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Sonntag, 19. August 2018

448 »Voodoo-Magie für den Weltfrieden?«

Teil 448 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Direkt am steinigen Ufer...
»Urians Reise um die Welt« heißt ein Gedicht von Matthias Clauidus (*1740;†1815), das kaum noch jemand kennt. Die einleitenden Worte freilich sind immer noch vielen Zeitgenossen recht geläufig:»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen.« Matthias Claudius lässt seinen Protagonisten Urian eine gemütliche Art des Reisens wählen: »Drum nahm ich meinen Stock und Hut, Und tät das Reisen wählen.« Urian muss sehr gut zu Fuß gewesen sein, erreichte er doch im Gedicht recht schnell nacheinander den Nordpol, Grönland, Nordamerika, Mexiko, Asien und Afrika. Die Osterinsel stand nicht auf Urians Reiseprogramm. Jakob Roggeveen hatte sie Ostern 1722, also schon zu Lebzeiten von Matthias Claudius, entdeckt. Aber selbst Abenteurer machten sich damals kaum auf, um das mysteriöse Eiland im Pazifik zu erkunden. Mich hingegen zog es immer wieder zur Osterinsel. Hannover – Frankfurt – Santiago – Osterinsel war die wohl angenehmste Route, so viel wie möglich mit Lan Chile. Vor Ort lernte ich einige kundige Führerinnen und Führer kennen. Der interessanteste Guide aber war ein gewisser »Houngan-Man«. Der erfreute sich bei den einheimischen Führern offenbar keiner großen Beliebtheit, war er doch kein »Einheimischer«, sondern ein Auswärtiger, ich glaube ein Brasilianer.

»Houngan-Man« führte mich als erstes zum »Nabel der Welt«. »Te Pito o Te Henua« nannten die Osterinsulaner ihre Heimat. Häufig wird dieser wohlklingende Ausdruck mit »Nabel der Welt«, manchmal auch mit »Am Ende der Welt« übersetzt.

Vorbei ging es an einem in Trümmern liegenden Osterinselriesen. »Der Moai heißt ›Poro‹!«, erklärte mir »Houngan-Man«. »Noch 1938 stand er auf seiner Plattform, ragte stattliche 9,80 Meter in den Himmel.« Dann erreichten wir unser Ziel: Zunächst sehe ich, nur wenige Schritte von der Meeresbrandung entfernt, ein Steinmäuerchen, etwa kniehoch. Es besteht aus kleinen, unregelmäßigen Steinbrocken und ist nach einer Seite offen. Durch diesen Eingang betritt man den Steinkreis. In dessen Mitte liegt eine eiförmige Steinkugel mit einem Durchmesser von knapp 80 Zentimeter. Um diesen steinernen, rötlichen »Nabel der Welt« herum liegen vier kleinere, nicht ganz so runde, sondern eher flache Steine.

Foto 2: ... der »Nabel der Welt«.
Die vier Steine, so erfahre ich, stellen die vier Windrichtungen dar. Die schützende, niedrige Steinmauer, so erfahre ich weiter, soll erst nach 1975 erstanden sein. Angeblich ist sie auf Fotos von 1975 und davor noch nicht zu sehen. Wer sie gebaut hat und warum? Eine Antwort konnte mir niemand geben. Seltsamer Weise wird sie offenbar, von wem auch immer, verändert. Mal ist die »Öffnung« sehr schmal, manchmal etwas weiter. Manchmal ist sie zum Meer hin, manchmal landeinwärts geöffnet. Die kleineren Steine werden häufig als »Hocker« benutzt.

Der eiförmige Stein, so hörte ich wiederholt vor Ort, habe ursprünglich im Norden der Osterinsel gelegen und wurde, angeblich »vor sehr langer Zeit«, vom »Ahu A Kapu« im Norden zum »Ahu Te Pito Kura« geschafft worden. So ein »ahu« bestand ursprünglich aus einer steinernen Plattform, auf die eine steinerne Rampe führte. Oben auf der Plattform standen stolze »Moais«, die berühmten Kolosse der Osterinsel. Sie trugen »Hüte«, »Frisuren« oder »Helme« aus rotem Stein. Um die Plattform herum, so erklärte mir nicht nur der »Houngan-Man« liegen die Ahnen begraben. Auf diesen Gräbern liegen viele flache Steine. Zudem gehörte einst zu jedem »ahu« ein »rechteckiger Vorplatz für zeremonielle Feste«.

Ein Geistlicher erklärte mir im Gespräch nach dem sonntäglichen Gottesdienst, dass es bei diesen »Festen« um »nach strengen Vorschriften abgehaltene Riten« gegangen sei. Angeblich sind diese Riten auch heute noch Eingeweihten bekannt, Fremde werden allerdings nicht in das Wissen um die Riten und Rituale eingeweiht. Auch nicht alle Jugendlichen lernen, was die Wissenden nur »Würdigen« anvertrauen. »Das müssen wir verstehen!«, meinte der Geistliche. »Aber wir ›Fremden‹ haben den Menschen der Osterinsel in den  vergangenen 300 Jahren nur Leid, Elend, Tod und Verderben gebracht! Wissende begegnen uns nach wie vor mit Misstrauen!«

Foto 3: Umgeben von einem Steinmäuerchen ...
Wer die Osterinsel besucht, sollte unbedingt an einem österlichen Gottesdienst teilnehmen. Bevor der Geistliche »übernimmt« singen Einheimische mit Begeisterung altes Liedgut. Die Stimmung ist unbeschreiblich: Lebensfreude pur. Gesungen wird voller Inbrunst, laut und mit ansteckender Begeisterung. Wenn ich da an den drögen, sich meist zäh dahinschleppenden Singsang in unseren Kirchen denke!

Offenbar ist es mir gelungen. das Vertrauen des »Houngan-Man« zu gewinnen. Er erzählte mir von einer »Voodoo-Zeremonie« die er abhalten würde. Nachdem »Houngan-Man« mich eingeladen hatte, als stiller Beobachter teilzunehmen, spendierte ich fünf Flaschen Whisky einer bekannten Edelmarke und zwei Stangen Zigaretten. »Houngan-Man« versicherte mir, es werde keine Tieropfer geben.
Wie lange dauerte das Ritual? Was war Ritual, was war Vorbereitung? 

Ich war als stiller Beobachter von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dabei. Aktiv mitgewirkt haben sieben junge Männer, nämlich vier Chilenen, zwei Peruaner und ein »Houngan-Man«, der die »magische Zeremonie« leitete. Zunächst warteten wir am Steinbruch auf ein »himmlisches Zeichen«. Als ein heftiger Schauer über uns prasselte, verkündete »Houngan-Man«, jetzt könne es los gehen. Jetzt musste nur noch der richtige Ort für das Ritual gesucht werden. In zwei Jeeps ging es über »Stock und Stein« zur Küste. Manchmal konnten wir schlechte Feldwege nutzen, mussten allerdings immer wieder Geröll von der Straße räumen. Und endlich schenkte uns der Himmel den schönsten Regenbogen meines Lebens.

Foto 4: »Voodoo-Zauber« für den Weltfrieden?
Wie eine im wahrsten Sinne des Wortes himmlische Erscheinung wuchs er aus dem vom Regen aufgepeitschten Meer und schlug eine Brücke aus traumhaft schönem Licht von schaumgekrönten Meereswogen zum Land. »Erzulie hat uns ein Zeichen gegeben, Erzulie sei Dank!« frohlockte »Houngan-Man«. Wenige Minuten später änderte sich das Wetter im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig. Starke Windböen hatten die dichte Wolkendecke aufgerissen und weit aufs Meer hinaus getrieben. Der Himmel war wieder unschuldig babyblau.

Wir hatten, so kam es uns vor, genau die Stelle erreicht, an der der Regenbogen das Land berührt hatte. Aus Steinbrocken unterschiedlicher Größe errichteten wir nach den Anweisungen des Priesters nur wenige Meter vom Strand entfernt ein etwa fünfzehn Zentimeter hohes Mäuerchen. Das Ergebnis mehrstündiger Schufterei, die mir blutige Hände bescherte: ein steinernes Quadrat, etwa zweimal zwei Meter »groß«.  Es war nur dem »Houngan-Man« erlaubt, das Innere des »Tempels« betreten. Im Zentrum des Quadrats legte er Pappe aus. Darauf zeichnete er mit kalkähnlichen weißlichen kleinen Steinkörnern ein kleines Quadrat. Von Zentrum aus führten vier Linien durch die Ecken des Quadrats zu kleinen Häufchen aus dem gleichen Material. Im geometrischen Zentrum des Quadrats platzierte der »Houngan-Man« einen eiförmiger Stein, den er gefunden hatte. Das war der »Altar«. Erst jetzt begann die eigentliche »Zeremonie«.

»Ich beginne mit dem Opfer!«, verkündete »Houngan-Man«. Die von mir gestifteten Whiskyflaschen standen zur Verfügung. »Houngan-Man« nahm einen kräftigen Schluck und goss den Rest größten Teil des hochprozentigen Getränks ins Meer. Dann kamen die Zigaretten ins magische Spiel. Eine Zigarette steckte sich der »Houngan-Man« an, alle anderen zerfetzte er und streute sie auf die Pappe. Ein batteriebetriebener Kassettenrekorder kam zum Einsatz. Songs von Elvis Presley erklangen. Die sechs Männer aus dem Team des »Houngan-Man« begleiteten die Musik auf drei großen und drei kleinen Trommeln. Mit kleinen eisernen Schlegeln droschen sie auf ihre Instrumente ein. Vier Stunden Sang Elvis, vier Stunden wurde getrommelt, vier Stunden murmelte »Houngan-Man« Gebete. Und vier Stunden benötigten angeblich vier Erdgeister, um aus den vier Himmelsrichtungen zu erscheinen. Der »Houngan-Man« schien sie zu sehen, für mich blieben sie unsichtbar. Der Rekorder wurde abgestellt, Elvis verstummte.

Foto 5: Die schwarze Kugel im Zentrum des »Zaubers«

Der »Houngan-Man« warf weißliche, kalkähnliche Steinchen in die vier Himmelsrichtungen, bekreuzigte sich, drehte sich dabei einmal im Kreis. Ich habe es mir genau eingeprägt: Während er gen Osten blickte, berührte er mit einer Hand seine Stirn. Als er gen Westen schaute, berührte er seine Brust, gen Norden schauend seine linke rechte Schulter, gen Süden blickend seine rechte Schulter. Dabei schrie er etwas wie »Linsahmawu, Vuvulivhawe« und segnete die Erde. Eine lange, für mich unverständlich Litanei schloss sich an. Laut rief der »Houngan-Man« wohlklingende Namen angeblich wichtiger Geister.

Schließlich setzte er sich und ließ einen monotonen Sprechgesang vernehmen. Das zog sich eine gefühlte Ewigkeit hin. Nach etwa drei Stunden entzündete er Priester vier Kerzen, die er um den Altarstein platzierte.

Foto 6: Echter Zauber ...
Ich muss zugeben: Langsam bereute ich, die Einladung zur Zeremonie angenommen zu haben. Ich sehnte mich nach meinem Bett in der kleinen Familienpension. Einfach gehen wollte ich aber auch nicht. Meine Geduld wurde hart auf die Probe gestellt. Es folgte eine lange Litanei von seltsamen Namen. Als der »Houngan-Man« endlich verstummte, wollte ich schon erleichtert aufspringen. Doch die Zeremonie war noch nicht beendet! Eine gute Stunde saßen wir alle schweigend. Endlich setzte wieder Regen ein und löschte nach die Kerzen. Erneut kam der Kassettenrecorder zum Einsatz, erneut schlugen die sechs Männer auf ihre Trommeln ein, erneut wurde etwa vier Stunden lang »musiziert«. Ich musste sitzen, »Houngan-Man«  durfte im steinernen Viereck auf und ab schreiten. Dabei brüllte er seltsame Namen gegen immer heftiger werdenden Wind schrie.

Endlich verstummte die Musik. Der »Houngan-Man« löste nach und nach Steine aus der quadratischen Umrandung und warf sie ins Meer. Er tat das bedächtig, routinemäßig. Er schrie für mich Unverständliches, vielleicht Zaubersprüche oder Namen von Geistern. Schließlich hatte selbst die Sonne genug und versank im Meer. Die kleine Mauer war Stück für Stück im Meer versunken. Das Team hatte dabei den »Houngan-Man« tatkräftig unterstützt. Ich durfte nicht mitmachen. Der »Houngan-Man« beendete endlich die Zeremonie, indem er den letzten Stein und die Pappe ins Meer warf.

Spät am Abend erklärte mir der Priester, er habe einen Voodoo-Ritus zelebriert, vier Erdgeister herbeigerufen. »Sie mussten von weit, weit her kommen, deshalb mussten wir ihnen viel Zeit lassen.« Er habe die Geister beschworen, sie inständig gebeten, von der friedlichen Kraft der Osterinsel gespeist in alle vier Himmelsrichtungen auszuschwärmen und positive Energie über die Erde zu verteilen. Wie er mir weiter versicherte, würde er ähnliche Zeremonien in verschiedenen Staaten Südamerikas, aber auch auf einigen anderen Südseeinseln abhalten. So würde er für den Weltfrieden arbeiten. Leider habe sein Vater mit »bösen Geschäften« in Brasilien viel Unheil angerichtet. Auf dem Totenbett habe er ihn, seinen Sohn gebeten, durch Voodoo-Magie sein Unrecht so weit wie möglich wieder ungeschehen zu machen. »Ich erbte ein nicht unerhebliches Vermögen, ließ mich auf Haiti zum Voodoo-Priester ausbilden und erfülle nun schon seit Jahren den letzten Willen meines Vaters.«

Foto 7: ... oder doch nur ...
Als ich spät abends wieder in meinem Hotelzimmer müde von einem langen Tag das Licht löschte, konnte ich dennoch lange nicht einschlafen. Was hatte ich erlebt? Ein wirkliches magisches Voodoo-Ritual, einen Beitrag zum Weltfrieden? Oder war ich Betrügern aufgesessen? Insgesamt hatte ich fast drei Tage ich mit den geheimnisvollen sieben Männern verbracht. Sie haben kein Geld gefordert, ich habe nichts bezahlt, ein »Trinkgeld« lehnten sie entrüstet ab. Verdient haben sie mit der mysteriösen Prozedur also nichts.

Fotografieren durfte ich nicht. Der Voodoo-Priester selbst hat in einer kurzen »Verschnaufpause« am Nachmittag mit meinem Fotoapparat einige Aufnahmen vom »Altarstein« mit der seltsamen Symbolzeichnung gemacht.

Bevor wir uns verabschiedeten, fragte ich »Houngan-Man« nach den Zombies von Haiti. »Stecken die Voodoo-Priester dahinter?« Mein Gesprächspartner wurde sehr ernst. »Es gibt weiße und schwarze Magie. Ehrbare Voodoo-Priester tun nichts Böses. Sie helfen den Menschen. Sie setzen sich nicht über Leben und Tod hinweg. Manche Voodoo-Zauberer aber überschreiten Grenzen, die kein Mensch auch nur antasten dürfte. Sie kennen das Geheimnis der Zombies. Rechtschaffene Voodoopriester wenden es aber nicht an, schwarzmagier hingegen schon.« Ich fragte nach: »Worin besteht das Geheimnis?« Eisiges Schweigen war die Antwort.

Jahrzehnte sind seit jenem merkwürdigen Ritual auf der Osterinsel verstrichen. Bis zum heutigen Tage weiß ich nicht wirklich, wie ich es bewerten soll.

Foto 8: ... Hokuspokus?
Vielleicht war alles »fauler Zauber«. Möglich ist das natürlich. Vielleicht machten sich die sieben Männer lustig über mich, den dummen Touristen aus Deutschland. Vielleicht war die angeblich magische Zeremonie für den Weltfrieden Schmierentheater vom Feinsten. Vielleicht wurde ich einfach nur hinters sprichwörtliche Licht geführt. Aber warum? Gauner wollen in der Regel ihre Opfer abkassieren. Ich habe keinen Cent bezahlt. Zigaretten und Whisky wurden »geopfert«, nicht von dem »Voodoo-Priester« und seinem Team konsumiert. Und wenn die »Zeremonie« doch nur Larifari war? Dann hat der »Houngan-Man« nichts für den Weltfrieden getan. Das hat er aber, so traurig das ist, zwar nichts erreicht, er hat aber auch den Frieden nicht gefährdet. Leider kann man das von so manchem Politiker nicht sagen. So mancher Politiker schadet leider dem Weltfrieden massiv. So mancher Politiker scheint aktiv für den Krieg zu arbeiten.

Zu den Fotos
Foto 9: Kugel, Pulver, Zigaretten ...

Foto 1: Direkt am steinigen Ufer... Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 2: ... der »Nabel der Welt«. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Umgeben von einem Steinmäuerchen ... Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Voodoo-Zauber« für den Weltfrieden? Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die schwarze Kugel im Zentrum des »Zaubers«. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 6-8: Echter Zauber oder doch nur Hokuspokus? Foto(s): Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kugel, Pulver, Zigaretten ... Foto Walter-Jörg Langbein



449 »Putsch auf der Osterinsel?«,
Teil 449 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26.08.2018





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Dienstag, 22. September 2009

Südsee- Magie... Voodoo auf der Osterinsel

I
»Ein Buch lesen«....Bücher können uns die Augen öffnen, wenn wir uns auf sie einlassen. Wir sehen die Dinge dann aus anderer, ungewohnter Perspektive. Gute Bücher lassen uns nachdenklich werden. Was ist Wirklichkeit? Gibt es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als uns die Schulweisheit lehrt? In den vergangenen dreißig Jahren erlebte ich auf meinen Reisen immer wieder Geheimnisvolles und Mysteriöses. Ich bekam Zweifel, ob die Grenze zwischen »Wirklichkeit« und »Magie« wirklich so scharf gezogen ist.

Ich war Zeuge einer Voodoo-Zeremonie, die mit großem Ernst auf der »Osterinsel« abgehalten wurde. Recherchen zu einem Buch hatten mich wieder einmal auf das ferne Eiland geführt. Die mysteriöse Zeremonie war nicht gerade kurz. Sie währte immerhin einen ganzen Tag, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Beteiligt waren insgesamt sieben Personen, vier Chilenen, zwei Peruaner und ein Brasilianer. Ich war als stiller Teilnehmer dabei. Der Chef der Gruppe nannte sich »Houngan-Man«. Er leitete als Priester das magische Ritual.

Das ich mit von der Partei sein durfte, das war keine Selbstverständlichkeit. Erst nach wirklich langwierigen Verhandlungen wurde ich Autor als Zeuge toleriert. Voraussetzung dafür war eine »Spende«: fünf Flaschen Whisky einer bekannten Edelmarke und zwei Stangen Zigaretten.

Zunächst, so verkündete »Houngan-Man«, müsse ein »himmlisches Signal« abgewartet werden. Allerdings verriet er auch auf fast schon unhöfliches Nachfragen nicht, wie denn der himmlische Fingerzeig aussehen werde. So fühlte sich der Autor fast in das Bühnenstück »Warten auf Godot« versetzt. Die Zeit, sie scheint auf der Osterinsel sowieso schon langsamer als in der übrigen Welt zu verstreichen, tröpfelte träge dahin. Eineinhalb Tage harrte unsere kleine Gesellschaft beim altehrwürdigen Steinbruch der Osterinsel aus. Was würde uns eine überirdische Nachricht vermitteln. Und wie sollte das geschehen? Das wusste nur der schweigsame Priester.

Am frühen Morgen des dritten Tages endlich sollte plötzlich alles ganz schnell gehen. Etwa eine Stunde nach Sonnenaufgang brach ein starker Regenschauer über das Südseeeiland herein. Sofort handelte der »Zeremonienmeister«. Er kommandierte uns in die beiden Jeeps. Auf teilweise halsbrecherischen Wegen, manchmal auch querfeldein, fuhren wie die Küste des Eilands ab. Wir suchten einen Regenbogen, dem biblischen Zeichen der Gottesnähe. Immer wieder musste die Fahrt kurz unterbrochen werden. Manchmal lagen Felsbrocken auf der Straße, manchmal umgestürzte Bäume. Hurtig sprangen wir aus den Wagen und räumten schwitzend Hindernisse aus dem Weg. Bald waren wir vom Regen bis auf die Haut durchnässt. Die sogenannten »Straßen« erwiesen sich meist als seit Jahren nicht mehr benutzten Feldwege. Manchmal hörten sie abrupt auf und endeten im Gebüsch oder an einer Steilklippe. Wir mussten immer wieder querfeldein fahren. Die Götter - oder waren es die Geister - waren uns gnädig. Sie belohnten unsere Suche und schenkten uns ein bemerkenswertes Schauspiel. Es war der schönste Regenbogen meines Lebens.

Plötzlich stand eine Brücke aus Licht im Himmel. Wie eine überirdische Erscheinung wuchs sie aus dem vom Regen aufgepeitschten Meer. Sie verband schaumgekröntes Wasserwogen und festes Land. »Erzulie hat uns einen Hinweis gegeben, Erzulie danken wir!« verkündete der »Houngan-Priester« mit Pathos. Nur einige Minuten später änderte sich das Wetter im wahrsten Sinne des Wortes blitzartig. Starke Windböen rissen die dichte Wolkendecke auf. Die Regenwolken wurden weit aufs Meer hinaus getrieben. Plötlich strahlte der Himmel wieder unschuldig blau.

Wir hatten jene Stelle erreicht, an der scheinbar der Regenbogen das Land berührt hatte. Nach alten Märchen soll das ein Hinweis auf einen Schatz sein. Doch wir gruben nicht nach verborgenen Kostbarkeiten. Hastig trugen wir Felsbrocken unterschiedlicher Größe zusammen. Es war fast immer Lavagestein. Nach den präzisen Anweisungen des Priesters errichteten wir daraus eine nur etwa fünfzehn Zentimeter hohe Mauer. Unser Bauwerk war alles andere als beeindruckend. Und doch war ich vollkommen verschwitzt. Meine Hände schmerzten und bluteten.

Schließlich nickte der »Houngan-Priester« zustimmend. Er war also zufrieden. Nur wenige Meter vom Strand entfernt hatten wir ein steinernes Quadrat gebaut. Es war etwa zwei mal zwei Meter »groß«. Der »Houngan-Mann« trat erst jetzt in Aktion. Nur er durfte das Innere des so geschaffenen »Tempels« betreten. Pedantisch ermittelte er das Zentrum des Quadrats. Dort breietete er Pappe aus. Darauf streute er helle Steinkörnchen. Sie ergaben ein Quadrat. Vom Zentrum aus führten vier gerade Linien durch die Ecken des Quadrats. Sie führten zu kleinen Steinhäufchen außerhalb des Quadrats. Der Schnittpunkt dieser Linien kennzeichnete das geometrische Zentrum des Quadrats. Dort legte der der »Houngan-Man« einen dunkelen, eiförmiger Stein.Und den hatte er höchstselbst am Strand entdeckt. Das war der eigentliche »Altar«. Bald würde, so wurde mir bedeutet, die eigentliche Zeremonie beginnen.

»Ich bitte um Ruhe... muss mich konzentrieren! Jetzt beginne ich mit dem Opfer!« gab mir der Priester zu verstehen. Er ließ er die von mir spendierten Whiskyflaschen herbei holen. Würde er sich betrinken? Oder mussten wir uns alle einem allgemeinen Besäufnis auf meine Kosten hingeben. Tatsächlich schien sich meine negative Phantasie zu bewahrheiten. Der »Houngan-Schamane« setzte eine Flasche an die Lippen nahm einen kräftigen Schluck. Es mögen auch zwei oder drei gewesen sein. War ich etwa Betrügern aufgesessen, die unter dem Vorwand, eine »heilige Feier« abzuhalten, Genussmittel beschaffen wollten? Mein Misstrauen erwies sich allerdings als volkommen unbegründet. Der »Houngan-Man« goss den weitaus größten Teil des hochprozentigen Getränks ins unruhige Meer. Die Wogen besänftigten sich nicht.

Nun wurden auch noch meine beiden Stangen Zigaretten ausgepackt. Der Priester riss sie kraftvoll auf. Er entnahm eine Schachtel, öffnete sie und steckte sich genussvoll eine Zigarette an. Seine Begleiter gingen wie schon beim Whisky leer aus. Ich sah sie befremdet an. Einer der Männer klärte mich auf: »Das sind alles Gaben für die Götter, nicht für uns Menschen!« Weitere Zigaretten wurden zerfetzt und um den Altarstein herum gestreut. Die restlichen »Glimmstängel« folgten dem Whisky ins Meer. Die Wogen glätteten sich immer noch nicht.

Schließlich wurde der lang erwartete, der eigentliche magische Ritus eingeleitet. Die sechs Gehilfen des Priesters packten einen kleinen Kassettenrecorder aus. Sie nahmen ihn umständlich in Betrieb und spielten Songs von Elvis Presley ab. Sie selbst blieben dabei nicht passiv. In würdigem Ernst begleiteten die Musik auf drei großen und drei kleinen Trommeln, auf die sie mit eisernen Schlegeln einschlugen. Die ungewöhnliche musikalische Darbietung zog sich in die Länge. Vier Stunden musste ich ausharren. Währenddessen saß der Priester im »steinernen Viereck« und murmelte Gebete und magische Worte. Schließlich verstummte die Musik. Einer der sechs Gehilfen des Magiers raunte mir zu: »Nun sind aus den vier Himmelsrichtungen vier Erdgeister angereist! Sie sind unsichtbar... aber wir spüren ihre Gegenwart!« Er ermahnte mich: »Ruhe bewahren!«

Der »Houngan-Man« sammelte einige der weißlichen, kalkähnlichen Steinchen auf, bespuckte sie und warf sie dann in alle vier Himmelsrichtungen. Er bekreuzigte sich noch, wobei er sich einmal im Kreis drehte. Während er seine Stirn berührte, blickte er gen Osten. Dann wandte er sich gen Westen, legte die Hand auf die Brust. Nach Norden schauend tippte er seine linke, gen Süden gerichtet noch die rechte Schulter an. Laut schrie er »Linsahmawu, Vuvulivhawe« und segnete würdevoll die Erde. Eine lange Litanei folgte, die durchaus an einen christlichen Gottesdienst erinnerte. In einer fremden, geheimnisvollen Sprache brüllte er zahlreiche Namen, die mich manchmal an Heilige der katholischen Kirche erinnerten.

Der monotone Sprechgesang schien sich endlos hinzuziehen. Mir schmerzten Rücken und Beine... und andere Körperteile. Der Ritus mochte etwa drei Stunden gedauert haben. Die »gefühlte Zeit« war wesentlich länger. Schließlich entfachte der »Houngan-Priester« vier Kerzen. Er stellte sie um den eiförmigen Altarstein im Zentrum der kleinen »Kultanlage«. Ich wollte mich schon erleichtert erheben... Doch es ging weiter. Erneut folgte eine lange Litanei von teils exotischen, teils vertrauten Namen. Dann trat Stille ein. Eine Stunde lang lauschten wir den Wogen des Meeres, die nun langsam ruhiger zu werden schienen. Und irgendwann setzte wieder Regen ein. Nach und nach verlöschten zischend die Kerzen. Wieder wurde der Kassettenrecorder in Betrieb genommen. Wieder schlugen die sechs Männer auf ihre Trommeln ein. Wieder wurde weitere vier Stunden musiziert. Der »Houngan-Priester« wurde lauter und lauter. Er stolzierte gravitätisch im »steinernen Viereck« auf und ab. Heftiges Windesbrausen setzte ein. Der »Houngan-Magier« übertönte es lautstark. Er schrie aus Leibeskräften, schleuderte seltsame Namen in den Wind. Ob es einen Orkan geben würde?

Wieder verstummte die Musik. Alles deutete auf das Ende der magischen Handlungen hin. Der »Houngan-Man« hob nach und nach Steine aus der quadratischen Umrandung. Er schleuderte sie energisch ins Meer. Das blieb er irgendwie bedächtig, ja gelassen. Und wieder rief er dabei einen Zauberspruch oder einen »heiligen Namen« aus. Die Sonne hatte wohl genug gesehen von unserem Treiben. Als sie im Meer versank, da war die kleine Mauer vollständigabgetragen. Der Priester bückte sich langsam und nahm vorsichtig den eiförmigen Altarstein. Gemessenen Schritts ging er zum Meer. Bedächtig tauchte er das Steinei in die Wogen. Zu guter letzt holte er die Pappe an den Strand. Er schüttete die feinkörnigen Kalksteinchen ebenfalls ins Meer. Die Pappe schleuderte er in die Südsee.

Was war genau geschehen? Die Gehilfen des »Houngan-Man« hüllten sich in Schweigen. »Unsere Lippen sind versiegelt!« beteuerten sie mir. Irgendwann am Abend erklärte mir der Priester, dass ich einem Voodoo-Ritus beigewohnt hatte. Vier Erdgeister habe er mit Erfolg herbeigerufen . »Sie mussten von weit her kommen. Deshalb mussten wir uns in Geduld fassen und ihnen viel Zeit lassen.« Er habe die Geister inständig gebeten, von sich an der friedlichen Kraft der Osterinsel zu erquicken und dann gesättigt wieder in alle vier Himmelsrichtungen auszuschwärmen. Sie sollten die positive Energie des Eilandes über die Erde verteilen.

Der »Houngan-Man« beteuerte, dass er ähnliche Zeremonien in verschiedenen Staaten Südamerikas, aber auch auf einigen anderen Südseeinseln abhielte, um so für den Weltfrieden zu wirken. Leider, so beklagte er, habe sein Vater mit »bösen, sehr einträglichen Geschäften« in Brasilien viel Unheil angerichtet. Von schlechtem Gewissen geplagt habe ihn sein greiser Vater auf dem Totenbett angefleht, durch Voodoo-Magie sein Unrecht so weit wie möglich zu neutralisieren. Stolz verriet mir der »Houngan-Man«: »Ich erbte ein beträchtlichesVermögen.Einem regulären Beruf musste ich nicht nachgehen. Ich ließ mich auf Haiti zum Voodoo-Priester ausbilden.So erfülle nun schon seit Jahren den letzten Willen meines Vaters.«

Am späten Abend war ich endlich wieder in meinem Hotelzimmer. Schmerzen hinderten mich am Einschlafen. Oder waren es meine Gedanken, die mich um die ersehnte Ruhe brachten?`Was hatte ich erlebt? Hatte der »Houngan-Man« mit seiner Magie tatsächlich etwas für den Weltfrieden getan? Oder war alles nur Schwindel? Die lange Prozedur hat der Gruppe um den Magier keine finanziellen Vorteile gebracht. Sie weigerten sich strikt, eine »Spende« anzunehmen. Den »Houngan-Man« fragte ich erst gar nicht.

Fotografieren durfte ich nicht. Das würde die Geister vertreiben. Allerdings nahm der »Houngan-Man« mit meinem Apparat ein Bild vom Altarstein auf der Pappe auf. Viele Jahre sind seit der geheimnisvollen Zeremonie verstrichen. Bis heute weiß ich nicht, was ich von den seltsamen Geschehnissen halten soll.

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