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Sonntag, 23. Dezember 2018

466 »Professor Robert Langdon und der Pfau«


Teil 466 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Zwei Drachen am Grabmal des Fürstbischofs Dietrich von Fürstenberg

Dan Brown hat ihn erfunden: Professor Robert Langdon. Der fiktive Professor unterrichtet das fiktive Fach »Religiöse Ikonologie und Symbologie«. Schade, dass es Professor Langdon, den  akademischen Indiana Jones, in der Realität nicht gibt. Denn er könnte so manches Geheimnis in Sachen Symbolik lösen. Uralte Symbole begegnen uns in unseren Kirchen. Was bedeuten sie wirklich? Sind sie heidnischen Ursprungs? Es gibt so viele spannende Fragen, die auf Antworten warten! Was, zum Beispiel, würde Professor Langdon zum Symbol des Schwans sagen?

Wir verlassen die Abdinghofkirche durch den Haupteingang, gehen einige Schritte bis zur Straße. Auf der anderen Straßenseite führt eine Treppe hinab zu Wiesen und sprudelnden Quellen. Wir aber folgen der Straße nach rechts. Wir gehen an der Abdinghofkirche entlang, sehen schon in geringer Entfernung den Dom. Wir nähern uns rasch dem Dom, passieren (auf der linken Seite) die Alexiuskapelle.

Foto 3: Die Abdinghofkirche (rechts) und Dom zu Paderborn (Mitte).

Das kleine Gotteshaus,  dem Heiligen Alexius (*?;†417/430) geweiht, entstand in den Jahren 1670 bis 1673 und wurde 1728 erweitert. So verlor die Kapelle ihre markante achteckige Form. Bereits um das Jahr 1000 gab es einen Vorgängerbau. Noch im Frühjahr 2018 wurden in der Alexiuskapelle russisch-orthodoxe Gottesdienste abgehalten.

Rasch haben wir den Dom erreicht. Wir betreten den Dom, halten uns rechts und stehen schließlich vor dem mächtigen Grabmal von Fürstbischof Dietrich Theodor von Fürstenberg (1). Bischof Dietrich von Fürstenberg (*1546 - 1618) hat das beeindruckende Monument (Höhe: 17,87 Meter) selbst bei Meister Heinrich Gröninger in Auftrag gegeben.

Foto 4: Linker Drachen

Unten links und rechts fallen uns bei guter Beleuchtung zwei Drachen auf. Häufig liegt das Grabmonument des zu Lebzeiten wegen seiner teilweise fast schon demokratischen Ansichten angefeindeten Kirchenmanns im Halbdunkel, so dass besonders der Drachen rechts außen versteckt im Halbschatten liegt. Der Fürstbischof selbst wird unten in der Mitte kniend dargestellt. Was aber mögen die Drachen bedeuten? Was wir nicht so recht verstehen, wird schnell zum »Symbol« erklärt. 

Foto 5: Rechter Drachen

So kann jedem vorchristlichen, also heidnischen Bild eine christliche Bedeutung zugeordnet werden. Auch und gerade in diesem Zusammenhang muss immer wieder auf das bedeutsame Werk von Jacob Grimm hingewiesen werden. Jacob Grimm veröffentlichte anno 1835 sein Werk »Deutsche Mythologie«, das anno 2007 erneut und komplett publiziert wurde (2). Mir liegt ein Faksimile-Nachdruck der 4. Auflage vor, die ursprünglich in den Jahren 1875 bis 1878 erschienen ist (3).

Als ich in den 1970er Jahren evangelische Theologie studierte, wurde uns im Fachbereich Kirchengeschichte der Sieg des Christentums über das Heidentum gelehrt. Doch das Heidentum verschwand nicht spurlos von heute auf morgen, um dem Christentum Platz zu machen. Die »Heiden« gaben nicht einfach ihren alten Glauben auf. Jacob Grimm schreibt (4):

Foto 6: Pfauenbrunnen und Dreihasenfenster

»Obschon das untergehende heidenthum von den berichterstattern geflissentlich in schatten gesetzt wird, bricht doch zuweilen rührende klage über den verlust der alten götter, oder ehrenwerther widerstand aus gegen die äußerlich aufgedrungene neuerung.«  Mit anderen Worten: Missionierte wehrten sich, leisteten Widerstand gegen die von außen aufgezwungene Neuerung. Neuchristen, die den fremden Glauben angenommen hatten, beklagten sich über den Verlust der alten Götter. Heute leben wir in Deutschland in einem nach wie vor sehr stark vom Christentum geprägten Land.

Unsere Wurzeln sind nun einmal christlich, auch wenn viele diese unbestreitbare Tatsache leugnen. Nicht weniger verwechseln auch die Aufgabe der eigenen Wurzeln mit »Toleranz«. Das Heidentum war der alte, das Christentum der neue Glaube. Und der neue Glaube, so konstatiert Jacob Grimm (5), kam in einer fremden, Sprache, so wie der Islam in einer fremden Sprache zu uns kommt. Allerdings zeigten sich christlichen Missionare (Jacob Grimm nennt sie »bekehrer«) oft sehr viel toleranter. Diese »Toleranz« war freilich wohl das Ergebnis von Einsicht und von Kompromissbereitschaft.

Foto 7: Der Pfauenbrunnen unter dem Dreihasenfenster.

Die »Heiden« waren offensichtlich nicht dazu bereit, den alten Glauben aufzugeben und durch den neuen, sprich den christlichen zu ersetzen (6). Also ließ man den »Heiden« die alten »heiligen Stätten«, wies ihnen aber eine nicht minder heilige Bedeutung zu. So können wir davon ausgehen, dass uralte heilige Symbole auch heilige Symbole blieben, aber sanft christlich interpretiert wurden. Heidnisches Brauchtum wurde nicht verdammt, es wurde nur umbenannt. Allerdings rückten dann Jesus, Marie und Heilige an die Stellen der alten heidnischen Götter.
 
Jacob Grimm kritisierte aber auch die »bekehrer«, die eben auch höchst intolerant und zerstörerisch auftraten (7): »Anderntheils zerstörte und unterdrückte die frömmigkeit christlicher priester eine menge heidnischer denkmale, gedichte und meinungen, deren vernichtung historisch schwer zu verschmerzen ist.« Es wurde uraltes heidnisches Kulturgut ausgelöscht. »Heidnische Denkmale« wurden zerstört, was für Jacob Grimm »historisch schwer zu verschmerzen ist«. 


Foto 8: Der Pfau am kleinen Eingang zur Bischofskrypta

Historisch schwer zu verschmerzen ist es auch, wenn radikale Islamisten uralte fremde heilige Stätten verwüsten und Kulturgüter zerstören, so wie im Norden Malis geschehen. »Spiegel online« titelte »Islamisten zerstören Weltkulturerbe« (8). Ähnlich barbarisch gingen Islamisten in Syrien vor (9). Meldungen aus Bagdad lösten weltweit Empörung aus, als Islamisten (10) zunächst die Bibliothek und das Museum in der irakischen Stadt Mossul verwüsteten. Mit Bulldozern attackierten »Kämpfer der Terrormiliz ›Islamischer Staat‹ antike Stätten. Für die IS-Dschihadisten waren Jahrtausende alte Statuen aus der Provinz Ninive Götzenfiguren, geschaffen von den Assyrern und anderen Völkern, die der Vielgötterei dienten. So schlug man mit mächtigen Hämmern auf kostbare antike Stücke ein und setzte auch einen Presslufthammer ein. In einem kurzen Film erklärte ein IS-Anhänger nicht ohne Stolz, auch der Prophet Mohammed habe alle Götzenfiguren zerstört. Diese »Tradition« setzte man sehr viel wirkungsvoller zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach Christus fort.

Es ist den »bekehrern« also nicht gelungen, das Heidentum auszulöschen. So erkannte Jacob Grimm (11) Spuren des Heidentums bei den Friesen noch im 9., bei den Sachsen noch im 10. und bei den Schweden noch bis ins 12. Jahrhundert. Es könnten also im und am Bremer Dom durchaus noch Spuren des Heidentums zu entdecken sein. Es ist also durchaus möglich, dass vermeintlich christliche Symbole in Wirklichkeit nur christianisiere heidnische Symbole sind. Ein solches ursprünglich rein heidnisches Symbol ist der Pfau, der vom Christentum vereinnahmt wurde. Wir finden den Pfau im unterirdischen Vorraum zur Bischofsgruft in einem farbig gehaltenen Mosaik. An sehr dominanter Stelle direkt über den Eingang zur Bischofsgruft entfaltet er sein stolzes Gefieder. Und auf dem Domhof in unmittelbarer Nähe des berühmten »Dreihasenfensters« krönt wiederum ein Pfau einen munter sprudelnden Brunnen.

Laut einer frommen Legende holte im 9. Jahrhundert eine geistliche Delegation die Gebeine des »Heiligen Liborius« von Chartres über Paris auf Umwegen nach Paderborn. Ein Pfau wies ihnen den Weg, flog ihnen voraus und landete schließlich in Paderborn. Am Ziel angekommen starb der Pfau. Der Pfau freilich kam von noch weiter her in unsere Gefilde. Kam er, so wie die »arabischen Zahlen«, ursprünglich aus Indien? Dort betrachtete man ihn als Reittier von Shivas Sohn Murugan (auch Skanda genannt). Murugan galt als Bruder des elefantenköpfigen Ganesha. Gott Indra war für segensreichen Regen zuständig. Manchmal wird Indra als Pfau dargestellt. Wegen seines »prunkvollen Rades«, so berichtet Symbolexperte Dr. Hans Biedermann in »Knaurs Lexikon der Symbole« (12), galt er in Indien auch als Sonnensymbol.

Von Indien dürfte der »heilige Pfau« nach China gelangt sein. Dort hatte er große symbolische Bedeutung, dort wurde (13) eng mit der Ming-Dynastie verbunden. Man kann sagen: Er gilt als Sinnbild für das Königtum schlechthin. »Seine Federn werden mit dem Himmelsrad verglichen und (er) stellt die Sonne, den Mond, das Himmelsgewölbe und die Sterne dar. Er ist damit auch eng mit dem Lebensbaum verbunden, ein wichtiges Symbol in Persien und Babylon und Pfauenthrone waren hier der bevorzugte Sitz der Könige.«

Foto 9: Ein leibhaftiger Pfau schlägt sein Rad
 
Der Pfau galt also in großen alten Kulturen als mächtiges, ja kosmisches Symbol. Wie kam er in christliche Gefilde? Wo wurde er zum ersten Mal als frühchristliches Symbol eingesetzt? Geschah dies erstmals in der Provinz Mauretanien, Nordafrika? Dort entstanden stark stilisierte Darstellungen von Pfauen. Gab es eine allgemein gültige Erklärung für das christliche Symbol »Pfau«? Häufig wird Augustinus angeführt und auf sein Werk »De civitate Dei« hingewiesen. Man glaubte offenbar, dass das Fleisch des Pfaus unverweslich sei. Interpretierte man also den Pfau als Symbol für Unsterblichkeit?

Eine völlig andere Interpretation hörte ich während meines Studiums der evangelischen Theologie, in einem Seminar über christliche Symbolik in der Kunst. Botticelli fertigte ein Bildnis an, das die Heiligen Drei Könige und allerlei sonstiges fremdes Volk an der Krippe mit dem Jesuskind zeigt. Deutlich zu sehen ist im Bild ein stolzer Pfau. Uns Theologiestudenten wurde damals in Erlangen erklärt, der Pfau symbolisiere die Anziehungskraft des christlichen Glaubens auf fremde Völker, oder die fremden Völker selbst, die Jesus huldig(t)en.

Professor Langdon, bitte melden!

Foto 10: Die Alexiuskapelle.

Fußnoten
(1) Siehe hierzu auch Alois Schröer, Alois: »Die Kirche in Westfalen im Zeichen der Erneuerung«, Münster 1987, S. 108–135.
(2) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Wiesbaden 2007
(3) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage, Berlin 1875-78
(4) ebenda,  Band 1, Seite 4, Zeilen 5-9 von unten (Rechtschreibung unverändert übernommen)
(5) ebenda, Band 1, Seite 4 Mitte: »Der neue glaube erschien im geleit einer fremden sprache.«
(6) ebenda, Band 1, Seite 5 oben: »Es war auch weise oder kluge maßregel, viele heidnische plätze und tempel beizubehalten, indem man sie, wo es angieng, nur in christliche verwandelte, und ihnen andere, gleichheilige bedeutung überwies. Die heidnischen götter selbst wurden zwar als unmächtige im gegensatz zu dem wahren gott dargestellt, doch nicht überall als machtlose an sich selbst, sondern in feindliche, böse gewalten, in teufel, zauberer und riesen, verkehrt, die unterliegen müssen, denen aber noch eine gewisse schädliche thätigkeit und einwirkung beigelegt werden konnte. Einzelne heidnische überlieferungen und abergläubische gebräuche dauerten fort, indem sie bloß namen änderten, und auf Christus, Maria und die heiligen anwendeten, was vorher von den götzen erzählt und geglaubt wurde.«
(7) ebenda, Band 1, Seite 5, Zeilen 13-16 von oben
(11) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage, Berlin 1875-78, Band 1, Seite 3, Zeilen 9-12 von unten
(12) Biedermann, Hans: »Knaurs Lexikon der Symbole«, München 1989, Seite 333, Stichwort »Pfau«

Foto 11: Der Pfau am kleinen Eingang zur Bischofskrypta
Zu den Fotos:
Fotos 1 und 2: Zwei Drachen am Grabmal des Fürstbischofs Dietrich von Fürstenberg. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Abdinghofkirche (rechts) und Dom zu Paderborn (Mitte). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Drachen am Grabmal des Fürstbischofs Dietrich von Fürstenberg links.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Drachen am Grabmal des Fürstbischofs Dietrich von Fürstenberg rechts.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Pfauenbrunnen und Dreihasenfenster, Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Pfauenbrunnen unter dem Dreihasenfenster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Pfau am kleinen Eingang zur Bischofskrypta, Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Ein leibhaftiger Pfau schlägt sein Rad (Paradiesmühle Rischenau-Lügde). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Die Alexiuskapelle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Der Pfau am kleinen Eingang zur Bischofskrypta, Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein

467 »Der mysteriöse Jodutenstein, Gott Mars und die Mutter der Kälte«,
Teil 467 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.12.2018
 



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Sonntag, 25. November 2018

462 »Mysteriöse Pflanzen und gefährliche Drachen«

Teil 462 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Blick in die Krypta vom Altar aus

Betritt man die Krypta der Abdinghofkirche, so gewöhnen sich die Augen rasch an das diffuse Licht. Von der Decke hängen an jeweils vier Ketten Leuchterschalen. Friedrich Stuhlmüller, Goldschmied und Kirchenkünstler aus Hamburg (1), hat sie 1978 geschaffen. Wir stehen vor dem Altar in der Krypta und blicken zur originalgetreuen Kopie von Bischof Meinwerks Grabplatte, die auf der anderen Seite des unterirdischen Raums an der Mauer steht. Sie zeigt den Kirchenmann im Ornat mit Mitra.

Der Bischof aus Stein blickt Richtung Altar. Säulen und Pfeiler tragen das Tonnengewölbe, unterteilen die überschaubare Krypta. Sie wird zu einem dreischiffigen Raum im frühromanischen Stil (Ende 10. Jahrhunderts bis um 1070). Die starken Säulen tragen den »Himmel« der Krypta seit über einem Jahrtausend. Die Bomben, die Paderborn in Schutt und Asche legten, konnten dem unterirdischen Raum unter der Abdinghofkirche nichts anhaben. Die Krypta überstand das Bombardement, anders als so mancher Bunker.

Langsam gewöhnen sich unsere Augen an das diffuse Licht. Der Raum wirkt größer als er ist. Seine Schlichtheit macht ihn irgendwie zeitlos. Sind 500 Jahre verstrichen, als die Krypta angelegt wurde oder 1000? Oder mehr? Irgendwie scheint der Lauf der Zeit bedeutungslos geworden zu sein, hier in der Unterwelt, nur wenige Meter vom Trubel, von der Hetze auf den Plätzen und Straßen. Den Lärm des Alltags haben wir hinter uns gelassen. Dem einen fällt es leichter, dem anderen schwerer, die Ruhe zuzulassen. So eine unterirdische Krypta ist da ein guter Lehrmeister.

Foto 2: Mysteriöse Krypta unter der Kirche

Wir lassen die Ruhe auf uns wirken. Wir studieren die etwa in Augenhöhe angebrachten Verzierungen an den Säulenkapitellen. Einige sind nur geglättet worden. Vielleicht hatte man vor, Ornamentik anzubringen. An anderen Kapitellen erkennen wir immer wieder blattartige Muster. Es sind nicht nur Schmuckelemente, die mehr oder minder symmetrisch die Flächen füllen. Der großformatige Führer »Die evangelische Abdinghofkirche in Paderborn« (2) spricht von »akanthusartige(r) Pflanzensymbolik«. Die Internetseite »Symbol Attribut Allegorie« führt aus (3) dass Akanthus-Blätter schon seit der Antike in Gebäuden als weit verbreitetes Motiv anzutreffen sind. Irgendwie gelangte das Symbol »Akanthusblatt« aus Griechenland nach Europa und wurde gern im sakralen Bereich eingesetzt (4) »und zwar bevorzugt für Kapitelle im Chor einer Kirche, denn dieser birgt die Reliquien der Heiligen, denen die Auferstehung verheißen ist«.

Fotos 3 und 4: Akantusblätter an einem Säulenkapitell

Fotos 5 und 6: Akantusblätter an zwei Kapitellen

Bevor die Reliquien der Heiligen in den allgemein zugänglichen Bereich von christlichen Gotteshäusern gelangten, wurden sie in den Krypten verwahrt. So ruhte Bischof Meinwerk ursprünglich in seinem Sarkophag in der Krypta der Abdinghofkirche. Als das Abdinghofkloster anno 1803 aufgelöst wurde, brachte man die Reliquien Meinwerks in Sicherheit und transportierte den »Seligen« in seinem Sarkophag in die Busdorfkirche. Dort befindet er sich auch heute noch im »Hohen Chor«. Die Gebeine Meinwerks wurden 1936 im Dom zu Paderborn beigesetzt. Präziser: Geht man von der Krypta des Doms gen Westen, so gelangt man in den Vorraum zur Bischofsgruft. Dieser Vorraum wurde 1935 mit Mosaik ausgestaltet, zahlreiche christliche Symbole sind da zu sehen, von der Taube (»Heiliger Geist«) zum Kelch (»Abendmahl«).

F. 7: Meinwerks Grab
In der Mitte des in himmlischem Blau gehaltenen Vorraums zur Bischofsgruft wurden die Gebeine Bischof Meinwerks unter einer massiven steinernen Grabplatte beigesetzt. Es handelt sich bei dieser kunstvoll gestalteten Grabplatte um den Original-Deckel von Meinwerks Sarkophag.

Der Sarkophag selbst befindet sich heute in der Busdorfkirche von Paderborn: natürlich leer und abgedeckt mit einem schlichten Stein. Unter dem Dom zu Paderborn wartet »der selige Meinwere« auf die Auferstehung von den Toten.

Zum christlichen Auferstehungsglauben passt das Symbol des Akanthusblatts, das sich nicht nur an Säulenkapitellen in der Krypta der Abdinghofkirche findet, es ist auch am mysteriösen Paradiestor des Doms zu sehen. Die Akanthus-Pflanze ist im Mittelmeerraum beheimatet. Akanthus-Blätter zieren korinthische Säulenkapitelle etwa ab dem 5. Jahrhundert vor Christus. Wie gelangte das Blatt in christliche Baudenkmäler? Und wie wurde das Blatt zum Symbol für Auferstehung von den Toten?

»KUNSTDIREKT.NET« vermutet (4): »Akanthus: Die symbolische Bedeutung bezieht sich wahrscheinlich auf seine Stacheln; er zeigt an, daß eine schwierige Aufgabe vollendet gelöst wurde.« So kann man die Auferstehung von den Toten als schwierige Aufgabe verstehen, die vollendet gelöst werden muss, soll sie denn auch wirklich gelingen. Christlich ist diese Vorstellung allerdings nicht. Nach christlich-theologischem Weltbild kann der Mensch nur hoffen, dass er erlöst wird. Die Auferstehung wird ihm als ein Akt der Gnade geschenkt, selbst erarbeiten kann sich der Mensch nicht die Rückkehr aus dem Reich der Toten in das der Lebenden.

Foto 8: Christliches Symbol - der Pfau.

Christliches Symbol für die Auferstehung ist der Pfau, der im Vorraum zur Bischofsgruft im Dom zu Paderborn im kunstvollen Mosaik verewigt wurde. Ein stolzer Pfau blickt auf die letzte Ruhestätte Bischof Meinwerks herab. Christlichen Ursprungs ist der Pfau als Symbol aber nicht. Schon im »Alten Griechenland« hatte er religiöse Bedeutung. Er war der Göttin Juno heilig und wurde wegen seines Rades aus Federn, das der männliche Hahn schlägt, als Sonnensymbol angesehen. Die christliche Interpretation als Symbol für die Auferstehung geht auf den älteren Plinius (* 23 oder 24; † 25. August 79) zurück, der einst beschrieb, wie der Pfau im Herbst seine Federn verliert, die ihm im Frühjahr wieder wachsen. Gerd Heinz-Mohr schreibt in seinem »Lexikon der Symbole« (5): »Hier erblickten die Christen ein Symbol der Auferstehung des Leibes. Dazu kam die Erklärung des Kirchenvaters Augustinus, daß das Fleisch des Pfau unverweslich sei. In diesem doppelten Bezug stehen die überaus zahlreichen Darstellungen des Pfau auf Katakombenfresken, Sarkophagen, Reliefplatten, Grabstelen, Epitaphien, Mosaiken.«

Wir stehen vor dem Altar in der Krypta und blicken zur originalgetreuen Kopie von Bischof Meinwerks Grabplatte, die auf der anderen Seite des unterirdischen Raums an der Mauer steht. Direkt vor uns: die erste Reihe mit Kirchenbänken. Links von uns: die interessanteste Säule in der Krypta der Abdinghofkirche. Wir interessieren uns für das Kapitell dieser einen Säule. Je zwei Drachen befinden sich an jeder der vier Seiten des Säulenkapitells (Kapitell, abgeleitet vom lateinischen »capitellum«, zu Deutsch Köpfchen). Drachen in einer christlichen Kirche entsprechen so gar nicht dem christlichen Verständnis! Denken wir an den Heiligen Georg, der in unzähligen Kathedralen, Domen und Kapellen als wackerer Drachentöter dargestellt wird. Denken wir an den Erzengel Michael, der sich wie St. Georg als Drachentöter hervortat. Unverkennbar: der Drache gilt da als Symbol des Heidentums, der teuflischen Gefährdung, also als böse.

Fotos 9 und 10: Drachen an einem Säulenkapitell.

Christliche Heilige scheinen so manchen Drachen dahingemetzelt zu haben. Die Heilige Margareta von Antiochien (*unbekannt; † um 305 n.Chr.) war eine der wenigen weiblichen Drachentöter. Die Jungfrau und Märtyrerin rückte ihrem Drachen freilich nicht mit einem Schwert oder Spieß zuleibe wie ihre männlichen Kollegen. Sie ließ sich von so einem Untier verschlingen, machte das Kreuzzeichen im Inneren des Monsters, das daraufhin zerplatzte. Die Heilige Margareta überstand die blutige Prozedur im Gegensatz zum Drachen gänzlich unversehrt.

Margareta ließ sich nicht vom christlichen Glauben abbringen. Lieber wollte sie sterben. Sie wurde, wie einige Legenden überliefern, aufs Grausamste gefoltert und blieb dennoch standhaft, bevor sie Als Märtyrerin starb. Auf diese Weise überzeugte sie zahlreiche Heiden von ihrem Glauben. Sie ließen sich ebenfalls taufen, wurden Christen.

Wir müssen uns fragen: Wieso finden sich dann in der Krypta, also dem ursprünglich Allerheiligsten, wo die Reliquien der Heiligen ruhten, gleich acht Drachen, an den vier Seiten eines Säulenkapitells sichtbar für alle angebracht?

Foto 11: Die Abdinghofkirche
Am ehesten lassen sich die Drachen in der Krypta meiner Meinung nach mit Schlangendrachen in sumerischen Darstellungen vergleichen, die bereits Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends v.Chr. auftauchen. Es sind lokale Götter, die im dritten Jahrtausend v.Chr. in mesopotamischen Texten als Drachentöter beschrieben werden. Fazit: Götter wie Helden töteten Drachen, schon Jahrtausende vor Entstehung der biblischen Texte.

Die Verfasser des apokryphen »Evangeliums des Pseudo-Matthäus« waren offensichtlich enttäuscht vom Evangelium nach Matthäus, fällt doch die Schilderung der Flucht von Maria und Joseph nebst Baby nach Ägypten recht knapp aus. Was mochte sich auf der Flucht nach Ägypten abgespielt haben? Und siehe da: Der apokryphe Text ist sehr viel ausführlicher und inhaltsreicher. Es kam demnach zu einer dramatischen Begegnung mit gefährlichen Drachen. Maria und Josef mit dem Jesusbaby und drei weitere Knaben sowie ein Mädchen suchten auf der gefährlichen Reise Unterschlupf in einer Höhle. Auf einmal (7) »krochen mehrere Drachen hervor, und bei ihrem Anblick schrien die Kinder laut vor Entsetzen. Da sprang Jesus von Marias Schoß und richtete sich auf vor den Drachen, die aber beteten ihn an.« Auch hier gelten Drachen als gefährlich, aber sie unterwerfen sich dem Jesus-Baby.

Niemand vermag zu sagen, wieso an einem Säulenkapitell in der Krypta der Abdinghofkirche viermal zwei, also acht Drachen zu sehen sind. Und nirgendwo ist dokumentiert, was diese Drachen zu bedeuten haben!

Fußnoten
(1) Die Lebensdaten von Friedrich Stuhlmüller konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Er soll bis in die 1980er Jahre ein Atelier in Hamburg geführt haben. Kunstobjekte Stuhlmüllers erfreuen sich bei Sammlern großer Beliebtheit.
(2) Ev:-Lutherische Kirchengemeinde Paderborn/ Pfarrer Dr. Eckehard Düker (Hrsg.): »Die evangelische Abdinghofkirche in Paderborn«, Paderborn 2011, keine Seitenzählung.
(3) http://baseportal.de/cgi-bin/baseportal.pl?htx=/Peter_Eckardt/Symbole&_fullsearch~~franz+otto+erich+k%FChl+geb.+am+14.09.1904&fullsearch_range=259,500000
(4) http://www.kunstdirekt.net/Symbole/symbole/sonstige.htm Stichwort »Akanthus« (Stand 23.09.2018)
(5) Heinz-Mohr, Gerd: »Lexikon der Symbole«, Stichwort »Der Pfau«, München 1988, S. 236 f. (Hinweis Rechtschreibung wurde nicht der Rechtschreibreform angepasst!)
(6) Daniel-Rops, Henri: »Die apokryphen Evangelien des Neuen Testaments«, Zürich 1952, S. 51-63
(7) ebenda, S. 59 ff.

Foto 12: Akanthusblätter in der Krypta

Zu den Fotos
Foto 1: Blick in die Krypta vom Altar aus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Mysteriöse Krypta unter der Kirche. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Akantusblätter an einem Säulenkapitell.Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Akantusblätter an zwei Kapitellen. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Meinwerks Grab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Pfau - christliches Symbol für Auferstehung von den Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Drachen an einem Säulenkapitell. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Abdinghofkirche hat so manches Geheimnis. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Akanthusblätter in der Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 13: Drachenmotiv nach einem Fund in Worms. Rekonstruktion und Fotomontage Walter-Jörg Langbein

Foto 13: Drachenmotiv, nach einem Fund in Worms

463 »Böse Drachen, gute Drachen«,
Teil 463 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.12.2018


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Sonntag, 21. September 2014

244 »Die Krypta, die selbst Bomben trotzte«

»Die Krypta, die selbst Bomben trotzte«,
Teil 244 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Abdinghofkirche »St. Peter und Paul«.
Foto W-J.Langbein

»Es war wie eine Monstermauer aus Feuer, die sich über Dom, Kirchen und Häuser senkte!«, erinnerte sich der alte Herr an die schweren Bombenangriffe auf Paderborn vom 17. Januar, 22. März und 27. März 1945. »85 Prozent der Innenstadt waren zerstört! Dom und Kirchen waren stark beschädigt! Unzählige Menschen kamen ums Leben, auch einige Ministranten im Dom!«

Arthur Harris, 1942 zum Chef des »Bomber Command« ernannt, wollte offenbar sein Konzept »moral bombing« bis zum Ende des Kriegs verwirklicht sehen. Vorrangig galten Großstädte als Ziel der englischen Bomberverbände, die die Moral der Zivilbevölkerung brechen sollten. Allerdings war Paderborn auch in den letzten Wochen des Krieges keine Großstadt, sondern eher ein ländliches Städtchen mit gut erhaltenen mittelalterlichen Häuschen, bedeutsamen Kirchen und dem Dom.

Vom kleinbürgerlichen Paderborn blieb so gut wie nichts übrig. Die wenigen bescheidenen Häuschen, die die Massenbombardierung wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hatten, wurden in den Jahren nach dem Krieg abgerissen. Sie mussten hässlichen Neubauten weichen. Und betrachtet man Fotos von Dom und Kirchen, so ist man entsetzt über die massiven Schäden und staunt, wie gut die altehrwürdigen Gotteshäuser wieder restauriert werden konnten.

Die Abdinghofkirche. Foto Langbein
So makaber es klingen mag, in jenen Tagen der Bombenangriffe, als der Krieg längst entschieden war, gab es nur einen sicheren Ort in der Kreisstadt Paderborn, im Osten von Nordrheinwestfalen gelegen: die Krypta der »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«. Das doppeltürmige Gotteshaus sollte Teil eines Konzepts werden, das aber nie ganz verwirklicht werden konnte. Bischof Meinwerk von Paderborn (1009 bis 1036 n.Chr.) schwebte ein riesiges Kreuz vor. Den Dom ließ er als Mittelpunkt errichten. Vier Kirchen sollten die Endpunkte des Kreuzes markieren. Es konnten aber nur »St. Peter und Paul« im Westen und »St. Peter und Andreas« im Osten vollendet werden. Nach dem frühen Tod des Bischofs wurde das Konzept aufgegeben und nicht weitergeführt. So entstand nicht das riesige Kreuz von Paderborn, dessen markante Punkte möglicherweise auf uraltem sakral-heidnischen  Boden errichtet werden sollten.

Quellen galten schon Jahrtausende vor dem Christentum als heilig. Quellenkulte waren, so konstatiert das »Lexikon Alte Kulturen« (1) »eine der ältesten Erscheinungen der Religionsgeschichte«. Die ältesten Quellheiligtümer waren Wohnsitze von Göttern und Geistern. Paderborns Quellen – es sollen einst hunderte gewesen sein – dürften zu keltischen Zeiten von Verehrern des Quellgeists Nemausus frequentiert worden sein. Ist es ein Zufall, dass die Abdinghofkirche hoch über uralten Quellen errichtet wurde? Gott Poseidon, so überliefern es uralte Mythen und Sagen, stieß seinen Dreizack in die Erde… und schon sprudelte eine Quelle. Wen wundert es da, dass unweit von der »Abdinghofkirche St. Peter und Paul« ein »Poseidonbrunnen« sprudelt.

Der Neptunbrunnen von Paderborn. Foto W-J.Langbein

»Welche heidnischen Gottheiten sind denn wohl hier in vorchristlichen Zeiten verehrt worden?«, wollte ich von einem Mönch am »Poseidonbrunnen« wissen. Ich fürchte, dass ich mit meiner Frage den frommen Mann verärgert habe. Hatte er doch eben noch seine bloßen Füße in das kühle Nass gehalten, so bereitete er nach meiner unschuldig gestellten Frage rasch seinen Rückzug vor. Er zog die Füße rasch aus dem Brunnen. Die hochgeschobene Kutte wurde hastig wieder gesenkt, Strümpfe wurden angezogen und zu guter Letzt wurden Sandalen angelegt. Gleichzeitig hatte der Mönch scheinbar jegliche Lebensfreude und Heiterkeit wieder abgelegt. Mir schien, als habe er sich geschämt, weil er sich von mir beim lustigen Fußbad im Brunnen ertappt fühlte.

»Paderborn ist seit über einem Jahrtausend eine christliche Stadt! Wühlen Sie nicht im Heidentum! Besinnen Sie sich der christlichen Ursprünge von Paderborn! Wissen Sie denn, welch‘ wichtige Rolle der ›Heilige Liborius‹ für Paderborn gespielt hat?«, sprach er nun mahnend und ernst. Ich nicke. »Er hat das Liborius-Fest begründet! Wir feiern es ja noch heute vom 24. Juli bis zum 8. August!«, gab ich zur Antwort.


St. Liborius.
Foto Langbein
Eine Million »Pilger« zieht es alljährlich nach Paderborn zum Liborius-Fest. Freilich, so vermute ich, locken eher die Bier- und Imbissbuden, ein gewaltiges Riesenrad und allerlei sonstiger Jahrmarktsrummel in die altehrwürdige Stadt, weniger die angeblichen Gebeine des »Heiligen Liborius«.  140 Schausteller und 150 Marktstände auf dem »Pottmarkt« buhlen seit vielen Jahren um die Gunst der zahlungswilligen Kundschaft. Karussells dudeln kreisend, die »Schlemmermeile Plaza Europa« sorgt dafür, dass heutige Besucher auf stilvolle Weise gesättigt werden. Die Gebeine werden zum Fest vom Dom aus über den Jahrmarktsplatz durch die Straßen getragen, natürlich standesgemäß in einem wertvollen, goldenen Schrein! Ob sich der Heilige allerdings in diesem Ambiente wohlfühlen würde? Ich wage das zu bezweifeln! »Ich habe mich mit dem ›Heiligen Liborius‹ beschäftigt!«, erklärte ich »meinem Mönch« vom »Poseidon-Brunnen«.  Der Mann in der Kutte setzte sich wieder auf den Brunnenrand. »Eine Delegation von Geistlichen ist damals nach Le Mans gereist und hat vom dortigen Bischof Reliquien erhalten, auch solche vom ›Heiligen Liborius‹. Über Chartres und Paris gelangten sie an den Rhein, dann nach Sachsen und kamen am 28. Mai 836 nach Paderborn! Sie fanden einen Platz im Dom!«

 So ist es in theologischen Geschichtsbüchern überliefert. So wird es wohl auch gewesen sein! Fakt ist: Gegen Ende des 8. Nachchristlichen Jahrhunderts hatte Karl der Große offiziell mit seinen Truppen über das Heidentum obsiegt. Damals herrschte rege Nachfrage nach Reliquien, denen offenbar auch in heidnischen Kreisen Zauberkräfte nachgesagt wurden. Als besonders wirksam sollen die Gebeine des ›Heiligen Liborius‹ gegolten haben!

Die Buden fürs Liboriusfest werden aufgebaut.
Foto Langbein

»Mein« Mönch nickte zufrieden. »Und wie haben die die Geistlichen den Weg gefunden?«, wollte er von mir wissen. Natürlich war mir auch die fromme Legende vom Pfau bekannt, der angeblich den Geistlichen vorausgegangen sein soll, bis nach Paderborn! Da müssen die Kirchenmänner aber recht bedächtigen Schritts die Reise nach Hause zurückgelegt haben. »Beschäftigen Sie sich lieber mit der frommen Überlieferung  vom Pfau als mit heidnischem Unglauben!«, gab mi der nun wieder milde gestimmte Mönch auf den Weg. »Heidenbräuche führen in die Irre, lenken vom rechten Pfad ab! Sie führen, wenn in die Hölle!« Das versprach ich dem Mönch. Ich recherchierte in Sachen Pfau und kam dabei, wieder einmal, auf »heidnische Pfade«!

Auf der griechischen Insel Samos hielten die Priester der Göttin Hera Pfauen. Pfauen waren der Hera geweiht. Wer aber war Hera? Hera wurde in vorhellenischen Zeiten als Rhea verehrt und angebetet, als die »Große Mutter«. Ihre ältere Vorgängerin war Erua, die Königin, die in Babylon Wächterin über die Geburten war. In Irland stieß ich auch auf Hera, freilich wiederum unter anderem, wenngleich auch ähnlichem Namen: »Lady Eire«. Gelangte »Lady Eire« mit Missionaren aus Irland nach Deutschland, vielleicht auch in die Region von Paderborn? Brachten diese frühen Missionare den Pfau als göttliches Symboltier mit? Wie dem auch sei:


Das berühmte »Drei-Hasen-Fenster« des Doms.
Foto W-J.Langbein

Wenn Sie nach Paderborn kommen, sollten Sie unbedingt den Dom besuchen und das berühmte Drei-Hasen-Fenster« in Augenschein nehmen. Zwei Gehminuten davon entfernt steht ein wunderschöner Springbrunnen…. mit einem kunstvoll gestalteten Pfau! Doch kehren wir noch einmal zu Hera mit den Pfauen zurück! Barbara G. Walker macht uns in ihrem Lexikon »Das Geheime Wissen der Frauen« auf die alte weibliche Trinität aufmerksam (2):

»Hera war ursprünglich eine weibliche Trinität, die aus Hebe, Hera und Hekate – Neumond, Vollmond und Halbmond – bestand. Andererseits verkörperte sie die Jungfrau des Frühlings, die Mutter des Sommers und die zerstörerische Alte.«

Wichtig für den »Hera-Kult« waren heilige Quellen. Hera durchlief, so Barbara G. Walker durch das Bad in ihrer heiligen Quelle unendliche Zyklen. Im Frühling war sie Jungfrau, im Sommer gebar sie und im Herbst/ Winter agierte sie als zerstörerische Alte. Durch das Bad in der heiligen Quelle wurde sie wieder zur Jungfrau,  ein neuer Zyklus konnte beginnen.

Der Pfau als Symboltier wurde von den Römern übernommen. Im 2. Jahrhundert v. Chr.  wurde auch der Pfau als heiliger Vogel der Göttin Juno, Göttin der Geburt, Königin der Göttinnen, zugeordnet (3). Und schließlich tauchte der Pfau in der frühchristlichen Kunst wieder auf, als Symbol des Paradieses und der Auferstehung.

Im heutigen Volksglauben wird Maria, die Mutter Jesu, immer mehr zur Himmelskönigin. Maria spielt im Neuen Testament eine eher untergeordnete Rolle. Sie hat Jesus zu gebären, weitere Informationen finden sich kaum noch über sie. Im heutigen Katholizismus aber steigt ihre Bedeutung immer mehr. Nach Jesus wurde – so besagt es der katholische Glaube heute – in den Himmel aufgenommen. Es war Papst Pius XII., der am 1. November 1950 das Dogma von der leibhaftigen Aufnahme Marias in den Himmel festlegte: 

Im Dom zu Paderborn.Foto Langbein
 »Wir verkünden, erklären und definieren es als ein von Gott geoffenbartes Dogma, dass die Unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.« Das war der erste Schritt zur Vergöttlichung Marias. Mit ihrer Aufnahme in den Himmel wurde sie zu einer Himmelskönigin. In der »heidnischen« Welt war die Erhebung einer irdischen Frau zu einer himmlischen Göttin bekannt. Man bezeichnete diesen Wandlungsprozess, um das profane Wort »Beförderung« zu vermeiden, als Apotheose. Und bei den Römern gab es ein Symbol für diese Apotheose. Es war – wir ahnen es bereits – der Pfau!

Die Aufnahme Marias, die auch im Dom zu Paderborn verherrlicht und angebetet wird, in den Himmel war nach »heidnischem« Verständnis ihre Vergöttlichung, was die christliche Theologie – evangelisch wie theologisch – natürlich empört bestreitet.

Nach christlicher Interpretation, die sich natürlich vom Heidentum grundlegend unterscheiden muss, hat Maria lediglich ein Stadium erreicht, das jeden frommen Christen dereinst nach dem Tag des »Jüngsten Gerichts« erwartet. Im Volksglauben allerdings ist Maria schon sehr viel mehr als ein gen Himmel gefahrener Mensch, wie das wichtige Werk von Marie-Louise Gubler über Maria, erschienen im »Katholischen Bibelwerk«, beweist! Der Titel fasst letztlich zusammen, was im Heidentum als Apotheose – Aufstieg von irdischer Frau zur Göttin – bezeichnet wurde: »Maria  – Mutter – Prophetin – Himmelskönigin«. Himmelsköniginnen waren, und das Jahrtausende vor Christi Geburt, ganz besonders wichtige Göttinnen!

Man mag Christ sein oder nicht, man mag einer Religionsgemeinschaft angehören oder nicht: Gotteshäuser wie der Dom zu Paderborn oder die »Abdinghofkirche St. Peter und Paul« sind Inseln der Ruhe und Besinnung in unserer immer lauter, immer hektischer werdenden Welt. Und wenn man gar die Krypta unter dem Dom oder unter der »Abdinghofkirche St. Peter und Paul« besucht, fühlt man sich auf geheimnisvolle Weise sicher und geborgen.

Der Pfau in der Krypta des Doms. Foto W-J.Langbein

Die Krypta unter dem Dom zu Paderborn sei, so sagte mir ein Geistlicher im Dom in schöner »Bescheidenheit«, jüngeren Datums und in ihrer jetzigen Form »erst seit 1100 existent«, also seit nur rund 900 Jahren. Die schlichte Krypta gilt als »Grablege des Liborius«. Und hier begegnet uns wieder…. Der Pfau, Symboltier der Hera. Auf einen Besuch in den beiden Krypten sollten Sie als Besucher in Paderborn auf keinen Fall verzichten!

Leider überschattet der gewaltige Dom – im übertragenen Sinn – eine Reihe von nicht minder interessanten Kirchen von Paderborn, zum Beispiel die »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«, nur wenige Meter vom allgegenwärtigen Dom entfernt!

Auch sie geht auf Bischof Meinwerk von Paderborn (1009-1036 n.Chr.) zurück! 1023 wurde die Krypta geweiht, nachdem die tonnenschwere Decke des Chorraums eingestürzt war. Heute, fast ein Jahrtausend später, kann man die Krypta nach wie vor besuchen.

Das massive Mauerwerk trotzte sogar den Bomben der Engländer. Und sie wird vermutlich auch in Jahrtausenden noch bestehen, selbst wenn es die Kirche darüber längst nicht mehr geben sollte!


Fußnoten

1) Brunner, Hellmut et.al. (Hrsg): »Lexikon Alte Kulturen«, Band 3, Mannheim 1993, S. 228, linke Spalte unten und rechte Spalte oben
2) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 367 und 368
3) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 145
4) Gubler Mari-Louise:  »Maria  – Mutter – Prophetin – Himmelskönigin«,  Katholisches Bibelwerk e.V., Stuttgart 2008


Die Krypta, die selbst Fliegerbomben standhielt.
Foto Archiv Langbein



»Maria und die Schlange«
Teil 245 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.09.2014


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