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Sonntag, 2. September 2018

450 »Der Vogelmannkult und einer, der durch den Himmel stürzte«

Teil 450 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«

Dr. Georgia Lee, Herausgeberin des »Rapa Nui Journal« schreibt in Ihrer Abhandlung (1) »Die Felsbilder-Kunst auf Rapa Nui« Konkretes zum mysteriösen »Vogelmann-Kult« (2): »Die Teilnehmer am Vogelmann-Ritual mussten versuchen, auf der kleinen Insel Motu Nui ein Ei der schwarzen Seeschwalbe zu finden. Ursprünglich hatte dieses Frühlingsfest wahrscheinlich metaphysische und religiöse Bedeutung und hing mit der Wiedergeburt und Erneuerung der Natur zusammen. In den Händen der Kriegerklasse wurde es zu einem Instrument der Beherrschung der Insel.«

Foto 2: Die kleinen Inseln »Motu Nui« und »Motu Iti«

Dr. Lees Aussage über den Wechsel von der Ahnenverehrung zum monotheistischen »Make Make« ist Spekulation, aber durchaus logisch. Tatsächlich trifft ihre Beschreibung auf so manche Religion zu. Aus Sicht eines totalitären Herrschers ist es der Idealfall, seinen Untertanen den alten Glauben zu nehmen und einen neuen aufzudrängen. Entwurzelte lassen sich am besten beherrschen. Das wusste wohl auch Konstantin der Große, als er ab 325 immer stärker das Christentum favorisierte. Dabei ist mehr als umstritten, ob Konstantin dem neuen Glauben huldigte. 

Bis zur »Mailänder Vereinbarung« im Jahr 313 wurden Christen verfolgt, ihr Vermögen konfisziert und ihre Kirchen angezündet. Das Christentum wurde zur erlaubten Religion. Die Bedeutung des Christentums wuchs und wuchs kontinuierlich. Allerdings ließ Konstantin noch anno 326 seine Frau Fausta und seinen ältesten Sohn Crispus ermorden. Es scheint so, dass der Kaiser nicht wirklich und wenn, dann nicht frühzeitig zum Christentum wechselte. Ich vermute, dass Konstantin schlicht und einfach Realpolitiker war, der die  starke Gruppe der Heiden in seinem Reich nicht verprellen wollte. Christus übernahm nach und nach die Rolle des Sonnengottes Sol.  Als Alleinherrscher wollte Konstantin schließlich seine Machtposition zementieren, seine Untertane einen, indem er massiv ein gesamtes Reich mit einem Glauben anstrebte. Als »Isapostolos« ließ er sich mit schöner »Bescheidenheit«  als »den Aposteln Gleicher« bezeichnen. 

Fotos 3 und 4: Make Make beim »Zeremonialdorf«

Was wissen wir über den »Vogelmann-Kult« der Osterinsel?  Der mächtige Gott »Make Make« wurde als Retter gefeiert und verehrt, dem man es zu verdanken hatte, nicht mit der alten Heimat in den Fluten des Pazifik unterzugehen, sondern eine neue Heimat, die Osterinsel zu finden. Wir wissen, dass »Make Make« irgendwie zum »Vogelmann-Kult« gehörte. Im Zeremonialzentrum von Orongo wurde in Petroglyphen »Make Make« häufig vereint mit »Vogelmännern« gezeigt. Dabei fällt auf, dass auch Make Make manchmal wie die »Vogelmänner« als Mischwesen aus Tier und Mensch gezeigt wird. Die »Vogelmänner« scheinen oft von irgendwo in die Tiefe zu springen. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Egbert Richter-Ushanas, ein Experte auf dem Gebiet der geheimnisvollen Osterinselschrift, einen Text entzifferte und übersetzte, der auf in der Fachwelt als  »Aruka Kurenga« bekannt ist (3): 

»Durch den Himmel gestürzt kam Hotu Matua von jenem Land in dieses Land, und er ließ sich nieder im Nabel des Himmels.« (4) Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es ursprünglich eine »Naturreligion« im Reich der steinernen Giganten gegeben hat. Naturerscheinungen wie Gewitter wurden den Göttern zugeschrieben. Als dann »Astronautengötter« (»Make Make« und Team) das Eiland (oder eine andere Insel in der Südsee) besuchten, hielt man sie für »Himmlische«. Auch das ist Spekulation.

Foto 5: Einige der Häuschen vom »Zeremonial-Zentrum Orongo«

Suchen wir nach harten Fakten, nach im wahrsten Sinne des Wortes steinharten Fakten. Als ich mich auf meinen ersten Besuch der Osterinsel vorbereitete, da versuchte ich so viele Informationen wie nur möglich zu sammeln. So erfuhr ich, dass die Osterinsulaner angeblich alljährlich in feierlicher Prozession zum »Rano Kau«-Vulkankegel empor zogen, um dann das »Zeremonialdorf« zu beziehen. Dort wartete man den Ausgang des Wettbewerbs »Wer bringt das erste Ei« ab. Das »Zeremonialdorf« gibt es tatsächlich. Ich muss zugeben: Als ich die steinernen Häuser sah, war ich doch mehr als nur etwas enttäuscht. 52 (oder 53) Steinhäuschen gab und gibt es. Sie sind aus flachen Natursteinplatten mörtellos gebaut. Fenster haben die Häuschen keine, nur einen Eingang Richtung Pazifik, den man freilich aus dem Inneren der Häuschen nicht sehen kann. Die »Türen« sind im Schnitt nur etwa 50 Zentimeter hoch. Da die Mauern unverhältnismäßig dick sind, muss man durch einen etwa einen halben Meter »hohen« Tunnel kriechen, um dann in einem Räumchen zu landen, das ein aufrechtes Stehen unmöglich macht. 

Alfred Métraux weiß zu berichten (5): »Die Zeremonien und Festgelage im Zusammenhang mit dem Vogelkult wurden in Orongo, an den Hängen des Rano-kao an der  Südwestspitze der Insel durchgeführt. Das »Dorf Orongo« liegt auf dem schmalen Grat, der das Meer vom Kratersee trennt. Es war vorübergehend während des jährlichen Fests bewohnt und den Rest des Jahres über verlassen.« Die Bevölkerung der Osterinsel muss mehr als überschaubar gewesen sein, wenn alle Bewohner in den kleinen Häuschen des »Orongo Dorfs« untergebracht worden sein sollen. Und Kleinwüchsigkeit wäre dann von erheblichem Vorteil gewesen.

Foto 6: Eingänge in zwei der Häuschen

Welchem Zweck mag das »Zeremonialdorf« gedient haben? In der lebenden Mythologie heißt es, dass in einem der Häuschen der »Vogelmann« höchstselbst hauste. Seine Ansprüche müssen mehr als bescheiden gewesen sein. Belegten Priester- und Dienerschaft die übrigen Häuschen?

Bei meinem ersten Besuch konnte ich mich noch vollkommen frei in Orongo bewegen. So bin ich auch in das eine oder das andere Häuschen gekrochen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich mich im Inneren einer kleinen Wohnung mit Zugängen zu Nachbarwohnungen rechts und links befunden habe. Oder bestand so eine Wohnung aus Haupt- und Nebenraum oder Nebenräumen? Ich erkundete einige Häuschen, die neben einem zentralen Raum über zwei oder drei Nebenräume verfügen. Keiner dieser Räume hatten Fenster. Das einzige Licht kam durch die winzige Tür. Die Luft war in allen Räumen stickig. Wie dem auch sei: Die Häuser boten im Inneren eher einen Korridor von unterschiedlicher Länge. Einige der Häuschen habe ich ausgemessen. Die kleineren waren fünf Meter, größere bis zu 15 Meter lang. Die Breite lag bei allen Häuschen bei etwa 2,50 Meter. Von »Höhe« kann man bei etwa 1,40 Meter nicht wirklich sprechen. Ein aufrechtes Stehen war in keinem der Räumchen möglich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesen beengten Wohnungen Menschen selbst nur für kurze Zeit gelebt haben.

Foto 7: Ein Eingang
Wurden vielleicht in diesen niedrigen, schmalen Räumchen heilige Zeremonien abgehalten, die heute vollkommen in Vergessenheit geraten sind? Aufschluss könnten die bemalten Steinplatten bieten, die einst in den Innenwänden der Räumchen fest eingebaut waren. Leider sind sie geraubt worden. Sie verschwanden in Privatsammlungen, vielleicht auch in dem einen oder anderen unbedeutenden Museum.

In »Haus R 13«, so versicherten mir verschiedene, meiner Meinung nach glaubhafte Osterinsulaner, lag bis ins Jahr 1868 versteckt eine der größten Kostbarkeiten der Osterinsel: eine Statue, 2,42 Meter hoch, etwa vier Tonnen schwer, aus Basalt gemeißelt. Auf ihrer Brust, heute kaum noch zu erkennen, war einst eine Ritzzeichnung zu sehen: von einem »Vogel-Mann«, der in Schnabel und Hand je ein Ei hält. Mit einiger Fantasie hat man sie zeichnerisch rekonstruiert. Als Vorlage dienten Petroglyphen, die offenbar eine ganz ähnliche Gestalt zeigen. Ursprünglich war die Figur schwarzweiß bemalt. Basalt ist sehr viel feinporiger als beispielsweise grobporiges Trachyt, aus dem viele der Statuen bestehen. Deshalb lässt sich Basalt recht gut bemalen, im Gegensatz zu sehr viel grobporigerem Gestein.

Es geht nicht anders: der »kleine Riese« muss in seinem Häuschen gelegen haben. Gestanden haben kann er nicht bei einer Größe von 2,42 m und einer »Raumhöhe« von nur 1,40m bis 1,50 m. Vermutlich musste man die Behausung um den altehrwürdigen Moai herum gebaut haben. Durch die kleinen »Türchen« hat er sicher nicht gepasst. Und wie wurde er herausgeholt? Es gibt nur eine Lösung des Problems: Man hat ein Loch in die Wand geschlagen. 

Der »kleine Riese« heißt »Hoa haka nana ia«, zu Deutsch angeblich etwa »Gestohlener kleiner Freund«. Er wurde anno 1868 von J. Linton Palmer, seines Zeichens Arzt, entführt und nach Europa verschleppt. Er landete im Londoner »British Museum«, wo er bis heute ausgestellt wird. Eine Briefmarke zeigt das Haupt des gestohlenen »kleinen« Riesen. (Foto 8!) Seine Rückkehr zur Osterinsel wird bis heute vergeblich gefordert.  Die Chancen, dass der gestohlene Freund in seine Heimat zurückkehren darf, sind gering. (6)

Foto 8: Er wurde gestohlen.
Gering ist auch die Chance, dass Kunstwerke, die einst das »Zeremonialdorf« von Orongo zierten, jemals wieder den Osterinsulanern zurückgegeben werden. Sie wurden geraubt oder billig gekauft und verschwanden in Museen und Privatsammlungen. Anno 1882 ankerte das Kanonenboot »SMS Hyäne« vor der Osterinsel. So wie man sich das wilde Tier der »Hyäne« vorstellt, so verhielten sich die »zivilisierten« Menschen gegenüber der vermeintlich »Wilden« der Osterinsel. Sie versklavten die Menschen, raubten archäologische Kostbarkeiten und zerstörten rücksichtslos, was ihnen in den Weg kam. Wie schrieb Karl May (*1842;†1912) in seinem Roman »Und Friede auf Erden!«, erschienen anno 1904? (7) »Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!«

Fußnoten
(1) Veröffentlicht in Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua«, Ausstellungskatalog, Mainz 1989, S. 109-115
(2) ebenda, S. 109, rechte Spalte, Zeilen 16-23
(3) Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000

Foto 9: Make Make in der heutigen Osterinselkunst.

(4) Zu diesem Thema hielt ich am 19. August 2000, und zwar beim Jahrestreffen der dänikenschen A.A.S. in Berlin, einen Vortrag, betitelt »Das Geheimnis der amphibischen Götter«.
(5) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971, Seite 331, Zwischenüberschrift »Orongo«. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(6) Siehe hierzu…  Palmer, J. Linton: »A visit to Easter Island Or Rapa Nui, in 1868«, London 1870
(7) May, Karl: »Und Friede auf Erden!«, Erstausgabe Freiburg 1904. Zitat aus Band 30 der im Karl-May-Verlag Bamberg erschienen Ausgabe, 267. Tausend, S. 252, Zeilen 9-16 von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Blick auf die kleinen Inseln »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«.
Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Blick auf die kleinen Inseln »Motu Nui« und »Motu Iti«. Foto Ingeborg Diekmann
Fotos 3 und 4: Make Make beim »Zeremonialdorf«. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Einige der Häuschen vom »Zeremonial-Zentrum Orongo«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 6: Eingänge in zwei der Häuschen. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Ein Eingang in eines der Häuschen. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 8: Der gestohlene kleine Freund als Briefmarkenmotiv.
Foto 9: Make Make in der heutigen Osterinselkunst. Foto Walter-Jörg Langbein.

451 »Die drei Schönen, kleine Augen und sterbende Statuen«,
Teil 451 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.09.2018


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Sonntag, 10. Januar 2016

312 »Woher, wohin?«

Teil 312 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: So soll es einst auf der Osterinsel ausgesehen haben

Joe Luis Rosaco und Juan Pablo Lira beschreiben die Osterinsel als »endloses Rätsel«, als »endless enigma« (1). Und in der Tat: Je intensiver ich recherchiere, desto mehr neue Fragen ergeben sich!

Nach den ältesten Mythen der Osterinsel gab es einst in grauer Vorzeit weit im Westen Südamerikas ein paradiesisches Eiland, »Maori Nui Nui«, zu Deutsch »Groß Maori«. König Taenen Arei regierte das Reich. Groß waren seine Sorgen. Stand doch die Existenz seines gesamten Volkes auf dem Spiel! »Maori Nui Nui« würde in den Fluten des Pazifiks versinken. Hatte sein Volk überhaupt eine Chance zu überleben?
     
Schließlich übernahm Taenen Areis Sohn, Hotu Matua, die Regierungsgewalt als König. Voller Tatendrang rüstete er Expeditionen aus. Seine tüchtigsten Seefahrer sollten eine neue Heimat für das vom Untergang bedrohte Volk finden. Doch die Kundschafter kamen immer wieder zurück, ohne in den Weiten des Meeres neues Land gefunden zu haben.
    
Foto 2: In den Weiten des Pazifiks...

Im letzten Augenblick gab es himmlische Hilfe. Gott Make Make stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und verschleppte ihn  durch die Lüfte zu einem fernen, unbekannten Eiland. Make Make erklärte dem verblüfften Priester genau, wie man von seiner alten Heimat, dem vom Untergang bedrohten Atlantis der Südsee, zur neuen Insel gelangen konnte. Make Make warnte eindringlich vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte dem Geistlichen eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Es dürfte sich um noch nicht ganz erstarrte Lava gehandelt haben.

    
Schließlich wurde Hau Maka in die alte Heimat zurück gebracht. Sofort berichtete er seinem König von seinem Traum. Ein Traum musste der Flug mit dem Gott Make Make ja gewesen sein. Der König wählte sieben Seefahrer aus, die sofort zu einer Erkundungsfahrt aufbrachen. Tatsächlich fanden sie die neue Insel... nach dreißig Tagen strapaziöser Fahrt übers Meer. Nach weiteren vierzig Tagen waren die sieben Seefahrer wieder zu Hause. Der König befahl den Exodus. Die gesamte Bevölkerung von »Maori Nui Nui« siedelte um: vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel. Die neue Heimat wurde planmäßig erkundet und in Besitz genommen.

Foto 3: .... verloren in einem endlosen Meer....

Aber waren die Flüchtlinge von »Maori Nui Nui« wirklich die ersten Menschen auf der Osterinsel? Nach Osterinselexperte Fritz Felbermayer war das Eiland damals menschenleer (2).

Nach Admiral T. de Lapelin (3) gab es auf den Gambier-Inseln, Tuamotu-Archipel, 1800 Kilometer südöstlich von Tahiti gelegen, eine interessante Überlieferung. Auf der Insel Mangareva kam es zu einer Rebellion. Ein »Chief« – der Name wird nicht überliefert – wurde besiegt und floh. Er entkam auf zwei großen Kanus mit Männern, Frauen und Kindern. Proviant hatten sie reichlich dabei. Einer der Flüchtlinge soll später wieder nach Mangareva heimgekehrt sein. Er berichtete, dass die beiden Kanus eine Insel gefunden hätten. Der Beschreibung nach handelte es sich um die Osterinsel.

Das Eiland sei bewohnt gewesen, heißt es weiter. Die Einheimischen überfielen die Neuankömmlinge, wurden aber besiegt. Bis auf Frauen und Kinder sollen alle Insulaner erschlagen worden sein. Auf der Osterinsel versicherte man mir, das könne nur vor der Besiedelung ihrer Insel durch Hotu Matua geschehen sein.

Eine Lehrerin berichtete mir in Hanga Roa, der einzigen Siedlung auf dem Eiland, dass ihre Vorfahren beim ersten Besuch auf der Osterinsel Spuren einer früheren Besiedlung entdeckt hätten.

Foto 4: ... liegt die Osterinsel

Da habe es deutliche Überreste einer einst sehr schön angelegten Straße gegeben. Und in den »Höhenlagen« der Vulkane habe man steinerne Befestigungsanlagen früherer Bewohner gefunden. (4) Diese Befestigungsanlagen sollen sich auf einem der beiden Hügel befunden haben, die am Strand der Anakena-Buch liegen. Meines Wissens ist davon heute nichts – mehr? – zu sehen. Einer der beiden Hügel soll – von wem auch immer – oben künstlich abgeflacht worden sein. Wurden auf diesem Hügel einst Posten aufgestellt, die aufs Meerhinaus starren mussten, um frühzeitig Neuankömmlinge zu entdecken?

Viele Fragen in Sachen Osterinsel beginnen mit dem Wort »woher«. Woher kamen die ersten Bewohner der Osterinsel? Vermutlich gab es mehrere Wellen von Einwanderungen. Unbestreitbar ist der starke Anteil an polynesischen Vorfahren der Osterinsulaner. Woher stammt der osterinsulanische »Vogelmensch-Kult«? Wir verstehen diesen Kult bis heute nicht wirklich. Steingravuren auf der Osterinsel zeigen den Vogelmenschen als eine Art Mischwesen aus Mensch und Vogel.

Auf zahlreichen Steingravuren, die meist im Lauf der Jahrhunderte schon sehr stark verwittert sind, scheint sich der Vogelmensch kopfüber mit vorgestreckten Armen nach unten zu stürzen. Von wo nach wo springt er da? Vom Himmel zur Erde?

Foto 5: Vogelmenschkult Osterinsel
Auf den Solomon-Inseln gab es offenbar auch einen Vogelmensch-Kult. Offenbar wurde da der Fregattvogel mit menschlichen Merkmalen versehen. Die Vogel-Menschen der Osterinsel ähneln nun sehr jenen von den Solomon-Inseln.

Vermutlich kamen die Fregatt-Vogel-Mensch-Mischungen von den Solomon-Inseln zur Osterinsel.

Dort wandte man sich nach und nach einer Seeschwalbenart zu, da es auf der Osterinsel an Fregattvögeln mangelte. Unverkennbar ist der für Fregatt-Vögel typische »Hakenschnabel« auf der Osterinsel. Fregattvögel aber waren und sind auf der Osterinsel unbekannt.

Woher kam der Vogelmensch-Kult? Und was hat er wirklich zu bedeuten? Geht es um Fruchtbarkeitsriten, um Zeremonien zum Erhalt des Lebens? Im Kult der Osterinsel galt es, das erste Ei einer Rußseeschwalbe von einer der Osterinsel vorgelagerten Miniaturinsel heil zur Osterinsel zu bringen. Wurde auf diese Weise die Rückkehr des Lebens auf das Eiland zelebriert, ja beschworen?

Viele »Woher-Fragen« stellen sich zur alten Osterinselkultur. Wichtiger aber scheint mir die Frage nach dem Wohin zu sein! Wohin wird sich die heutige Osterinsel-Kultur entwickeln? Schon seit vielen Jahrzehnten versucht man sich von der Vorherrschaft durch Chile zu befreien. Fast klammheimlich kehrt der alte Kult um den »Vogelmenschen« wieder. Darstellungen von Vogelmenschen finden sich heute wieder in der christlichen Kirche der Osterinsel, auf Heiligenfiguren geschnitzt, aber auch auf Rückseiten von Grabsteinen.

Fotos 6 und 7: Mysteriöser Kult
Im Verlauf der rund dreißig Jahre, die ich die Osterinsel immer wieder aufsuchte, erkannte ich ein Erstarken der Bewegung »Zurück zu den Wurzeln«-Bewegung. Leider wurden unzählige der Schrifttäfelchen der Osterinsulaner von übereifrigen Missionaren gesucht und vernichtet. Leider wurde die Muttersprache »Rapanui« der Osterinsel viele Jahrzehnte verboten. Erst seit 1975 darf »Rapanui« wieder in der Schule gelehrt und gelernt werden. 1984 schließlich wurde »Rapanui« sogar zum Pflichtfach. Und die örtliche Folklore, lange Zeit von Missionaren als »Teufelswerk« verdammt, wird seither wieder an der Schule unterrichtet.

Für Sebastian Englert, 1964 mit dem »Bundesverdienstkreuz 1. Klasse« geehrt, hatte ausschließlich die Missionierung der Osterinsulaner Bedeutung. Das unsägliche Leid, das den Menschen durch Vertreter der »zivilisierten Welt« zugefügt wurde, scheint ihn überhaupt nicht interessiert zu haben. Er sah seine Aufgabe wohl ausschließlich darin, die »Heiden« zu Christen zu machen. Dass die Rapa Nui ohne Rechte als Fremde in der Heimat lebten, unfrei hinter Stacheldraht hausend, das war für den eifrigen Missionar ohne Belang, ohne Bedeutung.

Foto 8: Heutige Osterinselkunst
Wohin geht der Weg der Osterinsulaner? Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus wächst der Wunsch der Menschen der Isla la Pascua, wieder eine eigene Kultur zu entwickeln, die eigenen Wurzeln wieder zu entdecken. Heutige Rapanui-Künstler schaffen wieder Werke mit den uralten Motiven ihrer Heimatinsel. Im Zentrum steht der Vogelmensch aus dem alten Kult. Auch Make-Make-Motive fließen in die moderne Kunst wieder ein. Rapanui lebt!

Der Weg zur Eigenständigkeit ist noch ein weiter. Wird die Unabhängigkeit je verwirklicht werden können?

Fußnoten

1) Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: »Easter Island/ The Endless Enigma«, Santiago 1991
2) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971. »Die sieben Seefahrer«, S. 16-18
 3) »Revue Maritime et Coloniale«, Band XXXV, S. 108, 1872 erschienen (nähere Quellenangaben liegen mir leider nicht mehr vor!)
4) Leider ließen sich diese vagen Angaben nicht weiter verifizieren.

Empfehlenswerte Literatur zum Themenkomplex »Osterinsel«
(eine Auswahl!):


Foto 9: Moderne Kunst...
Bacon, Edward (Herausgeber): »Versunkene Kulturen/ Geheimnis und Rätsel früher Welten«, Volksausgabe, München 1970
Bahn, Paul und Flenley, John: »Easter Island, Earth Island/ A message from our past for the future of our planet«, London 1992
Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua/ Ausstellungskatalog«, Mainz 1989
Berg, Eberhard: »Zwischen den Welten/ Anthropologie der Aufklärung und das Werk Georg Forsters«, Berlin 1982 (Die Osterinsel: »Verschiedene Grade von Cultur« S. 99-101)
Blumrich, Josef F.: »Kasskara und die sieben Welten«, Wien 1979
Brown, John Macmillan: »The Riddle of the Pacific«, Honolulu, Hawaii, Nachdruck 1996
Diamond, Jared: »Kollaps/ Warum Gesellschaften überleben oder untergehen«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt 2011 (Teil 2/ Kapitel 2: »Schatten über der Osterinsel, S. 103-154)
Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971
Francé-Harrar, Annie: »Südsee/ Korallen – Urwald – Menschenfresser«, Berlin 1928. (»Osterinsel« S. 143-152)
Gray, Randal: »Lost Worlds«, London 1981. (»Osterinsel« S. 44-55)
Heyerdahl, Thor: »Aku-Aku/ Das Geheimnis der Osterinsel«, Berlin 1972
Lee, Georgia: »The Rock Art of Easter Island/ Symbols of Power, Prayers to the Gods«, Los Angeles 1992
Machowski, Jacek: »Insel der Geheimnisse/ Die Entdeckung und Erforschung der Osterinsel«, Leipzig 1968
Fotos 10 und 11: Alte Kunst....
Mann, Peggy: »Land of  Mysteries«, New York 1976
Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: »Mysteries of  Easterisland«, London 1995
Petersen, Richard: »The Lost Cities of Cibola«, Phoenix 1985 (»Island of Mystery«, chapter 10, pages 219 fff.)
Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000
Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: »Easter Island/ The Endless Enigma«, Santiago 1991
Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck, Kempton 1998
Krendeljow/ Kondratow: »Die Geheimnisse der Osterinsel«, 2. Auflage, Moskau und Leipzig 1990
Winkel, Karl zum: »Köpfe, Schlangen, Pyramiden in Lateinamerika/ Alte Kulturen von Mexiko bis zur Osterinsel«, Heidelberg 2001



Fotos 12 (oben) und 13 (unten)



Zu den Fotos:
Foto 1: »So soll es einst auf der Osterinsel ausgesehen haben«, wikimedia commons Rod6807
Fotos 2 bis 11: Walter-Jörg Langbein
Zeichnungen zur Verdeutlichung: Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Zeichnerische Rekonstruktion. Archiv Walter-Jörg Langbein
(Siehe auch Fotos 6 und 7)




313 »Dicke Steine«
Teil 313 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 17.01.2016


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Sonntag, 25. August 2013

188 »Massenmord auf der Osterinsel«

Teil 188 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Osterinsel war und ist für mich das friedlichste Fleckchen Erde. Jedes Mal, wenn ich bei meiner Ankunft den Flughafen von Hanga Roa verlassen habe, kam es mir vor, als sei die Zeit irgendwann vor Jahrhunderten stehen geblieben. Jedes Mal kam es mir vor, als beträte ich ein kleines Fleckchen Erde, wo die Hektik unseres Alltags rasch vergessen ist.

Kirche von Hanga Roa
Foto: W-J.Langbein

Jedes Mal bezog ich mein Zimmer ... am liebsten in einer kleinen Pension ... und schlenderte dann die »Hauptstraße« von der Kirche hinab zum kleinen Hafen. Dann wandte ich mich nach rechts und ging die Uferstraße weiter. Gelegentlich knatterte ein Motorrad an mir vorbei ... oder ein stolzer Einheimischer trabte hoch zu Ross querfeldein.

Ich setzte mich zu Füßen einer der Osterinselstatuen ... und ließ die Atmosphäre des Eilands auf mich wirken. Ich empfand eine nicht zu beschreibende Ruhe, eine Stille die ich sonst nirgendwo auf unserem Globus angetroffen habe. Selten gab es eine Störung ... Zum Beispiel, wenn ein kleiner Bus ganz in meiner Nähe hielt und eine Gruppe von Japanern mich als Motiv wählte und emsig fotografierte.

Annäherung an einen Riesen
Foto: Ingeborg Diekmann, Bremen
Wie groß doch diese Osterinselkolosse sind. Bei einer der »kleineren« Statuen musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen und den Arm weit nach oben recken, um mit Mühe das Kinn der stoisch drein blickenden Statue zu erreichen. Dabei steckte die Statue noch zu einem erheblichen Teil im Boden!

Und nun saß ich in einer der mysteriösen »Familienhöhlen«, umgeben von seltsamen Statuetten aus Stein und Holz. »Aku Aku Figuren sind keine Aku Akus ...«, erklärte mir geduldig mein Guide. »Aku Akus sehen auch nicht unbedingt aus wie die Figürchen. Aber die Geister können von einem Figürchen Besitz ergreifen und darin wohnen wie in einem Haus ... oder in einem besessenen Menschen!«

»Und Make Make?« fragte ich. Mein Guide ließ den Lichtkegel seiner Taschenlampe über die Decke der Höhle gleiten. Er hielt inne, als das seltsame Gesicht der altehrwürdigen Gottheit auftauchte. »Er rettete mein Volk vor dem Untergang, als Maori Nui Nui im Pazifik versank. Er zeigte seinem Volk die Osterinsel, auf die meine Vorfahren übersiedelten, als ihre Heimat in den Fluten des Pazifik versank.«

Das maskenartige Gesicht des fliegenden Gottes Make Make tauchte in der Höhle immer wieder auf: an der Decke, an den Wänden und auf unterschiedlichsten Steinfiguren. Eine einförmige Miniaturplastik von etwa 20 Zentimetern Durchmesser war aus schwarzem Lavastein gemeißelt.

Deutlich war darauf das Gesicht Make Makes zu erkennen. Ganz ähnliche Zeichnungen gab es einst überall auf der Osterinsel, die meisten davon sind so stark verwittert, dass man sie kaum oder gar nicht mehr erkennt. Ich durfte das seltsam anmutende Kunstwerk in die Hand nehmen. Es kam mir seltsam leicht vor. »Das ist Make Make?«, fragte ich neugierig. »Es sieht so aus, als trage der Gott eine Maske ... oder einen Helm, der nur das Gesicht freilässt ...«, sinniere ich halblaut. »Mit den Augen unserer Zeit gesehen ... ein Taucher oder ein Astronaut!« Mein Guide lacht leise. »Make Make war ein fliegender Gott. Er brachte einen Priester durch die Lüfte zur Osterinsel ...«

Rekonstruktion einer Ritzzeichnung
von Make Make
Foto: Archiv W-J.Langbein 
»Woher kamen denn die ersten Bewohner der Osterinsel?« wollte ich wissen. »Aus dem polynesischen Raum!«, lautete die Antwort. Ich habe auf allen meinen Reisen diese Frage gestellt. Die Antwort war immer gleich: Sie kamen aus dem Atlantis der Südsee. Und das lag einst im Westen der Osterinsel. Einige wenige frühe Siedler sollen von der Osterinsel enttäuscht gewesen sein. Sie wollten wieder in ihre alte Heimat zurückkehren. Sie segelten von der Osterinsel aus Richtung Westen. Was aus ihnen wurde? Wir wissen es nicht.

Vermutlich gab es mehrere »Besiedlungen«. Die ersten Ankömmlinge sollen ein besonderes Merkmal gehabt haben: besonders lange Ohren. Das trug ihnen den Beinamen »Langohren«, im Gegensatz zu den »Kurzohren«. Die »Originalkurzohren«, so heißt es, haben die Kolossalstatuen fabriziert, die die Osterinsel bekannt gemacht haben. Weltberühmt wurden die steinernen Statuen durch den Schweizer Schriftsteller Erich von Däniken.

Wiederholt wurde mir die Geschichte vom Massenmord auf der Osterinsel erzählt ... Seit vielen Jahrhunderten wird sie mündlich überliefert. Die Jungen müssen seit vielen Generationen die Geschichte bei Zusammenkünften der Insulaner zu Gehör bringen, versicherte mir Osterinselexperte Fritz Felbermayer. Wenn sich jemand in der Wortwahl irrte, wurde er von den Älteren korrigiert.

Dispute gab es, wer denn am Anfang kam und wer folgte: Langohren oder Kurzohren? Mir wurde wiederholt versichert: Es seinen die Kurzohren gewesen, die das rätselhafte Eiland erstbesiedelten. Dann aber gab es einen zweiten Schub, Langohren kamen an Land.

Urplötzlich waren die Langohren gekommen. Brachten sie die Bilder von Make Make mit? Stammt von ihnen die rätselhafte Schrift der Osterinsel, die bis heute nicht entziffert werden konnte? Verehrten sie den mysteriösen Make Make, der fliegen und Menschen durch die Lüfte entführen konnte?

Rekonstruktion einer Ritzzeichnung
von Make Make
Foto: Archiv W-J.Langbein
Und ebenso verschwanden sie einst wieder. Wohin? Darüber gibt die mündliche Überlieferung keine Auskunft. Ein von Dr. Fritz Felbermayer aufgezeichneter Mythos hält fest: »Nach dieser Nacht hörte man nichts mehr von ihnen, von den Meistern, die die Statuen geschaffen hatten. Niemand kennt ihr Ende.«

Zurückgeblieben sind unzählige »kleine« Statuen (drei bis fünf Meter), aber auch bis zu über zwanzig Meter hohe Steinriesen ... und Kinder, die aus Ehen zwischen Kurzohren und Langohren hervorgegangen waren. Die Osterinsel wurde aufgeteilt. Das wertvolle Ackerland ging in erster Linie an die Kurzohren. Die kargeren Regionen wurden den »neuen Langohren« zugeteilt ... den Kindern, die aus der Verbindung zwischen Lang- und Kurzohren hervorgegangen waren.

Den Mischlingen aus Ehen zwischen Lang- und Kurzohren blühte ein entsetzliches Schicksal. Eines Tages nämlich, so wird überliefert, starb ein Langohren-Kurzohren-Sprössling – und zwar auf Kurzohrenland. Und dort musste nach religiösem Brauch der »neuen Langohren« der Tote auch bestattet werden, in allen Ehren.

Die Nachfahren des Verstorbenen forderten nun, dass am Sterbeort ein Grabhügel errichtet werden müsse. Mein Guide versicherte mir beim Gespräch in der Familienhöhle: »Die ältesten Grabhügel hatten Pyramidenform. Sie wurden aus Lavastein-Brocken aufgetürmt. Aus diesen Pyramiden wurden im Lauf der Entwicklung schließlich Plattformen. Und dann setzte man auf die Plattformen die Statuen.«

Die Kurzohren reagierten empört. Sie lehnten es ab, auf ihrem Grund und Boden ein Grabdenkmal bauen zu lassen. Dadurch ginge ihnen wichtiges Ackerland verloren. Die Langohren-Kurzohren-Nachkommen mussten auf den Bau einer Grabpyramide verzichten. Aber sie schworen Rache für die erlittene Schmach. Sie ersannen eine heimtückische Hinterlist! Am Berg Poike hoben sie einen tiefen, etwa fünfhundert Meter langen Graben aus und füllten ihn mit dürrem Holz. Ein gewisser Toi musste Wache schieben. Seine Frau, ein Kurzohr, verriet aber den Plan an die Bedrohten. Die beriefen umgehend eine Versammlung ein und beschlossen: Die »neuen Langohren« sollen in der Falle sterben, die sie eigentlich für die Kurzohren vorgesehen hatten.

In der Nacht vor dem geplanten Überfall attackierten die Kurzohren die »neuen Langohren«. Sie trieben die vollkommen Überraschten aus ihren Behausungen, die am nächsten Tag ausgeruht sein wollten, um die Kurzohren zu massakrieren. Jetzt schlugen die Kurzohren brutal auf sie ein und drängten sie mit roher Gewalt zum Graben hin. Sie warfen ihre Opfer hinein und zündeten das Holz im Graben an. Alle Nachfahren der Langohren bis auf einen jungen Mann kamen elendiglich zu Tode, verbrannten bei lebendigem Leibe.

Das Werk der Langohren - Foto: W-J.Langbein
Mein Guide war beim Erzählen spürbar ergriffen: »Ein Massenmord hinterlässt Totengeister. Während die Ermordeten schon längst vergangen sind, sinnen ihre Totengeister auf Rache. Vielleicht kam in den letzten Jahrhunderten so viel Leid über die Osterinsel, weil die Totengeister die Nachkommen der Mörder bestrafen wollten.«

Ich habe auf der Osterinsel eine andere Variante der alten Überlieferung gehört: Demnach kamen die Langohren als Erste auf die Insel und errichteten die Statuen. Es folgten die Kurzohren. Irgendwann verschwanden die Statuenbauer. Zurück blieben die »neuen Langohren«. Von hier an stimmen beide Varianten wieder überein!

Für die meisten Osterinsulaner von heute ist der Bericht vom Massenmord auf der Osterinsel kein unglaubwürdiges Märchen, sondern wahre Historie. Auch Dr. Fritz Felbermayer geht davon aus, dass sich die beschriebenen Ereignisse tatsächlich so abgespielt haben. Anders verhält es sich bei den aus Chile zugereisten Osterinsulanern, die vom »alten Aberglauben« nichts wissen wollen.

Tatsächlich ist bereits seit 1955 genau bekannt, wo einst der Scheiterhaufen zum Himmel loderte. Dr. Carlyle S. Smith machte den inzwischen verschütteten Graben ausfindig und untersuchte ihn. Archäologische Ausgrabungen ergaben: Er wurde einst künstlich erschaffen und ist nicht das Ergebnis eines natürlichen »geologischen Prozesses«. Im Graben selbst, daran kann es nach den wissenschaftlichen Recherchen keinen Zweifel mehr geben, wurde einst Holz gestapelt und angezündet. Dr. Carlyle S. Smith: »Im Graben muss es ein Feuer größeren Ausmaßes gegeben haben.« Schaudern befiel die Wissenschaftlerin. Sie stand am Schauplatz eines brutalen Massenmordes. Sie hatte den wissenschaftlichen Beweis dafür erbracht, dass es sich bei den mündlich überlieferten Geschichten um glaubhafte Quellen handelt.

Und ich saß in einer der »Familienhöhlen« ... Mein Guide erzählte mir vom Massenmord auf seiner Insel. »Nachdem die Flammen erloschen waren, fanden sich noch viele Knochen und Totenschädel. Die Gebeine wurden zerschlagen und in Höhlen versteckt.« Ob er denn wisse, wo noch solche Knochen zu finden seien? Mein Guide schwieg und mahnte zum Aufbruch. Beim Verlassen der Höhle sah ich, fahl im Taschenlampenlicht leuchtend ... Knochen in Nischen liegen ...

Wenn sie nur reden könnten ... Foto: W-J.Langbein

Literatur

Agassiz, Alexander: »Reports on the scientific results of the
expedition to the eastern tropical Pacific«, Cambridge 1906
»Berliner Zeitung«: »Autobahnkapelle für vagabundierende
Frühgallier«, Ausgabe 11. 03. 1997
Churchill, William: »Easter Island«, Washington 1912
Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o.J.
Grey, George: »Polynesian Mythology«, London 1993
Joseph, Frank: »Editorial: Vindication at Easter Island«,
»Ancient American«, Nr. 12/ FebruaryFebruary/ March 1996, Colfax,
Wisconsin, USA
Lavachery, Henri: »Easter Island«, Smithsonian Institution, 1936
Metraux, Alfred: »Ethnology of Eatser Island«, Honolulu,
Hawaii 1971
Schmidt, Hans: »Die Steinbilder-Typen der Osterinsel und ihre
Chronologie«, Hamburg 1927
Willis, Roy (Hrsg.): »World Mythology«, London 1993

»Spuk auf der Osterinsel«,
Teil 189 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01.09.2013



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