausende Fotos entstanden (2). In den 25 Jahren intensivster Erforschung des Regensburger Doms entdeckte der Wissenschaftler 297 Figuren, die keinen so recht biblischen Hintergrund haben. 221 Fabelwesen wurden einst im steinernen Gotteshaus verewigt. Nicht alles war für die Augen der Gottesdienstbesucher bestimmt. Im Interview mit KAN, der »Katholischen Nachrichtenagentur«, konstatierte der Experte: »Weit oben waren die Bildhauer manchmal sehr frech, ja ungeniert.« Ungeklärt bleibt, warum »Kobolde« und »Drachen« gern dort einen Platz fanden, wo man gewöhnlich nicht hinschaut oder hinschauen kann. Sollte man sie gar nicht so leicht finden? Wurden diese Monster vielleicht sogar ohne Wissen der Bauherrn installiert? Im 11., aber auch noch bis ins 14. Jahrhundert hinein, waren europaweit Künstler unterwegs. Bei der Gestaltung der Kirchen jener Zeit legte man offenbar großen Wert auf archaische Skulpturen.


Foto 6: Kamel mit Menschenkopf

Monster und Fabelwesen zogen in die Gotteshäuser ein. Beispiel: Das »Münster St. Bonifatius« zu Hameln wurde im 13./14. Jahrhundert nach einem Brand umgebaut. Hat man die saurierartigen Wesen hoch oben an den Säulenkapitellen vom Vorgängerbau übernommen? Die furchteinflößenden Wesen, zum Teil im archaischen Zweikampf dargestellt, finden auch heute bei den Besuchern des Gotteshauses kaum Beachtung. Man muss schon den Kopf in den Nacken legen und am besten mit einem Opernglas oder ordentlichen Teleobjektiv die »Köpfchen« der Säulen absuchen, um fündig zu werden. Man könnte die mysteriösen Darstellungen viel besser erkennen, wenn die kleinen Scheinwerfer auch einmal zum Einsatz kämen. Bei meinen diversen Besuchen vor Ort war das nie der Fall. So wirkten die Kreaturen im Halbdunkel noch gespenstischer: zum Beispiel wie kräftige, langhalsige Saurier beim Kampf auf Leben und Tod, die muskulösen Hälse würgend ineinander verschlungen.

Foto 7: Noch ein Mischwesen vom Bamberger Dom

Das eher unscheinbare Kirchlein von Wistedt (Samtgemeinde Tostedt im Landkreis Harburg in Niedersachsen) zum Beispiel versetzt den Besucher immer wieder in Erstaunen. Von außen wirkt es fast ärmlich, die Fresken an der Wand im Inneren aber haben es in sich. Wir erkennen den Heiligen Antonius mit seinen Schweinen und Szenen aus der Leidensgeschichte Jesu. Selbst Bildreste lassen mehr als nur erahnen, wer da gezeigt wird, wie zum Beispiel der Heilige Petrus. Aber was für ein Tier mit mächtigem Schwanz wurde da verewigt? Und was macht der kleine Mensch – vielleicht ein Kind – mit der rätselhaften Kreatur? Wird das unidentifizierbare Monster vielleicht gar gemolken? Wir werden immer wieder zu Spekulationen herausgefordert – von uralten Kunstwerken in alten Kirchen. So hat – zum Beispiel – die Kirche San Frediano ein rätselhaftes Fabelwesen zu bieten, an dem schon der Zahn der Zeit arg genagt hat: Ist es eine Mischung aus Fledermaus und Engel? Oder wurde da einst eine Art Dracula porträtiert? Leider  fehlt heute inzwischen einiges vom sakralen (?) Bild.

Foto 8: Eines der Fabelwesen von Kastelaz

Man muss aber nicht in die Toskana, nach Lucca, pilgern, um Fabelwesen in und an Kirchen zu entdecken? Wer sucht, der wird auch in Deutschland fündig, in alten wie in neueren Kirchen. Man muss auch nicht nach Kappadokien reisen, wo in Felskirchen wie der »St. Barbara Kapelle« (11. Jahrhundert) zahlreiche, auch erschreckende Fabelwesen mit roter Farbe an die Wände gepinselt wurden. Dort starren sie von Kuppel und Wänden. Haben sie ihren Ursprung in vorchristlichen, heidnischen Zeiten? Jahrtausende alte unterirdische Städte just dort lassen erahnen, dass im heutigen Kappadokien schon lange vor Einzug des Christentums eine uralte, weithin unbekannte Kultur blühte.

Fotos 9-12
Antiken Ursprungs sind die gespenstischen Fabelwesen (Fotos 9-12, links!) von St. Jakob in Kastelaz bei Tramin an der Weinstraße, Südtirol (3). Einst gab es dort, so wird überliefert, einen Tempel der Göttin Isis, der von einer christlichen Kirche abgelöst wurde. In Fresken werden zwei Welten einander gegenübergestellt: die der frommen christlichen Apostel und jene der monströsen Mischwesen, die einander brutal bekämpfen. Da treffen Fisch-Menschwesen auf einen Kentaur mit tierischem Leib und menschlichem Oberkörper. Da kommen Pfeil und Bogen zum Einsatz. Wenn die christliche Kirche wie angenommen im 13. Jahrhundert einen heidnischen Tempel ersetzte, wieso hat man dann heidnische Motive im christlichen Gotteshaus verewigt? Sollten heute in Vergessenheit geratene Kulte noch zu christlichen Zeiten praktiziert worden sein? War noch im 13. Jahrhundert der alte heidnische Volksglauben so fest in der religiösen Welt der christlichen Menschen verwurzelt, dass man ihn nicht einfach verbieten konnte? Lockte man die Heiden mit ihnen vertrauten Darstellungen von Fabelwesen in die christlichen Gotteshäuser? Wurde der christliche Glaube mit Bildern aus heidnischen Zeiten illustriert? Warum finden sich so viele gruselige Fabelwesen in Kirchen?



Fußnoten

1) Online-Zeitung für die Fränkische Schweiz, 9. September 2012
2) Hubel, Achim und Manfred Schuller, Manfred (Hrsg.): »Der Dom zu Regensburg – Fotodokumentation. Fotografiert und zusammengestellt von Achim Hubel«, »Die Kunstdenkmäler von Bayern«, Band 7, Teil 4, Regensburg 2012.
3) Düriegl, Ursula: »Die Fabelwesen von St. Jakob in Kastelaz bei Tramin/ Romanische Bilderwelt antiken und vorantiken Ursprungs«, Wien 2003

Foto 13: Christus in der Apsiswölbung im Bamberger Dom

Zu den Fotos 

Fotos 1 und 2: Kuriose Kreatur vor den Pyramiden. Fotomontage Ursula Prem. Beide Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Chorgestühl im Ostchor. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Einige der kuriosen Kreaturen im Bamberger Dom. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Fabelwesen am Gestühl. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Kamel mit Menschenkopf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Noch ein Mischwesen vom Bamberger Dom
Foto 8: Eines der Favelwesen von Kastelaz. Foto wikimedia commons public domain 
Fotos 9-12: Gespenstische Fabelwesen von St. Jakob. Fotos wikimedia commons public domain 
Foto 13: Christus in der Apsiswölbung im Bamberger Dom. Foto Walter-Jörg Langbein

360 »Heilige Quellen«,
Teil  360 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.12.2016


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Sonntag, 29. November 2015

306 »Das Medaillon und eine Göttin«

Teil 306 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Geboren« vor 100 Millionen Jahren...

Vor 150 Millionen Jahren: Wo heute der Hermann aus Metall sein Schwert gen Himmel reckt… wogt ein Meer. Am Grund sammeln sich seit Ewigkeiten Sedimente ab, die sich langsam verdichten. Im Raum Horn-Detmold verläuft ungefähr die Küste…. vor 150 Millionen Jahren.

Vor 100 Millionen Jahren haben sich die Ablagerungen in Sandstein verwandelt. Fachbezeichnung heute: Osningsandstein, »Geburtszeit« Erdzeitalter der Unterkeide. Die sandigen Ablagerungen deuten auf Küstennähe hin.

Vor 70 Millionen Jahren: Durch Bewegungen der Erdkruste wird der ursprünglich flach am Boden liegende Sandstein von der Horizontalen in die Senkrechte geschoben. Gewaltige tektonische Kräfte sind am Werk.  Der Sandstein wird nicht nur aufgestellt, das Gestein wird auch gebrochen und zerklüftet.

Foto 2: Drachenszene...  Foto 3: Drachenkopf

Vor 70 Millionen Jahren werden die nun senkrecht stehenden Steinmassen durch Wasser und Wind freigelegt. Die Externsteine entstehen, die Kräfte der Natur formen sie zu Steinsäulen.  Sie ragen bis zu vierzig Meter hoch aus dem Untergrund. Wasser dringt in die Steine ein, gefriert im Winter, sprengt mit Urgewalt Steinpartien unterschiedlicher Größe ab.

So entsteht vor rund 70 000 000 Jahren das bizarre Felsgebilde, das heute Millionen von Touristen anlockt…. Die Externsteine. So formen Naturgewalten ein steinernes Denkmal, das seit Jahrtausenden Menschen anlockt.

Vor rund 13 000 Jahren sind die Externsteine Ziel von Jägern und Sammlern. Sie benutzen den Bogen als Jagdwaffe und primitives Werkzeug aus Feuerstein. Ihre Steingeräte werden im 20. Jahrhundert bei Ausgrabungen bei den Externsteinen entdeckt. Feste Behausungen kennen diese Menschen der Ahrensburger Kultur noch nicht. Sie nutzen natürliche »Überdachungen« –  Felsüberhänge – als Wetterschutz. So finden sie bei den Externsteinen Unterschlupf, eine gewisse Sicherheit vor Unwettern. Zu fragen ist: Waren die Externsteine für die Steinzeitmenschen auch so etwas wie ein »Heiligtum«? Gab es vor 13 000 Jahren schon so etwas wie natürliche Höhlen in den Externsteinen, die später – wann? – zu einem Kammersystem erweitert wurden? Umstritten ist bis heute, wann diese Kammern genutzt wurden.

Fotos 4 und 5: Das Kammersystem im Externstein...

Wann wurden erstmals in der Kuppelkammer – in der Skizze gelb markiert – Feuer entfacht und warum? Geschah dies im 1. Jahrtausend vor Christus oder später? Wurden Tote verbrannt? Oder hatten die ersten Feuer profanere Zwecke? Brachte man den Stein durch massive Befeuerung förmlich zum »Glühen«, um ihn dann mit Wasser abzuschrecken? Erweiterte man auf diese Weise die Kuppelgrotte? Durch den Kälteschock platzt heißes Gestein ab…

Welchem Zweck diente das »Blutloch« –  in der Skizze rot markiert? Diente es der Luftzufuhr für die Feuer in der Kuppelkammer? Entstand das mysteriöse Relief des »Wächters« – 2 im Skizzenplan – in vorchristlichen Zeiten oder erst später? Hatte das rätselhafte »Kreuzabnahmerelief« – 4 im Skizzenplan – einen vorchristlichen Vorläufer, der umgearbeitet wurde?

Foto 6: Das Kreuzabnahmerelief mit Autor Langbein

Unbestreitbar aber sind das Kammersystem (inklusive Kuppelkammer!), das Wächterrelief und das Kreuzabnahmerelief künstlich, von Menschenhand geschaffen. Schriftliche Quellen gibt es nicht. In alten Märchen wird immer wieder eine Verbindung zwischen Externsteinen und dem Teufel hergestellt. Meiner Überzeugung nach ist das ein deutlicher Hinweis auf heidnisches Brauchtum, das von christlichen Missionaren »verteufelt« wurde.

Heidnischen Ursprungs ist auch ganz ohne Zweifel das Medaillon, das vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Es zeigt eine weibliche Gestalt, die fast vollkommen von einer sehr schmalen Mondsichel eingerahmt wird. Am Kopf trägt sie eine weitere, kleine Sichel. Die Frau – Göttin oder Priesterin – zeigt ihre geöffneten Hände. Betet sie? Segnet sie? Die kleine  Mondsichel am Kopf könnte auf die Venus hindeuten. Mond… Venus… Göttin oder Priesterin auf einem Medaillon… deutlicher können Hinweise auf einen vorchristlichen Kult kaum ausfallen! Die kleine Venussichel befindet sich hinter dem Haupt der mysteriösen weiblichen Gestalt. Es handelt sich also auf keinen Fall um auf dem Haupt sitzende Hörner!

Fotos 7, 8 und 9: Das Medaillon mit der »Göttin«

Leider konnte ich zum geheimnisvollen Bildnis nichts Näheres in Erfahrung bringen, außer dass es vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Das Medaillon wird auch als »Kupferplakette« bezeichnet. Aus christlicher Sicht könnte man das Medaillon als Anspielung auf die Offenbarung des Johannes (1) verstehen.

In der »Elberfelder« Übersetzung lesen wir: »Und ein großes Zeichen erschien im Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.« Die »Neue Genfer Übersetzung« formuliert leicht abgewandelt: »Nun war am Himmel etwas Außergewöhnliches und Bedeutungsvolles zu sehen: eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; unter ihren Füßen war der Mond, und auf dem Kopf trug sie eine Krone aus zwölf Sternen.«

Die »Frau« ist auf dem Medaillon ebenso zu sehen wie »der Mond zu ihren Füßen«, Sonne und Sterne freilich sucht man vergeblich. Interessant ist, dass in der Offenbarung des Johannes auf das Erscheinen eines Drachens hingewiesen wird (2):

»Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.«

Foto 10: Mondsichel, Venus und »Göttin«

Von der Theologie wird diese Beschreibung gern auf Maria, die Gottes-Mutter, bezogen, deren Kind – Jesus – vom Teufel bedroht werden würde. Der Drache findet sich auf dem Relief der Externsteine, unter der Darstellung der »Kreuzabnahme«. Aber ist es wirklich der Drache im christlichen Sinne? Oder interpretieren wir ein heidnisches Bild um? Wir können ein Buch lesen und die Botschaft der Buchstaben, Worte und Sätze erschließen sich uns. Bilder aber bieten sehr viel Platz für Spekulationen. Bildliche Darstellungen christlicher Geschichten aus dem »Neuen Testament« verstehen wir nur, weil wir die Geschichten bereits kennen. Ohne Kenntnis der Evangelien wären die bildlichen Darstellungen unverständlich. Heidnische Bilder können also völlig falsch verstanden werden, wenn wir sie nach christlichem Verständnis interpretieren!

Fotos 11 und 12: Rücken und Beine des Drachens

Mir stellt sich immer wieder eine Frage: Betrachten wir das Medaillon und das Kreuzabnahme-Relief voreingenommen durch eine christliche Brille? Sehen wir voreilig Christliches, wo Heidnisches gezeigt wird, weil wir christliche Bilder im Kopf haben? Etwas Drachenartiges darf nach christlicher Weltsicht nur als Teufel gesehen werden. Sind wir beim Betrachten viel stärker von unseren christlichen Wurzeln beeinflusst als wir ahnen, ja als uns lieb ist?

Sollen wir Christliches erkennen, wo ursprünglich Heidnisches gemeint war? Ist die »Drachenszene« unter der »Kreuzabnahme« von einem sehr viel älteren heidnischen Bild-Relief überig geblieben?

Wurde das »Kreuzabnahme-Relief« aus einem älteren, heidnischen Bildnis erarbeitet? Wurde ein heidnisches Motiv mit Hammer und Meißel umgestaltet, retuschiert sozusagen? Unzählige Male stand ich vor dem Kreuzabnahmerelief. Je nach Sonnenstand verändern sich die Bilder. Die Konturen des »Drachenmotivs« unter dem Kreuzbild sind seltsam verschwommen. Der Drache wendet uns anscheinend seinen Rücken zu. Seine Beine und kräftigen Füße sind noch am besten zu erkennen…

Foto 13: »Mini-Hermann«

Fußnoten

(1) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Vers 1

(2) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Verse
3 und 4, zitiert nach Bibel-Ausgabe »Luther 1984«



Zu den Fotos:

Fotos 1, 2 und 3: Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Barbara Kern
Fotos 7, 8, 9 und 10: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11, 12 und 13: Walter-Jörg Langbein



307 »Nikolaus und die goldenen Äpfel«,
Teil 307 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.12.2015



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Sonntag, 22. März 2015

270 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen Teil 2«

Teil 270 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Vézelay.. Erschreckende Kirchenkunst...

Dr. Götz Ruempler weist in seinem wichtigen Werk auf Mäuse in einem der schönsten Gotteshäuser überhaupt hin. Sie befinden sich  in der Basilika Sainte-Marie-Madeleine. Dr. Götz Ruempler schreibt (12): »An der Basis der linken Säule des Hauptportals der Kathedrale Sainte-Madeleine in Vézelay (Burgund) richten sich Mäuse genauso auf wie die Maus im Bremer Dom.«

Mein Vater Walter Langbein sen. Unterrichtete am »Meranier-Gymansium Lichtenfels« Englisch und Französisch. Er bereiste England, Frankreich und die USA, arbeitete auch in Frankreich und in den USA als Lehrer. Intensiv sind meine Erinnerungen an die Basilika von Vézelay. Der wuchtige Turm beeindruckte mich sehr. Ausführlich erklärte mir mein Vater  die kunstvollen Kapitelle, die alle in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden sind.

Da gab es eine Mühle zu sehen, in die Moses Getreide schüttet. Ein Mann steht bereit und nimmt das Mehl an. Konnte das Volk vor rund 900 Jahren die Bilder wie ein Buch lesen und verstehen? Angeblich gab es einst eingravierte kurze Erklärungen zu den einzelnen Bildern, die allerdings irgendwann entfernt wurden.

An eine weitere Darstellung kann ich mich erinnern: Da liegt ein bärtiger Mensch auf einem Bett, offenbar auf seinem Totenlager. Auf seinem Leib steht ein furchteinflößendes Wesen mit weit aufgerissenem Maul. Es scheint zu schreien. Oder will es mit seinen mächtigen Zähnen zubeißen? Rechts daneben steht eine weitere Kreatur, die ebenfalls ein kräftiges Gebiss zur Schau stellt. Das linke Monster hat den Arm eines Menschen gepackt, mit beiden Händen zerrte es daran. Will die Kreatur den Menschen fressen? Das Monster rechts piesackt den Menschen mit einem Marterwerkzeug. Laut den Erklärungen eines befragten Priesters ist das Szenario wie folgt zu verstehen: Auf dem Bett liegt ein Toter. Seine Seele hat soeben seinen Leib verlassen und wird von zwei teuflischen Kreaturen in Empfang genommen. So wird der Tote für seine zu Lebzeiten begangenen Sünden bestraft.

Eva mit Schlange?

Mir hat sich besonders intensiv eine mysteriöse Abbildung auf einem der Kapitelle eingeprägt. Eine Gestalt meinte ich sofort erkennen zu können: Einer weibliche Person, offenbar nackt, wird von einer Schlange angegangen. Das Tier windet sich um die Beine der Frau, klettert empor. Das musste Eva sein. Wer aber war die zweite Person? Die Gestalt aus Stein, ebenso nackt, neigt sich nach hinten. Sie hat den Mund, auch die Augen, weit aufgerissen und stößt offenbar einen lauten Schrei aus. Mit beiden Händen umklammert die Gestalt den Griff eines Schwertes, den sie sich in den Leib rammt. Ein Priester erklärte, dargestellt sei nicht die Eva, sondern die personifizierte Wollust. Der nackte Mann mit dem Schwert versinnbildliche die Verzweiflung. Mir eingeprägt hat sich das schmerzverzerrte Gesicht der »Verzweiflung«.

Mann mit Schwert?

Wie viele Mausdarstellungen mag es in christlichen Kirchen geben, die bis heute nur einem kleinen, eingeweihten Kreis bekannt sind? Ob alle diese Mäuse die »christianisierte« Form jener Artgenossen sind, die in heidnischen Zeiten Göttern wie Cernunnos zugeordnet wurden? Für mich ist Cernunnos ein »alter Bekannter«. Zum ersten Mal sah ihn schon vor Jahrzehnten bei meinem ersten Besuch im norditalienischen Val Camonica. Dort wurde die Gottheit als riesenhafte Göttergestalt in den Stein geritzt. Daneben sehen wir ein kleines Menschlein mit erhobenen Händen. Ober zu Cernunnos betet? Der Gott selbst hat auch die Arme gen Himmel gereckt. Vielleicht begrüßen sich Mensch und Gott? Die vergleichsweise hünenhafte Gottheit trägt ein Geweih.  Deutlich auszumachen ist eine Schlange am Arm.

Kessel von Gundestrup

Auch auf dem berühmten keltischen Kessel von Gundestrup wurde Cernunnos mit Geweih und Schlange verewigt. Anno 1891 fand man das silberne Kultobjekt im Fuchsmoor bei Gundestrup im dänischen Himmerland. Datiert wird er auf das fünfte bis erste Jahrhundert vor Christi Geburt. Ich sprach mit einem Kurator des »Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen«. Nach Überzeugung des Wissenschaftlers wurde der Kessel vor gut zwei Jahrtausenden bewusst zerstört und zerteilt. Die Teilstücke wurden im Moor abgelegt. »Von wem?«, wollte ich wissen. Mein Gesprächspartner vom Museum meinte, mehrere Antworten seien denkbar. Er selbst favorisiere zwei Erklärungen, die sich seiner Meinung nach anböten.

Cernunnos von Gundestrup

These 1: Nachdem man sich vom »heidnischen« Glauben abgewandt hatte, sollte das alte Kultobjekt beseitigt werden. Aus Respekt vor dem einst sakralen Kessel zerlegte man ihn in seine Einzelteile – dreizehn Platten aus Silber – und bestattete sie im damals schon ausgetrockneten Moor.

These 2: Der Kultkessel sollte davor bewahrt werden, Feinden in die Hände zu fallen. Deshalb versuchte man ihn, in Sicherheit zu bringen, zu verstecken… und hat ihn zerlegt. Auf diese Weise verlor er – vorübergehend – seine magische Macht. Jederzeit konnte er wieder ausgegraben und zusammengesetzt werden.

Cernunnos im Val Camonica
 Die Steingravur von Cernunnos mit der Schlange im Val Camonica ist eindeutig keltisch beeinflusst, wenn nicht gar von Kelten selbst in den Stein gemeißelt worden. Auch Cernunnos vom legendären Kessel hält eine Schlange. Das mysteriöse  norditalienische Tal hat über einen Zeitraum von zehn Jahrtausenden immer wieder Menschen unterschiedlichster Kulturkreise angezogen, die dort siedelten und hunderttausende Kunstwerke schufen.

Auch das (bei Cernunnos göttliche) Attribut Schlange findet sich – wie zum Beispiel die Taube –  im christlichen Glauben wieder, allerdings als teuflisch-böses Tier. Aus der Taube der Göttin Venus und anderer weiblicher Gottheiten wurde die Heilige Geistin, die wiederum zum männlichen Heiligen Geist gewandelt wurde. Immer wieder zeigt es sich, dass positive göttliche Attribute im Christentum im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt wurden: aus der positiv besetzten Schlange wurde der Teufel, aus dem einst göttlichen Drachen wurde ein Monster.

Der kleine Drache von Urschalling
Wer kennt sie nicht, die Darstellungen vom Heiligen Drachentöter hoch zu Ross. Der Drache zu Urschalling am Chiemsee ist als Wandmalerei nur noch zum Teil erhalten. Man erkennt allerdings, dass das sterbende »Monster« im Vergleich zum Pferd des Heiligen Georg klein war.

In Marienmünster erfährt der Drache eine Verwandlung… zum Teufel in Menschengestalt, mit »Drachenflügeln« am Kopf. Vergessen wir nicht, dass in vorbiblischen Zeiten der Drache eine Urgöttin der Meere war, die hoch angesehen und angebetet wurde. In Marienmünster jedenfalls sollte auf möglichst anschauliche Weise verdeutlicht werden, was da nach christlicher Theologie geschah! Da kämpfte kein irdischer Heros gegen einen bemitleidenswerten Drachen in Dackelgröße, da waren himmlische Kräfte am Wirken... gegen den Teufel selbst.

Drachenteufel von Marienmünster

Dr. Ruempler weist auf eine ganz besonders interessante Kombination hin. Auf einer Miserikordie des Chorgestühls im Dom zu Köln entdeckte er Mysteriöses (13): Ein Drache mit weit ausgebreiteten Flügeln hält in seinen Klauen eine Maus. Miserikordien waren Gesäßstützen, auf die man sich zwar nicht wie auf einen Stuhl setzte, die aber doch beim langen Stehen während des Gottesdienstes die Beine entlasteten. Vorbehalten waren derlei Erleichterungen der Geistlichkeit oder hohen Würdenträgern. Auf der Unterseite dieser nach oben und unten klappbaren hölzernen Stützen waren oft Schnitzereien angebracht. Groteske Gestalten wurden da verewigt, auch plastische Darstellungen von Lastern, Sphingen und andere Fabelwesen. Im 14. Jahrhundert stellten Künstler in derlei Schnitzereien oft dar, was ansonsten in Gotteshäusern nicht offen gezeigt werden durfte. Auch wenn diese offenbar oft drastischen Abbildungen vom normalen Gottesdienstbesucher nicht gesehen werden konnten, wurden viele dieser interessanten Kunstwerke im Verlauf der Jahrhunderte aus den Gotteshäusern entfernt.

Eine ganz ähnliche Kreatur entdeckte Dr. Ruempler im oberen Kreuzgang der Marienburg bei Danzig. Auf einem Schlussstein sieht man ein ganz ähnliches Fabelwesen, wiederum mit einer Maus in den Klauen. Dr. Ruempler identifiziert es als Fledermaus. Es könnte aber ebenso ein Drache sein.

Dr. Ruempler bietet eine Erklärung an für die kombinierte Darstellung von Maus und Drache und von Maus und Fledermaus (14): »Fledermaus und Drache als Symbol für das Böse, für Hexen und Teufel werden durch ihre Darstellung unwirksam gemacht, gleichsam gebannt, und beide halten die Maus fest im Griff – die Maus als Sinnbild für Hexen. Auch der Nager wird dadurch kraftlos, hilflos. Gier wird also der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben! Das Böse hat – sinnbildlich – seine Macht verloren.«

Wir müssen uns fragen: Was ist der Ursprung von Symbolen wie Drache, Fledermaus und Maus? Sie wurden nicht von christlichen Theologen erfunden. Sie sind sehr viel älter als das Christentum, ja als das »Alte Testament«. Sie stammen – davon bin ich überzeugt – aus älteren Religionen. Aus den Göttinnen von einst wurden Drachen und Meeresungeheuer. In »christlichen« Symbolen leben sehr viel ältere Bilder weiter. Die Taube des »Heiligen Geists« war zum Beispiel ursprünglich die Taube der Göttin Venus und ihrer Kolleginnen!

Ein Riesensymbol von Nazca, Peru
Die alten Symbole sind Wegweiser auf einer Reise zu den Ursprüngen der Menschheit. Und das weltweit.. von Bremen bis Peru! »Alles fließt!«, soll Heraklit (etwa 520 v.Chr. bis 460 v.Chr.) verkündet haben. Fließend sind die Übergänge von Religion zu Religion, und das seit ungezählten Jahrtausenden. Nur wer stur auf eine ganz bestimmte Ausprägung einer Religion fixiert ist, kann zum gefährlichen Fanatiker werden. Wer aber die Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten, wer die ältesten Quellen und Ursprünge sucht, der erkennt vielleicht den Weg des Friedens, fern von fundamentalistischen Doktrinen jeder Art.

Es ist an der Zeit, dass alle Darstellungen in christlichen Kirchen, die eventuell einen heidnischen Ursprung haben, gesucht, gesichtet und katalogisiert werden! Ich vermute, dass so manches Kleinod wie die Dom-Maus von Bremen versteckt angebracht wurde.

Mein Vorschlag: Liebe Leserinnen und Leser, besuchen Sie doch Ihre Kirche vor Ort und suchen Sie nach Schlangen-, Drachen- und Mausdarstellungen! Fragen Sie den örtlichen Geistlichen, den Küster und Führer. Oft wissen örtliche Heimatforscher mehr als die »offiziellen« Stellen und freuen sich über Interesse!

Sollten Sie fündig werden, würde ich mich über eine Benachrichtigung sehr freuen! Im Voraus vielen Dank!

Fußnoten

(12): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010, S. 48
(13): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010, S. 46 und 49
(14): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010, S. 46 und 47


Literaturempfehlung

Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010

Rezension durch Walter-Jörg Langbein für amazon
(Fünf  Sterne)

Köstliche Kulturgeschichte … in Sachen Maus im Dom – und mehr!

Götz Ruempler, einer der besten Kenner des Doms zu Bremen, hat mit »Die Bremer Dom-Maus« ein zugleich köstliches wie informatives Büchlein geschrieben. Der Untertitel - »Geschichte, Geschichten und Mäuselatein‹« - verspricht nicht zu viel. Dr. Ruempler nimmt die »Maus im Bremer Dom« zum Anlass, um über eine Vielfalt von Themen zu informieren.

Einige Themenschwerpunkte des erstaunlich tiefschürfenden, durchgehend mit Fotos in Farbe illustrierten Opus seien genannt: »Die Maus in Naturkunde und Medizin bei Hildegard von Bingen«, »Die Maus in der Tierfabel« und »Die Bremer Dom-Maus – keine ›Schnurre‹, sondern ein Hexensymbol«.

Dr. Ruempler, Zoologe und Experte für mittelalterliche Tierdarstellungen, danke ich für wirkliches Lesevergnügen, für kurzweilige und stets fundierte Informationen! Lesen Sie, staunen Sie über die kleine »Bremer Dom-Maus« und ihre Artgenossen in zahlreichen anderen Kirchen! »Die Bremer Dom-Maus« ist für jeden Besucher des Doms zu Bremen ein Muss… und für jeden Zeitgenossen, der sich für »versteckte Geheimnisse« uralter sakraler Kultbauten interessiert.

Dr. Ruempler ist es glänzend gelungen zu beweisen, wie lesenswert, alles andere als langweilig, sondern unterhaltsam ein kulturhistorisches Werk sein kann!

Verfasser: Walter-Jörg Langbein


Fotos

Vézelay.. Erschreckende Kirchenkunst... wiki commons/ Vassil
Da gab es eine Mühle zu sehen... wiki commons/ Vassil
Eva mit Schlange? wiki commons/ Vassil
Mann mit Schwert? wiki commons/ Vassil
Kessel von Gundestrup: wiki commons/ Magnus Manske
Cernunnos von Gundestrup: wiki commons/ Magnus Manske
Cernunnos im Val Camonica: Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Der kleine Drache von Urschalling: Foto Walter-Jörg Langbein
Drachenteufel von Marienmünster: Foto Walter-Jörg Langbein
Ein Riesensymbol von Nazca/ Peru: Foto Walter-Jörg Langbein
Buchcover Ruempler: Verlag/ amazon

271 »Hexen und ein Steinerner Mann,«
Teil 271 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.03.2015


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Sonntag, 5. Oktober 2014

246 »Maria und die Schlange« Teil 2

Teil 246 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Maria an der Portalstür. Foto Langbein
Das vielleicht rätselhafteste Kunstwerk im Dom zu Paderborn ist eine barocke Mariendarstellung, die von den meisten Besuchern des Gotteshauses kaum beachtet wird. Betritt man den Dom durch das Paradiesportal, wird man von den beiden Heiligen Kilian und Liborius begrüßt. Ihre spätromanischen Holzplastiken stehen an den mächtigen Portaltüren. Vor dem mittleren Pfosten steht stolz die Himmelskönigin Maria, das Jesuskind auf dem Arm tragend. Die frühgotische Sandsteinplastik dürfte zu den ältesten stehenden Marien in Deutschland gehören.

Immer wenn ich den Dom zu Paderborn besuche, mache ich Station zunächst in der Bartholomäus-Kapelle und genieße die rätselhafte Akustik in dem wohl ältesten sakralen Bauwerk in Paderborn. Dann gehe ich außen um den Dom herum zum Markt, bleibe vor dem Paradies-Portal stehen und studiere das verwirrende Vielfalt von steinernen Rätseln. Da blicken seltsame Wesen, die an Zentauren erinnern, in stoischer Gelassenheit auf uns Besucher herab. Da harren Heilige aus Stein, vor Tauben durch sorgsam gespannte Netze geschützt, seit Ewigkeiten aus, wie Pantomimen erstarrt zur Regungslosigkeit, als wollten sie der Zeit ein Schnippchen schlagen.

Die »Paradiesvorhallte« in ihrer ursprünglichen Form wurde wohl bereits im 12. Jahrhundert gebaut, so wie auch die Marienkapelle. Wann genau die Marienkapelle geschaffen wurde, wir wissen es nicht genau. Fest steht, dass sie bereits im Jahre 1215 bestand (1). Auf dem Weg zur Marienkapelle halte ich bei der Doppelmadonna inne, genauer gesagt unter ihr. Sie hängt unter dem Schlussstein des zweiten Langhausjoches hoch über den Besuchern des Gotteshauses. Wir erleben, wie die »Gottesmutter« von zwei fliegenden Engeln zur Himmelskönigin gemacht wird. Die himmlischen Boten mit formschönen Flügeln senken gerade die imposante, große und mächtige Krone auf das Haupt Mariens herab. Um 1480 entstand dieses sakrale Kunstwerk.

Die Doppelmaria. Foto Langbein
»Sie schwebt über unseren Häuptern…«, erklärte mir ein Mönch, der andächtig zur Königin des Himmels aufblickte. »So werden wir daran erinnert, dass sie – nach Jesus selbst – der erste und bislang letzte Mensch war, der leibhaftig gen Himmel fuhr, wo sie bei unserem Herrgott auf uns wartet!« Verschmitzt fügte der Kleriker hinzu: »Man darf es ja noch nicht laut aussprechen, aber Maria rückt langsam aber sicher in die Trinität auf!« Die Worte des Geistlichen verblüfften mich. Ich wandte ein: »Aber dann wird doch aus der Dreifaltigkeit eine Vierfaltigkeit?«

Der Mönch legte eine Hand auf meine Schulter. »Noch ist das reine ›Ketzerei‹ in den Augen der Amtskirche. Aber glauben Sie mir, die Himmelskönigin wird nach und nach, zunächst im Volksglauben, den ›Heiligen Geist‹ verdrängen und seine Stellung einnehmen. Vater, Sohn und Gottesmutter sind doch sehr viel begreifbarer als die Trinität aus Vater, Sohn und Heiligem Geist. Wer kann sich denn wirklich etwas unter dem Heiligen Geist vorstellen? Niemand kann die Rolle des Heiligen Geists wirklich verständlich machen!«

Was den wenigsten Besuchern auffällt: mit einem Fuß steht die Madonna auf einer Mondsichel. Präziser: Beide Marien der Doppelmadonna stehen mit einem beschuhten Fuß auf der Mondsichel. Die Himmelskönigin, stehend auf der Mondsichel, macht Maria zur christlichen Version der Himmelsgöttin aus uralten Zeiten.

Im Kirchenführer »Der Hohe Dom zu Paderborn« lesen wir, dass Maria (2) »auf der Mondsichel und einer Schlange steht, deren Kopf sie als die ›neue Eva‹ zertritt.« Trotz intensivster Suche, trotz sorgsamsten Betrachtens der Doppelmadonna durch ein 400-Millimeter-Teleobjektiv, kann ich aber nur einen goldenen Schuh der »Mutter Gottes« ausmachen, nämlich jenen, der auf der Mondsichel ruht. Deutlich zu erkennen ist das teuflische, gehörnte Haupt der Schlange, deren größter Teil des Leibes  vom langen Rock Mariens verdeckt wird. Nur das Schwanzende kriecht unter dem bis zum Boden reichenden Rock hervor, nach oben hin ausgerichtet.

Mond und Schlange zu Füßen der Doppelmadonna.
Foto Langbein

»Die Madonna zertritt den Kopf der Teufelsschlange!«, wetterte »mein« Mönch. »Durch die Frau – Eva – kam die Sünde auf die Welt, in Gestalt der teuflischen Schlange! Maria zerstampft das Haupt dieser Schlange, so wie es schon im 1. Buch Mose geschrieben steht…« Ich wusste, auf welchen Vers sich der Geistliche bezog (3) und widersprach. »Von Maria ist da aber nicht die Rede…da heißt es doch: ›Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir (Schlange) und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.‹ Da wird doch ein Mann prophezeit, der der Schlange den Garaus machen wird, nicht von Maria!«

Der Geistliche wischte meinen Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Lesen Sie gefälligst in der Offenbarung des Johannes nach (4): ›Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.‹« Wieder wagte ich Widerspruch: »Von einer Schlange, der der Kopf zertreten wird.. von wem auch immer… ist da aber nichts zu finden!« Wütend zischte mir der Geistliche entgegen, während er schon davon stapfte. »Lesen Sie weiter bei Johannes! Dann werden sie auf den Drachen stoßen, den die himmlische Frau, also Maria, besiegen wird…«

Tür zur Marienkapelle. Foto Langbein
Einige Schritte ging ich dem Mann Gottes nach. »Ist der Drache der Apokalypse die Schlange aus dem Paradies?«, wagte ich zu fragen. Mir kam es so vor, als habe der Mönch »Apage, Satanas!«, also »Weiche, Satan!«, geflüstert. Wen er damit wohl gemeint haben mag? Deutlich zu vernehmen waren dann seine abschließenden Worte: »Sündhafte, lasterhafte Weiber, Drachen, teuflische Schlangen… alles das gleiche Gewürm!«  Dann schloss sich knarzend die Tür zum Paradiesportal hinter ihm.

Von der »schwebenden« Doppelmadonna führt mich mein Weg stets zu einer weiteren Darstellung der »Mutter Gottes«, zur Marienkapelle an der Südseite des Doms. Die größte und älteste Kapelle im Dom (5) ist fast immer verschlossen. Die Tür, in der Regel im Dämmerlicht liegend, wurde erst 1657 von Anton Willemssens geschaffen. Sie wirkt auf den Betrachter wie eine überdimensionale Laubsägearbeit. Im Zentrum steht Maria. Sie trägt, liebevoll besorgt, das Jesuskund auf dem Arm. Rechts und links stehen zwei Engel mit Fackeln, die aber realiter kein Licht spenden. Gerade das Dämmerlich mag mit dazu beitragen, dass die Maria mit Kind erstaunlich plastisch wirkt, obwohl das Paar doch »nur« auf ein Eichenbrett aufgemalt wurde.

»Der Dom zu Paderborn« (6) weiß zu berichten: »Die Tür der Marienkapelle … ist aus Eichenbrettern angefertigt, die in zwei Schichten aufeinander geleimt sind. Die Außenseite ist mit einer reichen perspektivischen Architektur bemalt, in der die Madonna mit dem Kinde und fackeltragenden Putten stehen. Der Hintergrund ist schräg nach hinten laufend herausgeschnitten.«

Auch dem flüchtigen Betrachter fällt auf, dass sich da eine Schlange von beachtlicher Größe durch das Bild windet und schlängelt. Man denkt an eine kräftige Boa Constrictor, die Maria und Kind in höchste Gefahr bringt. Das Schwanzende des gefährlichen Reptils ragt neben Maria in die Höhe, knapp über ihre Hüfte. Wo aber ist der Kopf des Tieres? Mann erahnt ihn mehr als dass man ihn erkennt. Nur ein Fuß Mariens ist deutlich auszumachen. Aber wo ist der zweite? Beißt die Schlange mit weit aufgerissenem Maul Maria in den Fuß? Oder tritt Maria mit dem Fuß auf den Kopf der Schlange? Hat die Schlange einen Apfel im Maul? Tatsächlich erkennt man einen Apfel mit kleinen Zweigen und Blättern.

Fuß und Schlange... an der Tür zur Marienkapelle.
Foto Langbein

Wo beginnt, wo endet der zweite Fuß? Jeder sieht es anders. Manche meinen, die Zehen des zweiten Fuß Mariens deutlich ausmachen zu können. Andere wiederum sind ganz anderer Meinung und halten die vermeintlichen »Zehen« für Zähne der Schlange. 

Ulrike Hause, Magister Artium, wissenschaftliche Mitarbeiterin der »Fachstelle Kunst« vom Diozesenmuseum in Paderborn teilte mir freundlicher Weise die offizielle, wissenschaftliche Interpretation mit (7): 

Apfel im Maul? Foto Walter-Jörg Langbein

»Sehr geehrter Herr Langbein, Ihre Anfrage erreichte mich über unsere Pressestelle. Ich habe mich informiert und kann Ihnen zu der barocken Mariendarstellung an der Tür zur Marienkapelle Folgendes sagen: Maria tritt der Schlage auf den Kopf, die einen Apfel mit Blättern im Maul hält. Das versinnbildlicht den Sündenfall (Frucht vom Baum der Erkenntnis), den Maria als ›neue Eva‹ wieder gut macht. Dies in knappen Worten. Hoffentlich haben wir Ihre Frage damit beantwortet, mit freundlichen Grüßen aus Paderborn - Ulrike Hauser M.A.«

Je näher man sich dem Bildnis nähert, desto undeutlicher wird, was man sieht. Sehen wir, was wirklich gemalt wurde oder was wir sehen wollen? Der überzeugte Christ versteht Maria als die neue Eva. Die alte Eva, so glaubt er, hat die Sünde in die Welt gebracht. Maria, die neue, zweite Eva, macht den Sündenfall wieder ungeschehen. Freilich ist das Bild von Maria, dem Mond, der Schlange und dem Knaben sehr viel älter als das Christentum…. Bei Licht betrachtet entpuppt sich das in christlicher Ikonografie so gern benutzte Ensemble als Wiedergeburt heidnischer Symbole aus uralten Zeiten…

Wo beginnt der Schlangenkopf? Foto Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Bauer, Heinz und Hohmann, Friedrich  Gerhard: »Der Dom zu Paderborn«, 4. Neubearbeitete Auflage, Paderborn 1987, S. 38 und 39
2) Niggemeyer, Margarete: »Der Hohe Dom zu Paderborn/ Ein Domführer«. 3. Auflage, Paderborn 2012, S. 23
3) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 15
4) gemeint ist Offenbarung des Johannes Kapitel 12, Vers 1
5) Dehio, Georg: »Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen II Westfalen«, Berlin und München 2011, S. 848.
6) Bauer, Heinz und Hohmann, Friedrich  Gerhard: »Der Dom zu Paderborn«, 4. Neubearbeitete Auflage, Paderborn 1987, S.69 links unten
7) Mail von Ulrike Hauser an Walter-Jörg Langbein vom 10.06.2014 

Blick in die Marienkapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein

Dank

Mein besonderer Dank gilt Frau MA Ulrike Hauser für ihre hilfreiche Auskunft!

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