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Sonntag, 10. August 2014

238 »Das Pferd mit vier Köpfen und drei Göttinnen«,

Teil 238 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Worms. Foto W-J.Langbein

Von der - wirklich empfehlenswerten - »Nibelungen-Jugendherberge« (1) erreicht man in wenigen Schritten das Restaurant »Domterrassen Worms«. Und dann sind es nur noch wenige Schritte bis zum Hauptportal des Doms. Das gewaltige Bauwerk birgt so manches Rätsel. Staunend steht man vor dem monumentalen Bauwerk. Es sieht so aus, als habe das sakrale Gebäude unzählige Jahrhunderte unbeschadet überstanden. 

 Der Eindruck aber täuscht. So waren es französische Truppen, die im sogenannten »Pfälzischen Erbfolgekrieg« (1688-1697) unter Führung des christlichen Grafen Mélac den Rhein-Neckar-Raum verwüsteten. Melác setzte rücksichtslos auf die Taktik der »verbrannten Erde«, ließ seine Truppen Worms, aber auch Heidelberg, Mannheim und Speyer so gründlich wie nur möglich zerstören. Kirchen wurden geplündert, in Brand gesteckt. Der Dom zu Worms sollte gesprengt werden, was aber nicht gelang. Dafür brannte er im Inneren fast völlig aus. Der Dom wurde wieder aufgebaut, im Rahmen der französischen Revolution aber wieder fanatischem Zerstörungswahn ausgesetzt. Um ihre antichristliche Haltung zu unterstreichen, nutzten die französischen Revolutionäre das Gotteshaus als Speicher und Pferdestall. Auch in vermeintlich zivilisierteren Zeiten ging es barbarisch zu. So wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts – vermutlich 1807 – der mysteriöse Bau der »Johannes-Kirche« direkt am Dom abgerissen. Kapellen, Kirchen und Klöster wurden zerstört, die Steine für den Häuserbau verwendet.

Und immer wieder wurde renoviert und restauriert. 1935 befand sich der Dom zu Worms in einem prächtigen Zustand, nach einem halben Jahrhundert aufwändiger Renovierung. 1945 allerdings wurden, der Krieg war längst entschieden, sinnlose Fliegerangriffe auf deutsche Städte durchgeführt. Ein Ziel war am 21. Februar 1945 auch der Dom zu Worms. Ein gewaltiger Stadtbrand wurde entfacht, das Domdach stand in Flammen, das Domarchiv wurde weitestgehend vernichtet. Für die angreifenden Flugzeuge bot sich der Dom als einfaches Ziel für Schießübungen, steht er doch auf der höchsten Erhebung des Stadtgebiets. Militärischen Sinn hatten diese Attacken wohl keine.

Noch ist der Blick unverstellt...

Besiedelt war der dank seiner hohen Lage vor Hochwassern des Rheins sichere Platz schon vor Jahrtausenden. Schließlich ließen sich die Kelten dort nieder, wo später der Dom errichtet werden sollte. Die Römer kannten noch die Bezeichnung der Kelten für jenen Ort, überlieferten ihn als »Borbetomagus«, woraus sich der Name »Worms« entwickelte. Rudolf Pörtner erklärt in seinem Weltbestseller » Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit« (2):

»Wo heute Worms liegt, entwickelte sich .. eine stadtähnliche Siedlung, bedeutsam wahrscheinlich als Marktort und befestigter Stammesmittelpunkt mit dem Sitz eines Fürsten. Sie hieß Borbetomagus, Stadt oder Ort der Borbet, der keltischen Sonnenfrau, die mit Embede und Wilbede, der Erd- und Mondfrau, eine vielgenannte mythologische Dreiheit bildete.«

Diese »mythologische Dreiheit« habe ich im Sommer 2014 besucht – ein »heidnisches« Denkmal im christlichen Dom zu Worms. Wann genau es entstanden ist, ist nicht bekannt. Ursprünglich, vielleicht noch im frühen 15. Jahrhundert – um 1430 – befand sich der »Dreijungfernstein« im Frauenkloster »St. Maria Magdalena«, im »Bergkloster« ganz in der Nähe des Doms.

Blick auf den Dom von den Dom-Terrassen aus.

Ich nähere mich dem Dom von Süden her, stehe vor dem Südportal. Unzählige steinerne Figuren in unterschiedlichen Größen umrahmen es. Die Jahrhunderte alten Kunstwerke werden durch dichte Netze vor zudringlichen Tauben geschützt, deren Hinterlassenschaft nicht nur beschmutzt, sondern auch ganz erhebliche Schäden verursacht. Ich muss an den »Heiligen Geist« denken, der nach christlicher Überlieferung in Gestalt einer Taube auftritt. In zahllosen christlichen Kunstwerken wird der »Heilige Geist« in christlichen Gotteshäusern auch als Taube dargestellt. Wer denkt da nicht an den einen oder anderen Skandal, der die katholische Kirche in unserer Zeit erschüttert? Ein wenig mehr »Heiliger Geist« hätte dem Exkirchenfürsten Tebartz van Elst in Limburg gewiss geholfen. Die Schutznetze sichern die uralte sakrale Kunst, machen aber wirklich gute Fotos unmöglich. Fotografiert man mit Blitz, kommen die Netze deutlicher zur Geltung als die sakrale Kunst. Ich habe unzählige Fotos gemacht, zu allen Tages- und Nachtzeiten. Ich hoffe, dass mir einige gelungen sind, die erkennen lassen, wie kunstreich geschmückt das Südportal ist!

Deutlich zu erkennen sind – vom Betrachter aus gesehen links (Foto kinks) – die vier Evangelisten, die dank der ihnen beigestellten Symbole auch deutlich zu identifizieren sind:

Markus mit seinem Löwen, Matthäus mit seinem Engel, Lukas mit seinem Stier und Johannes mit seinem Adler.

Auf der anderen Seite des Torbogens – vom Betrachter aus rechts – stehen vier Propheten des Alten Testaments, es könnte sich um Daniel, Jeremias, Jesaia und Hesekiel handeln. Die Inschriften auf ihren Namenstäfelchen sind leider verschwunden.

Hoch oben über dem Portal findet sich eine Darstellung, die meines Wissens nach in der christlichen Kunst weltweit einzigartig ist. Da reitet eine stolze Frau mit einer Krone auf dem Haupt auf einem eigenartigen Tier. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass das mysteriöse Wesen vier Köpfe hat. Merkwürdig muten auch die Beine und Füße des Reittiers an. Eine solche Kreatur hat es niemals gegeben, ein solches Wesen existierte niemals aus Fleisch und Blut.

Gängige Interpretation: Die vier Köpfe – Engel/Mensch, Stier, Löwe, Adler – stehen für die vier biblischen Evangelisten  Matthäus, Lukas, Markus und Johannes.

Die vier Köpfe des Pferdes. Netz teilweise wegretuschiert.

Ich visiere das seltsame Reittier mit meiner Kamera – unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleobjektivs an. Es kommt mir so vor, als habe das mysteriöse Fabelwesen nicht vier, sondern fünf Beine. Der Kirchenführer »Der Dom zu Worms« (3) vermeldet: »Die Krönung des Portals ist eine in der Tat einzigartige Figur, denn es existieren offenbar keine ähnlichen Darstellungen. Eine Frau reitet auf einem Tier mit verschiedenen Köpfen und Füßen; die Köpfe und Füße beziehen sich auf die Symbole der Evangelisten, die Frauengestalt repräsentiert die Kirche.«

Während ich vor der Südseite des Doms auf und abgehe, immer wieder fotografiere, wächst auf dem Domvorplatz eine Menschengruppe an. Die Wormser, so hatte ich bislang den Eindruck, sind ein ruhiges, friedfertiges, fast ein wenig behäbiges Völkchen. Aber wehe, wenn man ihren Zorn erregt. Und die Wut der aufgebrachten Menschen scheint mir wirklich berechtigt zu sein! Soll doch direkt vor der Südseite des Wormser Doms ein »hohes Haus« errichtet werden, das den heute noch letzten freien Blick auf den Dom erheblich verstellen würde. Geradezu abstrus ist die Behauptung, durch den Neubau werde der letzte freie Blick auf den Dom nicht verstellt, vielmehr komme dadurch der Dom erst richtig zur Geltung. Einem solchen »Argument« kann ich nur mit Zynismus begegnen:

Warum reißt man nicht die Hälfte des Doms zu Worms ab? Auf diese Weise würde ein Bauplatz für ein Kaufhaus frei. Und der dann noch verbleibende Rest des Doms käme noch sehr viel besser zur Geltung! Der Verkauf der Bruchsteine könnte weltweit erfolgen und brächte ohne Zweifel schöne Einnahmen!

Offen gesagt: Mir ist unbegreiflich, wieso ausgerechnet die »Domgemeinde« selbst ihr »Gemeindehaus« direkt vor dem Dom hochziehen möchte. Es kommt mir wie der Kampf Davids gegen Goliath vor: Wormser Bürger kämpfen gegen… wen? Gegen die Kirche, die gegen den ausdrücklichen Wunsch vieler Wormser Kirchgänger direkt am Dom ein »Gemeindehaus« errichten möchte? Die Planung, so scheint es, ist schon weit fortgeschritten. Ist der Bau noch zu verhindern? Zu hoffen ist es! Mir drängt sich der Eindruck auf, dass man von oben ein Bauvorhaben so schnell wie möglich verwirklichen möchte, um die Gegner des Projekts vor vollendete Tatsachen zu stellen! Ich wünsche dem Verein »Freier Blick auf den Dom zu Worms Bürgerverein Dom-Umfeld e.V.« viel Erfolg (4).

Das Südportal. Foto: W-J.Langbein

Ich durchschreite das Südportal, halte mich links und betrete die »Nikolaus-Kapelle«. Sie wird von einem wuchtigen, von Löwen getragenen Taufstein dominiert. Er dürfte Ende des 15. Jahrhunderts entstanden sein und befand sich in der »Johannes-Kirche«, auch »Johannes-Kapelle«. Johannes der Täufer ist als Halbrelief in den Stein gemeißelt worden, sowie sieben Propheten des Alten Testaments. Im Halbdunkel erkenne ich den geheimnisvollen »Drei-Jungfrauen-Stein«, auch »Dreijungfernstein« genannt. Rudolf Pörtner hat sachlich auf den heidnisch-keltischen Hintergrund dieser Darstellung hingewiesen.

Der Tauftsein. Foto W-J.Langbein
Erstaunlich offen ist der Text im Führer »Der Dom zu Worms« (5): »Ihm (dem Taufstein) gegenüber an der Ostwand steht der sogenannte Drei-Jungfrauen-Stein… Der Inschrift nach handelt es sich um drei heilige Jungfrauen: Embede, Warbede und Willebede. Sie werden im ganzen Rheintal, aber auch im Hohenlohischen oder in Tirol verehrt. In Köln gelten sie als Gefährtinnen der Heiligen Ursula. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei ihnen ursprünglich um vorchristliche Gottheiten keltischen Ursprungs. Die Missionare versuchten häufig bei der Darstellung christlicher Normen und Werte auf bereits bertraute nichtchristliche Vorbilder zurückzugreifen, um sie der eingeborenen Bevölkerung umso plastischer begreiflich machen zu können. Möglicherweise wurden die drei Frauen auf diese Art zum Bestandteil der Verehrung durch die Bevölkerung.«

Der »Dreijungfernstein«. Foto Walter-Jörg Langbein

Vorsichtiger formuliert »Der Dom zu Worms/ Wegweiser und Deutung« (6): »Einzigartig ist der sogenannte Dreijungfrauenstein. .. Unter gotischer Architektur zeigt das Werk drei Jungfrauen mit Kronen, Palmen und Büchern, sowie oben und unten die Namen: Embede, Warbede, Willebede. Mancherlei Legenden umranken die Gestalten dieser drei Jungfrauen, über deren Herkunft und Bedeutung sich die Forschung nicht einig ist; vielleicht lassen sich die Ursprünge ihrer Verehrung in sehr frühe Zeiten zurückverfolgen.«

Erni Kutter lässt keinen Zweifel aufkommen (7): Die »drei Jungfrauen« gehen auf heidnische, sprich keltische Ursprünge zurück. Offensichtlich wurden sie in der Bevölkerung so verehrt, dass man ihren Kult trotz größter Anstrengung nicht verbieten konnte. Selbst Bischof Burchard, Erbauer des Doms zu Worms, gelang es nicht, die Anbetung und Verehrung der drei einstigen Göttinnen zu verhindern. Maßlos entsetzt wäre der Dombauer, würde er feststellen, dass in seinem Dom an zentraler Stelle die von ihm verteufelten »drei Jungfrauen« geehrt und geachtet, ja angebetet werden. Regelmäßig finden in ihrer Kapelle Gottesdienste statt.

Was für Bischof Burchard heidnisch war, umschreibt Erni Kutter anders (8). Demnach hat sich »in dieser Frauendreiheit … ein charakteristisches Merkmal aller frühen Göttinnen erhalten, nämlich ihre Jungfräulichkeit«.

Eine der drei Heiligen Jungfrauen... Willebede.


Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Nibelungen-Jugendherberge, Dechaneigasse 1, 
67547 Worms

2) Pörtner, Rudolf: »Mit dem Fahrstuhl in die 
Römerzeit/ Städte und Stätten deutscher Frühgeschichte«, Düsseldorf/ 
Wien o.J., S. 326 (13. Kapitel: »Stadt der Sonnenfrau« S. 324-343)

3) Englert, Siegfried: »Der Dom zu Worms«, Worms 1986, S. 35

4) http://www.kein-haus-am-dom.de/index.html

5) Englert, Siegfried: »Der Dom zu Worms«, Worms 1986, S. 32

6) Villinger, Carl J. H.: »Der Dom zu Worms/ Wegweiser und Deutung«, 
Worms 1981, S. 25

7) Kutter, Erni: »Der Kult der drei Jungfrauen«, München 1997

8) ebenda, S. 88 und 89


Die Jugendherberge direkt am Dom. Foto W-J.Langbein


 »Drei Heilige Frauen und eine Teufelin«,
Teil 239 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 17.08.2014




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Sonntag, 3. August 2014

237 »Drei Göttinnen«

Teil 237 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 03.08.2014

Sandro Boticelli ließ sie anno 1482 in seinem Gemälde »Der Frühling« tanzen. Für manchen frommen Kirchgänger verbirgt der offenbar hauchdünne Stoff viel zu wenig von ihren Reizen. Sehr viel züchtiger sind die Drei in der Pfarrkirche von St. Tertulin im Kloster von Schlehdorf am Kochelsee dargestellt. In Worms kann man sie auch besuchen, die drei Heiligen Frauen. Das Steinrelief von Worms wurde um 1430 nach Christus geschaffen, majestätisch-würdevoll, von beeindruckender Schönheit, mit Kronen auf den hübschen Köpfen, mit wallendem Haar, ausgestattet mit Buch und Palmwedel. Kronen, Bücher und Palmwedel tragen auch die »Heiligen drei Jungfrauen« von Leutstetten in Oberbayern. Ein unbekannter Künstler hat sie um 1643 verewigt. Es kommt mir so vor, als geniere man sich. Jedenfalls hat man das Gemälde in einer dunklen Ecke des Kirchleins versteckt, anstatt das Kunstwerk aus der Zeit des »Dreißigjährigen Krieges« ins Zentrum des kleinen Gotteshauses zu stellen. Gut 1400 Jahre älter sind die drei Grazien, majestätisch thronend, gemeißelt worden. Der »Matronenstein« aus Nettersheim in der Eifel lässt erahnen, was von christlicher Geistlichkeit als problematisch empfunden wird.

Solche »Matronensteine« soll es einst zu Hunderten, womöglich zu Tausenden gegeben haben. Sie standen in uralten Gotteshäusern ebenso wie in Villen und armseligen Behausungen. Die »theologische« Fragen aller Fragen aber lautet: Welche der drei »Heiligen Frauen« sind heidnische Göttinnen, denen der rechtgläubige Christ keinerlei Ehrerbietung entgegenbringen darf? Und welche der drei »Heiligen Frauen« sind altehrwürdige christliche Heilige, zu denen der rechtgläubige Christ sehr wohl beten darf.

Heiden wie Christen haben den drei »Heiligen Frauen« seit vielen Jahrhunderten gehuldigt. Und in christlichen Kapellen, Kirchen und Domen werden vor ihnen in stiller Andacht Kerzen entzündet. Heute duldet, ja fördert die Kirche diese Form der Frömmigkeit. Das war freilich nicht immer so! In Worms jedenfalls galt es Anfang des elften Jahrhunderts als Sünde, die drei »Heiligen Frauen« zu verehren oder ihnen gar zu opfern. Damals war es offensichtlich Brauch, zuhause »zu bestimmten Zeiten des Jahres« Speis‘ und  Trank aufzutischen, damit sich die »drei Schwestern« daran laben konnten.

Bischof Burchard jedenfalls instruierte damals – zu Beginn des elften Jahrhunderts nach Christus – die katholische Geistlichkeit, die Gläubigen bei der Beichte explizit zu fragen, ob sie denn jenen drei Frauen nach alter Überlieferung Speisen und Getränke geopfert hätten. Falls ja, wurden drastische Strafen auferlegt. In meiner fränkischen Heimat soll der »Heilige Eligius« bereits im siebten Jahrhundert derlei »Göttinnendienst« zu leisten streng verboten haben. »Der Heilige Eligius war es,«, konstatierte stolz Prof. Dr. Maurer zu Erlangen im Gespräch mit mir, »der gegen dieses Heidentum vorgegangen ist. In scharf formulierten Predigten legte der fromme Theologe dar, dass es sich bei diesen ›drei Heiligen Frauen‹ natürlich nicht um christliche, sondern heidnische Gottheiten gehandelt hat! Hinter diesen Gestalten verbargen sich damals Diana, Minerva  und Juno!« Ein schlimmer Rückfall in böses Heidentum sei es, so der Professor, wenn heidnische Göttinnen in christlichen Gewändern weiter verehrt und angebetet würden.

Die drei heiligen Frauen waren
dem Bischof ein Dorn im Auge...
Fotos: W-J.Langbein u. Archiv Langbein

Eigentlich wollte der Professor gar nicht über »dieses weiblichen Götzen« sprechen, ließ sich dann aber doch einige Informationen entlocken. Demnach hielt das Volk lange am »Aberglauben« fest und ehrte die drei »Heiligen Frauen« in der Zeit vom 21. Dezember bis zum 6. Januar. Kleine Tische oder Altäre wurden für sie aufgebaut, auf die Speisen und Getränke gestellt wurden. So wollte man die Gunst der Drei gewinnen und hoffte auf ihren Segen. In den Alpen – in Bayern, wie in Österreich – soll der heidnische Brauch besonders intensiv und noch lange gepflegt worden sein.

»Und sehen wir den Tatsachen ins Auge! Dieser heidnische Zauber hat für viele Katholiken auch heute nicht seinen Reiz verloren, wenngleich man den Aberglauben im christlichen Gewand zelebriert! Aber Heidentum bleibt Heidentum!« Rund vier Jahrzehnte sind seit dem Zornausbruch des werten Professors vergangen. An der Verehrung der der drei »Heiligen Frauen« hat sich indes nichts geändert, im Gegenteil. Der Kult der drei Jungfrauen wird, wie mir scheint, heute im Katholizismus intensiver denn je betrieben. Die drei »Heiligen Jungfrauen« haben Ehrenplätze, zum Beispiel im Dom zu Worms und in der Pfarrkirche von St. Tertulin im Kloster von Schlehdorf am Kochelsee, um zwei markante Beispiele zu nennen!

Idyllisch gelegen... das Kloster von Schlehdorf.
Foto: W-J.Langbein

 Weit in die Vergangenheit zurück reicht die Geschichte der Pfarrkirche von St. Tertulin. Das Gotteshaus von Schlehdorf, knapp siebzig Kilometer südwestlich von München gelegen,  hat eine sehr bewegte Geschichte. Wir wissen, dass es bereits im achten Jahrhundert eine Steinkirche im sogenannten »Scharnitzwald« gab, errichtet von Reginpert. Reginpert schenkte am 29. Juni anno 763 sein beträchtliches Vermögen der katholischen Kirche, die mit diesen Mitteln ein Kloster errichten konnte. Schon anno 772 wurde das »Kloster Scharnitz« nach Schlehdorf verlegt. Die ursprünglichen, also ältesten Klostergebäude lagen damals allerdings direkt am Ufer des Kochelsees. Anno 772  nahmen Reginpert und Abt Atto eine lebensgefährliche Reise nach Rom auf sich. Papst Hadrian I. persönlich überreichte den beiden Pilgern die Gebeine des Heiligen Tertulin, die die Reise nach Schlehdorf heil überstanden. Ob die Knochen wirklich echte sterbliche Überreste des St. Tertulin (auch Tertillinus genannt) sei dahingestellt. Sie wurden angeblich am zweiten Meilenstein der »Via Latina«, Rom, ausfindig gemacht. In einem kirchlichen Dokument aus dem Jahr 837 ist vermerkt, dass die Reliquie in einem Sarg aus Silber aufbewahrt wurde.

Im Jahr 1580 gab es auf dem »Kirchbichl« eine Kapelle, die den »Heiligen drei Jungfrauen« geweiht war. Sie musste wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Ein neues Gotteshaus wurde errichtet, zur besonderen Verehrung der Heiligen Einbetha (alternativ: Einbeth), der Heiligen Wolbetha (alternativ: Wolbeth) und der Heiligen Vielbetha (alternativ Vilbeth). Auch dieses Haus Gottes musste einem neueren sakralen Bauwerk, der Pfarrkirche, weichen. Dort werden heute noch Einbetha, Wolbetha und Vielbetha verehrt. Es lässt sich nicht mehr feststellen, wann sich zum ersten Mal Pilger aus nah und fern zu dieser heiligen weiblichen Trinität aufmachten. Vererht wurde sie vom 12. Jahrhundert an. Einer handschriftlichen Quelle kann entnommen werden, dass es anno 1348 eine Wallfahrt zu den drei »Heiligen Frauen« gab.

Wer würde in diesem Kloster Hinweise
auf drei Göttinnen vermuten?

Auf dem »Kirchbichl« zu Schlehdorf genießen auch heute die »Heiligen drei Jungfrauen« höchstes Ansehen. Sie heißen Einbetha, Wolbetha und Vielbetha. Im Dom zu Worms findet man die »drei Jungfrauen« auf einem Steinrelief, das auch ihre Namen trägt: »Embede«, »Willebede« und »Warbede«. Es ist das gleiche heilige Dreigespann, das nur regional bedingt unterschiedliche Namen trägt. In der Marienkirche von Auw an der Kyll bei Trier wird die heilige weibliche Trinität als Irmina, Adela und Klottildia verehrt. In Frauweiler, westlich von Köln, begegnen uns in der Pfarre Auenheim die drei Jungfrauen Einbett, Warbett und Willbett. Sie zieren in trauter Dreifaltigkeit einen schönen Nebenaltar, wo ihnen heute noch Kerzen »geopfert« werden.

In der Region um Wormbach wurde inbrünstig zu Ambede, Worbede und Wilbede gebetet. In der Kapelle von Wetschewell war einst eine heidnische weibliche Trinität hoch verehrt. Als Fides, Spes und Caritas waren sie für die christliche Obrigkeit akzeptabel. Aus heidnischen Göttinnen wurden christliche Matronen und Heilige. Was im Katholizismus auch heute noch einen sicheren, festen Platz hat, ist nichts anderes als eine Verehrung uralten heidnischen Glaubens an eine weibliche Trinität, bestehend aus drei Göttinnen!


Die 3 Frauen vom Worms. Foto Langbein
Prof. Heinz Kaminski spricht in diesem Zusammenhang von einem (1) »über die Jahrtausende tief im Volke verwurzelten Drei-Frauen- oder Drei-Matronenkult«, der trotz der »erfolgten Zerstörung der angetroffenen Kultstätten« überlebt hat. Der Glaube an drei Göttinnen muss so tief im Volksglauben verankert gewesen sein, dass er trotz intensivster Bemühungen nicht ausgelöscht werden konnte. Prof. Kaminski weiter (2): »Trotzdem haben die Inhalte der alten Kulte durch Überlieferung im Volkstum und Volksmund diese Phasen der Verfolgung und Zerstörung überdauert. Hieraus erwuchsen dann im Sinne der Kultstättenkontinuität viele der heutigen Marien-Verehrungsorte.«

Der alte Volksglaube ist stark und lässt sich von der Theologie nur schwer beeinflussen, auch dann, wenn drakonische Strafen zum Einsatz kamen. Schließlich wurde die Verehrung der drei einstigen Göttinnen im christlichen Gewand offiziell geduldet. Aus heidnischen Göttinnen wurden christliche Heilige, deren formschöne Statuen auch heute noch in christlichen Kirchen zu bewundern sind. Es ist geradezu erschütternd, wie wenig in unserer Zeit im vom Christentum geprägten Europa über die Glaubensinhalte des Christentums bekannt ist. Die Bedeutung von Weihnachten ist – noch – einer Mehrheit bekannt, die Bedeutung von Ostern und Pfingsten gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Und doch hat bis heute die Erinnerung an die Jahrtausende alte vorchristliche dreigestaltige Göttin überdauert. (3)

Es lohnt sich, die große Zeit-Reise anzutreten, beginnend mit der Himmelskönigin des heutigen Katholizismus. Verfolgen wir ihre Spur in die Vergangenheit. So werden wir zum Beispiel von Jungfrau Maria zur Himmelskönigin Nut im Reich der Pharaonen gelangen. Wie die Himmelskönigin Maria war auch Himmelskönigin Nut eine Jungfrau. Nut war die Göttin des Anfangs und des ewigen Kreislaufs des Lebens. Ihr ursprünglicher Name war Beth. Viele der christlichen weiblichen Trinität führen das Beth im Namen. Die heutigen christlichen »drei Bethen« finden sich nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Heutige Theologen wollen allerdings nichts von dieser weiblichen Dreifaltigkeit wissen, lassen nur die schwer verständliche männliche  Trinität (bestehend aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist) gelten.

Die drei Göttinnen von Worms. Foto W-J.Langbein

Wer aber die drei Göttinnen sucht, findet sie nicht nur im Dom zu Worms, sondern auch im Antiken Griechenland. Barbara Walker weist in Ihrem Lexikon »Das geheime Wissen der Frauen« darauf hin, dass die Mutter der griechischen Götter eine Trinität war, bestehend aus »der Jungfrau Hebe, der Mutter Hera und der Greisin Hekate«. Selbst im fernen, alten Mexiko entdeckte ich – auch Barbara Walker erwähnt diesen Sachverhalt (5) – eine weibliche Göttinnen-Triade. Die Mutter des Erlösergottes Quetzalcoatl war jungfräulich, wie die Mutter des christlichen Erlösers. Und sie war, so Walker, »eine von drei göttlichen Schwestern«.

Fußnoten:

1) Kaminski, Heinz: Sternenstraßen der Vorzeit/ Von Stonehenge nach Atlantis,
     München 1995, S. 159
2) ebenda
3) Kutter, Erni: Der Kult der drei Jungfrauen, München 1997
4) Walker, Barbara: Das geheime Wissen der Frauen, Frankfurt 1993, S. 1105
5) ebenda


Literaturempfehlungen

Zur vertiefenden Lektüre zur interessanten wie brisanten Thematik der weiblichen Dreifaltigkeit empfehle ich folgende Werke:

Derungs, Kurt und Früh, Sigrid: Der Kult der drei heiligen Frauen/ Mythen,      
     Märchen und Orte der Heilkraft, 2., wesentlich erweiterte Auflage, Grenchen
     bei Solothurn, 2008
Frankenberg, Gisela von: Deutsch – Herkunft und Sinn eines Begriffs, Bonn
     1986
     (Berchta als Jul- oder Jahrkuchen, S,180, ein Körper mit drei weiblichen
     Köpfen! Wie Urschalling!)
Göttner-Abendroth, Heide: Mythologische Landschaft Deutschland, Bern
     1999
     (Identität und Symbolik der Drei Jungfrauen, S. 217/218
     Die Verehrungsgeschichte der Drei Heiligen Jungfrauen, S.218-223
     Die Drei Jungfrauen in den Sagen und Brauchtum, S.223-229
     Jungfräulichkeit als Wesensmerkmal der drei Bethen S. 229-S. 235)
Hauf, Monika: Die Templer und die große Göttin, Düsseldorf 2000
     (Das Dreigestirn: Jungfrau Maria, die Heilige Maria Magdalena und
     Katharina von Alexandria, S. 54f.)
Kaminski, Heinz: Sternenstraßen der Vorzeit/ Von Stonehenge nach Atlantis,
     München 1995
     (Siehe in Mutter-, Jungfrauen- und Matronen-Gottheiten sowie ihre
     Verehrung in vor- und frühchristlicher Zeit im niederrheinischen
     Siedlungsraum S. 153-169... S. 160-162 drei Matronen, drei Jungfrauen usw.)
Kutter, Erni: Der Kult der drei Jungfrauen, München 1997
Rohrecker, Georg: Die Kelten Österreichs, Wien 2003
     (Bethen, drei, S. 53)
Schipflinger, Thomas: Sophia-Maria/ Eine ganzheitliche Vision der
     Schöpfung, Schalksmühle, Neuauflage 2007 (Titelbild Dreifaltigkeit von
     Urschalling, weiblicher Heiliger Geist)
Wodtke-Werner, Verena: Der Heilige Geist als weibliche Gestalt im
     christlichen Altertum und Mittelalter, Pfaffenweiler 1994


»Das Pferd mit vier Köpfen und drei Göttinnen«, 
Teil 238 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 10.08.2014



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