Posts mit dem Label Marien Kirche werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Marien Kirche werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 17. Juli 2016

339 »Karl May und die Pyramide«

Teil 339 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


                                             »Kennt Ihr die Pyramide,
                                          die hier in der Nähe liegt?«
»Das Innere der Pyramide war
ein Geheimnis.«
Karl May »Das Waldröschen«

Foto 1: Szene aus »Der Schatz im Silbersee
« (14.07.2016)

Der »Schatz im Silbersee« lockte mich zu den Karl-May-Festspielen nach Bad Segeberg. Ich reiste per Zug an. Zwischenstopp,  steht es zumindest im zuverlässigen Fahrplan, gibt es in  Hamburg-Hauptbahnhof. Ankunft am 13.7. auf Gleis 13 um 13 Uhr 13.

Nirgendwo sonst kann man Karl May mit allen Sinnen genießen wie am Kalkberg zu Bad Segeberg. Man sieht, man hört, man riecht, man fühlt, ja man schmeckt die Welt des »Maysters«. Kein Kino – ob 3D oder 2D – kann da mithalten.

Der »Schatz im Silbersee« lockte mich nach Bad Segeberg. Und eine Pyramide. Ob Karl May je nach Bad Segeberg gekommen ist? Ob er von der Pyramide gehört hat? Fakt ist, dass der sächsische Dichter vom Geheimnis der Pyramiden fasziniert war. In seinem zehnbändigen Romanzyklus »Waldröschen oder Die Verfolgung rund um die Erde« entführt er uns auch in »Die Pyramide des Sonnengottes«. Helden wie Schurken sind vom »Schatz der Aztekenkönige« fasziniert. Dramatisch geht es bei Karl May »In der Pyramide« (1) zu.

Foto 2: Die Rantzau-Pyramide
Ob Karl May über die mysteriöse Pyramide von Bad Segeberg informiert war? Vermutlich nicht.  Anno 1622 jedenfalls soll die Pyramide bereits eine baufällige Ruine gewesen sein, anno 1632 dürfte sie weitestgehend in sich zusammengebrochen sein. Es sollten aber noch einige Jahrzehnte vergehen bis die Mauerreste abgetragen wurden. Anno 1770 stand an Stelle der einstigen Pyramide eine kleine »Kapelle«, die freilich nie als Kapelle diente.

Diese »Rantzau-Kapelle« in der »Hamburger Straße« ist von bescheidenen Ausmaßen. Nach meiner Messung hat sie eine Grundfläche von etwas weniger als vier Quadratmetern. Den Vorgängerbau – die Pyramide – hat Heinrich Rantzau anno 1588 aus einheimischem Kalkstein errichten lassen. Er muss recht imposant gewesen sein. Das pyramidenfömige Dach war immerhin stolze zehn Meter hoch. Mit dem massiven Unterbau erreichte die Pyramide eine Gesamthöhe von vermutlich fünfzehn Metern.

Foto 3: Das Türmchen auf dem Dach der Kapelle. (13.7.2016)

Das Türmchen auf dem Dach der heutigen Rantzau-Kapelle zeigt, wie einst die ursprüngliche Rantzau-Pyramide ausgesehen hat. Sie bestand aus einem würfelförmigen Unterbau und einem hohen Pyramiden-Dach.

Von der ursprünglichen Pyramide ist so gut wie nichts erhalten geblieben, nur der steinerne Altar im Inneren des winzigen Gotteshauses soll schon im Pyramidenbau gestanden haben.

Foto 4: Der Original-Altartisch...

Was mich, gelinde gesagt, wundert: Noch vor Jahren wussten viele Einheimische nichts von der einstigen »Rantzau-Pyramide«, geschweige denn, wo sie einst stand. Das hat sich inzwischen geändert. Heute ist der kleine steinerne Backsteinbau leicht zu finden. Man muss nur fragen, bekommt in der Regel richtige Auskunft. Nicht alle Zeitgenossen, die von der kleinen Kostbarkeit gehört haben, wissen, wen Rantzau anno 1588 ehren wollte, nämlich König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen (1534-1588).

Der Standort für das steinerne Denkmal war sorgfältig gewählt. Er lag außerhalb der Stadtmauer, fast einen Kilometer vom Stadttor entfernt, auf freiem Feld.  Es wurde auf einem vorgeschichtlichen Grabhügel errichtet. Auf diese Weise sollte eine Verbindung mit uralten Zeiten hergestellt werden. Heute steht der Nachfolgebau, kaum beachtet, mitten in Bad Segeberg in der Hamburger Straße.

Foto 5: ... stammt noch aus der Rantzau Pyramide

Mit besonders großer Sorgfalt ging man ans Werk beim Bau des Fundaments. Offenbar sollte die Pyramide noch in ferner Zukunft an König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen erinnern. Wieso hat man Felsgestein für den Unterbau aus dem gut 300 Kilometer entfernten Höxter herangeschafft? Dass man auch gotländische Steine aus Schweden einsetzte – direkte Distanz rund 800 Kilometer – verwundert doch etwas.

Gotländische Bildsteine wurden schon im 5., aber noch im 14. Jahrhundert geschaffen. Bekannt ist, dass die mit Reliefs versehenen Steine öfters von ihren ursprünglichen Standorten entfernt und beim Bau mittelalterlicher Kirchen eingesetzt wurden. Der Antransport gotländischer Steine war im 16. Jahrhundert mit erheblichem Aufwand verbunden. Mussten doch die Felsen von der schwedischen Insel Gotland zunächst über Land geschleppt, dann an Bord von Schiffen verbracht, übers Meer – vielleicht über Lübeck – nach Bad Segeberg gebracht werden. Und das nur, um im eher unansehnlichen Fundament verarbeitet zu werden.

Foto 6: Die Rantzau-Kapelle am 13.07.2016

Die heute genutzte Bezeichnung »Kapelle« ist irreführend. Diente das Bauwerk doch zu keinem Zeitpunkt als Kapelle im religiösen Sinn, sondern stets als Denkmal für Friedrich II. von Dänemark und Schweden.

Die »Rantzau-Kapelle« wurde noch in jüngster Vergangenheit alles andere als besonders gepflegt. In einem traurigen Zustand fristete auch ein weiteres Monument ein kärgliches, beklagenswertes Monument sein Dasein: der Rantzau-Obelisk. Das hat sich, zum Glück, geändert. Die historischen Monumente befinden sich wieder in einem guten Zustand.

Heinrich Graf zu Rantzau hat die Steinsäule – damals wahrscheinlich bis zu fünfzehn Meter hoch – aufstellen lassen. Ein deutlich größerer Obelisk in Rom mag als Vorbild gedient haben. Thutmosis III. ließ um 1500 v.Chr. östlich vom Tempel des Amun in Theben einen 500 Tonnen schweren Obelisken aufstellen. Die fast 35 Meter hohe Steinnadel gelangte auf Umwegen von Alexandria nach Rom. 357 wurde sie im »Circus Maximus« aufgerichtet. Ein Erdbeben brachte den Koloss zu Fall. Er zerbrach in mehrere Teile, die Brocken blieben liegen. 1587 ließ Papst Sixtus V. den Obelisk freilegen, rekonstruieren und erneut aufstellen. An der Spitze wurde ein Kreuz angebracht.

Fotos 7 und 8: Der Obelisk

Der »Rantzau-Obelisk« wurde im 19. Jahrhundert Opfer eines Sturms und zerbarst. Ein kärglicher Rest fand – jetzt etwa einhundert Meter von der »Rantzau-Kapelle« entfernt – einen neuen Platz.  Zu Beginn des dritten Jahrtausends schien es so, als ob man von Seiten der Stadt kein Interesse am Erhalt der Reste des einst stolzen Obelisken habe. Offenbar hat sich das geändert. Dem Vernehmen nach wurden die noch vorhandenen Überbleibsel (mit hohem finanziellen Aufwand?) konserviert und vor weiterem Verfall bewahrt. Auch die »Rantzau-Kapelle«, einst »Rantzau-Pyramide«, wird offensichtlich gut behandelt, so wie sie es auch verdient. 


Foto 9: Inschrift im Fundament des Obelisken

Eine Inschrift am Obelisken lautet: »Deo et Friderico II«, also »Für Gott und Friedrich II«. Die»Rantzau-Kapelle« und »Rantzau-Obelisk« sind steinerne Denkmäler für eine traurige Realität geworden. Sie dokumentieren den Verfall unserer ureigenen Kultur. Unwissenheit macht sich breit, Missachtung der eigenen Wurzeln ist symptomatisch für unsere Zeit. Viele Zeitgenossen sind einfach nur gleichgültig, andere scheinen eine Art Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln und im Rahmen von »Multi-Kulti« nur Fremdes zu schätzen. Ich selbst halte nichts von »Multikulti«. Allein schon der saloppe Begriff zeugt von Missachtung und Geringschätzung von Kultur. Ein Mischmasch aus vielen Preziosen wird zu einem wertlosen Durcheinander, wobei die Schönheiten der einzelnen Kulturen kaum mehr zu erkennen sind.

Foto 10: Regenschauer
Mit meinem kleinen Beitrag über die »Rantzau-Kapelle« und den »Rantzau-Obelisk« möchte ich Leserinnen und Leser dazu ermutigen, in der eigenen Heimat nach geschichtsträchtigen Monumenten und Kuriosa zu suchen, die mehr Beachtung verdient haben.

Ich meine: Man kann sehr wohl fremde Kulturen schätzen, ohne die eigene bestenfalls zu vergessen. Es ist ein Unding, Respekt vor fremden Kulturen zu fordern und nichts für den Erhalt der eigenen Kultur zu tun.

Am 13.7.2016 war ich vor Ort. Am Nachmittag fotografierte ich emsig. Teilweise heftige Schauer wurden immer wieder unterbrochen. Dann machte strahlender Sonnenschein das Fotografieren zum Vergnügen. Dann aber schüttete es wieder vom Himmel. Die Rantzau-Kapelle erschien in geradezu düsterem, unheimlichem Licht.

Von »meinem« Hotel, dem »Central Gasthof« (2) in der Kirchstraße, sind »Rantzau-Kapelle« und »Rantzau-Obelisk« in wenigen Minuten bequem zu Fuß erreichen. Auch zur Freilichtbühne der Karl-May-Festspiele ist es nicht weit. Auch dieser Weg ist zu Fuß gut in weniger als einer halben Stunde zu schaffen. Am Kalkberg geht es aber über eine Treppenpassage bergan. Mit dem PKW kann man nicht direkt bis zur Freilichbühne fahren. Es gibt Parkplätze in der Nähe, die sind aber oft schnell belegt.

Noch ein wichtiger Hinweis: Direkt neben dem wirklich empfehlenswerten »Central Gasthof« : die Marien-Kirche mit ihrem herrlichen Altar.

Foto 11: Der Central Gasthof im Zentrum von Bad Segeberg

Fußnoten
(1) »Die Pyramide des Sonnengottes« von Karl May erschien als Band 52 der berühmten Bamberger Gesamtausgabe der Werke Karl Mays. Kapitel 11 trägt die Überschrift »In der Pyramide«
(2) Hotel und Restaurant »Central Gasthof« (Familie Schumacher), Kirchstraße 32, 23795 Bad Segeberg

Zu den Fotos 
Fotos 1, 3, 4-12: Alle Fotos Walter-Jörg Langbein.
Foto 2: Zeichnung wiki commons/
Dieter Lohmeier Heinrich Rantzau

Foto 12: Die Darsteller vom »Schatz im Silbersee«


340 »Die Göttin und die Inka«,
Teil 340 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 24.07.2016

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 2. August 2015

289 »Maria Magdalena?«

Teil 289 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Kirchlein von Kirchbrak

Vor rund 900 Jahren wurde das kleine Wehrkirchlein zu Kirchbrak im Weserbergland geweiht. Bis zum heutigen Tag ungeklärt ist das Geheimnis des Altars.

Ein unbekannter Künstler verewigte auf dem geschnitzten und bunt bemalten Abendmahlbild dreizehn Jünger. Dreizehn Menschen scharen sich da um Jesus. Wer aber ist der überzählige, der dreizehnte Jünger? Oder anders gefragt: Wer aus der Schar der Jünger fällt aus dem Rahmen?

Fotos 2 u.3: Abendmahl von Kirchbrak
Die von künstlerischer Hand sorgfältig herausgearbeiteten Teilnehmer am Gedächtnismahl Jesu sind bunt bemalt. Ungewöhnlich für eine solch fromme Darstellung sind zwei Hunde im Vordergrund. Sie tragen goldene Schmuckstücke. Dahinter befindet sich ein relativ kleiner Tisch. Jesus sitzt auf einem goldenen Thron, die rechte Hand zum Friedensgruß erhoben. Es mutet seltsam an, dass er als eigentliche Hauptperson so weit in den Hintergrund gerückt wurde. Um den Tisch haben sich die Jünger Jesu versammelt. Wie auf den Darstellungen von Leonardo da Vinci und von Philippe de Champaigne bilden sie kleine Grüppchen, die miteinander in Gespräche vertieft sind. Jesus wirkt allein gelassen, ja einsam.

Wie viele Personen nehmen am Abendmahl teil? Wir erwarten deren dreizehn: Jesus und seine zwölf Gefährten. Wir zählen und kommen zu einem verblüffenden, unerwarteten Resultat. Haben wir uns vertan? Nochmals lassen wir unseren Blick mit Jesus beginnend von Jünger zu Jünger schweifen. Es gibt keinen Zweifel: Jesus sitzt in Gesellschaft von dreizehn, nicht von zwölf Jüngern. Wer ist der dreizehnte Jünger? Können wir ihn ausfindig machen? Immer wieder fragen wir uns: Gibt es eine Person auf dem Abendmahl-Schnitzbild, die sich von allen übrigen unterscheidet? Studiert man das Altarrelief gründlich, so entdeckt man links hinten eine weibliche Gestalt. Sie gehört in den Kreis der Jünger. Sie ist voll integriert. Sie ist ganz offensichtlich und unbestreitbar in der Gruppe um Jesus eine Gleichberechtigte.

Der Altar von Bad Segeberg »erzählt« uns die Geschichte Jesu vom Judaskuss bis zu einer Vision von Jesus als Weltenrichter in dreizehn Bildern. Bild Nr. 10 beschreibt Gundolf Stracke, Studiendirektor a.D., 2013 im Alter von 83 Jahren verstorben,  sehr detailliert  in einem Manuskript »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg« (1):

Foto 4: Jesus und 10 Jünger
»Jesus mit seinem ›Hirtenstab‹ in seiner Linken und der mit dem Zeichen des Sieges erhobenen Rechten ist mitten unter seine Jünger getreten. Ihnen steht ihre Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben und auch ihre Gesten bringen das zum Ausdruck. Alle 10 Jünger um ihn herum sind in ihrem individuellen Betroffensein gezeichnet.«

Auch bei meinem zweiten Besuch in der Marienkirche zu Bad Segeberg bin ich beim Betrachten des bemalten Schnitzwerks irritiert. Ich zähle die Personen, die um Jesus herum stehen. Es sind definitiv mehr als zehn. Lässt man aber die eher nur angedeuteten außerhalb des direkten Umfelds (in Foto 5 weiß markiert!) von Jesus weg, so sind da wirklich nur zehn Jünger zu sehen. Warum nur zehn? Judas Ischariot konnte nicht zugegen sein, als Jesus nach seiner Auferstehung seine Jünger besuchte. Er hatte sich ja nach dem Bericht des Evangelisten Matthäus (2) erhängt. Seine »Kollegen« Markus, Lukas und Johannes allerdings schweigen über das Ende des Judas.

Nach dem Evangelisten Johannes fehlte Thomas bei der denkwürdigen Begegnung Jesu mit seinen Jüngern (3): »Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.« Streng genommen müssten nach dem zitierten Evangelium nach Johannes elf Jünger anwesend gewesen sein. Johannes betont ja ausdrücklich nur, dass Thomas (»einer der Zwölf«) nicht zur Schar um den Auferstandenen gehörte, von Judas ist keine Rede. Kombiniert man aber die Informationen aus dem Evangelium nach Johannes und aus dem Evangelium nach Matthäus, dann waren es nur zehn Jünger, denen Jesus erschien: Judas war zu diesem Zeitpunkt tot und Zwilling Thomas war nicht präsent.

Interessanter aber ist ein »Jünger« den Gundolf Strache nicht expressis verbis identifiziert. In seinem Manuskript geht er namentlich lediglich auf zwei Jünger ein (4):

Foto 5: Links Petrus, rechts Johannes

»Im Vordergrund sind Petrus (links von Jesus) und Johannes (rechts von ihm) zu erkennen. Jesus selbst, der auch hier die Mitte ist, steht mit geöffnetem Umhang in seiner Auferstehungsfarbe und der Lanzenwunde in der Jüngerrunde.«

Betrachten wir das zehnte Bildfeld des Altars, sehen wir links von Jesus seinen Jünger Petrus mit spärlichem Haarwuchs und Teilglatze. Rechts von Jesus machen wir einen jungen, leicht feminin wirkenden Jünger, aus. Es ist wohl Johannes, der als Jesu besonderer Liebling beschrieben wird. 

Foto 6: Frau mit langen Haaren...

Diagonal aus von Johannes, also oben links außen - Foto 6 - steht eindeutig eine Frau. Sie trägt ihr Haar offen, während die Frau außerhalb der Jüngerrunde - Foto 7 - ein Kopftuch trägt. Sollte die Frau mit dem wallenden Langhaar Maria Magdalena sein?

Foto 7: Frau mit Kopftuch

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass die »Jüngerin« im Altarbild von Kirchbrak auch hinten links steht? Betrachten wir noch einmal das Altarbild von Kirchbrak. Jesus und seine männlichen Jünger haben etwas gemeinsam: Sie tragen alle wallende Bärte. Die »Jüngerin« links hinten im Bild ist bartlos.

Foto 8: Lange Ärmel.. kurze Ärmel..
Vergleichen wir noch einmal die Darstellungen der Männer. Sie haben ihre Ärmel zurückgekrempelt, zeigen ihre nackten Arme. (Im Foto gelb markiert!) Nicht so die »Jüngerin« links hinten. Sie hat lange Ärmel! (Im Foto rot markiert!) Offenbar galt es zu Jesu Zeiten als schicklich für eine Frau, ihre Arme zu verhüllen. Wiederholt bekam ich zu hören, dass es sich bei der »Jüngerin« in Wirklichkeit um Jesu Lieblingsjünger Johannes handle, der ja in unzähligen Darstellungen christlicher Kunst als jugendlich, ja feminin dargestellt wurde. Doch die »Jüngerin« kann nicht Jünger Johannes sein. Vom Lieblingsjünger Johannes wissen wir aus dem Evangelium nach Johannes, dass er (5) »auch beim Abendessen an seiner (Jesu) Brust gelegen hatte«. Ich gehe davon aus, dass im Abendmalbild von Kirchbrak Lieblingsjünger Johannes zur rechten Seite von Jesus, direkt neben ihm, sitzt.

Wurde also, so stelle ich zur Diskussion, Maria Magdalena in die Altarbilder von Kirchbrak und von Bad Segeberg geschmuggelt? Wussten die Künstler mehr über die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena als öffentlich zu bekunden ratsam war?

Eine der zentralen Gestalten im direkten Umfeld Jesu ist Maria Magdalena. Sie war Jesu engste Vertraute. Sie hielt auch dann zu Jesus, als die anderen Jünger ihn verraten und verlassen hatten. Sie nahm ein hohes Risiko für Leib und Leben auf sich, als sie ihre Zugehörigkeit zu Jesus offen zeigte. Sie war eine der wenigen Zeugen von Jesu Leiden am Kreuz, als sich die Herren Jünger mit Ausnahme von Johannes – um ihr Leben bangend – versteckten. Maria Magdalena war als Erste am Grab Jesu und begegnete vor allen anderen Jüngern als Erste dem Auferstandenen. Da wäre es doch mehr als verwunderlich, wäre Maria Magdalena nicht im Kreise der Jünger anzutreffen, als sich der Messias nach der Auferstehung seinen Jüngern zeigte.

Fotos 9 und 10: Maria Magdalena von Kirchbrak?

Zu Beginn des zweiten Kapitels der Apostelgeschichte wird auf ein mysteriöses himmlisches Phänomen hingewiesen: »Ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes erfüllte das ganze Haus«. Und mit diesem Himmelshauch kamen Zungen zerteilt, wie von Feuer«. Der griechische Originaltext der Apostelgeschichte ist in seiner Aussage wesentlich klarer als die meisten Übersetzungen (6): Mit dem vielleicht sogar angsteinflößenden Windesbrausen kamen die Feuerzungen. Jeweils eine davon setzte sich auf jeden der Jünger, der daraufhin vom Heiligen Geist erfüllt wurde und so sprechen konnte, dass ihn jeder verstand.

Die Jünger erhalten also vom Himmel her Autorität zu missionieren. Diese Machtbefugnis wird ihnen ganz offensichtlich vom »Heiligen Geist« übertragen. Somit gab der Himmel seinen Segen zur Ausbreitung des Christentums. Im Gegensatz zum Judentum, das keine Missionierung kennt, machten sich die ersten Christen daran, »die Welt« von der Lehre Jesu zu überzeugen. Somit gehört das Pfingstwunder zu den entscheidendsten »Ereignissen« der rund zwei Jahrtausende umfassenden Kirchengeschichte. So verwundert es nicht, dass die mysteriöse Szene von unzähligen Malern bildlich festgehalten wurde. Eine der berühmtesten Darstellungen ist Gustave Dorés »Die Ausgießung des Heiligen Geistes«, 1865 entstanden. (Foto 11)
    
Foto 11: Dorés Bibelillustration.

Doré zeigt, so wie der unbekannte Schöpfer der rätselhaften Darstellung des »Heiligen Abendmahls« der Kirche von Kirchbrak, dreizehn und nicht zwölf Jünger. Eine der zentralen Gestalten ist...eine Frau, vermutlich Maria Magdalena. Ich wiederhole: Maria Magdalena war Jesu engste Vertraute. Es ist menschlich verständlich, dass Jesu Jünger nach seiner Verhaftung zunächst flohen. Jesus war von Vertretern der römischen Staatsmacht, vermutlich als Rebell, als Aufständischer verhaftet worden und musste mit dem Schlimmsten rechnen. Wer sich als Anhänger Jesu zu erkennen gab, der lief Gefahr ebenfalls verhaftet und verurteilt zu werden!

Es wäre mehr als verwunderlich, wäre Maria Magdalena nicht im Kreise der Jünger anzutreffen, nachdem der Messias gen Himmel aufgefahren war.


Foto 12: Altarbild Kirchbrak



Fußnoten


(1) Strache, Gundolf: »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg«, Manuskript, vermutlich Bad Segeberg, undatiert, Seite 19
(2) Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Verse 3-10
(3) Evangelium nach Johannes Kapitel 20, Vers 24.
(4) Strache, Gundolf: »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg«, Manuskript, vermutlich Bad Segeberg, undatiert, Seite 19
(5) Evangelium nach Johannes, Kapitel 21, Vers 20
(6) Apostelgeschichte des Lukas Kapitel 1,  Verse 3 und 4


Foto 13: Nochmal... Abendmahl von Kirchbrak

Zu den Fotos

Foto 1: Kirchlein von Kirchbrak. Der ursprüngliche Eingang lag höher, musste über eine Leiter erreicht werden. Im Falle eines Angriffs konnten sich die Gläubigen in die Kirche zurückziehen, die Leiter hochziehen und auf das Verschwinden der Angreifer hoffen. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 2 u.3: Abendmahl von Kirchbrak: Zwei Fotos übereinander. Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 4: Jesus und zehn Jünger. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 5: Links Petrus, rechts Johannes. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6: Frau mit langen Haaren... Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 14: Weihnachten
Foto 7: Frau mit Kopftuch. Diese Frau steht außerhalb, gehört nicht zum Jünger-Kreis. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Lange Ärmel.. kurze Ärmel.. Altar Kirchbrak. Bitte beachten Sie: Die Frau kinks hinten hat lange Ärmel - im roten Oval. Die Männer haben kurze Ärmel - jeweils im gelben Oval. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 9 und 10: Maria Magdalena von Kirchbrak? Foto 9, links, Jüngerin mit Jüngern. Foto 10: Jüngerin. Altar Kirchbrak. Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Dorés Bibelillustration.Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Altarbild Kirchbrak. Welche Geheimnisse mag das Altarbild von Kirchbrak noch bieten? 
Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 13: Nochmal... Abendmahl von Kirchbrak. Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 14: Weihnachten. Altar von Kirchbrak zur Weihnachtszeit. Foto Walter-Jörg Langbein

290 »Die Wahrheit?«
Teil 290 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 09.08.2015
 


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)