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Sonntag, 19. Februar 2017

370 »Familienidyll mit Monstern«

Teil  370 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein       
                


Foto 1: Unterwegs zur »Nikolauskapelle«.
Foto Walter-Jörg Langbein

»Landeskunde online« schreibt kurz und bündig in einer »digitalen Enzyklopädie des Kulturerbes« (1): »Die Nikolauskapelle im Untergeschoss des südlichen Hahnenturms gehört mit zum ältesten Baubestand des um 1200 begonnenen romanischen Münsterneubaus. Sie wurde im 14. Jahrhundert als Zugang zum neuen Chorumgang auch nach Osten hin aufgebrochen.«

Bevor das Münster zu Freiburg der Heiligen Mutter Gottes geweiht wurde, soll es unter dem Schutz des Heiligen Nikolaus gestanden haben. Diese These ist freilich umstritten und lässt sich nicht wirklich belegen. Sollte das Portal zur einstigen Nikolauskapelle auf einen längst vergessenen Kult hinweisen? Halten wir uns an die Fakten aus Stein, die rätselhaft genug sind!

Foto 2: Die mysteriöse »Familie«.
Mit Ingeborg Diekmann stehe ich vor dem Portal zur ehemaligen Nikolauskapelle. Links steht stolz eine Muttergottes mit dem Jesusknaben auf dem Arm. Die große Mondsichel könnte auch auf eine vorchristliche Mondgöttin hinweisen. Zu unserer Linken sehen wir auf niedrigem Säulenkapitell eine nur auf den ersten Blick idyllische Szene. Zwei Gestalten sind zu sehen. Eine davon hält ein Baby auf dem Arm, gibt dem kleinen Wicht die Brust. Die zweite Gestalt, vom Betrachter aus links, scheint die Hände zum Gebet zu heben. Sieht man näher hin, erkennt man ein weit profaneres Geschehen. Die linke Kreatur hält so etwas wie einen Fischschwanz noch oben. Und der gehört zum weiblichen Wesen mit dem Baby auf dem Arm. Wir treten näher und erkennen Monströses: Es ist ein Mischwesen mit dem Oberkörper einer menschlichen Frau und gleich zwei kräftigen Fischschwänzen als Unterleib. Die Mutter mit Baby an der Brust hat zwei Arme, zwei Beine.

Im großformatigen, opulent bebilderten Werk »Das Freiburger Münster« (2) lesen wir: »Linkerhand hat eine sogenannte Sirenenfamilie die beiden Eck-Kapitelle besetzt: fischschwänzige, nackte Kreaturen als sitzende Mutter mit Kind und eine dritte Figur, die eines der beiden Schwanzenden des Weibes emporhält.«

Biblisch ist diese Darstellung nicht, auch nicht im Entferntesten auch nur christlich angehaucht. Mich lässt diese mysteriöse Reliefarbeit im Freiburger Münster an Monstrositäten denken, die laut Historiker Eusebius von den Göttern geschaffen wurden:

Foto 3: Wesen mit Fischschwänzen...
»Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen...sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

Das Mutterwesen ist – wie bei Eusebius zu lesen –  »menschenleibig und nach Art der Fische beschwänzt«. Die Beschreibung des Eusebius trifft exakt auf das Relief im Freiburger Münster zu. Das Mutter-Wesen hat einen Menschenleib mit Armen und Beinen wie ein Mensch und es ist zusätzlich noch »nach Art der Fische beschwänzt«. Es ist also kein typisches Mischwesen, denn dann hätte es den Oberkörper eines Menschen und als Unterleib einen Fischschwanz, vergleichbar mit einer Nixe. Detlef Zinke mutmaßt (3), die Frau »reicht dem Kleinen die Brust, gleichsam als Parodie des dem Christentum vertrauten Madonnentypus der nährenden Mutter«.

Foto 4: Befremdliches »Monster-Idyll«

Eine »Parodie des dem Christentum vertrauten Madonnentypus« vermag ich freilich nicht zu erkennen. Warum sollte man auch in einem altehrwürdigen Gotteshaus vor rund einem Jahrtausend Jesu Mutter Maria parodiert haben, und das ausgerechnet im »Münster Unserer Lieben Frau«, das doch zu Ehren der Maria errichtet wurde? Die »nährende Mutter« Maria nannte man im Kirchenlatein »alma mater«. Die christliche »alma mater« freilich ist eine Kopie der heidnischen, der nährenden und segenspendenden Gottesmutter, die auch »magna mater«, also »Große Mutter« genannt wurde. Im christlichen Sprachgebrauch ist mit »alma mater« in der Regel die »Gottesmutter Maria« gemeint, im Römischen Reich war »alma mater« ein ehrender Beiname von Ceres, Tellus und Venus. Ceres war die römische Göttin der Fruchtbarkeit, auch des Ackerbaus. Auch wenn der Name »Tellus«  im Lateinischen männlich ist (4), so stand er doch für »terra mater«, für die mütterliche Erde. Ihr Pendant in Griechenland war »Gaia«. Und Venus – wie »Ceres« und »Tellus« trug auch sie den Beinamen »alma mater« - war die Göttin der Liebe (mit der Taube als Symboltier). Ceres, Tellus und Venus bilden ein feminines Dreiergespann, eine weibliche Trinität.

In Esther M. Hardings Werk »Frauen-Mysterien, einst und jetzt« (5) stieß ich auf eine mysteriöse Tradition. Demnach gebiert eine göttliche »Fisch-Mutter« den himmlischen »Sohn der Fischmutter«. Auch das Baby hat einen schuppigen Unterleib. Stellt also das rätselhafte Relief am Eingangstor zur einstigen Nikolauskapelle eine »Fisch-Mutter« und ihren »Sohn der Fischmutter« dar?

Foto 5: Melusine
Ich habe versucht, einer möglichst frühen »Fisch-Mutter« auf die Spur zu kommen. In der 4. Dynastie – also etwa 2620 bis 2500 v.Chr. – wurde »Hatmehit«, alias »Hat-Mehit«, verehrt, und zwar als eine Mischwesen aus Frau und Fisch. Geht also die aus heutiger Sicht monströse Fisch-Menschenfrau- oder Menschenfrau-Fisch-Gestalt auf ein göttliches Wesen zurück, das Jahrtausende vor Christi Geburt verehrt wurde? In der Heraldik ist die Melusine (Foto 5, rechts!) bekannt, angeblich ein mythologisches Wesen aus vorchristlichen Zeiten: weiblicher Oberkörper, zwei Fischschwänze als Unterleib. Meist hebt sie die Fischschwänze mit beiden Händen hoch.

Eine kuriose Parallele gibt es: Schon bei meinem ersten Besuch auf der Osterinsel anno 1992 zeigte man mir im Archiv des kleinen Museums einige Manuskripte. Die älteren stammten aus dem 19. Jahrhundert. Sorgsam ausgearbeitet waren angeblich exakte Kopien der bis heute nicht entzifferten Schriftzeichen (6) der Ur-Osterinsulaner. Immer wieder taucht ein seltsames Zeichen auf, das den wichtigen Gott Make Make darstellen soll: als Wesen mit halbwegs menschlichem Kopf und Oberkörper und dem Unterleib eines Fisches!

Fotos 6 und 7: Das Baby hält den Vogel

Zurück zu den Kapitellen am Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle im Freiburger Münster. Links neben der Frau mit dem doppelten Fischschwanz und einem fischschwänzigen Baby an der Brust steht eine weitere Fisch-Mensch-Kreatur. Während die Mutter recht dominant wirkt, viel Platz einnimmt und auf einer Art Thron (?) zu sitzen scheint, steht die fischschwänzige Kreatur daneben, wie ein helfender Diener, der einen der Fischschwänze der Göttin (?) anhebt und hält. Detlef Zinke spekuliert vorsichtig (7): »So mag man, moralisierend, in ihnen (den Mischwesen) Personifikationen der Triebhaftigkeit und der Unzucht erblicken.« Mag ja sein, dass man dergleichen sieht, wenn man eine »Theologenbrille« trägt. Der unvoreingenommene Betrachter freilich vermag kein Anzeichen von personifizierter Triebhaftigkeit und Unzucht zu erkennen. Vielleicht bezeichnen wir die Kreaturen etwas voreilig als »Monster«, einfach weil sie auf uns sehr befremdlich wirken. Aber bei der dargestellten Familie der Fischschwanzträger geht es doch idyllisch-gesittet zu.


Fotos 8 und 9: Der Vogel – Symbol oder was?

Konzentrieren wir uns nun auf das Baby, das an der Brust der Dame mit Menschenleib und zwei Fischschwänzen liegt. Man übersieht leicht, dass das kleine Wesen mit einer Hand etwas festhält, nämlich einen Vogel. Der Vogel, vom fischschwänzigen Kind an den Beinen gepackt – was mag er darstellen? Christliche Interpreten vermuten, dass der Vogel für die Seele steht. Für welche Seele? Für die Seele des Babys? Hält das Baby die eigene Seele fest, weil es noch lange leben möchte?

Wir stehen vor einem kleinen, rätselhaften Relief, das wir nicht verstehen. Es ist, als würden wir ein Bild betrachten, zu dem es einst einen erklärenden Text gab, der freilich verschwunden ist. Verzichten wir darauf, uns eine »Erklärung« aus den Fingern zu saugen,  für ein »Familienidyll mit Monstern«!

Wenden wir uns den anderen Reliefs zu. Sie sind nicht weniger rätselhaft! Da gibt es zum Beispie den Kampf mit einem Fabelwesen! Fortsetzung folgt in einer Woche!

Foto 10: Kampf mit einem Fabelwesen

Fußnoten

1) http://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/freiburg/muenster/nikolauskapelle1.htm (Stand 24.11.2016)
2) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Freiburger Münster«, 2. Auflage, 
     Regensburg 2011, S. 188
3) ebenda
4) Im Lateinischen ist die Endung »us« männlich, wie in »dominus«, der Herr. Die 
     Endung »a« ist weiblich - »domina«, die Herrin, Endung »um« ist Neutrum.
5) Harding, M. Esther: »Frauen-Mysterien, einst und jetzt«, Zürich 1949. Die 
     deutschsprachige Ausgabe ist gelegentlich in Antiquariaten erhältlich. Die US-
     Ausgabe soll demnächst – noch 2017? – neu aufgelegt werden.
6) Umstritten ist die interessante Publikation von Egbert Richter-Ushanas, der
     behauptet, die Urschrift der »sprechenden Hölzer« der Osterinsel entziffert zu
     haben. Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
     Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000
7) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Freiburger Münster«, 2. Auflage, 
     Regensburg 2011, S. 188

Foto 11: Kämpfende Fabelwesen
Zu den Fotos
Foto 1: Unterwegs zur »Nikolauskapelle«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die mysteriöse »Familie«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Wesen mit Fischschwänzen... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Befremdliches »Monster-Idyll«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Melusine. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Das Baby hält den Vogel. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Der Vogel – Symbol oder was? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Kampf mit einem Fabelwesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Kämpfende Fabelwesen. Foto Walter-Jörg Langbein

371 »Von Monstern und Götterwagen«,
Teil  371 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.02.2017



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Sonntag, 6. Dezember 2015

307 »Nikolaus und die goldenen Äpfel«

Teil 307 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Vierzehnheiligen anno 1909

Es war ein bitter-kalter Abend im schweizerischen Solothurn. Bei einem leckeren Käsefondue und »geistigen« Getränken erzählte unser freundlicher, sympathischer Gastgeber: »Wir haben heute den 6. Dezember. Bei euch in Deutschland spricht man vom ›Nikolaus-Tag‹!« Den Nikolaus soll es wirklich gegeben haben, konnte ich einwerfen. Genauer gesagt vereint der Heilige Nikolaus angeblich zwei historische Persönlichkeiten in sich: den Bischof Nikolaus von Myra (vermutlich 4. Jahrhundert) und den Abt von Sidon gleichen Namens. Im 6. Jahrhundert wurde aus diesen beiden realen Persönlichkeiten der fiktive wundertätige Bischof von Myra.

»Bei uns in der Schweiz heißt der ›Heilige Nikolaus‹ allerdings ›Samichlaus‹!«, so fuhr unser Gastgeber fort. »Und der hat seinen Ursprung in vorchristlichen Zeiten!« Das stimmt! »Samichlaus« lässt sich vom keltischen Samonios herleiten, dem Allerseelen der Heiden. Am 1. November gedachten die Kelten der Toten. Das Halloween-Fest ist übrigens keine Erfindung der Amerikaner. Es stammt aus dem Keltischen, wurde durch Auswanderer in die »Neue Welt« gebracht.

Der Heilige Nikolaus von Worms
Zu Samonios wurden die lebensnotwendigen Herdfeuer gelöscht und wieder entzündet. Auf diese Weise wurde der »sterbenden« und wieder neu »auflebenden«  Natur gedacht. »Samichlaus« alias Sami-Klaus, war ein keltischer Heiliger, der das Samonios Fest zelebrierte (»Sami«) und der in einer »Klause« lebte.  

Zunehmend stehen zu Halloween auch in unseren Breiten gespenstisch wirkende hohle Kürbisköpfe in Fenstern und vor Türen, mit leuchtenden Augen und Mündern. Das »Feuer« in hohlen Kürbissen mit eingeschnitzten Gesichtern mag an diesen alten heidnischen Brauch erinnern.

Im »Samichlaus« (alias »Nikolaus«) der Schweiz lebt uralter heidnischer Glaube weiter, wenn auch stark christlich übertüncht! Auch in Österreich hat der ach so katholisch-fromme Nikolaus ältere, sprich keltische Wurzeln. Georg Rohrecker schreibt in seinem Buch »Die Kelten Österreichs – Auf den Spuren unseres versteckten Erbes« (1): »Wo heute in den Ostalpen Nikolauskirchen stehen, waren ursprünglich Kultplätze, bei denen es um Fruchtbarkeit und ewiges Leben ging. Wobei Nikolaus .. insbesondere auch die Rolle eines schützenden Begleiters der verstorbenen Seelen und Garanten für ihre Wiedergeburt zufiel.«

Der keltische Bewahrer des Lebens und der Wiedergeburt lebt auch heute noch in christlichen Bildnissen weiter. Auf frommen Gemälden beschenkt der Heilige Nikolaus die drei Heiligen Jungfrauen mit goldenen Äpfeln. Eigentlich ganz unchristlich bietet er den drei Heiligen Jungfrauen das ewige Leben an. Er präsentiert es ihnen in christlichem Gewand. So verwundert es nicht, dass der Heilige Nikolaus nach frommer Legende Tote wieder zum Leben erwecken konnte. Nach einer alten Überlieferung kehrten einst drei Studenten in der Herberge eines Gastwirts ein. Der erschlug die jungen Männer, beraubte sie und zerstückelte ihre Leichname und pökelte sie zusammen mit Schweinefleisch ein.

Kurz darauf erschien der Heilige Nikolaus als Gast. Dienstbeflissen setzte ihm der mörderische Wirt Pökelfleisch vor. Nikolaus erkannte sofort, was Grausiges geschehen war und erweckte die zerhackten und eingepökelten Mordopfer wieder zum Leben. Da muss man wohl wirklich von einem echten Wunder sprechen!

Nach einer anderen Legende hatte einest ein armer Mann drei Töchter. Da er ihnen keine Aussteuer mitgeben konnte, wollte er sie zur Prostitution drängen. Davon freilich erfuhr der Heilige Nikolaus. Er schenkte dem Vater drei goldene Äpfel, so dass den drei Töchtern das Schicksal der Prostitution erspart blieb.

Kurios mutet eine Darstellung der Geschichte vom Nikolaus, den drei Schwestern und den drei goldenen Äpfeln aus dem frühen 16. Jahrhundert an. Man sieht den gramgebeugten Vater. Er scheint noch zu überlegen, wie er seinen drei Töchtern den Weg in die Prostitution ersparen kann. Die drei Töchter allerdings sind schon recht freizügig dargestellt. Es sieht so aus, als würden sie ihre Reize schon zur Kundenwerbung einsetzen. Ob das Kunstwerk aus Salzburg eine Vision des Vaters darstellt, von der befürchteten Zukunft seiner Töchter? Gerade rechtzeitig noch erscheint der Nikolaus. Er ist dabei, einen der goldenen Äpfel zu werfen.

Wie stark heidnisches Glaubensgut war, das beweist die Vitalität der alten keltischen Schutzgottheiten. Da sie nicht wirklich aus dem Volksglauben verdrängt werden konnten, wurden sie »christianisiert«. So wurden aus alten Schutzgöttern der heidnischen Art christliche »Nothelfer«. Die »Vierzehn Nothelfer« werden in zahlreichen Regionen verehrt. Besonders bekannt ist »Vierzehnheiligen« im oberfränkischen »Gottesgarten«.

Der Fachmann erkennt unschwer im Heiligen Dionysius den heidnischen Dionysos/ Bacchus wieder. Keltenexperte Georg Rohrecker (2): »Da Dionysos/ Bacchus von offiziell christlichen Herrschern nicht verehrt werden konnte, wurde mit Dionysius ein Hybride aus ›heidnischen‹ und katholischen Komponenten geschaffen.« So lebt also ein heidnischer Gott als »Saint Denis«, alias »Dionysius«, alias »Dennis« alias »Denys« im katholisch-christlichen Heiligenhimmel weiter. Einst wurde er als Heros der Mond- und Sternengöttin verehrt. Später stieg er in der Hierarchie zum Gott der Fruchtbarkeit und des Weins auf. Er wurde als Sohn des Zeus und Mondgöttin Semele verehrt. Dem erstarkenden Christentum sollte er weichen, blieb dann aber ob seiner Beliebtheit als christlicher Nothelfer erhalten.

Der christianisierte Dionysius, in Frankreich brachte er es zum Nationalheiligen, endete als Märtyrer. Auf dem Montmatre (zu Deutsch: »Märtyrerberg«) wurde ihm, dem ersten Bischof von Paris, das Haupt abgeschlagen. Noch im Tod bewirkte er, so überliefert es die fromme Legende, ein Wunder: Er hob seinen Kopf auf und marschierte noch ganze sechs Kilometer gen Norden. Und wo er schließlich sein abgeschlagenes Haupt ablegte, so die Legende weiter, ließ der fränkische Dagobert im frühen 7. Jahrhundert die erste Abtei »St. Denis« bauen.

Dionysius, Corvey.
Der frommen Legende nach stellte Dionysius in der Disziplin »Gehen nach Enthauptung« den Piraten Klaus Störtebeker in den Schatten. Nach einer alten Legende machte der Bürgermeister von Hamburg Kersten Miles dem zum Tode verurteilten Piraten Klaus Störtebeker ein gruseliges Angebot. Er werde allen Piraten die Freiheit schenken, an denen Störtebeker nach seiner Enthauptung vorbeigehen würde. Klaus Störtebeker, so heißt es weiter, akzeptierte und wankte nach seiner Hinrichtung kopflos an elf seiner Gefährten vorbei. Der Henker brachte den Piraten zu Fall. Und der Bürgermeister brach sein Versprechen, alle 73 Seeräuber wurden geköpft. Während Dionysius sechs Kilometer kopfloses Gehen geschafft haben soll, brachte es Störtebeker dank der Hinterlist des Henkers nur auf wenige Meter.

Den »Heiligen Nikolaus« identifiziert Georg Rohrecker (3) als »ehemaligen Wasser- und Fruchtbarkeits-Heros«. Selbst der angebliche Geburtsort des Nikolaus – Patara – wurde mit Bedacht gewählt. In Patara, heute Türkei,  nahm der Apollon-Kult seinen Ausgangspunkt. Apollon Patroos lockte Volksmassen nach Patara. Unzählige Menschen pilgerten zu seinem Orakel. Rohracker (4): Nikolaus »wurde daher sicher mit voller Absicht in die großen Fußstapfen des antiken Licht-, Weisheits- und Heilergottes Apollon gestellt, den Caesar mit dem keltischen (Gott) Belenus verglich.«

Bis heute gibt es meiner Meinung nach keinen einzigen Lehrstuhl an einer Universität, der sich meiner Meinung nach mit Recht mit dem Namen »Theologie« schmücken dürfte. Theologie bedeutet übersetzt und sinngemäß übertragen »Wort von Gott«, oder »Reden von Gott«. Ein Lehrstuhl, der diese Bezeichnung verdienen würde, dürfte nicht konfessionell gebunden sein. In Erlangen, zum Beispiel, wird keineswegs christliche Theologie im allgemeinen Sinn betrieben. Es wird vielmehr ein ganz spezielles Christentum gelehrt. Katholische Theologie bleibt außen vor. In Erlangen beschäftigt man sich ausschließlich mit evangelisch-lutherischer Theologie, also mit einem verschwindend  kleinen Segment von Theologie.

Auch in Vierzehnheiligen, Oberfranken,
Ich wünsche mir eine überkonfessionelle Theologie, die sich wertfrei mit allen möglichen, unterschiedlichen Formen des religiösen Glaubens auseinandersetzt. Konfessionell gebundene Theologie kann gar nicht wissenschaftlich sein, weil sie Dogmen hat, an denen nicht gerüttelt werden darf. Wissenschaft aber muss stets dazu bereit sein, bislang als richtig angesehene Erkenntnisse über Bord zu werfen. Wissenschaft hinterfragt sich stets selbst. Theologie tut das nicht. Oder besser gesagt: Wissenschaft sollte stets dazu bereit sein, sich zu hinterfragen und neue Erkenntnisse zu akzeptieren. Das aber tut sie nur ungern. Sie ist in gewisser Hinsicht… theologisch.

Im Vergleich zur »Theologie« des Islam ist allerdings die christliche geradezu revolutionär und fortschrittlich-wissenschaftlich. Da wird offen darüber diskutiert, welche Jesus-Worte aus dem »Neuen Testament« wirklich echt sind. In der christlichen Theologie an den Universitäten wird versucht zu ergründen, welche »Jesus-Zitate« in Wirklichkeit erst später Jesus in den Mund gelegt wurden. Eine ähnlich kritische Auseinandersetzung mit dem Koran kommt in manchen, vom Islam dominierten Ländern einem Selbstmord gleich. So wagt es kein muslimischer »Theologe« auch nur eine Sure wissenschaftlich zu hinterfragen.

Der »Heilige Nikolaus«, heute oftmals in Personalunion mit dem Weihnachtsmann und als »Coca-Cola-Santa-Claus«, beschenkt die Kinder. Der »Heilige Nikolaus« schenkte einem armen Vater mit drei Töchtern drei goldene Äpfel. Ur-christlich ist diese Geschichte nicht. Sind doch die drei goldenen Äpfel Symbol der heidnischen Muttergöttinnen-Dreifaltigkeit. Die Äpfel sind aus heidnischer Mythologie hinlänglich bekannt, als Äpfel des ewigen Lebens. Helden wie Herkules versuchten in den Besitz dieser Wunderäpfel zu gelangen. Und der prall mit Gaben gefüllte Sack, den Santa Claus heute da und dort noch in die guten Stuben schleppt, ist ebenso ein uraltes heidnisches Symbol: für die unerschöpfliche Fülle, die die Muttergöttin zu bieten hat… und für das ewige Leben.

... werden die »Vierzhen Nothelfer« angerufen
Fußnoten


1) Rohrecker, Georg: »Die Kelten Österreichs – Auf den Spuren unseres versteckten Erbes«, Wien 2003, S. 143
2) Rohrecker, Georg: »Kelten, Götter, Heilige – Mythologie der Ostalpen«, Wien 2007, S. 124 unten und S. 125 oben
3) ebenda, S. 159
4) ebenda



Vierzehnheiligen, vom Zug aus fotografiert

Zu den Fotos

Die beiden Innenaufnahmen von Vierzehnheiligen (»Auch in Vierzehnheiligen, Oberfranken,werden die ›Vierzehn Nothelfer‹ angerufen«) stammen von Ingeborg Diekmann, Bremen. Alle übrigen Aufnahmen: Walter-Jörg Langbein und Archiv Walter-Jörg Langbein.

308 »Das Grauen der Osterinsel«,
Teil 308 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.12.2015

 
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Sonntag, 31. August 2014

241 »Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«

Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Wer kennt diese geheimnisvolle Burg? Foto W-J.Langbein

Der »Heilige Nikolaus« verbreitete zu Beginn des vierten nachchristlichen Jahrhunderts das Christentum in Lykien (heute Türkei). Seine Erzfeindin, so wird überliefert, war die Göttin Diana. Allem missionarischen Eifer zum Trotz beteten die Menschen damals aber weiter zur Göttin. Besonders viele Gläubige pilgerten zum »Heiligen Baum« der Diana. Nikolaus ließ den Baum fällen und zerhacken, wahrscheinlich um zu beweisen, dass Diana keine Macht hatte. Das Fällen des heiligen Baums blieb folgenlos. Bischof Nikolaus bekam nicht den Zorn der Himmlischen zu spüren und starb irgendwann im vierten Jahrhundert.

Der Überlieferung nach sann damals Diana auf Rache. Sie entwickelte eine heimtückische Waffe, »griechisches Feuer«. Als »fromme Frau« verkleidet sprach Diana Pilger an, die sich auf der Reise nach Myrna zum Grab des Nikolaus befanden. Sie gab den Christen ein »heiliges Öl« mit und bat, die Pilger mögen doch damit die Wände der Kirche bestreichen. Was sie nicht wussten: Bei der vermeintlich frommen Gabe handelte es sich um griechisches Feuer. Die »Salbung« durch die Pilger hätte die Kirche in Flammen aufgehen lassen. So wäre das große christliche Heiligtum zerstört worden, wenn nicht – so überliefert es die heilige Legende weiter – Bischof Nikolaus posthum und als Geisterscheinung die Pilger auf See gewarnt hätte. Der Gottesmann klärte die Pilger auf, schüttete das vermeintlich heilige Öl ins Meer… Stichflammen loderten zum Himmel auf. In »Geheimnisvolles Worms« von Ulrike Schäfer lesen wir (1):

Teuflische Göttin. Foto: W-J.Langbein
                                               
»Wie schwer es der heilige Nikolaus hatte, sich gegen die alten Götter durchzusetzen, zeigt ein verblüffendes Relief, das sich außen über dem Portal der Nikolauskapelle befindet. Da werden Gläubige auf dem Weg zum Grab des Nikolaus in Bari von einer Dämonin angehalten, die angeblich ein Weihegeschenk mitgeben will. In Wirklichkeit ist es aber Teufelswerk, wie Nikolaus selbst seinen Verehrern kundtut. Die Göttin Diana oder Dana wollte sich nämlich rächen, weil der fromme Mann ihr Heiligtum zerstört hatte.«

An der Südseite des Doms findet sich über dem Portal zur Nikolauskapelle eben diese Szene. Diana wird schwebend in der Luft dargestellt, wenig göttlich, sondern als Teufelin mit Brüsten. Diana – ihr Kult war in vorchristlichen Zeiten weit verbreitet – wurde als »Himmelskönigin« angebetet. Ihr christliches Pendant ist heute Maria, Jesu Mutter, die »Himmelskönigin« des christlichen Katholizismus. Diana war eine dreifache Göttin, Mondjungfrau, Mutter allen Lebens und Zerstörerin.

Es mutet kurios an, dass Diana am Nikolausportal als hässliche Teufelin gezeigt wird, während in der Nikolauskapelle selbst bis auf den heutigen Tag die »drei Bethen« verehrt und angebetet werden. Die drei Bethen sind nichts anderes als die dreifache Göttin Diana in christlichem Gewand! Wahrscheinlich geht unser Wort »beten« auf die Verehrung der drei heiligen Bethen zurück. Als deren Kult nicht wirklich ausgelöscht werden konnte, wurden die heidnischen Göttinnen einfach in christliche Heilige verwandelt…

So wie Nikolaus das Heiligtum der Diana zerstörte, so verwüstete Karl der Große mit fanatischem Eifer heidnische Kultplätze. So soll er bei den Externsteinen einen vorchristlichen Kultplatz verwüstet und das zentrale Heiligtum – die Irmin-Säule – zerstört haben. Vergeblich versuchte der christliche Herrscher, den heidnischen Ritus des Feuerräderlaufs zu verbieten. Er wird heute noch zelebriert, gerät aber immer mehr zu einem touristischen Spektakel, umgeben von Feuerwerk, Jahrmarktsgeschrei und Budenzauber.

Brücke zum einstigen Heidenheiligtum.

Anno 784, so heißt es, feierte Karl der Große Weihnachten in »Villa Liuhidi«, nahe der Skidrioburg. »Villa Liuhidi« wird heute mit Lügde in Verbindung gebracht. Wo einst Karl der Große in einem kleinen Holzkirchlein gebetet haben soll, da steht heute die eindrucksvolle Kilianskirche. Die Skidrioburg wird heute mit der Herlingsburg identifiziert. Und die dürfte schon in vorchristlichen Zeiten entstanden sein. Die Herlingsburg (2) »ist auf einem freistehenden Bergplateau gelegen und zählt zu den ältesten Wallburgen in der Region. Die Burg wurde in den folgenden Jahrhunderten von den dort siedelnden Menschen als Fluchtburg und später in den Sachsenkriegen Karls des Großen als Wehranlage zur Kontrolle der Verkehrswege genutzt.«

Von meinem Heimatdorf am »Köterberg«, der einst wohl »Götterberg« hieß, ist es nicht weit an den (künstlich angelegten) Schieder-Stausee. Von Glashütte aus geht’s zu Fuß bergan. Noch im späten 19. Jahrhundert soll die Herlingsburg auf einem kahlen Berg gethront haben. Landwirtschaftlich – im Sinne von Feldanbau – konnte der Berg nicht genutzt werden, aber angeblich sollen Rinder durch emsiges Trampeln jeden Baumwuchs verhindert haben.

Berg der Herlingsburg im 19. Jahrhundert. Archiv Langbein

Heute ist der Berg der Herlingsburg dicht bewaldet... und steil wie eh‘ und je! Das macht sich bei mir schon nach einer halben Stunde deutlich bemerkbar. Um 8 Uhr morgens bin ich am 7. Juni 2014 in Glashütte aufgebrochen. Um 8 Uhr 30 scheint meine Kameratasche eine alchemistische Transformation durchgemacht zu haben. Dem gefühlten Gewicht nach zu urteilen hat sie sich in einen massiven Bleiklumpen verwandelt.

Nicht wirklich leichter fühlt sich der Anstieg, als die schmale geteerte Straße zum Waldweg wird. Zum Glück hat meine Frau ausreichend Wasser dabei. Ich lege immer wieder eine kleine Pause ein und trinke. Meine Frau eilt, flink wie eine Gämse, voraus und erkundet den weiteren Weg. Ich denke an angreifende Krieger, die sich vor Jahrtausenden die Anhöhe hinauf kämpfen mussten. Sie mussten jeden Moment damit rechnen, von oben angegriffen zu werden. Und ihre Ausrüstung war ganz gewiss sehr viel schwerer als meine. Ich konnte ja auf jegliche Form der Bewaffnung verzichten, musste auch weder Schild noch Schwert tragen. Und der Waldweg von heute war sicherlich – trotz der Steile – sehr viel besser begehbar als der Anstieg durchs Unterholz.

Hinweistafeln »Zur Herlingsburg« gibt es einige wenige. Ein paar mehr würden die Suche nach dem Ziel wesentlich erleichtern. Munter plaudert meine Frau. Sie erzählt mir von der Legende der zwei Brüder. Ich zitiere die Version von Hagemeier (3):

»Auf der Burg lebten einest zwei Brüder, die, ihren Göttern treu ergeben, tapfer gegen den christlichen Frankenkönig Karl kämpften. Im Kampf gegen die Eindringlinge waren sie zwar vereint, im Herzen jedoch trennte sie ein unritterlicher Hass gegeneinander. Der Grund für diese Rivalität war ein schönes Sachsenmädchen, das sie beide sehr lieb hatten und begehrten. Die Liebe zu dem Mädchen hatte sie zu Todfeinden gemacht. Während eines Heerzuges gegen die Sachsen belagerte Karl der Große nun die Skidrioburg und konnte sie lange nicht einnehmen, weil sie so fest gebaut und tapfer von Sachsen verteidigt wurde. Als nun das Weihnachtsfest nahte, ließ der König die beiden Brüder einladen, mit ihm gemeinsam Weihnachten zu feiern. Sie kamen der Einladung nach und hörten zum ersten Mal die frohe Botschaft von der Geburt des Heilands und von der Liebe Gottes. Dadurch wurde ihr Herz so ergriffen, dass sie sich versöhnten und auch den Kampf gegen Karl und den christlichen Glauben aufgaben.«

Unterwegs zur »Burg«. Foto W-J.Langbein

Die Bezeichnung »Herlingsburg« ist irreführend. Wer die 334 Meter zum Berggipfel erklommen hat, der kann enttäuscht werden. Von einer »Burg« ist dort oben nichts zu erkennen. Eine »Burg«, so wie wir sie uns vielleicht vorstellen, hat es dort oben nie gegeben. Folgerichtig finden sich auch keine Mauerreste, geschweige denn steinerne Tore oder Türme mit Zinnen. Einst gab es oben auf dem heute wegen der Bewaldung kaum zu erkennenden »kuppelförmigen Hochfläche« (4) eine Wallanlage. Angreifende Feinde mussten den Berg hinauf stürmen, wobei sie immer wieder Gräben und Erdwälle überwinden mussten. Die Verteidiger der »Burg« waren im Vorteil, konnten – zum Beispiel – vorbereitete Felsbrocken gegen die Angreifer anrollen lassen. Oder sie ließen einen Steinregen auf die Feinde niederprasseln.

Waren die Angreifer erst einmal oben angelangt, galt es wiederum einen Graben zu überwinden. Darauf folgte ein Erdwall, gekrönt von einer Palisade aus Baumstämmen. Vom Graben ist heute nichts mehr zu sehen, die Palisade aus Baumstämmen ist natürlich schon seit vielen Jahrhunderten verschwunden, und der einst beeindruckende Erdwall? Der unvorbereitete Wanderer übersieht ihn leicht. Wer ihn aber ersucht, erkennt ihn noch, auch wenn er zwischen Bäumen kaum auszumachen ist. Am und auf dem Wall stehen Bäume. Wanderer trifft man hier oben nicht sehr häufig an. Dabei lohnt es sich, nach den Überbleibseln der »Herlingsburg« zu suchen… in einem Waldgebiet, das manchmal märchenhaft, manchmal unheimlich düster, manchmal lichtdurchflutet unsere Fantasie anregt.

Reste eines Wallstücks. Foto Langbein

Einst gab es im Inneren der Wallanlage einen Brunnen. Leider wurde er schon vor vielen Jahrzehnten bei unsachgemäßen Ausgrabungen – so versicherte mir ein Heimatforscher vor Ort – zerstört. Wie lange die »Herlingsburg« als Zuflucht für die heimische Bevölkerung genutzt wurde? Wir wissen es nicht. Wann genau die Wallanlage erbaut wurde, auch das wissen wir nicht wirklich.

Im Inneren der Anlage wurden mehrere Grabanlagen entdeckt, unter einer Humusschicht. Tote wurden  in steinernen Särgen beigesetzt. Klaus Zetzsche weiß zu berichten (5): »Als nun eins (ein Grab) analysiert wurde, kam die bisher schönste, geöffnete Grabanlage von vier Meter Länge zutage. Sie enthielt eine sogenannte Steinkiste. Die Grababdeckplatte bestand aus einer acht Zentimeter dicken Sandsteinplatte, die von einer Sandsteinschicht unter dem Grabe herrührte und abgespalten war.«

Wie viele solche Steinsarggräber mag es einst gegeben haben? Wie viele möge noch unentdeckt unter dem Waldboden schlummern? Eine Hinweistafel zeigt, wie so eine Begräbnisstätte aufgebaut war, allerdings verborgen im Erdreich. Wie mag die Religion der Menschen damals ausgesehen haben? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten, wenn man sie nur möglichst sicher für die Ewigkeit verwahrte? Wurden besonders wichtige Tote möglichst dem Himmel nah beigesetzt? Glaubte man, sie würden wieder auferstehen, so wie die Natur immer wieder aus der Starre des Winters erwachte?

Der Berg der »Herlingsburg« hat schon vor Jahrtausenden Menschen angezogen. Berggipfel waren ja oft den Göttern vorbehalten. Auf Berggipfeln gab es Heiligtümer. Und auf Berggipfeln wurden Tote rituell beigesetzt, so auch im Inneren der »Herlingsburg«. Da wurden einst Totenrundhäuser über Grabstellen errichtet: Nach sorgsamen archäologischen Untersuchungen geschah dies etwa zwei Jahrtausende vor Christus. Jünger sind große Erdhügel. Scherbenfunde wiederum weisen auf 800 nach Christus hin. Man muss also davon ausgehen, dass der Berg der »Herlingsburg« vor mindestens vier Jahrtausenden als »heilig« angesehen wurde und Jahrtausende als »heiliger Berg« gegolten hat, von der Jungsteinzeit bis in die Zeit Karls des Großen.

Rekonstruktion eines Grabes auf einem Info-Schild.

Ich bin nach intensivem Studium der wissenschaftlichen Literatur zur »Herlingsburg« zur Überzeugung gekommen, dass es dort oben schon ein altes Heiligtum gegeben hat, bevor die Wallanlage gebaut wurde. Welche Riten vor Jahrtausenden abgehalten wurden? Wir wissen es nicht. Gab es Pilger, die vor Jahrtausenden Sonnwendfeiern zelebrierten? Begrüßte man den Frühling? Im Christentum wurden ja heidnische Frühlingsfeste – etwa auf dem Brocken – im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Einst trafen sich die Menschen auf Bergeshöhen, um zu feiern: Wenn die Sonne wieder stieg und wenn sich der Winter verabschiedete, die Natur aus der Starre der Kälte erwachte. Klaus Zetzsche (6): »So kam es beispielsweise, dass das große Frühlingsfest auf dem Brocken zu einem Meeting des Teufels und der Hexen abgestempelt wurde, die am ersten Mai dort zusammenkamen. Da aber das Volk weiterhin mit größter Zähigkeit an dem Fest der Lebensfreude festhielt, legte man die beiden großen Kirchenfeste, nämlich Ostern und Pfingsten, in seine Nähe und zog somit das alte Brauchtum einfach auseinander, so daß der ganze heidnische Charakter dadurch abgeschwächt wurde.«

Aber auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus lebt einstiges, einstmals heidnisches Brauchtum fort… zum Beispiel, wenn am Ostersonntag abends die Feuerräder von Lügde zu Tal rollen…

Osterräderlauf, uraltes heidnisches Brauchtum hat überlebt!

ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein


Fußnoten:

1) Schäfer, Ulrike: »Geheimnisvolles Worms«, Gudensberg-Gleichen, 2003, S. 8
2) Hagemeier, Hubertus: Sagenhaftes Lipperland/ Sagen und Legenden, Erfurt
     2012, S. 118
3) ebenda
4) Zetzsche, Klaus: »Das sagen uns die Externsteine«, Köln-Seeberg 1983/84/85, S. 123
5) ebenda, S. 132
6) ebenda, S. 137

»Ein totes Pferd und eine Göttin«
Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 07.09.2014


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Sonntag, 17. August 2014

239 »Drei Heilige Frauen und eine Teufelin!«

Teil 239 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 17.08.2014

Die drei Heiligen Bethen. Foto Langbein
Die drei heiligen Jungfrauen vom Dom zu Worms stammen aus einem Kloster »Maria Magdalena«. Warum hat man sie in die Nikolauskapelle des Doms geschafft? »Wer aber waren die Drei Bethen, die in der Taufkapelle des Doms noch heute in Stein gehauen zu sehen sind?«, fragt Franjo Terhart (1). Dass die drei Bethen sehr gut in das große »Gotteshaus« passen, liegt auf der Hand. Wurde doch die Stadt Worms nach einer der drei holden Wesen benannt. Franjo Terhart bestätigt (2): »Schließlich verdankt die Stadt einer von ihnen, nämlich der Borbeth ihren Namen. (Aus Borbetomagus wurde über Wormazfelt schließlich der heutige Stadtname.)« Zur Erinnerung: »Borbetomagus« bedeutet »Stadt oder Ort der Borbet«.

Mindestens genauso interessant wie die Heilige Borbeth ist ihre Gefährtin »Wilbeth«. Dieser in unseren Ohren ungewohnt klingende Name geht auf das englische Wort »wheel«, auf das Rad zurück. Alljährlich wird noch heute in Lügde ein alter heidnischer Brauch zelebriert, der allerdings leider immer mehr als Attraktion eines lärmenden Rummels Touristen anlocken soll. Die in Lügde zu Tal rollenden brennenden Feuerräder symbolisieren den Mond. Das »wheel« im Namen Wilbeth« weist darauf hin, dass die »christliche« Wilbeth ursprünglich eine heidnische Mondgöttin war!

Die Heilige Borbeth. Foto Langbein

Die drei Bethen, so legt Richard Fester überzeugend dar (3), waren einst Göttinnen, Sinnbilder des ewigen Lebens und der Wiedergeburt. Für den Heidelberger Forscher Hans C. Schöll, Verfasser des wichtigen Werkes »Die Drei Ewigen« (4), waren Ambeth, Wilbeth und Borbeth Muttergöttinnen, die Erde, Mond und Sonne verkörperten. Die weibliche Dreifaltigkeit aus »heidnischen« Zeiten finden im Christentum ihre Entsprechung in den »drei Bethen«.

Besonders interessant: »Wilbeth«, die einstige Mondgöttin! Richard Fester (5): »Wilbeth ist also eine göttliche Mondmutter, die in die Zeiten steinzeitlichen Mütterglaubens und Mütterrechts zurückreicht und zurückweist. Ihre Stelle im christlichen Kult übernahm oftmals die ›Muttergottes auf der Mondsichel‹, ein Motiv, das sich schon im alten Kreta, 3 000 Jahre zuvor, findet.« Deshalb steht die Muttergottes im Dom zu Paderborn fast verschämt auf der Mondsichel, deshalb findet sich zu Füßen der Maria von Guadalupe die Mondsichel: weil Maria in die Rolle der »heidnischen« Muttergöttin geschlüpft ist!

Im Sommer 2014 erlebte ich, wie fromme Pilgerinnen gedankenverloren im Gebet versunken den »drei Bethen« huldigten. Ob vielen der Gottesdienstbesucher bei den Andachten in der Nikolauskapelle vor den »drei Bethen« bewusst ist, wie lange schon die Drei verehrt und angebetet wurden? Wenn Theologie eine wirklich wichtige Aufgabe hat, dann diese: Sie muss die Wurzeln der eigenen religiösen Überzeugungen erkunden. Leider gibt es für fanatische Anhänger unterschiedlichster Religionen nur den eigenen, den angeblich wahren Glauben. Bevor dieser jeweils einzig anerkannte Glaube – von Religionsgründern und Propheten – verkündet wurde, darf es keine wahre Religion gegeben haben. Wir haben nur eine echte Chance, zum Frieden aller über die Grenzen der Religionen hinaus zu kommen: Die Erkenntnis, dass alle Religionen sehr viel ältere gemeinsame Wurzeln haben!

Die Heilige Wilbeth. Foto Langbein

Es beeindruckt mich zutiefst, wie vielen Muttergöttinnen ich auf meinen Reisen begegnet bin – von Malta bis Mexiko, von Perus Pachamama bis zu Paderborns Maria. Offensichtlich gibt es uralte religiöse Bilder, die seit Jahrtausenden leben. Es ist tragisch, dass es zu Religionskriegen kam, bei denen gemetzelt und gemordet wurde. Es ist kein Zeichen menschlichen Mitgefühls, wie viel Leid verursacht wurde und wird, weil für Fanatiker nur der eigene Glaube gilt, der »fremde« Glaube bekämpft wird!

Wilbeth, die göttliche Mondmutter, führt uns weit zurück in die Vergangenheit… und sie ist im Katholizismus heute noch präsent: Aus der Wilbeth wurde die Fir’pet, die der gläubige Katholik heute noch als »Fürbitterin« kennt. Die »Fürbitterin« hat heute einen festeren Glauben im religiösen Brauchtum als in der vermeintlich wissenschaftlichen Theologie, nämlich als Maria. Es sind aber nicht in erster Linie theologische Dispute, die an theologischen Hochschulen ausgefochten werden, die den hilfesuchenden Menschen im Glauben Rückhalt geben. Das mehr oder minder intellektuelle Gedankengut wissenschaftlicher Theologie wird vom gläubigen Volk so gut wie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen und sicher kaum verstanden.

Im Zentrum: Isis oder Maria?
Mit Horus oder Jesus. Foto Langbein

Man mag zum Volksglauben stehen wie man will, viele Menschen in Not finden in den Gotteshäusern Trost, und das allen Skandalen zum Trotz. Schon vor Jahrtausenden spendete die Muttergöttin Isis im Reich der Pharaonen Trost. Darstellungen von Göttin Isis, die sie mit ihrem Sohn Horus zeigen, erinnern in verblüffender Weise an Himmelsgöttin Maria mit ihrem Sohn Jesus. Isis und Horus wurden von griechischen und römischen Künstlern noch zu christlichen Zeiten verewigt. Christliche Künstler wurden zu Darstellungen von Himmelsgöttin Maria mit dem Jesusknaben inspiriert. Würde ein Isis-Gläubiger heute eine christliche Kirche betreten, er würde in den zahlreichen Gemälden und figürlichen Darstellungen von Maria »seine« Isis und in Jesus »seinen« Horus erkennen und – nach seiner Art – beten.

Wenn aber Gläubige aus dem »Alten Ägypten« und Christen unserer Tage in Ehrfurcht vor Isis/ Maria verstummen könnten, sollte es dann nicht auch möglich sein, dass heute Menschen muslimischen und Menschen christlichen oder jüdischen Glaubens in wirklichem Frieden miteinander leben? Die Frage ist nur, ob das wirklich erwünscht ist!

So wie heute Millionen von Christen nach Lourdes pilgern, um zu Maria zu beten, in der Hoffnung, von Krankheit geheilt zu werden, so mag einst die mysteriöse Steinzeitinsel Malta so etwas wie ein Pilgerort gewesen sein. Unzählige Tempel aus gigantischen Steinmonstern  finden sich da auf engstem Raum. Wahrhaftige Monstermauern trotzen seit Jahrtausenden der Zeit, sie würden auch King Kong mühelos Paroli bieten können. Auf Malta wurden vor vier bis sechs Jahrtausenden 22 riesige Tempel gebaut. Bis zu zwanzig Tonnen wiegen die gewaltigen Kalksteinquader, die damals scheinbar mühelos bewegt und aufeinander getürmt werden konnten. Tief unter der Erde wurde die »schlafende Dame« verehrt und angebetet. Lockte die Steinzeit-Maria vor Jahrtausenden Pilger aus ganz Europa an, so wie das heute noch die Himmelskönigin Maria tut?

Die Kreuzkirche auf dem Kalvarienberg. Foto Langbein

Auf meinen Reisen durch die Welt zu den großen Rätseln unseres Planeten begegneten mir immer wieder bewegende Zeugnisse des Glaubens an Heilige Mütter. So stieg ich voller Erwartung von Bad Tölz auf den »Kalvarienberg«. Fromme Pilger reisen aus aller Welt an, um den Kalvarienberg von Bad Tölz zu besteigen, wobei sie die verschiedenen Stationen von Jesu Leidensweg abschreiten, die kunstvoll dargestellt wurden. Diese Form der Frömmigkeit ist mir, ich gebe es zu, fremd. Mich lockte auch nicht in erster Linie der herrliche Blick ins Isartal, sondern die »Krone von Tölz«. 1718 ließ der Zollbeamte Friedrich Nockher sieben Wegkapellen errichten, dann die »Heilige Stiege«. 1735 entstand der »Golgathahügel«, gefolgt von der »Kreuzigungsgruppe« und der »Heiligen Stiege«. Die »Heilige Treppe« stand erst im Freien, wurde dann aber mit einem Gotteshaus überbaut.
 
Im zweiten Raum des heutigen Gotteshauses steht der Besucher vor einer breiten Holztreppe. Rechts und links davon führen steinerne Treppen nach oben. Die mittlere Treppe, so informiert uns eine Schrifttafel, wurde »nach dem Muster der wahren heiligen Stiege zu Rom hier errichtet und durch Einlegung mehrerer heiliger Reliquien eingeweiht«. Deshalb soll die »Heilige Stiege« nur »von den Schriftgläubigen ... nur kniend hinaufgebetet werden.« Die seitlichen Treppen sind für profanere Besuche bestimmt.

Die Heilige Stiege. Foto Walter-Jörg Langbein

Auch in Bad Tölz soll unser Augenmerk auf die himmlischen Gefilde gelenkt werden. Und seit Jahrzehnten folgt die christliche Theologie, so wie sie in den Kirchen gepredigt wird, mehr und mehr dem Volksglauben. So wird nach und nach aus Maria, der Mutter Jesu eine mächtige Himmelskönigin. Der Weg von der im »Neuen Testament« eher unscheinbaren Randfigur Maria zur »Himmelskönigin« ist weit, länger und steiler als die »Heilige Stiege« auf dem Kalvarienberg. In der Kalvarienbergkirche findet sich so manche Maria als Himmelskönigin, wie in jedem katholischen Gotteshaus. Doch steht im krassen Gegensatz zur hohen, ja heiligen Frau Maria die Frau als böse gegenüber.

Nikolaus im Portal. Foto Walter-Jörg Langbein

Besonders  deutlich zeigt dies das Portalbild der Nikolauskapelle. In der Mitte steht riesenhaft der »Heilige Nikolaus«. Was genau dargestellt wird, ist umstritten. Zur Linken des Nikolaus sind drei Menschen vom Tod bedroht. Der Henker hat schon sein Schwert aus der Scheide gezogen und setzt zum tödlichen Hieb an. Der »Heilige Nikolaus« –  mit Bischofsstab – rettet die Bedrohten. Steht er drei zu Unrecht zum Tode Verurteilten bei? Auf der anderen Seite erkennen wir ein Boot auf dem Meere. Mehrere Pilger sitzen im kleinen Schiffchen. Über ihnen schwebt der Teufel, der einen mächtigen Pfahl in das Boot rammt. Eine »Nikolaus-Legende« weiß zu  berichten, dass einst fromme Pilger vom Teufel bedroht wurden. Er wollte ihr Schiffchen versenken.

Eine andere Version der Legende besagt, dass der Teufel die frommen Pilger vom rechten Weg abbringen wollte, indem er sie bat, ein kostbares Geschenk am Ziel ihrer Reise abzulegen. Wieder wissen wir heute nicht mehr genau, was die kunstvolle Steinschnitzerei genau darstellen soll. Unübersehbar aber sind die weiblichen Attribute des Teufels. Der Teufel am Dom zu Worms wird ganz eindeutig als Frau dargestellt. Das ist die unüberbrückbare Diskrepanz: Die Frau als Heilige (Maria) einerseits…. und die Frau als Teufelin andererseits.

Die Teufelin vom Nikolaus. Foto Walter-Jörg Langbein



Fußnoten

1) Terhart, Franjo: »Magische Bretagne«, Dortmund 2006, S. 220, rechte Spalte, Zeilen 5 bis 8 von unten
2) ebenda, rechte Spalte, Zeilen 1 bis 5 von unten
3) Fester, Richard: »Die Steinzeit liegt vor deiner Tür/ Ausflüge in die Vergangenheit«, München 1981, siehe Kapitel »Die Muttergöttin unserer Ahnen«, Seiten 173-189
4) Jena 1936
5) Fester, Richard: »Die Steinzeit liegt vor deiner Tür/ Ausflüge in die Vergangenheit«, München 1981, S. 186

»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«,
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 24.08.2014


Sonntag, 10. August 2014

238 »Das Pferd mit vier Köpfen und drei Göttinnen«,

Teil 238 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Worms. Foto W-J.Langbein

Von der - wirklich empfehlenswerten - »Nibelungen-Jugendherberge« (1) erreicht man in wenigen Schritten das Restaurant »Domterrassen Worms«. Und dann sind es nur noch wenige Schritte bis zum Hauptportal des Doms. Das gewaltige Bauwerk birgt so manches Rätsel. Staunend steht man vor dem monumentalen Bauwerk. Es sieht so aus, als habe das sakrale Gebäude unzählige Jahrhunderte unbeschadet überstanden. 

 Der Eindruck aber täuscht. So waren es französische Truppen, die im sogenannten »Pfälzischen Erbfolgekrieg« (1688-1697) unter Führung des christlichen Grafen Mélac den Rhein-Neckar-Raum verwüsteten. Melác setzte rücksichtslos auf die Taktik der »verbrannten Erde«, ließ seine Truppen Worms, aber auch Heidelberg, Mannheim und Speyer so gründlich wie nur möglich zerstören. Kirchen wurden geplündert, in Brand gesteckt. Der Dom zu Worms sollte gesprengt werden, was aber nicht gelang. Dafür brannte er im Inneren fast völlig aus. Der Dom wurde wieder aufgebaut, im Rahmen der französischen Revolution aber wieder fanatischem Zerstörungswahn ausgesetzt. Um ihre antichristliche Haltung zu unterstreichen, nutzten die französischen Revolutionäre das Gotteshaus als Speicher und Pferdestall. Auch in vermeintlich zivilisierteren Zeiten ging es barbarisch zu. So wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts – vermutlich 1807 – der mysteriöse Bau der »Johannes-Kirche« direkt am Dom abgerissen. Kapellen, Kirchen und Klöster wurden zerstört, die Steine für den Häuserbau verwendet.

Und immer wieder wurde renoviert und restauriert. 1935 befand sich der Dom zu Worms in einem prächtigen Zustand, nach einem halben Jahrhundert aufwändiger Renovierung. 1945 allerdings wurden, der Krieg war längst entschieden, sinnlose Fliegerangriffe auf deutsche Städte durchgeführt. Ein Ziel war am 21. Februar 1945 auch der Dom zu Worms. Ein gewaltiger Stadtbrand wurde entfacht, das Domdach stand in Flammen, das Domarchiv wurde weitestgehend vernichtet. Für die angreifenden Flugzeuge bot sich der Dom als einfaches Ziel für Schießübungen, steht er doch auf der höchsten Erhebung des Stadtgebiets. Militärischen Sinn hatten diese Attacken wohl keine.

Noch ist der Blick unverstellt...

Besiedelt war der dank seiner hohen Lage vor Hochwassern des Rheins sichere Platz schon vor Jahrtausenden. Schließlich ließen sich die Kelten dort nieder, wo später der Dom errichtet werden sollte. Die Römer kannten noch die Bezeichnung der Kelten für jenen Ort, überlieferten ihn als »Borbetomagus«, woraus sich der Name »Worms« entwickelte. Rudolf Pörtner erklärt in seinem Weltbestseller » Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit« (2):

»Wo heute Worms liegt, entwickelte sich .. eine stadtähnliche Siedlung, bedeutsam wahrscheinlich als Marktort und befestigter Stammesmittelpunkt mit dem Sitz eines Fürsten. Sie hieß Borbetomagus, Stadt oder Ort der Borbet, der keltischen Sonnenfrau, die mit Embede und Wilbede, der Erd- und Mondfrau, eine vielgenannte mythologische Dreiheit bildete.«

Diese »mythologische Dreiheit« habe ich im Sommer 2014 besucht – ein »heidnisches« Denkmal im christlichen Dom zu Worms. Wann genau es entstanden ist, ist nicht bekannt. Ursprünglich, vielleicht noch im frühen 15. Jahrhundert – um 1430 – befand sich der »Dreijungfernstein« im Frauenkloster »St. Maria Magdalena«, im »Bergkloster« ganz in der Nähe des Doms.

Blick auf den Dom von den Dom-Terrassen aus.

Ich nähere mich dem Dom von Süden her, stehe vor dem Südportal. Unzählige steinerne Figuren in unterschiedlichen Größen umrahmen es. Die Jahrhunderte alten Kunstwerke werden durch dichte Netze vor zudringlichen Tauben geschützt, deren Hinterlassenschaft nicht nur beschmutzt, sondern auch ganz erhebliche Schäden verursacht. Ich muss an den »Heiligen Geist« denken, der nach christlicher Überlieferung in Gestalt einer Taube auftritt. In zahllosen christlichen Kunstwerken wird der »Heilige Geist« in christlichen Gotteshäusern auch als Taube dargestellt. Wer denkt da nicht an den einen oder anderen Skandal, der die katholische Kirche in unserer Zeit erschüttert? Ein wenig mehr »Heiliger Geist« hätte dem Exkirchenfürsten Tebartz van Elst in Limburg gewiss geholfen. Die Schutznetze sichern die uralte sakrale Kunst, machen aber wirklich gute Fotos unmöglich. Fotografiert man mit Blitz, kommen die Netze deutlicher zur Geltung als die sakrale Kunst. Ich habe unzählige Fotos gemacht, zu allen Tages- und Nachtzeiten. Ich hoffe, dass mir einige gelungen sind, die erkennen lassen, wie kunstreich geschmückt das Südportal ist!

Deutlich zu erkennen sind – vom Betrachter aus gesehen links (Foto kinks) – die vier Evangelisten, die dank der ihnen beigestellten Symbole auch deutlich zu identifizieren sind:

Markus mit seinem Löwen, Matthäus mit seinem Engel, Lukas mit seinem Stier und Johannes mit seinem Adler.

Auf der anderen Seite des Torbogens – vom Betrachter aus rechts – stehen vier Propheten des Alten Testaments, es könnte sich um Daniel, Jeremias, Jesaia und Hesekiel handeln. Die Inschriften auf ihren Namenstäfelchen sind leider verschwunden.

Hoch oben über dem Portal findet sich eine Darstellung, die meines Wissens nach in der christlichen Kunst weltweit einzigartig ist. Da reitet eine stolze Frau mit einer Krone auf dem Haupt auf einem eigenartigen Tier. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass das mysteriöse Wesen vier Köpfe hat. Merkwürdig muten auch die Beine und Füße des Reittiers an. Eine solche Kreatur hat es niemals gegeben, ein solches Wesen existierte niemals aus Fleisch und Blut.

Gängige Interpretation: Die vier Köpfe – Engel/Mensch, Stier, Löwe, Adler – stehen für die vier biblischen Evangelisten  Matthäus, Lukas, Markus und Johannes.

Die vier Köpfe des Pferdes. Netz teilweise wegretuschiert.

Ich visiere das seltsame Reittier mit meiner Kamera – unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleobjektivs an. Es kommt mir so vor, als habe das mysteriöse Fabelwesen nicht vier, sondern fünf Beine. Der Kirchenführer »Der Dom zu Worms« (3) vermeldet: »Die Krönung des Portals ist eine in der Tat einzigartige Figur, denn es existieren offenbar keine ähnlichen Darstellungen. Eine Frau reitet auf einem Tier mit verschiedenen Köpfen und Füßen; die Köpfe und Füße beziehen sich auf die Symbole der Evangelisten, die Frauengestalt repräsentiert die Kirche.«

Während ich vor der Südseite des Doms auf und abgehe, immer wieder fotografiere, wächst auf dem Domvorplatz eine Menschengruppe an. Die Wormser, so hatte ich bislang den Eindruck, sind ein ruhiges, friedfertiges, fast ein wenig behäbiges Völkchen. Aber wehe, wenn man ihren Zorn erregt. Und die Wut der aufgebrachten Menschen scheint mir wirklich berechtigt zu sein! Soll doch direkt vor der Südseite des Wormser Doms ein »hohes Haus« errichtet werden, das den heute noch letzten freien Blick auf den Dom erheblich verstellen würde. Geradezu abstrus ist die Behauptung, durch den Neubau werde der letzte freie Blick auf den Dom nicht verstellt, vielmehr komme dadurch der Dom erst richtig zur Geltung. Einem solchen »Argument« kann ich nur mit Zynismus begegnen:

Warum reißt man nicht die Hälfte des Doms zu Worms ab? Auf diese Weise würde ein Bauplatz für ein Kaufhaus frei. Und der dann noch verbleibende Rest des Doms käme noch sehr viel besser zur Geltung! Der Verkauf der Bruchsteine könnte weltweit erfolgen und brächte ohne Zweifel schöne Einnahmen!

Offen gesagt: Mir ist unbegreiflich, wieso ausgerechnet die »Domgemeinde« selbst ihr »Gemeindehaus« direkt vor dem Dom hochziehen möchte. Es kommt mir wie der Kampf Davids gegen Goliath vor: Wormser Bürger kämpfen gegen… wen? Gegen die Kirche, die gegen den ausdrücklichen Wunsch vieler Wormser Kirchgänger direkt am Dom ein »Gemeindehaus« errichten möchte? Die Planung, so scheint es, ist schon weit fortgeschritten. Ist der Bau noch zu verhindern? Zu hoffen ist es! Mir drängt sich der Eindruck auf, dass man von oben ein Bauvorhaben so schnell wie möglich verwirklichen möchte, um die Gegner des Projekts vor vollendete Tatsachen zu stellen! Ich wünsche dem Verein »Freier Blick auf den Dom zu Worms Bürgerverein Dom-Umfeld e.V.« viel Erfolg (4).

Das Südportal. Foto: W-J.Langbein

Ich durchschreite das Südportal, halte mich links und betrete die »Nikolaus-Kapelle«. Sie wird von einem wuchtigen, von Löwen getragenen Taufstein dominiert. Er dürfte Ende des 15. Jahrhunderts entstanden sein und befand sich in der »Johannes-Kirche«, auch »Johannes-Kapelle«. Johannes der Täufer ist als Halbrelief in den Stein gemeißelt worden, sowie sieben Propheten des Alten Testaments. Im Halbdunkel erkenne ich den geheimnisvollen »Drei-Jungfrauen-Stein«, auch »Dreijungfernstein« genannt. Rudolf Pörtner hat sachlich auf den heidnisch-keltischen Hintergrund dieser Darstellung hingewiesen.

Der Tauftsein. Foto W-J.Langbein
Erstaunlich offen ist der Text im Führer »Der Dom zu Worms« (5): »Ihm (dem Taufstein) gegenüber an der Ostwand steht der sogenannte Drei-Jungfrauen-Stein… Der Inschrift nach handelt es sich um drei heilige Jungfrauen: Embede, Warbede und Willebede. Sie werden im ganzen Rheintal, aber auch im Hohenlohischen oder in Tirol verehrt. In Köln gelten sie als Gefährtinnen der Heiligen Ursula. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei ihnen ursprünglich um vorchristliche Gottheiten keltischen Ursprungs. Die Missionare versuchten häufig bei der Darstellung christlicher Normen und Werte auf bereits bertraute nichtchristliche Vorbilder zurückzugreifen, um sie der eingeborenen Bevölkerung umso plastischer begreiflich machen zu können. Möglicherweise wurden die drei Frauen auf diese Art zum Bestandteil der Verehrung durch die Bevölkerung.«

Der »Dreijungfernstein«. Foto Walter-Jörg Langbein

Vorsichtiger formuliert »Der Dom zu Worms/ Wegweiser und Deutung« (6): »Einzigartig ist der sogenannte Dreijungfrauenstein. .. Unter gotischer Architektur zeigt das Werk drei Jungfrauen mit Kronen, Palmen und Büchern, sowie oben und unten die Namen: Embede, Warbede, Willebede. Mancherlei Legenden umranken die Gestalten dieser drei Jungfrauen, über deren Herkunft und Bedeutung sich die Forschung nicht einig ist; vielleicht lassen sich die Ursprünge ihrer Verehrung in sehr frühe Zeiten zurückverfolgen.«

Erni Kutter lässt keinen Zweifel aufkommen (7): Die »drei Jungfrauen« gehen auf heidnische, sprich keltische Ursprünge zurück. Offensichtlich wurden sie in der Bevölkerung so verehrt, dass man ihren Kult trotz größter Anstrengung nicht verbieten konnte. Selbst Bischof Burchard, Erbauer des Doms zu Worms, gelang es nicht, die Anbetung und Verehrung der drei einstigen Göttinnen zu verhindern. Maßlos entsetzt wäre der Dombauer, würde er feststellen, dass in seinem Dom an zentraler Stelle die von ihm verteufelten »drei Jungfrauen« geehrt und geachtet, ja angebetet werden. Regelmäßig finden in ihrer Kapelle Gottesdienste statt.

Was für Bischof Burchard heidnisch war, umschreibt Erni Kutter anders (8). Demnach hat sich »in dieser Frauendreiheit … ein charakteristisches Merkmal aller frühen Göttinnen erhalten, nämlich ihre Jungfräulichkeit«.

Eine der drei Heiligen Jungfrauen... Willebede.


Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Nibelungen-Jugendherberge, Dechaneigasse 1, 
67547 Worms

2) Pörtner, Rudolf: »Mit dem Fahrstuhl in die 
Römerzeit/ Städte und Stätten deutscher Frühgeschichte«, Düsseldorf/ 
Wien o.J., S. 326 (13. Kapitel: »Stadt der Sonnenfrau« S. 324-343)

3) Englert, Siegfried: »Der Dom zu Worms«, Worms 1986, S. 35

4) http://www.kein-haus-am-dom.de/index.html

5) Englert, Siegfried: »Der Dom zu Worms«, Worms 1986, S. 32

6) Villinger, Carl J. H.: »Der Dom zu Worms/ Wegweiser und Deutung«, 
Worms 1981, S. 25

7) Kutter, Erni: »Der Kult der drei Jungfrauen«, München 1997

8) ebenda, S. 88 und 89


Die Jugendherberge direkt am Dom. Foto W-J.Langbein


 »Drei Heilige Frauen und eine Teufelin«,
Teil 239 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 17.08.2014




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