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Sonntag, 9. April 2017

377 »Der Teufel im Stall von Bethlehem?«


Teil  377 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Mohammed und  Gabriel

Kürzlich war ich im Weserbergland im Bus unterwegs. Ich ließ die Landschaft an mir vorüberziehen, da und dort lag noch Schnee (1). Kinder rutschten auf Schlitten von abschüssigen Gärten. Mürrische Männer hackten Eis von Gehwegen, Frauen streuten Salz. Ein junger Mann setzte sich neben mich und begann Allah zu preisen. Dass ich seinen Redeschwall unbeeindruckt über mich ergehen ließ, schien ihn zu ärgern. »Du kennst doch den Erzengel Gabriel!«, fuhr er mich etwas unwirsch an.

»Nicht persönlich…«, wandte ich ein. »Scherze nur über solche Dinge! Das Lachen wird dir schon noch vergehen!«, gab der orientalisch anmutende Missionar grob zu bedenken. Er zupfte versonnen und selbstgefällig an seinem krausen Bart. »Wenn du dich nicht zu Allah bekennst, wirst du in der Hölle schmoren! Teufel werden dich in siedendes Öl werfen und mit Mistgabeln quälen!«

Foto 2: Die zur Rechten Jesu

Ich reagierte wohl anders als erwartet: »Ich bin müde, wollte eigentlich etwas schlafen…« Damit hatte ich ihm ein Stichwort frei Haus geliefert. »Du bildest dir wohl ein, einst zur Rechten von deinem Jesus zu sitzen? Du wirst schreien vor Schmerz, wenn du in der Hölle landest!« Schließlich begann der junge Mann mit missionarischem Eifer über Allah, Tag und Nacht und die Gnade des Schlafens zu schwadronieren. Er steckte er mir ein Zettelchen zu. Darauf stand zu lesen:

»Wer von euch einen schönen Traum hatte, soll wissen, er ist von Allah. Er soll dafür danken und ihn sofort anderen weitererzählen. Wenn ihr einen bösen Traum habt, ist er vom Teufel und man muss vor ihm fliehen und bei Gott Zuflucht suchen. Man soll ihn auch nicht weitererzählen, dann wird der Traum keinen Schaden zufügen können.« Eine Quelle war auch angegeben (2).

Fotos 3-6: Teufel und Engel.
»Überall ist er, der Teufel und seine Gesandten!«, gab mir der in meinen Augen reichlich aufdringliche Mann noch auf den Weg als ich ausstieg. »Auf Reklametafeln, im Freibad…« Ich stand noch einen Moment an meiner Bushaltestelle, der Bus entfernte sich. Mir kam das Tympanon im Westturm des Freiburger Münsters in den Sinn. Entstanden ist es wohl im späten 13. oder im frühen 14. Jahrhundert, also um das Jahr 1200. Es spiegelt den damaligen Volksglauben wieder, wonach es in der Welt nur so von bösen und guten Mächten wimmelt, die sich alle um den Menschen bemühen. Beide »Parteien« trachten nach der Seele von uns Menschen. Die einen wollen sie in die Hölle zerren, die anderen gen Himmel führen. Vertreter des Guten sind natürlich die Engel, die des Bösen die Teufel. Beide – Engel wie Teufel – tauchen im Figurengetümmel des Tympanons immer wieder auf. Erzengel Gabriel tritt an der Seelenwaage in der Erscheinung. Mit einfachen Mitteln ermittelt er, wer als Sünder bestraft, wer als guter Mensch belohnt wird. Er muss nicht in ein Buch des Lebens blicken, in welchem gute und böse Taten jedes einzelnen Menschen penibel dokumentiert sind.

Der Erzengel kann – so sieht es der unbekannte Künstler –  per Waage feststellen, welche Seele in den Himmel darf und welche ab ins Höllenfeuer muss. Der böse Teufel vom Tympanon wird – so zeigt es das sakrale Kunstwerk – bei einem plumpen Versuch zu tricksen ertappt. Er zerrt mit Gewalt an der Waagschale, in der eine Menschenseele hockt. Der Teufel möchte sich die Seele – salopp gesagt – unter den Nagel reißen.

Foto 7: Erzengel Gabriel an der Seelenwaage mit Teufeln. Foto Walter-Jörg Langbein

Immer wieder habe ich die zahlreichen Figürchen und Figuren im Eingangsbereich des Freiburger Münsters betrachtet. Je länger ich versucht habe, die Aussagen der Darstellungen zu verstehen, desto klarer wurde mir: Eigentlich müsste man nicht Tage, sondern Wochen einplanen für einen Besuch des Freiburger Münsters, um sich auch nur einen Überblick zu verschaffen. Unklar ist, was die einzelnen Statuen und Statuetten aussagen sollen, vor allem auch, warum sie so angeordnet sind, wie wir sie vorfinden. Telefonisch befragt erklärte mir ein Mitarbeiter der katholischen Kirche von Münster:

»Vieles kennen, erkennen wir natürlich! Aber nicht alles! Wir wissen nicht bei allen Figuren, wer da dargestellt werden soll. Wir wissen schon gar nicht, ob die Anordnung der Figuren etwas aussagen soll. Wir wissen nicht, wie die Figuren ursprünglich angeordnet waren und ob sie aus welchen Gründen auch immer umgestellt wurden, auch nicht warum sie womöglich ursprünglich in ganz anderer Konstellation aufgestellt wurden!«

Foto 8: Der geheimnisvolle Lichtbringer.

Ich frage mich: Wussten die Menschen um das Jahr 1200 so viel mehr als wir heute über biblische Geschichten und Heiligenlegenden? Verstanden die, die nicht lesen konnten, ohne geschriebene Worte, was ihnen da vor Augen geführt wurde? Standen womöglich Mönche bereit, um zu erklären, was da zu sehen war? Ein Bild, heißt es, sagt mehr als tausend Worte. Aber es besteht die Gefahr, dass man Bilder völlig falsch interpretiert, wenn es keine erklärenden Worte dazu gibt. Wer – zum Beispiel – ist die mysteriöse Gestalt am Kopfende von Marias Bett im Stall von Bethlehem? Sie hält einen Kerzenständer mit mächtiger Kerze, während »Gottesmutter« Maria das erwachsen wirkende »Jesusbaby« herzt.

Foto 9: Figuren links vom Eingang.

Kunsthistoriker Guido Linke kommentiert in seinem detailreichen Werk »Freiburger Münster« (3): »Maria liegt im großzügig drapierten Kindbett. … Am Fußende sitzt der mit dem Judenhut angetane Joseph … Von den anbetenden Engeln hebt sich eine Gestalt am Kopfende des Bettes ab, die einen Kerzenleuchter trägt und durch eine Krone ausgezeichnet ist. Sie ist vielleicht als Personifizierung der das Licht der Welt anbetenden Kirche zu verstehen.«

Ist die Gestalt mit dem Kerzenständer ein Engel? Mir scheint ja! Das Haupt der Gestalt schmückt eine Krone. Ein Engel mit Krone? Wer soll das sein? Mir kommt die »Offenbarung des Johannes«, auch »Apokalypse des Johannes« genannt, in den Sinn. Da heißt es (4): »Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen.«

Die »Elberfelder Bibel« (5) vermeldet einen scheinbar abweichenden Sachverhalt: »Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel: Und siehe, ein großer, feuerroter Drache, der sieben Köpfe und zehn Hörner und auf seinen Köpfen sieben Diademe hatte.« Krone oder Diadem? Eine Fußnote klärt auf: »Das Diadem, ein Stirnreif, war im Altertum das Zeichen der Königswürde.« »Hoffnung für alle« (6) erkennt »Kronen« auf den Häuptern des Drachen, ebenso die »Schlachter-Bibel« (7). Die »Neue Evangelische Übersetzung« (8) greift wiederum zum Terminus »Diadem« und erklärt in einer Fußnote: »Ein Diadem ist keine Krone sondern ein schmales Band aus Seide, Leinen oder Edelmetall, das oft mit Perlen oder Edelsteinen besetzt ist. Es symbolisiert königliche Würde und Macht.«

Foto 10: Figuren rechts vom Eingang.
Mir kommt beim Anblick des gekrönten Engels mit der Lichterkerze der Lichtbringer in den Sinn! Ich darf in Erinnerung rufen: Jesus will Satan wie einen Blitz vom Himmel stürzend gesehen haben (9): »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.«  Vom »Neuen« zum »Alten Testament« Bei Jesaja heißt es über den Sturz des Königs von Babylon (10): »Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!« Jesaja bezeichnete den Herrscher von Babylon als gefallenen »Morgenstern«. Und den kannte man in der römischen Mythologie als Luzifer. Der König von Babylon trug als Zeichen seiner Würde ein Diadem oder eine Krone. Wenn wir im Stall von Bethlehem einen »Engel« sehen, der Licht bringt, kann das als Anspielung auf Luzifer gesehen werden, auf den teuflischen Lichtbringer? Wie der verteufelte König von Babylon alias Luzifer hat auch der Lichtbringer im Stall von Bethlehem eine Krone auf dem Haupt. Was aber hat Luzifer im Stall von Bethlehem zu suchen?

Jahrzehnte bereiste ich die Welt, besuchte mysteriöse Orte. Ich berichtete über erstaunliche Phänomene von Ägypten bis Vanuatu. In den vergangenen Jahren widmete ich Stätten viel Aufmerksamkeit, die ich Jahrzehnte lang leider vernachlässigt habe: Es geht mir um sakrale Bauten – von der kleinen Kapelle bis zur mächtigen Kathedrale. Ausführlich schildere ich, was es – zum Beispiel – im Münster zu Freiburg zu sehen gibt. Warum? Ich will keineswegs meine Meinung als die wahre propagieren. Ich möchte lediglich darauf aufmerksam machen, was mich immer wieder zum staunenden Nachdenken bringt.

Nach Vanuatu in der Südsee werden mir nur die wenigsten Leserinnen oder Leser folgen können. Doch jede Leserin, jeder Leser hat – wo auch immer in unserer Heimat – Kapellen oder Kathedralen vor der sprichwörtlichen Haustüre, die zu besuchen mehr als lohnenswert sind.


Fußnoten
1) Diesen Beitrag habe ich am 20. Januar 2017 geschrieben.
2) Sahih Al-Buchari, Band 9, Buch 87, Nr. 114
3) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 28, linke Spalte und rechte Spalte oben
4) »Offenbarung des Johannes«, Kapitel 12 Vers 3. Lutherbibel 2017
5) »Revidierte Elberfelder Bibel«, (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten
6) Ausgabe 2002
7) Genfer Bibelgesellschaft, Ausgabe 2000
8) © 2016 Karl-Heinz Vanheiden (Textstand 16 01)
9) »Das Evangelium nach Lukas« Kapitel 10, Vers 18
10) »Prophet Jesaja« Kapitel 14, Vers 12


Fotos 11 und 12: Die 12 Apostel.

Zu den Fotos
Foto 1: Mohammed und  Gabriel (etwa 1307). Foto wikimedia public domain/  Mladifilozof
Foto 2: Die zur Rechten Jesu ... Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3-6: Teufel und Engel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Erzengel Gabriel an der Seelenwaage mit Teufeln. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der geheimnisvolle Lichtbringer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Figuren links vom Eingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Figuren rechts vom Eingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Collage aus zwei Fotos. Die 12 Apostel. Fotos Walter-Jörg Langbein

378 »Erich von Däniken zum 82.«
Teil  378 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 16.04.2017



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Sonntag, 2. August 2015

289 »Maria Magdalena?«

Teil 289 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Kirchlein von Kirchbrak

Vor rund 900 Jahren wurde das kleine Wehrkirchlein zu Kirchbrak im Weserbergland geweiht. Bis zum heutigen Tag ungeklärt ist das Geheimnis des Altars.

Ein unbekannter Künstler verewigte auf dem geschnitzten und bunt bemalten Abendmahlbild dreizehn Jünger. Dreizehn Menschen scharen sich da um Jesus. Wer aber ist der überzählige, der dreizehnte Jünger? Oder anders gefragt: Wer aus der Schar der Jünger fällt aus dem Rahmen?

Fotos 2 u.3: Abendmahl von Kirchbrak
Die von künstlerischer Hand sorgfältig herausgearbeiteten Teilnehmer am Gedächtnismahl Jesu sind bunt bemalt. Ungewöhnlich für eine solch fromme Darstellung sind zwei Hunde im Vordergrund. Sie tragen goldene Schmuckstücke. Dahinter befindet sich ein relativ kleiner Tisch. Jesus sitzt auf einem goldenen Thron, die rechte Hand zum Friedensgruß erhoben. Es mutet seltsam an, dass er als eigentliche Hauptperson so weit in den Hintergrund gerückt wurde. Um den Tisch haben sich die Jünger Jesu versammelt. Wie auf den Darstellungen von Leonardo da Vinci und von Philippe de Champaigne bilden sie kleine Grüppchen, die miteinander in Gespräche vertieft sind. Jesus wirkt allein gelassen, ja einsam.

Wie viele Personen nehmen am Abendmahl teil? Wir erwarten deren dreizehn: Jesus und seine zwölf Gefährten. Wir zählen und kommen zu einem verblüffenden, unerwarteten Resultat. Haben wir uns vertan? Nochmals lassen wir unseren Blick mit Jesus beginnend von Jünger zu Jünger schweifen. Es gibt keinen Zweifel: Jesus sitzt in Gesellschaft von dreizehn, nicht von zwölf Jüngern. Wer ist der dreizehnte Jünger? Können wir ihn ausfindig machen? Immer wieder fragen wir uns: Gibt es eine Person auf dem Abendmahl-Schnitzbild, die sich von allen übrigen unterscheidet? Studiert man das Altarrelief gründlich, so entdeckt man links hinten eine weibliche Gestalt. Sie gehört in den Kreis der Jünger. Sie ist voll integriert. Sie ist ganz offensichtlich und unbestreitbar in der Gruppe um Jesus eine Gleichberechtigte.

Der Altar von Bad Segeberg »erzählt« uns die Geschichte Jesu vom Judaskuss bis zu einer Vision von Jesus als Weltenrichter in dreizehn Bildern. Bild Nr. 10 beschreibt Gundolf Stracke, Studiendirektor a.D., 2013 im Alter von 83 Jahren verstorben,  sehr detailliert  in einem Manuskript »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg« (1):

Foto 4: Jesus und 10 Jünger
»Jesus mit seinem ›Hirtenstab‹ in seiner Linken und der mit dem Zeichen des Sieges erhobenen Rechten ist mitten unter seine Jünger getreten. Ihnen steht ihre Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben und auch ihre Gesten bringen das zum Ausdruck. Alle 10 Jünger um ihn herum sind in ihrem individuellen Betroffensein gezeichnet.«

Auch bei meinem zweiten Besuch in der Marienkirche zu Bad Segeberg bin ich beim Betrachten des bemalten Schnitzwerks irritiert. Ich zähle die Personen, die um Jesus herum stehen. Es sind definitiv mehr als zehn. Lässt man aber die eher nur angedeuteten außerhalb des direkten Umfelds (in Foto 5 weiß markiert!) von Jesus weg, so sind da wirklich nur zehn Jünger zu sehen. Warum nur zehn? Judas Ischariot konnte nicht zugegen sein, als Jesus nach seiner Auferstehung seine Jünger besuchte. Er hatte sich ja nach dem Bericht des Evangelisten Matthäus (2) erhängt. Seine »Kollegen« Markus, Lukas und Johannes allerdings schweigen über das Ende des Judas.

Nach dem Evangelisten Johannes fehlte Thomas bei der denkwürdigen Begegnung Jesu mit seinen Jüngern (3): »Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.« Streng genommen müssten nach dem zitierten Evangelium nach Johannes elf Jünger anwesend gewesen sein. Johannes betont ja ausdrücklich nur, dass Thomas (»einer der Zwölf«) nicht zur Schar um den Auferstandenen gehörte, von Judas ist keine Rede. Kombiniert man aber die Informationen aus dem Evangelium nach Johannes und aus dem Evangelium nach Matthäus, dann waren es nur zehn Jünger, denen Jesus erschien: Judas war zu diesem Zeitpunkt tot und Zwilling Thomas war nicht präsent.

Interessanter aber ist ein »Jünger« den Gundolf Strache nicht expressis verbis identifiziert. In seinem Manuskript geht er namentlich lediglich auf zwei Jünger ein (4):

Foto 5: Links Petrus, rechts Johannes

»Im Vordergrund sind Petrus (links von Jesus) und Johannes (rechts von ihm) zu erkennen. Jesus selbst, der auch hier die Mitte ist, steht mit geöffnetem Umhang in seiner Auferstehungsfarbe und der Lanzenwunde in der Jüngerrunde.«

Betrachten wir das zehnte Bildfeld des Altars, sehen wir links von Jesus seinen Jünger Petrus mit spärlichem Haarwuchs und Teilglatze. Rechts von Jesus machen wir einen jungen, leicht feminin wirkenden Jünger, aus. Es ist wohl Johannes, der als Jesu besonderer Liebling beschrieben wird. 

Foto 6: Frau mit langen Haaren...

Diagonal aus von Johannes, also oben links außen - Foto 6 - steht eindeutig eine Frau. Sie trägt ihr Haar offen, während die Frau außerhalb der Jüngerrunde - Foto 7 - ein Kopftuch trägt. Sollte die Frau mit dem wallenden Langhaar Maria Magdalena sein?

Foto 7: Frau mit Kopftuch

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass die »Jüngerin« im Altarbild von Kirchbrak auch hinten links steht? Betrachten wir noch einmal das Altarbild von Kirchbrak. Jesus und seine männlichen Jünger haben etwas gemeinsam: Sie tragen alle wallende Bärte. Die »Jüngerin« links hinten im Bild ist bartlos.

Foto 8: Lange Ärmel.. kurze Ärmel..
Vergleichen wir noch einmal die Darstellungen der Männer. Sie haben ihre Ärmel zurückgekrempelt, zeigen ihre nackten Arme. (Im Foto gelb markiert!) Nicht so die »Jüngerin« links hinten. Sie hat lange Ärmel! (Im Foto rot markiert!) Offenbar galt es zu Jesu Zeiten als schicklich für eine Frau, ihre Arme zu verhüllen. Wiederholt bekam ich zu hören, dass es sich bei der »Jüngerin« in Wirklichkeit um Jesu Lieblingsjünger Johannes handle, der ja in unzähligen Darstellungen christlicher Kunst als jugendlich, ja feminin dargestellt wurde. Doch die »Jüngerin« kann nicht Jünger Johannes sein. Vom Lieblingsjünger Johannes wissen wir aus dem Evangelium nach Johannes, dass er (5) »auch beim Abendessen an seiner (Jesu) Brust gelegen hatte«. Ich gehe davon aus, dass im Abendmalbild von Kirchbrak Lieblingsjünger Johannes zur rechten Seite von Jesus, direkt neben ihm, sitzt.

Wurde also, so stelle ich zur Diskussion, Maria Magdalena in die Altarbilder von Kirchbrak und von Bad Segeberg geschmuggelt? Wussten die Künstler mehr über die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena als öffentlich zu bekunden ratsam war?

Eine der zentralen Gestalten im direkten Umfeld Jesu ist Maria Magdalena. Sie war Jesu engste Vertraute. Sie hielt auch dann zu Jesus, als die anderen Jünger ihn verraten und verlassen hatten. Sie nahm ein hohes Risiko für Leib und Leben auf sich, als sie ihre Zugehörigkeit zu Jesus offen zeigte. Sie war eine der wenigen Zeugen von Jesu Leiden am Kreuz, als sich die Herren Jünger mit Ausnahme von Johannes – um ihr Leben bangend – versteckten. Maria Magdalena war als Erste am Grab Jesu und begegnete vor allen anderen Jüngern als Erste dem Auferstandenen. Da wäre es doch mehr als verwunderlich, wäre Maria Magdalena nicht im Kreise der Jünger anzutreffen, als sich der Messias nach der Auferstehung seinen Jüngern zeigte.

Fotos 9 und 10: Maria Magdalena von Kirchbrak?

Zu Beginn des zweiten Kapitels der Apostelgeschichte wird auf ein mysteriöses himmlisches Phänomen hingewiesen: »Ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes erfüllte das ganze Haus«. Und mit diesem Himmelshauch kamen Zungen zerteilt, wie von Feuer«. Der griechische Originaltext der Apostelgeschichte ist in seiner Aussage wesentlich klarer als die meisten Übersetzungen (6): Mit dem vielleicht sogar angsteinflößenden Windesbrausen kamen die Feuerzungen. Jeweils eine davon setzte sich auf jeden der Jünger, der daraufhin vom Heiligen Geist erfüllt wurde und so sprechen konnte, dass ihn jeder verstand.

Die Jünger erhalten also vom Himmel her Autorität zu missionieren. Diese Machtbefugnis wird ihnen ganz offensichtlich vom »Heiligen Geist« übertragen. Somit gab der Himmel seinen Segen zur Ausbreitung des Christentums. Im Gegensatz zum Judentum, das keine Missionierung kennt, machten sich die ersten Christen daran, »die Welt« von der Lehre Jesu zu überzeugen. Somit gehört das Pfingstwunder zu den entscheidendsten »Ereignissen« der rund zwei Jahrtausende umfassenden Kirchengeschichte. So verwundert es nicht, dass die mysteriöse Szene von unzähligen Malern bildlich festgehalten wurde. Eine der berühmtesten Darstellungen ist Gustave Dorés »Die Ausgießung des Heiligen Geistes«, 1865 entstanden. (Foto 11)
    
Foto 11: Dorés Bibelillustration.

Doré zeigt, so wie der unbekannte Schöpfer der rätselhaften Darstellung des »Heiligen Abendmahls« der Kirche von Kirchbrak, dreizehn und nicht zwölf Jünger. Eine der zentralen Gestalten ist...eine Frau, vermutlich Maria Magdalena. Ich wiederhole: Maria Magdalena war Jesu engste Vertraute. Es ist menschlich verständlich, dass Jesu Jünger nach seiner Verhaftung zunächst flohen. Jesus war von Vertretern der römischen Staatsmacht, vermutlich als Rebell, als Aufständischer verhaftet worden und musste mit dem Schlimmsten rechnen. Wer sich als Anhänger Jesu zu erkennen gab, der lief Gefahr ebenfalls verhaftet und verurteilt zu werden!

Es wäre mehr als verwunderlich, wäre Maria Magdalena nicht im Kreise der Jünger anzutreffen, nachdem der Messias gen Himmel aufgefahren war.


Foto 12: Altarbild Kirchbrak



Fußnoten


(1) Strache, Gundolf: »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg«, Manuskript, vermutlich Bad Segeberg, undatiert, Seite 19
(2) Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Verse 3-10
(3) Evangelium nach Johannes Kapitel 20, Vers 24.
(4) Strache, Gundolf: »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg«, Manuskript, vermutlich Bad Segeberg, undatiert, Seite 19
(5) Evangelium nach Johannes, Kapitel 21, Vers 20
(6) Apostelgeschichte des Lukas Kapitel 1,  Verse 3 und 4


Foto 13: Nochmal... Abendmahl von Kirchbrak

Zu den Fotos

Foto 1: Kirchlein von Kirchbrak. Der ursprüngliche Eingang lag höher, musste über eine Leiter erreicht werden. Im Falle eines Angriffs konnten sich die Gläubigen in die Kirche zurückziehen, die Leiter hochziehen und auf das Verschwinden der Angreifer hoffen. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 2 u.3: Abendmahl von Kirchbrak: Zwei Fotos übereinander. Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 4: Jesus und zehn Jünger. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 5: Links Petrus, rechts Johannes. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6: Frau mit langen Haaren... Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 14: Weihnachten
Foto 7: Frau mit Kopftuch. Diese Frau steht außerhalb, gehört nicht zum Jünger-Kreis. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Lange Ärmel.. kurze Ärmel.. Altar Kirchbrak. Bitte beachten Sie: Die Frau kinks hinten hat lange Ärmel - im roten Oval. Die Männer haben kurze Ärmel - jeweils im gelben Oval. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 9 und 10: Maria Magdalena von Kirchbrak? Foto 9, links, Jüngerin mit Jüngern. Foto 10: Jüngerin. Altar Kirchbrak. Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Dorés Bibelillustration.Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Altarbild Kirchbrak. Welche Geheimnisse mag das Altarbild von Kirchbrak noch bieten? 
Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 13: Nochmal... Abendmahl von Kirchbrak. Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 14: Weihnachten. Altar von Kirchbrak zur Weihnachtszeit. Foto Walter-Jörg Langbein

290 »Die Wahrheit?«
Teil 290 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 09.08.2015
 


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