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Sonntag, 20. Januar 2019

470 »Mordgemetzel im Dom zu Goslar«

Teil 470 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Domvorhalle, Goslar
Ich war auf der Rückreise von einer Geburtstagsfeier. Spät am Abend startete »mein« Nahverkehrszug Richtung Heimat. Er hielt unzählige Male. Ich nickte immer wieder ein und wurde immer wieder wach. Wieder einmal kam »mein« Zug rumpelnd zum Stillstand. »Goslar, Goslar!«, wurde energisch ausgerufen. »Bitte zügig aussteigen!« Goslar? War da nicht etwas mit einem Dom? Kurz entschlossen stand ich auf, griff nach meinem Koffer und stieg aus. »Türen schließen!«, erklang die Stimme eines ungeduldigen Schaffners. Ich stand am Gleis, »mein Zug« fuhr weiter. Ob er die Verspätung wieder aufholen würde?

Am menschenleeren Bahnhofsvorplatz erwischte ich mit Mühe ein Taxi, das gerade in der Nacht verschwinden wollte. »Zum Dom!« instruierte ich den etwas verärgerten Fahrer. »Wollte gerade Feierabend machen!«, brummte er gähnend. Dann wiederholte er meine Worte, fast hämisch lachend. »Zum Dom? Der ist weg!« Seine Antwort irritierte mich doch stark. Nach einer kurzen Kunstpause fügte er hinzu: »Ich fahre Sie aber trotzdem hin!« Los ging’s.

Mir wurde eine erstaunliche Wegstrecke zuteil, den direkten Weg zum »Dom« schlug der geschäftstüchtige Fahrer nicht ein. Vom Bahnhof wurde ich auf die »82« chauffiert, sprich Goslar wurde weiträumig umfahren. Erst als die letzten Häuser von Goslar auftauchten, ging’s wieder Richtung Innenstadt. Die Titanen waren Riesen in Menschengestalt. Sie waren damals mächtige Götter, stolze Nachkommen der Göttin Gaia und des Uranos. Unter ihrem Anführer Kronos kämpften die göttlichen Riesen mit Zeus und einigen seiner Geschwister. Das geschah in der »Goldenen Ära«, lange bevor es Menschen gab. Im Epos »Titanomachia«, verfasst von Thamyris, wird wohl dieser Götterkrieg ausführlich beschrieben. Das Werk ging aber verloren. Vorbei an der »Kaiserpfalz« gelangten wir endlich auf den »Domplatz« und von da zur »Domvorhalle«.

Langweilig wurde mir freilich während der Fahrt nicht. Der Taxifahrer arbeitete an Wochenenden in einem Altenheim, studierte »nebenher« Philosophie und Journalismus und agierte an einer Laienbühne. Schauspielerisch war er ohne Zweifel recht begabt. Auf sehr eindrucksvolle, manchmal geradezu kinskihafte Weise (1) schilderte er mir in drastischen Worten das »Mordgemetzel im Dom zu Goslar«. Sam Peckinpah war leider nicht zugegen, sonst hätte ihn des Taxifahrers plastische Beschreibung des historischen Geschehens gewiss zu einem blutrünstigen Filmepos angeregt. Tote jedenfalls gab es genug.

Foto 2: Der Dom zu Worms
Das blutige Fest erinnert stark an das berühmte Nibelungenlied, an den Streit der edlen Damen vor dem Dom zu Worms und das grausame Ende im Rittersaal führt. Auch hier wird gestorben, weil man sich nicht darauf einigen konnte, wer im Rang höher steht. Meisterlich gestaltete »mein« Taxifahrer während der einsamen Fahrt durch die Nacht ein Hörspiel, in dessen Zentrum abgeschlagene Köpfe und andere Körperteile standen. Gestenreich unterstrich der Mime am Lenkrad die dramatischten Momente.

Doch zu den historischen Fakten: Weihnachten 1062 reiste Kaiser Heinrich IV. zu den Feierlichkeiten in seinem Geburtsort Goslar. Geladen waren der Bischof von Hildesheim und der Forstabt von Fulda. Wer würde auf welchem Platz im Dom sitzen? Wer hatte den höheren Rang? Vor allem: Wer durfte direkt neben dem Erzbischof von Mainz sitzen? Am Tag vor der Weihnachtsfeier sollte im Dom die Sitzordnung festgelegt werden. Im Dom kam es zwischen den Vertretern beider Parteien zunächst zu verbalen Auseinandersetzungen, die schnell zu Geschrei und Prügelei ausarteten. Herzog »Otto von Bayern« schlichtete. Am 17. Juni 1063, am Samstag vor Pfingsten, traf man sich wieder im Dom zu Goslar. Auf Wortgefechte verzichtete man weitestgehend, die Vertreter der Geistlichkeit schlugen mit Fäusten aufeinander ein und griffen beherzt zu den Waffen. Die Fuldaer attackierten die Hildesheimer mit brutaler Gewalt. Während die Domherren frommes Liedgut sangen, wurde im Dom gemetzelt. Der Kaiser , Heinrich IV, mahnte und befahl ein Ende des Tötens, aber niemand hörte auf ihn. Der hohe Herr floh in seinen Palast. Der Bischof von Hildesheim forderte die Seinen von der Kanzel herab lautstark dazu auf, Tapferkeit zu zeigen. Als Sieger gingen schließlich nach halbtägigem Morden die Hildesheimer hervor.

Der Sage nach sollen so viele Kämpfer schwer verletzt oder zu Tode gebracht worden sein, dass ihr Blut in Strömen zum Hauptportal hinaus auf den Domvorplatz floss. Das dürfte reichlich übertrieben sein. Wie viele Menschen tatsächlich nach der Schlacht im Dom tot aus dem Gotteshaus getragen wurden, das lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Mehrere Tote hat es wohl gegeben, auch mehrere Verletzte. Es muss sehr grausam zugegangen sein, denn in der Überlieferung wird der Teufel bemüht, der angeblich damals beim Stechen und Hauen zugegen war. Der Teufel, so die Sage, begnügte sich nicht mit schadenfrohem Zuschauen. Er stand den irdischen Kämpfern in nichts nach.

Foto 3: Gemetzel im Dom von Goslar

Satanas, so heißt es, sei begeistert gewesen ob der vielen Seelen, die er sich aus dem Dom holen konnte. Als der Höllenfürst freilich das Gotteshaus wieder verlassen wollte, gab es für ihn ein Problem. Durch den verbarrikadierten Ausgang konnte selbst der Teufel nicht entschwinden. Die Sage überliefert (2): Er (der Teufel) schlug wacker mit drein, und als der Sieg entschieden war, schwang er sich sichtbar empor, fuhr durch ein Loch des Kirchengewölbes in die Höhe.« Ein großes Loch sei entstand und habe sich viele Jahre nicht wieder schließen lassen. Erst nach diversen vergeblichen Versuchen verzweifelter Maurer konnte man nach längerer Zeit das »Teufelsloch« bis auf einen schmalen Spalt verschwinden lassen. Wie war das möglich? Es wurde, so die gruslige Überlieferung, eine schwarze Katze mit eingemauert. Außerdem kam eine Bibel als »Verschlussstein« zum Einsatz. Die Bibel sei noch viele Jahre zu sehen gewesen. Offensichtlich traute man einer Bibel geradezu magische Wirkung zu.

Zu den Fakten: Mitte des 11. Jahrhunderts wurde in Goslar die »Stiftskirche St. Simon und Judas« errichtet. Die Weihe nahm Erzbischof Hermann von Köln am 2. Juli 1051 vor. Die heute noch als kärglicher Rest des einst so stolzen Gotteshauses erhaltene nördliche Vorhalle wurde erst um das Jahr 1200 angebaut. 1819 bis 1822 wurde der Dom fast vollständig abgerissen. Erhalten blieb lediglich die Vorhalle, die es zu Zeit der »Teufelsschlacht« noch nicht gab.

Foto 4: Stechen und Hauen im Gotteshaus

Endlich war ich am Ziel angekommen, beim Dom der, so der Taxifahrer, »weg« war. Es war kalt, stockdunkel und begann auch noch zu regnen. Mein Taxifahrer deutete fast triumphierend auf die Domvorhalle. »Vom eigentlichen Dombau ist nichts mehr erhalten. Der alte Dom ist weg. Was Sie hier sehen, das ist ein, jüngerer Anbau. Man hat ihn zu Beginn des 19. Jahrhunderts stehenlassen, weil er angeblich die wertvollsten Schätze des Doms beherbergte.«

Da stand ich also im Regen, hastete auf zwei mit Eisengittern versperrte schmale Tore zu. Viel zu sehen war nicht. Über den Torbögen machte ich zwei Reihen von Nischen aus, die scheinbar steinerne Plastiken enthielten. »Die stehen,«, dachte ich »anders als ich, im Trockenen!« Bei näherem Hinsehen, ich war inzwischen völlig durchnässt, erkannte ich, dass es sich lediglich um insgesamt sechs Reliefs und zwei gemalte Bildnisse handelte. In der oberen Reihe identifizierte ich ohne Mühe in der Mitte Maria mit dem Jesusbaby. Rechts und links von ihr flankierten zwei gemalte Engel die Gottesmutter.

Foto 5: Der Krodoaltar im Dom
Näheres erklärt wikipedia (3): »Darunter in der Mitte der Apostel Matthias, der seit der Überführung von Reliquien aus Trier jahrhundertelang als Stadtpatron Goslars verehrt wurde und auf den Münzen der Stadt abgebildet war; zu seinen Seiten die Kirchenpatrone Simon und Judas; außen zwei Kaiser, von denen der linke, der ein Kirchenmodell trägt, als Heinrich III. identifiziert werden kann, während die Identität des rechten, der ein profanes Bauwerk hält, unsicher ist.«

Ich spähte durch die Eisenstangen der eisernen Gitter der beiden Portale hindurch, konnte aber nichts erkennen.

»Mein« Taxifahrer wartete noch, wurde aber langsam ungeduldig. »Wollen Sie hier bleiben? Wenn sie noch länger im Regen stehen möchten, nur zu. In mein Taxi lasse ich Sie dann aber nicht mehr einsteigen. Sie versauen mir ja sonst nur die Polster.« Ich folgte dem Wink mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl und ließ mich zum Bahnhof zurückbringen. Die Rückfahrt erfolgte auf direktem, also viel kürzeren Weg. Am Bahnhof angekommen hatte ich Glück. Nur wenige Minuten später konnte ich meine Fahrt fortsetzen. Zuhause stellte sich eine deftige Erkältung ein, die ich mit Unterstützung meiner Frau schon nach einer Woche bezwungen hatte.

Zuhause recherchierte ich weiter. Im Dom zu Goslar, so las ich immer wieder, wurde einst der Altar von Krodo (alias Crodo) aufbewahrt. Der Krodo-Altar sieht erstaunlich modern aus, wurde aber ohne Zweifel bereits im späten elften Jahrhundert ausschließlich aus Bronze angefertigt. Er soll der einzige erhaltene metallene Kirchenaltar der Romanik sein. Von innen ließ sich der metallene Kubus mit symmetrisch angebrachten runden Löchern beleuchten.

Foto 6: Der Krodoaltar im Museum
Getragen wird der schlichte Metallkasten von vier mysteriösen Gestalten an den Ecken. Bei den vier knienden Figuren könnte es sich um recht muskulöse Atlanten handeln. Mag sein, dass sie ursprünglich je einen Erdglobus trugen. Die Muskelprotze stammen offensichtlich aus dem Reich der griechisch-römischen Mythologie. Die Titanen waren Riesen in Menschengestalt. Sie waren damals mächtige Götter, stolze Nachkommen der Göttin Gaia und des Uranos. Unter ihrem Anführer Kronos kämpften die göttlichen Riesen mit Zeus und einigen seiner Geschwister. Das geschah in der »Goldenen Ära«, lange bevor es Menschen gab. Im Epos »Titanomachia«, verfasst von Thamyris, wird wohl dieser Götterkrieg ausführlich beschrieben. Das Werk ging aber verloren.

Der »Krodo-Altar« wurde irgendwann, spätestens beim Abbruch der Stiftskirche, entfernt. Heute befindet er sich im Goslaer Museum am »Museumsufer« (4).


Foto 7: Ohne Worte
Fußnoten
(1) Klaus Kinski (*1926; †1991)
(2) http://www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/allgemein/gottschalck/teufelsschlacht.html (Stand 5.12.2018)
(3) Wikipedia-Artikel »Goslaer Dom« (Stand 5.12.2018)
(4) Goslaer Museum, An der Abzucht, Königstraße 1, 38640 Goslar, Tel. 05321 43394, E-Mail goslarer-museum@goslar.de (Stand 5.12.2018)

Zu den Fotos
Foto 1: Domvorhalle, Goslar. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Der Dom zu Worms. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Gemetzel im Dom von Goslar. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Stechen und Hauen im Gotteshaus (Ausschnitt von Foto 3).
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Krodoaltar im Dom.
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Krodoaltar im Museum. Foto wikimedia commons Rabanus Flavus
Foto 7: Ohne Worte. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

471 »Die unendliche Geschichte der Religionen«,
Teil 471 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27. Januar 2019



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Sonntag, 10. August 2014

238 »Das Pferd mit vier Köpfen und drei Göttinnen«,

Teil 238 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Worms. Foto W-J.Langbein

Von der - wirklich empfehlenswerten - »Nibelungen-Jugendherberge« (1) erreicht man in wenigen Schritten das Restaurant »Domterrassen Worms«. Und dann sind es nur noch wenige Schritte bis zum Hauptportal des Doms. Das gewaltige Bauwerk birgt so manches Rätsel. Staunend steht man vor dem monumentalen Bauwerk. Es sieht so aus, als habe das sakrale Gebäude unzählige Jahrhunderte unbeschadet überstanden. 

 Der Eindruck aber täuscht. So waren es französische Truppen, die im sogenannten »Pfälzischen Erbfolgekrieg« (1688-1697) unter Führung des christlichen Grafen Mélac den Rhein-Neckar-Raum verwüsteten. Melác setzte rücksichtslos auf die Taktik der »verbrannten Erde«, ließ seine Truppen Worms, aber auch Heidelberg, Mannheim und Speyer so gründlich wie nur möglich zerstören. Kirchen wurden geplündert, in Brand gesteckt. Der Dom zu Worms sollte gesprengt werden, was aber nicht gelang. Dafür brannte er im Inneren fast völlig aus. Der Dom wurde wieder aufgebaut, im Rahmen der französischen Revolution aber wieder fanatischem Zerstörungswahn ausgesetzt. Um ihre antichristliche Haltung zu unterstreichen, nutzten die französischen Revolutionäre das Gotteshaus als Speicher und Pferdestall. Auch in vermeintlich zivilisierteren Zeiten ging es barbarisch zu. So wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts – vermutlich 1807 – der mysteriöse Bau der »Johannes-Kirche« direkt am Dom abgerissen. Kapellen, Kirchen und Klöster wurden zerstört, die Steine für den Häuserbau verwendet.

Und immer wieder wurde renoviert und restauriert. 1935 befand sich der Dom zu Worms in einem prächtigen Zustand, nach einem halben Jahrhundert aufwändiger Renovierung. 1945 allerdings wurden, der Krieg war längst entschieden, sinnlose Fliegerangriffe auf deutsche Städte durchgeführt. Ein Ziel war am 21. Februar 1945 auch der Dom zu Worms. Ein gewaltiger Stadtbrand wurde entfacht, das Domdach stand in Flammen, das Domarchiv wurde weitestgehend vernichtet. Für die angreifenden Flugzeuge bot sich der Dom als einfaches Ziel für Schießübungen, steht er doch auf der höchsten Erhebung des Stadtgebiets. Militärischen Sinn hatten diese Attacken wohl keine.

Noch ist der Blick unverstellt...

Besiedelt war der dank seiner hohen Lage vor Hochwassern des Rheins sichere Platz schon vor Jahrtausenden. Schließlich ließen sich die Kelten dort nieder, wo später der Dom errichtet werden sollte. Die Römer kannten noch die Bezeichnung der Kelten für jenen Ort, überlieferten ihn als »Borbetomagus«, woraus sich der Name »Worms« entwickelte. Rudolf Pörtner erklärt in seinem Weltbestseller » Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit« (2):

»Wo heute Worms liegt, entwickelte sich .. eine stadtähnliche Siedlung, bedeutsam wahrscheinlich als Marktort und befestigter Stammesmittelpunkt mit dem Sitz eines Fürsten. Sie hieß Borbetomagus, Stadt oder Ort der Borbet, der keltischen Sonnenfrau, die mit Embede und Wilbede, der Erd- und Mondfrau, eine vielgenannte mythologische Dreiheit bildete.«

Diese »mythologische Dreiheit« habe ich im Sommer 2014 besucht – ein »heidnisches« Denkmal im christlichen Dom zu Worms. Wann genau es entstanden ist, ist nicht bekannt. Ursprünglich, vielleicht noch im frühen 15. Jahrhundert – um 1430 – befand sich der »Dreijungfernstein« im Frauenkloster »St. Maria Magdalena«, im »Bergkloster« ganz in der Nähe des Doms.

Blick auf den Dom von den Dom-Terrassen aus.

Ich nähere mich dem Dom von Süden her, stehe vor dem Südportal. Unzählige steinerne Figuren in unterschiedlichen Größen umrahmen es. Die Jahrhunderte alten Kunstwerke werden durch dichte Netze vor zudringlichen Tauben geschützt, deren Hinterlassenschaft nicht nur beschmutzt, sondern auch ganz erhebliche Schäden verursacht. Ich muss an den »Heiligen Geist« denken, der nach christlicher Überlieferung in Gestalt einer Taube auftritt. In zahllosen christlichen Kunstwerken wird der »Heilige Geist« in christlichen Gotteshäusern auch als Taube dargestellt. Wer denkt da nicht an den einen oder anderen Skandal, der die katholische Kirche in unserer Zeit erschüttert? Ein wenig mehr »Heiliger Geist« hätte dem Exkirchenfürsten Tebartz van Elst in Limburg gewiss geholfen. Die Schutznetze sichern die uralte sakrale Kunst, machen aber wirklich gute Fotos unmöglich. Fotografiert man mit Blitz, kommen die Netze deutlicher zur Geltung als die sakrale Kunst. Ich habe unzählige Fotos gemacht, zu allen Tages- und Nachtzeiten. Ich hoffe, dass mir einige gelungen sind, die erkennen lassen, wie kunstreich geschmückt das Südportal ist!

Deutlich zu erkennen sind – vom Betrachter aus gesehen links (Foto kinks) – die vier Evangelisten, die dank der ihnen beigestellten Symbole auch deutlich zu identifizieren sind:

Markus mit seinem Löwen, Matthäus mit seinem Engel, Lukas mit seinem Stier und Johannes mit seinem Adler.

Auf der anderen Seite des Torbogens – vom Betrachter aus rechts – stehen vier Propheten des Alten Testaments, es könnte sich um Daniel, Jeremias, Jesaia und Hesekiel handeln. Die Inschriften auf ihren Namenstäfelchen sind leider verschwunden.

Hoch oben über dem Portal findet sich eine Darstellung, die meines Wissens nach in der christlichen Kunst weltweit einzigartig ist. Da reitet eine stolze Frau mit einer Krone auf dem Haupt auf einem eigenartigen Tier. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass das mysteriöse Wesen vier Köpfe hat. Merkwürdig muten auch die Beine und Füße des Reittiers an. Eine solche Kreatur hat es niemals gegeben, ein solches Wesen existierte niemals aus Fleisch und Blut.

Gängige Interpretation: Die vier Köpfe – Engel/Mensch, Stier, Löwe, Adler – stehen für die vier biblischen Evangelisten  Matthäus, Lukas, Markus und Johannes.

Die vier Köpfe des Pferdes. Netz teilweise wegretuschiert.

Ich visiere das seltsame Reittier mit meiner Kamera – unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleobjektivs an. Es kommt mir so vor, als habe das mysteriöse Fabelwesen nicht vier, sondern fünf Beine. Der Kirchenführer »Der Dom zu Worms« (3) vermeldet: »Die Krönung des Portals ist eine in der Tat einzigartige Figur, denn es existieren offenbar keine ähnlichen Darstellungen. Eine Frau reitet auf einem Tier mit verschiedenen Köpfen und Füßen; die Köpfe und Füße beziehen sich auf die Symbole der Evangelisten, die Frauengestalt repräsentiert die Kirche.«

Während ich vor der Südseite des Doms auf und abgehe, immer wieder fotografiere, wächst auf dem Domvorplatz eine Menschengruppe an. Die Wormser, so hatte ich bislang den Eindruck, sind ein ruhiges, friedfertiges, fast ein wenig behäbiges Völkchen. Aber wehe, wenn man ihren Zorn erregt. Und die Wut der aufgebrachten Menschen scheint mir wirklich berechtigt zu sein! Soll doch direkt vor der Südseite des Wormser Doms ein »hohes Haus« errichtet werden, das den heute noch letzten freien Blick auf den Dom erheblich verstellen würde. Geradezu abstrus ist die Behauptung, durch den Neubau werde der letzte freie Blick auf den Dom nicht verstellt, vielmehr komme dadurch der Dom erst richtig zur Geltung. Einem solchen »Argument« kann ich nur mit Zynismus begegnen:

Warum reißt man nicht die Hälfte des Doms zu Worms ab? Auf diese Weise würde ein Bauplatz für ein Kaufhaus frei. Und der dann noch verbleibende Rest des Doms käme noch sehr viel besser zur Geltung! Der Verkauf der Bruchsteine könnte weltweit erfolgen und brächte ohne Zweifel schöne Einnahmen!

Offen gesagt: Mir ist unbegreiflich, wieso ausgerechnet die »Domgemeinde« selbst ihr »Gemeindehaus« direkt vor dem Dom hochziehen möchte. Es kommt mir wie der Kampf Davids gegen Goliath vor: Wormser Bürger kämpfen gegen… wen? Gegen die Kirche, die gegen den ausdrücklichen Wunsch vieler Wormser Kirchgänger direkt am Dom ein »Gemeindehaus« errichten möchte? Die Planung, so scheint es, ist schon weit fortgeschritten. Ist der Bau noch zu verhindern? Zu hoffen ist es! Mir drängt sich der Eindruck auf, dass man von oben ein Bauvorhaben so schnell wie möglich verwirklichen möchte, um die Gegner des Projekts vor vollendete Tatsachen zu stellen! Ich wünsche dem Verein »Freier Blick auf den Dom zu Worms Bürgerverein Dom-Umfeld e.V.« viel Erfolg (4).

Das Südportal. Foto: W-J.Langbein

Ich durchschreite das Südportal, halte mich links und betrete die »Nikolaus-Kapelle«. Sie wird von einem wuchtigen, von Löwen getragenen Taufstein dominiert. Er dürfte Ende des 15. Jahrhunderts entstanden sein und befand sich in der »Johannes-Kirche«, auch »Johannes-Kapelle«. Johannes der Täufer ist als Halbrelief in den Stein gemeißelt worden, sowie sieben Propheten des Alten Testaments. Im Halbdunkel erkenne ich den geheimnisvollen »Drei-Jungfrauen-Stein«, auch »Dreijungfernstein« genannt. Rudolf Pörtner hat sachlich auf den heidnisch-keltischen Hintergrund dieser Darstellung hingewiesen.

Der Tauftsein. Foto W-J.Langbein
Erstaunlich offen ist der Text im Führer »Der Dom zu Worms« (5): »Ihm (dem Taufstein) gegenüber an der Ostwand steht der sogenannte Drei-Jungfrauen-Stein… Der Inschrift nach handelt es sich um drei heilige Jungfrauen: Embede, Warbede und Willebede. Sie werden im ganzen Rheintal, aber auch im Hohenlohischen oder in Tirol verehrt. In Köln gelten sie als Gefährtinnen der Heiligen Ursula. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei ihnen ursprünglich um vorchristliche Gottheiten keltischen Ursprungs. Die Missionare versuchten häufig bei der Darstellung christlicher Normen und Werte auf bereits bertraute nichtchristliche Vorbilder zurückzugreifen, um sie der eingeborenen Bevölkerung umso plastischer begreiflich machen zu können. Möglicherweise wurden die drei Frauen auf diese Art zum Bestandteil der Verehrung durch die Bevölkerung.«

Der »Dreijungfernstein«. Foto Walter-Jörg Langbein

Vorsichtiger formuliert »Der Dom zu Worms/ Wegweiser und Deutung« (6): »Einzigartig ist der sogenannte Dreijungfrauenstein. .. Unter gotischer Architektur zeigt das Werk drei Jungfrauen mit Kronen, Palmen und Büchern, sowie oben und unten die Namen: Embede, Warbede, Willebede. Mancherlei Legenden umranken die Gestalten dieser drei Jungfrauen, über deren Herkunft und Bedeutung sich die Forschung nicht einig ist; vielleicht lassen sich die Ursprünge ihrer Verehrung in sehr frühe Zeiten zurückverfolgen.«

Erni Kutter lässt keinen Zweifel aufkommen (7): Die »drei Jungfrauen« gehen auf heidnische, sprich keltische Ursprünge zurück. Offensichtlich wurden sie in der Bevölkerung so verehrt, dass man ihren Kult trotz größter Anstrengung nicht verbieten konnte. Selbst Bischof Burchard, Erbauer des Doms zu Worms, gelang es nicht, die Anbetung und Verehrung der drei einstigen Göttinnen zu verhindern. Maßlos entsetzt wäre der Dombauer, würde er feststellen, dass in seinem Dom an zentraler Stelle die von ihm verteufelten »drei Jungfrauen« geehrt und geachtet, ja angebetet werden. Regelmäßig finden in ihrer Kapelle Gottesdienste statt.

Was für Bischof Burchard heidnisch war, umschreibt Erni Kutter anders (8). Demnach hat sich »in dieser Frauendreiheit … ein charakteristisches Merkmal aller frühen Göttinnen erhalten, nämlich ihre Jungfräulichkeit«.

Eine der drei Heiligen Jungfrauen... Willebede.


Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Nibelungen-Jugendherberge, Dechaneigasse 1, 
67547 Worms

2) Pörtner, Rudolf: »Mit dem Fahrstuhl in die 
Römerzeit/ Städte und Stätten deutscher Frühgeschichte«, Düsseldorf/ 
Wien o.J., S. 326 (13. Kapitel: »Stadt der Sonnenfrau« S. 324-343)

3) Englert, Siegfried: »Der Dom zu Worms«, Worms 1986, S. 35

4) http://www.kein-haus-am-dom.de/index.html

5) Englert, Siegfried: »Der Dom zu Worms«, Worms 1986, S. 32

6) Villinger, Carl J. H.: »Der Dom zu Worms/ Wegweiser und Deutung«, 
Worms 1981, S. 25

7) Kutter, Erni: »Der Kult der drei Jungfrauen«, München 1997

8) ebenda, S. 88 und 89


Die Jugendherberge direkt am Dom. Foto W-J.Langbein


 »Drei Heilige Frauen und eine Teufelin«,
Teil 239 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 17.08.2014




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