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Sonntag, 19. August 2018

448 »Voodoo-Magie für den Weltfrieden?«

Teil 448 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Direkt am steinigen Ufer...
»Urians Reise um die Welt« heißt ein Gedicht von Matthias Clauidus (*1740;†1815), das kaum noch jemand kennt. Die einleitenden Worte freilich sind immer noch vielen Zeitgenossen recht geläufig:»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen.« Matthias Claudius lässt seinen Protagonisten Urian eine gemütliche Art des Reisens wählen: »Drum nahm ich meinen Stock und Hut, Und tät das Reisen wählen.« Urian muss sehr gut zu Fuß gewesen sein, erreichte er doch im Gedicht recht schnell nacheinander den Nordpol, Grönland, Nordamerika, Mexiko, Asien und Afrika. Die Osterinsel stand nicht auf Urians Reiseprogramm. Jakob Roggeveen hatte sie Ostern 1722, also schon zu Lebzeiten von Matthias Claudius, entdeckt. Aber selbst Abenteurer machten sich damals kaum auf, um das mysteriöse Eiland im Pazifik zu erkunden. Mich hingegen zog es immer wieder zur Osterinsel. Hannover – Frankfurt – Santiago – Osterinsel war die wohl angenehmste Route, so viel wie möglich mit Lan Chile. Vor Ort lernte ich einige kundige Führerinnen und Führer kennen. Der interessanteste Guide aber war ein gewisser »Houngan-Man«. Der erfreute sich bei den einheimischen Führern offenbar keiner großen Beliebtheit, war er doch kein »Einheimischer«, sondern ein Auswärtiger, ich glaube ein Brasilianer.

»Houngan-Man« führte mich als erstes zum »Nabel der Welt«. »Te Pito o Te Henua« nannten die Osterinsulaner ihre Heimat. Häufig wird dieser wohlklingende Ausdruck mit »Nabel der Welt«, manchmal auch mit »Am Ende der Welt« übersetzt.

Vorbei ging es an einem in Trümmern liegenden Osterinselriesen. »Der Moai heißt ›Poro‹!«, erklärte mir »Houngan-Man«. »Noch 1938 stand er auf seiner Plattform, ragte stattliche 9,80 Meter in den Himmel.« Dann erreichten wir unser Ziel: Zunächst sehe ich, nur wenige Schritte von der Meeresbrandung entfernt, ein Steinmäuerchen, etwa kniehoch. Es besteht aus kleinen, unregelmäßigen Steinbrocken und ist nach einer Seite offen. Durch diesen Eingang betritt man den Steinkreis. In dessen Mitte liegt eine eiförmige Steinkugel mit einem Durchmesser von knapp 80 Zentimeter. Um diesen steinernen, rötlichen »Nabel der Welt« herum liegen vier kleinere, nicht ganz so runde, sondern eher flache Steine.

Foto 2: ... der »Nabel der Welt«.
Die vier Steine, so erfahre ich, stellen die vier Windrichtungen dar. Die schützende, niedrige Steinmauer, so erfahre ich weiter, soll erst nach 1975 erstanden sein. Angeblich ist sie auf Fotos von 1975 und davor noch nicht zu sehen. Wer sie gebaut hat und warum? Eine Antwort konnte mir niemand geben. Seltsamer Weise wird sie offenbar, von wem auch immer, verändert. Mal ist die »Öffnung« sehr schmal, manchmal etwas weiter. Manchmal ist sie zum Meer hin, manchmal landeinwärts geöffnet. Die kleineren Steine werden häufig als »Hocker« benutzt.

Der eiförmige Stein, so hörte ich wiederholt vor Ort, habe ursprünglich im Norden der Osterinsel gelegen und wurde, angeblich »vor sehr langer Zeit«, vom »Ahu A Kapu« im Norden zum »Ahu Te Pito Kura« geschafft worden. So ein »ahu« bestand ursprünglich aus einer steinernen Plattform, auf die eine steinerne Rampe führte. Oben auf der Plattform standen stolze »Moais«, die berühmten Kolosse der Osterinsel. Sie trugen »Hüte«, »Frisuren« oder »Helme« aus rotem Stein. Um die Plattform herum, so erklärte mir nicht nur der »Houngan-Man« liegen die Ahnen begraben. Auf diesen Gräbern liegen viele flache Steine. Zudem gehörte einst zu jedem »ahu« ein »rechteckiger Vorplatz für zeremonielle Feste«.

Ein Geistlicher erklärte mir im Gespräch nach dem sonntäglichen Gottesdienst, dass es bei diesen »Festen« um »nach strengen Vorschriften abgehaltene Riten« gegangen sei. Angeblich sind diese Riten auch heute noch Eingeweihten bekannt, Fremde werden allerdings nicht in das Wissen um die Riten und Rituale eingeweiht. Auch nicht alle Jugendlichen lernen, was die Wissenden nur »Würdigen« anvertrauen. »Das müssen wir verstehen!«, meinte der Geistliche. »Aber wir ›Fremden‹ haben den Menschen der Osterinsel in den  vergangenen 300 Jahren nur Leid, Elend, Tod und Verderben gebracht! Wissende begegnen uns nach wie vor mit Misstrauen!«

Foto 3: Umgeben von einem Steinmäuerchen ...
Wer die Osterinsel besucht, sollte unbedingt an einem österlichen Gottesdienst teilnehmen. Bevor der Geistliche »übernimmt« singen Einheimische mit Begeisterung altes Liedgut. Die Stimmung ist unbeschreiblich: Lebensfreude pur. Gesungen wird voller Inbrunst, laut und mit ansteckender Begeisterung. Wenn ich da an den drögen, sich meist zäh dahinschleppenden Singsang in unseren Kirchen denke!

Offenbar ist es mir gelungen. das Vertrauen des »Houngan-Man« zu gewinnen. Er erzählte mir von einer »Voodoo-Zeremonie« die er abhalten würde. Nachdem »Houngan-Man« mich eingeladen hatte, als stiller Beobachter teilzunehmen, spendierte ich fünf Flaschen Whisky einer bekannten Edelmarke und zwei Stangen Zigaretten. »Houngan-Man« versicherte mir, es werde keine Tieropfer geben.
Wie lange dauerte das Ritual? Was war Ritual, was war Vorbereitung? 

Ich war als stiller Beobachter von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dabei. Aktiv mitgewirkt haben sieben junge Männer, nämlich vier Chilenen, zwei Peruaner und ein »Houngan-Man«, der die »magische Zeremonie« leitete. Zunächst warteten wir am Steinbruch auf ein »himmlisches Zeichen«. Als ein heftiger Schauer über uns prasselte, verkündete »Houngan-Man«, jetzt könne es los gehen. Jetzt musste nur noch der richtige Ort für das Ritual gesucht werden. In zwei Jeeps ging es über »Stock und Stein« zur Küste. Manchmal konnten wir schlechte Feldwege nutzen, mussten allerdings immer wieder Geröll von der Straße räumen. Und endlich schenkte uns der Himmel den schönsten Regenbogen meines Lebens.

Foto 4: »Voodoo-Zauber« für den Weltfrieden?
Wie eine im wahrsten Sinne des Wortes himmlische Erscheinung wuchs er aus dem vom Regen aufgepeitschten Meer und schlug eine Brücke aus traumhaft schönem Licht von schaumgekrönten Meereswogen zum Land. »Erzulie hat uns ein Zeichen gegeben, Erzulie sei Dank!« frohlockte »Houngan-Man«. Wenige Minuten später änderte sich das Wetter im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig. Starke Windböen hatten die dichte Wolkendecke aufgerissen und weit aufs Meer hinaus getrieben. Der Himmel war wieder unschuldig babyblau.

Wir hatten, so kam es uns vor, genau die Stelle erreicht, an der der Regenbogen das Land berührt hatte. Aus Steinbrocken unterschiedlicher Größe errichteten wir nach den Anweisungen des Priesters nur wenige Meter vom Strand entfernt ein etwa fünfzehn Zentimeter hohes Mäuerchen. Das Ergebnis mehrstündiger Schufterei, die mir blutige Hände bescherte: ein steinernes Quadrat, etwa zweimal zwei Meter »groß«.  Es war nur dem »Houngan-Man« erlaubt, das Innere des »Tempels« betreten. Im Zentrum des Quadrats legte er Pappe aus. Darauf zeichnete er mit kalkähnlichen weißlichen kleinen Steinkörnern ein kleines Quadrat. Von Zentrum aus führten vier Linien durch die Ecken des Quadrats zu kleinen Häufchen aus dem gleichen Material. Im geometrischen Zentrum des Quadrats platzierte der »Houngan-Man« einen eiförmiger Stein, den er gefunden hatte. Das war der »Altar«. Erst jetzt begann die eigentliche »Zeremonie«.

»Ich beginne mit dem Opfer!«, verkündete »Houngan-Man«. Die von mir gestifteten Whiskyflaschen standen zur Verfügung. »Houngan-Man« nahm einen kräftigen Schluck und goss den Rest größten Teil des hochprozentigen Getränks ins Meer. Dann kamen die Zigaretten ins magische Spiel. Eine Zigarette steckte sich der »Houngan-Man« an, alle anderen zerfetzte er und streute sie auf die Pappe. Ein batteriebetriebener Kassettenrekorder kam zum Einsatz. Songs von Elvis Presley erklangen. Die sechs Männer aus dem Team des »Houngan-Man« begleiteten die Musik auf drei großen und drei kleinen Trommeln. Mit kleinen eisernen Schlegeln droschen sie auf ihre Instrumente ein. Vier Stunden Sang Elvis, vier Stunden wurde getrommelt, vier Stunden murmelte »Houngan-Man« Gebete. Und vier Stunden benötigten angeblich vier Erdgeister, um aus den vier Himmelsrichtungen zu erscheinen. Der »Houngan-Man« schien sie zu sehen, für mich blieben sie unsichtbar. Der Rekorder wurde abgestellt, Elvis verstummte.

Foto 5: Die schwarze Kugel im Zentrum des »Zaubers«

Der »Houngan-Man« warf weißliche, kalkähnliche Steinchen in die vier Himmelsrichtungen, bekreuzigte sich, drehte sich dabei einmal im Kreis. Ich habe es mir genau eingeprägt: Während er gen Osten blickte, berührte er mit einer Hand seine Stirn. Als er gen Westen schaute, berührte er seine Brust, gen Norden schauend seine linke rechte Schulter, gen Süden blickend seine rechte Schulter. Dabei schrie er etwas wie »Linsahmawu, Vuvulivhawe« und segnete die Erde. Eine lange, für mich unverständlich Litanei schloss sich an. Laut rief der »Houngan-Man« wohlklingende Namen angeblich wichtiger Geister.

Schließlich setzte er sich und ließ einen monotonen Sprechgesang vernehmen. Das zog sich eine gefühlte Ewigkeit hin. Nach etwa drei Stunden entzündete er Priester vier Kerzen, die er um den Altarstein platzierte.

Foto 6: Echter Zauber ...
Ich muss zugeben: Langsam bereute ich, die Einladung zur Zeremonie angenommen zu haben. Ich sehnte mich nach meinem Bett in der kleinen Familienpension. Einfach gehen wollte ich aber auch nicht. Meine Geduld wurde hart auf die Probe gestellt. Es folgte eine lange Litanei von seltsamen Namen. Als der »Houngan-Man« endlich verstummte, wollte ich schon erleichtert aufspringen. Doch die Zeremonie war noch nicht beendet! Eine gute Stunde saßen wir alle schweigend. Endlich setzte wieder Regen ein und löschte nach die Kerzen. Erneut kam der Kassettenrecorder zum Einsatz, erneut schlugen die sechs Männer auf ihre Trommeln ein, erneut wurde etwa vier Stunden lang »musiziert«. Ich musste sitzen, »Houngan-Man«  durfte im steinernen Viereck auf und ab schreiten. Dabei brüllte er seltsame Namen gegen immer heftiger werdenden Wind schrie.

Endlich verstummte die Musik. Der »Houngan-Man« löste nach und nach Steine aus der quadratischen Umrandung und warf sie ins Meer. Er tat das bedächtig, routinemäßig. Er schrie für mich Unverständliches, vielleicht Zaubersprüche oder Namen von Geistern. Schließlich hatte selbst die Sonne genug und versank im Meer. Die kleine Mauer war Stück für Stück im Meer versunken. Das Team hatte dabei den »Houngan-Man« tatkräftig unterstützt. Ich durfte nicht mitmachen. Der »Houngan-Man« beendete endlich die Zeremonie, indem er den letzten Stein und die Pappe ins Meer warf.

Spät am Abend erklärte mir der Priester, er habe einen Voodoo-Ritus zelebriert, vier Erdgeister herbeigerufen. »Sie mussten von weit, weit her kommen, deshalb mussten wir ihnen viel Zeit lassen.« Er habe die Geister beschworen, sie inständig gebeten, von der friedlichen Kraft der Osterinsel gespeist in alle vier Himmelsrichtungen auszuschwärmen und positive Energie über die Erde zu verteilen. Wie er mir weiter versicherte, würde er ähnliche Zeremonien in verschiedenen Staaten Südamerikas, aber auch auf einigen anderen Südseeinseln abhalten. So würde er für den Weltfrieden arbeiten. Leider habe sein Vater mit »bösen Geschäften« in Brasilien viel Unheil angerichtet. Auf dem Totenbett habe er ihn, seinen Sohn gebeten, durch Voodoo-Magie sein Unrecht so weit wie möglich wieder ungeschehen zu machen. »Ich erbte ein nicht unerhebliches Vermögen, ließ mich auf Haiti zum Voodoo-Priester ausbilden und erfülle nun schon seit Jahren den letzten Willen meines Vaters.«

Foto 7: ... oder doch nur ...
Als ich spät abends wieder in meinem Hotelzimmer müde von einem langen Tag das Licht löschte, konnte ich dennoch lange nicht einschlafen. Was hatte ich erlebt? Ein wirkliches magisches Voodoo-Ritual, einen Beitrag zum Weltfrieden? Oder war ich Betrügern aufgesessen? Insgesamt hatte ich fast drei Tage ich mit den geheimnisvollen sieben Männern verbracht. Sie haben kein Geld gefordert, ich habe nichts bezahlt, ein »Trinkgeld« lehnten sie entrüstet ab. Verdient haben sie mit der mysteriösen Prozedur also nichts.

Fotografieren durfte ich nicht. Der Voodoo-Priester selbst hat in einer kurzen »Verschnaufpause« am Nachmittag mit meinem Fotoapparat einige Aufnahmen vom »Altarstein« mit der seltsamen Symbolzeichnung gemacht.

Bevor wir uns verabschiedeten, fragte ich »Houngan-Man« nach den Zombies von Haiti. »Stecken die Voodoo-Priester dahinter?« Mein Gesprächspartner wurde sehr ernst. »Es gibt weiße und schwarze Magie. Ehrbare Voodoo-Priester tun nichts Böses. Sie helfen den Menschen. Sie setzen sich nicht über Leben und Tod hinweg. Manche Voodoo-Zauberer aber überschreiten Grenzen, die kein Mensch auch nur antasten dürfte. Sie kennen das Geheimnis der Zombies. Rechtschaffene Voodoopriester wenden es aber nicht an, schwarzmagier hingegen schon.« Ich fragte nach: »Worin besteht das Geheimnis?« Eisiges Schweigen war die Antwort.

Jahrzehnte sind seit jenem merkwürdigen Ritual auf der Osterinsel verstrichen. Bis zum heutigen Tage weiß ich nicht wirklich, wie ich es bewerten soll.

Foto 8: ... Hokuspokus?
Vielleicht war alles »fauler Zauber«. Möglich ist das natürlich. Vielleicht machten sich die sieben Männer lustig über mich, den dummen Touristen aus Deutschland. Vielleicht war die angeblich magische Zeremonie für den Weltfrieden Schmierentheater vom Feinsten. Vielleicht wurde ich einfach nur hinters sprichwörtliche Licht geführt. Aber warum? Gauner wollen in der Regel ihre Opfer abkassieren. Ich habe keinen Cent bezahlt. Zigaretten und Whisky wurden »geopfert«, nicht von dem »Voodoo-Priester« und seinem Team konsumiert. Und wenn die »Zeremonie« doch nur Larifari war? Dann hat der »Houngan-Man« nichts für den Weltfrieden getan. Das hat er aber, so traurig das ist, zwar nichts erreicht, er hat aber auch den Frieden nicht gefährdet. Leider kann man das von so manchem Politiker nicht sagen. So mancher Politiker schadet leider dem Weltfrieden massiv. So mancher Politiker scheint aktiv für den Krieg zu arbeiten.

Zu den Fotos
Foto 9: Kugel, Pulver, Zigaretten ...

Foto 1: Direkt am steinigen Ufer... Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 2: ... der »Nabel der Welt«. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Umgeben von einem Steinmäuerchen ... Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Voodoo-Zauber« für den Weltfrieden? Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die schwarze Kugel im Zentrum des »Zaubers«. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 6-8: Echter Zauber oder doch nur Hokuspokus? Foto(s): Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kugel, Pulver, Zigaretten ... Foto Walter-Jörg Langbein



449 »Putsch auf der Osterinsel?«,
Teil 449 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26.08.2018





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Sonntag, 15. Januar 2012

104 »2012 und der Aufbruch ins All - Teil II«

Teil 104 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Abendfrieden auf der Osterinsel
Foto W-J.Langbein
Die sinkende Abendsonne taucht die Osterinsel in ein magisches Licht. Rotbraunes Lavagestein scheint von innen heraus zu leuchten. Eine kleine Herde von freilebenden Pferden trabt in der angenehmen Kühle. Sie genießen sichtlich die milderen Temperaturen ... nach der Gluthitze eines typischen Tages auf dem einsamsten Eiland der Welt.

Rot strahlt – so scheint es – Lavastein, über den die Pferde tänzelnd schreiten. Vor vielen Jahrhunderten haben Insulaner magische Zeichnungen hinein geritzt. »Houngan-Man« erklärt mir: »Die Osterinsel entstand in der dritten Weltperiode! Am Ende jener Epoche wurde das Leben auf der Erde fast vollständig ausgelöscht! Gigantische Supervulkane brachen damals aus, verwandelten unsere Erde in eine apokalyptische Hölle! Es regnete Tod vom Himmel. Wieder ging eine Weltära zu Ende, die nur sehr wenige überlebten ... die Adams und Evas der folgenden Zeit!«

Tatsächlich entstand die Osterinsel durch eine gewaltige Katastrophe: riesige Vulkane brachen auf dem Meeresgrund aus und schossen gewaltige Lavamengen aus der Höllenglut des Erdinneren. Riesige Lavamassen erstarrten ... und bildeten die Osterinsel. Noch heute erinnern drei erloschene Vulkane an den apokalyptischen Ursprung des Eilandes. Es sind die Spitzen von über dreitausend (!) Meter hohen Kegeln! Drei Vulkane sind noch auszumachen. Besonders imposant ist Rano Kau. 1600 Meter misst sein Durchmesser. Sein gewaltiges »Maul« ist etwa 300 Meter tief!

Vulkan Rano Kau - Foto W-J.Langbein
Die uralten Überlieferungen der Azteken nannten diese Ära »Regensonne«. Der »Houngan-Man« interpretierte mit einem Augenzwinkern: »Am Ende dieser Periode regnete es heiße Sonnentropfen. Die dritte Weltepoche ging in einer Apokalypse unter ...«

In Walter Krickebergs Standardwerk »Märchen der Azteken und Inkaperuaner« lesen wir (1): »In diesem Zeitalter geschah es, dass es Feuer regnete, so dass die Menschen dadurch verbrannten, und dass es Sand und Steine hagelte, wie man berichtet. Damals wurden die vulkanischen Aschen und Brocken ausgestreut, die blasige Lava schäumte auf, und die roten Felsen breiteten sich aus.«

Mit ernster Stimme mahnte »Houngan-Man« bei einem unserer Gespräche zu Füßen eines der Osterinselkolosse: »Vier Weltepochen endeten in Apokalypsen. Vier Mal ging die Erde unter. Vier Mal überstand das Leben die schlimmsten Katastrophen. Am Ende unserer Epoche wird es auf der Erde kein Überleben geben!«

Die Götter Tonatiuh (groß)
und Quetzalcoatl (klein)
Foto: Archiv W-J.Langbein
»Houngan-Man« weiter: »Wir leben in der vierten und letzten Ära. Am Ende unserer Ära werden wieder Naturgewalten toben ... und in einer letzten Weltenkatastrophe alles Leben auf der Erde auslöschen!« »Houngan-Man« schüttelte traurig den Kopf: »Götter wie Tonatiuh und Quetzalcoatl dominieren bei den Azteken die Welt. Man lächelt in der modernen, zivilisierten Welt gern über solche Vorstellungen. Das wird sich aber ändern, wenn die letzte Apokalypse über die Erde hereinbricht!«

Vier Weltepochen endeten nach uralten Maya-Überlieferungen bereits im tödlichen Chaos. Die Bewohner der ersten Welt – gewaltige Riesen – wurden von Jaguaren gefressen. Am Ende der zweiten Epoche kam ein fürchterlicher Sturmwind auf. Die meisten Menschen kamen um, einige wenige überlebten als Affen im Urwald. Gott Quetzalcoatl wurde vom Thron gestoßen.

Gott Tlaloc regierte die dritte Welt. »Nach Ablauf dieser Zeit ließ Quetzalcoatl Feuer vom Himmel regnen.« Tlalocs Frau Chalchiuhtlicue wurde zur Sonne (2). Auch die dritte Ära fand ein apokalyptisches Ende (3):

»Und als Chalchiuhtlicue das letzte Jahr Sonne war, regnete es Wasserfluten in solcher Menge, dass der Himmel einstürzte und die Gewässer alle Menschen, die damals auf Erden wandelten, mit sich forttrugen; aus ihnen entstanden alle Arten von Fischen, und auch der Himmel hörte auf zu bestehen, weil er auf der Erde lag.«

Unsere – die fünfte und letzte – Welt wird von Sonnengott Tonatiuh dominiert ... so lange, bis sie durch katastrophale Erdbeben zerstört wird. »Houngan-Man«: »Die Azteken waren davon überzeugt, in der fünften und letzten Ära zu leben. Die drohende Apokalypse konnte nicht verhindert, nur hinausgezögert werden ... durch Blutopfer!«

Götter und Göttinnen haben in unserer wissenschaftlich aufgeklärten Welt keinen Platz mehr. Wir wissen, wie es zum Beispiel zu einem Vulkanausbruch kommt. Uns ist der Kreislauf des Wassers vom Regen bekannt: von Bächen, Flüssen, Seen und Meeren ... zurück in himmlische Höhen ... und Wiederkehr als Regen. Göttinnen wie Chalchiuhtlicue werden nicht mehr als »Erklärung« bemüht.

Göttin Chalchiuhtlicue
Foto W-J.Langbein
In unser »modernes« Weltbild passt nicht die Vorstellung von mehreren Weltzeitaltern, an deren Ende fast alles Leben ausgelöscht wird ... um in der nächsten Epoche neu zu erblühen! Wir haben ein lineares, ein evolutionäres Weltbild: Primitivstes Leben entstand zufällig. Es entwickelte sich langsam immer weiter. Schließlich erreichte das Leben in Gestalt des Homo Sapiens Sapiens sein bislang höchstes Niveau ...

Wir Menschen sehen uns – stolz und eingebildet – als die Krone der Schöpfung. Dass es schon einmal ... ja schon öfter apokalyptische Katastrophen gab, die fast alles Leben vernichteten, will kaum jemand zur Kenntnis nehmen. Weil es unserem gängigen Bild von der Entstehung des Lebens widerspricht. Aber: Es gab immer wieder solche Katastrophen und Beinahe-Weltuntergänge.

Wir belächeln die Vorstellung der Azteken, dass in Teotihuacan, außerhalb von Mexico City, Welt- und Planetenschöpfungen stattgefunden haben sollen. Gern übersehen wir die fundamentale Kernaussage der Azteken-Philosophie von den fünf Weltzeitaltern ...

Die mysteriöse Sonnenpyramide
von Teotihuacan
Foto: W-J.Langbein
Fakt ist: Seit den Anfängen der Erdgeschichte gab es immer wieder gewaltige Naturkatastrophen, die immer wieder beinahe alles Leben auslöschten. Unzählige Beispiele könnte ich anführen, um die schier endlose Litanei der immer wiederkehrenden Apokalypse zu belegen ... Zwei Beispiele sollen genügen.

»Bild der Wissenschaft« vermeldete am 24.1.2011: »Was das Leben beinahe auslöschte«. Ich darf zitieren: »Kohlenasche scheint gewaltigste Katastrophe der Erdgeschichte mitverursacht zu haben. Brennende Kohlevorkommen und die dabei entstehenden riesigen Aschewolken waren vermutlich der Hauptgrund dafür, dass es vor etwa 250 Millionen Jahren zum größten Massensterben der Erdgeschichte kam. Dieses Fazit ziehen kanadische Forscher aus einer Studie, in der sie Gesteinsproben aus dem Erdzeitalter Perm unter dem Mikroskop untersuchten. Was sie dort entdeckten, waren kleinste Partikel Kohlenasche, die wahrscheinlich aus dem heutigen Sibirien stammen: Dort tobten zu dieser Zeit Vulkane und spuckten Milliarden Tonnen glühendes Gestein aus, wodurch sie wahrscheinliche die gigantischen Kohlevorkommen in der Umgebung entzündeten. Die Asche breite sich dann über die gesamte Erde aus und vergiftete nicht nur die Atmosphäre, sondern auch die Ozeane, vermuten die Geologen.«

Hier sollen Planetenwelten
erschaffen worden sein ...
Foto W-J. Langbein
Vor 75.000 Jahren explodierte auf Sumatra eine gewaltige Magmablase. Toba spie unvorstellbare Massen von Materie in hohe Regionen der Atmosphäre. Nacht setzte ein, Jahrzehnte gab es keinen Sonnenschein mehr. Ein extremer Temperatursturz ließ abrupt einen viele Jahre währenden vulkanischen Winter über den Planeten Erde hereinbrechen. Giftiger Schwefel regnete auf Land und Meer herab. Massensterben waren die Folge. Mensch und Tier wurden an den Rand des Aussterbens gebracht. Wie viele Menschen weltweit die höllische Apokalypse überstanden haben mögen? Darüber streiten sich die Experten. Zahlen zwischen 1.000 und 10.000 Menschen als Gesamtbevölkerung unseres Globus werden genannt! Eine dicke Ascheschicht im Grönlandeis lässt erahnen, wie schlimm die Katastrophe vor 75.000 Jahren gewesen sein muss!

Was sich im Verlauf der Erdgeschichte immer wieder wiederholte ... das wird auch in Zukunft immer wieder geschehen. Unzählige Supervulkane sind längst überfällig, zum Beispiel jener unter dem riesigen Areal des Yellowstone-Parks in den USA. Wird er schon bald die nächste Apokalypse bewirken? Hank Heasler, Park Geologe, lässt keine Zweifel aufkommen: »Die Frage ist nicht, ob er ausbrechen wird, sondern wann.« Vor 2,1 Millionen Jahren spie der Supervulkan – das ist die offizielle wissenschaftliche Bezeichnung für den Monstervulkan – 2450 Kubikkilometer Magma empor. Vor 1,3 Millionen Jahren waren es »nur« 280 Kubikkilometer. Vor 640.000 Jahren kam es zur bislang letzten gewaltigen Entladung: 1.000 Kubikkilometer. Zum Vergleich: Der gewaltigste Vulkanausbruch der jüngsten Vergangenheit war der von 1815 in Indonesien. Der »Tambora« schleuderte 50 Kubikkilometer glühende Magma in die Luft. Bei der Apokalypse im Gebiet des »Yellowstone Nationalparks« vor 2,1 Millionen Jahren war es fast 50 Mal so viel!

Nach dem Weltbild der Azteken leben wir im letzten der fünf Erdzeitalter. Am Ende wird alles Leben auf unserem Planeten ausgelöscht werden. Wiederholt hatte das Leben auf Planet Erde unglaubliches Glück. Wiederholt ereigneten sich globale Katastrophen, so wie sie in der Mythenwelt der Azteken beschrieben werden. Es ist nur eine Frage der Zeit: Irgendwann wird die Erde zur toten Kugel, die als Welt ohne Leben die Erde umkreist.

Zwei Möglichkeiten gibt es: Wir können fatalistisch das Ende alles Lebendigen akzeptieren. Oder wir können versuchen, Raumfahrt zu entwickeln ... und als Menschheit in die Tiefen des Alls auswandern! Das amerikanische Pentagon hat nun ein kühnes Projekt initiiert: Es soll mit der Entwicklung von Raumschiffen begonnen werden, die in einhundert Jahren bereit stehen werden ... um Planet Erde zu verlassen und zu fernen Sternen zu reisen.

Arche Noah
Gemälde von Edward Hicks
Um es biblisch auszudrücken: Noah hat rechtzeitig mit dem Bau der berühmten Arche begonnen. Als die Sintflut ausbrach, stand das Rettungsschiff zur Verfügung. Kosmische Rettungsschiffe für eine Evakuierung ins All können nicht erst gebaut werden, wenn eine finale kosmische Katastrophe ausbricht. Dann ist es zu spät. »Was das alles kostet ...« wenden Kritiker ein. Ich sehe kosmische Rettungsschiffe als die große Chance für die Menschheit an. Wir müssen uns alle – über jede religiöse, geographische oder nationale Grenze hinweg – zusammentun und als Menschheit am kühnsten Projekt der Geschichte des Planeten arbeiten: am Projekt »Aufbruch ins All«. Der ehemalige Astronaut und Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der TU München Ulrich Walter: »Wenn eines Tages ein Asteroid einzuschlagen droht, und die Menschheit ganz plötzlich eine Arche braucht, wird niemand mehr mit … ethischen Bedenken ankommen.«

Wir müssen lieber gestern als morgen mit der Entwicklung von kosmischen Archen beginnen ...

Buch von Walter-Jörg Langbein: 2012 - Endzeit und Neuanfang

Fußnoten
1 Krickeberg, Walter (Hrsg.): Märchen der Azteken und Inkaperuaner, Neuauflage, Düsseldorf 1972, Seite 10
2 ebenda, S. 11
3 ebenda, S. 11 und 12
Hinweis: In meinem Buch »2012« gehe ich sehr viel ausführlicher auf das Thema dieses Blogbeitrags ein. Themen »Beinahe-Apokalypsen« und »Aufbruch ins All« werden fundiert behandelt!

»Am Nabel der Welt«
Teil 105 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.01.2012

Sonntag, 4. September 2011

85 »Der Lebensbaum in der Wüste«

Teil 85 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Auf der Osterinsel erlebte ich mehrere Male, wie sich ein dramatisch grollender Himmel und eine sattgrüne Erde zu berühren schienen. Die Natur bot so eine geradezu ideale Naturbühne für ein mysteriöses Schauspiel ... für eine Voodoozeremonie. »Houngan-Man« leitete die Zeremonie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Himmel und Erde
Foto: Walter-Jörg Langbein
»Houngan-Man« erklärte mir die Geheimnisse der Osterinsel, die mir das Eiland in ganz anderem Licht erscheinen ließen. Ob seine Version die richtige ist? Ich weiß es nicht. Die Statuen der Osterinsel, so bedeutete er mir, stecken nicht zufällig zu einem großen Teil in der Erde und ragen mit steinernem Haupt in den Himmel empor. »Die Vulkane der Osterinsel verbinden Erde und Himmel. In der Spitze geht der feuerspeiende Berg in den Himmel über.« Die Statuen – aus Vulkangestein – »verbinden ebenfalls Erde und Himmel«.

Dankbar denke ich an aufschlussreiche Gespräche mit dem »Magier« zurück. Immer wieder greife ich auf meine handschriftlichen Notizen, die ich von der Osterinsel mitgebracht habe, zurück. Dann kommt es mir vor, als wäre ich eben erst auf der Osterinsel gewesen ...Wenn dem Menschen die Natur fremd wird, wenn der Mensch meint, die Natur beherrschen zu können ... so der »Houngan-Man«, gehe die Einheit von Erde und Himmel verloren. »Die steinernen Statuen waren der Versuch, Himmel und Erde wieder miteinander zu verbinden ... so wie der Turm zu Babel!«

Ich werfe ein: »Aber hat nicht Gott diesen Turm zerstört?« So stehe es in der Bibel, antwortet der Magier. »Aber die Bibel wurde von Männern des Patriarchats geschrieben! Männliches Machtstreben wollte die Natur unterwerfen und hat den Menschen von der Natur entfremdet. Die Zerstörung des Tempels bedeute Zerstörung der einst heilen, heiligen Natur.

Verbindung von
Erde und Himmel
Foto:
W-J.Langbein
Kurzzeitig gerät der »Houngan-Man« in Rage. »Wer meint, die Natur ausbeuten zu können ... der stört den Kreislauf zwischen Erde und Himmel ... zwischen dem Meer auf Erden und dem Meer des Himmels! Wer dieses Gleichgewicht stört, kann kurzfristig zu Macht und Reichtum kommen ... Langfristig stellt die Natur aber das alte Gleichgewicht wieder her ... auch wenn sie den Menschen wie einen Parasiten auslöschen muss!«

Das alte Wissen von den Kräften von Mutter Erde verbietet eine Ausbeutung der Natur ... so der »Houngan-Man«. »Im Patriarchat wird dieses Wissen den Menschen vorenthalten!« In der Bibel werde dieses Wissen als »göttlich« bezeichnet und den Menschen vorenthalten. Die Schlange stehe für die Göttin des Matriarchats, die den Menschen das Wissen um die Geheimnisse der Natur zugänglich machen will ... was der Gott des Patriarchats verbiete. Im »Alten Testament« heißt es (1): »Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.«

Mir kamen die Interpretationen biblischer Texte damals – im Oktober 1992 – reichlich skurril vor, wie ich zugeben muss. Das gab ich auch dem »Magier« zu verstehen. Der »Houngan-Man« nickte nur väterlich-milde. »Du wirst noch Jahrzehnte brauchen, um zu verstehen ...« Bei unserer letzten Begegnung gab er mir so etwas wie eine Prophezeiung mit auf den Weg.

»Das Geheimnis der ewigen Natur ist der Lebensbaum. Du wirst ihm dreimal begegnen ... und erst dann wirst du wirklich verstehen ...« Ich muss zugeben: fast 20 Jahre sind seit der letzten Begegnung mit dem »Houngan-Man« verstrichen ... und ich verstehe das große Geheimnis immer noch nicht. Mir ist allerdings der »Lebensbaum« erst zwei Mal begegnet ...

Der Lebensbaum in der Wüste
Foto W-J.Langbein
Jahre nach meiner so besonders interessanten Visite auf der Osterinsel war ich mit einer kleinen Gruppe von Leserinnen und Lesern in einem Motorboot unterwegs. Wir fuhren an der peruanischen Küste entlang, unterwegs zum mysteriösen »Dreizack von Pisco«, der auch als »Kandelaber« bezeichnet wird.

Ich erinnere mich: Von Pisco waren wir mit einem Minibus zum Hafen von Paracas gefahren. Von dort aus setzten wir unsere Reise im röhrenden Motorboot fort. In scheinbar rasender Fahrt über mächtige Wellen, die wie mit Riesenfäusten gegen den Rumpf unseres Bootes pochten, passierten wir »Puerto San Martin«. Wir umrundeten eine kleine Insel. Und plötzlich sahen wir etwas, das uns wie ein magisches Zeichen vorkam: den »Kandelaber« von Pisco. Er sieht so aus, als habe ein Riese dieses große Bildnis in den trockenen Wüstenboden gekratzt.

Unterschiedlichste Erklärungen sind in der Literatur zu finden, unterschiedlichste Interpretationen wurden und werden immer wieder vorgetragen ... so wie auch die absurdesten Größenangaben im Internet kursieren.

Was aber soll das Riesenbild – 180 Meter misst seine Höhe, 70 Meter seine Breite – darstellen? Wenn ich mich daran erinnere, wie wir in unserem Boot auf die riesige Erdzeichnung am sanft ansteigenden Hang zufuhren... drängt sich mir (m)eine Interpretation auf: Der »Kandelaber« scheint Meer und Himmel, Erde und Himmel miteinander zu verbinden. Bei Miloslav Stingl lese ich (2): »Andere erblicken darin (im Kandelaber) keinen Kaktus, sondern jenen sagenhaften ›Baum des Lebens‹«. Ich glaube: mir ist in der Bucht von Pisco der vom »Houngan-Man« prophezeite »Lebensbaum« begegnet ... ein riesiger Lebensbaum ... in der Wüste.

Deckengemälde in der Kilianskirche
Foto: W-J.Langbein
Ostern 2011 besuchte ich wieder einmal die Kilianskirche zu Lügde. Nachdem sie monatelang geschlossen und renoviert worden war, durfte sie nun wieder besucht werden. Die Kilianskirche gehört zu den ältesten Gotteshäusern Deutschlands. Ihre Anfänge reichen weit ins erste nachchristliche Jahrtausend zurück. Schon 784 soll Karl der Große im Vorgängerbau der Kilianskirche Weihnachten gefeiert haben. Ostern 2011 betrat ich nach langer Zeit wieder einmal die Kilianskirche ... und nahm so manches Foto auf ... auch von der Decke des Gotteshauses.

Dabei ärgerte ich mich über eine von der Decke hängende, für mein Empfinden hässliche und sehr störende Lampe. Wie ich auch das Teleobjektiv gen Decke richtete ... immer kamen der Lampenschirm nebst Glühbirne und die Aufhängung der Lampe ins Bild. Hätte man die zweifelsohne wichtige Beleuchtung nicht an anderer Stelle anbringen können?

Wieder zuhause studierte ich den kleinen, sehr empfehlenswerten Kirchenführer »Die Kilianskirche in Lügde« (3). Und da lese ich (4): »Die Kirche wurde im Stile der im Weserraum und auch am Hellweg üblichen Dekorationsmalereien ausgeschmückt. Die Kreuzgewölbe wurden durch ochsenblutrote, leider fast nicht mehr vorhandene, spiegelbildliche Gratbänder gegliedert und mit Lebensbäumen versehen. Im südlichen Mittelschiff ist noch Eva mit Schlange in der ursprünglichen Malerei erhalten.«

Eva mit Lebensbaum
und Schlange
Foto: W-J.Langbein
Die Eva war mir beim Fotografieren ... wegen meines kleinlichen Ärgers ob der Lampe ... nicht aufgefallen. Beim genauen Betrachten meiner Aufnahmen habe ich sie dann entdeckt: die biblische Eva ... am »Lebensbaum« mit Schlange! Mit kundiger Hand hat eine liebe Kollegin die störende Leitung zur Lampe aus dem Bild entfernt. (5)

Da steht sie dann ... »Eva mit Schlange«, gemalt im 12. Jahrhundert ... also zwischen 800 und 900 Jahre alt! Und die Schlange ringelt sich am »Lebensbaum« empor. »Houngan-Man« würde das Bild so deuten: Die Göttin Schlange bietet Eva das Wissen des Lebensbaums an ... das Geheimnis von Leben und Tod. Der Mensch ist nicht Herr der Natur. Die Göttin befiehlt NICHT, der Mensch solle sich die Erde untertan machen. Die Göttin fordert Ehre und Achtung für »Mutter Erde« ... nicht ihre Ausbeutung! Wir müssen im Einklang mit der Natur leben, uns nicht einbilden, die Natur beherrschen zu können!

Beim Betrachten des Fotos komme ich zur Überzeugung: Das ist der zweite Lebensbaum, den mir der »Houngan-Man« auf der Osterinsel prophezeite!

Eva mit Lebensbaum und Schlange
in der Kilianskirche
Foto: Ingeborg Diekmann
Nun frage ich mich: Wann und wo wird mir der dritte Lebensbaum begegnen? Und was werde ich dann verstehen? Ich bin schon sehr gespannt ... Schon jetzt verspreche ich: Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden als erste bei »EIN BUCH LESEN« informiert!




Fußnoten
1 1.Buch Mose Kapitel 3, Verse 4 und 5
2 Stingl, Miloslav: »Auf den Spuren der ältesten Reiche Perus«, Leipzig, Jena, Berlin, 2. Auflage 1990, S. 107
3 Stumpe, Dieter (Text): »Die Kilianskirche in Lügde«, herausgegeben von der Kath. Kirchengemeinde St. Marien, Lügde und Hameln 2010
4 ebenda, Seite 10
5 Zusätzlich habe ich beim Foto den Kontrast etwas verstärkt, das Foto selbst wurde nicht verändert.

»Das Geheimnis des Drachen«,
Teil 86 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 11.09.2011


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