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Sonntag, 20. Dezember 2020

570. »Drei Schlüssel zur Welt hinter dem Fels«

Teil 570 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
 


Elise Gleichmann (* 12. August 1854 in Kulmbach; † 9. Juli 1944 ebenda) war, so verrät ein knapp gefasster Wikipedia-Artikel (1), »eine in der Region Kulmbach tätige Mundartdichterin, Volkskundlerin und Sagensammlerin«. Elise Gleichmann, Tochter des Kulmbacher Bürgers und Bierbrauers Johann Georg Friedrich Hollweg, heiratete anno 1873 in Kulmbach den Forstgehilfen Gustav Gleichmann, der schließlich zum Förster befördert wurde.

Foto 1: Die Burgruine Nordeck im Winter (Ausschnitt).
Foto 1: Die Burgruine Nordeck im Winter (Ausschnitt).

Elise Gleichmann hat einen ganz besonderen Schatz entdeckt, den die meisten ihrer Zeitgenossen gering achteten: die oberfränkischen Volkssagen. Wie die Gebrüder Jacob Grimm (*1785; †1863) und Wilhelm Grimm (*1786; †1859) sammelte Elise Gleichmann systematisch Sagen aus ihrer fränkischen Heimat. Sie stöberte nicht in Bibliotheken. Sie ließ sich von unzähligen »alten Frauen« oberfränkische Volkssagen erzählen und notierte alles. Viele Sagen hielt sie im fränkischen Dialekt fest, andere erzählte sie in Hochdeutsch nach. Mit 55 Jahren wurde Elise Gleichmann Witwe. Franz Karl Freiherr von Guttenberg, renommierter Heimatforscher seiner Zeit, kannte ihre Sammelleidenschaft. Er bestärkte die Försterwitwe. Mit Feuereifer intensivierte sie ihr Hobby und legte ein kostbares Archiv an. Rund tausend Sagen konnte sie schriftlich fixieren.

Bereits 1927 erschien ein Bruchteil der von ihr gesammelten Sagen in einem nur 240 Seiten umfassenden Bändchen (2). Es wäre wünschenswert, die von Elise Gleichmann zusammengetragenen Sagen komplett zu veröffentlichen. Im Stadtarchiv zu Kulmbach gibt es einiges an Material. Dort wird auch die handschriftliche Autobiographie von Elise Gleichmann aus dem Jahr 1937 aufbewahrt. »Die Ährenkönigin« (3) ist eine interessante Sage, die von einer mysteriösen Welt jenseits eines Portals im Fels berichtet.

Foto 2: Burgruine Nordeck Bergfried, aus nördlicher Richtung.


Die geheimnisvollen Ereignisse, von denen die Sage zu berichten weiß, fanden in der »Johannisnacht« statt. Am »Johannistag« (auch »Johanni«, »Johannisfest« und »Johannestag« genannt) feiert man in der katholischen Kirche das »Hochfest der Geburt Johannes’ des Täufers«. Den Termin, 24. Juni, hat die katholische Kirche gewiss nicht zufällig festgelegt. Zwischen dem 20. und dem 22. Juni zelebrierte die heidnische Welt die »Sommersonnwende«, und das nicht unbedingt als Fest der Freude. Erreicht doch zur Sommersonnwende die Sonne die größte Mittagshöhe über dem Horizont. Von da an geht es erst einmal »bergab«. Die Sonne sinkt, verliert an Kraft. Hebst und Winter nahen. Die Natur scheint im Winter zu erstarren, ja zu sterben. Aufwärts geht es erst wieder zur Wintersonnwende. »Altes und neues Wissen zum Jahreskreis« klärt auf (4):

»Die Wintersonnwende ist eine der heiligsten Sonnenfeiern und findet am 21. Dezember statt. Sie bezeichnet die tiefste Nacht des Jahres – wird deswegen auch Mutternacht, althochdeutsch Modranecht, genannt. In dieser Nacht gebiert die Göttin tief in der finsteren Erde in der stillsten aller Stunden das wiedergeborene Sonnenkind. Diesen Mythos können Sie in allen Kulturen der Welt wiederfinden. Am deutlichsten manifestiert ist es bei uns in Weihnachten und dem Christuskind. Weihnacht ist ja nichts anderes als Weihenacht, ist gleich geweihte Nacht. Oder wie in vielen Weihnachtsliedern besungen ›Heilige Nacht‹.« Zurück zur »Johannisnacht«. Von geradezu magischer Bedeutung war auch im christlichen Abendland die »Johannisnacht«, die Nacht vor dem »Johannistag«. Heidnischen Ursprungs mögen auch von der christlichen Kirche nicht unbedingt gern gesehene Bräuche wie der »Tanz um das Johannisfeuer« (5) sein.

An heidnische Feste, die zu Ehren von Sonnengottheiten ausgerichtet wurden, erinnern auch heute noch die »Sonnenfeuer« in der »Johannisnacht«. Geduldet wurden »christliche« Sonnwendfeste in der »Johannisnacht« schon im 12. Jahrhundert. Vom 14. Jahrhundert an gehörten Feiern mit prasselnden Johannisfeuern zum christlichen Brauchtum. Zurück zur Sage »Die Ährenkönigin« (6): »Einst ging in der Johannisnacht ein junger Mann an der Burgruine Nordeck vorüber, die vom Mondlicht hell beleuchtet dalag.« »Burg Nordeck« wurde um das Jahr 1100 von den Grafen von Henneberg erbaut. Anno 1151 erwarben Steinach (heute Stadtsteinach) und Bischof Eberhard II. von Bamberg das stattliche Bauwerk. Die Burg wurde rund drei Jahrhunderte später, anno 1438, im Kleinkrieg der Waldenfelser gegen den Bischof von Bamberg gestürmt und verwüstet. Im Bauernkrieg von 1525 wurde sie niedergebrannt.

Erhalten ist bis heute die »Burgruine Nordeck«. Sie ist frei zugänglich und kann besucht werden. Wer sich vor Ort umschauen möchte: Die Ruine, bestehend aus den Resten eines runden Wohnturmes, eines Gefängnisturmes und einiger Grundmauern, ist nordöstlich von Stadtsteinach im oberfränkischen Landkreis Kulmbach in Oberfranken leicht zu finden. Das einst imposante Bauwerk wurde soweit möglich 2014 generalsaniert. Besonders eindrucksvoll ist der runde Bergfried, aus nördlicher Richtung betrachtet. Wie eine Illustration aus einem zauberhaften Märchenbuch zeigt sich die Ruine im Winterschnee. Dann könnte man meinen, als sei die stolze Burg vor Jahrhunderten in der Zeit stehengeblieben. Ein Besuch vor Ort kommt mir wie eine Zeitreise in eine rätselhafte Vergangenheit vor.

Folgen wir der Sage »Die Ährenkönigin«, so wie sie Elise Gleichmann verewigt hat. Der junge Mann vernahm unweit der Burgruine Nordeck »die Töne eines Volkslieder, von Lautenspiel begleitet«. Der Wanderer »lauschte dem herrlichen Gesang«. Das Lied verstummte. Kurz darauf erschien eine wunderschöne junge Frau. Sie schritt auf drei Lilien zu, pflückte die herrlichen Blumen. Weiter ging die Frau. Sie kam an einem Felsen an. Eine der Lilien öffnete den Fels (7) »und ein kristallenes Schloß von ungeahnter Pracht bot sich dem entzückten Beschauer. Zum Öffnen des Schloßtores diente die zweite Lilie, worauf die Schloßherrin mit der dritten die Schloßtüre öffnete und hinter der zufallenden Türe verschwand. Dann war der große Fels wieder geschlossen und unbewegt und alles wie vorher.«

Reichlich spät fiel dem jungen Mann eine Erzählung seines Großvaters ein. Demnach wuchsen jedes Jahr in der Johannisnacht drei Lilien bei der Burgruine Nordeck. Nur ein Sonntagskind konnte die mysteriösen Blumen finden und mit ihrer Hilfe in das geheimnisvolle Schloss hinter der Felswand gelangen. Im Schloss der Ährenkönigin, so erzählt Hans Seiffert weiter, lagen »unermeßliche Schätze«. Wenn die Glocken Mitternacht verkündeten musste man sich sputen und spätestens beim zwölften Glockenschlag wieder im Freien sein, sonst würde man als Gefangener gehalten.

Der junge Mann war freilich kein gewöhnliches Sonntagskind, er war an einem »goldenen Sonntag« (8)  geboren. Ein Jahr später wanderte er wieder zur Burgruine Nordeck hinauf und suchte sein Glück mit der Prinzessin. Ob er es fand? Offenbar. Hans Seiffert erzählt, dass der junge Mann, an inzwischen vertrauter Stelle die drei Lilien vorfand. Mit diesen drei »Schlüsseln« gelangte er durch das geheimnisvolle Felsentor in das Reich der Ährenkönigin, die ihn bereits am Schlosstor erwartete.

Bei Elise Gleichmann endet die Sage so. Wir erfahren, dass der junge Mann nicht in seine alte Welt zurückkehrte (9): »Er blieb verschollen. Nie mehr kehrte er zurück: aber viele Jahrzehnte hindurch hat man die Nordeck in der Johannisnacht gemieden.« 

Drei Lilien dienten als Schlüssel: für den Fels, das Schloss-Tor und eine Schloss-Tür. Die Lilie erlebte als Symbol einen erstaunlichen Wandel (10): »Obwohl sie im Mittelalter ein Symbol des Heidentums war, wurde sie später, ebenfalls aufgrund ihrer unwiderstehlichen Schönheit, als Symbol für Reinheit, Tugend und Fruchtbarkeit, sowie Jungfräulichkeit angenommen. Häufig kann man sie in christlicher Malerei im Zusammenhang mit der Jungfrau Maria entdecken.«

Wurde die weiße Lilie zunächst auf Maria, die »Gottesmutter« übertragen, so machte man sie schließlich zum Symbol des Erlösers Jesus. In den sechs Blütenblättern der weißen Lilie sahen fantasiebegabte Interpreten einen Hinweis auf die Zahl 3, also auf die »Heilige Dreifaltigkeit«. Tatsächlich ist die Lilie tief im Heidentum verwurzelt. Der Legende nach saugte der heroische Held Herkules an den Brüsten der göttlichen Juno alias Hera, die den Olymp beherrschte. Auf diese Weise wollte Herkules unsterblich werden. Der Legende nach fielen einige der Milchtropfen auf den Erdboden. Daraus wurde die Lilie, die deshalb auch »Rose der Juno« und »die göttliche Blume« genannt wurde. Auch im Nahen Osten war die Lilie göttlich. Sie war die heilige Blume der göttlichen Ishtar, der Göttin der Schöpfung. Bei den »Alten Römern« galt die Lilie als eines der Symbole der Göttin Venus. Keine Frage:

Die Lilie war in heidnischen Zeiten die Blume der Göttin, das Christentum machte aus ihr das Symbol der Jungfrau Maria. In so manch christlich-sakraler Darstellung sehen wir den Erzengel Gabriel bei der Verkündung von Jesu Geburt. Während er Maria mitteilt, dass sie ein Kind gebären wird, überreicht er ihr eine Lilie. Aus der Blume der Göttin Venus ist im Mittelalter die Lilie der keuschen, jungfräulichen Maria geworden. Und in der Sage »Die Ährenkönigin« öffnet die Lilie eine Felswand, hinter der sich ein mysteriöses Schloss verbirgt. Mit der Lilie kann man in der Johannisnacht in das Schloss gelangen, das der »Ährenkönigin« gehört. Der Fels, der sich öffnet, erinnert uns an das Mysterium der Pforten, die durch den Stein hindurch in eine andere Welt führen. 

In unserer Zeit kennen wir solche Tore als »Stargates«, als »Sternentore«, durch die man von einer in eine – womöglich unfassbar weit entfernte – Welt gelangt. Im Science-Fiction-Film des deutschen Regisseurs Roland Emmerich aus dem Jahr 1994 »Stargate« reisen eine Gruppe von Militärs und ein Archäologe mit Hilfe eines antiken ägyptischen Tores durch ein Wurmloch auf einen weit entfernten Planeten. Dort greifen sie ein und helfen einen »falschen Gott« zu stürzen. »Stargate«, der Kinofilm, wird in den Fernsehserien »Stargate – Kommando SG-1«, »Stargate Atlantis« und »Stargate Universe« weitergeführt. Die Zeichentrick-Serie »Stargate Infinity« baut ebenfalls auf dem Kinofilm auf.


Foto 3: Burgruine Nordeck im Winter.

In der Legende aus der Kulmbacher Region geht es friedlicher zu. Mit etwas Glück kann ein besonderes männliches Sonntagskind, geboren an einem »goldenen Sonntag«, das zur rechten Zeit am rechten Ort drei Lilien entdeckt und als Schlüssel nutzt, »Die Ährenkönigin« in ihrem kristallenen Schloss hinter einem Felsentor besuchen und heiraten.

Fußnoten 
(1) »Elise Gleichmann«, https://de.wikipedia.org/wiki/Elise_Gleichmann (Stand 06.09.2020) 
(2) »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927 
(3) »Die Ährenkönigin«, Ebenda, Seiten 191-193 (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!) (4) »Wintersonnenwende - Alban Arthuan (keltisch) - Jul-Fest - Mutternacht – Weihnacht« https://www.jahreskreis.info/files/wintersonnenwende.html (Stand 6.9.2020) 
(5) Woll, Johanna, Merzenich, Margret und Götz, Theo: »Alte Festbräuche im Jahreslauf«, Stuttgart 1991, S. 64–65. 
(6) »Die Ährenkönigin« in »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927, Seite 191, 11.-9. Zeile von unten (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!) 
(7) Ebenda, Seite 192, 8.-14. Zeile von oben (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!) 
(8) »Goldener Sonntag«: Der erste Sonntag nach Pfingsten heißt Trinitatis oder Dreifaltigkeitssonntag, auch goldener oder großer Sonntag. Die drei Sonntage nach Michaelis nennt man goldene Sonntage. »Michaelis«: volkstümliche Bezeichnung des Festes des »Heiligen Michael« am 29. September. 
(9) »Die Ährenkönigin« in »Von Geistern umwittert – Oberfränkische Volkssagen gesammelt und nacherzählt von Elise Gleichmann, gesichtet und gedeutet von Peter Schneider«, Lichtenfels 1927, Seite 193, 5.-7. Zeile von oben 
(10) »Die Bedeutung der Lilie – Warum sie steht, wofür sie steht«, »Colvinpedia«, 14. Juni 2019. (Stand 6.9.2020) 

Zu den Fotos 
Foto 1: Die Burgruine Nordeck im Winter (Ausschnitt). Foto wiki commons/ Benreis. Die vorzügliche Aufnahme entstand am 17. Januar 2016 
Foto 2: Burgruine Nordeck Bergfried, aus nördlicher Richtung. Foto wiki commons/Sven-121 
Foto 3(Ausschnitt von Foto 1): Burgruine Nordeck. Foto wiki commons/ Benreis 
 
Meine Empfehlung...
<a href="https://raniverse.com/">Mythen und Myterien</a>

571. »Jung und schön wie eine Königin«, 
Teil 571 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
von Walter-Jörg Langbein, erscheint am 27. Dezember 2020 

Sonntag, 9. April 2017

377 »Der Teufel im Stall von Bethlehem?«


Teil  377 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Mohammed und  Gabriel

Kürzlich war ich im Weserbergland im Bus unterwegs. Ich ließ die Landschaft an mir vorüberziehen, da und dort lag noch Schnee (1). Kinder rutschten auf Schlitten von abschüssigen Gärten. Mürrische Männer hackten Eis von Gehwegen, Frauen streuten Salz. Ein junger Mann setzte sich neben mich und begann Allah zu preisen. Dass ich seinen Redeschwall unbeeindruckt über mich ergehen ließ, schien ihn zu ärgern. »Du kennst doch den Erzengel Gabriel!«, fuhr er mich etwas unwirsch an.

»Nicht persönlich…«, wandte ich ein. »Scherze nur über solche Dinge! Das Lachen wird dir schon noch vergehen!«, gab der orientalisch anmutende Missionar grob zu bedenken. Er zupfte versonnen und selbstgefällig an seinem krausen Bart. »Wenn du dich nicht zu Allah bekennst, wirst du in der Hölle schmoren! Teufel werden dich in siedendes Öl werfen und mit Mistgabeln quälen!«

Foto 2: Die zur Rechten Jesu

Ich reagierte wohl anders als erwartet: »Ich bin müde, wollte eigentlich etwas schlafen…« Damit hatte ich ihm ein Stichwort frei Haus geliefert. »Du bildest dir wohl ein, einst zur Rechten von deinem Jesus zu sitzen? Du wirst schreien vor Schmerz, wenn du in der Hölle landest!« Schließlich begann der junge Mann mit missionarischem Eifer über Allah, Tag und Nacht und die Gnade des Schlafens zu schwadronieren. Er steckte er mir ein Zettelchen zu. Darauf stand zu lesen:

»Wer von euch einen schönen Traum hatte, soll wissen, er ist von Allah. Er soll dafür danken und ihn sofort anderen weitererzählen. Wenn ihr einen bösen Traum habt, ist er vom Teufel und man muss vor ihm fliehen und bei Gott Zuflucht suchen. Man soll ihn auch nicht weitererzählen, dann wird der Traum keinen Schaden zufügen können.« Eine Quelle war auch angegeben (2).

Fotos 3-6: Teufel und Engel.
»Überall ist er, der Teufel und seine Gesandten!«, gab mir der in meinen Augen reichlich aufdringliche Mann noch auf den Weg als ich ausstieg. »Auf Reklametafeln, im Freibad…« Ich stand noch einen Moment an meiner Bushaltestelle, der Bus entfernte sich. Mir kam das Tympanon im Westturm des Freiburger Münsters in den Sinn. Entstanden ist es wohl im späten 13. oder im frühen 14. Jahrhundert, also um das Jahr 1200. Es spiegelt den damaligen Volksglauben wieder, wonach es in der Welt nur so von bösen und guten Mächten wimmelt, die sich alle um den Menschen bemühen. Beide »Parteien« trachten nach der Seele von uns Menschen. Die einen wollen sie in die Hölle zerren, die anderen gen Himmel führen. Vertreter des Guten sind natürlich die Engel, die des Bösen die Teufel. Beide – Engel wie Teufel – tauchen im Figurengetümmel des Tympanons immer wieder auf. Erzengel Gabriel tritt an der Seelenwaage in der Erscheinung. Mit einfachen Mitteln ermittelt er, wer als Sünder bestraft, wer als guter Mensch belohnt wird. Er muss nicht in ein Buch des Lebens blicken, in welchem gute und böse Taten jedes einzelnen Menschen penibel dokumentiert sind.

Der Erzengel kann – so sieht es der unbekannte Künstler –  per Waage feststellen, welche Seele in den Himmel darf und welche ab ins Höllenfeuer muss. Der böse Teufel vom Tympanon wird – so zeigt es das sakrale Kunstwerk – bei einem plumpen Versuch zu tricksen ertappt. Er zerrt mit Gewalt an der Waagschale, in der eine Menschenseele hockt. Der Teufel möchte sich die Seele – salopp gesagt – unter den Nagel reißen.

Foto 7: Erzengel Gabriel an der Seelenwaage mit Teufeln. Foto Walter-Jörg Langbein

Immer wieder habe ich die zahlreichen Figürchen und Figuren im Eingangsbereich des Freiburger Münsters betrachtet. Je länger ich versucht habe, die Aussagen der Darstellungen zu verstehen, desto klarer wurde mir: Eigentlich müsste man nicht Tage, sondern Wochen einplanen für einen Besuch des Freiburger Münsters, um sich auch nur einen Überblick zu verschaffen. Unklar ist, was die einzelnen Statuen und Statuetten aussagen sollen, vor allem auch, warum sie so angeordnet sind, wie wir sie vorfinden. Telefonisch befragt erklärte mir ein Mitarbeiter der katholischen Kirche von Münster:

»Vieles kennen, erkennen wir natürlich! Aber nicht alles! Wir wissen nicht bei allen Figuren, wer da dargestellt werden soll. Wir wissen schon gar nicht, ob die Anordnung der Figuren etwas aussagen soll. Wir wissen nicht, wie die Figuren ursprünglich angeordnet waren und ob sie aus welchen Gründen auch immer umgestellt wurden, auch nicht warum sie womöglich ursprünglich in ganz anderer Konstellation aufgestellt wurden!«

Foto 8: Der geheimnisvolle Lichtbringer.

Ich frage mich: Wussten die Menschen um das Jahr 1200 so viel mehr als wir heute über biblische Geschichten und Heiligenlegenden? Verstanden die, die nicht lesen konnten, ohne geschriebene Worte, was ihnen da vor Augen geführt wurde? Standen womöglich Mönche bereit, um zu erklären, was da zu sehen war? Ein Bild, heißt es, sagt mehr als tausend Worte. Aber es besteht die Gefahr, dass man Bilder völlig falsch interpretiert, wenn es keine erklärenden Worte dazu gibt. Wer – zum Beispiel – ist die mysteriöse Gestalt am Kopfende von Marias Bett im Stall von Bethlehem? Sie hält einen Kerzenständer mit mächtiger Kerze, während »Gottesmutter« Maria das erwachsen wirkende »Jesusbaby« herzt.

Foto 9: Figuren links vom Eingang.

Kunsthistoriker Guido Linke kommentiert in seinem detailreichen Werk »Freiburger Münster« (3): »Maria liegt im großzügig drapierten Kindbett. … Am Fußende sitzt der mit dem Judenhut angetane Joseph … Von den anbetenden Engeln hebt sich eine Gestalt am Kopfende des Bettes ab, die einen Kerzenleuchter trägt und durch eine Krone ausgezeichnet ist. Sie ist vielleicht als Personifizierung der das Licht der Welt anbetenden Kirche zu verstehen.«

Ist die Gestalt mit dem Kerzenständer ein Engel? Mir scheint ja! Das Haupt der Gestalt schmückt eine Krone. Ein Engel mit Krone? Wer soll das sein? Mir kommt die »Offenbarung des Johannes«, auch »Apokalypse des Johannes« genannt, in den Sinn. Da heißt es (4): »Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen.«

Die »Elberfelder Bibel« (5) vermeldet einen scheinbar abweichenden Sachverhalt: »Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel: Und siehe, ein großer, feuerroter Drache, der sieben Köpfe und zehn Hörner und auf seinen Köpfen sieben Diademe hatte.« Krone oder Diadem? Eine Fußnote klärt auf: »Das Diadem, ein Stirnreif, war im Altertum das Zeichen der Königswürde.« »Hoffnung für alle« (6) erkennt »Kronen« auf den Häuptern des Drachen, ebenso die »Schlachter-Bibel« (7). Die »Neue Evangelische Übersetzung« (8) greift wiederum zum Terminus »Diadem« und erklärt in einer Fußnote: »Ein Diadem ist keine Krone sondern ein schmales Band aus Seide, Leinen oder Edelmetall, das oft mit Perlen oder Edelsteinen besetzt ist. Es symbolisiert königliche Würde und Macht.«

Foto 10: Figuren rechts vom Eingang.
Mir kommt beim Anblick des gekrönten Engels mit der Lichterkerze der Lichtbringer in den Sinn! Ich darf in Erinnerung rufen: Jesus will Satan wie einen Blitz vom Himmel stürzend gesehen haben (9): »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.«  Vom »Neuen« zum »Alten Testament« Bei Jesaja heißt es über den Sturz des Königs von Babylon (10): »Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!« Jesaja bezeichnete den Herrscher von Babylon als gefallenen »Morgenstern«. Und den kannte man in der römischen Mythologie als Luzifer. Der König von Babylon trug als Zeichen seiner Würde ein Diadem oder eine Krone. Wenn wir im Stall von Bethlehem einen »Engel« sehen, der Licht bringt, kann das als Anspielung auf Luzifer gesehen werden, auf den teuflischen Lichtbringer? Wie der verteufelte König von Babylon alias Luzifer hat auch der Lichtbringer im Stall von Bethlehem eine Krone auf dem Haupt. Was aber hat Luzifer im Stall von Bethlehem zu suchen?

Jahrzehnte bereiste ich die Welt, besuchte mysteriöse Orte. Ich berichtete über erstaunliche Phänomene von Ägypten bis Vanuatu. In den vergangenen Jahren widmete ich Stätten viel Aufmerksamkeit, die ich Jahrzehnte lang leider vernachlässigt habe: Es geht mir um sakrale Bauten – von der kleinen Kapelle bis zur mächtigen Kathedrale. Ausführlich schildere ich, was es – zum Beispiel – im Münster zu Freiburg zu sehen gibt. Warum? Ich will keineswegs meine Meinung als die wahre propagieren. Ich möchte lediglich darauf aufmerksam machen, was mich immer wieder zum staunenden Nachdenken bringt.

Nach Vanuatu in der Südsee werden mir nur die wenigsten Leserinnen oder Leser folgen können. Doch jede Leserin, jeder Leser hat – wo auch immer in unserer Heimat – Kapellen oder Kathedralen vor der sprichwörtlichen Haustüre, die zu besuchen mehr als lohnenswert sind.


Fußnoten
1) Diesen Beitrag habe ich am 20. Januar 2017 geschrieben.
2) Sahih Al-Buchari, Band 9, Buch 87, Nr. 114
3) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 28, linke Spalte und rechte Spalte oben
4) »Offenbarung des Johannes«, Kapitel 12 Vers 3. Lutherbibel 2017
5) »Revidierte Elberfelder Bibel«, (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten
6) Ausgabe 2002
7) Genfer Bibelgesellschaft, Ausgabe 2000
8) © 2016 Karl-Heinz Vanheiden (Textstand 16 01)
9) »Das Evangelium nach Lukas« Kapitel 10, Vers 18
10) »Prophet Jesaja« Kapitel 14, Vers 12


Fotos 11 und 12: Die 12 Apostel.

Zu den Fotos
Foto 1: Mohammed und  Gabriel (etwa 1307). Foto wikimedia public domain/  Mladifilozof
Foto 2: Die zur Rechten Jesu ... Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3-6: Teufel und Engel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Erzengel Gabriel an der Seelenwaage mit Teufeln. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der geheimnisvolle Lichtbringer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Figuren links vom Eingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Figuren rechts vom Eingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Collage aus zwei Fotos. Die 12 Apostel. Fotos Walter-Jörg Langbein

378 »Erich von Däniken zum 82.«
Teil  378 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 16.04.2017



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