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Sonntag, 29. Januar 2017

367 »Ottilie und die ›Drachen‹ von Freiburg«


Teil  367 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2:  Freiburger Münster, links 1898, rechts 1930

Ende Oktober 2016 war ich in Freiburg im Breisgau und nahm am One-Day-Meeting der dänikenschen »A.A.S.« teil. Gern hätte ich einen rätselhaften Wallfahrtsort besucht, doch das ließ meine Zeit nicht zu. Immerhin konnte ich das Münster besuchen, wo ich recht Geheimnisvolles entdeckte.

Von Bad Pyrmont nach Freiburg. Die Heilige Ottilie vom Pyrmonter »Augenbrunnen« wirkt dank Moosbewuchs auf dem Haupt mysteriös. Wie eine fromme Legende mutet die Vita der frommen Frau an. Äbtissin Ottilie (* um 660 im Elsass oder Burgund; † 720) wurde – so überliefert es eine Biographie aus dem 10. Jahrhundert – als Odilia auf der Hohenburg, Gemeinde Obernai (1) geboren. Die Tochter von Herzig Eticho und seiner Gemahlin Bersinda kam blind zur Welt. Ihr Vater wollte sie, um ihr ein Leben in Finsternis zu ersparen, töten lassen. Die Mutter rettete dem Mädchen das Leben, indem sie ihr Töchterchen in ein Kloster gab. Es dürfte sich um das Kloster von Baume-les-Dames östlich von Besançon gehandelt haben. Kurios: Erst im Alter von zwölf Jahren wurde Ottilie getauft und wurde plötzlich sehend. Das Mädchen kehrte ins Elternhaus zurück, wo ihr der eigene Vater nach dem Leben trachtete. Dem entsetzten Mädchen gelang die Flucht – in eine Höhle. Im Musbachtal bei Freiburg im Breisgau, aber auch in Arlesheim, südlich von Basel, streitet man sich in frommer Weise, wer denn nun die richtige Höhle zum Ziel von Pilgerreisen gemacht hat. Es ist unklar, in welcher Höhle sich das Mädchen wo versteckte. Bis zum heutigen Tag wird der Heiligen Ottilie in beiden Höhlen – im Raum Freiburg wie bei Basel – gehuldigt, und das schon seit mehr als einem halben Jahrtausend.

Fotos 3 und 4: Blick ins Freiburger Münster, links 1901, rechts 2016

Anders als bei vielen anderen Heiligen endete Ottilie nicht als Märtyrerin. Ihre Biographen vermelden ein Happy End. Nach der Versöhnung mit ihrem Vater, der seine Mordpläne schließlich aufgab und ihr Besitztum übertrug, konnte sie anno 690 auf  dem später nach ihr benannten Ottilienberg ein Kloster gründen. Auch das Kloster Niedermünster am Fuße des Odilienberges geht auf Ottilie zurück. Anno 720 starb sie und fand auf dem Odilienberg ihre letzte Ruhestätte.

Von der Heiligen Ottilie zum Münster von Freiburg. Von meinem Hotel aus war das riesige Gotteshaus in wenigen Minuten zu erreichen. Leider bot es nicht den schönsten Anblick, Teile waren hinter Gerüsten verborgen. Aber – keine Frage: Damit herrliche Gotteshäuser auch in ferner Zukunft noch besucht und bewundert werden können, müssen sie hin und wieder renoviert werden. Am 29. Oktober herrschte Hochbetrieb um das Münster. Marktbuden lockten wahre Volksmassen an. Gemüse wurde feilgeboten, ein Cafe lockte, Imbissbuden verbreiteten Düfte und Gerüche. Da und dort kam Streit auf. Ein müder Fahrradfahrer schloss sein Zweirad so ungeschickt an einen Laternenpfahl, dass der schmale »Weg« zu einem beeindruckenden Brunnen fast völlig versperrt war. »Vorsicht! Vorsicht!«, zischte ihn ein Mann zu, der seinen Kinderwagen am Fahrrad vorbei schieben wollte.

Fotos 5 und 6: Wer schaut da aus luftiger Höhe?

Manchmal kostete es einige Energie und viel Geduld, um bis zum Münster vorzudringen. Und auf das ganze Geschehen blickten aus luftiger Höhe steinerne Fabelwesen herab, manche gelangweilt, manche durchaus bedrohlich. Original christlich sind diese Kreaturen nicht. Reinhard Habeck schreibt in seinem vorzüglichen neuen Werk »Überirdische Rätsel« im Schlusswort (2): »Jede Leserin, jeder Leser ist herzlich dazu eingeladen, selbst den Pilgerstab in die Hand zu nehmen. Wer die überirdische Spurensuche fortsetzen möchte, dem bieten sich – oft direkt vor unserer Haustüre – unerschöpfliche Möglichkeiten. Ein dichtes Netz an Wanderwegen führt über Naturwunder zu berühmten und weniger bekannten Wallfahrtsstätten. Über die Routen gelangen wir zu vorchristlichen Sakralstätten, wo die Verbindung zum ›Heidentum‹ oft unübersehbar ist.« Diesen Worten kann ich mich nur anschließen. Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, ein lohnendes Reiseziel suchen, sollte das Freiburger Münster ganz oben auf Ihrer Liste stehen!


Fotos 7 und 8: Geflügelte Fabelwesen aus Stein

Es lohnt sich – Empfehlung: möglichst nicht zum Wochenende – um das Freiburger Münster herum zu gehen. Heben Sie den Blick und Sie werden eine Vielzahl von Mischwesen sehen, Kombinationen aus Mensch und Tier, Teuflisches und Animalisches. Da gibt es »Teufel«, die das Maul weit aufreißen. Andere strecken ihre Zungen raus. Unklar ist, ob einige von ihnen Flügel am Rücken haben. Das würde dem Bild des Teufels entsprechen, der als Luzifer von Gott aus dem Himmel geworfen und zur Erde geschleudert wurde. Solche Teufel wären gefallene Engel und trügen mit Fug und Recht das Attribut der Himmlischen, nämlich Flügel. Oder handelt es sich um beim Flug flatternde Umhänge, was wir fälschlich als »Flügel« interpretieren?

Einigen der steinernen Wesen fehlen Gliedmaßen, andere sind komplett. Manche Einzelheiten kann man nicht mehr genau erkennen, weil der Zahn der Zeit intensiv an den mysteriösen sakralen Kunstwerken genagt hat. Da und dort erkennt man Füße und Hände, andere der Schreckensgestalten scheinen verstümmelte Hände zu haben. Oder sind es Krallen von Monsterwesen?

Immer wieder tauchen Mischwesen auf. Da sitzt zum Beispiel das Haupt eines Säugetieres, etwa eines Rindes, auf dem Leib eines gefiederten Wesens, eines riesenhaften Greifvogels. Bei anderen Kombinationen dominieren menschliche Attribute. Das sieht dann so aus, als ob beispielsweise ein geflügeltes Wesen mit einem Menschen gekreuzt worden wäre. Da liegen Flügel eng am Leib, da wirkt die Nase im menschlichen Antlitz mit überproportional großen Ohren wie ein scharfer Schnabel. Füße, Beine und Unterleib bis zur Brust freilich sind eindeutig menschlich.

Fotos 9 und 10: Drachen - oder was?

Ich hab diese Wesen am Freiburger Münster am Morgen, gegen Mittag und am Abend fotografiert. Je intensiver ich diese faszinierenden Skulpturen durch mein 400-Millimeter-Teleobjektiv studierte, desto mehr Fragen drängten sich mir auf und desto mehr Zweifel kamen mir. Waren das wirklich alles »Wasserspeier«, wie redegewandte Führer behaupten? Befanden sich die steinernen Skulpturen wirklich an Ort und Stelle oder hat man sie in jüngerer Vergangenheit mehr oder minder dekorativ angebracht?

Manche dieser Skulpturen in luftiger Höhe erinnern an stark entfremdete Löwen, wieder andere an Drachen. Mir kommt die arabische Übersetzung äthiopischen Nationalepos Kebra Nagast in den Sinn. Sir Ernest Alfred Thompson Wallis Budge (1857-1934) war ein englischer Ägyptologe, Philologe und Orientalist. Er arbeitete für das angesehene »British Museum«, London, und publizierte eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Werken. Wallis Budge übersetzte die arabische Version des Kebra Nagast ins Englische (3). Gleich zu Beginn (4) wird vermeldet, dass König Salomo beim Bau seines Tempels erhebliche Probleme hatte.

So gelang es seinen Spezialisten nicht, die riesigen Steinmonster zu gewaltigen Bausteinen zurecht zu sägen. Ihre Werkzeuge zerbrachen beim Versuchen. Erst mit Hilfe einer List wurde das möglich. Ein ausgewachsener Drache musste her. Also lockte man einen an und brachte ihn dazu, ein wundersames Werkzeug herbei zu schaffen. Erst dann konnten mächtige Steine präzise zu großen Bausteinen aufgespalten werden.

Foto 11: Original aus einem Kebra-Manuskript

Drachenartige Wesen wurden auch, in Stein gehauen, an den Außenwänden des Münsters zu Freiburg angebracht. Sie könnten aus der gleichen Zeit stammen wie die arabische Fassung des Kebra Negest. Das ist vermutlich ein Zufall. Manche Theologen machen sie schnell zu Schreckgespenstern, die den Teufel und böse Geister von einem Gotteshaus fernhalten sollen. Aber ist das wirklich die Funktion solcher Darstellungen? Ich habe da meine Zweifel. Ich glaube, sie stammen aus sehr viel älteren Zeiten als wir glauben. Sie sind viel älter als christliche Pseudosymbolik!


Reinhard Habeck schreibt (5): »In allen Weltreligionen gibt es Kultsteine mit oft ungeklärter Herkunft. Sie verbindet eine Gemeinsamkeit: Bereits in prähistorischen Zeiten hatten sie eine besondere Bedeutung und besaßen angeblich wundersame Heilkräfte. Im Christentum finden sich viele Zeugnisse dafür, dass erstarrte Steinwunder einst auf heidnischen Kultplätzen gestanden haben, lange bevor sie eine neue Deutung erhielten.«

Foto 12: Fisch-Reptilien-Monster am Freiburger Münster

Fußnoten

1) Département Bas-Rhin in der Region Elsass. Deutscher Name: Oberehnheim
2) Habeck, Reinhard:  »Überirdische Rätsel/ Entdeckungsreisen zu wundersamen Orten«, Wien, November 2016, Seite 195
3) Budge, Wallis: »The Queen of Sheba and her only Son Menyelek«, London, Liverpool und Boston 1922, S. XXXIX-LVI
4) ebenda, S. XXXIX-S. XLI
5) Habeck, Reinhard:  »Überirdische Rätsel/ Entdeckungsreisen zu wundersamen Orten«, Wien, November 2016, S. 44 oben, direkt unter der Zwischenüberschrift »Ein außergewöhnlicher Ort«

Foto 13: Mensch und Monster
Zu den Fotos
Fotos 1 und 2:  Freiburger Münster, links 1898, rechts 1930. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Blick ins Freiburger Münster, links 1901, rechts 2016. Foto 3 Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto 4: Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Wer schaut da aus luftiger Höhe? Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 7 und 8: Geflügelte Favelwesen aus Stein. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Drachen - oder was? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Original aus einem Kebra-Manuskript. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Fisch-Reptilien-Monster am Freiburger Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Mensch und Monster. Foto Walter-Jörg Langbein

368 »Faust und Alexander der Große fahren in den Himmel«,
Teil  368 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,

erscheint am 05.02.2017

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Sonntag, 15. Januar 2017

365 »Feuerberg und Heiliger Quell‘«

Teil  365 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der »Bullerborn« heute

Von der Stadt der einst heiligen Quellen Paderborn zum »Feuerberg« Bad Pyrmont: Mitte des 14. Jahrhunderts erwähnte Mönch Heinrich von Herford in einer Handschrift eher beiläufig: »Im Herzogtum Westfalen in der Grafschaft Pyrmont bei opidu Lude (Stadt Lügde) in der Diözese Paderborn ist ein Ort des Überflusses mit einer Quelle, der Bullerborn genannt.« Besonders beeindruckt zeigt sich der Kirchenmann ob der Lebhaftigkeit der Quelle. Er schreibt dass sich Bullerborn ständig mit »heftigem Sprudeln und Aufbrausen« bemerkbar mache.

Anno 1597 erschien in Lemgo ein Werk von Johannes Feuerberg alias Johannes Pyrmontano über die »Heilige Quelle« von Bad Pyrmont, betitelt »Fons Sacra, Beschreibung des wunderbaren und Weltberühmten Heil-Brunnens / Gelegen in der Herrschaft Pyrmont«. Pyrmontano konstatiert, dass damals der Pyrmonter Brunnen schon mehr als 200 Jahre in »Beruff«, also in Verwendung, gewesen sei. Namentlich nennt er »Margaretha, Geborene zur Lippe«, Ehefrau von Graf Johann des Älteren zu Riedberg, die anno 1502 das Wasser aus der Heiligen Quelle ob seiner heilsamen Wirkung geschätzt und genutzt habe. Im 16. Jahrhundert galten die Quellen von Pyrmont schon lange nicht mehr nur als Geheimtipp. Aus ganz Europa kamen Zehntausende in der Hoffnung auf heilsame Wirkung des Quellwassers von Bad Pyrmont.

Foto 2: Einst hat man die Stimme des »Bullerborns« weit gehört

Eine ganz besonders wirksame Quelle soll einst im Raum Lügde/Bad Pyrmont aus schattigem Waldboden an die Oberfläche gekommen sein. Ein Mann, so wird in einer alten Sage berichtet, verirrte sich zu nächtlicher Stunde und fand zufällig (2) »auf einer Waldlichtung ein kleines Quellchen, das silbern im Mondschein glänzte«. Erschöpft, wohl auch verzweifelt, so heißt es weiter (3) »beugte er sich darüber und schlürfte das köstliche Wasser. Daraufhin durchzog ihn ein merkwürdiges Gefühl und eine seltsame Frische beschwingte sein Herz.«

Foto 3: Bad Pyrmont gegern Ende des 17. Jahrhunderts

Das »Quellchen« war, wie der Mann erstaunt feststellte, ein Jungbrunnen. Seine eigene Frau erschrak ob des nunmehr wieder jugendlichen Aussehens ihres Gatten und ließ sich genau berichten, was geschehen war. Bald darauf machte sie sich nach der Wegbeschreibung ihres Mannes auf den Weg, fand die Quelle und tat zu viel des Guten. Sie nahm zu viel von dem Wunderwasser zu sich und (4) »wurde wieder zu einem kleinen Mädchen«. Moral von der Geschicht‘: Trink zu viel vom Jungbrunnen nicht!

Foto 4: Die Bombergallee führt zum »Heiligen Quell'«

Die Vorstellung vom Jungbunnen ist uralt. In alter deutscher Sagenwelt gibt es die Vorstellung vom »Berg, auf dem der Himmelsvater seit Jahrtausenden thront«, aus dem ein Jungbrunnen sprudelt (5). Mit Angst vor dem Alter allein ist die Vorstellung vom Jungbrunnen meiner Meinung nach nicht zu erklären, auch nicht mit der Sehnsucht nach langer, womöglich ewiger Jugend. Nach der vielleicht ältesten Glaubensvorstellung überhaupt gibt es einen ewigen Kreislauf von Geburt, Leben und Tod. Auf den Tod folgt die Wiedergeburt und ein neuer Zyklus beginnt. Was stirbt, fährt in die Unterwelt hinab und kommt neugeboren wieder zurück. Das aus Mutter Erde sprudelnde Wasser ist somit ein Symbol für Wiedergeburt des Lebens überhaupt, nicht nur der Natur, die dank des Wasser im Frühjahr nach dem Winter zu neuem Leben erwacht. Weist die Sage vom Jungbrunnen im Raum Lügde/ Pyrmont auf einen matriarchalen Kult um eine heute vergessene Göttin hin? Gibt es auch in Bad Pyrmont christliche »Mythologie«, die auf heidnisches Brauchtum zurückzuführen ist?

Ein Tipp: Sie suchen die heidnischen Ursprünge christlicher Mythologie? Sie wollen herausfinden, wer und was sich hinter Heiligen verbirgt? Dann stellen Sie doch einmal fest, an welchen Tagen die Heiligen gefeiert werden. Sieben Heilquellen bietet Bad Pyrmont. Im Zentrum der Kurstadt befindet sich der Brunnenplatz mit dem »Hylligen Born«, dem »Brodelbrunnen« und dem »Augenbrunnen«.

Foto 5: Die Heilige Ottilie
Beginnen wir unseren kleinen Spaziergang beim »Augenbrunnen«. Auf einer Säule steht da ein Bildnis der Heiligen Odilie (Ottilie). Ottilie (Odilie), die Schutzheilige für das Augenlicht, hat ihren Gedenktag am 13. Dezember. Am 13. Dezember wird auch der Heiligen Lucia gedacht. Lucia bedeutet im Lateinischen die Leuchtende. Am 13. Dezember wird vor allem in Dänemark, Norwegen und in Finnland spezielles Brauchtum zelebriert.

Das Luciafest ist ein auf ein Heiligenfest zurückzuführender Brauch, der vor allem in Schweden sowie und dänischen Südschleswigern verbreitet ist. Das Fest fällt auf den 13. Dezember, den Gedenktag der heiligen Lucia. Warum? Bevor der Gregorianischen Kalenders in Schweden anno 1752 eingeführt wurde, war der 13. Dezember für ein Jahrhundert der kürzeste Tag des Jahres. 

Am 13. Dezember wurde also »Sonnwend‘« gefeiert. Die Wintersonnenwende – Alban Arthuan bei den Kelten – war ein wahrlich markanter Einschnitt im religiösen Leben. Auf den Tod der Natur im Winter folgte ihre Wiedergeburt zur Wintersonnenwende. In der Nacht der Wintersonnenwende bringt die Göttin im finst’ren Leib der Erde das Sonnenkind – wieder – zur Welt.

Das Leben wird neu geboren, die Dunkelheit wird gebannt. Dieses Wiederaufleben der Sonne und des Lichtes wurde schon im Heidentum zelebriert, zum Beispiel im Mithraskult. Es ist kein Zufall, dass wir zeitnah zur Wintersonnenwende (21.12.) am 24. 12. die Geburt des Jesuskinds feiern. Einen Vorläufer unseres christlichen Weihnachtsfestes gab es schon in Ägypten. Im 5. Jahrhundert schildert Herodot das »große Fest« eines mysteriösen Geheimkults um Isis und Osiris. Es geht um den Opfertod des Osiris (Foto 6, Mitte), der zunächst vehement betrauert wird. Dann aber, so viel ist bekannt, kam große Freude auf, weil der geopferte Gott wieder auferstehen würde. Es geht, so verrät der griechische Philosoph Plutarch (* um 45 in Chaironeia; † um 125), um das Weltall, das immer wieder und aufs Neue geboren wird, also um den ewigen Kreislauf des Lebens, im Kleinen wie im Großen. Isis ist in dieser Mythologie die Gebärmutter des Universums.

Foto 6: Horus, Osiris und Isis

Das Leben, diese Theorie vertrat der schwedische Physiker und Nobelpreisträger Svante Arrhenius (1859-1927) bereits vor mehr als 80 Jahren, sei »ewig«. Damit erübrige sich die Frage nach seinem Ursprung. Selbstverständlich, so der Wissenschaftler, (6)»habe auch eine Kreislinie irgendwo einen Anfang, doch sobald sie geschlossen sei, stelle sich die Frage nach ihrem Anfang nicht mehr. Sie ließe sich nicht mehr beantworten. Hinter den Anfang müsse man eine Art von ›Schöpfung‹ stellen oder das, was die Religionen als ›Gott‹ bezeichnen.« Nobelpreisträger Arrhenius war ein wirklich sehr vielseitiger Wissenschaftler, dessen Bandbreite staunen lässt. So setzte er sich forschend mit so unterschiedlichen Gebieten wie der physikalischer Chemie, der Geophysik, aber auch der Meteorologie, der Physiologie und der Kosmologie auseinander.

Foto 7: Blick in die Kuppel vom »Heiligen Quell'«, Bad Pyrmont

Das Bild vom Leben als ein Kreis ohne erkennbaren Anfang und somit auch ohne Ende erinnert mich an den wohl ältesten Glaubenssatz überhaupt, nämlich dass es einen ewigen Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt gibt. Seit Jahren bin ich damit beschäftigt, diese Weltsicht zu erforschen. Wenn ich hinter Heiligen unseres christlichen Kulturkreises Göttinnen und Götter aus sehr viel älteren Kulturkreisen vermute, so geschieht dies nicht aus Respektlosigkeit gegenüber dem christlichen Glauben. Ich suche vielmehr nach den tieferen Wurzeln unserer Glaubensbilder in grauer Vorzeit.


Foto 8: Der Hyllige Born (Heiliger Quell') Bad Pyrmonts

Lucia und Odilie werden beide am 13. Dezember gefeiert. Hinter dem vordergründig Christlichen verbirgt sich ein uralter Glaubenskult um Tod und Wiedergeburt des Lebens, um das neuerliche Erstarken der Sonne, die dem Leben wieder neue Kraft schenkt. Heide Göttner-Abendroth schreibt (7): »Diese matriarchalen Muster haben sich außerordentlich lang erhalten, so dass die Missionare sich gezwungen sahen, sie in direkter Umkehrung noch in die christliche Mythologie aufzunehmen.« Alte heidnische Feier-Termine wurden christlich besetzt. So wurde aus dem Tag der Wintersonnenwende der Gedenktag der Lucia, der »Leuchtenden«. Und um den alten Jubeltag noch mehr zu überdecken, ernannte man den 13.12. auch noch zum Tag der Odilie (Ottilie).

Foto 9: Die Heilige Ottilie vom Augenbrunnen

Fußnoten

1) »Lippische Landeszeitung«, Artikel vom 27.05.1971. Siehe auch Willeke, Manfred: »Lügde Sagen-Sammlung«, Lügde 1988, S. 110 und 11, »Der wunderbare Jungbrunnen«.
2) Willeke, Manfred: »Lügde Sagen-Sammlung«, Lügde 1988, S. 110 und 111, »Der wunderbare Jungbrunnen«, Zitat S. 110, Zeilen 3-5 von oben
3) ebenda, Zeilen 5-8 von oben
4) ebenda, Zeilen 5 und 4 von unten
5) Siehe hierzu Bächtold-Stäubli, Hanns: »Handwörterbuch des deutschen
     Aberglaubens«, Band 1, Neuauflage Berlin und New York 1987, S. 1054,
     rechte Spalte, Stichwort »Weltberg und Himmelsstütze«
6) Zitiert nach Däniken, Erich von: »Botschaften aus dem Jahr 2118/ Neue
     Erinnerungen an die Zukunft«, Rottenburg, Oktober 2016, Seite 97, Zeilen 6-
    11 von oben. eBookausgabe: Pos. 1093
7) Göttner-Abendroth, Heide: »Berggöttinnen der Alpen/ Matriarchale
     Landschaftsmythologie in vier Alpenländern«, Edition Raetia, 1 Auflage: 21.
     April 2016,eBook-Ausgabe, Pos. 2701

Foto 10: Moosbewachsen - das Haupt der Pyrmonter Ottilie

Zu den Fotos


Foto 11: Der Hyllige Born
Foto 1: Der »Bullerborn« heute. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Einst hat man die Stimme des »Bullerborns« weit gehört. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Bad Pyrmont gegern Ende des 17. Jahrhunderts. Archiv Langbein.
Foto 4: Die Bombergallee führt zum »Heiligen Quell'«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Heilige Ottilie. Darstellung um 1500. Foto: wikimedia commons public domain
Foto 6: Horus, Osiris und Isis. Foto wikimedia commons/ Guillaume Blanchard
Foto 7: Blick in die Kuppel vom »Heiligen Quell'«, Bad Pyrmont. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Hyllige Born (Heiliger Quell') Bad Pyrmonts. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die Heilige Otilie vom Augenbrunnen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Moosbewachsen - das Haupt der Pyrmonter Ottilie. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Der Hyllige Born. Foto Walter-Jörg Langbein

366 »Ein Ganesha und die Herrin vom See«,
Teil  366 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein, 

erscheint am 22.01.2016

 

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