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Sonntag, 20. Dezember 2020

570. »Drei Schlüssel zur Welt hinter dem Fels«

Teil 570 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
 


Elise Gleichmann (* 12. August 1854 in Kulmbach; † 9. Juli 1944 ebenda) war, so verrät ein knapp gefasster Wikipedia-Artikel (1), »eine in der Region Kulmbach tätige Mundartdichterin, Volkskundlerin und Sagensammlerin«. Elise Gleichmann, Tochter des Kulmbacher Bürgers und Bierbrauers Johann Georg Friedrich Hollweg, heiratete anno 1873 in Kulmbach den Forstgehilfen Gustav Gleichmann, der schließlich zum Förster befördert wurde.

Foto 1: Die Burgruine Nordeck im Winter (Ausschnitt).
Foto 1: Die Burgruine Nordeck im Winter (Ausschnitt).

Elise Gleichmann hat einen ganz besonderen Schatz entdeckt, den die meisten ihrer Zeitgenossen gering achteten: die oberfränkischen Volkssagen. Wie die Gebrüder Jacob Grimm (*1785; †1863) und Wilhelm Grimm (*1786; †1859) sammelte Elise Gleichmann systematisch Sagen aus ihrer fränkischen Heimat. Sie stöberte nicht in Bibliotheken. Sie ließ sich von unzähligen »alten Frauen« oberfränkische Volkssagen erzählen und notierte alles. Viele Sagen hielt sie im fränkischen Dialekt fest, andere erzählte sie in Hochdeutsch nach. Mit 55 Jahren wurde Elise Gleichmann Witwe. Franz Karl Freiherr von Guttenberg, renommierter Heimatforscher seiner Zeit, kannte ihre Sammelleidenschaft. Er bestärkte die Försterwitwe. Mit Feuereifer intensivierte sie ihr Hobby und legte ein kostbares Archiv an. Rund tausend Sagen konnte sie schriftlich fixieren.

Bereits 1927 erschien ein Bruchteil der von ihr gesammelten Sagen in einem nur 240 Seiten umfassenden Bändchen (2). Es wäre wünschenswert, die von Elise Gleichmann zusammengetragenen Sagen komplett zu veröffentlichen. Im Stadtarchiv zu Kulmbach gibt es einiges an Material. Dort wird auch die handschriftliche Autobiographie von Elise Gleichmann aus dem Jahr 1937 aufbewahrt. »Die Ährenkönigin« (3) ist eine interessante Sage, die von einer mysteriösen Welt jenseits eines Portals im Fels berichtet.

Foto 2: Burgruine Nordeck Bergfried, aus nördlicher Richtung.


Die geheimnisvollen Ereignisse, von denen die Sage zu berichten weiß, fanden in der »Johannisnacht« statt. Am »Johannistag« (auch »Johanni«, »Johannisfest« und »Johannestag« genannt) feiert man in der katholischen Kirche das »Hochfest der Geburt Johannes’ des Täufers«. Den Termin, 24. Juni, hat die katholische Kirche gewiss nicht zufällig festgelegt. Zwischen dem 20. und dem 22. Juni zelebrierte die heidnische Welt die »Sommersonnwende«, und das nicht unbedingt als Fest der Freude. Erreicht doch zur Sommersonnwende die Sonne die größte Mittagshöhe über dem Horizont. Von da an geht es erst einmal »bergab«. Die Sonne sinkt, verliert an Kraft. Hebst und Winter nahen. Die Natur scheint im Winter zu erstarren, ja zu sterben. Aufwärts geht es erst wieder zur Wintersonnwende. »Altes und neues Wissen zum Jahreskreis« klärt auf (4):

»Die Wintersonnwende ist eine der heiligsten Sonnenfeiern und findet am 21. Dezember statt. Sie bezeichnet die tiefste Nacht des Jahres – wird deswegen auch Mutternacht, althochdeutsch Modranecht, genannt. In dieser Nacht gebiert die Göttin tief in der finsteren Erde in der stillsten aller Stunden das wiedergeborene Sonnenkind. Diesen Mythos können Sie in allen Kulturen der Welt wiederfinden. Am deutlichsten manifestiert ist es bei uns in Weihnachten und dem Christuskind. Weihnacht ist ja nichts anderes als Weihenacht, ist gleich geweihte Nacht. Oder wie in vielen Weihnachtsliedern besungen ›Heilige Nacht‹.« Zurück zur »Johannisnacht«. Von geradezu magischer Bedeutung war auch im christlichen Abendland die »Johannisnacht«, die Nacht vor dem »Johannistag«. Heidnischen Ursprungs mögen auch von der christlichen Kirche nicht unbedingt gern gesehene Bräuche wie der »Tanz um das Johannisfeuer« (5) sein.

An heidnische Feste, die zu Ehren von Sonnengottheiten ausgerichtet wurden, erinnern auch heute noch die »Sonnenfeuer« in der »Johannisnacht«. Geduldet wurden »christliche« Sonnwendfeste in der »Johannisnacht« schon im 12. Jahrhundert. Vom 14. Jahrhundert an gehörten Feiern mit prasselnden Johannisfeuern zum christlichen Brauchtum. Zurück zur Sage »Die Ährenkönigin« (6): »Einst ging in der Johannisnacht ein junger Mann an der Burgruine Nordeck vorüber, die vom Mondlicht hell beleuchtet dalag.« »Burg Nordeck« wurde um das Jahr 1100 von den Grafen von Henneberg erbaut. Anno 1151 erwarben Steinach (heute Stadtsteinach) und Bischof Eberhard II. von Bamberg das stattliche Bauwerk. Die Burg wurde rund drei Jahrhunderte später, anno 1438, im Kleinkrieg der Waldenfelser gegen den Bischof von Bamberg gestürmt und verwüstet. Im Bauernkrieg von 1525 wurde sie niedergebrannt.

Erhalten ist bis heute die »Burgruine Nordeck«. Sie ist frei zugänglich und kann besucht werden. Wer sich vor Ort umschauen möchte: Die Ruine, bestehend aus den Resten eines runden Wohnturmes, eines Gefängnisturmes und einiger Grundmauern, ist nordöstlich von Stadtsteinach im oberfränkischen Landkreis Kulmbach in Oberfranken leicht zu finden. Das einst imposante Bauwerk wurde soweit möglich 2014 generalsaniert. Besonders eindrucksvoll ist der runde Bergfried, aus nördlicher Richtung betrachtet. Wie eine Illustration aus einem zauberhaften Märchenbuch zeigt sich die Ruine im Winterschnee. Dann könnte man meinen, als sei die stolze Burg vor Jahrhunderten in der Zeit stehengeblieben. Ein Besuch vor Ort kommt mir wie eine Zeitreise in eine rätselhafte Vergangenheit vor.

Folgen wir der Sage »Die Ährenkönigin«, so wie sie Elise Gleichmann verewigt hat. Der junge Mann vernahm unweit der Burgruine Nordeck »die Töne eines Volkslieder, von Lautenspiel begleitet«. Der Wanderer »lauschte dem herrlichen Gesang«. Das Lied verstummte. Kurz darauf erschien eine wunderschöne junge Frau. Sie schritt auf drei Lilien zu, pflückte die herrlichen Blumen. Weiter ging die Frau. Sie kam an einem Felsen an. Eine der Lilien öffnete den Fels (7) »und ein kristallenes Schloß von ungeahnter Pracht bot sich dem entzückten Beschauer. Zum Öffnen des Schloßtores diente die zweite Lilie, worauf die Schloßherrin mit der dritten die Schloßtüre öffnete und hinter der zufallenden Türe verschwand. Dann war der große Fels wieder geschlossen und unbewegt und alles wie vorher.«

Reichlich spät fiel dem jungen Mann eine Erzählung seines Großvaters ein. Demnach wuchsen jedes Jahr in der Johannisnacht drei Lilien bei der Burgruine Nordeck. Nur ein Sonntagskind konnte die mysteriösen Blumen finden und mit ihrer Hilfe in das geheimnisvolle Schloss hinter der Felswand gelangen. Im Schloss der Ährenkönigin, so erzählt Hans Seiffert weiter, lagen »unermeßliche Schätze«. Wenn die Glocken Mitternacht verkündeten musste man sich sputen und spätestens beim zwölften Glockenschlag wieder im Freien sein, sonst würde man als Gefangener gehalten.

Der junge Mann war freilich kein gewöhnliches Sonntagskind, er war an einem »goldenen Sonntag« (8)  geboren. Ein Jahr später wanderte er wieder zur Burgruine Nordeck hinauf und suchte sein Glück mit der Prinzessin. Ob er es fand? Offenbar. Hans Seiffert erzählt, dass der junge Mann, an inzwischen vertrauter Stelle die drei Lilien vorfand. Mit diesen drei »Schlüsseln« gelangte er durch das geheimnisvolle Felsentor in das Reich der Ährenkönigin, die ihn bereits am Schlosstor erwartete.

Bei Elise Gleichmann endet die Sage so. Wir erfahren, dass der junge Mann nicht in seine alte Welt zurückkehrte (9): »Er blieb verschollen. Nie mehr kehrte er zurück: aber viele Jahrzehnte hindurch hat man die Nordeck in der Johannisnacht gemieden.« 

Drei Lilien dienten als Schlüssel: für den Fels, das Schloss-Tor und eine Schloss-Tür. Die Lilie erlebte als Symbol einen erstaunlichen Wandel (10): »Obwohl sie im Mittelalter ein Symbol des Heidentums war, wurde sie später, ebenfalls aufgrund ihrer unwiderstehlichen Schönheit, als Symbol für Reinheit, Tugend und Fruchtbarkeit, sowie Jungfräulichkeit angenommen. Häufig kann man sie in christlicher Malerei im Zusammenhang mit der Jungfrau Maria entdecken.«

Wurde die weiße Lilie zunächst auf Maria, die »Gottesmutter« übertragen, so machte man sie schließlich zum Symbol des Erlösers Jesus. In den sechs Blütenblättern der weißen Lilie sahen fantasiebegabte Interpreten einen Hinweis auf die Zahl 3, also auf die »Heilige Dreifaltigkeit«. Tatsächlich ist die Lilie tief im Heidentum verwurzelt. Der Legende nach saugte der heroische Held Herkules an den Brüsten der göttlichen Juno alias Hera, die den Olymp beherrschte. Auf diese Weise wollte Herkules unsterblich werden. Der Legende nach fielen einige der Milchtropfen auf den Erdboden. Daraus wurde die Lilie, die deshalb auch »Rose der Juno« und »die göttliche Blume« genannt wurde. Auch im Nahen Osten war die Lilie göttlich. Sie war die heilige Blume der göttlichen Ishtar, der Göttin der Schöpfung. Bei den »Alten Römern« galt die Lilie als eines der Symbole der Göttin Venus. Keine Frage:

Die Lilie war in heidnischen Zeiten die Blume der Göttin, das Christentum machte aus ihr das Symbol der Jungfrau Maria. In so manch christlich-sakraler Darstellung sehen wir den Erzengel Gabriel bei der Verkündung von Jesu Geburt. Während er Maria mitteilt, dass sie ein Kind gebären wird, überreicht er ihr eine Lilie. Aus der Blume der Göttin Venus ist im Mittelalter die Lilie der keuschen, jungfräulichen Maria geworden. Und in der Sage »Die Ährenkönigin« öffnet die Lilie eine Felswand, hinter der sich ein mysteriöses Schloss verbirgt. Mit der Lilie kann man in der Johannisnacht in das Schloss gelangen, das der »Ährenkönigin« gehört. Der Fels, der sich öffnet, erinnert uns an das Mysterium der Pforten, die durch den Stein hindurch in eine andere Welt führen. 

In unserer Zeit kennen wir solche Tore als »Stargates«, als »Sternentore«, durch die man von einer in eine – womöglich unfassbar weit entfernte – Welt gelangt. Im Science-Fiction-Film des deutschen Regisseurs Roland Emmerich aus dem Jahr 1994 »Stargate« reisen eine Gruppe von Militärs und ein Archäologe mit Hilfe eines antiken ägyptischen Tores durch ein Wurmloch auf einen weit entfernten Planeten. Dort greifen sie ein und helfen einen »falschen Gott« zu stürzen. »Stargate«, der Kinofilm, wird in den Fernsehserien »Stargate – Kommando SG-1«, »Stargate Atlantis« und »Stargate Universe« weitergeführt. Die Zeichentrick-Serie »Stargate Infinity« baut ebenfalls auf dem Kinofilm auf.


Foto 3: Burgruine Nordeck im Winter.

In der Legende aus der Kulmbacher Region geht es friedlicher zu. Mit etwas Glück kann ein besonderes männliches Sonntagskind, geboren an einem »goldenen Sonntag«, das zur rechten Zeit am rechten Ort drei Lilien entdeckt und als Schlüssel nutzt, »Die Ährenkönigin« in ihrem kristallenen Schloss hinter einem Felsentor besuchen und heiraten.

Fußnoten 
(1) »Elise Gleichmann«, https://de.wikipedia.org/wiki/Elise_Gleichmann (Stand 06.09.2020) 
(2) »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927 
(3) »Die Ährenkönigin«, Ebenda, Seiten 191-193 (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!) (4) »Wintersonnenwende - Alban Arthuan (keltisch) - Jul-Fest - Mutternacht – Weihnacht« https://www.jahreskreis.info/files/wintersonnenwende.html (Stand 6.9.2020) 
(5) Woll, Johanna, Merzenich, Margret und Götz, Theo: »Alte Festbräuche im Jahreslauf«, Stuttgart 1991, S. 64–65. 
(6) »Die Ährenkönigin« in »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927, Seite 191, 11.-9. Zeile von unten (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!) 
(7) Ebenda, Seite 192, 8.-14. Zeile von oben (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!) 
(8) »Goldener Sonntag«: Der erste Sonntag nach Pfingsten heißt Trinitatis oder Dreifaltigkeitssonntag, auch goldener oder großer Sonntag. Die drei Sonntage nach Michaelis nennt man goldene Sonntage. »Michaelis«: volkstümliche Bezeichnung des Festes des »Heiligen Michael« am 29. September. 
(9) »Die Ährenkönigin« in »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927, Seite 193, 5.-7. Zeile von oben 
(10) »Die Bedeutung der Lilie – Warum sie steht, wofür sie steht«, »Colvinpedia«, 14. Juni 2019. (Stand 6.9.2020) 

Zu den Fotos 
Foto 1: Die Burgruine Nordeck im Winter (Ausschnitt). Foto wiki commons/ Benreis. Die vorzügliche Aufnahme entstand am 17. Januar 2016 
Foto 2: Burgruine Nordeck Bergfried, aus nördlicher Richtung. Foto wiki commons/Sven-121 
Foto 3(Ausschnitt von Foto 1): Burgruine Nordeck. Foto wiki commons/ Benreis 
 
Meine Empfehlung...
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571. »Jung und schön wie eine Königin«, 
Teil 571 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
von Walter-Jörg Langbein, erscheint am 27. Dezember 2020 

Sonntag, 29. April 2018

432 „Das Leuchten in der Gruft“

Teil  432 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Dom zu Paderborn
Im Nachtzug von Rom nach München kam ich vor Jahren mit einem italienischen Geistlichen ins Gespräch. Der freundliche Herr mit Rauschebart kannte sich erstaunlich gut in meiner Wahlheimat, dem Weserbergland, aus.

Zunächst schwärmte er von der Kilianskirche zu Lügde. »Wenn sie bei Nacht angeleuchtet wird, dann erahnt man, dass sie Geheimnisse hat. Sie wurde auf einer Kapelle errichtet, erklärte mir der Geistliche, die ihrerseits auf einem heidnischen Quellheiligtum gebaut wurde. Noch vor wenigen Jahren habe es unter der Kilianskirche eine einst heilige Quelle gegeben. »Inzwischen ist sie versiegt!«

Ich habe die Kilianskirche mehrfach bei Nacht besucht. Sie scheint dann förmlich von innen heraus zu leuchten, zu glühen. Karl der Große soll hier Weihnachten gefeiert haben, anno 784.

An der Südseite des östlichen Jochs ist noch eine alte Bemalung zu erkennen. Eva mit Lebensbaum. Am besten sieht man Eva nebst Baum mit Schlange, wenn man sich auf den Boden legt und mit einem guten Teleobjektiv die kleine geheimnisvolle Malerei. Eva hat eine Hand kess gegen ihre Hüfte gestemmt. Sie spricht mit der Schlange am »Lebensbaum«. Der unbekannte Maler hat die bekannte Szene aus dem Buch Genesis in einen Sternenhimmel verlegt.

Foto 2: Eva, der Lebensbaum mit Schlange und Sterne

Das Motiv des »Lebensbaums« ist uralt. Im alten Indien wie in Mesopotamien kannte man ihn. Er verband die Unterwelt mit dem Himmel, wo die Götter lebten. Ab dem 3. Jahrtausend v.Chr. stellte man den Lebensbaum in der Region des heutigen Afghanistan auf Siegeln und Amuletten dar. Bei Ausgrabungen auf dem »Goldenen Hügel« im Norden Afghanistans wurden 1978 sechs Gräber entdeckt, die zu Jesu Lebzeiten angelegt wurden. 20.000 Schmuckstücke wurden geborgen und sorgfältig restauriert. Immer wieder kam auch das Lebensbaum-Motiv zum Vorschein. Während des Afghanistan-Krieges verschwand dieser außergewöhnliche Schatz spurlos und galt als verloren. 2004 tauchte er wohlbehalten wieder auf.

Vor vielen Jahren, so berichtete mir mein Gesprächspartner im Zug, habe er zunächst die Kilianskirche in Lügde, dann den Dom zu Paderborn besucht. „Hat man denn inzwischen den Brunnenschacht zu den unterirdischen Räumen unterhalb des mächtigen Gotteshauses gefunden?“, fragte er mich in fast fehlerfreiem Deutsch. Weitschweifig erzählte er von einem angeblichen „Brunnenschacht“ aus „heidnischen Zeiten“. 

Der Gottesmann rezitierte eine alte Volkssage, in der von einem Brunnenschacht die Rede ist, der zu unterirdischen Räumen tief unter dem Dom führt. Nur mit Magie sei es möglich gewesen, das Wasser im Brunnen vorübergehend zum Versiegen zu bringen und über eine Treppe im Schacht hinab in die „Unterwelt“ zu steigen. Eine Tür würde dann zu Räumen führen, in denen unermessliche Schätze lagerten. Vor allem, so der Priester in ernstem Ton, seien die unterirdischen Räume stet erleuchtet. Eine geheimnisvolle Lampe spende seit vielen Jahrhunderten Licht. Die Sage vom Brunnenschacht konnte ich tatsächlich verifizieren.

Josef Seiler (*1823; †1877) war fasziniert von alten Erzählungen und Sagen. 1848 erschien sein Werk »Volkssagen und Legenden des Landes Paderborn«. Im schmalen Sammelbändchen findet sich die mysteriöse Geschichte »Der Brunnen im Dom« fest. Da geht es um unheimliche Magie, um die menschliche Gier nach Reichtum. Von kostbaren Schätzen in Kammern unter dem Dom ist die Rede, nicht aber von dem mysteriösen Licht, das meinen Gesprächspartner so faszinierte.

Ich muss wohl zweifelnd drein geblickt haben, was den Geistlichen etwas zu ärgern schien. „Es gibt unzählige Berichte aus vielen Jahrhunderten, aus aller Welt, in denen magische Lampen beschrieben werden, die Jahrhunderte, ja Jahrtausende Licht spenden.“

Foto 3: Ewiges Licht in einer Synagoge.

Judentum und Christentum katholischer Prägung haben eine besondere Gemeinsamkeit: Im Tempel wie in der katholischen Kirche brennt ein „ewiges Licht“. Es symbolisiert die ständige Gegenwart Gottes im Tempel wie in der katholischen Kirche. Im Katholizismus wie im Judentum beruft man sich auf zwei Verse, die angeblich vom Propheten Jesaja verfasst wurden. In der aktuellen Luther-Bibel lesen wir (1):

„Die Sonne soll nicht mehr dein Licht sein am Tage, und der Glanz des Mondes soll dir nicht mehr leuchten, sondern der Herr wird dein ewiges Licht und dein Gott wird dein Glanz sein. Deine Sonne wird nicht mehr untergehen und dein Mond nicht den Schein verlieren; denn der Herr wird dein ewiges Licht sein, und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben.“ Lesen wir in „Hoffnung für Alle“ nach (2):

Foto 4: Ewiges Licht in einer katholischen Kirche.

„Das Licht der Sonne wirst du nicht mehr brauchen und auch nicht das Leuchten des Mondes. Denn ich, der Herr, werde dein ewiges Licht sein, dein Gott, die Sonne, die dir scheint. Es wird nie wieder dunkel um dich werden. Denn anders als Sonne und Mond werde ich nie aufhören, dein Licht zu sein. Dann ist deine Trauerzeit vorbei.“

Das „ewige Licht“ im jüdischen Tempel wie im katholischen Gotteshaus steht also für die göttliche Präsenz: des Unaussprechlichen im Judentum, von Jesus im Christentum. Umstritten ist, wann das erste „ewige Licht“ entzündet wurde. In Europa, so heißt es, geschah dies erstmals im 13. Jahrhundert. In den orthodoxen Kirchen des Orients brannten „ewige Lichter“ schon etwa ein Jahrtausend früher, nämlich an den Gräbern von Märtyrern.

Foto 5: Götter Lakshmi, Vishnu und Shiva.

Im Judentum war es die ewige Präsenz Jahwes, im Katholizismus die Allgegenwart Jesu, an die das „ewige Licht“ erinnern sollte. Aber wer hat das „ewige Licht“ erfunden? Walter Raymond Drake (*1913, †1989), Verfasser einer Vielzahl von Werken der Präastronautik, war davon überzeugt, dass es echte „ewige Lichter“ schon vor Jahrtausenden gab. Mysteriöse Lampen, die – so Walter Raymond Drake – im wahrsten Sinne des Wortes ewig brannten, weil sie aus einer uns bis heute unbekannten Energiequelle schöpften. Nach Drake, den ich am Rande so mancher Konferenz der „Ancient Astronaut Society“ sprechen durfte, handelte es sich dabei um ein technisches Artefakt, dass einst von Besuchern aus dem Kosmos zur Erde gebracht wurde.

Vom symbolischen „ewigen Licht“ des Juden- und des Christentums zu mysteriösen Lampen, die über Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende Licht spenden. Einige Beispiele dieser rätselhaften Technologie begegneten mir immer wieder bei meinen Recherchen.

Foto 6: Gott  Vishnu mit seinen Waffen.

Auf einer meiner Studienreisen, die mich zu so manchem indischen Tempel führte, hörte ich von einem mysteriösen „ewigen Licht”, das nie erlischt, obwohl es schon seit Jahrtausenden brennt. In so mancher antiker Gruft habe ein „Licht“ geleuchtet, als Plünderer oder Archäologen alte Grabstätten öffneten. Immer wieder war von unerklärbaren „ewig leuchtenden Lampen“ die Rede. Manchmal war angeblich nicht zu erkennen, wie das Licht erzeugt wurde, öfter war von „Jahrhunderte lang brennenden Öllampen“ die Rede.

In der Stadt Jawalamukhi (3), Kangra-Distrikt, Bundesstaat Himachal Pradesh, steht „Jwala Ji“, der vielleicht älteste Tempel Indiens. Wie man mir versicherte, wird das uralte sakrale Gebäude bereits im Mahabharata-Epos erwähnt. Dort verehrt man die Göttin Jwala. Nach einem Bildnis oder einer Statue der Göttin wird man freilich vergeblich suchen. Stattdessen wird ein „ewiges Licht“ verehrt, eine rätselhafte bläuliche Flamme, die seit ewigen Zeiten knisternd züngelt. „Jwala“ lässt sich, so versicherte man mir, mit „Flamme“ übersetzen. Angeblich haben im Laufe der Jahrhunderte Skeptiker immer wieder versucht, die heilige Flamme der Göttin zu ersticken. Vergeblich!

Foto 7: Vishnu mit seinen Waffen.

Dschalāludin Mohammed Ākbar, Großmogul von Indien, wollte das geheimnisvolle Licht im 16. Jahrhundert mit einer Eisenplatte ersticken. Das gelang nicht. Auch seine Versuche, es mit Wasser zu löschen, schlugen fehl. Und so brennt das „ewige Licht“ der Göttin Jwala auch heute noch. Wo genau? Angeblich züngeln seit ewigen Zeiten mehrere Flammen, auch in einer unterirdischen Höhle. Nach alter Mythologie wurde der Himalaya einst von Dämonen beherrscht. Die Götter beschlossen, die Dämonen zu vernichten. Sie konzentrierten ihre Kräfte und riesige Flammen schossen aus dem Boden. Setzten die Himmlischen unter der Leitung von Vishnu höchstpersönlich Waffen ein? In zahlreichen Darstellungen hält er eine „Keule“ und eine „Wurfscheibe“.

8: Vishnus Käule
Die „göttliche“ Waffe, die am leichtesten zu handhaben war, war die Gattung der Wurf- oder Diskuswaffen. Dazu  gehörte zum Beispiel die »Chakra«. Sie hatte einen wesentlichen Vorteil, nämlich dass sie gezielt gegen einzelne Personen eingesetzt werden konnten, ohne dass dabei, wie es bei den größeren Waffentypen der Fall war, die Menschen und Tiere in der unmittelbaren Umgebung des Einzelopfers gefährdet wurden. Man konnte die „Chakra“ innerhalb von größeren Zimmern wie im freien Raum einsetzen, und das recht wirkungsvoll.

Zurück zum „ewigen Licht“, zurück zu mysteriösen „Lampen“, die seit Urzeiten leuchten sollen. Der chinesische Naturwissenschaftler Shen Kuo (* 1031; † 1095) gilt als der wichtigste Wissenschaftler seiner Zeit. Erfunden hat er einen Kompass für die Navigation und eine Lampe, die ohne Brennstoff auskam und doch immer leuchtete. Die Wunderlampe wurde dem genialen Erfinder mit in die Gruft gestellt. 250 Jahre nach seinem Tod drangen Plünderer in die Gruft ein. Die mysteriöse Lampe leuchtete immer noch. Weil sie nicht die erhofften Schätze fanden, zerstörten sie die fantastische Erfindung des Shen Kuo. Zur Strafe wurden sie lebendig begraben. Bis heute ist ungeklärt, was genau Shen Kuo erfunden hat. Wurde seine Wunderlampe mit elektrischem Strom aus einer Batterie betrieben? Was leuchtete? Eine Glühbirne?

Lukian (*120 n.Chr.;†180-200 n.Chr.)  berichtete über eine „Syrische Göttin“ (4). In seinem Werk schildert er, wie er im „Tempel von Heirapolis“ eine Statue der Göttin Hera bestaunte. An der Stirn der Figur war demnach eine „Lampe“ angebracht, die Tag und Nacht leuchtete und nie erlosch. Nachts habe sie mit ihrem Licht den ganzen Tempel erhellt.

Foto 9: Vishnus Wurfscheibe
In Athen, so berichtet Pausanias, namhafter Geograph und Historiker im 2. Jahrhundert, gab es auf der Akropolis einen weit über die Stadtgrenzen bekannten Tempel. Dreizehn Helden und Götter wurden verehrt. Anhänger verschiedener Kulte huldigten friedlich nebeneinander allen Unterschieden auf religiösem Gebiet zum Trotz ihren „Himmlischen“. Als besonders heilig galt eine Statue der Minerva-Athene, der ewig jungfräulichen Göttin der Weisheit. Angeblich war das verehrte Kultbild einst vom Himmel gekommen (6). Das Heiligtum wurde Tag und Nach von einer „goldenen Lampe“ erhellt (7), die kein Geringerer als der Bildhauer und Erfinder Callimachus bereits im 4. Jahrhundert angefertigt haben soll (8).

Ich meine: Das Thema der ewig leuchtenden Lampen wird von der seriösen Wissenschaft außer Acht gelassen und selbst von den Grenzwissenschaften stiefmütterlich behandelt. Eine Zusammenfassung entsprechender Berichte aus aller Welt mit Zitaten und genauen Quellenangaben ist überfällig! Wann wurden wo leuchtende Lampen in Gruften entdeckt? Welche frühe Historiker beschrieben wo über mysteriöse Lampen in Tempeln?

Fußnoten
1) Jesaja Kapitel 60, Verse 19 und 20, zitiert nach der „Lutherbibel 2017“
2) Jesaja Kapitel 60, Verse 19 und 20, zitiert nach „Hoffnung für Alle“
3) Nächster größerer Ort ist Dharamsaka, Entfernung 55 Kilometer
4) „De Dea Syria“
Foto 10: Der Dom von Paderborn
5) Seine genauen biographischen Daten sind nicht bekannt.
6) Als Quelle benutze ich eine Übersetzung von Pausanias‘ Werk ins Englische, Delphi Classics 2014. Pausanias 1, 26, 6: „But the most holy symbol … is the image of Athena… A legend concerning it says that it fell from heaven; whether this is true or not I shall not discuss.“
7) Dopatka, Ulrich: „Die große Erich von Däniken Enzyklopädie“, Düsseldorf 1997, Seite 211, Stichwort „Lampen“.
8) Als Quelle benutze ich eine Übersetzung von Pausanias‘ Werk ins Englische, Delphi Classics 2014. Pausanias 1, 26, 6: „A golden lamp for the goddess was made by Callimachus.“

Zu den Fotos
Foto 1: Der Dom zu Paderborn. Unter dem Dom soll es geheime Schatzkammern geben. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eva, der Lebensbaum mit Schlange und Sterne
Foto 3: Ewiges Licht in einer Synagoge. Foto gemeinfrei/ Bachrach44
Foto 4: Ewiges Licht in einer katholischen Kirche. Foto wikimedia commons/ Membeth
Foto 5: Götter Lakshmi, Vishnu und Shiva. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Gott  Vishnu mit seinen Waffen. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Vishnu mit seinen Waffen.  Foto wikimedia commons/ Sarah Welch
Foto 8: Vishnus Keule.  Foto wikimedia commons/ Sarah Welch
Foto 9: Vishnus Wurfscheibe. Foto wikimedia commons/ Sarah Welch
Foto 10: Der Dom birgt noch manches Geheimnis. Foto Walter-Jörg Langbein

433 „War Maria Magdalena 'der' Lieblingsjünger Jesu?“,
Teil  433 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.05.2018


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Sonntag, 21. September 2014

244 »Die Krypta, die selbst Bomben trotzte«

»Die Krypta, die selbst Bomben trotzte«,
Teil 244 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Abdinghofkirche »St. Peter und Paul«.
Foto W-J.Langbein

»Es war wie eine Monstermauer aus Feuer, die sich über Dom, Kirchen und Häuser senkte!«, erinnerte sich der alte Herr an die schweren Bombenangriffe auf Paderborn vom 17. Januar, 22. März und 27. März 1945. »85 Prozent der Innenstadt waren zerstört! Dom und Kirchen waren stark beschädigt! Unzählige Menschen kamen ums Leben, auch einige Ministranten im Dom!«

Arthur Harris, 1942 zum Chef des »Bomber Command« ernannt, wollte offenbar sein Konzept »moral bombing« bis zum Ende des Kriegs verwirklicht sehen. Vorrangig galten Großstädte als Ziel der englischen Bomberverbände, die die Moral der Zivilbevölkerung brechen sollten. Allerdings war Paderborn auch in den letzten Wochen des Krieges keine Großstadt, sondern eher ein ländliches Städtchen mit gut erhaltenen mittelalterlichen Häuschen, bedeutsamen Kirchen und dem Dom.

Vom kleinbürgerlichen Paderborn blieb so gut wie nichts übrig. Die wenigen bescheidenen Häuschen, die die Massenbombardierung wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hatten, wurden in den Jahren nach dem Krieg abgerissen. Sie mussten hässlichen Neubauten weichen. Und betrachtet man Fotos von Dom und Kirchen, so ist man entsetzt über die massiven Schäden und staunt, wie gut die altehrwürdigen Gotteshäuser wieder restauriert werden konnten.

Die Abdinghofkirche. Foto Langbein
So makaber es klingen mag, in jenen Tagen der Bombenangriffe, als der Krieg längst entschieden war, gab es nur einen sicheren Ort in der Kreisstadt Paderborn, im Osten von Nordrheinwestfalen gelegen: die Krypta der »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«. Das doppeltürmige Gotteshaus sollte Teil eines Konzepts werden, das aber nie ganz verwirklicht werden konnte. Bischof Meinwerk von Paderborn (1009 bis 1036 n.Chr.) schwebte ein riesiges Kreuz vor. Den Dom ließ er als Mittelpunkt errichten. Vier Kirchen sollten die Endpunkte des Kreuzes markieren. Es konnten aber nur »St. Peter und Paul« im Westen und »St. Peter und Andreas« im Osten vollendet werden. Nach dem frühen Tod des Bischofs wurde das Konzept aufgegeben und nicht weitergeführt. So entstand nicht das riesige Kreuz von Paderborn, dessen markante Punkte möglicherweise auf uraltem sakral-heidnischen  Boden errichtet werden sollten.

Quellen galten schon Jahrtausende vor dem Christentum als heilig. Quellenkulte waren, so konstatiert das »Lexikon Alte Kulturen« (1) »eine der ältesten Erscheinungen der Religionsgeschichte«. Die ältesten Quellheiligtümer waren Wohnsitze von Göttern und Geistern. Paderborns Quellen – es sollen einst hunderte gewesen sein – dürften zu keltischen Zeiten von Verehrern des Quellgeists Nemausus frequentiert worden sein. Ist es ein Zufall, dass die Abdinghofkirche hoch über uralten Quellen errichtet wurde? Gott Poseidon, so überliefern es uralte Mythen und Sagen, stieß seinen Dreizack in die Erde… und schon sprudelte eine Quelle. Wen wundert es da, dass unweit von der »Abdinghofkirche St. Peter und Paul« ein »Poseidonbrunnen« sprudelt.

Der Neptunbrunnen von Paderborn. Foto W-J.Langbein

»Welche heidnischen Gottheiten sind denn wohl hier in vorchristlichen Zeiten verehrt worden?«, wollte ich von einem Mönch am »Poseidonbrunnen« wissen. Ich fürchte, dass ich mit meiner Frage den frommen Mann verärgert habe. Hatte er doch eben noch seine bloßen Füße in das kühle Nass gehalten, so bereitete er nach meiner unschuldig gestellten Frage rasch seinen Rückzug vor. Er zog die Füße rasch aus dem Brunnen. Die hochgeschobene Kutte wurde hastig wieder gesenkt, Strümpfe wurden angezogen und zu guter Letzt wurden Sandalen angelegt. Gleichzeitig hatte der Mönch scheinbar jegliche Lebensfreude und Heiterkeit wieder abgelegt. Mir schien, als habe er sich geschämt, weil er sich von mir beim lustigen Fußbad im Brunnen ertappt fühlte.

»Paderborn ist seit über einem Jahrtausend eine christliche Stadt! Wühlen Sie nicht im Heidentum! Besinnen Sie sich der christlichen Ursprünge von Paderborn! Wissen Sie denn, welch‘ wichtige Rolle der ›Heilige Liborius‹ für Paderborn gespielt hat?«, sprach er nun mahnend und ernst. Ich nicke. »Er hat das Liborius-Fest begründet! Wir feiern es ja noch heute vom 24. Juli bis zum 8. August!«, gab ich zur Antwort.


St. Liborius.
Foto Langbein
Eine Million »Pilger« zieht es alljährlich nach Paderborn zum Liborius-Fest. Freilich, so vermute ich, locken eher die Bier- und Imbissbuden, ein gewaltiges Riesenrad und allerlei sonstiger Jahrmarktsrummel in die altehrwürdige Stadt, weniger die angeblichen Gebeine des »Heiligen Liborius«.  140 Schausteller und 150 Marktstände auf dem »Pottmarkt« buhlen seit vielen Jahren um die Gunst der zahlungswilligen Kundschaft. Karussells dudeln kreisend, die »Schlemmermeile Plaza Europa« sorgt dafür, dass heutige Besucher auf stilvolle Weise gesättigt werden. Die Gebeine werden zum Fest vom Dom aus über den Jahrmarktsplatz durch die Straßen getragen, natürlich standesgemäß in einem wertvollen, goldenen Schrein! Ob sich der Heilige allerdings in diesem Ambiente wohlfühlen würde? Ich wage das zu bezweifeln! »Ich habe mich mit dem ›Heiligen Liborius‹ beschäftigt!«, erklärte ich »meinem Mönch« vom »Poseidon-Brunnen«.  Der Mann in der Kutte setzte sich wieder auf den Brunnenrand. »Eine Delegation von Geistlichen ist damals nach Le Mans gereist und hat vom dortigen Bischof Reliquien erhalten, auch solche vom ›Heiligen Liborius‹. Über Chartres und Paris gelangten sie an den Rhein, dann nach Sachsen und kamen am 28. Mai 836 nach Paderborn! Sie fanden einen Platz im Dom!«

 So ist es in theologischen Geschichtsbüchern überliefert. So wird es wohl auch gewesen sein! Fakt ist: Gegen Ende des 8. Nachchristlichen Jahrhunderts hatte Karl der Große offiziell mit seinen Truppen über das Heidentum obsiegt. Damals herrschte rege Nachfrage nach Reliquien, denen offenbar auch in heidnischen Kreisen Zauberkräfte nachgesagt wurden. Als besonders wirksam sollen die Gebeine des ›Heiligen Liborius‹ gegolten haben!

Die Buden fürs Liboriusfest werden aufgebaut.
Foto Langbein

»Mein« Mönch nickte zufrieden. »Und wie haben die die Geistlichen den Weg gefunden?«, wollte er von mir wissen. Natürlich war mir auch die fromme Legende vom Pfau bekannt, der angeblich den Geistlichen vorausgegangen sein soll, bis nach Paderborn! Da müssen die Kirchenmänner aber recht bedächtigen Schritts die Reise nach Hause zurückgelegt haben. »Beschäftigen Sie sich lieber mit der frommen Überlieferung  vom Pfau als mit heidnischem Unglauben!«, gab mi der nun wieder milde gestimmte Mönch auf den Weg. »Heidenbräuche führen in die Irre, lenken vom rechten Pfad ab! Sie führen, wenn in die Hölle!« Das versprach ich dem Mönch. Ich recherchierte in Sachen Pfau und kam dabei, wieder einmal, auf »heidnische Pfade«!

Auf der griechischen Insel Samos hielten die Priester der Göttin Hera Pfauen. Pfauen waren der Hera geweiht. Wer aber war Hera? Hera wurde in vorhellenischen Zeiten als Rhea verehrt und angebetet, als die »Große Mutter«. Ihre ältere Vorgängerin war Erua, die Königin, die in Babylon Wächterin über die Geburten war. In Irland stieß ich auch auf Hera, freilich wiederum unter anderem, wenngleich auch ähnlichem Namen: »Lady Eire«. Gelangte »Lady Eire« mit Missionaren aus Irland nach Deutschland, vielleicht auch in die Region von Paderborn? Brachten diese frühen Missionare den Pfau als göttliches Symboltier mit? Wie dem auch sei:


Das berühmte »Drei-Hasen-Fenster« des Doms.
Foto W-J.Langbein

Wenn Sie nach Paderborn kommen, sollten Sie unbedingt den Dom besuchen und das berühmte Drei-Hasen-Fenster« in Augenschein nehmen. Zwei Gehminuten davon entfernt steht ein wunderschöner Springbrunnen…. mit einem kunstvoll gestalteten Pfau! Doch kehren wir noch einmal zu Hera mit den Pfauen zurück! Barbara G. Walker macht uns in ihrem Lexikon »Das Geheime Wissen der Frauen« auf die alte weibliche Trinität aufmerksam (2):

»Hera war ursprünglich eine weibliche Trinität, die aus Hebe, Hera und Hekate – Neumond, Vollmond und Halbmond – bestand. Andererseits verkörperte sie die Jungfrau des Frühlings, die Mutter des Sommers und die zerstörerische Alte.«

Wichtig für den »Hera-Kult« waren heilige Quellen. Hera durchlief, so Barbara G. Walker durch das Bad in ihrer heiligen Quelle unendliche Zyklen. Im Frühling war sie Jungfrau, im Sommer gebar sie und im Herbst/ Winter agierte sie als zerstörerische Alte. Durch das Bad in der heiligen Quelle wurde sie wieder zur Jungfrau,  ein neuer Zyklus konnte beginnen.

Der Pfau als Symboltier wurde von den Römern übernommen. Im 2. Jahrhundert v. Chr.  wurde auch der Pfau als heiliger Vogel der Göttin Juno, Göttin der Geburt, Königin der Göttinnen, zugeordnet (3). Und schließlich tauchte der Pfau in der frühchristlichen Kunst wieder auf, als Symbol des Paradieses und der Auferstehung.

Im heutigen Volksglauben wird Maria, die Mutter Jesu, immer mehr zur Himmelskönigin. Maria spielt im Neuen Testament eine eher untergeordnete Rolle. Sie hat Jesus zu gebären, weitere Informationen finden sich kaum noch über sie. Im heutigen Katholizismus aber steigt ihre Bedeutung immer mehr. Nach Jesus wurde – so besagt es der katholische Glaube heute – in den Himmel aufgenommen. Es war Papst Pius XII., der am 1. November 1950 das Dogma von der leibhaftigen Aufnahme Marias in den Himmel festlegte: 

Im Dom zu Paderborn.Foto Langbein
 »Wir verkünden, erklären und definieren es als ein von Gott geoffenbartes Dogma, dass die Unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.« Das war der erste Schritt zur Vergöttlichung Marias. Mit ihrer Aufnahme in den Himmel wurde sie zu einer Himmelskönigin. In der »heidnischen« Welt war die Erhebung einer irdischen Frau zu einer himmlischen Göttin bekannt. Man bezeichnete diesen Wandlungsprozess, um das profane Wort »Beförderung« zu vermeiden, als Apotheose. Und bei den Römern gab es ein Symbol für diese Apotheose. Es war – wir ahnen es bereits – der Pfau!

Die Aufnahme Marias, die auch im Dom zu Paderborn verherrlicht und angebetet wird, in den Himmel war nach »heidnischem« Verständnis ihre Vergöttlichung, was die christliche Theologie – evangelisch wie theologisch – natürlich empört bestreitet.

Nach christlicher Interpretation, die sich natürlich vom Heidentum grundlegend unterscheiden muss, hat Maria lediglich ein Stadium erreicht, das jeden frommen Christen dereinst nach dem Tag des »Jüngsten Gerichts« erwartet. Im Volksglauben allerdings ist Maria schon sehr viel mehr als ein gen Himmel gefahrener Mensch, wie das wichtige Werk von Marie-Louise Gubler über Maria, erschienen im »Katholischen Bibelwerk«, beweist! Der Titel fasst letztlich zusammen, was im Heidentum als Apotheose – Aufstieg von irdischer Frau zur Göttin – bezeichnet wurde: »Maria  – Mutter – Prophetin – Himmelskönigin«. Himmelsköniginnen waren, und das Jahrtausende vor Christi Geburt, ganz besonders wichtige Göttinnen!

Man mag Christ sein oder nicht, man mag einer Religionsgemeinschaft angehören oder nicht: Gotteshäuser wie der Dom zu Paderborn oder die »Abdinghofkirche St. Peter und Paul« sind Inseln der Ruhe und Besinnung in unserer immer lauter, immer hektischer werdenden Welt. Und wenn man gar die Krypta unter dem Dom oder unter der »Abdinghofkirche St. Peter und Paul« besucht, fühlt man sich auf geheimnisvolle Weise sicher und geborgen.

Der Pfau in der Krypta des Doms. Foto W-J.Langbein

Die Krypta unter dem Dom zu Paderborn sei, so sagte mir ein Geistlicher im Dom in schöner »Bescheidenheit«, jüngeren Datums und in ihrer jetzigen Form »erst seit 1100 existent«, also seit nur rund 900 Jahren. Die schlichte Krypta gilt als »Grablege des Liborius«. Und hier begegnet uns wieder…. Der Pfau, Symboltier der Hera. Auf einen Besuch in den beiden Krypten sollten Sie als Besucher in Paderborn auf keinen Fall verzichten!

Leider überschattet der gewaltige Dom – im übertragenen Sinn – eine Reihe von nicht minder interessanten Kirchen von Paderborn, zum Beispiel die »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«, nur wenige Meter vom allgegenwärtigen Dom entfernt!

Auch sie geht auf Bischof Meinwerk von Paderborn (1009-1036 n.Chr.) zurück! 1023 wurde die Krypta geweiht, nachdem die tonnenschwere Decke des Chorraums eingestürzt war. Heute, fast ein Jahrtausend später, kann man die Krypta nach wie vor besuchen.

Das massive Mauerwerk trotzte sogar den Bomben der Engländer. Und sie wird vermutlich auch in Jahrtausenden noch bestehen, selbst wenn es die Kirche darüber längst nicht mehr geben sollte!


Fußnoten

1) Brunner, Hellmut et.al. (Hrsg): »Lexikon Alte Kulturen«, Band 3, Mannheim 1993, S. 228, linke Spalte unten und rechte Spalte oben
2) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 367 und 368
3) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 145
4) Gubler Mari-Louise:  »Maria  – Mutter – Prophetin – Himmelskönigin«,  Katholisches Bibelwerk e.V., Stuttgart 2008


Die Krypta, die selbst Fliegerbomben standhielt.
Foto Archiv Langbein



»Maria und die Schlange«
Teil 245 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.09.2014


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