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Sonntag, 27. Januar 2019

471 »Die unendliche Geschichte der Religionen«

Teil 471 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott Krodo (Collage!)

Je mehr ich mich mit dem mysteriösen Gott Krodo beschäftige, desto mehr Fragen ergeben sich für mich. Die zentralen Frage schlechthin lauten: Gab es Krodo? Gab es nur einen Krodo oder viele? Und wenn Krodo keine fromme Fiktion war, wann wurde er erstmals verehrt und angebetet? Begeben wir uns auf eine Reise auf den Spuren von Krodo. Sie wird uns durch Raum und Zeit führen, zum Beispiel nach Goslar.

So schön der fast tausendjährige Krodo-Altar im Goslarer Museum am »Museumsufer« auch ist, es gibt keinen einzigen historischen Beleg dafür, dass er irgendetwas mit einem heidnischen Gott namens Krodo zu tun hat. Ein Gott Krodo, so wenden Skeptiker ein, taucht erstmals anno 1492 in der »Cronecken der Sassen« (Sachsenchronik) auf (1). Somit ist für viele Historiker der Sachverhalt klar: Krodo ist eine neuzeitliche Erfindung und wurde nicht in vorchristlichen Zeiten verehrt und angebetet. Er wird gern wissenschaftlich als »Pseudogott« bezeichnet. Auch die heidnische Göttin Ostara, auf die angeblich das christliche Osterfest zurückgeführt werden kann, soll so ein Pseudogott gewesen sein. Hat es also einen Gott Krodo in heidnischen Zeiten gar nicht gegeben?

Foto 2: Ostara, echt oder pseudo?

Die »Chronika Slavorum« (»Chronik der Slawen«) von Helmold von Bosau schildert die Zeit von Karl dem Großen bis 1168. Das Dokument gilt als die bedeutendste Schriftquelle Niederdeutschlands des 12. Jahrhunderts. Sie beschäftigt sich ausführlich mit der Glaubenswelt der Slaven und beschreibt einen »Rod« als höchsten Gott der Slawen. Offensichtlich war »Rod« für die Slawen der göttliche Herrscher des Universums. Und dieser „Rod« war auch als Hrodo, Chrodo und Krodo bekannt.

Besonders interessant sind Hinweise, die wir in » Die Wissenschaft des Slawischen Mythus …« (2) von Ignác Jan Hanuš (*1812; †1869) finden. Prof. Hanuš, Slawist und Philosoph, erkennt erstaunliche Zusammenhänge (3). So entspricht der slawische Gott Krodo dem Fisch-Mensch-Gott Oannes bei den Babyloniern.

Georg Friedrich Creuzer (*1771; †1858), ein renommierter deutscher Philologe, Orientalist und Mythenforscher, berichtet in seinem umfangreichen Werk auch über uralte Mythen aus dem Babylonischen.  Wir erfahren (3)  »wie der Gott Vischnu als Fisch die verlorenen Veda’s aus der Tiefe des Meeres wieder heraufgeholt und dadurch den Menschen aufs Neue das Gesetz offenbart habe.«  Die heiligen Veden sind vermutlich 1500 v.Chr., vielleicht auch schon früher, mündlich überliefert, später schriftlich fixiert worden.
Georg Friedrich Creuzer berichtet weiter (3):

Foto 3: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. (Collage!)

»Und im ersten Jahre sey aus dem rothen Meere an der babylonischen Küste ein ungeschlachtes Thier, namens Oannes heraufgestiegen, welches ganz und gar den Leib eines Fisches gehabt; jedoch habe es unter dem Fischkopfe noch einen anderen Kopf getragen und unten Füsse gleich denen der Menschen und eine menschliche Sprache; und dieses Thier habe am Tage im Umgang mit den Menschen gelebt, ohne jedoch Nahrung zu sich zu nehmen, und habe sie Schrift und Wissenschaften, Städte und Tempelbau, Gesetzgebung, Abmarkung der Gränzen und das Einsammeln der Früchte gelehrt.«

Der Mythologie aus dem Babylonischen nach war also Oannes einer der kosmischen Kulturbringer, die die Menschen in grauer Vorzeit in allen möglichen Wissenschaften unterrichteten und ihnen die Grundlagen der Zivilisation beibrachten. Seltsam mutet die Beschreibung von Oannes an, der aus heutiger Sicht so etwas wie einen Taucheranzug trug. So hatte er ja unter dem Fischkopf »noch einen anderen Kopf getragen«. Man könnte da an missverstandene Technologie denken! Weiter führt Prof. Hanuš aus (4): »Die Analogie zwischen Krodo und Wischnu wird noch auffallender, wenn Wischnu als Blumen und Rad tragend vorkommt.«

Foto 4
Oannes hat einen Fisch-Unterleib. Vischnu (auch Wischnu) trägt Blumen und Rad. Die Sachsenchronik zeigt Krodo auf einem Fisch stehend (Oannes!), Blumen (Vishnu!) in einem Eimer tragend und ein Rad (Vishnu!) in den Himmel haltend. Sollte auch für Götter gelten: Namen sind Schall und Rauch? Gibt es weltweit einige Gottheiten, die da und dort unter verschiedenen Namen bekannt sind?

Mögen sich Wissenschaftler in Sachen Krodo streiten, einen ganz bestimmten Krodo stört das überhaupt nicht. Der steht eisern auf seinem Fisch, stemmt sein Rad empor. Und hält seinen Rosenkübel. Er wankt und weicht nicht. Er rostet auch nicht, wurde er doch anno 2007 vom Kunsthandwerker Volker Schubert aus feinstem Edelstahl geschaffen und aufgestellt. Wer den überlebensgroßen Krodo besuchen möchte, der muss nach Bad Harzburg kommen. Man kann den »Großen Burgberg« zu Fuß bezwingen, man kann sich aber die Sache viel einfacher machen und die Burgbergseilbahn nutzen. Unweit der Bergstation ist es nicht weit zur Brücke, die anno 1902 erbaut wurde. Vor besagter Brücke steht die Krodo-Statue. Auf dem Burgberg, so heißt es, stand bereits Ende des 8. Jahrhunderts eine Krodo-Figur, die Karl der Große zerstören ließ. Wirklich?

Am 16. Dezember 2017 publizierte die »Goslarsche Zeitung« einen Artikel: »Forscher sagt: Krodo gab es nie«. Wirklich? Machen wir uns auf die Suche! Laut Bothes »Cronecken der sassen«  (5) hieß die einst stolze, heute nur noch als Ruine erhaltene Harzburg bei Harzburg ursprünglich »Saterburg«, zu Neudetsch Saturnburg. Dort habe sich, so heißt es in der Sachsenchronik,  ein »affgode na saturno« befunden, also ein »Abgott nach dem Saturn«. Es stand also, aus Bothes Sicht, ein Götzenbild des Saturn bei der Saturnburg. Die Sachsen hätten das heidnische Idol »Krodo« genannt. Caesar selbst, so Bothe, habe im Gebiet der Sachsen, sieben Heiligtümer für sieben Planetengötter erbauen lassen.

Foto 5: Oannes nach altem Relief (Collage!)

Und Karl der Große, der Heidenhasser, habe alle sieben Heiligtümer nach seinem Sieg über die Sachsen zerstören lassen, das Saturnheiligtum bei der Saturnburg und weitere sechs Planetenheiligtümer. Schon Prof. Ignác Jan Hanuš (6) bezeichnete die Gleichsetzung von Saturn mit Krodo als »etwas gezwungen«.

In der Tat: die Darstellung Krodos in der Sachsenchronik hat so gar nichts Saturnhaftes an sich. Saturn hält auf keiner einzigen Darstellung ein Rad in die Höhe. Er ist vielmehr mit einer Sense ausgestattet. In keiner bildlichen Darstellung hat Saturn etwas mit einem Fisch zu tun. Häufig wird Gott Saturn gezeigt, wie er gerade einem Kind den Kopf abbeißt. Warum? In der antiken Mythologie wird überliefert, Saturn sei geweissagt worden, eines seiner Kinder werde ihn vom hohen Thron stoßen. Um das zu verhindern habe er die Kleinen gefressen.

Bereits anno 1605 vertrat Richard Verstegen (7) eine interessante Theorie, die von einer Verwechselung ausgeht. Gott Seater. Auch Sater genannt, der mit Saturn verwechselt wurde, habe  bei den Sachsen in manchen Regionen auch Krodo geheißen. Geht also der ursprüngliche Name der Harzburg (Saterburg) nicht auf Saturn, sondern auf Sater zurück? War Krodo ein nur regional bekannter Name für Gott Sater (auch Seater) und stand doch bei der Harzburg einst eine Statue des Gottes Sater alias Seater alias Krodo?

Ich muss mich wiederholen: Je mehr ich mich mit dem mysteriösen Gott Krodo beschäftige, desto mehr Fragen ergeben sich. Mehr als unwahrscheinlich ist meiner Meinung nach, dass Krodo erst anno 1492 von Conrad Bothe für seine Sachsenchronik erfunden wurde. Folgt man den Spuren Krodos, so führen sie einen in ferne Welten und ferne Zeiten.

Schon während meines Studiums der evangelischen Theologie beschäftigte ich mich mit der Frage, ob denn der biblische Schöpfergott Jahwe und der Messias Voränger in »heidnischen« Zeiten hatten. Das wurde speziell im Fachbereich »Neues Testament« heftig bestritten. Das Christentum hatte etwas vollkommen Neues zu sein und durfte keine Vorgänger in den »Kulten der Heiden« haben. Leider wurden von den Vertretern des frühen Christentums heidnische Konkurrenten alles andere als geliebt. Ihre Überlieferungen wurden bekämpft, ihr Schrifttum (so überhaupt verhanden) wurde vernichtet. So existierten die Werke der Konkurrenzreligion »Gnosis« lange Zeit nur in »Zitaten« in christlichen Werken, in denen die »Gnostiker« alles andere als fair behandelt wurden.

Foto 6: Gott Rod.

Wir finden Gott Rod in der magischen Welt der slawischen Mythologie. Er ist so etwas wie ein Urgott, ein Schöpfergott, der einst Götter und Menschen hervorgebracht hat. Vermutlich war er einst in der Hierarchie der Himmlischen der Höchste, der Mächtigste. Dažbog wurde als Sohn des Svarog verehrt. Svarog galt als Schöpfer allen Lebens und als Gott des Lichts. Er schmiedete mit den himmlischen Sonnenflammen magische Gegenstände und fürchterliche Waffen. Dažbog alias Svarožić war als Sohn des Schöpfergottes »Spender des Guten«.

Es scheint so, als ob Rod alias Krodo über weite Zeiträume existent war, nur sein Name änderte sich dann und wann. Letztlich wurde so manchem slawischen »Heiden«, der eigentlich nicht von seinem alten Glauben lassen wollte, der Wechsel zum Christentum erleichtert: Statt des Schöpfergottes Rod durfte, nein musste dem Schöpfergott des Alten Testaments Jahwe (alias Jehova alias der HERR) gehuldigt werden. Es gab das alte heidnische Gespann »Dažbog und Sohn Svarog«. Das christliche Pendant dazu war das Du »Gottvater und Sohn Jesus«.

Interessant ist: die christliche Dreifaltigkeitslehre findet sich weder im Alten, noch im Neuen Testament. Die christliche Erfindung der Trinität gab es aber in der Mythologie der Slawen: Perun, Dažbog alias Svarožić und Veles.  Perun war als Donnergott gefürchtet. Wenn er zornig wurde, griff er zu seiner gewaltigen Axt. Veles war eine Art Unterweltgott. Er beschützte die Toten, sorgte aber auch für das Vieh und Fruchtbarkeit. Eine solche Dreiteilung in der Götterwelt gab es bereits bei den Indogermanen, deren Wurzeln womöglich bis ins dritte oder vierte vorchristliche Jahrtausend zurückreichen.

Religiöse Glaubenswelten sind einerseits stetigem Wandel unterworfen.  Andererseits gibt es offensichtlich seit Jahrtausenden Glaubensbilder, die fortbestehen, weil sie immer wieder übernommen und in neue Glaubenslehren eingebaut werden. Da macht das Christentum keine Ausnahme!

Das ist die unendliche Geschichte der Religionen und ihrer Glaubenswelten. Sie wurde bis heute nicht erzählt.

Foto 7: Krodo (Collage!)


Fußnoten

(1) Der Verfasser der Sachsenchronik kann nicht eindeutig identifiziert werden. Vermutlich war es Cord oder Hermann Bote.
(2) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(3) Creuzer, Georg Friedrich: »Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen«, Verlag Carl Wilhelm Leske, Band 1, Leipzig und Darmstadt 1936, Seite 59 unten und Seite 60 oben (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(4) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842, Seite 116 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(5) Sachsenchronik
(6) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842, Seite 115 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
Foto 8
(7) Verstegen, Richard: »A Restitution of Decayed Intelligence in Antiquities«, Antwerpen 1605, S: 77, zitiert nach Fugger, Dominik: »Krodo/ Eine Göttergeschichte«, »Wolfenbütteler Heft 35«, Wiesbaden 2017, S. 19

Zu den Fotos
Foto 1: Krodo-Statue, Bad Harzburg. Das Originalfoto  stammt von wikimedia commons/ Kassandro. Achtung: Hier sehen Sie eine Collage, angefertigt von Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ostara, echt oder pseudo? Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Krodo-Statue, Bad Harzburg,  Foto wikimedia commons/ Kassandro.
Foto 5: Oannes nach altem Relief. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Gott Rod. Foto wikimedia commons/ Ranodna Pravda Ycco 
Foto 7: Krodo-Statue, Bad Harzburg,  Foto wikimedia commons/ Kassandro. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein   
Foto 8: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Zeichnungen nach antiken Originalen wurden gespiegelt (teils horizontal, teils vertikal. Zudem wurden die Zeichnungen gelb eingefärbt.) Ansonsten sind entsprechen die Zeichnungen sehr genau den Originalen. Dabei handelt es sich um Steinreliefs, die mythologisch-religiöse Wesen zeigen.


472 »Verbotene Artefakte«,
Teil 472 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03. Februar 2019


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Sonntag, 20. Januar 2019

470 »Mordgemetzel im Dom zu Goslar«

Teil 470 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Domvorhalle, Goslar
Ich war auf der Rückreise von einer Geburtstagsfeier. Spät am Abend startete »mein« Nahverkehrszug Richtung Heimat. Er hielt unzählige Male. Ich nickte immer wieder ein und wurde immer wieder wach. Wieder einmal kam »mein« Zug rumpelnd zum Stillstand. »Goslar, Goslar!«, wurde energisch ausgerufen. »Bitte zügig aussteigen!« Goslar? War da nicht etwas mit einem Dom? Kurz entschlossen stand ich auf, griff nach meinem Koffer und stieg aus. »Türen schließen!«, erklang die Stimme eines ungeduldigen Schaffners. Ich stand am Gleis, »mein Zug« fuhr weiter. Ob er die Verspätung wieder aufholen würde?

Am menschenleeren Bahnhofsvorplatz erwischte ich mit Mühe ein Taxi, das gerade in der Nacht verschwinden wollte. »Zum Dom!« instruierte ich den etwas verärgerten Fahrer. »Wollte gerade Feierabend machen!«, brummte er gähnend. Dann wiederholte er meine Worte, fast hämisch lachend. »Zum Dom? Der ist weg!« Seine Antwort irritierte mich doch stark. Nach einer kurzen Kunstpause fügte er hinzu: »Ich fahre Sie aber trotzdem hin!« Los ging’s.

Mir wurde eine erstaunliche Wegstrecke zuteil, den direkten Weg zum »Dom« schlug der geschäftstüchtige Fahrer nicht ein. Vom Bahnhof wurde ich auf die »82« chauffiert, sprich Goslar wurde weiträumig umfahren. Erst als die letzten Häuser von Goslar auftauchten, ging’s wieder Richtung Innenstadt. Die Titanen waren Riesen in Menschengestalt. Sie waren damals mächtige Götter, stolze Nachkommen der Göttin Gaia und des Uranos. Unter ihrem Anführer Kronos kämpften die göttlichen Riesen mit Zeus und einigen seiner Geschwister. Das geschah in der »Goldenen Ära«, lange bevor es Menschen gab. Im Epos »Titanomachia«, verfasst von Thamyris, wird wohl dieser Götterkrieg ausführlich beschrieben. Das Werk ging aber verloren. Vorbei an der »Kaiserpfalz« gelangten wir endlich auf den »Domplatz« und von da zur »Domvorhalle«.

Langweilig wurde mir freilich während der Fahrt nicht. Der Taxifahrer arbeitete an Wochenenden in einem Altenheim, studierte »nebenher« Philosophie und Journalismus und agierte an einer Laienbühne. Schauspielerisch war er ohne Zweifel recht begabt. Auf sehr eindrucksvolle, manchmal geradezu kinskihafte Weise (1) schilderte er mir in drastischen Worten das »Mordgemetzel im Dom zu Goslar«. Sam Peckinpah war leider nicht zugegen, sonst hätte ihn des Taxifahrers plastische Beschreibung des historischen Geschehens gewiss zu einem blutrünstigen Filmepos angeregt. Tote jedenfalls gab es genug.

Foto 2: Der Dom zu Worms
Das blutige Fest erinnert stark an das berühmte Nibelungenlied, an den Streit der edlen Damen vor dem Dom zu Worms und das grausame Ende im Rittersaal führt. Auch hier wird gestorben, weil man sich nicht darauf einigen konnte, wer im Rang höher steht. Meisterlich gestaltete »mein« Taxifahrer während der einsamen Fahrt durch die Nacht ein Hörspiel, in dessen Zentrum abgeschlagene Köpfe und andere Körperteile standen. Gestenreich unterstrich der Mime am Lenkrad die dramatischten Momente.

Doch zu den historischen Fakten: Weihnachten 1062 reiste Kaiser Heinrich IV. zu den Feierlichkeiten in seinem Geburtsort Goslar. Geladen waren der Bischof von Hildesheim und der Forstabt von Fulda. Wer würde auf welchem Platz im Dom sitzen? Wer hatte den höheren Rang? Vor allem: Wer durfte direkt neben dem Erzbischof von Mainz sitzen? Am Tag vor der Weihnachtsfeier sollte im Dom die Sitzordnung festgelegt werden. Im Dom kam es zwischen den Vertretern beider Parteien zunächst zu verbalen Auseinandersetzungen, die schnell zu Geschrei und Prügelei ausarteten. Herzog »Otto von Bayern« schlichtete. Am 17. Juni 1063, am Samstag vor Pfingsten, traf man sich wieder im Dom zu Goslar. Auf Wortgefechte verzichtete man weitestgehend, die Vertreter der Geistlichkeit schlugen mit Fäusten aufeinander ein und griffen beherzt zu den Waffen. Die Fuldaer attackierten die Hildesheimer mit brutaler Gewalt. Während die Domherren frommes Liedgut sangen, wurde im Dom gemetzelt. Der Kaiser , Heinrich IV, mahnte und befahl ein Ende des Tötens, aber niemand hörte auf ihn. Der hohe Herr floh in seinen Palast. Der Bischof von Hildesheim forderte die Seinen von der Kanzel herab lautstark dazu auf, Tapferkeit zu zeigen. Als Sieger gingen schließlich nach halbtägigem Morden die Hildesheimer hervor.

Der Sage nach sollen so viele Kämpfer schwer verletzt oder zu Tode gebracht worden sein, dass ihr Blut in Strömen zum Hauptportal hinaus auf den Domvorplatz floss. Das dürfte reichlich übertrieben sein. Wie viele Menschen tatsächlich nach der Schlacht im Dom tot aus dem Gotteshaus getragen wurden, das lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Mehrere Tote hat es wohl gegeben, auch mehrere Verletzte. Es muss sehr grausam zugegangen sein, denn in der Überlieferung wird der Teufel bemüht, der angeblich damals beim Stechen und Hauen zugegen war. Der Teufel, so die Sage, begnügte sich nicht mit schadenfrohem Zuschauen. Er stand den irdischen Kämpfern in nichts nach.

Foto 3: Gemetzel im Dom von Goslar

Satanas, so heißt es, sei begeistert gewesen ob der vielen Seelen, die er sich aus dem Dom holen konnte. Als der Höllenfürst freilich das Gotteshaus wieder verlassen wollte, gab es für ihn ein Problem. Durch den verbarrikadierten Ausgang konnte selbst der Teufel nicht entschwinden. Die Sage überliefert (2): Er (der Teufel) schlug wacker mit drein, und als der Sieg entschieden war, schwang er sich sichtbar empor, fuhr durch ein Loch des Kirchengewölbes in die Höhe.« Ein großes Loch sei entstand und habe sich viele Jahre nicht wieder schließen lassen. Erst nach diversen vergeblichen Versuchen verzweifelter Maurer konnte man nach längerer Zeit das »Teufelsloch« bis auf einen schmalen Spalt verschwinden lassen. Wie war das möglich? Es wurde, so die gruslige Überlieferung, eine schwarze Katze mit eingemauert. Außerdem kam eine Bibel als »Verschlussstein« zum Einsatz. Die Bibel sei noch viele Jahre zu sehen gewesen. Offensichtlich traute man einer Bibel geradezu magische Wirkung zu.

Zu den Fakten: Mitte des 11. Jahrhunderts wurde in Goslar die »Stiftskirche St. Simon und Judas« errichtet. Die Weihe nahm Erzbischof Hermann von Köln am 2. Juli 1051 vor. Die heute noch als kärglicher Rest des einst so stolzen Gotteshauses erhaltene nördliche Vorhalle wurde erst um das Jahr 1200 angebaut. 1819 bis 1822 wurde der Dom fast vollständig abgerissen. Erhalten blieb lediglich die Vorhalle, die es zu Zeit der »Teufelsschlacht« noch nicht gab.

Foto 4: Stechen und Hauen im Gotteshaus

Endlich war ich am Ziel angekommen, beim Dom der, so der Taxifahrer, »weg« war. Es war kalt, stockdunkel und begann auch noch zu regnen. Mein Taxifahrer deutete fast triumphierend auf die Domvorhalle. »Vom eigentlichen Dombau ist nichts mehr erhalten. Der alte Dom ist weg. Was Sie hier sehen, das ist ein, jüngerer Anbau. Man hat ihn zu Beginn des 19. Jahrhunderts stehenlassen, weil er angeblich die wertvollsten Schätze des Doms beherbergte.«

Da stand ich also im Regen, hastete auf zwei mit Eisengittern versperrte schmale Tore zu. Viel zu sehen war nicht. Über den Torbögen machte ich zwei Reihen von Nischen aus, die scheinbar steinerne Plastiken enthielten. »Die stehen,«, dachte ich »anders als ich, im Trockenen!« Bei näherem Hinsehen, ich war inzwischen völlig durchnässt, erkannte ich, dass es sich lediglich um insgesamt sechs Reliefs und zwei gemalte Bildnisse handelte. In der oberen Reihe identifizierte ich ohne Mühe in der Mitte Maria mit dem Jesusbaby. Rechts und links von ihr flankierten zwei gemalte Engel die Gottesmutter.

Foto 5: Der Krodoaltar im Dom
Näheres erklärt wikipedia (3): »Darunter in der Mitte der Apostel Matthias, der seit der Überführung von Reliquien aus Trier jahrhundertelang als Stadtpatron Goslars verehrt wurde und auf den Münzen der Stadt abgebildet war; zu seinen Seiten die Kirchenpatrone Simon und Judas; außen zwei Kaiser, von denen der linke, der ein Kirchenmodell trägt, als Heinrich III. identifiziert werden kann, während die Identität des rechten, der ein profanes Bauwerk hält, unsicher ist.«

Ich spähte durch die Eisenstangen der eisernen Gitter der beiden Portale hindurch, konnte aber nichts erkennen.

»Mein« Taxifahrer wartete noch, wurde aber langsam ungeduldig. »Wollen Sie hier bleiben? Wenn sie noch länger im Regen stehen möchten, nur zu. In mein Taxi lasse ich Sie dann aber nicht mehr einsteigen. Sie versauen mir ja sonst nur die Polster.« Ich folgte dem Wink mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl und ließ mich zum Bahnhof zurückbringen. Die Rückfahrt erfolgte auf direktem, also viel kürzeren Weg. Am Bahnhof angekommen hatte ich Glück. Nur wenige Minuten später konnte ich meine Fahrt fortsetzen. Zuhause stellte sich eine deftige Erkältung ein, die ich mit Unterstützung meiner Frau schon nach einer Woche bezwungen hatte.

Zuhause recherchierte ich weiter. Im Dom zu Goslar, so las ich immer wieder, wurde einst der Altar von Krodo (alias Crodo) aufbewahrt. Der Krodo-Altar sieht erstaunlich modern aus, wurde aber ohne Zweifel bereits im späten elften Jahrhundert ausschließlich aus Bronze angefertigt. Er soll der einzige erhaltene metallene Kirchenaltar der Romanik sein. Von innen ließ sich der metallene Kubus mit symmetrisch angebrachten runden Löchern beleuchten.

Foto 6: Der Krodoaltar im Museum
Getragen wird der schlichte Metallkasten von vier mysteriösen Gestalten an den Ecken. Bei den vier knienden Figuren könnte es sich um recht muskulöse Atlanten handeln. Mag sein, dass sie ursprünglich je einen Erdglobus trugen. Die Muskelprotze stammen offensichtlich aus dem Reich der griechisch-römischen Mythologie. Die Titanen waren Riesen in Menschengestalt. Sie waren damals mächtige Götter, stolze Nachkommen der Göttin Gaia und des Uranos. Unter ihrem Anführer Kronos kämpften die göttlichen Riesen mit Zeus und einigen seiner Geschwister. Das geschah in der »Goldenen Ära«, lange bevor es Menschen gab. Im Epos »Titanomachia«, verfasst von Thamyris, wird wohl dieser Götterkrieg ausführlich beschrieben. Das Werk ging aber verloren.

Der »Krodo-Altar« wurde irgendwann, spätestens beim Abbruch der Stiftskirche, entfernt. Heute befindet er sich im Goslaer Museum am »Museumsufer« (4).


Foto 7: Ohne Worte
Fußnoten
(1) Klaus Kinski (*1926; †1991)
(2) http://www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/allgemein/gottschalck/teufelsschlacht.html (Stand 5.12.2018)
(3) Wikipedia-Artikel »Goslaer Dom« (Stand 5.12.2018)
(4) Goslaer Museum, An der Abzucht, Königstraße 1, 38640 Goslar, Tel. 05321 43394, E-Mail goslarer-museum@goslar.de (Stand 5.12.2018)

Zu den Fotos
Foto 1: Domvorhalle, Goslar. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Der Dom zu Worms. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Gemetzel im Dom von Goslar. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Stechen und Hauen im Gotteshaus (Ausschnitt von Foto 3).
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Krodoaltar im Dom.
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Krodoaltar im Museum. Foto wikimedia commons Rabanus Flavus
Foto 7: Ohne Worte. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

471 »Die unendliche Geschichte der Religionen«,
Teil 471 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27. Januar 2019



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Sonntag, 30. Dezember 2018

467 »Der mysteriöse Jodutenstein, Gott Mars und die Mutter der Kälte«


Teil 467 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Bartholomäuskapelle
Sorgfältig befestigen einige Männer ein seltsames Bildnis an einer hohen Stange. Sie stellen die Stange auf, wie einen Mast. Hoch oben: ein Idol, so etwas wie ein Gott, vielleicht furchteinflößend. Und dann bewerfen die Menschen das mysteriöse Ding hoch auf dem Mast, immer wieder. So eine Szene könnte in einem Science-Fiction-Film zu sehen sein. Thema: Kurioser Kult auf einem fremden Planeten. Tatsache ist aber: Szenen wie die beschriebene haben sich auf Planet Erde abgespielt: im Hof eines altehrwürdigen Doms.

Nordöstlich der Bartholomäuskapelle, wenige Schritte vom Dom zu Paderborn entfernt, suchten Archäologen nach Hinweisen auf Vorgängerbauten. Das kleine Gotteshaus mit einer hervorragenden Akustik wurde um das Jahr 1017 (nur wenige Meter vom mächtigen Dom entfernt) errichtet. Warum ausgerechnet das sumpfige Quellgebiet der Pader als Baugrund gewählt wurde? Eine Erklärung: Das Gebiet galt schon bei den »Heiden« als heilig. Wo einst vielleicht eine Quellengöttin verehrt wurde, entstanden Dom und Kapelle.

Vermutlich existierte bereits vor der steinernen Bartholomäuskapelle ein hinfälligeres Kapellchen, womöglich vorwiegend aus Holz gebaut. Es brannte offenbar ab. Im Brandschutt fanden sich Reste einer mysteriösen Inschrift. Die Tafel war stark beschädigt, aber der Text, der einst auf dieser Tafel verewigt worden war, konnte mehr oder minder rekonstruiert werden: Karl der Große rühmte sich, einen »Drachen« besiegt zu haben. Wir dürfen annehmen, dass damit ein heidnischer Kult gemeint war, dessen Heiligtum einst vor dem Bau des Doms Gläubige in die Gefilde der Quellen von Paderborn lockte.

Foto 2: Karl der Große
Karl der Große war ja bekanntlich ein militanter Verfechter des Christentums, der heidnische Kultstätten zerstören ließ. Wem wurde im heidnischen Drachenheiligtum gehuldigt? Welche Göttin oder welcher Gott wurde verehrt? Wer im altehrwürdigen Domen nach Drachen sucht, wird fündig: zum Beispiel am den Kirchenbänken in der Krypta, die die Gläubigen zu Andacht und stillem Gebet laden.

Heftigste Widersache Karls des Großen waren die heidnischen Sachsen, die recht widerspenstig waren und so gar nicht den christlichen Glauben annehmen mochten. Fromme Predigten waren offenbar nicht überzeugend genug. Lange nach Karl, genannt »der Große« (*wahrscheinlich 747 oder 748), fand am 11. Februar 1115 auf dem Lerchenfeld im Welfesholz (1) eine Schlacht statt: Feldmarschall Hoyer erlitt für Kaiser Heinrich V. eine Niederlage. Siegreich endete das blutige Gemetzel für das Heer, angeführt vorwiegend von sächsischen Fürsten wie Herzog Lothar von Süpplingenburg und Bischof Reinhard von Blankenburg.

Stolz errichteten die siegreichen Sachsen ein Denkmal. Wir wissen nicht wirklich, wie es ausgesehen hat. Angeblich soll auf einer Säule die Statue eines sächsischen Ritters in voller Rüstung gestanden haben. Angeblich trug der Ritter in seiner linken Hand einen Schild mit dem sächsischen Wappen und in der rechten Hand einen mächtigen Morgenstern. Mit diesem furchteinflößenden Mordwerkzeug soll er so manchen Sachsen niedergestreckt haben. So zumindest überliefert es die »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen«. In Band 1 dieses faszinierenden Werkes, »gesammelt und herausgegeben von Dr. Johann Georg Theodor Gräße«, anno 1855 im »Verlag von Schönfelds Buchhandlung« zu Dresden erschienen, finden wir einen kurzen Bericht (2) »Vom Abgott Jodute«.

Warum die Siegessäule Jodute genannt wurde? Wie dieser Name entstand, das ist bis heute umstritten. Eine Erklärung: Die kriegerischen Sachsen sollen vor einer Schlacht ihre Streitgefährten mit einem Schrei aufgefordert haben, gemeinsam gegen einen Feind ins Feld zu ziehen. Sie sollen »tiod-ute!«, »Zu den Waffen!«,  gebrüllt haben. Aus diesem »tiod-ute!« habe sich der Name »Jodute« entwickelt.

Foto 3: Stolz wie Hermann

»Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen« wiederum bietet eine ganz andere Erklärung (3)! Das Denkmal sei »Signum adjutorii« genannt worden, was zu Deutsch »Zeichen göttlicher Hilfe« heiße. Aus dem Lateinischen »adjutorii« hätten die Bauern »Jodutte« oder »Gedutte« gemacht, einfach weil sie das Lateinische nicht korrekt sprechen konnten. »Die Bauern beteten es an und meinten, dass sie durch die Hilfe von S(ankt). Jodutten den Streit gewonnen hätten.« Ich kann mir nicht vorstellen, dass selbst simpelste Gemüter ein Kriegerdenkmal für die Darstellung eines Gottes hielten. Das berühmte Hermannsdenkmal bei Detmold zeigt keinen Gott, sondern einen legendären Krieger.

Schlichte Touristen mögen heute glauben, dass »der Hermann« pünktlich um 12 Uhr das Schwert von einer Hand in die andere gibt, nicht aber, dass der eiserne Hermann (Foto 3) ein Gott sein soll. Meiner Meinung ist die lateinische Erklärung nicht sehr überzeugend. Vielmehr glaube ich, dass es einst eine Gottheit namens Jodutte gab, für die zum Dank ein Denkmal errichtet wurde. Wie dem auch sei: Noch Ende des 13. Jahrhunderts sollen unzählige Menschen zu  »Jodute« geströmt sein, so wie heute an sonnigen Sommertagen zum »Hermanns-Denkmal« im Teutoburger Wald.

Foto 4: Einer der Drachen im Dom zu Paderborn

Der Ort, wo der  Jodute stand, wurde bald zur Wallfahrtsstätte. Es muss sich bald ein solcher Rummel um das Monument entwickelt haben, dass sich Kaiser Rudolf von Habsburg empörte. Ihm war das Denkmal ein großes Ärgernis, erinnerte es doch an eine empfindliche Niederlage der Kaiserlichen und wohl auch an das Weiterleben des Heidentums nach der Christianisierung. Anno 1289 ließ er den (die?) Jodute entfernen. Sie wurde ins Kloster Wiederstedt geschafft. An ihrem alten Standort wurde eine Kapelle errichtet. In dieser Kapelle wiederum wurde bald ein »Bildstock« aufgestellt, der der »Jodute« recht ähnlich gesehen haben soll. Vielleicht war es gar die Originaljodute selbst?

Meiner Meinung nach kann es sich bei der Figur, die einst auf der Siegessäule stand, nicht um die profane Darstellung eines Kriegers in Rüstung gehandelt haben. Die Bevölkerung jedenfalls glaubte, dass die Jodute über wundersame Kräfte verfügte. Kranke und gesunde Wallfahrer strömten herbei um dem Bildstock ihre Reverenz zu erweisen. Sie begnügten sich freilich nicht, die Jodute zu verehren oder vielleicht zur Jodute zu beten. Die Wallfahrer versuchten, zumindest einen Splitter der Jodute als eine Art Reliquie mit nach Hause zu nehmen. So wurde die mysteriöse Darstellung stark beschädigt, sie schwand nach und nach dahin. Restauriert wurde das kleine Heiligtum offenbar nicht. Anno 1570 schließlich entfernte man den »Bildstock« aus der Kapelle.

Foto 5: Und noch ein Drache im Dom (unweit der Krypta!)

Hinweise auf heidnische Drachen (Fotos 3, 4 und 5!) gibt es auch heute noch in der Krypta des Doms zu Paderborn. Spurlos verschwunden allerdings ist die Jodute von Paderborn. Von ihr will man offenbar in Kirchenkreisen heute überhaupt nichts mehr wissen.

Foto 6: Geschnitzte Drachen im Kampf (Dom zu Paderborn)

Zurück zur eingangs beschriebenen Szene! Jacob Grimm, der geradezu pedantische Erforscher deutscher Mythologie, berichtet von einem heute seltsam anmutenden Brauch, der im Domhof zu Paderborn zelebriert worden sein soll (4): »Im domhof zu Paderborn, da wo den (sic!) götze Jodute soll gestanden haben, wurde bis ins 16. Jahrhundert der tag dominica laetare etwas einem bilde gleich auf eine stange gesteckt, und von den vornehmsten des landes darnach mit prügeln geworfen, bis er nieder zur Erde fiel.« Jacob Grimm schreibt weiter (5): »War das bild abgeworfen, so trieben die kinder spott und spiel damit, und die adlichen feierten ein gastmal.«

Am 4. Fastensonntag wurde also im Domhof zu Paderborn »Götze Jodute« auf eine Stange gesteckt und mit »Prügeln« beworfen, und zwar so lang, bis das einst verehrte Idol zu Boden fiel. Der erste Wurf war der vornehmsten Familie vorbehalten, die dieses Privileg als große Ehre ansah. Lag Bode – vielleicht zertrümmert – am Boden, bedeutete das noch nicht das Ende der Schmähungen. Jetzt durften die Kinder mit der Figur spielen. Warum? Eine Vermutung liegt, meine ich, nahe: Noch im 15 und 16. Jahrhundert hatte »Götze Jodute« in Paderborn Anhänger. Für diese »Heiden« hatte so eine Götterfigur magische Kräfte. Ihnen sollte der Sieg über »Jodute« vor Augen geführt werden. Diesen Heiden sollte die Machtlosigkeit von »Jodute« vor Augen geführt werden, indem das einstige Idol verächtlich behandelt wurde. Nicht überliefert ist, wie erfolgreich auf diese Weise Noch-Heiden zum Christentum geführt wurden.

Foto 7: Gott Krodo
Karl, genannt »der Große« (*wahrscheinlich 747 oder 748) war es offensichtlich nicht gelungen, den Glauben an »Götze Jodute« auszulöschen. War er im Kampf gegen andere Gottheiten erfolgreicher? Dr. Johann Georg Theodor Gräße trug in seinem Werk »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen« eine Fülle von Hinweisen in Sachen heidnische Gottheiten zusammen. Im sächsischen »Marsburg«, so Dr. Gräße, verehrten die Sachsen Gott Mars. Der Gott hieß bei den Sachsen »Armesule«. Ein »Armesule« habe sich auch in Corvey befunden. Eine lateinische Inschrift erklärte: »In Vorzeiten bin ich der Sachsen Gott gewesen, mich hat angebetet das Volk Martis, welches pfleget die Spitze zu führen.« Offenbar handelte es sich um den führenden Stamm der Sachsen, der das Idol anbetete. Karl der Große hat es vernichtet.

Im Harz, zwischen Blocksberg und der Stadt Goslar, genoss der »Abgott Krodo« hohes Ansehen bei den Sachsen. Einer seiner Beinamen lautete »Mutter der Kälte«. Das lässt vermuten, dass Krodo ursprünglich eine heidnische Göttin war. Wie sonst wäre der Beiname »Mutter« zu erklären. Zu seiner Empörung bezeichneten die Sachsen Krodo als »Gott«, für Karl V. war er der »Krodo-Teufel«. Konsequenz: Nach Dr. Gräße hat Karl der Große auch Krodos Denkmal zerstören lassen.


Foto 8: Sehr lesenswert!
Literaturempfehlungen:

Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel 2002 (»Der Götze Krodo in Harzburg«, S.91-95)

Vogler, Mike: »Hexen, Teufel und Germanen/ Teufelsglaube und Hexenwahn als Folge der Christianisierung/ Beispielhaft verdeutlicht am altsächsischen Gott Krodo«, Leipzig 2012


Fußnoten
(1) Stadt Gerbstedt im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt
(2) Gräße, Dr. Johann Georg Theodor: »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen«, Dresden 1855, Seiten 27 und 28
(3) ebenda, Seite 28
(4) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und
     Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
     Berlin 1875-78, Band 3, Seite 7, Zeilen 10-14 von unten
(5) ebenda, Zeilen 6 und 7 von unten

Foto 9: Geschnitzte Drachen...
Zu den Fotos
Foto1: Die Bartholomäuskapelle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Karl der Große (Dürer). Foto gemeinfrei.
Foto 3: Stolz wie Hermann/ Das Hermannsdenkmal. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 4: Einer der Drachen im Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Und noch ein Drache im Dom (unweit der Krypta!). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Geschnitzte Drachen im Kampf (Dom zu Paderborn). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gott Krodo. Stilisierte, symbolische Darstellung. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Sehr lesenswert! Foto Verlag
Foto 9: Ein Besuch des Doms zu Paderborn lohnt sich! Foto Walter-Jörg Langbein

468 »Der Gott mit dem Fisch«,
Teil 468 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06. Januar 2019




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