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Sonntag, 19. August 2018

448 »Voodoo-Magie für den Weltfrieden?«

Teil 448 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Direkt am steinigen Ufer...
»Urians Reise um die Welt« heißt ein Gedicht von Matthias Clauidus (*1740;†1815), das kaum noch jemand kennt. Die einleitenden Worte freilich sind immer noch vielen Zeitgenossen recht geläufig:»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen.« Matthias Claudius lässt seinen Protagonisten Urian eine gemütliche Art des Reisens wählen: »Drum nahm ich meinen Stock und Hut, Und tät das Reisen wählen.« Urian muss sehr gut zu Fuß gewesen sein, erreichte er doch im Gedicht recht schnell nacheinander den Nordpol, Grönland, Nordamerika, Mexiko, Asien und Afrika. Die Osterinsel stand nicht auf Urians Reiseprogramm. Jakob Roggeveen hatte sie Ostern 1722, also schon zu Lebzeiten von Matthias Claudius, entdeckt. Aber selbst Abenteurer machten sich damals kaum auf, um das mysteriöse Eiland im Pazifik zu erkunden. Mich hingegen zog es immer wieder zur Osterinsel. Hannover – Frankfurt – Santiago – Osterinsel war die wohl angenehmste Route, so viel wie möglich mit Lan Chile. Vor Ort lernte ich einige kundige Führerinnen und Führer kennen. Der interessanteste Guide aber war ein gewisser »Houngan-Man«. Der erfreute sich bei den einheimischen Führern offenbar keiner großen Beliebtheit, war er doch kein »Einheimischer«, sondern ein Auswärtiger, ich glaube ein Brasilianer.

»Houngan-Man« führte mich als erstes zum »Nabel der Welt«. »Te Pito o Te Henua« nannten die Osterinsulaner ihre Heimat. Häufig wird dieser wohlklingende Ausdruck mit »Nabel der Welt«, manchmal auch mit »Am Ende der Welt« übersetzt.

Vorbei ging es an einem in Trümmern liegenden Osterinselriesen. »Der Moai heißt ›Poro‹!«, erklärte mir »Houngan-Man«. »Noch 1938 stand er auf seiner Plattform, ragte stattliche 9,80 Meter in den Himmel.« Dann erreichten wir unser Ziel: Zunächst sehe ich, nur wenige Schritte von der Meeresbrandung entfernt, ein Steinmäuerchen, etwa kniehoch. Es besteht aus kleinen, unregelmäßigen Steinbrocken und ist nach einer Seite offen. Durch diesen Eingang betritt man den Steinkreis. In dessen Mitte liegt eine eiförmige Steinkugel mit einem Durchmesser von knapp 80 Zentimeter. Um diesen steinernen, rötlichen »Nabel der Welt« herum liegen vier kleinere, nicht ganz so runde, sondern eher flache Steine.

Foto 2: ... der »Nabel der Welt«.
Die vier Steine, so erfahre ich, stellen die vier Windrichtungen dar. Die schützende, niedrige Steinmauer, so erfahre ich weiter, soll erst nach 1975 erstanden sein. Angeblich ist sie auf Fotos von 1975 und davor noch nicht zu sehen. Wer sie gebaut hat und warum? Eine Antwort konnte mir niemand geben. Seltsamer Weise wird sie offenbar, von wem auch immer, verändert. Mal ist die »Öffnung« sehr schmal, manchmal etwas weiter. Manchmal ist sie zum Meer hin, manchmal landeinwärts geöffnet. Die kleineren Steine werden häufig als »Hocker« benutzt.

Der eiförmige Stein, so hörte ich wiederholt vor Ort, habe ursprünglich im Norden der Osterinsel gelegen und wurde, angeblich »vor sehr langer Zeit«, vom »Ahu A Kapu« im Norden zum »Ahu Te Pito Kura« geschafft worden. So ein »ahu« bestand ursprünglich aus einer steinernen Plattform, auf die eine steinerne Rampe führte. Oben auf der Plattform standen stolze »Moais«, die berühmten Kolosse der Osterinsel. Sie trugen »Hüte«, »Frisuren« oder »Helme« aus rotem Stein. Um die Plattform herum, so erklärte mir nicht nur der »Houngan-Man« liegen die Ahnen begraben. Auf diesen Gräbern liegen viele flache Steine. Zudem gehörte einst zu jedem »ahu« ein »rechteckiger Vorplatz für zeremonielle Feste«.

Ein Geistlicher erklärte mir im Gespräch nach dem sonntäglichen Gottesdienst, dass es bei diesen »Festen« um »nach strengen Vorschriften abgehaltene Riten« gegangen sei. Angeblich sind diese Riten auch heute noch Eingeweihten bekannt, Fremde werden allerdings nicht in das Wissen um die Riten und Rituale eingeweiht. Auch nicht alle Jugendlichen lernen, was die Wissenden nur »Würdigen« anvertrauen. »Das müssen wir verstehen!«, meinte der Geistliche. »Aber wir ›Fremden‹ haben den Menschen der Osterinsel in den  vergangenen 300 Jahren nur Leid, Elend, Tod und Verderben gebracht! Wissende begegnen uns nach wie vor mit Misstrauen!«

Foto 3: Umgeben von einem Steinmäuerchen ...
Wer die Osterinsel besucht, sollte unbedingt an einem österlichen Gottesdienst teilnehmen. Bevor der Geistliche »übernimmt« singen Einheimische mit Begeisterung altes Liedgut. Die Stimmung ist unbeschreiblich: Lebensfreude pur. Gesungen wird voller Inbrunst, laut und mit ansteckender Begeisterung. Wenn ich da an den drögen, sich meist zäh dahinschleppenden Singsang in unseren Kirchen denke!

Offenbar ist es mir gelungen. das Vertrauen des »Houngan-Man« zu gewinnen. Er erzählte mir von einer »Voodoo-Zeremonie« die er abhalten würde. Nachdem »Houngan-Man« mich eingeladen hatte, als stiller Beobachter teilzunehmen, spendierte ich fünf Flaschen Whisky einer bekannten Edelmarke und zwei Stangen Zigaretten. »Houngan-Man« versicherte mir, es werde keine Tieropfer geben.
Wie lange dauerte das Ritual? Was war Ritual, was war Vorbereitung? 

Ich war als stiller Beobachter von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dabei. Aktiv mitgewirkt haben sieben junge Männer, nämlich vier Chilenen, zwei Peruaner und ein »Houngan-Man«, der die »magische Zeremonie« leitete. Zunächst warteten wir am Steinbruch auf ein »himmlisches Zeichen«. Als ein heftiger Schauer über uns prasselte, verkündete »Houngan-Man«, jetzt könne es los gehen. Jetzt musste nur noch der richtige Ort für das Ritual gesucht werden. In zwei Jeeps ging es über »Stock und Stein« zur Küste. Manchmal konnten wir schlechte Feldwege nutzen, mussten allerdings immer wieder Geröll von der Straße räumen. Und endlich schenkte uns der Himmel den schönsten Regenbogen meines Lebens.

Foto 4: »Voodoo-Zauber« für den Weltfrieden?
Wie eine im wahrsten Sinne des Wortes himmlische Erscheinung wuchs er aus dem vom Regen aufgepeitschten Meer und schlug eine Brücke aus traumhaft schönem Licht von schaumgekrönten Meereswogen zum Land. »Erzulie hat uns ein Zeichen gegeben, Erzulie sei Dank!« frohlockte »Houngan-Man«. Wenige Minuten später änderte sich das Wetter im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig. Starke Windböen hatten die dichte Wolkendecke aufgerissen und weit aufs Meer hinaus getrieben. Der Himmel war wieder unschuldig babyblau.

Wir hatten, so kam es uns vor, genau die Stelle erreicht, an der der Regenbogen das Land berührt hatte. Aus Steinbrocken unterschiedlicher Größe errichteten wir nach den Anweisungen des Priesters nur wenige Meter vom Strand entfernt ein etwa fünfzehn Zentimeter hohes Mäuerchen. Das Ergebnis mehrstündiger Schufterei, die mir blutige Hände bescherte: ein steinernes Quadrat, etwa zweimal zwei Meter »groß«.  Es war nur dem »Houngan-Man« erlaubt, das Innere des »Tempels« betreten. Im Zentrum des Quadrats legte er Pappe aus. Darauf zeichnete er mit kalkähnlichen weißlichen kleinen Steinkörnern ein kleines Quadrat. Von Zentrum aus führten vier Linien durch die Ecken des Quadrats zu kleinen Häufchen aus dem gleichen Material. Im geometrischen Zentrum des Quadrats platzierte der »Houngan-Man« einen eiförmiger Stein, den er gefunden hatte. Das war der »Altar«. Erst jetzt begann die eigentliche »Zeremonie«.

»Ich beginne mit dem Opfer!«, verkündete »Houngan-Man«. Die von mir gestifteten Whiskyflaschen standen zur Verfügung. »Houngan-Man« nahm einen kräftigen Schluck und goss den Rest größten Teil des hochprozentigen Getränks ins Meer. Dann kamen die Zigaretten ins magische Spiel. Eine Zigarette steckte sich der »Houngan-Man« an, alle anderen zerfetzte er und streute sie auf die Pappe. Ein batteriebetriebener Kassettenrekorder kam zum Einsatz. Songs von Elvis Presley erklangen. Die sechs Männer aus dem Team des »Houngan-Man« begleiteten die Musik auf drei großen und drei kleinen Trommeln. Mit kleinen eisernen Schlegeln droschen sie auf ihre Instrumente ein. Vier Stunden Sang Elvis, vier Stunden wurde getrommelt, vier Stunden murmelte »Houngan-Man« Gebete. Und vier Stunden benötigten angeblich vier Erdgeister, um aus den vier Himmelsrichtungen zu erscheinen. Der »Houngan-Man« schien sie zu sehen, für mich blieben sie unsichtbar. Der Rekorder wurde abgestellt, Elvis verstummte.

Foto 5: Die schwarze Kugel im Zentrum des »Zaubers«

Der »Houngan-Man« warf weißliche, kalkähnliche Steinchen in die vier Himmelsrichtungen, bekreuzigte sich, drehte sich dabei einmal im Kreis. Ich habe es mir genau eingeprägt: Während er gen Osten blickte, berührte er mit einer Hand seine Stirn. Als er gen Westen schaute, berührte er seine Brust, gen Norden schauend seine linke rechte Schulter, gen Süden blickend seine rechte Schulter. Dabei schrie er etwas wie »Linsahmawu, Vuvulivhawe« und segnete die Erde. Eine lange, für mich unverständlich Litanei schloss sich an. Laut rief der »Houngan-Man« wohlklingende Namen angeblich wichtiger Geister.

Schließlich setzte er sich und ließ einen monotonen Sprechgesang vernehmen. Das zog sich eine gefühlte Ewigkeit hin. Nach etwa drei Stunden entzündete er Priester vier Kerzen, die er um den Altarstein platzierte.

Foto 6: Echter Zauber ...
Ich muss zugeben: Langsam bereute ich, die Einladung zur Zeremonie angenommen zu haben. Ich sehnte mich nach meinem Bett in der kleinen Familienpension. Einfach gehen wollte ich aber auch nicht. Meine Geduld wurde hart auf die Probe gestellt. Es folgte eine lange Litanei von seltsamen Namen. Als der »Houngan-Man« endlich verstummte, wollte ich schon erleichtert aufspringen. Doch die Zeremonie war noch nicht beendet! Eine gute Stunde saßen wir alle schweigend. Endlich setzte wieder Regen ein und löschte nach die Kerzen. Erneut kam der Kassettenrecorder zum Einsatz, erneut schlugen die sechs Männer auf ihre Trommeln ein, erneut wurde etwa vier Stunden lang »musiziert«. Ich musste sitzen, »Houngan-Man«  durfte im steinernen Viereck auf und ab schreiten. Dabei brüllte er seltsame Namen gegen immer heftiger werdenden Wind schrie.

Endlich verstummte die Musik. Der »Houngan-Man« löste nach und nach Steine aus der quadratischen Umrandung und warf sie ins Meer. Er tat das bedächtig, routinemäßig. Er schrie für mich Unverständliches, vielleicht Zaubersprüche oder Namen von Geistern. Schließlich hatte selbst die Sonne genug und versank im Meer. Die kleine Mauer war Stück für Stück im Meer versunken. Das Team hatte dabei den »Houngan-Man« tatkräftig unterstützt. Ich durfte nicht mitmachen. Der »Houngan-Man« beendete endlich die Zeremonie, indem er den letzten Stein und die Pappe ins Meer warf.

Spät am Abend erklärte mir der Priester, er habe einen Voodoo-Ritus zelebriert, vier Erdgeister herbeigerufen. »Sie mussten von weit, weit her kommen, deshalb mussten wir ihnen viel Zeit lassen.« Er habe die Geister beschworen, sie inständig gebeten, von der friedlichen Kraft der Osterinsel gespeist in alle vier Himmelsrichtungen auszuschwärmen und positive Energie über die Erde zu verteilen. Wie er mir weiter versicherte, würde er ähnliche Zeremonien in verschiedenen Staaten Südamerikas, aber auch auf einigen anderen Südseeinseln abhalten. So würde er für den Weltfrieden arbeiten. Leider habe sein Vater mit »bösen Geschäften« in Brasilien viel Unheil angerichtet. Auf dem Totenbett habe er ihn, seinen Sohn gebeten, durch Voodoo-Magie sein Unrecht so weit wie möglich wieder ungeschehen zu machen. »Ich erbte ein nicht unerhebliches Vermögen, ließ mich auf Haiti zum Voodoo-Priester ausbilden und erfülle nun schon seit Jahren den letzten Willen meines Vaters.«

Foto 7: ... oder doch nur ...
Als ich spät abends wieder in meinem Hotelzimmer müde von einem langen Tag das Licht löschte, konnte ich dennoch lange nicht einschlafen. Was hatte ich erlebt? Ein wirkliches magisches Voodoo-Ritual, einen Beitrag zum Weltfrieden? Oder war ich Betrügern aufgesessen? Insgesamt hatte ich fast drei Tage ich mit den geheimnisvollen sieben Männern verbracht. Sie haben kein Geld gefordert, ich habe nichts bezahlt, ein »Trinkgeld« lehnten sie entrüstet ab. Verdient haben sie mit der mysteriösen Prozedur also nichts.

Fotografieren durfte ich nicht. Der Voodoo-Priester selbst hat in einer kurzen »Verschnaufpause« am Nachmittag mit meinem Fotoapparat einige Aufnahmen vom »Altarstein« mit der seltsamen Symbolzeichnung gemacht.

Bevor wir uns verabschiedeten, fragte ich »Houngan-Man« nach den Zombies von Haiti. »Stecken die Voodoo-Priester dahinter?« Mein Gesprächspartner wurde sehr ernst. »Es gibt weiße und schwarze Magie. Ehrbare Voodoo-Priester tun nichts Böses. Sie helfen den Menschen. Sie setzen sich nicht über Leben und Tod hinweg. Manche Voodoo-Zauberer aber überschreiten Grenzen, die kein Mensch auch nur antasten dürfte. Sie kennen das Geheimnis der Zombies. Rechtschaffene Voodoopriester wenden es aber nicht an, schwarzmagier hingegen schon.« Ich fragte nach: »Worin besteht das Geheimnis?« Eisiges Schweigen war die Antwort.

Jahrzehnte sind seit jenem merkwürdigen Ritual auf der Osterinsel verstrichen. Bis zum heutigen Tage weiß ich nicht wirklich, wie ich es bewerten soll.

Foto 8: ... Hokuspokus?
Vielleicht war alles »fauler Zauber«. Möglich ist das natürlich. Vielleicht machten sich die sieben Männer lustig über mich, den dummen Touristen aus Deutschland. Vielleicht war die angeblich magische Zeremonie für den Weltfrieden Schmierentheater vom Feinsten. Vielleicht wurde ich einfach nur hinters sprichwörtliche Licht geführt. Aber warum? Gauner wollen in der Regel ihre Opfer abkassieren. Ich habe keinen Cent bezahlt. Zigaretten und Whisky wurden »geopfert«, nicht von dem »Voodoo-Priester« und seinem Team konsumiert. Und wenn die »Zeremonie« doch nur Larifari war? Dann hat der »Houngan-Man« nichts für den Weltfrieden getan. Das hat er aber, so traurig das ist, zwar nichts erreicht, er hat aber auch den Frieden nicht gefährdet. Leider kann man das von so manchem Politiker nicht sagen. So mancher Politiker schadet leider dem Weltfrieden massiv. So mancher Politiker scheint aktiv für den Krieg zu arbeiten.

Zu den Fotos
Foto 9: Kugel, Pulver, Zigaretten ...

Foto 1: Direkt am steinigen Ufer... Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 2: ... der »Nabel der Welt«. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Umgeben von einem Steinmäuerchen ... Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Voodoo-Zauber« für den Weltfrieden? Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die schwarze Kugel im Zentrum des »Zaubers«. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 6-8: Echter Zauber oder doch nur Hokuspokus? Foto(s): Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kugel, Pulver, Zigaretten ... Foto Walter-Jörg Langbein



449 »Putsch auf der Osterinsel?«,
Teil 449 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26.08.2018





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Sonntag, 21. August 2016

344 »Legende aus Stein«

Teil 344 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1-3: Der »Küstentempel«

Matthias Claudius (1740-1815) schrieb Ende des 18. Jahrhunderts das Gedicht »Urians Reise um die Welt«. Erschienen ist es 1786 und wurde unter anderem auch von Ludwig van Beethoven vertont. Das Gedicht kann wohl nur als Satire auf die Reise- und Entdeckungslust der frühen Neuzeit oder als Parodie der Reiseliteratur verstanden werden. Gleich zu Beginn heiß es: »Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen. D'rum nahm ich meinen Stock und Hut und tät das Reisen wählen.«  Um 1800 wurde »verzählen« im Sinne von »falsches zählen« verwendet. Daraus wurde die bis heute geläufige Redewendung, ausschließlich positiv gemeint: »Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen«, im Sinne von »Dann hat er was zu berichten.«

So ist es auch. Vor allem, wer reist, der kann sich auch etwas erzählen lassen. Nach wie vor sind mündliche Überlieferungen wichtige Quellen. In Indien wie in der Südsee hörte ich immer wieder von Flutkatastrophen und Überschwemmungen. Solange die mysteriöse Schrift der Osterinsel nicht entziffert wird, sind über auf den reichen Schatz an Überlieferungen angewiesen, der heute – noch und wieder – von den Osterinsulanern gehütet wird.

Foto 4: Historische Aufnahme des »Küstentempels«

Vor Ort erfuhr ich von alten Überlieferungen über die Urheimat der Osterinsulaner, die im Westen des Eilands gelegen haben soll. Die ursprüngliche Heimat sei im Meer versunken. Dank des fliegenden Gottes Make-Make konnten sich die Menschen auf die Osterinsel retten. Wo genau wie viel Land im Meer des Pazifiks versank, wir wissen es nicht. War es der legendäre Kontinent Mu? War es eine Inselgruppe oder nur eine einzelne, kleinere Insel?

Aus diversen Gesprächen mit Osterinsulanern weiß ich: Die lebendige mündliche Tradition weist auf Polynesien als Ursprungsgebiet der Osterinsulaner hin (1). Auch im Raum Mahabalipuram gibt es noch mündliche Tradition, die von Flutkatastrophen zu berichten weiß. Demnach ist der heutige »Küstentempel« der letzte von insgesamt sieben sakralen Bauten. Sechs seien vom Meer verschlungen worden.

Vor Ort erzählte man mir, dass der Meeresspiegel bis in unsere Tage ansteige. Fakt ist, und ich habe das selbst erlebt, dass bei Flut der »Küstentempel« im Wasser steht. Wellen dringen ins Innere des sakralen Gebäudes ein, wodurch erhebliche Schäden angerichtet werden. Mauerwerk und Skulpturen leiden erheblich darunter. Trotz beschränkter finanzieller Mittel wird versucht zu retten, was zu retten ist und zu konservieren, was noch erhalten ist.

Foto 5: Historische Aufnahme des »Küstentenpels«

Fakt ist, dass anno 1810 Robert Southey in seinem epischen Gedicht »The Curse of Kehema« (etwa »Der Fluch von Kehema«) von versunkenen Tempeln spricht (2), von Türmen, Kuppeln, Zinnen und Tempeldächern. Da heißt es (3): »Welch wundersame Werke hat die schlingende Welle dort gefressen, wo einst wack’re Monumente Bericht erstatteten über ihre einstige Herrlichkeit. Und an der sandigen Küste, am Rand des Ozeans, widerstand ein steinerner Tempel in seiner Stärke Brandung und Woge, die vergeblich gegen ihre tiefen Fundamente schlagen.«

N.S. Ramaswami spricht allerdings der Beschreibung der versunkenen Tempel jede Wirklichkeit ab (4): »Das ist ein schönes Bild, aber durch und durch unwirklich. Es gibt keine versunkene Stadt unter den Wellen von Mahabalipuram. Der europäische Name ›Sieben Pagoden‹ ist irrational und kann nicht begründet werden.«

Foto 6: Weitere historische Aufnahme des »Küstentempels«

S. Swaminathan vermeldet in seinem üppig bebilderten Buch »Mahabalipuram/ Unfinished Poetry in Stone« (etwa »Mahabalipuram/ Unvollendete Poesie in Stein«) (5): »Es gibt einen Glauben, dass ein Teil der Stadt vom Meer verschlungen wurde. Es hat Versuche gegeben, den Grund des Ozeans auf Reste von Bauwerken zu untersuchen. Nach lokaler Tradition gibt es eine Reihe von Tempeln, die vom Meer verschluckt wurden. Viele haben über Jahrhunderte hinweg behauptet, Tempeltürme im Meer gesehen zu haben.«

Bei meinem Besuch in Mahabalipuram im November 1995 hörte ich wiederholt von Fischern, die bei Nacht und wolkenfreiem Himmel, wenn der Vollmond am Himmel stand, eindeutig die Kuppeln von steinernen Tempeln gesehen haben wollen. Besonders gut habe man die sakralen Bauwerke bei niedrigem Wasserstand und geringer Wellenbewegung gesehen. Dann schimmerten die Turmspitzen einige Meter unter der Wasseroberfläche. Manche Fischer hatten Angst vor den Bauten auf dem Meeresgrund. Sie fürchteten sich vor Geistern, die in den Gemäuern hausen könnten.

Berichtet wurde mir, dass es einst eine Treppe gegeben habe, die vom heute noch erhaltenen Küstentempel nach unten führten, unter die Wasseroberfläche. Weiter unten habe man schließlich so etwas wie Verankerungen gesehen, auf denen einst eine Plattform gelegen habe. Die Stufen der steinernen Treppe seien aber inzwischen stark erodiert, zum Teil schon gar nicht mehr zu erkennen.

Kritische Stimmen waren auch zu vernehmen: So sei es ja erfreulich, dass der letzte der sieben Tempel heute durch Steinaufschüttungen vor den Mächten des Meeres weitestgehend geschützt sei. Aber dadurch seien eindeutig künstlich geschaffene Strukturen auf dem Meeresgrund für immer verschwunden. Weihnachten 2004 suchte ein Tsunami auch Mahabalipuram heim. Die Flutwelle selbst richtete keinen größeren Schaden an. Für Minuten zog sich das Meer rund 500 Kilometer zurück. Für Minuten lag trocken, was sonst Meeresboden war. Für Minuten wurden Steinformationen sichtbar, einige der Versunkenen Tempel?

Das Meer kehrte zurück, die Strukturen verschwanden wieder unter dem Meeresspiegel. Der Tsunami aber spülte im heutigen Strandbereich Felsen frei, die seit Ewigkeiten unter dem Sand verborgen lagen. Besonders interessant: Entdeckt wurde ein Felsbrocken, der eindeutig bearbeitet worden war. Begabte Steinmetze wollten ihn in die Statue eines Elefanten verwandeln, brachen aber ihr Werk – warum auch immer – ab, es blieb unvollendet.

Foto 7: Mysteriöse Statue eines »Löwen«
Eine zweite Statue wurde weitestgehend fertig gestellt. Was stellt sie dar? Da ist das Gesicht eines Tieres zu erkennen. Der Rachen ist geöffnet, man erkennt spitze Reißzähne. Deutlich herausgearbeitet sind die aufgerissenen Augen des Tieres. Soll es ein Löwe sein, der seine Beute fixiert und gleich zum Sprung ansetzen wird? Und dem Kopf machen wir zwei mächtige Pranken aus, die durchaus zu einem Löwen passen würden.

Direkt unter dem Löwen hat man eine Nische in den Fels gemeißelt. Wurden hier einst Opfergaben abgelegt? Vage auszumachen ist eine Gottheit an der Rückseite der Nische. Die Skulptur macht insgesamt einen sehr alten Eindruck, weitere Details sind so verwaschen, dass sie nicht mehr zu erkennen sind. Eine ganz ähnliche, nicht minder mysteriöse Statue sah ich anno 1995 direkt beim »Küstentempel«.

Am 30. Mai 2005 vermeldete »India Today«: »Die Entdeckung von zwei neuen Tempeln bei Mahabalipuram bringt eine Wende in Sachen Folklore über vom Meer verschlungene Tempel. Lange Zeit glaubten Forscher, dass der Küstentempel von Mahabalipuram in seiner dem Meere zugewandten Großartigkeit über ein Jahrtausend allein stand, dabei der hämmernden Brandung widerstehend. War er aber immer allein? Örtliche Legenden kreisen um einen Komplex von einstmals sieben Tempeln, die dort gestanden haben sollen, und zwar so spektakulär, dass sie die Eifersucht der Götter auslösten, die das Meer gegen sie entfesselten.«

Foto 8: »Küstentempel« mit »Löwenskulptur«

Laut »India Today« wurden Taucher fündig. Besonders sensationell: Die Ruinen eines Tempels aus Granit, eineinhalb mal so groß wie der verbleibende Küstentempel. Und noch weiter entfernt von der Küste stand die Ruine eines »kleineren Küstentempels«, auch auf dem Meeresgrund.

Wie alt mögen diese Tempel sein? Megalithische Gräber im Raum Mahabalipuram werden auf das zweite vorchristliche Jahrtausend datiert. Ob es aus jener frühen Zeit auch Tempel auf dem Meeresgrund geben mag? Eine wissenschaftliche Studie des »1. National Institute of Oceonography Regional Centre Vishakhapatanam« lässt keinen Zweifel mehr zu: Es gibt vor der Küste von Mahahablipuram auf dem Meeresgrund eine ganze Reihe von künstlich angelegten Strukturen. Es muss – so die Studie – einen großen Gebäudekomplex gegeben haben, der  sich heute unter Wasser befindet.

Ein Beispiel: eine L-förmige Mauer aus kleinen Steinquadern in sieben Meter Wassertiefe. Teile der Mauer lagen so tief unter Sedimenten, dass eine genauere Untersuchung nicht möglich war.

Fakt ist: Taucher haben Beweise für die Existenz der sechs vom Meer verschlungenen Tempel gefunden. Was gern als Legende abgetan wurde, hat sich als Realität erwiesen. Gefunden wurde eine »Legende aus Stein«.

Fußnoten
(1) Siehe auch Horn, Roland: »Atlantis/ Alter Mythos – Neue Beweise«, Grafing 2009. Das empfehlenswerte Buch liegt auch als eBook vor. (Foto 9)
(2) Ramaswami, N.S.: »Temples of South India«, Madras 1984, S. 205 (Das Werk wurde mehrfach nachgedruckt, zuletzt 1996.)
(3) ebenda, S. 205 und 206, Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser
(4) ebenda, S. 206
(5) Swaminathan, S.: »Mahabalipuram/ Unfinished Poetry in Stone«, Chemnai, Indien, o.J., S. 157. Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser.
(6) »Submerged Pagodas of Mahabalipuram - Study Based on Underwater Investigations«, nähere Angaben liegen mir nicht vor.

Zu den Fotos
Fotos 1-3: In meinem Archiv befinden sich diverse alte Fotos, die den »Küstentempel« von Mahabalipuram zeigen. Sie stammen meiner Information nach aus der Zeit um 1910. Nähere Angaben zu diesen Aufnahmen liegen mir leider nicht vor, so dass ich keine näheren Informationen über Fotografen etc. geben kann. Copyright dürfte nicht verletzt werden, im Hinblick auf das Alter der Aufnahmen. Das Foto in Farbe habe ich selbst aufgenommen.
Fotos 4-6: Historische Aufnahmen, um 1910, siehe Anmerkungen zu Fotos 1-3
Foto 7: Mysteriöse Statue eines »Löwen«, Public Domain.
Foto 8: »Küstentempel« mit »Löwenskulptur«. Foto Walter-Jörg Langbein/ wiki
Foto 9: Cover »Atlantos« von Roland M. Horn 

345 »Sprechende Steine«,
Teil 345 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.08.2016

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