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Sonntag, 24. März 2019

479 »Statuen, Sterne und Planeten«

Teil 479 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Im Westen der Osterinsel stehen sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi«. Sie blicken gen Westen, wo einst das »Atlantis der Südsee« n einer Apokalypse versank. Die sieben Moai repräsentieren die sieben Seefahrer, die im Auftrag ihres Königs die Osterinsel suchten und fanden. »ahu akivi« ist somit eine der wichtigsten Stätten der Osterinsel. Und genau hier kam es zu einer sensationellen Entdeckung!

Foto 1: Sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi« (Foto: Ingeborg Diekmann)

Mit magnetometrischen Verfahren kann man ein wenig Superman nacheifern. Man kann sich zwar nicht in die Lüfte erheben, wohl aber ein wenig mit »Röntgenblick« Unterirdisches entdecken, was sich unter der Erdoberfläche befindet. Das geht so: Man misst rund 30 Zentimeter über dem Boden Mit einem Magnetometer wird das Erdmagnetfeld gemessen. Ein unterirdischer Raum, zum Beispiel eine Grabkammer, beeinflusst das Erdmagnetfeld. Man  erkennt Abweichungen und kann so Rückschlüsse ziehen. Selbst zugeschüttete Hohlräume sind noch eindeutig zu erkennen, ohne dass man graben muss.

Dr. Jörg Fassbinder, Lehrbeauftragter für »Archäometrie und Allgemeine und Angewandte Geophysik« im »Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege«, nutzte auf der Osterinsel dieses Erfahren. Er nahm das Umfeld von »Ahu Akivi« unter die Lupe. Und siehe da: Mit seinem  Magnetfeldmessgerät, entdeckte er Sensationelles. Laut Zeitschrift »GEO« äußerte sich Dr. Jörg Fassbinder wie folgt (1):

»In einem Umkreis von 60 Metern gruppieren sich unterirdische Bauten um den Ahu – sind es Grabkammern? Oder die Reste einer gigantischen Arena, die einst auf die Statuen ausgerichtet war? Ich bin Geophysiker, kein Archäologe. Aber meine Bilder zeigen den Kollegen, wo sie graben müssen. Fest steht, ich werde im nächsten Jahr wiederkommen. und dann hoffentlich viele weitere Kultstätten durchleuchten können.«

Foto 2: Wo sind die »Grabkammern«? (Foto: Ingeborg Diekmann)

Vergeblich suchte ich nach Hinweisen auf Ausgrabungen, die klären würden, ob sich im Erdreich unweit des »Ahu Akivi« mit den in Stein verewigten »7 Kundschaftern« tatsächlich Grabkammern befinden. Oder wurden da Schätze verborgen, die  Fremde nicht finden sollten? Ich denke da weniger an Gold und Silber als an verschollene Holztafeln mit den bis heute nicht entzifferten Schriftzeichen. Wer hat diese Schrift entwickelt? Und wo?

In der Osterinselmythologie taucht immer so etwas wie ein Gründermythos auf. Die Urgeschichte der Osterinsel (2) »beginnt in einem großen Königreich, das vor langer Zeit im Pazifik blühte«. Nach der örtlichen Legende war da einst ein Land, »das Land, bekannt als Hiva, ein Land der Tempel, der weit reichenden Straßen, der hohen Steintore,  der zyklopischen Bauwerke,  der weit ausladenden Zeremonialplätze«. Dieses legendäre Land, in anderen Überlieferungen heißt es Groß Maori, wird im Mythos als ein »Land des Überflusses« beschrieben.

Foto 3: Sprechende Hölzer...
In jenem Reich, das in einer Apokalypse im Pazifik versank, wurde ein Schatz des Wissens gehütet, eine (3) »Bibliothek, bestehend aus 67 Tafeln, eingehüllt in aus Baumrinde gewonnenem Tuch. Aus welchem Material diese Tafeln bestanden, das erfahren wir nicht. Der sagenhaften Überlieferung nach entstand die Osterinselschrift nicht auf der Osterinsel selbst. Fast so bekannt wie die steinernen Statuen sind die »sprechenden Hölzer«. Heute sind noch  26 »Rongorongo-Holztafeln« (4) bekannt, bedeckt mit Schriftzeichen, die mit Haifischzähnen eingeritzt wurden.

Ich frage mich: Handelt es sich bei den »sprechenden Hölzern« um Teile der geheimnisvollen Bibliothek, die vom Atlantis der Südsee mitgebracht wurde? Ich glaube nicht! Die größte bekannte »Rongorongo-Schrifttafel«,  »Tahua« genannt, ist 90 Zentimeter lang und 11,5 Zentimeter breit. Es dürfte sich um ein Teil eines Ruderblattes eines amerikanischen oder europäischen Bootes handeln. Die Schrifttafel entstand also zu Zeiten, als der Pazifik bereits von Vertretern unserer »Zivilisation« befahren wurde und nicht aus der Urheimat der Osterinsulaner. Sehr viel kleiner ist die Schrifttafel »échancrée«. Sie ist 241 Millimeter lang, 121 Millimeter breit und 26 Millimeter dick. Das »sprechende Holz« befindet sich heute im »Musée de Papeete«, Tahiti. Das Material wurde genauestens untersucht und analysiert (5):»Das Holz stammt von der Steineibe - Podocarpus latifolia. Wie das Holz des in Südafrika heimischen Baumes auf die Osterinsel kam, ist nicht bekannt. Steven Fischer meint, es sei ein Teil einer Bootsplanke eines europäischen Schiffes gewesen.«

Eine ganz andere Form hat der »Santiagostab«, der heute im »Museo Nacional de Historia Natural«, Santiago de Chile, aufbewahrt wird. Auf der vorbildlichen Homepage »Osterinsel.de« wird er wie folgt beschrieben (6):

»Der Santiago-Stab ›i‹ ist eines der (aus religiöser Sicht der Rapa-Nui) am bedeutendsten Objekte mit Rongorongo-Schriftzeichen, vor allem aber das Objekt mit den meisten Schriftzeichen (2320). Der Stab hat eine Länge von 1,12 Meter und einen Durchmesser von durchschnittlich 6 cm. Es handelt sich auch um die schönste erhaltene Arbeit. Im Gegensatz zu allen anderen Tafeln sind die Zeichenfolgen auf diesem Stab in Gruppen zu je drei Zeichen (oder eine Vielzahl von Zeichen die durch drei geteilt werden können), mit senkrechten Strichen abgetrennt. Th(omas) Barthel schreibt: ›Der Stil ist vorzüglich und weist viele singuläre Konstruktionen auf.‹«

Ich halte die heute noch erhaltenen »sprechenden Hölzer« nicht für die Originale, die beim großen Exodus vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel gebracht wurden. Wie man mir vor Ort versicherte, hatte man die  67 Tafeln der geheimnisvollen Bibliothek zu ihrem Schutz für den Transport auf See in aus Baumrinde gewonnenes Tuch eingehüllt. Alle Tafeln sollen die gleiche Form gehabt haben. Die mysteriöse »Bibliothek« ist bis heute verschwunden. Meine Spekulation: Wurde sie in einer Höhle oder einer unterirdischen Kammer versteckt? Der Überlieferung nach hat sie ein geradezu enzyklopädisches Wissen zu bieten.

Foto 4: Easter Island von Metraux
Auf den Tafeln wurden die Ergebnisse von Ahnenforschung festgehalten, aber auch Erkenntnisse aus der Geschichtsforschung verewigt. Festgehalten wurde uraltes Wissen aus den Bereichen »Religion«, »Landwirtschaft«, »Botanik«, »Medizin« und »Astronomie«. Bedauernd stellt Thomas Barthel in seiner Habilitationsschrift »Grundlagen zur Entzifferung der Osterinselschrift« (7) fest (8): »Von den astronomischen Kenntnissen der alten Osterinselkultur haben sich nur Bruchstücke erhalten. Immerhin kann aus den Ortsnamen ›Ana-ui-hetuu‹ und ›Papa-ui-hetuu‹ auf die frühere Existenz von Observatorien geschlossen werden. Aufgabe einer bestimmten Priesterschule war es, die Insulaner vor dem verderblichen Einfluß gewisser Sterne zu schützen. Eine besondere Rolle spielten die Plejaden.«

Auch heute noch bietet der nächtliche Himmel über der Osterinsel einen märchenhaft schönen Anblick. Nirgendwo sonst auf der Welt konnte ich die Sterne so klar erkennen. In unseren Gefilden kann man in der Nähe von Großstädten nachts die Milchstraße fast nur noch erahnen. Auf der Osterinsel stört nachts kein Kunstlicht. In »Hanga Roa«, der Hauptstadt und einzigem Ort auf der Osterinsel, geht man sparsam mit Elektrizität um. Vor Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden waren die Voraussetzungen für die Beobachtung von Sternen ideal. Die Osterinsulaner beobachteten den Sternenhimmel sehr genau, so wie das schon ihre Vorfahren in der »alten Heimat« bereits taten. Alfred Métraux schreibt in seinem voluminösen Standardwerk »Ethnology of Easter Island« im Kapitel »Sonne und Sterne« (9):

»In der Nähe der Plattform Okahu, an der Westküste, gibt es eine kleine Höhle, die Anu-ui-hetnu (»Die-Höhle-wo man die Sterne sah«). Gemäß der Tradition war diese Stätte ein Observatorium, wo Priester die Sterne beobachteten und eine Schule, in der Kandidaten für das Priesteramt in die Wissenschaft von den Sternen eingewiesen wurden.«

Foto 5: Mystery of Easter Island
Besonders aufmerksam beobachtet wurden der Mars, der Gürtel des Orion und »Stern Pau«. Sergei Rjabchikov, »Sergei Rjabchikov«-Stiftung, Zentrum zur Erforschung »Alter Zivilisationen und Kulturen« in Krasnodar, Russland, hat sich intensiv mit der vorgeschichtlichen Astronomie bei den Osterinsulanern beschäftigt. Ihre Priester-Astronomen beobachteten ständig die Himmelskörper. Noch 1682 waren sie höchst aktiv, so Sergei Rjabchikov, und studierten den Halleyschen Kometen. Sehr aufmerksam wurden auch Sonne, Mond, Mars und Saturn. Sergei Rjabchikov vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen astronomischen Studien und dem bis heute nicht wirklich verstandenen »Vogelmann-Kult« gab.

Ein zweites Observatorium gab es irgendwo ganz im Osten der Osterinsel, »am äußersten Ende der östlichen Landzunge« wie Katherine Routledge (11) vor einem Jahrhundert zu berichten wusste. Vergeblich habe ich versucht, den mysteriösen Ort aufzusuchen. Mir scheint, dass die weitestgehend zerstörte Stätte immer noch mit einem Tabu belegt ist. Der Ort heißt auch heute noch »Ko Te Papa-ui-hetuu«, was so viel heißt wie »Der Fels zum Beobachten der Sterne«. Die alten weisen Männer versammelten sich hier, um Sternkonstellationen zu studieren. Von dem einstigen Heiligtum sind aber nur noch einige Felsbrocken erhalten. In einen der Felsblöcke hat man eine Spirale eingraviert. Noch interessanter soll ein weiterer Steinquader sein, in den  zehn Vertiefungen gemeißelt wurden. Vor einem Jahrhundert teilte man Katherine Routledge mit, dabei handele es sich um eine Sternenkarte.In den unendlichen Weiten des Pazifiks wirkt die Osterinsel wie ein einsamer Stern in den Tiefen des Kosmos.

Diese Abgeschiedenheit hat sicher dazu beigetragen, dass die Wissenschaftler der Osterinsel die Geheimnisse der Sonne, der Planeten und der Sterne zu ergründen suchten. Erkannten sie, dass sie auf ihrem Eiland genauso im Meer verloren waren wie ein einsamer Stern im All? Oder fürchteten sie sich vor den Naturgewalten, vor dem stürmischen Meer? Das wäre durchaus verständlich, war doch die Urheimat ihrer Vorväter in den Fluten des Pazifiks versunken? Glaubten oder hofften sie, dass ein Studium der Planeten und Sterne die Priester-Astronomen in die Lage versetzen würde, Naturkatastrophen wie Fluten vorauszusehen? Laut der Überlieferung waren astronomische Erkenntnisse auf den 67 Tafeln der alten Bibliothek des Atlantis der Südsee verewigt. Offenbar setzten die Osterinsulaner die wissenschaftlichen Studien ihrer Vorfahren fort.

Foto 6: Verfremdete Moai
Ob die geheimnisvolle »Bibliothek« jemals gefunden werden wird? Vielleicht in einer unterirdischen Kammer? Von der mysteriösen Entdeckung im Umfeld der sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi« habe ich bis heute leider nichts mehr gehört. Dabei sollen inzwischen weitere unterirdische Unregelmäßigkeiten entdeckt worden sein. Wurde je nachgegraben?

Fußnoten
(1) »GEO«,  Jahrgang 2007, Heft 9, Seite 18
(2) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 60, Zeilen 1-8 von unten
(3) ebenda, Seite 61,  Zeile 8 von unten
(4) http://www.osterinsel.de/34-rongorongo-holztafeln.htm (Stand 1.Februar 2019)
(5) ebenda, »04. - D Tablette échancrée« (Stand 1.Februar 2019)
(6) ebenda, »09. - I Santiagostab« (Stand 1.Februar 2019)
(7)  Barthel, Thomas: »Grundlagen zur Entzifferung der Osterinselschrift«, Hamburg 1958
(8) ebenda, Seite 239, erster Absatz oben
(9) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971, Seite 52, Zeilen 2-5 von unten
Foto 7: Moai - Moderne Kunst
(10) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, Seite 235, Zeilen 10 und 11 von oben. Im Original: »On the extremity of the eastern headland«.
(11) ebenda, Seite 235, letzter Absatz unten

Zu den Fotos
Foto 1: Sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi«. Foto: Ingeborg Diekmann
Foto 2: Wo sind die »Grabkammern«? Foto: Ingeborg Diekmann
Foto 3: Sprechende Hölzer... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Easter Island von Metraux. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Mystery of Easter Island von Katherine Routledge. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Verfremdete Moai. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Moai - Moderne Kunst. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

480 »Nabel des Lichts«,
Teil 480 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 31. März 2019


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Sonntag, 27. Januar 2019

471 »Die unendliche Geschichte der Religionen«

Teil 471 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott Krodo (Collage!)

Je mehr ich mich mit dem mysteriösen Gott Krodo beschäftige, desto mehr Fragen ergeben sich für mich. Die zentralen Frage schlechthin lauten: Gab es Krodo? Gab es nur einen Krodo oder viele? Und wenn Krodo keine fromme Fiktion war, wann wurde er erstmals verehrt und angebetet? Begeben wir uns auf eine Reise auf den Spuren von Krodo. Sie wird uns durch Raum und Zeit führen, zum Beispiel nach Goslar.

So schön der fast tausendjährige Krodo-Altar im Goslarer Museum am »Museumsufer« auch ist, es gibt keinen einzigen historischen Beleg dafür, dass er irgendetwas mit einem heidnischen Gott namens Krodo zu tun hat. Ein Gott Krodo, so wenden Skeptiker ein, taucht erstmals anno 1492 in der »Cronecken der Sassen« (Sachsenchronik) auf (1). Somit ist für viele Historiker der Sachverhalt klar: Krodo ist eine neuzeitliche Erfindung und wurde nicht in vorchristlichen Zeiten verehrt und angebetet. Er wird gern wissenschaftlich als »Pseudogott« bezeichnet. Auch die heidnische Göttin Ostara, auf die angeblich das christliche Osterfest zurückgeführt werden kann, soll so ein Pseudogott gewesen sein. Hat es also einen Gott Krodo in heidnischen Zeiten gar nicht gegeben?

Foto 2: Ostara, echt oder pseudo?

Die »Chronika Slavorum« (»Chronik der Slawen«) von Helmold von Bosau schildert die Zeit von Karl dem Großen bis 1168. Das Dokument gilt als die bedeutendste Schriftquelle Niederdeutschlands des 12. Jahrhunderts. Sie beschäftigt sich ausführlich mit der Glaubenswelt der Slaven und beschreibt einen »Rod« als höchsten Gott der Slawen. Offensichtlich war »Rod« für die Slawen der göttliche Herrscher des Universums. Und dieser „Rod« war auch als Hrodo, Chrodo und Krodo bekannt.

Besonders interessant sind Hinweise, die wir in » Die Wissenschaft des Slawischen Mythus …« (2) von Ignác Jan Hanuš (*1812; †1869) finden. Prof. Hanuš, Slawist und Philosoph, erkennt erstaunliche Zusammenhänge (3). So entspricht der slawische Gott Krodo dem Fisch-Mensch-Gott Oannes bei den Babyloniern.

Georg Friedrich Creuzer (*1771; †1858), ein renommierter deutscher Philologe, Orientalist und Mythenforscher, berichtet in seinem umfangreichen Werk auch über uralte Mythen aus dem Babylonischen.  Wir erfahren (3)  »wie der Gott Vischnu als Fisch die verlorenen Veda’s aus der Tiefe des Meeres wieder heraufgeholt und dadurch den Menschen aufs Neue das Gesetz offenbart habe.«  Die heiligen Veden sind vermutlich 1500 v.Chr., vielleicht auch schon früher, mündlich überliefert, später schriftlich fixiert worden.
Georg Friedrich Creuzer berichtet weiter (3):

Foto 3: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. (Collage!)

»Und im ersten Jahre sey aus dem rothen Meere an der babylonischen Küste ein ungeschlachtes Thier, namens Oannes heraufgestiegen, welches ganz und gar den Leib eines Fisches gehabt; jedoch habe es unter dem Fischkopfe noch einen anderen Kopf getragen und unten Füsse gleich denen der Menschen und eine menschliche Sprache; und dieses Thier habe am Tage im Umgang mit den Menschen gelebt, ohne jedoch Nahrung zu sich zu nehmen, und habe sie Schrift und Wissenschaften, Städte und Tempelbau, Gesetzgebung, Abmarkung der Gränzen und das Einsammeln der Früchte gelehrt.«

Der Mythologie aus dem Babylonischen nach war also Oannes einer der kosmischen Kulturbringer, die die Menschen in grauer Vorzeit in allen möglichen Wissenschaften unterrichteten und ihnen die Grundlagen der Zivilisation beibrachten. Seltsam mutet die Beschreibung von Oannes an, der aus heutiger Sicht so etwas wie einen Taucheranzug trug. So hatte er ja unter dem Fischkopf »noch einen anderen Kopf getragen«. Man könnte da an missverstandene Technologie denken! Weiter führt Prof. Hanuš aus (4): »Die Analogie zwischen Krodo und Wischnu wird noch auffallender, wenn Wischnu als Blumen und Rad tragend vorkommt.«

Foto 4
Oannes hat einen Fisch-Unterleib. Vischnu (auch Wischnu) trägt Blumen und Rad. Die Sachsenchronik zeigt Krodo auf einem Fisch stehend (Oannes!), Blumen (Vishnu!) in einem Eimer tragend und ein Rad (Vishnu!) in den Himmel haltend. Sollte auch für Götter gelten: Namen sind Schall und Rauch? Gibt es weltweit einige Gottheiten, die da und dort unter verschiedenen Namen bekannt sind?

Mögen sich Wissenschaftler in Sachen Krodo streiten, einen ganz bestimmten Krodo stört das überhaupt nicht. Der steht eisern auf seinem Fisch, stemmt sein Rad empor. Und hält seinen Rosenkübel. Er wankt und weicht nicht. Er rostet auch nicht, wurde er doch anno 2007 vom Kunsthandwerker Volker Schubert aus feinstem Edelstahl geschaffen und aufgestellt. Wer den überlebensgroßen Krodo besuchen möchte, der muss nach Bad Harzburg kommen. Man kann den »Großen Burgberg« zu Fuß bezwingen, man kann sich aber die Sache viel einfacher machen und die Burgbergseilbahn nutzen. Unweit der Bergstation ist es nicht weit zur Brücke, die anno 1902 erbaut wurde. Vor besagter Brücke steht die Krodo-Statue. Auf dem Burgberg, so heißt es, stand bereits Ende des 8. Jahrhunderts eine Krodo-Figur, die Karl der Große zerstören ließ. Wirklich?

Am 16. Dezember 2017 publizierte die »Goslarsche Zeitung« einen Artikel: »Forscher sagt: Krodo gab es nie«. Wirklich? Machen wir uns auf die Suche! Laut Bothes »Cronecken der sassen«  (5) hieß die einst stolze, heute nur noch als Ruine erhaltene Harzburg bei Harzburg ursprünglich »Saterburg«, zu Neudetsch Saturnburg. Dort habe sich, so heißt es in der Sachsenchronik,  ein »affgode na saturno« befunden, also ein »Abgott nach dem Saturn«. Es stand also, aus Bothes Sicht, ein Götzenbild des Saturn bei der Saturnburg. Die Sachsen hätten das heidnische Idol »Krodo« genannt. Caesar selbst, so Bothe, habe im Gebiet der Sachsen, sieben Heiligtümer für sieben Planetengötter erbauen lassen.

Foto 5: Oannes nach altem Relief (Collage!)

Und Karl der Große, der Heidenhasser, habe alle sieben Heiligtümer nach seinem Sieg über die Sachsen zerstören lassen, das Saturnheiligtum bei der Saturnburg und weitere sechs Planetenheiligtümer. Schon Prof. Ignác Jan Hanuš (6) bezeichnete die Gleichsetzung von Saturn mit Krodo als »etwas gezwungen«.

In der Tat: die Darstellung Krodos in der Sachsenchronik hat so gar nichts Saturnhaftes an sich. Saturn hält auf keiner einzigen Darstellung ein Rad in die Höhe. Er ist vielmehr mit einer Sense ausgestattet. In keiner bildlichen Darstellung hat Saturn etwas mit einem Fisch zu tun. Häufig wird Gott Saturn gezeigt, wie er gerade einem Kind den Kopf abbeißt. Warum? In der antiken Mythologie wird überliefert, Saturn sei geweissagt worden, eines seiner Kinder werde ihn vom hohen Thron stoßen. Um das zu verhindern habe er die Kleinen gefressen.

Bereits anno 1605 vertrat Richard Verstegen (7) eine interessante Theorie, die von einer Verwechselung ausgeht. Gott Seater. Auch Sater genannt, der mit Saturn verwechselt wurde, habe  bei den Sachsen in manchen Regionen auch Krodo geheißen. Geht also der ursprüngliche Name der Harzburg (Saterburg) nicht auf Saturn, sondern auf Sater zurück? War Krodo ein nur regional bekannter Name für Gott Sater (auch Seater) und stand doch bei der Harzburg einst eine Statue des Gottes Sater alias Seater alias Krodo?

Ich muss mich wiederholen: Je mehr ich mich mit dem mysteriösen Gott Krodo beschäftige, desto mehr Fragen ergeben sich. Mehr als unwahrscheinlich ist meiner Meinung nach, dass Krodo erst anno 1492 von Conrad Bothe für seine Sachsenchronik erfunden wurde. Folgt man den Spuren Krodos, so führen sie einen in ferne Welten und ferne Zeiten.

Schon während meines Studiums der evangelischen Theologie beschäftigte ich mich mit der Frage, ob denn der biblische Schöpfergott Jahwe und der Messias Voränger in »heidnischen« Zeiten hatten. Das wurde speziell im Fachbereich »Neues Testament« heftig bestritten. Das Christentum hatte etwas vollkommen Neues zu sein und durfte keine Vorgänger in den »Kulten der Heiden« haben. Leider wurden von den Vertretern des frühen Christentums heidnische Konkurrenten alles andere als geliebt. Ihre Überlieferungen wurden bekämpft, ihr Schrifttum (so überhaupt verhanden) wurde vernichtet. So existierten die Werke der Konkurrenzreligion »Gnosis« lange Zeit nur in »Zitaten« in christlichen Werken, in denen die »Gnostiker« alles andere als fair behandelt wurden.

Foto 6: Gott Rod.

Wir finden Gott Rod in der magischen Welt der slawischen Mythologie. Er ist so etwas wie ein Urgott, ein Schöpfergott, der einst Götter und Menschen hervorgebracht hat. Vermutlich war er einst in der Hierarchie der Himmlischen der Höchste, der Mächtigste. Dažbog wurde als Sohn des Svarog verehrt. Svarog galt als Schöpfer allen Lebens und als Gott des Lichts. Er schmiedete mit den himmlischen Sonnenflammen magische Gegenstände und fürchterliche Waffen. Dažbog alias Svarožić war als Sohn des Schöpfergottes »Spender des Guten«.

Es scheint so, als ob Rod alias Krodo über weite Zeiträume existent war, nur sein Name änderte sich dann und wann. Letztlich wurde so manchem slawischen »Heiden«, der eigentlich nicht von seinem alten Glauben lassen wollte, der Wechsel zum Christentum erleichtert: Statt des Schöpfergottes Rod durfte, nein musste dem Schöpfergott des Alten Testaments Jahwe (alias Jehova alias der HERR) gehuldigt werden. Es gab das alte heidnische Gespann »Dažbog und Sohn Svarog«. Das christliche Pendant dazu war das Du »Gottvater und Sohn Jesus«.

Interessant ist: die christliche Dreifaltigkeitslehre findet sich weder im Alten, noch im Neuen Testament. Die christliche Erfindung der Trinität gab es aber in der Mythologie der Slawen: Perun, Dažbog alias Svarožić und Veles.  Perun war als Donnergott gefürchtet. Wenn er zornig wurde, griff er zu seiner gewaltigen Axt. Veles war eine Art Unterweltgott. Er beschützte die Toten, sorgte aber auch für das Vieh und Fruchtbarkeit. Eine solche Dreiteilung in der Götterwelt gab es bereits bei den Indogermanen, deren Wurzeln womöglich bis ins dritte oder vierte vorchristliche Jahrtausend zurückreichen.

Religiöse Glaubenswelten sind einerseits stetigem Wandel unterworfen.  Andererseits gibt es offensichtlich seit Jahrtausenden Glaubensbilder, die fortbestehen, weil sie immer wieder übernommen und in neue Glaubenslehren eingebaut werden. Da macht das Christentum keine Ausnahme!

Das ist die unendliche Geschichte der Religionen und ihrer Glaubenswelten. Sie wurde bis heute nicht erzählt.

Foto 7: Krodo (Collage!)


Fußnoten

(1) Der Verfasser der Sachsenchronik kann nicht eindeutig identifiziert werden. Vermutlich war es Cord oder Hermann Bote.
(2) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(3) Creuzer, Georg Friedrich: »Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen«, Verlag Carl Wilhelm Leske, Band 1, Leipzig und Darmstadt 1936, Seite 59 unten und Seite 60 oben (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(4) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842, Seite 116 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(5) Sachsenchronik
(6) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842, Seite 115 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
Foto 8
(7) Verstegen, Richard: »A Restitution of Decayed Intelligence in Antiquities«, Antwerpen 1605, S: 77, zitiert nach Fugger, Dominik: »Krodo/ Eine Göttergeschichte«, »Wolfenbütteler Heft 35«, Wiesbaden 2017, S. 19

Zu den Fotos
Foto 1: Krodo-Statue, Bad Harzburg. Das Originalfoto  stammt von wikimedia commons/ Kassandro. Achtung: Hier sehen Sie eine Collage, angefertigt von Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ostara, echt oder pseudo? Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Krodo-Statue, Bad Harzburg,  Foto wikimedia commons/ Kassandro.
Foto 5: Oannes nach altem Relief. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Gott Rod. Foto wikimedia commons/ Ranodna Pravda Ycco 
Foto 7: Krodo-Statue, Bad Harzburg,  Foto wikimedia commons/ Kassandro. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein   
Foto 8: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Zeichnungen nach antiken Originalen wurden gespiegelt (teils horizontal, teils vertikal. Zudem wurden die Zeichnungen gelb eingefärbt.) Ansonsten sind entsprechen die Zeichnungen sehr genau den Originalen. Dabei handelt es sich um Steinreliefs, die mythologisch-religiöse Wesen zeigen.


472 »Verbotene Artefakte«,
Teil 472 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03. Februar 2019


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Sonntag, 3. Februar 2013

159 »Uaxactún und der Krieg der Sterne«

Teil 159 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Greis, Greisin oder
blutrünstiger Gott -
Foto W-J.Langbein
In Copán fotografierte ich einen monumentalen Schädel aus Stein, der bislang nicht identifiziert werden konnte. Hat der Künstler einen altehrwürdigen Greis oder eine Greisin dargestellt ... oder einen blutrünstigen Gott, zu dessen Ehren Gefangenen die Köpfe abgeschlagen wurden?

Schon vor drei Jahrtausenden, um 1.000 v.Chr., war Uaxactún bewohnt. 350 v.Chr. wurde sie – warum auch immer – verlassen. Kurz darauf besiedelten die Mayas wieder die einstige Metropole. Im neunten Jahrhundert n.Chr. erlosch sie erneut. Auch die Siedlungsgeschichte von Tikal reicht bis ins erste vorchristliche Jahrtausend zurück, wurde im dritten nachchristlichen Jahrhundert zur Rivalin von Uaxactún.

Es scheint so, als habe Tikal über Jahrhunderte hinweg ein Wettrüsten der besonderen Art veranstaltet: Wem würde es gelingen, noch prunkvollere, noch majestätischere Bauten zu errichten? Uaxactún, etwas mehr als 20 Kilometer im Norden von Tikal gelegen, unterlag ... im Krieg der Sterne. Die kriegerischen Attacken wurden von den Astronomen bestimmt. Markante Punkte im Venuszyklus, aber auch Konstellationen von Jupiter und Saturn bestimmten, wann angegriffen wurde. Später übernahmen die Azteken diese Form der Kriegsführung. Nach christlicher Zeitrechnung verlor Uaxactún seine Unabhängigkeit am 16. Januar 378. Die einst stolzen Erbauer des »Tempels der Masken« waren besiegt.

Tempel der Masken von Uaxactún
Foto: Walter-Jörg Langbein
»Rauch-Frosch« – so vermeldet eine Stele der Sieger von Tikal – »riss die Bauten von Uaxactún nieder« und »machte sie dem Erdboden gleich«. Ob dieses Triumphs brachte »Groß-Jaguar-Tatze«, König von Tikal, den Göttern ein Blutopfer dar. Die wissenschaftliche Literatur spricht von einem »Blutentnahmeakt«, der auf Stele 31 beschrieben wird. Offenbar enthüllen die Glyphen auf der Stele, die heutige Forscher teilweise wie ein Buch lesen können, dass der König »punktiert« wurde.

In Uaxactún schilderte ein Guide genüsslich die höchst schmerzhafte »Blutspende«, die dem Geschlechtsteil des Königs entnommen wurde. Möglicherweise griff der Regent zu diesem feierlichen Akt selbst zum Skalpell. Möglicherweise übernahmen sachkundige »Mediziner« diesen Eingriff. Wie auch immer: Der Lebenssaft des Königs verwandelte den militärischen Sieg der Truppen von Tikal zu einem »geweihten Tag«.

Es floss aber nicht nur das Blut des Königs. Ein zweiter Glyphentext am Rand des Ballspielplates verweist auf weitere Opfer hin: Gefangene, die nach Abschluss der Kriegshandlungen förmlich abgeschlachtet wurden. Eine Glyphe beinhaltet die Darstellung eines Kopfes. Es soll sich um die Abbildung eines »alten Gottes« handeln. Das steinerne Haupt eines »greisen Gottes« stellt in Copán noch viele Fragen ...

Für den alten Gott wurden Köpfe abgeschlagen ... Foto W-J.Langbein
In Tikal wurde eine steinerne Abbildung dieses Gottes gefunden. Die Darstellung wirkt makaber-unheimlich: Der »alte Gott« sitzt auf einem Schemel aus menschlichen Oberschenkelknochen. In den Händen hält er ... einen abgeschlagenen Kopf. Nicht entziffert werden konnte bislang der Name dieses himmlischen Herrschers. Im Christentum gibt es unzählige Heilige. Pantaleon, zum Beispiel, wird als Patron der Ärzte und Hebammen verehrt. Er soll auch bei Kopfschmerz helfen. Der alte Gott auf dem Knochenstuhl war wohl der Patron des »Menschenopfers durch Kopfabschlagen«.
So wurden vermutlich anlässlich der Eroberung von Uaxactún die Vornehmen der Stadt durch Kopfabschlagen dem grausigen Gott geopfert ... anlässlich der Siegesfeierlichkeiten. Der gedemütigte Regent von Uaxactún wurde sicherlich in Tikal öffentlich enthauptet ... vor der jubelnden Schar der Sieger.

Dabei hatten die Krieger von Uaxactún zunächst an den Sieg über Tikal geglaubt ... und die blutige Schlacht dann doch verloren! Sie hatten doch vor dem Kampf der Mayas gegen Mayas peinlich genau den Regeln folgend zunächst tagelang gefastet, dann die vorgeschriebenen Reinigungs- und Opferrituale vollzogen! Die Truppen von Tikal aber hatten aufgerüstet, sich mit Speerschleudern eingedeckt. Diese Waffen wurden sonst bei der Jagd eingesetzt, als Kriegswerkzeug dürften sie den Ausschlag für den Sieg der Truppen von Tikal gegeben haben.

Noch heute sind die Ruinen von
Uaxactún imposant!
Foto: W-J.Langbein
»Die Krieger von Tikal waren nicht nur waffentechnisch überlegen, sondern auch hinterhältiger!« Diesen Satz schleuderte mir ein Guide förmlich entgegen. »Ihre Strategie ging auf! Zunächst schien es so, als ob die Krieger von Uaxactún jene von Tikal aufreiben würden. Der brutale Kampf Mann gegen Mann forderte auf beiden Seiten viele Opfer. Vor allem wurden die Krieger auf beiden Seiten geschwächt. Als die Kämpfer ermattet waren, tauchten plötzlich einige ausgeruhte Hundertschaften von Tikal-Kriegern aus Verstecken auf. Sie waren noch frisch ... und metzelten die erschöpften Männer von Uaxactún wie Tiere nieder!«

Der Sieg über Uaxactún galt als epochal. Nicht nur die kämpfenden Krieger der Welt der Lebenden galten als unterworfen. »Der König von Uaxactún war unterworfen worden!« erklärte mir mein Guide. »Und damit war auch entschieden, wer das Portal zum Jenseits von Uaxactún beherrschen würde ... der König von Tikal!«

Die Menschen von Uaxactún glaubten, dass ihr König über sie und über das Tor zum Jenseits herrschte. Dort hausten seine zu Göttern erhobenen Vorfahren, die ihren »Sprössling« belehrten. Nun aber war dieses Tor zur Anders-Welt dem König von Tikal in die Hände gefallen. So lange dieser verhasste »Rauch-Frosch« an der Macht blieb, so lange seine Nachfolger das Jenseitsportal besetzt hielten, so lange würden sie auch über die Toten von Uaxactún verfügen und die Jenseitigen beschwören können!

Reste der Struktur von Uaxactún
Foto: W-J.Langbein
Der »Krieg der Sterne« bestimmte die »neuen« Kriege, die mit »magischen Kräften« nicht nur die Lebenden, sondern auch die toten Ahnen unterjochten. Die neuen Kriegsstrategen versuchten immer wieder, sich den Venus-Gott gewogen zu machen. »Rauch-Frosch« jedenfalls machte Karriere. Oberster Kriegsboss auf der Seite von Tikal war König »Groß-Jaguar-Tatze«. Das Oberkommando über die Truppen von Tikal hatte »Rauch-Frosch«. Nach seinem Sieg über Uaxactún stieg er zum »ahau«, zum regierenden Fürsten der unterworfenen Stadt Uaxactún auf ... nicht aber zum König! Mag sein, dass »Rauch-Frosch« auf den Königsjob gehofft hatte. Am 13. September 379 christlicher Zeitrechnung erstieg aber ein Lokalfürst namens »Schnute« den Thron. Nicht geklärt konnte bis heute werden, warum denn »Rauch-Frosch« übergangen wurde, zumal die heutige Forschung »Rauch-Frosch« für den Bruder des Königs von Tikal hält!

Sieger neigen immer dazu, ihre militärischen »Erfolge« zu übertreiben. »Rauch-Frosch« – so behauptet ja eine Stele der Sieger von Tikal – »riss die Bauten von Uaxactún nieder« und »machte sie dem Erdboden gleich«. Das scheint nicht ganz zu stimmen. Ein archäologisch versierter Guide versicherte mir vor Ort: »Teile der ursprünglichen Architektur sind noch zu erkennen! Aber leider wird wohl Uaxactún nie mehr als das astronomische Buch in Stein gelesen werden können, das es einst war! Weil die Struktur Uaxactún weitestgehend zerstört wurde. Und weil erst ein Bruchteil der Bauten, die als Ruinen überlebt haben, rekonstruiert wurde!« Auch in Uaxactún fehlt das Geld für umfangreiche archäologische Arbeiten.

Reste des Astronomiebuchs in Stein
Foto: W-J.Langbein
Die »Kriege der Sterne« wurden in Uaxactún nach Vorgaben der Astronomen geführt. Astronomen legten fest, wann wichtige Schlachten angesetzt werden mussten ... nach dem Stand der Sterne. So verwundert es nicht, dass Uaxactún so etwas wie eine Hochburg der Astronomie war. Und die Gebäude der Urstruktur formierten sich zu einer astronomischen Maschine in Stein. Vom »Tempel der Masken« aus wurden »kleine« Bauten angepeilt. Und wenn zum Beispiel die Sonne genau über bestimmten Markierungen auftauchten, dann kennzeichnete das signifikante Termine wie Sonnwendzeiten.

Es mag sein, dass das Wissen der Maya-Astronomen vor vielen Jahrhunderten von kriegerischen Königen missbraucht wurde ... so wie die Erkenntnisse von Forschern, die Raumfahrt in den Kosmos ermöglichen wollten, von den Militärs für ihr blutiges Geschäft »nutzbar« gemacht wurden!

»El Ceibal – Vampire und altes Gemäuer«,
Teil 160 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10.02.2013


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