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Sonntag, 19. März 2017

374 »Zwischen den Zeiten«

Teil  374 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein 


An alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim diesjährigen Seminar "Phantastische Phänomene": Meine Aktion "Hilfe für Obdachlose in Bremen" erbrachte insgesamt Euro 155,00. Ich habe "aufgestockt" auf Euro 175,00 und das Geld überwiesen an "Die Bremer Suppenengel e.V." Ich danke allen, die zum Erfolg beigetragen haben. Recht herzlich - Walter.                      

Foto 1: Nach dem Bombenterror!

27. November 1944. Die Britische Luftwaffe lässt ein Inferno über das abendliche Freiburg hereinbrechen. 150.000 Bomben werden abgeworfen, die Innenstadt versinkt in Schutt und Asche. Wie durch ein Wunder bleibt das Münster weitestgehend verschont. Keinen einzigen direkten Treffer bekommt das prächtige Gotteshaus ab. Nur der Chorumgang und das Dach des Hochchores werden durch Bombentreffer im Bereich des Münsterplatzes beschädigt. Auch nach dem himmlischen Bombardement, das Zeitzeugen freilich mehr an einen Ausbruch der Hölle erinnerte, steht stolz der Westturms des Münsters, der auch heute noch das Wahrzeichen von Freiburg im Breisgau ist. Gläubige Christen dankten der Patronin des Gotteshauses. War es der Beistand Marias, der das Münster den massiven Bombenabwürfen trotzen ließ? Oder war es der Zufall? In keiner Stadt haben britische Bomberverbände auch nur den Versuch unternommen, die ältesten sakralen Bauten zu verschonen.

Dem Haupteingang des Münsters zu Freiburg nähert man sich durch das Erdgeschoss des mächtigen Westturms. Und schon steht man vor, nein in einem dreidimensionalen »Bilderbuch«, dessen Detailfreudigkeit mehr als nur erstaunt. Man ist umgeben von einer Fülle von Figuren, von denen es zu viele gibt, als dass man sie wirklich erfassen könnte. Für wen wurden sie geschaffen und, banal gefragt, warum, zu welchem Zweck? Wollte man Ende des 13. Jahrhunderts den leseunkundigen Besuchern des beeindruckenden Gotteshauses so etwas wie eine Bibel, die ohne das geschriebene Wort auskommt, bieten?

Foto 2: Der Haupteingang.
Wir stehen vor dem Mittelpfeiler des Westportals. Maria, sie ist die Patronin des Münsters, begrüßt uns. Sie steht zwischen den Türflügeln, die – so erklärt mir ein rundlicher Mönch verschmitzt lächelnd - »erst 1606 geschaffen wurden«. Zu ihren Füßen schläft Jesse, Vater von König David. Aus seinem Leib heraus wächst eine Pflanze. Es ist der Stammbaum Jesu, der im frommen Kirchenlied so umschrieben wird:

»Es ist ein Ros' entsprungen
Aus einer Wurzel zart,
Wie uns die Alten sungen
Von wundersamer Art;
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter,
Wohl zu der halben Nacht.«

Ich tippe diese Zeilen am Abend des 5. Januar 2017. Der Kölner »Express« vermeldet online (1): »Düsseldorf. Die Altstadt. Die Mauer neben dem ›Kom(m)ödchen‹. Grablichter flackern im Wind. Worte  an der Wand: ›Wir bitten um eine Kranzspende.‹ Obdachlose weinen. Sie trauern um ihre ›Elli‹, die  am 28. Dezember hier auf dem Boden in eisiger Kälte starb.«  Was für eine Schande für unser reiches Land. 150 Euro sind gespendet worden, für einen Kranz für »Elli«, die mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht erfroren ist, im Alter von 48 Jahren. Es fällt mir schwer, an meinem Text weiter zu schreiben.

Aus dem Hause Davids musste, so die christliche Überzeugung, der Messias kommen. Das soll der schlafende Jesse mit dem aus seinem Leib wachsenden Stammbaum darstellen. Direkt darüber: die »Trumeau-Madonna« mit dem Jesuskind auf dem Arm. Als »Trumeau« bezeichnet man den mittleren Steinpfeiler eines Portals, auf dem das Tympanon zu ruhen scheint. Der Ausdruck »Tympanon« beschreibt eine Schmuckfläche, wie man sie im Halbrund von Kirchenportalen findet.

Foto 3: Das Tympanon
Wir heben den Blick zum Tympanon. »Mein« rundlicher Mönch erklärt mir: »Beachten Sie  das Tympanon über der Tür. Aus welchem Material mag es gefertigt sein?« Ich antworte: »Aus Holz…« Mild lächelt der kundige Mönch: »Der Eindruck kann entstehen, ist aber falsch. »Das Tympanon besteht aus sechs Steinplatten, die jeweils 45 Zentimeter dick sind. Das heißt: dick waren. Denn aus diesen Steinplatten hat man die filigranen Figuren reliefartig herausgearbeitet.«

Das Tympanon zeigt nicht etwa ein Bild, sondern eine ganze Reihe von Einzelbildern, die in mehreren »Etagen« übereinander aneinander gereiht sind. Man könnte von Einzelbildern aus einem Filmstreifen sprechen, der eine Geschichte erzählt. Oder ist ein anderer Vergleich treffender? Entstanden ist die Szenenfolge im späten 13. Oder frühen 14. Jahrhundert. Ursprünglich waren die säuberlich gemeißelten Figuren braun-grau, im 19. Jahrhundert wurden sie farblich gefasst. In den Jahren 1999 bis 2004 wurden sie aufwändig gereinigt. Umweltschmutz hatte sich im Laufe der Jahrhunderte wie ein Schleier über die steinernen Bildnisse gelegt.

Foto 4: Die Hirten auf dem Felde.
Heute halten engmaschige Netze Tauben von den sakralen Darstellungen fern. So wichtig der Schutz der  rund 800 Jahre alten Kostbarkeiten auch ist, die Netze stören beim Betrachten doch erheblich, besonders wenn man Details erkennen möchte. Fotografieren wird nicht einfacher durch diese Maßnahme. So entstehen viele Aufnahmen, die die kunstvollen Figuren des Tympanons in den Hintergrund rücken und die engen Maschen in den Vordergrund stellen.

Der sakrale Comicstrip beginnt mit »Bild 1« rechts unten. Wir erkennen, was dargestellt werden soll: Den »Hirten auf dem Felde« wird die Geburt des Heilands verkündet. Ein Engel (?) bläst in ein gewaltiges Horn, ein Engel verkündet die »frohe Botschaft«. Ein Hirte geht am Stock, führt seinen Hütehund an der Leine und blickt empor zum Engel, der ein kurzes Schriftband hält. Wenig beeindruckt zeigen sich die Schafe, die munter äsen. Vorsicht ist geboten. Die Bilder des Tympanons sind – anders als bei unseren heutigen Comics – nicht voneinander getrennt, sie gehen teilweise ineinander über. Die Totenköpfe über der idyllischen Szene haben mit den Hirten nichts zu tun. Links schließt sich schon die nächste Szene an. Wir wissen, was dargestellt werden soll. Auf dem prächtigen Bett, das so gar nicht in einen ärmlichen Stall von Bethlehem passt, ruht natürlich Maria, die »Gottesmutter«. Sie liebkost zärtlich das reichlich groß geratene Jesuskind. Das Baby mit lockigem Haupthaar wirkt eher wie ein Erwachsener als ein Neugeborenes. Ochs und Esel stehen dabei.

Foto 5: Jesu Geburt im Stall von Bethlehem.

Was »erzählt« uns das Bild? Die biblische Geschichte von Jesu Geburt. DIE Geschichte gibt es nicht. Lesen wir nach bei Lukas (2):  »Und als sie dort (in Bethlehem, der Autor) waren, da kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.« Weitere Angaben zur Geburtsstätte Jesu finden sich nicht bei Lukas. Als Europäer assoziieren wir allerdings  »Krippe« mit »Stall«. Von einem Stall aber ist bei Lukas nichts zu lesen, auch nicht bei Matthäus. Matthäus (3) weiß nur etwas von einem „Haus“. Wurde Jesus nun in einem Stall oder in einem Haus geboren? Das Tympanon lässt keinen Zweifel aufkommen: Es versetzt die Geburt Jesu in einen Stall, Ochs und Esel schauen zu. In den Evangelien der Bibel freilich gibt es derlei Beschreibungen nicht. Wie kamen nun Ochse und Esel ins fromme Bild? Die braven Tiere werden von den Evangelisten an keiner Stelle erwähnt.

Foto 6 Das große »Jesusbaby«.
Die Erklärung: Begierig suchte man auch noch Jahrhunderte nach Jesu Tod am Kreuz im Alten Testament nach Hinweisen auf Jesus. Bei Habakuk wurde man fündig (4): »Herr, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, Herr! Mache es lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit.« Man muss schon über eine ausgeprägte Fantasie verfügen, damit man hier auch nur einen Hauch von Jesus erkennt. Für den frommen Interpreten heißt die Aufforderung, Gott möge sein Werk lebendig machen, er möge seinen Sohn Jesus schicken. Wann? Schaut man ins Hebräische und übersetzt wörtlich, liest man (5): »Jahwe, ich hörte von dir, ich stehe in Furcht vor deinem Wirken inmitten der Jahre. Erneuere es inmitten der Jahre.«
    
»Inmitten der Jahre« könnte auch »inmitten der Zeiten heißen« oder »zwischen den Zeitaltern«. Von irgendwelchen Tieren ist keine Rede. Im Griechischen der Septuaginta-Bibel (nicht in der lateinischen Ausgabe!) wird der Anlass zur Verwechselung geboten! Wo von »zwischen den Zeitaltern« gesprochen wird, steht da »zoe«. Und Tier heißt »zoon«. Die Ähnlichkeit führte zu einer sinnentstellenden, falschen Übersetzung. Jetzt ist nicht mehr von »zwischen den Zeiten«, sondern »zwischen den Tieren« die Rede! Und weil »zwischen Tieren« zu allgemein formuliert war, entschied man sich, um die Geschichte plastischer und konkreter werden zu lassen, für Ochs’ und Esel.
    
Frühestens im sechsten Jahrhundert nach Christus, als die Arbeiten an den Texten des Neuen Testaments längst abgeschlossen waren, entstand der sogenannte »Pseudo-Matthäus«. In Teilen der frühen Kirche wurde der apokryphe Text auch im Gottesdienst gelesen. In die Bibel wurde er aber nie offiziell aufgenommen. Im Pseudo-Matthäus lesen wir (6): »Dann trat Maria in einen Stall, legte das Kind in der Krippe nieder, und Ochse und Esel beteten es an.« Es mag ernüchternd sein: Das uns so vertraute Bild vom Jesusbaby in der Krippe zwischen Ochs‘ und Esel, seit Jahrhunderten nachgestellt in unzähligen Krippen, basiert auf einem Übersetzungsfehler. Im Tympanon wird uns das im Volksglauben verankerte Bild, wie wir es aus Krippen kennen, gezeigt.

Foto 7: Ochs' und Esel
Am Fußende des Betts hockt nachdenklich ein bärtiger Mann. Vermutlich soll das Joseph sein, dem womöglich noch immer nicht so recht klar ist, wie denn Maria, seine junge Frau, zum Kinde kam. Am Kopfende steht eine weitere Gestalt mit einer goldenen Krone. Sie hält eine Kerze, erleuchtet das Szenario im Stall von Bethlehem. Ist es eine Königin? Gehört sie zu den »Drei Heiligen Königen«? Oder stammt sie aus dem Umfeld der hartherzigen Menschen, die Maria und Joseph nur einen Platz im Stall, nicht aber in der Herberge zuwiesen? Aber warum trägt sie dann eine Krone? Die »theologische« Erklärung: Hier steht die allegorische Verkörperung der heiligen christlichen Kirche.

Fußnoten
1) http://www.express.de/25480844
2) »Das Evangelium nach Lukas« Kapitel 2, Verse 6 und 7
3) »Das Evangelium nach Matthäus« Kapitel 2, Vers 10
4) »Prophet Habakuk« Kapitel 3, Vers 2
5) Übersetzung aus dem Hebräischen durch den Verfasser
6) Daniel-Rops, Henri: Die apokryphen Evangelien des Neuen Testaments, Zürich 1956, S. 58

Foto 8: Joseph und Engel
Zu den Fotos
Foto 1: Nach dem Bombenterror! Freiburg 27.11.1944. Fotograf unbekannt. Archiv Langbein
Foto 2: Haupteingang. Foto wikimedia commons/ Todor Bozhinov
Foto 3: Haupteingang Freiburger Münster/ Tympanon. Foto wiki commons/ Daderot
Foto 4: Die Hirten auf dem Felde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Jesu Geburt im Stall . Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 Das große »Jesusbaby«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Ochs‘ und Esel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Joseph und ein Engel. Foto Walter-Jörg Langbein


375 »Tod und Teufel«,
Teil  375 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.03.2017



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Sonntag, 24. Mai 2015

279 »Die Marienwunder von Lügde«

Teil 279 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Marienkirche von Lügde.

Wie alle Jahre rollten auch am Ostersonntag 2015, am Abend des 5. April, sechs brennende »Osterräder« von einer Anhöhe ins Tal. Sie kamen gut voran, was nach altem Volksglauben auf reiche Ernte für die Landwirtschaft hinweist. Heimatforscher Manfred Willeke berichtet (1):


»Wie alt dieser Brauch ist, und woher er ursprünglich stammt, ist weithin unbekannt. Die alten Lügder berichten lediglich davon, daß zwei Jungen einmal einige ausgediente Wagenräder mit Stroh hätten laufen lassen, was den Leuten sehr gut gefallen hätte und schließlich zur Tradition geworden wäre.«

Ein brennendes Rad rollt ins Tal, Ostersonntag in Lügde

Mir erscheint diese Erklärung wenig plausibel zu sein. Ich halte es für nicht glaubwürdig, dass »zwei Jungen« aus einer spielerischen Laune heraus zentnerschwere Wagenräder auf einen Berg geschafft haben und ins Tal haben rollen lassen. Es ist alles andere als wahrscheinlich, dass sich aus einem kindlichen Spiel ein bis in unsere Tage zelebrierter Brauch entwickelt hat. Eine ebenfalls von Manfred Willeke publizierte Lügder Sage datiert den Ursprung der Feuerräder in vorchristliche Zeiten zurück (2):

»Vor vielen hundert Jahren wurden die Osterräder zu Lügde verboten, da sie der Kirche in dieser Zeit nicht mehr genehm waren und auch nicht in die Zeit gepasst hätten… Die Lügder aber hingen sehr an diesem Brauchtum und suchten den Kontakt zur Kirche. Nach langen zähen Verhandlungen einigte man sich schließlich darauf, die Räder weiterhin unter christlicher Vorstellung zu Ehren des auferstandenen Herrn Jesus Christus laufen zu lassen. Zu diesem Zweck wurden die Räder mit den vielen Speichen abgeschafft und nur noch zwei Speichen in die Räder gesetzt, welche wie ein Kreuz aussahen. So war die Kirche und auch das Volk zu seinem Recht gekommen und der Lauf der Osterräder gesichert.« Wurde also ein uralter heidnischer Brauch (»Feuerräder«) christianisiert (»Osterräder«), so dass die Kirche die Fortführung der österlichen Zeremonie dulden konnte?

Feuerräderlauf zu Lügde... Ostersonntag
Dass die »gute alte Zeit« so wirklich gut nicht immer war, beweist auch die Geschichte meiner neuen »Heimatstadt« Lügde (3). In den Jahren 1447, 1548 und 1797 kam es zu katastrophalen Stadtbränden, bei denen fast nur die Befestigungsanlagen und die Kilianskirche erhalten blieben. Große Überschwemmungen suchten Lügde 1539, 1775 und zuletzt 1946 heim. Zu Kriegsschäden kam es besonders im 17. Jahrhundert (4). 1632 standen die Schweden vor der Stadtmauer Lügdes. Die feindliche Übernahme stand unmittelbar bevor. Den Lügdern grauste es vor einem möglichen blutigen Ende. Hatten sie die »Magdeburger Hochzeit« vor Augen? 1631 war Magdeburg von 26.800 kaiserlichen Soldaten belagert wurden. Am 10. Mai 1631 wurde Magdeburg förmlich überrannt. Es kam zu Plünderungen, Morden und Vergewaltigungen. Kinder wie Greise, Frauen wie Männer, Zivilisten wie Soldaten wurden in einem fürchterlichen Gemetzel förmlich abgeschlachtet. Rund 20.000 Tote waren zu beklagen, ein Großteil der gesamten Bevölkerung. Überlebt haben reiche Magdeburger, die sich freikaufen konnten. Überlebt haben zweitausend, vielleicht sogar viertausend Menschen, die im Dom Zuflucht gesucht hatten. Sie wurden vom Heerführer Johann Graf von Tilly verschont. Würde den Lügdern wenige Monate nach dem grausamen Gemetzel von Magdeburg ein ähnlich schlimmes Schicksal widerfahren?

1632 drohte die Stadt Lügde von einem übermächtigen Truppenkontingent der Schweden eingenommen zu werden. In einer alten Lügder Sage wird das Marienwunder beschrieben (5):

Marienkirche zu Lügde
» Als im Jahre 1632 die Schweden die Stadt Lügde angriffen, geschah ein großes Wunder. Machtlos standen die Bewohner Lügdes der angreifenden Übermacht der Schweden gegenüber. Als sie keinen Ausweg mehr wußten, fingen sie in dieser allerhöchsten Not an zu beten und riefen die Hilfe der Stadtschutzpatronin, der Muttergottes, an.

Der Beschuß der Schweden wurde aber immer heftiger und schon flogen die ersten Kanonenkugeln über die Stadtmauer. Immer wilder tobte der Kampf um Lügde. Da erschien an der Stelle, wo heute die Muttergottes in den Stadtmauer steht, eine ›weiße Frau‹ auf der Mauer und blickte den Schweden mutig ins Auge. Sie verschwand trotz des starken Beschusses nicht von der Mauer und schaute furchtlos zu den Schweden. …

Da wichen die Schweden entsetzt zurück und ergriffen die Flucht vor dieser ›weißen Frau‹. Erleichtert sanken die Lügder auf die Knie und stimmten ein Loblied zu Ehren der Muttergottes an, die ihnen doch einen rettenden Engel geschickt – oder ihnen selbst geholfen hatte ????« (Ende des Zitats)

Reste der Stadtmauer von Lügde

Nach meinem intensiven Quellenstudium bin ich zur Überzeugung gelangt, dass bereits rund ein halbes Jahrtausend vor der Belagerung durch die Schweden eine Muttergottes-Figur in einer Nische der Stadtmauer von Lügde verehrt wurde. Nach der wundersamen Rettung durch die »Weiße Frau« nahm die Marienverehrung in Lügde noch zu. Mit großem Eifer dankte man Maria. Wie? Angeblich war es fromme Sitte, zu Ehren der »Heiligen Jungfrau« Kerzen anzuzünden. Die Lügder, als Lipper ansonsten nicht gerade für Verschwendungssucht bekannt, sollen allen Geiz vergessen und voller religiöser Inbrunst zahllose Kerzen in unmittelbarer Nähe der Statue abgebrannt haben. Über die Jahrhunderte sei die »Muttergottes« schwarz geworden. Kleine Kinder sollen sich gar vor der verehrten Statue gefürchtet haben. Also wurde beschlossen, die alte, schwarze Statuette gegen eine neue, ansehnlichere auszutauschen. Das soll Ende des 19. Oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschehen sein.

Die neue Statuette von Jesu Mutter sollte an die Stelle der alten treten. Die alte sollte verschwinden. Ausgediente Heiligenfiguren wurden auf besondere Weise »entsorgt«. So wurde die schwarze Madonna von Lügde einem »Heiligenfeuer« anvertraut….(7) »Doch die Muttergottes verbrannte nicht, sondern strahlte ein viel helleres Licht als das des Feuers aus. Da nahmen sie die Kinder wieder an sich und brachten sie zum Vater. Dieser war zornig und schimpfte die Kinder aus, daß sie das alte Ding nun doch wieder mitgebracht hätten. In seinem Zorn packte er sich die Figur und lief damit zur nahen ›Kleinen Emmer‹, in die er sie hineinwarf. Wenn er nun aber gedacht hatte die Lösung des Problems gefunden zu haben, so hatte er sich geirrt, denn die Muttergottes bewegte sich nicht von der Stelle, ja ging auch nicht unter. Da ergriff ihn ein Gefühl tiefer Ehrfurcht und er fischte die Muttergottesstatue wieder aus der ›Kleinen Emmer‹. Zuhause angekommen reinigte er sie gründlich und räumte ihr einen besonderen Ehrenplatz in der sogenannten Wohnstube ein. Nach vielen Jahren hörte Pfarrer Vogel (1922-40) davon und er bekam die Muttergottesstatue für die Kirche, wo sie noch heute steht.«

Wundersame Statue, Marienkirche, Lügde

Drei Marienwunder werden seit alten Zeiten in Lügde überliefert: Maria verteidigt die Stadt Lügde im Dreißigjährigen Krieg gegen eine überwältigende Überlegenheit der schwedischen Belagerer, die Lügder Muttergottesstatue übersteht auf wundersame Weise die Flammen eines Heiligenfeuers und auf nicht minder wundersame Weise versinkt sie nicht in den Fluten der »Kleinen Emmer«.

Wir finden die wundersame Statue der Muttergottes heute am rechten Pfeiler gegenüber der Kanzel in der Lügder Marienkirche. Es fällt auf, dass sie ein großes Zepter in der rechten Hand hält, von Aussehen und Größe mit dem von Karl dem Großen. Das »Jesuskind« scheint – bei genauerem Hinsehen – gar nicht von der Mutter gehalten zu werden. Es ist, als ob der Miniaturerwachsene mit ernster Miene vor der linken Seite seiner Mutter schwebt. Der Erwachsene in Kindergröße hat auch keine babytypische Haltung. Seine Beine sind angewinkelt, so als ob er auf einem Thron sitzt. In seiner Hand hält er die Weltkugel, als Zeichen dafür, dass Jesus Christus nach christlichem Glauben Herr der Welt ist. Seine rechte Hand ist zum Segensgruß erhoben.

Das »Jesuskind« von Lügde
Übrigens: So wie in Lügde sorgte im gleichen Jahre – anno 1632 – ein Marienbild in Mengen nach altem Volksglauben, dass schwedische Truppen trotz militärischer Überlegenheit auf den siegreichen Angriff verzichteten und abzogen. Derlei sagenhafte Überlieferungen sind, speziell bei älteren Menschen, auch heute noch fest im Volksglauben verankert. Ich sprach im Laufe der letzten fünfunddreißig Jahre wiederholt mit alten Einwohnern Lügdes, die fest an die Wunder »ihrer« Maria glauben. Für diese Katholiken ist der Glaube an Maria Gewissheit und gibt ihnen Sicherheit und. Sie fühlen sich beschützt, so wie wahrscheinlich schon vor Jahrzehntausenden Menschen, deren Muttergöttinen nur einen anderen Namen trugen. Maria, die Muttergottes, übernimmt mehr und mehr die Rolle der schon vor Jahrtausenden im Zentrum des Glaubens stehende Muttergöttin.

Der vermeintlich aufgeklärte Mensch mag zu Beginn des 21. Jahrhunderts altehrwürdige Überlieferungen wie jene von den Marienwundern von Lügde als »Aberglauben« belächeln und ablehnen. In einer aufgeklärten Zeit sollte aber in religiösen Fragen Toleranz herrschen. Jeder sollte den Glauben seines Nachbarn tolerieren und achten. Und niemand sollte versuchen, seinem Nachbarn den eigenen Glauben aufzudrängen, schon gar nicht mit Gewalt. Wer meint, mit Gewalt seinen Glauben durchsetzen oder auch nur »schützen« zu müssen, der beweist nicht die Richtigkeit seines Glaubens. Vielmehr verdeutlicht so ein Mensch nur, wie schwach in Wirklichkeit sein eigener Glaube ist.

Fußnoten

Blick in die Marienkirche
(1) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 103, Orthographie blieb unverändert
(2) ebenda, S. 102, das Zitat wurde wortwörtlich übernommen, blieb – Orthographie – unverändert!
(3) Geboren wurde ich 1954 im oberfränkischen Michelau. Anno 1979 zog es mich nach Lügde ins Exil, der Liebe wegen … zu meiner Frau!
(4) Und zwar in den Jahren 1621 folgende, 1632 folgende und 1638 folgende!
(5) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 26, Orthographie blieb unverändert
(6) Horstmann, Heinrich von: »Lügde, Stadt der Osterfeuerräder - Entstehung, Werden und Sein einer alten westfälischen Stadt«,  Bad Pyrmont 1970, S. 17 und 18
(7) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 28, Orthographie blieb unverändert

Literaturempfehlungen

(8) Linsbauer, Helga Marie: »Marienlegenden/ Zeugnisse der Marienverehrung aus vielen Jahrhunderten«/ Titel innen: »Marienlegenden/ Erzählungen von den Wundertaten der Gottesmutter aus 13 Jahrhunderten«, Augsburg 1989


Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag von St. Marien
(9) Hierzenberger, Gottfried und Nedomansky, Otto: »Erscheinungen und
Botschaften der Gottesmutter Maria/ Vollständige Dokumentation durch zwei Jahrtausende«, Augsburg 1993

(10) Kurte, Andreas (Hrsg.): » St. Marien Lügde 1895 – 1995«, Lügde 1995

Zu den Fotos:

Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag von St. Marien (links): Archiv Walter-Jörg Langbein.

Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein



280 »Die Lichterscheinungen von Lügde und anderswo«
Teil 280 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.05.2015







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