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Sonntag, 4. Oktober 2015

298 »Wie aus einem Riesen-Krieger eine Riesen-Göttin wude!«

298 »Wie aus einem Riesen-Krieger eine Riesen-Göttin wude!«
Teil 298 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Das seltsame Gesicht...
Angefangen hat es am 27. Juli 1978 in Chicago. Damals hielt ich  im Rahmen der 5. Weltkonferenz der A.A.S. (»Ancient Astronaut Society«) einen Vortrag mit dem Titel »Rock drawings of Val Camonica« (»Felszeichnungen von Val Camonica«).  Ich zeigte Dutzende von Felszeichnungen, die meiner Meinung nach fremdartige Wesen in Raumanzügen darstellen.

Ein Teilnehmer drückte mir ein abgegriffenes Foto in die Hand. Es zeigte ein seltsames Gesicht (Foto links!), oval mit Augenbrauen, Augen, Nase und einem angedeuteten Mund. »Das ist ein riesenhafter Astronaut, vielleicht über einhundert Meter hoch… irgendwo in England! Man hat vor Jahrtausenden diese Riesenzeichnung geschaffen, zur Erinnerung an außerirdische Besucher!«

Vergleichbar sei das gigantische Kunstwerk mit dem »Weißen Pferd« von Uffington. Es ist eine uralte, in England weit verbreitete Technik. Man trägt gezielt Gras und Erdreich bis auf den darunter liegenden Kalkstein ab, so dass ein Bild entstand, so als habe man es mit weißer Farbe aufgetragen. »Weiße Pferde« gab es vermutlich zu Hunderten in England. Über die Bedeutung dieser weißen Pferde wird seit Jahrhunderten diskutiert. Im Volksglauben Englands gilt das weiße Pferd, das auftaucht und wieder verschwindet als »Manifestation der Anderswelt«, des Jenseits.

Seit 1978 habe ich immer wieder nach dieser seltsamen Darstellung eines riesenhaften Astronauten in England geforscht, leider ohne Ergebnis. Dann erfuhr ich von Mythen, die von Kriegern berichteten, die den Himmel erobern wollten. Bei meiner intensiven Recherche in Sachen »Astronautengötter« kam mir eine weitere lokale Überlieferung zu Ohren. Man habe vor langer, langer Zeit bei »Fleam Dyke« alias »Mutlow Hill« bei Fulbourn, Cambridgeshire, England, ein »goldenes Fahrzeug«, vielleicht eine Art Streitwagen vergraben.  Beim Studium von Kartenmaterial entdeckte ganz in der Nähe des mysteriösen »Mutlow Hill« eine kleine Hügelgruppe mit dem seltsamen Namen »Gogmagog«.

Der Riese von Cerne Abbas aus der Nähe...

Gog, so schreibt der Prophet Hesekiel im »Alten Testament« (1), war ein Stammesfürst im Lande Magog. Gog soll sich mit den Mächten der Finsternis gut ausgekannt haben, war vielleicht so etwas wie ein Schwarzmagier. In der nach Johannes benannten »Apokalypse« (2) heißt es, dass der Satan selbst am Ende der Zeit die Völker Gog und Magog verführen und  zum Kampf gegen seine Feinde versammeln wird.

Warum wurden Hügel in England »Gogmagog« genannt? Sollte es in jenen Gefilden so etwas wie einen heidnischen Kult gegeben haben? Vergeblich habe ich bei »Fleam Dyke« –  alias »Mutlow Hill« – nach Hinweisen auf Gog und Magog gesucht. Erst im Raum Plymouth wurde ich fündig. Dort gab es einst Riesenbilder, vergleichbar mit dem Giganten von Cerne Abbas, die diese Bezeichnung verdient haben. Sie stellten Gog und Magog als Riesen dar!

Die Zitadelle von Plymouth

Noch im 17. Jahrhundert sollen sie zu sehen gewesen sein. Sie wurde lange Zeit – so berichtet C.W. Bracken (3) in seinem Standardwerk über die Geschichte von Plymouth – in regelmäßigen Abständen gereinigt und so erhalten.  King Charles II (1630-1685) ließ eine gewaltige Zitadelle als Verteidigungsanlage zur See hin bauen. Dem massiven Bollwerk fielen die beiden Riesen Gog und Magog zum Opfer. Sie wurden zerstört.

Wann und warum die beiden Riesen an der Küste von Plymouth geschaffen worden sind? Wir wissen es nicht. Angeblich hielten beide in ihren hoch gestreckten Armen Keulen wie ihr – zum Glück noch erhaltener – Kollege Riese von Cerne Abbas. Sollten sie schon frühe Seefahrer abschrecken? Waren es gigantische Symbole, vielleicht eines Fruchtbarkeitskults?

Der Riese von Cerne Abbas aus der Ferne.

Bei »Fleam Dyke« alias »Mutlow Hill« (Fulbourn, Cambridgeshire, England) gab es meinen Recherchen nach ebenfalls einen Kalkriesen. Heute lockt ein nobler Golfkurs Sportbegeisterte an, früher war es ein magisch-mystischer Riese.

Der Name »Gogmagog«-Hügel taucht erstmals anno 1574 in einer schriftlichen Urkunde auf. Den »Gogmagog« Riesen mag es schon früher gegeben haben. William Cole, angesehener Antiquar in der Universitätsstadt Cambridge, berichtet, man habe ihm in Kindertagen um 1724 immer wieder den Riesen von Gogmagog gezeigt. Damals muss das überdimensionale Scharrbild eine Art örtliche Touristenattraktion gewesen sein.

Im Jahr 1605 erschien in Frankfurt ein bemerkenswertes Buch aus der Feder von Bischof  Joseph Hall, gefolgt von einer Ausgabe in englischer Sprache… über den »Gogmagog«-Riesen. Der sei von »unglaublicher Größe« gewesen. Anno 1640 ging der Historiker John Layer, Cambridge, auf den Riesen ein. Seiner Überzeugung nach verdanken die »Gogmagog«-Hügel dem Kreise-Giganten ihren Namen.

Bis heute ist unklar, wer wann und warum das Riesenbildnis erschaffen hat und wann es wieder unter Erdreich und Gras verschwand. 1954 nahm sich eine schillernde Persönlichkeit des Rätsels von »Gogmagog« an: Thomas Charles Lethbridge (1901-1971), der auch Archäologe war. Nachdem Lethbridge unterschiedliche Beschreibungen aus unterschiedlichen Zeiten sorgsam studiert hatte, begann er mit Engelsgeduld zu »sondieren«. Mit metallenen Stangen wurde im Erdreich herumgestochert, wurde lockereres Auffüllmaterial entdeckt.

Der Riese ist eine Göttin mit Busen
Zur Erinnerung: Auch der »Gogmagog«-Riese entstand dadurch, dass seine Konturen von Gras und Erdreich befreit wurden, bis der weiße Kalkstein durchkam. Die Linien, mit denen das große Bild »gezeichnet« worden waren, bestanden aus Gräben bis zum hellen Kalkstein. Irgendwann wurden diese Gräben vielleicht bewusst wieder aufgefüllt.

Vielleicht haben auch Wind und Wetter die Gräben zum Verschwinden gebracht. Das Material in den Gräben ist weicher als das umgebende Erdreich. Wenn man nun mit viel Geduld möglichst viele Löcher ins Erdreich piekt, kann man erkennen, wo einst die Gräben verliefen… die Linien der Riesenzeichnung vom Riesen!

Thomas Charles Lethbridge staunte nicht schlecht, als er zunächst auf das ovale Gesicht seines Riesen stieß Foto links!). Mund und Augenbrauen waren klar auszumachen, die Augen wirkten starr, verliehen dem Gesicht etwas Maskenhaftes. Verblüfft war Lethbridge, als bei seinen Metallsondierungen etwas ganz anderes herauskam als er erwartet hatte, nämlich kein männlicher Riese wie der von Cerne Abbas. Sondern offensichtlich ein weibliches Wessen mit klar erkennbarem Busen. Lethbridge stocherte und suchte weiter, das rekonstruierte Bild wurde immer größer.

Lethbridge fertigte eine maßstabsgetreue Zeichnung seines Fundes an und konsultierte Sir Thomas Kendrick vom »British Museum«, London. Kendrick gratulierte zur Entdeckung, meinte Teile der Darstellungen eines Pferdes ausmachen zu können. Cyril Fox, angesehener Kenner keltischer Kunst, studierte die zeichnerische Rekonstruktion und telegrafierte seine Interpretation. Demnach  ist die keltische Gogmagog-Pferde-Göttin Epona mit zwei Pferden dargestellt, ähnlich wie die Epona von Kapersburg (Foto ganz unten!).

Und ich staunte nicht schlecht, als ich das ovale Gesicht in einer zeichnerischen Rekonstruktion sah… Die Göttin mit dem ovalen Gesicht kannte ich doch. Jahrzehnte zuvor, am 27. Juli 1978, hatte man mir in Chicago ein Foto gezeigt…

Nur war der vermeintliche »Außerirdische« eine Göttin, vermutlich Epona. Sie hieß Diana bei Römern, Epona bei den Kelten und war für Pferde und den Mond zuständig, als »Erd-Mutter« und »Mondgöttin«.

Ein Epona-Relief wurde bei Ausgrabungen im Limeskastell Kapersburg gefunden. Es befindet sich im Wetterau-Museum in Friedberg… Da kann durchaus die gleiche Göttin dargestellt worden sein  wie in den Gefilden von »Gogmagog«.

Streitwagen und Krieger...
Lethbridge sondierte und sondierte. Schließlich glaubte er drei Darstellungen unterschiedlicher Art ausfindig gemacht zu haben, auf einer Fläche von etwa einhundert Metern Länge und dreißig Metern Höhe: In der Mitte Erdmutter Epona, rechts daneben eine Art Streitwagen mit einem martialischen Krieger, der ein mächtiges Schwert schwingt.

Links neben Epona wurde ein Wesen von bizarren Formen verewigt. Seine geschwungenen Linien könnten weite Kleidung, einen wehenden Umhang darstellen. Bei diesem Wesen handelt es sich angeblich um einen Sonnengott, um den Partner der Mond- und Muttergöttin. Lethbridge, dessen Entdeckung bis heute von der Wissenschaft nicht anerkannt wird, hält es für möglich, dass die drei Elemente des riesigen Bildes zu unterschiedlichen Epochen entstanden.

Ich frage mich: Wurde der emsige Forscher Lethbridge Opfer seiner eigenen Fantasie?  »Entdeckte« er nur, was er finden wollte? Rekonstruierte er lediglich seine eigenen Vorstellungen? Das trifft nicht zu. Hat er doch einen kriegerischen Riesen, vermutlich mit Keule und großem Penis erwartet… und eine Göttin mit üppigen Brüsten gefunden.


Epona von Kapersburg
Fußnoten

1) Hesekiel Kapitel 38 und 39
2) Kapitel 20, Vers 8
3) C.W. Bracken: »A History of Plymouth and her Neighbours« Plymouth 1931, S. 4

Zu den Fotos

Das seltsame Gesicht.. Göttin, kein Astronaut!: Archiv   
Walter-Jörg Langbein

Der Riese von Cerne Abbas aus der Nähe: wiki commons/  
Pete Harlow 

Die Zitadelle von Plymouth: wiki commons/ GeographBotDerek Harper


Der Riese von Cerne Abbas aus der Ferne: wiki commons/ 
Pete Harlow

Der Riese ist eine Göttin mit Busen: Archiv Walter-Jörg Langbein

Streitwagen und Krieger...: Archiv Walter-Jörg Langbein

Epona von Kapersburg: wiki commons/ Lumpeseggl




299 »Peitschenmann, Gans und Monster«,
Teil 299 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         


von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.10.2015


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Sonntag, 31. August 2014

241 »Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«

Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Wer kennt diese geheimnisvolle Burg? Foto W-J.Langbein

Der »Heilige Nikolaus« verbreitete zu Beginn des vierten nachchristlichen Jahrhunderts das Christentum in Lykien (heute Türkei). Seine Erzfeindin, so wird überliefert, war die Göttin Diana. Allem missionarischen Eifer zum Trotz beteten die Menschen damals aber weiter zur Göttin. Besonders viele Gläubige pilgerten zum »Heiligen Baum« der Diana. Nikolaus ließ den Baum fällen und zerhacken, wahrscheinlich um zu beweisen, dass Diana keine Macht hatte. Das Fällen des heiligen Baums blieb folgenlos. Bischof Nikolaus bekam nicht den Zorn der Himmlischen zu spüren und starb irgendwann im vierten Jahrhundert.

Der Überlieferung nach sann damals Diana auf Rache. Sie entwickelte eine heimtückische Waffe, »griechisches Feuer«. Als »fromme Frau« verkleidet sprach Diana Pilger an, die sich auf der Reise nach Myrna zum Grab des Nikolaus befanden. Sie gab den Christen ein »heiliges Öl« mit und bat, die Pilger mögen doch damit die Wände der Kirche bestreichen. Was sie nicht wussten: Bei der vermeintlich frommen Gabe handelte es sich um griechisches Feuer. Die »Salbung« durch die Pilger hätte die Kirche in Flammen aufgehen lassen. So wäre das große christliche Heiligtum zerstört worden, wenn nicht – so überliefert es die heilige Legende weiter – Bischof Nikolaus posthum und als Geisterscheinung die Pilger auf See gewarnt hätte. Der Gottesmann klärte die Pilger auf, schüttete das vermeintlich heilige Öl ins Meer… Stichflammen loderten zum Himmel auf. In »Geheimnisvolles Worms« von Ulrike Schäfer lesen wir (1):

Teuflische Göttin. Foto: W-J.Langbein
                                               
»Wie schwer es der heilige Nikolaus hatte, sich gegen die alten Götter durchzusetzen, zeigt ein verblüffendes Relief, das sich außen über dem Portal der Nikolauskapelle befindet. Da werden Gläubige auf dem Weg zum Grab des Nikolaus in Bari von einer Dämonin angehalten, die angeblich ein Weihegeschenk mitgeben will. In Wirklichkeit ist es aber Teufelswerk, wie Nikolaus selbst seinen Verehrern kundtut. Die Göttin Diana oder Dana wollte sich nämlich rächen, weil der fromme Mann ihr Heiligtum zerstört hatte.«

An der Südseite des Doms findet sich über dem Portal zur Nikolauskapelle eben diese Szene. Diana wird schwebend in der Luft dargestellt, wenig göttlich, sondern als Teufelin mit Brüsten. Diana – ihr Kult war in vorchristlichen Zeiten weit verbreitet – wurde als »Himmelskönigin« angebetet. Ihr christliches Pendant ist heute Maria, Jesu Mutter, die »Himmelskönigin« des christlichen Katholizismus. Diana war eine dreifache Göttin, Mondjungfrau, Mutter allen Lebens und Zerstörerin.

Es mutet kurios an, dass Diana am Nikolausportal als hässliche Teufelin gezeigt wird, während in der Nikolauskapelle selbst bis auf den heutigen Tag die »drei Bethen« verehrt und angebetet werden. Die drei Bethen sind nichts anderes als die dreifache Göttin Diana in christlichem Gewand! Wahrscheinlich geht unser Wort »beten« auf die Verehrung der drei heiligen Bethen zurück. Als deren Kult nicht wirklich ausgelöscht werden konnte, wurden die heidnischen Göttinnen einfach in christliche Heilige verwandelt…

So wie Nikolaus das Heiligtum der Diana zerstörte, so verwüstete Karl der Große mit fanatischem Eifer heidnische Kultplätze. So soll er bei den Externsteinen einen vorchristlichen Kultplatz verwüstet und das zentrale Heiligtum – die Irmin-Säule – zerstört haben. Vergeblich versuchte der christliche Herrscher, den heidnischen Ritus des Feuerräderlaufs zu verbieten. Er wird heute noch zelebriert, gerät aber immer mehr zu einem touristischen Spektakel, umgeben von Feuerwerk, Jahrmarktsgeschrei und Budenzauber.

Brücke zum einstigen Heidenheiligtum.

Anno 784, so heißt es, feierte Karl der Große Weihnachten in »Villa Liuhidi«, nahe der Skidrioburg. »Villa Liuhidi« wird heute mit Lügde in Verbindung gebracht. Wo einst Karl der Große in einem kleinen Holzkirchlein gebetet haben soll, da steht heute die eindrucksvolle Kilianskirche. Die Skidrioburg wird heute mit der Herlingsburg identifiziert. Und die dürfte schon in vorchristlichen Zeiten entstanden sein. Die Herlingsburg (2) »ist auf einem freistehenden Bergplateau gelegen und zählt zu den ältesten Wallburgen in der Region. Die Burg wurde in den folgenden Jahrhunderten von den dort siedelnden Menschen als Fluchtburg und später in den Sachsenkriegen Karls des Großen als Wehranlage zur Kontrolle der Verkehrswege genutzt.«

Von meinem Heimatdorf am »Köterberg«, der einst wohl »Götterberg« hieß, ist es nicht weit an den (künstlich angelegten) Schieder-Stausee. Von Glashütte aus geht’s zu Fuß bergan. Noch im späten 19. Jahrhundert soll die Herlingsburg auf einem kahlen Berg gethront haben. Landwirtschaftlich – im Sinne von Feldanbau – konnte der Berg nicht genutzt werden, aber angeblich sollen Rinder durch emsiges Trampeln jeden Baumwuchs verhindert haben.

Berg der Herlingsburg im 19. Jahrhundert. Archiv Langbein

Heute ist der Berg der Herlingsburg dicht bewaldet... und steil wie eh‘ und je! Das macht sich bei mir schon nach einer halben Stunde deutlich bemerkbar. Um 8 Uhr morgens bin ich am 7. Juni 2014 in Glashütte aufgebrochen. Um 8 Uhr 30 scheint meine Kameratasche eine alchemistische Transformation durchgemacht zu haben. Dem gefühlten Gewicht nach zu urteilen hat sie sich in einen massiven Bleiklumpen verwandelt.

Nicht wirklich leichter fühlt sich der Anstieg, als die schmale geteerte Straße zum Waldweg wird. Zum Glück hat meine Frau ausreichend Wasser dabei. Ich lege immer wieder eine kleine Pause ein und trinke. Meine Frau eilt, flink wie eine Gämse, voraus und erkundet den weiteren Weg. Ich denke an angreifende Krieger, die sich vor Jahrtausenden die Anhöhe hinauf kämpfen mussten. Sie mussten jeden Moment damit rechnen, von oben angegriffen zu werden. Und ihre Ausrüstung war ganz gewiss sehr viel schwerer als meine. Ich konnte ja auf jegliche Form der Bewaffnung verzichten, musste auch weder Schild noch Schwert tragen. Und der Waldweg von heute war sicherlich – trotz der Steile – sehr viel besser begehbar als der Anstieg durchs Unterholz.

Hinweistafeln »Zur Herlingsburg« gibt es einige wenige. Ein paar mehr würden die Suche nach dem Ziel wesentlich erleichtern. Munter plaudert meine Frau. Sie erzählt mir von der Legende der zwei Brüder. Ich zitiere die Version von Hagemeier (3):

»Auf der Burg lebten einest zwei Brüder, die, ihren Göttern treu ergeben, tapfer gegen den christlichen Frankenkönig Karl kämpften. Im Kampf gegen die Eindringlinge waren sie zwar vereint, im Herzen jedoch trennte sie ein unritterlicher Hass gegeneinander. Der Grund für diese Rivalität war ein schönes Sachsenmädchen, das sie beide sehr lieb hatten und begehrten. Die Liebe zu dem Mädchen hatte sie zu Todfeinden gemacht. Während eines Heerzuges gegen die Sachsen belagerte Karl der Große nun die Skidrioburg und konnte sie lange nicht einnehmen, weil sie so fest gebaut und tapfer von Sachsen verteidigt wurde. Als nun das Weihnachtsfest nahte, ließ der König die beiden Brüder einladen, mit ihm gemeinsam Weihnachten zu feiern. Sie kamen der Einladung nach und hörten zum ersten Mal die frohe Botschaft von der Geburt des Heilands und von der Liebe Gottes. Dadurch wurde ihr Herz so ergriffen, dass sie sich versöhnten und auch den Kampf gegen Karl und den christlichen Glauben aufgaben.«

Unterwegs zur »Burg«. Foto W-J.Langbein

Die Bezeichnung »Herlingsburg« ist irreführend. Wer die 334 Meter zum Berggipfel erklommen hat, der kann enttäuscht werden. Von einer »Burg« ist dort oben nichts zu erkennen. Eine »Burg«, so wie wir sie uns vielleicht vorstellen, hat es dort oben nie gegeben. Folgerichtig finden sich auch keine Mauerreste, geschweige denn steinerne Tore oder Türme mit Zinnen. Einst gab es oben auf dem heute wegen der Bewaldung kaum zu erkennenden »kuppelförmigen Hochfläche« (4) eine Wallanlage. Angreifende Feinde mussten den Berg hinauf stürmen, wobei sie immer wieder Gräben und Erdwälle überwinden mussten. Die Verteidiger der »Burg« waren im Vorteil, konnten – zum Beispiel – vorbereitete Felsbrocken gegen die Angreifer anrollen lassen. Oder sie ließen einen Steinregen auf die Feinde niederprasseln.

Waren die Angreifer erst einmal oben angelangt, galt es wiederum einen Graben zu überwinden. Darauf folgte ein Erdwall, gekrönt von einer Palisade aus Baumstämmen. Vom Graben ist heute nichts mehr zu sehen, die Palisade aus Baumstämmen ist natürlich schon seit vielen Jahrhunderten verschwunden, und der einst beeindruckende Erdwall? Der unvorbereitete Wanderer übersieht ihn leicht. Wer ihn aber ersucht, erkennt ihn noch, auch wenn er zwischen Bäumen kaum auszumachen ist. Am und auf dem Wall stehen Bäume. Wanderer trifft man hier oben nicht sehr häufig an. Dabei lohnt es sich, nach den Überbleibseln der »Herlingsburg« zu suchen… in einem Waldgebiet, das manchmal märchenhaft, manchmal unheimlich düster, manchmal lichtdurchflutet unsere Fantasie anregt.

Reste eines Wallstücks. Foto Langbein

Einst gab es im Inneren der Wallanlage einen Brunnen. Leider wurde er schon vor vielen Jahrzehnten bei unsachgemäßen Ausgrabungen – so versicherte mir ein Heimatforscher vor Ort – zerstört. Wie lange die »Herlingsburg« als Zuflucht für die heimische Bevölkerung genutzt wurde? Wir wissen es nicht. Wann genau die Wallanlage erbaut wurde, auch das wissen wir nicht wirklich.

Im Inneren der Anlage wurden mehrere Grabanlagen entdeckt, unter einer Humusschicht. Tote wurden  in steinernen Särgen beigesetzt. Klaus Zetzsche weiß zu berichten (5): »Als nun eins (ein Grab) analysiert wurde, kam die bisher schönste, geöffnete Grabanlage von vier Meter Länge zutage. Sie enthielt eine sogenannte Steinkiste. Die Grababdeckplatte bestand aus einer acht Zentimeter dicken Sandsteinplatte, die von einer Sandsteinschicht unter dem Grabe herrührte und abgespalten war.«

Wie viele solche Steinsarggräber mag es einst gegeben haben? Wie viele möge noch unentdeckt unter dem Waldboden schlummern? Eine Hinweistafel zeigt, wie so eine Begräbnisstätte aufgebaut war, allerdings verborgen im Erdreich. Wie mag die Religion der Menschen damals ausgesehen haben? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten, wenn man sie nur möglichst sicher für die Ewigkeit verwahrte? Wurden besonders wichtige Tote möglichst dem Himmel nah beigesetzt? Glaubte man, sie würden wieder auferstehen, so wie die Natur immer wieder aus der Starre des Winters erwachte?

Der Berg der »Herlingsburg« hat schon vor Jahrtausenden Menschen angezogen. Berggipfel waren ja oft den Göttern vorbehalten. Auf Berggipfeln gab es Heiligtümer. Und auf Berggipfeln wurden Tote rituell beigesetzt, so auch im Inneren der »Herlingsburg«. Da wurden einst Totenrundhäuser über Grabstellen errichtet: Nach sorgsamen archäologischen Untersuchungen geschah dies etwa zwei Jahrtausende vor Christus. Jünger sind große Erdhügel. Scherbenfunde wiederum weisen auf 800 nach Christus hin. Man muss also davon ausgehen, dass der Berg der »Herlingsburg« vor mindestens vier Jahrtausenden als »heilig« angesehen wurde und Jahrtausende als »heiliger Berg« gegolten hat, von der Jungsteinzeit bis in die Zeit Karls des Großen.

Rekonstruktion eines Grabes auf einem Info-Schild.

Ich bin nach intensivem Studium der wissenschaftlichen Literatur zur »Herlingsburg« zur Überzeugung gekommen, dass es dort oben schon ein altes Heiligtum gegeben hat, bevor die Wallanlage gebaut wurde. Welche Riten vor Jahrtausenden abgehalten wurden? Wir wissen es nicht. Gab es Pilger, die vor Jahrtausenden Sonnwendfeiern zelebrierten? Begrüßte man den Frühling? Im Christentum wurden ja heidnische Frühlingsfeste – etwa auf dem Brocken – im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Einst trafen sich die Menschen auf Bergeshöhen, um zu feiern: Wenn die Sonne wieder stieg und wenn sich der Winter verabschiedete, die Natur aus der Starre der Kälte erwachte. Klaus Zetzsche (6): »So kam es beispielsweise, dass das große Frühlingsfest auf dem Brocken zu einem Meeting des Teufels und der Hexen abgestempelt wurde, die am ersten Mai dort zusammenkamen. Da aber das Volk weiterhin mit größter Zähigkeit an dem Fest der Lebensfreude festhielt, legte man die beiden großen Kirchenfeste, nämlich Ostern und Pfingsten, in seine Nähe und zog somit das alte Brauchtum einfach auseinander, so daß der ganze heidnische Charakter dadurch abgeschwächt wurde.«

Aber auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus lebt einstiges, einstmals heidnisches Brauchtum fort… zum Beispiel, wenn am Ostersonntag abends die Feuerräder von Lügde zu Tal rollen…

Osterräderlauf, uraltes heidnisches Brauchtum hat überlebt!

ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein


Fußnoten:

1) Schäfer, Ulrike: »Geheimnisvolles Worms«, Gudensberg-Gleichen, 2003, S. 8
2) Hagemeier, Hubertus: Sagenhaftes Lipperland/ Sagen und Legenden, Erfurt
     2012, S. 118
3) ebenda
4) Zetzsche, Klaus: »Das sagen uns die Externsteine«, Köln-Seeberg 1983/84/85, S. 123
5) ebenda, S. 132
6) ebenda, S. 137

»Ein totes Pferd und eine Göttin«
Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 07.09.2014


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