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Sonntag, 2. September 2018

450 »Der Vogelmannkult und einer, der durch den Himmel stürzte«

Teil 450 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«

Dr. Georgia Lee, Herausgeberin des »Rapa Nui Journal« schreibt in Ihrer Abhandlung (1) »Die Felsbilder-Kunst auf Rapa Nui« Konkretes zum mysteriösen »Vogelmann-Kult« (2): »Die Teilnehmer am Vogelmann-Ritual mussten versuchen, auf der kleinen Insel Motu Nui ein Ei der schwarzen Seeschwalbe zu finden. Ursprünglich hatte dieses Frühlingsfest wahrscheinlich metaphysische und religiöse Bedeutung und hing mit der Wiedergeburt und Erneuerung der Natur zusammen. In den Händen der Kriegerklasse wurde es zu einem Instrument der Beherrschung der Insel.«

Foto 2: Die kleinen Inseln »Motu Nui« und »Motu Iti«

Dr. Lees Aussage über den Wechsel von der Ahnenverehrung zum monotheistischen »Make Make« ist Spekulation, aber durchaus logisch. Tatsächlich trifft ihre Beschreibung auf so manche Religion zu. Aus Sicht eines totalitären Herrschers ist es der Idealfall, seinen Untertanen den alten Glauben zu nehmen und einen neuen aufzudrängen. Entwurzelte lassen sich am besten beherrschen. Das wusste wohl auch Konstantin der Große, als er ab 325 immer stärker das Christentum favorisierte. Dabei ist mehr als umstritten, ob Konstantin dem neuen Glauben huldigte. 

Bis zur »Mailänder Vereinbarung« im Jahr 313 wurden Christen verfolgt, ihr Vermögen konfisziert und ihre Kirchen angezündet. Das Christentum wurde zur erlaubten Religion. Die Bedeutung des Christentums wuchs und wuchs kontinuierlich. Allerdings ließ Konstantin noch anno 326 seine Frau Fausta und seinen ältesten Sohn Crispus ermorden. Es scheint so, dass der Kaiser nicht wirklich und wenn, dann nicht frühzeitig zum Christentum wechselte. Ich vermute, dass Konstantin schlicht und einfach Realpolitiker war, der die  starke Gruppe der Heiden in seinem Reich nicht verprellen wollte. Christus übernahm nach und nach die Rolle des Sonnengottes Sol.  Als Alleinherrscher wollte Konstantin schließlich seine Machtposition zementieren, seine Untertane einen, indem er massiv ein gesamtes Reich mit einem Glauben anstrebte. Als »Isapostolos« ließ er sich mit schöner »Bescheidenheit«  als »den Aposteln Gleicher« bezeichnen. 

Fotos 3 und 4: Make Make beim »Zeremonialdorf«

Was wissen wir über den »Vogelmann-Kult« der Osterinsel?  Der mächtige Gott »Make Make« wurde als Retter gefeiert und verehrt, dem man es zu verdanken hatte, nicht mit der alten Heimat in den Fluten des Pazifik unterzugehen, sondern eine neue Heimat, die Osterinsel zu finden. Wir wissen, dass »Make Make« irgendwie zum »Vogelmann-Kult« gehörte. Im Zeremonialzentrum von Orongo wurde in Petroglyphen »Make Make« häufig vereint mit »Vogelmännern« gezeigt. Dabei fällt auf, dass auch Make Make manchmal wie die »Vogelmänner« als Mischwesen aus Tier und Mensch gezeigt wird. Die »Vogelmänner« scheinen oft von irgendwo in die Tiefe zu springen. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Egbert Richter-Ushanas, ein Experte auf dem Gebiet der geheimnisvollen Osterinselschrift, einen Text entzifferte und übersetzte, der auf in der Fachwelt als  »Aruka Kurenga« bekannt ist (3): 

»Durch den Himmel gestürzt kam Hotu Matua von jenem Land in dieses Land, und er ließ sich nieder im Nabel des Himmels.« (4) Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es ursprünglich eine »Naturreligion« im Reich der steinernen Giganten gegeben hat. Naturerscheinungen wie Gewitter wurden den Göttern zugeschrieben. Als dann »Astronautengötter« (»Make Make« und Team) das Eiland (oder eine andere Insel in der Südsee) besuchten, hielt man sie für »Himmlische«. Auch das ist Spekulation.

Foto 5: Einige der Häuschen vom »Zeremonial-Zentrum Orongo«

Suchen wir nach harten Fakten, nach im wahrsten Sinne des Wortes steinharten Fakten. Als ich mich auf meinen ersten Besuch der Osterinsel vorbereitete, da versuchte ich so viele Informationen wie nur möglich zu sammeln. So erfuhr ich, dass die Osterinsulaner angeblich alljährlich in feierlicher Prozession zum »Rano Kau«-Vulkankegel empor zogen, um dann das »Zeremonialdorf« zu beziehen. Dort wartete man den Ausgang des Wettbewerbs »Wer bringt das erste Ei« ab. Das »Zeremonialdorf« gibt es tatsächlich. Ich muss zugeben: Als ich die steinernen Häuser sah, war ich doch mehr als nur etwas enttäuscht. 52 (oder 53) Steinhäuschen gab und gibt es. Sie sind aus flachen Natursteinplatten mörtellos gebaut. Fenster haben die Häuschen keine, nur einen Eingang Richtung Pazifik, den man freilich aus dem Inneren der Häuschen nicht sehen kann. Die »Türen« sind im Schnitt nur etwa 50 Zentimeter hoch. Da die Mauern unverhältnismäßig dick sind, muss man durch einen etwa einen halben Meter »hohen« Tunnel kriechen, um dann in einem Räumchen zu landen, das ein aufrechtes Stehen unmöglich macht. 

Alfred Métraux weiß zu berichten (5): »Die Zeremonien und Festgelage im Zusammenhang mit dem Vogelkult wurden in Orongo, an den Hängen des Rano-kao an der  Südwestspitze der Insel durchgeführt. Das »Dorf Orongo« liegt auf dem schmalen Grat, der das Meer vom Kratersee trennt. Es war vorübergehend während des jährlichen Fests bewohnt und den Rest des Jahres über verlassen.« Die Bevölkerung der Osterinsel muss mehr als überschaubar gewesen sein, wenn alle Bewohner in den kleinen Häuschen des »Orongo Dorfs« untergebracht worden sein sollen. Und Kleinwüchsigkeit wäre dann von erheblichem Vorteil gewesen.

Foto 6: Eingänge in zwei der Häuschen

Welchem Zweck mag das »Zeremonialdorf« gedient haben? In der lebenden Mythologie heißt es, dass in einem der Häuschen der »Vogelmann« höchstselbst hauste. Seine Ansprüche müssen mehr als bescheiden gewesen sein. Belegten Priester- und Dienerschaft die übrigen Häuschen?

Bei meinem ersten Besuch konnte ich mich noch vollkommen frei in Orongo bewegen. So bin ich auch in das eine oder das andere Häuschen gekrochen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich mich im Inneren einer kleinen Wohnung mit Zugängen zu Nachbarwohnungen rechts und links befunden habe. Oder bestand so eine Wohnung aus Haupt- und Nebenraum oder Nebenräumen? Ich erkundete einige Häuschen, die neben einem zentralen Raum über zwei oder drei Nebenräume verfügen. Keiner dieser Räume hatten Fenster. Das einzige Licht kam durch die winzige Tür. Die Luft war in allen Räumen stickig. Wie dem auch sei: Die Häuser boten im Inneren eher einen Korridor von unterschiedlicher Länge. Einige der Häuschen habe ich ausgemessen. Die kleineren waren fünf Meter, größere bis zu 15 Meter lang. Die Breite lag bei allen Häuschen bei etwa 2,50 Meter. Von »Höhe« kann man bei etwa 1,40 Meter nicht wirklich sprechen. Ein aufrechtes Stehen war in keinem der Räumchen möglich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesen beengten Wohnungen Menschen selbst nur für kurze Zeit gelebt haben.

Foto 7: Ein Eingang
Wurden vielleicht in diesen niedrigen, schmalen Räumchen heilige Zeremonien abgehalten, die heute vollkommen in Vergessenheit geraten sind? Aufschluss könnten die bemalten Steinplatten bieten, die einst in den Innenwänden der Räumchen fest eingebaut waren. Leider sind sie geraubt worden. Sie verschwanden in Privatsammlungen, vielleicht auch in dem einen oder anderen unbedeutenden Museum.

In »Haus R 13«, so versicherten mir verschiedene, meiner Meinung nach glaubhafte Osterinsulaner, lag bis ins Jahr 1868 versteckt eine der größten Kostbarkeiten der Osterinsel: eine Statue, 2,42 Meter hoch, etwa vier Tonnen schwer, aus Basalt gemeißelt. Auf ihrer Brust, heute kaum noch zu erkennen, war einst eine Ritzzeichnung zu sehen: von einem »Vogel-Mann«, der in Schnabel und Hand je ein Ei hält. Mit einiger Fantasie hat man sie zeichnerisch rekonstruiert. Als Vorlage dienten Petroglyphen, die offenbar eine ganz ähnliche Gestalt zeigen. Ursprünglich war die Figur schwarzweiß bemalt. Basalt ist sehr viel feinporiger als beispielsweise grobporiges Trachyt, aus dem viele der Statuen bestehen. Deshalb lässt sich Basalt recht gut bemalen, im Gegensatz zu sehr viel grobporigerem Gestein.

Es geht nicht anders: der »kleine Riese« muss in seinem Häuschen gelegen haben. Gestanden haben kann er nicht bei einer Größe von 2,42 m und einer »Raumhöhe« von nur 1,40m bis 1,50 m. Vermutlich musste man die Behausung um den altehrwürdigen Moai herum gebaut haben. Durch die kleinen »Türchen« hat er sicher nicht gepasst. Und wie wurde er herausgeholt? Es gibt nur eine Lösung des Problems: Man hat ein Loch in die Wand geschlagen. 

Der »kleine Riese« heißt »Hoa haka nana ia«, zu Deutsch angeblich etwa »Gestohlener kleiner Freund«. Er wurde anno 1868 von J. Linton Palmer, seines Zeichens Arzt, entführt und nach Europa verschleppt. Er landete im Londoner »British Museum«, wo er bis heute ausgestellt wird. Eine Briefmarke zeigt das Haupt des gestohlenen »kleinen« Riesen. (Foto 8!) Seine Rückkehr zur Osterinsel wird bis heute vergeblich gefordert.  Die Chancen, dass der gestohlene Freund in seine Heimat zurückkehren darf, sind gering. (6)

Foto 8: Er wurde gestohlen.
Gering ist auch die Chance, dass Kunstwerke, die einst das »Zeremonialdorf« von Orongo zierten, jemals wieder den Osterinsulanern zurückgegeben werden. Sie wurden geraubt oder billig gekauft und verschwanden in Museen und Privatsammlungen. Anno 1882 ankerte das Kanonenboot »SMS Hyäne« vor der Osterinsel. So wie man sich das wilde Tier der »Hyäne« vorstellt, so verhielten sich die »zivilisierten« Menschen gegenüber der vermeintlich »Wilden« der Osterinsel. Sie versklavten die Menschen, raubten archäologische Kostbarkeiten und zerstörten rücksichtslos, was ihnen in den Weg kam. Wie schrieb Karl May (*1842;†1912) in seinem Roman »Und Friede auf Erden!«, erschienen anno 1904? (7) »Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!«

Fußnoten
(1) Veröffentlicht in Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua«, Ausstellungskatalog, Mainz 1989, S. 109-115
(2) ebenda, S. 109, rechte Spalte, Zeilen 16-23
(3) Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000

Foto 9: Make Make in der heutigen Osterinselkunst.

(4) Zu diesem Thema hielt ich am 19. August 2000, und zwar beim Jahrestreffen der dänikenschen A.A.S. in Berlin, einen Vortrag, betitelt »Das Geheimnis der amphibischen Götter«.
(5) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971, Seite 331, Zwischenüberschrift »Orongo«. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(6) Siehe hierzu…  Palmer, J. Linton: »A visit to Easter Island Or Rapa Nui, in 1868«, London 1870
(7) May, Karl: »Und Friede auf Erden!«, Erstausgabe Freiburg 1904. Zitat aus Band 30 der im Karl-May-Verlag Bamberg erschienen Ausgabe, 267. Tausend, S. 252, Zeilen 9-16 von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Blick auf die kleinen Inseln »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«.
Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Blick auf die kleinen Inseln »Motu Nui« und »Motu Iti«. Foto Ingeborg Diekmann
Fotos 3 und 4: Make Make beim »Zeremonialdorf«. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Einige der Häuschen vom »Zeremonial-Zentrum Orongo«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 6: Eingänge in zwei der Häuschen. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Ein Eingang in eines der Häuschen. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 8: Der gestohlene kleine Freund als Briefmarkenmotiv.
Foto 9: Make Make in der heutigen Osterinselkunst. Foto Walter-Jörg Langbein.

451 »Die drei Schönen, kleine Augen und sterbende Statuen«,
Teil 451 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.09.2018


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Sonntag, 26. August 2018

449 »Putsch auf der Osterinsel?«

Teil 449 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott »Make Make«
Ein Besuch im Orongo-Kultzentrum ist für jeden Osterinselbesucher ein Muss. Man kann vom »Museo Antropológico Sebastián Englert« in »Hanga Roa« aus zu Fuß zum Kraterrand des »Rano Kau«-Vulkans empor wandern. 320 Meter hoch ist er Schildvulkan im Südwesten des mysteriösen Eilands. Wer freilich einen gemütlichen Spaziergang erwartet, wird sich wundern. Je nach Kondition und Schwere der Kameratasche ist man nach zwei Stunden am Ziel. Wenn man seinen Rucksack aber immer wieder absetzen und pausieren muss, kann es auch länger dauern. Gott »Masker Make« wartet geduldig....

Sehr viel schneller geht es mit Leihpferd, Leihmotorrad, Leihwagen oder Taxi. »Transportmittel« Pferd ist ohne Zweifel für sportliche Menschen mit Abenteuerlust ideal. Aber nicht jeder Reisende möchte dem russischen Präsidenten Putin nacheifern. Außerdem: Wohin beim Ritt mit der Kammerausrüstung? Und wer hält das Pferd, solang man das »Orongo-Kultzentrum« erkundet? Einige Stunden sollte man schon einkalkulieren.

Die motorisierte Anfahrt ist natürlich die unsportlichste. Man müsste Monate auf der Osterinsel verbringen, um sie ausgiebig zu erkunden. Die Osterinsel hat aber so viele interessante Stätten zu bieten hat, dass es auch bei einem längeren Aufenthalt nicht möglich ist,  alle zu besuchen. Ich bin lieber unsportlich auf der Osterinsel unterwegs und sehe mehr als wenn ich mich sportiv zu Fuß auf den Weg mache. Mit dem PKW gelangt man auf recht ordentlicher Straße den südlichen Kraterrand des »Rano Kau« Vulkans. Ich empfehle mindestens zwei Besuche im »Orongo-Park«: einen unter Leitung eines örtlichen Führers, einmal allein. Vorbei geht es am schweigenden Vulkan.


Foto 2: Blick in den »Rano Kau«-Krater.

Vor einer Million Jahren brach er aus, am Meeresboden, spie gigantische Lavamassen aus, die einen Kegel bildeten, der ein gutes Stück über die Wogen des Pazifiks gen Himmel ragte. Insgesamt sind es drei Vulkane, die die Osterinsel entstehen ließen. Wer unter Höhenangst leidet, wagt sich nicht an den Kraterrand. 200 Meter fällt er steil ab. Im Inneren des Kraters hat sich ein Süßwassersee gebildet. Totora-Schilf bedeckt einen großen Teil der Wasseroberfläche. Es sieht so aus, als wäre da eine grüne Welt mit einem Netz aus kleinen »Seen« und »Flüssen« überzogen.

Foto 3: Grüne Pflanzen auf blauem Wasser.

Wen die 200 Meter bis zum Wasserspiegel erschauern lassen, der sollte unbedingt der Südspitze der Osterinsel vor dem »Rano Kau« fernhalten. Da geht es nämlich 300 Meter senkrecht in die Tiefe. Tief unten wütet der oft gar nicht so friedliche Pazifik, so als wolle er die Insel abtragen. Man muss diesem Abgrund sehr nahe kommen, will man die geheimnisvollen Reliefs studieren, die vor vielen Jahrhunderten in den Stein geritzt und gehämmert wurden. Um 1500 n.Chr. sollen sie entstanden sein, als man sich vom vorherrschenden »Ahnenkult« ab- und dem neuen »Vogelmannkult« zuwandte. Es ist nicht wirklich bekannt, wann der »Vogelmannkult« aufkam und wann die »Ahnen« nicht mehr im Zentrum der Verehrung standen. Es ist auch nicht wirklich bekannt, warum von einem zum anderen Kult gewechselt wurde. Umstritten ist die These, dass die Statuen die verehrten Ahnen darstellen.

Foto 4: Die Statuen - Denkmäler für die Ahnen?

Auch in Kreisen der Wissenschaft wird letztlich nur spekuliert. So schreibt Dr. Georgia Lee, Herausgeberin des »Rapa Nui Journal« in Ihrer Abhandlung (1) »Die Felsbilder-Kunst auf Rapa Nui« (2): »Die berühmten Orongo-Petroglyphen sind relativ gut bekannt. Gefährlich nahe an den Rand dreihundert Meter hoher Klippen gesetzt, findet sich dort eine bemerkenswerte Sammlung von Petroglyphen, von denen die meisten einen ›Vogelmann‹ – eine Kombination von Mensch und Fregattvogel – darstellen. Das Motiv des Vogelmannes war um etwa 1500 n.Chr. sowohl ein religiöses Symbol als auch das Symbol der Machtübernahme durch die Kriegsklasse. Nach Meinung vieler Wissenschaftler war dieser Machtwechsel das Ergebnis von ökologischen Belastungen und Bevölkerungsdruck.«

Nach Ansicht von Dr. Georgia Lee riss die Kriegerklasse die Macht an sich, als der König als Vertreter der alten Ahnenreligion die drängenden Probleme nicht lösen konnte. Gab es also eine Revolution auf der Osterinsel? Stürzten die »Militärs« in einer Krise den alten König? Putschten sich Vertreter der »Kriegsklasse« an die Macht? Schufen sie eine neue Religion? Es wird sehr viel spekuliert in Sachen Osterinsel, auch von vermeintlich »wissenschaftlicher« Seite. Dabei wissen wir sehr wenig über die Entwicklung der Religion auf dem Eiland der steinernen Statuen. Auch Dr. Lees Überlegungen sind, wenn auch aus berufenem Munde, reine Spekulation.

Fotos 5 und 6: Wohin springen die »Vogelmänner«?

Nutzten die »Militärs« eine existenzbedrohende Krise, um die alte Religion abzuschaffen und durch eine neue zu ersetzen? Im Zentrum der alten Religion soll ein Ahnenkult gestanden haben. Es wird immer wieder behauptet, die riesigen Steinstatuen würden die verehrten Ahnen darstellen. Sollte die These in Sachen Militärputsch stimmen, hörte man dann beim Wechsel zum »Vogelmannkult« mit dem Bau der Statuen auf? Hat man den Glauben an die Ahnen nicht nur ad acta gelegt, sondern auch ihre Statuen von den Sockeln gestürzt?

7+8: Ein »Vogelmann«
Wir wissen nicht, ob es tatsächlich einen abrupten Wechsel vom alten zum neuen Glauben gab. Wir wissen nicht, ob nicht beide Kulte zumindest einige Zeit lang nebeneinander praktiziert wurden. Was wir wissen: Der »Vogelmannkult«, der im Zeremonialzentrum von Orongo seinen »Vatikan« gehabt haben mag, war auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von großer Bedeutung für die Osterinsulaner. Auch als das mysteriöse Eiland der steinernen Riesen schon längst christianisiert worden war, starb er immer noch nicht aus. Alfred Metráux (*1902; †1963), ein »Papst« der Osterinselforschung, konstatiert in seinem Klassiker (3), dass der Kult zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch »gelebt« habe (4). Aussagen über den Kult, so Metráux, gab es noch jede Menge, allerdings war vieles widersprüchlich. In seinem Buch »Ethnology of Easter Island«, 1971 erschienen, schreibt Metraux: »Der Vogel-Kult starb erst vor 50 Jahren aus.«

Über viel gesichertes Wissen zum »Vogelmannkult« verfügen wir kaum. Bekannt ist: Die Osterinsulaner versammelten sich zu Beginn der Brutzeit der Ruß-Seeschwalbe, also irgendwann zwischen Juli und September, im Zeremonialzentrum von Orongo. Einige junge Männer mussten nun die 300 Meter hohe senkrecht aufsteigende Felswand so schnell wie möglich hinabsteigen, sich in die Fluten stürzen und etwa 1.500 Meter bis zum Inselchen »Motu Nui« schwimmen. 

Allein schon wegen der gefährlichen Strömungen im Pazifik war das alles andere als ein einfaches Unterfangen. Außerdem wimmelte es nur so von Haien auf dem kurzen Weg. Wer nicht von einer der unberechenbaren Strömungen abgetrieben wurde, musste damit rechnen, von einem Hai gefressen zu werden.  Wer den Wettbewerb gewinnen wollte, der musste das Inselchen erreichen, an Land klettern und nach dem ersten Ei einer Ruß-Seeschwalbe suchen. Der erste, der so ein Ei gefunden, allen Gefahren zum Trotz in einem Schilfkörbchen zur Osterinsel gebracht hat, wurde zum »Vogelmann« erklärt.

Foto 9: »Vogelmänner« in der heutigen Kunst

Unklar ist, wo das Abenteuer endete. Wo lag das Ziel? Am Fuße der steilen Felsklippe? Oder musste erst die Steilklippe erklommen und das Orongo-Zeremonialzentrum wieder erreicht sein?

Vielleicht war es auch anders: Jeder Stammeshäuptling bestimmte einen sportiven Schwimmer. Zum »Vogelmann« wurde dann nicht der todesmutige Schwimmer selbst, sondern sein »Häuptling« ernannt. Der »Vogelmann« vollzog als erstes eine Amtshandlung, die so manchem Osterinsulaner den Tod brachte. Um sich die Schicksalsmächte gewogen zu machen, bestimmte der neue »Vogelmann« eine Reihe von Menschen, die geopfert wurden. Das konnte sehr schnell zu blutigen Stammeskriegen führen.

Der neue »Vogelmann« hauste, so wurde mir das wiederholt auf der Osterinsel erzählt, in einer abgeschiedenen Höhle. Andere Inselbewohner berichteten, dass der »Vogelmann« in einem abgelegenen Haus wie ein Gefangener leben musste. Fünf Monate lang durfte er sich nicht waschen. Fünf Monate lang durfte er sich die Haare nicht schneiden lassen. Man muss annehmen, dass der neue Herrscher schon nach einigen Wochen gewöhnungsbedürftig aussah und gerochen hat. Frauen durften sich ihm nicht nähern, auch nicht die eigene Ehefrau. Dieser Verzicht dürfte den Damen nicht schwer gefallen sein.

Foto 10: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«.

Von der Orongo-Klippe aus sieht man vor allem einen schier unendlich weiten Horizont und drei kleine Inselchen. »Motu Nui« ist am weitesten entfernt (1,5 Kilometer). Kleiner und nahe bei »Motu Nui« liegt »Motu Iti«, 1,6 Hektar »groß«. Die Kleinste der drei Inselchen, »Motu Kao Kao«, 0,1 Hektar »groß« ragt wie eine Speerspitze aus den Wogen. Wiederholt habe ich versucht, zu »Motu Nui« zu gelangen. Es hat nicht geklappt. Beim letzten Versuch kamen wir mit unserem Bötchen bis auf wenige Meter an das ersehnte Ziel heran. Unser Bootsführer ließ dann aber abdrehen. Die Brandung sei viel zu gefährlich, um das kleine Eiland zu betreten.

Ich habe den Eindruck, dass es alles andere als erwünscht ist, dass Touristen die mysteriöse Insel »Motu Nui« betreten. Das muss man akzeptieren, auch wenn es schwer fällt. Angeblich gibt es in Höhlen auf dieser kleinen Insel noch perfekt erhaltene Felsmalereien, die Szenen aus der Mythologie der Osterinsel zeigen. Zu sehen sein sollen unter anderem Vogelmann-Wesen, halb Mensch und halb Vogel.

Foto 11: Blick zu den drei kleinen Inselchen.

Solche  Kreaturen wurden einst in großer Zahl in das poröse Vulkangestein der Osterinsel geritzt und gemeißelt, angeblich mit  primitivem Werkzeug, etwa aus Basalt. Es gibt kaum noch wirklich gut erhaltene Exemplare. Die schönsten findet man im Orongo-Zeremonial-Zentrum, just an der Stelle, an der einst die Kandidaten im Wettkampf »Wer wird Vogelmann des Jahres?« vermutlich in die Tiefe kletterten.

Offenbar gab es eine Verbindung zwischen dem »Vogelmann-Kult« und dem Gott »Make Make«. »Make Make« war es, der der Legende nach die Vorfahren der Osterinsel rettete. Damals soll es eine Sintflut in der Südsee gegeben haben. »Make Make«, so sagt die Legende, entführte den Priester eines untergehenden Reiches im Westen der Osterinsel durch die Lüfte. Er zeigte ihm die Osterinsel. Und gerade noch rechtzeitig wurde das gesamte Volk, nachdem sieben mutige Seeleute die Angaben des Priesters überprüft hatten, evakuiert. Die Osterinsel wurde die neue Heimat. »Make Make« findet sich als Ritzzeichnung oder Halbrelief sehr häufig auf der Osterinsel, auch im Bereich des »Orongo-Kult-Zentrums«, sehr oft bei Darstellungen des »Vogelmann-Kults«. Es muss eine Verbindung gegeben haben. Womöglich gehörte »Make Make« zum »Vogelmann-Kult«.

Foto 12: Heutige Insulaner schaffen wieder Abbildungen von »Vogelmännern«.

Die »Vogel-Mensch-Mischwesen« scheinen in die Tiefe zu springen. Woher, wohin? Wir wissen es nicht. Nach vorsichtigen Schätzungen gibt es noch 5.000 Petroglyphen auf der Osterinsel. 4.000 davon sind bereits erfasst. Wie viele steinerne Reliefs in unzugänglichen Höhlen nur Eingeweihten bekannt sein mögen? Wie viele derlei Schnitzwerk noch unter dem Erdreich schlummern mag? Eingeweihte wissen angeblich, wo was zu entdecken ist. Sie schweigen aber. Und die mit Erdreich bedeckten Kunstwerke im weichen Gestein sind sehr viel besser geschützt als jene, die Wind und Wetter ausgeliefert sind.

Meiner Meinung nach gab es den einen oder den anderen »Putsch« auf der Osterinsel, etwa als die Statuenbauer und die Vogelkultler miteinander rangen. Und es gab schon manchen Versuch der Osterinsulaner, die Vorherrschaft der Chilenen auf dem Eiland abzuschütteln. Wird es einen Putsch und eine Unanhängigkeitserklärung geben? Wie wird Chile reagieren?

Fußnoten
(1) Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua«, Ausstellungskatalog, Mainz 1989, S. 109-115
(2) Ebenda, S. 109, rechte Spalte, Zeilen 1-11
(3) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971
(4) Ebenda, Seite 331, 1. Drittel von unten

Zu den Fotos
Foto 1: Gott »Make Make«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick in den »Rano Kau«-Krater. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Grüne Pflanzen auf blauem Wasser. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die Statuen - Denkmäler für die Ahnen? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Wohin springen die »Vogelmänner«? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 7 und 8: Einer der »Vogelmänner«. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 9: »Vogelmänner« in der heutigen Kunst. Foto Walter-Jörg Langbein  
Foto 10: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Blick zu den drei kleinen Inselchen von der Klippe aus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Heutige Insulaner schaffen wieder Abbildungen von »Vogelmännern«. Foto Walter-Jörg Langbein

450 »Der Vogelmannkult und einer, der durch den Himmel stürzte«,
Teil 450 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.09.2018



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Sonntag, 13. August 2017

395 »Fische im Berg und die Osterinsel-Connection«

Teil  395 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Hier soll der Monsterfisch hausen.

»Einst gab es einen See, direkt neben der großen Pyramide. Meine Urgroßeltern haben ihn noch gesehen. Der See verschwand und zurück blieb ein Seemonster, ein riesiger Rochen!« Interessiert lauschte ich der Erzählung eines greisen Mannes im Pyramidenfeld von Túcume. »Was ist aus dem Fische geworden?«, fragte ich. »Es gibt ihn noch! Er lebt im Berg von Túcume!«

Mitten im Areal der Pyramiden von Túcume ragt der Berg »La Raya« in den Himmel, zu Deutsch »der Rochen«. Der Legende Nach zog sich der riesengroße Fisch in den pyramidenförmigen Berg zurück, als das Christentum den »heidnischen Glauben« der Einheimischen verdrängte. Erstmals erzählt wurde mir die Legende von »La Raya« in den frühen 1980ern in Peru. Als gebürtiger Oberfranke staunte ich nicht schlecht, war mir eine ganz ähnliche Legende aus meiner Heimat bekannt.

Foto 2: Der Staffelberg.

So kannte ich schon seit meiner Kindheit die Sage vom Riesenfisch im Staffelberg. Demnach haust im Inneren des Staffelbergs ein riesiger Fisch in einem See. Der Fisch ist so groß, dass er sich kaum bewegen kann. Bedingt durch die Enge im Berg muss sich der Fisch rund machen, seinen Schwanz ins Maul nehmen. Eines Tages, so heißt es, wird er diese Anspannung nicht mehr aushalten und sich entrollen, nach Ewigkeiten ausstrecken. Dadurch wird dann, sagt die Sage, der Staffelberg förmlich zerfetzt und der See ergießt sich über das Frankenland.

Im Nordwesten der »Fränkischen Schweiz«, am »Oberen Maintal«, dominiert der markante Staffelberg auch heute noch die einst freilich sehr viel idyllischere Landschaft. Leider durchschneidet heute eine protzige Superschnellstraße das »Gottesgärtchen«. 539 Meter über Normalnull ragt der stolze Staffelberg in den Himmel. Der weithin sichtbare Tafelberg wurde immer wieder besiedelt, zuletzt im zweiten Jahrhundert von den Kelten, die den Berg zu einer Festung ausbauten und über dem Maintal ihre Stadt »Menosgada« errichteten.

Foto 3: Der Staffelberg.
Sigrid Radunz gibt in ihrem lesenswrten Büchlein »Der Staffelberg« die Sage vom »Fisch im Staffelberg« wie folgt wieder (1): »Wo heute der Staffelberg in die Höhe ragt, war vor Jahrmillionen das große Jurameer. Das Wasser des Meeres ist zwar verschwunden, doch tief im Staffelberg ist ein großer See geblieben. In diesem unterirdischen Gewässer lebt ein riesengroßer Fisch. Er ist so groß, dass er seinen Schwanz im Maul halten muss, um im Berginnern Platz zu haben. Sollte den Fisch eines Tages die Kraft verlassen, so dass er den Schwanz loslassen müsste, würde dieser mit mächtiger Kraft den Berg zerschlagen. Das Wasser im Staffelberg aber würde das ganze Frankenland überfluten und in ein unheimliches Meer verwandeln, wie es einstmals war.«

Wie kommt es, dass Sagen  in Peru wie im Frankenland von einem riesigen Fisch berichten, der in einem Berg haust? In beiden Fällen lebte der Fisch zunächst in einem See oder einem Meer, zog sich dann aber in einen Berg zurück. In Peru wird die Christianisierung als Grund dafür angeführt, dass sich der Fisch in den Berg zurückzieht. Steht der Monsterfisch in Peru für das »Heidentum«, das vom Christentum verdrängt wird? Besser gesagt: Symbolisiert der Riesenfisch den Glauben der Einheimischen, der sich in den »Untergrund« zurückzieht, der also weiter besteht, wenn auch nicht mehr öffentlich zelebriert wird? Kurioser Zufall: In der Frühgeschichte des Christentums war das Symbol für den neuen Glauben der Fisch. Einer recht alten Überlieferung zufolge wurde der Fisch als geheimes Erkennungszeichen von Christen benutzt. Das griechische Wort für Fisch, ἰχθύς, ichtýs, ist Buchstabe für Buchstabe das christliche Glaubensbekenntnis. Jeder einzelne Buchstabe steht für einen Begriff von fundamentaler Bedeutung für Christen: Ἰησοῦς Χριστός Θεοῦ Υἱός Σωτήρ, Jesus Christus, Sohn Gottes, Erlöser.

Zurück nach an die Pazifikküste von Peru, zurück nach Túcume! Die europäischen Eroberer von Túcume versuchten mit Brachialgewalt die Einheimischen vom christlichen Glauben zu überzeugen. Milde boten sie den Pyramidenbauern von Túcume die »Chance«, den eigenen Göttern abzuschwören und sich taufen zu lassen. Es scheint so, dass die Missionare für die Einheimischen alles andere als überzeugend waren. Theorie und Praxis lagen bei den plündernden Europäern weit, weit auseinander! Predigten sie doch einen Gott der Liebe, das aber als Gefolgsleute ihrer spanischen Landesleute, die in oft unvorstellbar grausamer Weise folterten und mordeten. Viele der Einheimischen verweigerten die Taufe und wurden auf den Pyramiden verbrannt. Nennt man deshalb noch heute eine der Pyramiden von Túcume im Dörfchen Túcume »El Purgatorio«, zu Deutsch »Das Fegefeuer«?  Der Name könnte von den Spaniern erfunden worden sein.

Auch wenn bei meinen Besuchen keine Feuer auf den Pyramiden von Túcume loderten, die Sonnenglut reichte mir vollkommen. So wanderte ich zwischen Pyramiden, Pyramidenresten, Überbleibseln von einstigen Monstermauern umher. Da und dort waren noch die Grundrisse von Gebäuden zu erahnen. Da und dort sind künstliche Strukturen wohl schon vor langer Zeit vom Wind verweht worden. Dünen aus Sand und trockenem Erdreich haben sie weitestgehend verschlungen. Das Areal ist riesig, finanzielle Mittel für archäologische Ausgrabungen sind knapp bemessen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit das riesige Gelände archäologisch erkundet werden wird. Nicht einmal die Pyramiden selbst, von wenigen  Ausnahmen abgesehen, wurden bislang untersucht. Die Wissenschaftler haben bei einigen der Riesenbauwerke partiell gegraben.


Foto 4: Gestalt mit Donald-Trump-Frisur.

Grabräuber waren da schon sehr viel aktiver. Die haben es ja auch einfacher als Archäologen, gehen brachial ans Werk. Archäologen sieben penibel das Erdreich oder den Sand durch, registrieren und fotografieren kleinste »Fundstücke«, Grabräuber schwingen schwere Eisenpickel und wuchtige Hacken. Was ihnen nicht wertvoll erscheint, etwa einfache Stoffe, lassen sie achtlos liegen. Scherben und Keramikstücke werfen sie an Ort und Stelle weg. Geld bringen nur ganze Tongefäße, möglichst bemalt. Archäologen hingegen freuen sich über jeden Scherben und immer wieder gelingt es ihnen, mit großer Geduld aus unzähligen Bruchstücken Tonwaren aus Vorinkazeiten zu rekonstruieren.

Seit Generationen wird spekuliert, was wohl in den Pyramiden, aber auch im Erdreich drum herum noch gefunden werden mag. Rätsel geben Reliefs auf die auf Mauerwerk gefunden wurden. Da gibt es zum Beispiel Personen, die eigenartige Gebilde auf dem Kopf tragen. Sind das Hüte? Es könnten aber auch kunstvolle Frisuren sein, die mich an die üppige Haarpracht des US-Präsidenten Donald Trump erinnern (Foto 4).

Foto 5: Entchen auf dem Kopf...

Andere Personen wieder wirken noch kurioser. Auch bei ihnen sitzt etwas auf dem Kopf. Aber was? Nach einer Frisur sieht es nicht aus. Ich saß vor einigen von diesen Kreationen, vor einigen dieser Kreaturen. Manche sind schon stark verwittert, ihre Konturen verschwimmen langsam. Einige der Gestalten erinnern mich an Lebkuchenmännchen, die auf dem Backblech zerflossen sind. Einige könnten einem Albtraum von Lovecraft entsprungen sein, andere wiederum wirken geradezu lächerlich wie Menschen im Faschingskostüm. Bein zwei Gestalten scheinen kleine Entchen auf den Köpfen zu sitzen.

Werden wir diese Bilder je verstehen? Sind es überhaupt naturgetreue Abbildungen von realen Dingen oder Wesen? Oder konnten die Erbauer der Pyramiden und Erschaffer der Reliefs in den uns heute unverständlichen Darstellungen lesen wie in einem Buch? Es verwundert: Ist es denn möglich, dass die Erbauer der riesigen Pyramiden von Túcume keine Schrift kannten? Es müssen doch Pläne entworfen worden, Berechnungen angestellt worden sein, bevor man Millionen und Abermillionen von  Adobesteinen zu künstlichen »Bergen« auftürmte. Und das soll ohne Schrift möglich gewesen sein? Ich habe da erhebliche Zweifel.

Fotos 6– 8: Vogelmenschen Túcume, Peru.

Unzählige Reliefs habe ich vor Ort gesehen, von denen ich nur einige fotografieren durfte. Je mehr ich mich in die Betrachtung dieser Kunstwerke vertieft habe, desto rätselhafter wurden sie  mir. Ein Motiv taucht wiederholt auf. Da sind Kreaturen zu sehen, die wie Mischwesen aussehen, wie Mixturen aus Mensch und Vogel. Und diese Wesen tragen kleine rundlich-ovale Objekte. Sind das Bällchen? Oder Eier? Mir kommt der »Vogelmann«-Kult der Osterinsel in den Sinn! Da mussten mutige Männer an einer senkrecht abfallenden Klippe zum tosenden Pazifik hinabklettern, dann zu einer kleinen vorgelagerten Insel schwimmen und mit einem Ei einer Schwalbenart zurückschwimmen und die senkrechte Steinwand erneut empor klettern.

Wurden an einigen Mauern im Umfeld der Túcume-Pyramiden »Vogelmänner« gezeigt, die Vogeleier vor sich her tragen? Kamen die Erbauer der Pyramiden von Túcume von der Osterinsel? Kam Naymlap von der Osterinsel? Vogelwesen mit »Eiern« sind jedenfalls auf Reliefs von Túcume zu sehen. Freilich sehen die Steinreliefs der Osterinsel völlig anders aus als die Kunstwerke von Túcume.


Fotos 9 und 10: Vogelmenschen Osterinsel.

Weiterführende Literatur zum Thema Staffelberg, vom Verfasser empfohlen

Botheroyd, Sylvia und Paul: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«,
     München 1989
Dippold, Günter (Hrsg): Der Staffelberg, Lichtenfels 1992
Klein, Thomas F.: »Wege zu den Kelten/ 100 Ausflüge in die Vergangenheit«,
     Stuttgart 2004 (Staffelberg S. 62f.)
Menghin, Wilfried: »Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und
     Geschichte in Deutschland«, Augsburg 1980 (GROSSFORMAT)
     (Staffelberg, S.116, 117, 127)
Radunz, Sigrid: »Der Staffelberg«, Lichtenfels 1983


Fußnoten
1) Radunz, Sigrid: »Der Staffelberg«, Lichtenfels 1998
2) Literatur zur Kunst der Osterinsel:
Esen-Baur, Heide-Margaret : »Untersuchungen über den Vogelmann-Kult auf der Osterinsel«, Wiesbaden 1983
Esen-Baur, Heide-Margaret : »1500 Jahre Kultur der Osterinsel – Schätze aus dem Land des Hotu Matua. Ausstellung veranstaltet von der Deutsch-Ibero-Amerikanischen Gesellschaft Frankfurt am Main, 5. April bis 3. September 1989«, Mainz am Rhein 1989


Zu den Fotos
Foto 1: Hier soll der Monsterfisch hausen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Der Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Gestalt mit Donald-Trump-Frisur. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Entchen auf dem Kopf... Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6– 8: Vogelmenschen Túcume, Peru. Fotos Walter-Jörg Langbein Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Vogelmenschen Osterinsel. Fotos Walter-Jörg Langbein Archiv Walter-Jörg Langbein


Walter-Jörg Langbein
396 »Heimat, deine Kelten«,
Teil  396 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 20.8.2017


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Sonntag, 18. August 2013

187 »Angst«

Teil 187 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Eingang in die »Unterwelt«
Foto: W-J.Langbein
Angst beschlich mich, ich gebe es zu, als ich meinem Guide bei Nacht in den engen Schacht zu seiner Familienhöhle folgte. In einer Tiefe von etwa zweieinhalb bis drei Metern befand sich ein Loch. Es war noch knapper bemessen als der Eingang des Schachts. Nach dem Abstieg in die Dunkelheit, wobei ich mich an den vorstehenden Felsbrocken festklammerte, kroch ich auf allen Vieren durch das Loch in die Höhle. Ich kam mir vor wie ein Schäferhund, der sich durch den winzigen Eingang der Hundehütte für einen Zwergpudel zwängt.

Wenn mir mein Guide – vielleicht gar im Rahmen einer Opferung für seine Götter – das Lebenslicht ausblasen würde ... Einen kräftiger Hieb mit einem Stein auf meinen Kopf in der totalen Finsternis der Höhle konnte ich kaum abwehren.

Angst spürte ich schon, als ich bei vollständiger Dunkelheit den senkrechten Schacht hinab kletterte. Es gab keine Leiter oder Stufen, nur die unregelmäßig vorstehenden Natursteine der Wände. Meine Angst steigerte sich zu einer ausgewachsenen Klaustrophobie, als ich kriechend durch das »Hundeloch« in die mysteriöse Höhle vordrang.

»Angst haben auch junge Menschen von Rapa Nui vor diesen Höhlen ... vor den Totengeistern, die in ihnen ein Leben in ewiger Finsternis verbringen!«, erfahre ich. Und deshalb befinden sich in den meisten Familienhöhlen steinerne Wächter. »Und die sollen verhindern, dass böse Geister entkommen und den Menschen schaden?«, frage ich. Mein Guide wiegelt ab. »Es gibt auch böse Geister in manchen Höhlen. In einigen spuken die Geister von Menschen, die ermordet und aufgegessen wurden. Sie könnten sich rächen wollen ... Wächter sollen verhindern, dass die geplagten Wesen in die Welt der Lebenden vordringen!«

Skelettöser Geist und
steinerner Riese
Fotos: Archiv Langbein
und Foto Langbein
Die Wächter mussten aber auch verhindern, dass unerwünschte Eindringlinge die sakrale Stätte entweihten. »Jeder Mensch verfügt über einen Aku Aku. Wenn er stirbt, verwest sein Leib, der Aku Aku aber bleibt erhalten. Manche Magier können ihren Aku Aku wie einen körperlosen Boten aussenden, zum Beispiel in eine Höhle. Das Einsteigen eines Aku Aku muss verhindert werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um den Aku Aku eines Lebenden oder eines Toten handelt!«

Unerwünscht seien aber natürlich auch Eindringlinge aus Fleisch und Blut, die die alten Statuen stehlen und an reiche Amerikaner und Japaner verkaufen wollen! Solche Diebe müssen mit härtester Bestrafung rechnen. Schon mancher starb schon beim Betreten einer Familienhöhle!« Als Familienoberhaupt dürfe er aber Besucher mitbringen ... in die Unterwelt.

»Welche Aufgaben haben Aku Akus?«, fragte ich, während ich das kleine Heer von steinernen und hölzernen Figuren und Figürchen betrachtete, in dessen Mitte ich ungemütlich auf hartem Steinboden saß. »Wenn ein Mensch stirbt, dann passt sein Aku Aku darauf auf, dass seine letzten Wünsche auch wirklich befolgt werden.« Besonders oft, so erfuhr ich, würden Erbschaftsangelegenheiten durch Aku Akus wieder in Ordnung gebracht.

»Einst starb ein armer Mann. Er hatte drei Söhne und eine Tochter. Sein bescheidener Besitz sollte unter allen vier Kindern gleichmäßig verteilt werden. Die Söhne versprachen dem sterbenden Vater, genau nach seinem Wunsch zu verfahren. Als der alte Mann aber gestorben war, schlugen die drei Söhne ihre Schwester und sperrten sie in eine Höhle. ›Vielleicht findet sich ja jemand, der sie heiraten möchte ...‹ meinten sie. ›Wir lassen sie erst wieder aus dem Gefängnis, wenn sie auf ihren Teil des Erbes verzichtet!‹ In der dritten Nacht erschien der Aku Aku des Toten in der Höhle. Er tröstete seine Tochter und befreite sie. Seine drei Söhne ließ er krank werden. Die Männer erkannten schließlich ihr Unrecht und ließen ihrer Schwester ihr Erbteil zu kommen ... und mehr. Sofort waren sie wieder gesund.«

Make-Make-Maske in Holz
Foto: W-J.Langbein
Aku Akus können aber auch belohnen, erzählte mir mein Guide: »Es herrschte Krieg zwischen zwei Stämmen. Der eine Stamm hatte eine junge Frau aus dem anderen Stamm gefangen genommen. Sie sollte erschlagen, im Erdofen gebacken und verzehrt werden. Der Sohn eines Fischers aber hatte Mitleid mit der Gefangenen und ließ sie nachts entkommen. Er hoffte auf überirdischen Beistand. Würde ihm Make Make helfen?«

Während mein Guide erzählte, ließ er den Kegel seiner Taschenlampe über die Höhlenwände schleichen. Immer wieder tauchte das Gesicht Make Makes auf: in die steinernen Höhlenwände geritzt, in steinerne Idole geritzt, in hölzerne Figürchen geschnitzt ... die gleiche Fratze, die auch in der Kirche der Osterinsel zu finden ist.

Mein Guide erzählte weiter: »Darüber waren die Männer seines Stammes empört. Sie beratschlagten, wie der Fischer für sein Verhalten bestraft werden könne. Einige wollten ihn erschlagen und anstelle der Entflohenen verspeisen. Andere wollten ihn in einer Höhle verhungern lassen. Schließlich schickte man ihn mit einem morschen Boot hinaus aufs Meer. Nur wenn er mit reicher Beute zurückkehren würde, sollte er begnadigt werden.

Man rechnete wohl damit, dass sein Boot untergehen und der Fischer von Haien gefressen werden würde. Doch nach kurzer Zeit kam er wieder zurück. In seinem Boot lagen mehr Fische, als selbst der Tüchtigste in einem ganzen Jahr fangen würde. Die Erklärung: Der Aku Aku des verstorbenen Großvaters des geretteten Mädchens war erschienen und hatte dem Fischer geholfen.«

Angst war offenbar ein häufiger Gast auf der Osterinsel. Angst und Schrecken verbreiteten Vertreter der »zivilisierten Welt«, die immer wieder das Eiland in den Weiten des Pazifiks überfielen, um Menschen für ihre Sklavenmärkte zu fangen.

Angst herrschte, wenn sich verschiedene Stämme der Osterinsel bekriegten. »Dabei ging es immer vorwiegend um Macht und um Einfluss. Wer darf auf besonders fruchtbaren Arealen der Insel Ackerbau betreiben? Wer muss sich mit kargem Land begnügen, wo der Wind jede Krume ins Meer fegt?«

Eine umgestoßene Statue
Foto: W-J.Langbein
Anlässe zum Krieg gab es immer wieder. Hunger ließ immer wieder Gewalt ausbrechen. Die Nahrungsmittel auf der Osterinsel waren schon immer begrenzt. Süßwasser war häufig nur knapp bemessen. Da bekämpften sich die einzelnen Gruppen auf dem Eiland immer wieder. »Die Sieger stürzten die Statuen der Besiegten um und demonstrierten so ihre Macht. Sie zeigten, dass sie auch vor den Geistern der Feinde keine Angst hatten. Und immer wieder kam es zu Kannibalismus, schlachteten und aßen die Sieger die Besiegten! Mancher verzweifelte! Warum hilft uns Make Make nicht! Warum steht uns der Vogelmann nicht bei?«

Ob es verlässliche Aufzeichnungen über die Geschichte des Eilands gebe, wollte ich wissen. Mein Guide lachte nur. »Sie müssen bedenken, dass die Geschichte von Rapa Nui sehr weit zurückreicht ...« Ich nickte bestätigend: »Ja, viele Jahrhunderte!« Mein Guide lachte wieder. »Jahrhunderte? Jahrtausende!« rief er stolz aus. Seine laute Stimme erzeugte ein unheimliches Echo in der Höhle. »Aber die Wissenschaft streitet ab, dass die Kultur der Osterinsel schon so alt ist!« Mein Guide winkte ab. »Die meisten Wissenschaftler haben doch keine Ahnung!«

Zur Ehrenrettung der Wissenschaft muss ich sagen, dass es Experten gibt, die nicht von einer jungen Osterinselkultur ausgehen. Einer der »Außenseiter« ist Frank Joseph. Im Frühjahr 1996 publizierte der Archäologieexperte Frank Joseph einen Fachartikel, der eigentlich in der Welt der Experten wie eine Bombe hätte einschlagen müssen. Verdeutlichte er doch in dem seriösen Magazin »Ancient American« (Ausgabe 12/ S. 9), dass die geheimnisvolle Kultur der Osterinsel nicht nur wenige Jahrhunderte alt ist, wie das noch heute in den gängigen Publikationen steht, sondern bereits vor Jahrtausenden bestand. So neu ist die von Frank Joseph anno 1996 publik gemachte Erkenntnis keineswegs.

Schon vor rund einem Jahrhundert, als Weltreisen noch richtige Abenteuer waren, stand der Österreicher Ernst von Hesse-Wartegg (1851-1913) staunend vor den gewaltigen Kolossen der Osterinsel. Wer mochte wohl einst diese Riesen geschaffen haben? Und wann? Von Hesse-Wartegg kam sich neben den Kolossalstatuen geradezu winzig klein vor.

Der Autor neben einem
Osterinselkoloss
Foto: Archiv Langbein
Demütig blickte er in ihre Gesichter. Wenn sie nur reden, ihre Geschichte erzählen könnten ... Was bildete sich der Mensch am Wendepunkt vom 19. zum 20. Jahrhundert auf seine technischen Errungenschaften alles ein! Dabei musste es doch schon in grauer Vorzeit in der Südsee eine geheimnisvolle Kultur gegeben haben, die in mancher Hinsicht der unseren ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. In seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt«, vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden, hielt der Forschungsreisende fest, dass die Osterinselfiguren »wohl zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gehören.

Gehört der Vogelmann zu den ältesten mythologischen Gestalten der Osterinsel? Das ist umstritten. Festzustehen scheint: Als die Stammeshäuptlinge ihre Macht verloren, gerieten alte Kulte in Vergessenheit. Der Vogelmannkult verschwand.


Literatur

Métraux, Alfred: Ethnology of Easter Island, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: Mysteries of Easterisland, London 1995
Petersen, Richard: The Lost Cities of Cibola, Phoenix 1985
(Island of Mystery, chapter 10, pages 219 fff.)
Richter-Ushanas, Egbert: Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
Metoros und Ure Vaeikos, Bremen 2000
Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: Easter Island The Endless Enigma,
Santiago 1991
Routledge, Katherine: The Mystery of Easter Island, 1919, Nachdruck
Kempton 1998
TerraX, Lippert, Helga: TerraX / Vom Geheimbund der
Assassinnen zum Brennpunkt Qumran, München 2003
(Odyssee zur Osterinsel/ Die Floßfahrt der Inka-Fürsten, S. 212 ff)
Krendeljow/ Kondratow: Die Geheimnisse der Osterinsel, 2. Auflage, Moskau
und Leipzig 1990
Winkel, Karl zum: Köpfe, Schlangen, Pyramiden in Lateinamerika/ Alte
Kulturen von Mexiko bis zur Osterinsel, Heidelberg 2001

Der Vogelmensch, in das Holz
einer Heiligenfigur geschnitzt - Foto: W-J.Langbein

»Massenmord auf der Osterinsel«,
Teil 188 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.08.2013

Sonntag, 14. Juli 2013

182 »Die Osterinsel-Connection«

Teil 182 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Eine Botschaft der Osterinsel - Foto: Archiv W-J.Langbein
In Puri, so wurde mir vor Ort versichert, gebe es seit Jahrhunderten eine Peymakilir, ein menschenfressendes Monstrum. Ich erinnere mich an einen nachmittäglichen Besuch in der kultigen Tempelanlage. In einem archivartigen Nebenräumchen lagerten in marode wirkenden Regalen mit verstaubten Glastüren einige »sehr alte« Palmblätter. »Diese Palmblätter wurden seit Jahrhunderten ... seit Jahrtausenden immer wieder kopiert, von Hand von alten auf neue Palmblätter übertragen.«, erklärte mir mein Guide. »Manche Palmblätter zerfallen bereits nach wenigen Jahrzehnten. Man muss sie frühzeitig genug abschreiben, damit uraltes Wissen nicht für immer verlorengeht!«

In dem steinernen Kiosk roch es muffig. Spärliches Licht fiel durch ein kleines Fenster. Auf einem wackeligen Tisch lagen mehrere Palmblätter, etwa 30 Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. »Es gibt Bibliotheken, zu denen nur wenige Eingeweihte Zugang haben. Selbst hohe Priester ahnen nur, dass es sie gibt. In uralten Texten ist von Horrorwelten die Rede, von schwarzen Einflüssen, die Menschen zu Kannibalen machen ...« Auf der Osterinsel, so erklärte mir mein Guide, »kam es zu Menschenfresserei.« Ich wandte ein: »Auch auf anderen Südseeinseln. Aber das geschah doch in schlimmsten Zeiten der Not, wenn Hungersnöte die Bevölkerung ganzer Inseln auszurotten drohten!«

Verborgene Botschaften auf
Palmblättern - Fotos: W-J.Langbein
Es gibt, so erfuhr ich, Bildnisse von Tieren auf Palmblättern, deren geheime Botschaften nur wenigen Eingeweihten bekannt sind. Es existieren, so erfuhr ich weiter, Palmblätter mit mysteriösen Schriftzeichen, die nur wenige Auserwählte überhaupt zu Gesicht bekommen. Und kaum jemand kann sie übersetzen. Und die wenigen Auserwählten verraten nicht, was in den Texten steht. Schreiber müssen die Texte kopieren, ohne den Sinn der Texte auch nur erahnen zu können. »Lesen können nur wenige Menschen diese Schriften ...«, raunte mein Guide ehrfurchtsvoll. Eine Handvoll solcher Wissender soll auf der Osterinsel leben. Auf der Osterinsel?

Was ich schon wiederholt als Gerücht in grenzwissenschaftlichen Kreisen gehört hatte, wurde mir in Puri bestätigt: Demnach gab es einst eine Verbindung zwischen Indien und der Osterinsel. Die bis heute nicht entzifferte Schrift der Osterinsel ... soll im »Alten Indien« entwickelt worden sein! Zum Beweis wurden mir vergilbte Blätter vorgelegt – mit Schriftzeichen aus der Induskultur und der Osterinsel. Tatsächlich: da gibt es verblüffende Ähnlichkeiten zwischen beiden Schriften. Ich erinnere mich an Zeichen, die sowohl in der indischen Schrift wie in jener der Osterinsel vorkommen. Einige davon erinnern an menschenähnliche Fabelwesen, die seltsame Gegenstände in den Händen halten. Die Ähnlichkeit zwischen Zeichen der Osterinselschrift, genannt Rongorongo, und uralten Schriftsymbolen aus Indien ... kann sie Zufall sein? Oder kam das Wissen um die Kunst des Schreibens aus dem »Alten Indien« in die Südsee?

Vergleich
Indusschrift (links),
Osterinselschrift (rechts)
Foto: Archiv W-J.Langbein
Nach meinen Recherchen war Wilhelm von Hevesy der erste Wissenschaftler, der auf die geheimnisvolle Verbindung zwischen Indien und der Osterinsel aufmerksam machte. 1934 publizierte er einen wissenschaftlichen Artikel über die »Osterinsel-Connection« (1).

Wenig wissen wir über die Osterinselschrift. Kurios mutet an, dass offenbar der Lesende die »sprechenden Holztafeln« nach jeder Zeile umdrehen musste. In Zeile 1 stehen die bildhaften Zeichen – zu erkennen an den Darstellungen von »männchenartigen« Symbolen – noch richtig, »auf den Füßen«. In Zeile 2 stehen sie auf dem Kopf, in Zeile 3 wieder auf den Füßen usw. usw. usw. Der Lesende musste also nach jeder Zeile die Schrifttafel »auf den Kopf stellen«? Warum? Wir wissen es nicht!

Der sagenhaften Überlieferung nach entstand die Osterinselschrift nicht auf der Osterinsel selbst. König Hotu Matua soll 67 Schrifttafeln vom »Atlantis der Südsee« mitgebracht haben, das in grauer Vorzeit in den Weiten des Pazifiks versank. Osterinselexperte Dr. Fritz Felbermayer hat sich wie kaum ein zweiter Wissenschaftler intensiv mit den Überlieferungen der Osterinsel beschäftigt, auch mit den Erzählungen über die Urheimat der Osterinsulaner. Sie soll weit im Westen der Osterinsel, im Pazifik, bei einer gewaltigen Katastrophe zerstört worden und im Meer versunken sein. Vor rund 40 Jahren habe ich ihn zu diesem Thema befragt.

Der Wissenschaftler antwortete mir: »Es ist meine felsenfeste Überzeugung, dass diese Überlieferung eine absolut wahre Begebenheit beschreibt. Von den alten Insulanern wird diese Tatsache so klar und ohne Zögern wiedererzählt, und immer in derselben Weise. Es werden Namen genannt, die einfach nicht erfunden wurden. So konnte ich diese Begebenheiten ohne jeden Zusatz aufschreiben.« (2)

Die Urheimat der Osterinsulaner versank
in den Fluten des Pazifik. Foto: W-J.Langbein
Die Schrifttafeln müssen als ungeheuer wertvoll erachtet worden sein. Man stelle sich vor: Ein Inselreich versinkt in den Fluten des Meeres. Überstürzt fliehen die Menschen in eine ungewisse Zukunft. Die Menschen sind verzweifelt. Können sie mehr als das nackte Leben retten? Was tragen sie auf ihre Boote? Proviant, Wasser, Kleidung, Angeln? Der Überlieferung nach nahmen sie 67 Schrifttafeln mit. Warum? Waren die Aufzeichnungen von so großer Bedeutung? Wenn wir doch nur heute die wenigen erhaltenen Schrifttafeln wie ein Buch lesen könnte!

Es gibt eine interessante Parallele, auf die ich auf der Osterinsel aufmerksam gemacht wurde. Demnach führten die Maori Neuseelands ebenfalls als kostbarstes Gut geheimnisvolle Schrifttafeln mit sich.

Seit Jahrzehnten frage ich mich: Gibt es eine Osterinsel-Connection? Gibt es eine Verbindung zwischen den vor Jahrtausenden entstandenen Schriften des Indusgebiets und der Osterinsel? Seit Jahrzehnten recherchiere ich in Sachen »Woher stammt die Schrift auf den sprechenden Hölzern der Osterinsel?« Zu meinem Erstaunen ist nicht einmal bekannt, bis zu welchem Zeitpunkt die mysteriöse Schrift von Kundigen auf dem einsamsten Eiland der Südsee noch gelesen werden konnte. Katherine Maria Routledge (1866-1935) ließ 1910 eine Jacht bauen und startete eine Osterinselexpedition. Ende März 1914 erreichte sie »Rapa Nui«. Siebzehn Monate lang dokumentierte sie so viele Überlieferungen wie nur möglich: über die Historie des einsamen Eilands, über die religiösen Kulte (Beispiel: Vogelmann-Mythos!), über die Bedeutung der Kolossalstatuen. (3)

Rätselhafte Statuen ... Foto: W-J.Langbein
Katherine Routledge, so scheint es, gewann nach und nach das Vertrauen der Einheimischen. Sie führten sie zu »Gräbern« von Riesenstatuen. So konnte die unermüdliche Forscherin rund dreißig Statuen ausgraben lassen, die so gut wie keine Verwitterungsspuren aufwiesen.

Besonders interessiert war Katherine Maria Routledge an den Schriftzeichen der Osterinsulaner. So fasziniert sie von den mündlichen Überlieferungen der Einheimischen war, wesentlich wichtiger waren ihr möglichst alte Schrifttexte in der mysteriösen Osterinselschrift. Also suchte sie mit Nachdruck nach Eingeweihten, die ihr die »sprechenden Hölzer« vorlesen und übersetzen konnten. Gewiss, es gab immer wieder Osterinsulaner, die angeblich noch die alten Schrifttafeln entziffern konnten. Rasch verflog aber die Euphorie. Man ließ einem »Eingeweihten« den Text eines gravierten Holztäfelchens vorlesen und notierte genau den angeblichen Text. Tage später bekam er wieder das gleiche Täfelchen vorgesetzt ... und las einen ganz anderen Text vor. Kurzum, es fand sich kein einziger »Wissender«, der dazu in der Lage war, wiederholt die Aussage eines in Holz gravierten Textes im gleichen Wortlaut wiederzugeben!

In einer Leprakolonie stieß Katherine Maria Routledge auf einen Schwerkranken, der angeblich wirklich die uralte Schrift der Osterinsel beherrschte. Angeblich war er der letzte wirklich Eingeweihte. Der Mann weigerte sich strikt, sein Wissen zu offenbaren. Es sei besser, dass uralte Wissen gehe verloren, als dass es in die Hände der Weißen geriete! Zwei Wochen später starb der Mann. Das Misstrauen der Osterinsulaner gegenüber den Weißen aus der angeblich so »zivilisierten Welt« war verständlich: Die »Entdecker« und »Besucher« brachten den Osterinsulanern nur Unglück, Krankheit und Tod.

Eine Botschaft der Osterinsel, Foto: Archiv W-J.Langbein
Fußnoten
1 von Hevesy, Wilhelm: »Osterinselschrift und Indusschrift«, »Orientalistische Literaturzeitung/ Monatsschrift für die Wissenschaft vom ganzen Orient und seinen Beziehungen zu den Angrenzenden Kulturkreisen«, 1934 37(11): 666-74.
2 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J.
3 Routledge, Katherine: »The Mystery of Easter Island«, 1919, Nachdruck,
Kempton 1998

»Wege zur Osterinsel«,
Teil 183 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.07.2013


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