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Sonntag, 3. März 2019

476 »Insel des Schweigens«


Teil 476 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Himmel über der Osterinsel

»Insel der Schweigens« (1) nannte der französische Ethnologe Francis Mazière (*1924; †1994) seinen Bestseller über die Osterinsel. Das lesenswerte Werk erschien vor rund einem halben Jahrhundert zunächst in Frankreich, rasch auch in deutscher Übersetzung. Ich habe die deutsche Ausgabe sehnsuchtsvoll und mit wachsender Begeisterung gelesen, nachdem ich von der sich weltweit ausbreitenden »Dänikenitis« erfasst worden war. Erich von Dänikens erster Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« ließ mich davon träumen, das geheimnisvolle Eiland mit den mysteriösen Steinriesen einmal selbst zu besuchen. Francis Mazières »Insel der Schweigens verstärkte meinen Wunsch noch. Aber die Osterinsel war so weit, viel zu weit entfernt im Pazifik gelegen. Es sollte lange dauern, bis mein Traum endlich wahr wurde.

Als ich Jahrzehnte später bei meinem ersten Besuch erstmals zu mitternächtlicher Stunde am kleinen Hafen der Osterinsel saß und den märchenhaft-fantastischen Sternenhimmel bewunderte, da verstand ich, warum der vielleicht älteste Name des Eilands »Matakiterani«, zu Deutsch »Augen betrachten den Himmel«, lautete. Auf keiner anderen Reise erlebte ich den nächtlichen Sternenhimmel so plastisch wie auf der Osterinsel. Die Osterinsel kam mir vor wie ein winziges Flecken aus Fels inmitten eines schier undendlich weiten Meeres aus Salzwasser. Und der weite Himmel über mir war wie ein zweites Meer aus pechschwarzer Leere mit unendlich vielen einsamen Sternen darin. »Matakiterani« war in der Tat eine »Insel des Schweigens« im unendlichen Pazifik, dessen schäumende Wogen im Mondlicht wie Schnee aussahen.

Foto 2: Ahu Vai Uri ...

Dazu passen die fast eintausend steinernen Kolosse, die alle ihre schmalen Lippen zusammenzupressen scheinen, so als würden sie wortlos demonstrieren: »Von uns erfährst du nichts!« Dabei hat die Osterinsel viele Stimmen, die auch von der geheimnisvollen Vergangenheit des einsamsten Eilands der Welt berichten. Es sind die uralten Sagen und Mythen, denen bis heute viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Sie wurden bis in unsere Tage von Generation zu Generation von Wissenden weitergereicht. So gerieten sie nicht in Vergessenheit. Leider lauschen wir ihnen nicht in ausreichendem Maß.

So erfahren wir, dass die Ureinwohner der Osterinsel aus einem Reich im Westen kamen, das einst in den Fluten des alles andere als friedlichen Pazifik versank. Dr. Fritz Felbermayer (*2.2.1907; †9.4.1979) hat so manche Sage, die ihm von Einheimischen anvertraut wurde, wortwörtlich aufgeschrieben. Horacio Teao (2) erzählte ihm, dass einst der Urheimat der Osterinsulaner Maori Nuinui eine Apokalypse bevorstand.  Wie ein Atlantis der Südsee würde sie ihm Pazifik versinken. Viel Zeit blieb den Menschen nicht (3): »So verschwanden in der Zeit von zwei Vollmonden drei Niederlassungen in den Fluten. Eine schreckliche Katastrophe stand bevor.«

Foto 3: ... droht der Untergang.

Priester Hau Maka wurde vom fliegenden Gott Make Make durch die Lüfte zur Osterinsel entführt. So kam es zum Exodus: Die gesamte Bevölkerung übersiedelte von Maori Nuinui zur Osterinsel. Zurück blieb in der Eile der überstürzten Flucht das wohl heiligste Objekt von Maori Nui Nui. Erst auf der Osterinsel angekommen (4) »erinnerte sich der König, daß er vergessen hatte, den Moai »Tauto« von Maori, seinem Geburtsland, mitzubringen.«  Der mächtige König befahl sechs seiner treuesten Diener, sofort in einem Boot nach Maori Nuinui zurückzukehren und die vergessene Steinstatue zu holen (5): »Kehrt zurück  in unsere alte Heimat und holt den Stein – Moai Tauto. Er ist in der Bucht am Meeresufer vor meinem alten Palast zurückgeblieben. Beim Einschiffen gebt wohl acht, dass ihr ihn nicht zerbrecht.«

Gehorsam machten sich die sechs Männer auf die gefährliche Reise, dank günstiger Windverhältnisse kamen sie schneller voran als erhofft. Entsetzt stellten sie fest (6), »daß die Wellen der Flut schon einen großen Teil des Landes überschwemmten.«

Foto 4: Angeschlagene Häupter ...

Die Katastrophe von damals scheint sich in unseren Tagen zu wiederholen. Mahnend erhebt Camilo Rapu, der Präsident der indigenen Gemeinschaft Ma’u Henua, seine Stimme (7): »Alle archäologischen Stätten, die nahe am Küstenrand liegen, sind in Gefahr. Wenn schlechtes Wetter herrscht, reicht das Meerwasser direkt an die Ahus (die Plattformen, auf denen die Statuen stehen) heran. Das führt zu Auswaschung und Einsturz.« Direkt bedroht ist heute der »Ahu Tahai«-Komplex unweit von Hanga Roa an der Südwestküste. Drei Plattformen mit Statuen gehören zu diesem interessanten kleinen Zeremonialzentrum: Ahu Ko Te Riku, Ahu Tahai und Ahu Vai Uri.

Ahu Vai Uri habe ich manchen Abend besucht. Von Hanga Roa, der einzigen Siedlung auf der Osterinsel, erreicht man ihn zu Fuß bequem in wenigen Minuten. Nach heutigem Kenntnisstand der Archäologie entstanden die fünf Stein-Moais im 12. Jahrhundert. Sie trotzten also mindestens acht Jahrhunderten den Naturgewalten. Irgendwann stürzten sie von ihrem massiven Steinsockel. Umstritten ist, ob ein Erdbeben, ein Tsunami oder womöglich menschliche Zerstörungswut dafür verantwortlich sind.

Foto 5: Sind sie noch zu retten?

Mir imponieren diese fünf Statuen ganz besonders. So angeschlagen wie sie sind stehen sie wieder auf ihrem Ahu, stumm und trotzig dem Meer den Rücken zuwendend. Zwei der steinernen Zeitzeugen aus der mysteriösen Vergangenheit der Osterinsel konnten die beim Sturz abgebrochenen Häupter mit einer Art Zement wieder auf die Schultern gesetzt werden. Von der kleinsten Figur ist nur der schmale Rumpf übrig geblieben, zweien fehlt ein Stück des Kopfes. Bei zwei der Moais sind die leeren Augenhöhlen noch sehr gut zu erkennen. Einst hatten wohl alle Moais Augen, kunstvoll gestaltet aus weißem Korallenkalk und roter Gesteinsschlacke (für die Iris!). Im kleinen Museum in Hanga Roa wird das einzig erhaltene Moai-Auge gezeigt.


Foto 6: »Ahu Ko Te Riku«
Wie die steinernen Riesen einst aussahen? Sie trugen einen tonnenschweren, rötlichen steinernen »Hut« und blickten mit ihren Kalk-Gesteinsschlacke-Augen ins Landesinnere. Auf der Plattform »Ahu Ko Te Riku« steht so ein komplett rekonstruierter Koloss. Auch er war gestürzt. Mit Hilfe eines Krans wuchtete man ihn wieder auf seine rekonstruierte Plattform, setzte man ihm wieder seinen steinernen »Zylinder« aufs Haupt und verpasste ihm neue Augen, die eigens für ihn angefertigt wurden. Auch er wendet dem Meer den Rücken zu. Auch er starrt vom Ufer aus ins Landesinnere. Warum? Vielleicht weil die Osterinsulaner vom Meer her kamen, dem Meer den Rücken zuwandten und sich darauf konzentrierten, das einsame Eiland zu erkunden und zu besiedeln?

Der wieder komplett rekonstruierte Koloss auf der Plattform »Ahu Ko Te Riku« soll einer der ältesten seiner Art sein. Nach aktuellem Kenntnisstand der schulwissenschaftlichen Lehre soll er im 7. Jahrhundert aus dem Vulkangestein im Steinbruch am »Rano Raraku«-Krater gemeißelt worden sein.

Der UN-Kulturorganisation UNESCO ist die Gefährdung der Osterinsel durch den globalen Klimawandel bekannt. Als erstes, so stellte Adam Markham fest, würden wohl die besonders nah an der Küste stehenden Statuen Opfer der steigenden Meeresfluten werden. Dass der Meeresspiegel ansteigt, das scheint allgemein akzeptiert zu werden. Umstritten ist aber, ob dieser Prozess schnell oder langsam erfolgt. In ihrem Artikel »Neues Unglück bedroht die geheimnisvollen Kolossalstatuen« lässt  die »Welt« zwei Wissenschaftler mit konträren Ansichten zu Wort kommen (8).

Nach Adam Markham waren in den vergangenen zwei Jahren »keine dramatischen Veränderungen auf der Osterinsel« zu beobachten. Markham: »Der Anstieg des Meeresspiegels ist ein relativ langsamer Prozess.« Die Wissenschaftler David Pollard und Roberto DeConto hingegen betonen in einer Studie aus dem Jahr 2016, »dass der Meeresspiegel als Folge der Eisschmelze an den Polargebieten bis Ende dieses Jahrhunderts um bis zu 1,50 Meter steigen könnte. Allerdings gilt diese Prognose unter Wissenschaftlern als umstritten, einige halten sie für zu hoch gegriffen.«

Was bei diesen aktuellen Diskussionen allerdings außer Acht gelassen wird ist, dass es nach alten Osterinselüberlieferungen bereits vor vielen Jahrhunderten einen deutlich gravierenderen Anstieg des Meeresspiegels in der Südsee gegeben haben muss, der die Urheimat der Osterinsel in den Fluten des Pazifiks versinken ließ.


Foto 7: Autor Walter-Jörg Langbein im Steinbruch der Riesen.



Fußnoten
(1) Mazière, Francis: »Insel des Schweigens/ Das Schicksal der Osterinsel«, 
Frankfurt 1966
(2) ebenda, »Die ersten Bewohner der Osterinsel«, Seiten 13-15
(3) ebenda, Seite 13, rechte Spalte Zeilen 7-9 von oben
(4) ebenda, Seite 19, linke Spalte, Zeilen 7-9 von oben, Rechtschreibung unverändert übernommen
(5) ebenda, linke Spalte, Zeilen 12-16
(6) ebenda, Seite 19, rechte Spalte, Zeilen 7-9 von oben
(7) https://www.welt.de/geschichte/article178056718/Osterinsel-Neues-Unglueck-bedroht-die-geheimnisvollen-Kolossalstatuen.html (Stand 15.01.2019)
(8) ebenda

Foto 8: Der Koloss auf dem »Ahu Ko Te Riku« bei Nacht.

Zu den Fotos
Foto 1: Himmel über der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ahu Vai Uri ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: ... droht der Untergang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Angeschlagene Häupter ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sind sie noch zu retten? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Ahu Ko Te Riku« mit sehendem Riesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Autor Walter-Jörg Langbein im Steinbruch der Riesen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 8: Der Koloss auf dem »Ahu Ko Te Riku« bei Nacht. Foto Walter-Jörg Langbein


477»Die Erde ist ertrunken – Ku emu a«,
Teil 477 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. März 2019




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Sonntag, 16. September 2018

452 »Die Osterinsel: Ausgeburt der Hölle«,

Teil 452 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: 15 Statuen in Reih' und Glied. Foto Ingeborg Diekmann

Denk man an die Osterinsel, so kommen einem die zum Teil kolossalen Statuen in den Sinn. Die Osterinsel hat freilich mehr zu bieten als steinerne Riesenfiguren. Sie ist, pathetisch (oder poetisch?) formuliert, eine »Ausgeburt der Hölle«. Vor zweieinhalb Millionen Jahren riss der Meeresboden auf und spie gigantische Lavamassen in den damals alles andere als friedlichen Pazifik. Ein Vulkankegel wuchs vom Meeresboden durch Wassermassen empor. Sein Kegel überragte den Meeresspiegel. Eineinhalb Millionen Jahre später brodelte es wieder. Nach dem Poike-Vulkan entstand, nur wenige Kilometer entfernt, ein zweiter Kegel, der wiederum den Pazifik durchbrach. Auch Rano Kau erstarrte als Berg, bildete eine weitere lebensfeindliche Insel. Erst vor einer Viertelmillion Jahren kochte das Wasser wieder, als mit ungeheurer Macht Lava aus dem höllischen Kern den Pazifik aufwühlte.  Terevaka, ein dritter Vulkankegel entstand. Aus den drei Vulkanen Poike Kau, Rano Kau und Terevaka Kau entstand die Osterinsel: aus der erstarrten flüssigen Höllenglut.

Foto 2: Die drei Vulkane der Osterinsel

Teile des imposanten Rano Kau brachen an der Südwestseite ab, versanken wieder in den Fluten. So entstand eine dreihundert Meter hohe, senkrecht aus den Wogen des Pazifiks aufsteigende Felswand.
Die drei Felseninseln Motu Nui, Motu Iti und Motu Kao Kao sind Überbleibsel des wieder verschwundenen Vulkanteils. Unweit des Rano Kau Vulkankraters entstand das »Zeremonialdorf« von Orongo. Der Rano Kau selbst muss von immenser Bedeutung für die Osterinsulaner gewesen sein. Wie weit stiegen sie in den Krater hinab? Sicher bis zum See, der im Krater entstanden war. Dort sammelt sich Süßwasser. Da es keine Quelle auf der Osterinsel gibt holte man sich Trinkwasser aus dem Vulkan. 1968 waren 15 mysteriöse Stätten im Kassel des Vulkans bekannt. Emsige Künstler hatten Zeichnungen und Reliefs angefertigt. Dreizehn dieser archäologisch bedeutsamen Fundstellen sind nicht mehr auffindbar. Besonders wichtig muss »Hau Koka«, eine Höhle, gewesen sein. Hier wurden einzigartige Felsgravuren gefunden. Die Häufung von Felskunst lässt, so Dr. Georgia Lee, nur einen Schluss zu: »Hau Koka« war ein Heiligtum.

Foto 3: Blick in den Rano Rau Krater

Im »Zeremonialdorf« mit seinen 52 oder 53 bunkerartigen Steinhäuschen, so wurde mir erzählt, warteten wichtige Persönlichkeiten auf den Schwimmer, der das erste Ei der Ruß-Seeschwalbe zurückbrachte. Umstritten ist, wer am Wettbewerb teilnehmen durfte. Ging von jedem Stamm ein Schwimmer an den Start? Oder durften ausschließlich Schwimmer des stärksten Stammes versuchen, das erste Schwalbenei zu finden und zur Osterinsel zu bringen? Vielleicht wurde der siegreiche Schwimmer selbst für ein Jahr »König«, vielleicht sein Häuptling, für den er am lebensgefährlichen Wettkampf teilnahm. Der Gewinner hauste dann in einem der »Bunker« des Zeremonialdorfes, um geben von einer Art Hofstaat. Es soll aber ein weiteres kleines Dorf im Krater selbst gegeben haben, dazu Terrassen, auf denen Ackerbau betrieben wurde. Kaum etwas zu erfahren war über »unterirdische Kammern«. Große Steinplatten decken sie ab, die Wände bestehen aus sorgsam und mörtellos verfugtem Mauerwerk.

Archäologen, so erzählte mir schmunzelnd ein polynesischer Gastwirt, zeichneten um die Jahrtausendwende mit penibler Genauigkeit Felsgravuren ab, die sie auf einem massiven Felsblock gefunden hatten. Sie waren ganz begeistert von der Vielzahl der Steinzeichnungen, bemerkten aber nicht, dass der ach so gründlich untersuchte Steinklotz die Decke einer unterirdischen Behausung war. Zahlreiche »Kreaturen aus dem Meer« sollen in einem »Buch aus in den Stein geritzten Zeichnungen« verewigt worden sein. Das geschah womöglich auf Anordnung eines Priesters.

Foto 4: Der See im Rano Rau Krater.

Die Abbildungen dienten als Illustrationen (oder Gedächtnisstützen). Erzählt wurden ohne Worte uralte Mythen von Fabelwesen aus den Tiefen des Meeres. Zu sehen ist auch ein Vogelmensch. Leider wurden auch in moderner Zeit Graffitis in den altehrwürdigen Stein gekratzt. Einige Male bekam ich zu hören, dass ein »ivi atua« für die vielfältigen Gravuren verantwortlich gewesen sei.

Was aber war ein »ivi atua«? Nach Dr. Georgia Lee (1) war das eine spezialisierte priesterliche Klasse, die für  Felsgravuren und Felsmalereien  zuständig war. Bei Katherine Routledge (2) fand ich spannende Informationen. Katherine Maria Routledge (*1866;†1935) war eine der großen Pioniere auf dem Gebiet der Erforschung der Osterinsel. Zusammen mit ihrem Mann William Scoresby Routledge (*1859;†1939) plante sie eine Osterinselexpedition vor dem »Ersten Weltkrieg«. Das Eiland war aber, anders als heute, nicht bequem per Flugzeug via Santiago de Chile erreichbar. Die Eheleute ließen nach ihren bis ins Detail ausgearbeiteten Plänen einen 27 Meter langen Schoner bauen, mit dem sie am 25. März 1913 in Falmouth in See stachen. Sie nannten das Schiff »Mana«, was man mit »Magische Kraft« übersetzen könnte. Ein Jahr später, am 29. März 1914, erreichten sie die Osterinsel. Am 18. August 1915 wurde nach wahrlich dramatischen Erlebnissen die Rückreise angetreten. Kostbar sind die Aufzeichnungen alter Osterinsellegenden, die selbst von Kritikern des Routledge Unternehmens gepriesen wurden.

Foto 5: Expeditionsschiff »Mana«.

Katherine Routledge berichtet (3) von Magiern und Propheten. Die »koromaké« verfügten über unheimliche Kenntnisse. Mit geheimen Sprüchen konnten sie töten. Die »ivi-atua« waren Propheten nach biblischem Verständnis. Männer und Frauen konnten dieses wichtige Amt bekleiden. Zehn »ivi-atuas« soll es gegeben haben. Ihre wichtigste Aufgabe: Sie standen in Kontakt mit den »aku aku«. Ursprünglich nannten die Osterinsulaner ihre alten Götter »atua«. Nachdem die Bewohner des Eilands römisch-katholisch geworden waren, galt der Name »atua« als verpönt. Damit waren aber die alten Götter keineswegs aus den Köpfen der Menschen verbannt. Sie nannten sie nur anders, nämlich »aku aku«. Die Bewohner von Rapa Nui glaubten weiter an ihre »atuas«, wurden aber mehr und mehr verunsichert. War nun einer diese »atuas« Gott oder der Teufel? Aus den »alten Göttern« wurden schließlich »übernatürliche Wesen«. Die »aku aku«-Wesen waren keine Menschen, aber nicht unsterblich wie Götter.

Als altem Prä-Astronautiker kommen mir natürlich »meine« Astronautengötter in den Sinn. Sollte es sich bei den »aku aku«-Wesen um prähistorische Besucher aus dem Kosmos handeln? Natürlich kommt mir der fliegende Gott Make Make in den Sinn, der die Ur-Osterinsulaner rettete, als deren Heimat »Maori Nui Nui« im Pazifik versank. Make Make, so überliefert es eine Sage aus uralten Zeiten, stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und verschleppte ihn  durch die Lüfte zu einem fernen, unbekannten Eiland. Make Make erklärte dem verblüfften Priester genau, wie man von seiner alten Heimat, dem vom Untergang bedrohten Atlantis der Südsee, zur neuen Insel gelangen konnte. Make Make warnte eindringlich vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte dem Geistlichen eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Es dürfte sich um noch nicht ganz erstarrte Lava gehandelt haben.

Foto 6: Sieben steinerne Riesen stellen die sieben Kundschafter dar.

Schließlich wurde Hau Maka in die alte Heimat zurück gebracht. Sofort berichtete er seinem König von seinem Traum. Ein Traum musste der Flug mit dem Gott Make Make ja gewesen sein. Der König wählte sieben Seefahrer aus, die sofort zu einer Erkundungsfahrt aufbrachen. Tatsächlich fanden sie die neue Insel nach dreißig Tagen strapaziöser Fahrt übers Meer. Nach weiteren vierzig Tagen waren die sieben Seefahrer wieder zu Hause. Der König befahl den Exodus. Die gesamte Bevölkerung von »Maori Nui Nui« siedelte um: vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel. Die neue Heimat wurde planmäßig erkundet und in Besitz genommen.

Katherine Routledge, so wird überliefert, sprach noch mit dem letzten Osterinsulaner, der die bis heute nicht entzifferte geheimnisvolle Schrift der einsamen Insel zu lesen verstand. Sie besuchte den Mann in einer Leprakolonie. Er weigerte sich strikt, sein Wissen zu offenbaren. Es sei besser, dass das uralte Wissen verloren gehe, als dass es in die Hände der Fremden geriete. Zwei Wochen später starb der Mann. Das Misstrauen der Osterinsulaner gegenüber den Weißen aus der angeblich so »zivilisierten Welt« war verständlich: Die »Entdecker« und »Besucher« brachten den Osterinsulanern nur Unglück, Krankheit und Tod. Der letzte Wissende hätte womöglich auch begreiflich machen können, welche Bedeutung die Gravuren auf dem Inselchen »Motu Nui« hatten, von der das erste Ei der Ruß-Seeschwalbe geholt werden musste, um für ein Jahr »König« zu werden. 

Foto 7: James Cook.
War Make Make so ein »atua« so ein »aku aku«, zwar kein Mensch, aber nicht unsterblich wie ein »richtiger« Gott? Nicht nur in der Präastronautik wird die Frage diskutiert (4), wie wohl Außerirdische vor Jahrtausenden von den Bewohnern von Planet Erde begrüßt würden. Wir wissen, dass Naturvölker technologisch fortgeschrittene Besucher für Götter halten. Solche Kontakte gab es in der Vergangenheit. Kapitän James Cook erreichte am 13. April 1769 mit der »Endeavour« Tahiti. Bei seiner Ankunft wurde er von den Einheimischen für den zurückkehrenden Gott Rongo gehalten, der einst in einem Wolkenschiff die Erde verlassen hatte. Dem Schöpfergott Rongo entsprach die Südsee-Gottheit Karaperamun. Jegliches Leben führte man auf diesen mysteriösen Karaperamun zurück. So wie es für die Einwohner Tahitis selbstverständlich war, dass ihr Hauptgott einst wieder kommen würde, so hegten auch die Bewohner keinen Zweifel. Ihr Gott  Karaperamun würde dereinst wieder erscheinen. So wie die Bewohner Tahitis James Cook für den zurückgekehrten Gott Rongo hielten, so setzten die bereits christlich missionierten Bewohner Tannas, mehr oder minder heimlich, auf einen Neuanfang mit Gott Karaperamun.

Fußnoten
(1) Rock Art of Easter Island: Symbols of Power,
Prayers to the Gods. Los Angeles: Institute of
Archaeology, University of California, Los Angeles 1992, Seite 10
(2) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998
(3) Ebenda, S. 289
(4) Langbein, Walter-Jörg: »Das Geheimnis des Cargo-Kults«, Vortrag, gehalten auf dem »One-day-Meeting«, der »A.A.S.« in Fulda, am 30.10.2004

Zu den Fotos
Foto 1: 15 Statuen in Reih' und Glied. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Die drei Vulkane der Osterinsel. Foto commons gemeinfrei
Foto 3: Blick in den Rano Rau Krater. Foto Imgeborg Diekmann
Foto 4: Der See im Rano Rau Krater. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Expeditionsschiff »Mana«. Foto 1914, gemeinfrei
Foto 6: Sieben steinerne Riesen stellen die sieben Kundschafter dar.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: James Cook. Foto: wikimedia commons/ public domain

453 »Der vergessene Kult«,
Teil 453 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.09.2018



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Sonntag, 25. Februar 2018

423 „Eine Apokalypse, zwei Zauberer und fliegende Steine“

Teil  423 der Serie Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Steinerner "Tempel" von Nan Madol.

Die mysteriösen Bauten von Nan Madol wirken je nach Licht unheimlich-düster oder trotz der Masse geradezu grazil, wie von Riesenhand spielerisch aufgetürmt. Einheimische munkeln von fliegenden Schiffen, von Wesen, die "von oben" kamen und von Magiern, die tonnenschwere Steinsäulen zum Schweben bringen konnten. Anders als mit Hilfe von wissenden Zauberern seien die Bauwerke auf den künstlichen Inselm von Nan Madol doch gar nicht zu erklären, von den massiven steinernen Fundamenten der künstlichen Eilande ganz zu schweigen.

Foto 2: Pandanus.
Pandanus wächst »unkrautartig« auf Pohnpei. Ihre Früchte wurden schon vor Jahrhunderten von den Seefahrern geschätzt. Gebacken oder zu einer Paste verarbeitet dienten sie auf langen Seereisen als Kraftnahrung für die Seeleute. Das üppige Blattwerk bietet einen angenehmen Schutz vor der  grellen Sonne. Ein mildes Halbdunkel breitet sich aus. Das Auge gewöhnt sich an die neue, angenehme Situation. Obwohl die Luft feucht und warm ist und überall kleine oder größere Tümpel ideale Brutstätten für Moskitos wären, gibt es diese bösen Plagegeister hier nicht. Überall taucht zwischen Wurzeln und Farnen  das typische Nan-Madol-Mauerwerk auf.  Lange sechs- oder achteckige Säulen sind da aufeinander getürmt. Meist sind die Mauern nicht sehr hoch, erinnern eher an rudimentäre Fundamente als an Wände. Wurden alte Gebäude weitestgehend abgetragen, wenn neue errichtet wurden? Wie wurden sie transportiert? Auf Kähnen über die Wasserstraßen?
    
Deutlicher noch sind Mauern zu erkennen, die  die Kanäle begrenzen. Oder sind es die Fundamente der künstlichen Inseln, an denen wir vorbeifahren? Auch im Wasser liegen Basaltsäulen. Wurden sie beim Transport verloren? Oder sind es Reste von Bauten, die hier einst standen? Wurden sie abgetragen, als neue künstliche Eilande angelegt wurden? Angeblich wurde mehrere hundert, vielleicht sogar tausend Jahre an der Inselwelt gebaut. Imme neue Architekten verwarfen alte Pläne und entwickelten neue. Sie ließen wieder abtragen, was Generationen zuvor errichtet hatten. Immer wieder soll Magie im Spiel gewesen sein. Zaubersprüche wurden angeblich benutzt, um die Riesensäulen leicht zu machen.
    
Foto 3: Massives Inselfundament.

Hastig huschen Fischschwärme am steinigen Boden dahin. Manchmal dringt ein Sonnenstrahl durch das Blattwerk bis auf den Grund des niedrigen Kanals. Golden blitzen Fische auf. Sie fliehen vor dem leise tuckernden, langsam dahingleitenden Motorboot.

Immer wieder sind die Spuren von schmalen Kanälen auszumachen, die einst seitlich von der »Hauptwasserstraße« wegführten. Sie sind aber verschlammt, zugewachsen und für Boote nicht mehr passierbar. »Vielleicht gibt es hier im Morast noch Reste der alten Schleusen!« mutmaßt der tüchtige Guide. »Man müsste sie ausgraben, freilegen! Aber wer soll das bezahlen?« Dann mahnt Lihp Spegal ernst zum Aufbruch: »Wir müssen umkehren! Noch ist Flut, bei Ebbe schaffen wir den Rückweg nicht! Dann ist an manchen Stellen das Wasser zu seicht!«
     
Foto 4: Massive Steinsäulen unter Wasser.

Zurück bleibt die märchenhaft schöne, verträumte Zauberwelt der künstlichen Inseln des steinzeitlichen Venedigs der Südsee. »Morgen kommen wir wieder!« Mehr als strapaziös ist der Weg  zu den mysteriösen Ruinen. Doch wer einmal hier war, ist vom geheimnisvollen friedlich-idyllischen Zauber fasziniert, der möchte immer wieder in dieses Paradies zurückkehren. Es sind nicht die erstaunlichen Ruinen allein, die faszinieren. Es ist nicht die üppige Pflanzenpracht allein, die es auf anderen Südseeinseln in bunteren Variationen gibt, die den Besucher fesselt. Es ist die dichte Atmosphäre, die von begabten Hollywoodregisseuren mit noch so vielen Dollars nicht realisiert werden könnte, die den Besucher in ihren Bann zieht: Hier sind Mythen und alte Sagen förmlich greifbar. Man spürt sie geradezu körperlich, ohne sie zu verstehen.

»Nan Douwas« (Siehe Foto 9, Lageplan, unten!) ist das am besten erhaltene steinerne Riesenbauwerk von Nan Madol. Furchteinflößende Kräfte gewaltigen Ausmaßes haben freilich dem hohen Außenwall zugesetzt. Die imposanten Basaltsäulen, die heute nur mit starken Kränen bewegt werden könnten, wurden umhergewirbelt, so als handele es sich um ein überdimensionales Mikado-Spiel. Wer oder was brachte Teile der monumentalen Mauer teilweise zum Einsturz? Ein Erdbeben? Ein Orkan? Eine Riesenwelle? Oder fielen sie von Menschenhand, in einem Krieg?

Foto 5: Pedro Fernandez de Quiros.
Anno 1595 betrat Pedro Fernandez de Quiros als erster Weißer Nan Madol. »Nan Douwas« imponierte ihm sehr. Solch eine gewaltige Festungsanlage, so schlussfolgerte der recht materiell denkende Seemann, musste doch immense Schätze bergen. Vergeblich suchte er nach Wertvollem und verschwand enttäuscht. Anno 1686 sahen sich Spanier »Nan Douwas« an. Sie beanspruchten den gesamten Inselkomplex als Besitz der spanischen Krone. Auch die neuen Herren suchten vergebens nach kostbaren Schätzen.

Anno 1826 landete James O’Connel als Schiffbrüchiger. Ihm wurde ob der Einheimischen Angst und  bange. Freilich erwiesen sich seine Befürchtungen als unbegründet. Der wackere Ire kam erst gar nicht auf den Speiseplan der einheimischen Kannibalen, die damals angeblich noch der Menschenfresserei huldigten. Er heiratete eine Einheimische und ließ sich am ganzen Körper tätowieren. Die Meister jener Kunst genossen es, die weiße Haut mit komplizierten Motiven zu überziehen. (Später zog O’Connel mit einem Zirkus um die Welt und ließ sich gegen Barbezahlung bestaunen.) Wenn je ein Außenstehender das Vertrauen der Einheimischen genossen hat, dann war es der einstige Schiffbrüchige. Auch er erfuhr freilich nichts von einem Schatz auf »Nan Douwas«.
    
Foto 6: Nebeneingang von Nan Dowas.

»Nan Douwas« ist freilich nur eine steinerne Anlage der mysteriösen Art von vielen. Sie alle wurden einst auf einer künstlichen Inseln errichtet.

»Dapahu« gilt heute als eines der ältesten künstlichen Eilande, soll etwa 230 nach der Zeitwende erbaut worden sein. Solche Datierungen sind freilich fragwürdiger denn je. Gewiss, es fanden sich hier mehr auswertbare Spuren als sonst wo in Nan Madol: unzählige Töpferwaren. Ist es aber nicht eher unwahrscheinlich, dass in den angeblich ältesten Bauwerken die meisten Spuren der einstigen Bewohner gefunden wurden? Wahrscheinlicher ist es doch, dass dort, wo besonders viele Tonwaren gefunden wurden, historisch gesehen zuletzt gesiedelt wurde. Dann aber wäre »Dapahu« nicht die älteste, sondern die jüngste Anlage. Dann müssten folgerichtig die anderen noch älter sein.
    
Foto 7: Gab es einst eine »Apokalypse« in der Südsee?

Diese Annahme wird auch durch die örtliche mündliche Überlieferung bestätigt! Auf Dapahu sollen einst die Speisen für die ersten Herrscher von Nan Madol zubereitet worden sein. Besonders hohes Ansehen genossen die Schiffsbauer. Die Besten der Besten arbeiteten für die hohen »Chefs«. Sie hatten auf Dapahu ihre Werkstätten. Oder sollte man besser sagen: ihre Büros? Denn die Herrscher mieden allem Anschein nach wo immer das möglich war jeden Kontakt mit der »niederen Bevölkerung«.

»Pahn Kadira« war, so mutmaßt man, das logistische Zentrum. Von hier aus wurden die Baumaßnahmen gesteuert. Hier wohnten die besten Steinspezialisten. Sie waren es, die die riesigen Basaltsäulen, die im Norden von Temuen aus dem Boden wuchsen, »fällten«. Allein das erforderte schon erstaunliches Können. Die gewaltigen Kolosse mussten nicht nur »geschlagen« werden. Sie mussten mit enormen Kraftaufwand niedergelassen, zum Boden abgesenkt werden, ohne dass die viele Tonnen schweren »Steinstämme« zerbrachen. Wie wurden sie abgesägt? Schließlich stand den Spezialisten damals angeblich kein Metall zur Verfügung!

Foto 8: Auch die Osterinsulaner sollen von einem »Atlantis« der Südsee gekommen sein.

In einer kleinen Privatbibliothek in Kolonia durfte ich einige erstaunliche Werke einsehen, die die Ursprünge von Nan Madol zu ergründen versuchten.  Dr. Campbell, ein Schiffsarzt, der anno 1836 Nan Madol besuchte, mutmaßte, dass die künstlichen Inseln von einer Rasse bebaut wurden, über die nichts mehr in Erfahrung gebracht werden könne. Es gebe nicht nur auf den künstlichen Inseln, sondern auch auf Ponape alias Pohnpei erstaunliche Bauten. Längst seien sie vom Urwalddickicht verschlungen und kaum noch zu finden.

Zweimal bekam ich vor Ort eine Legende erzählt, demnach kamen einst siebzehn Frauen und Männer aus einem Land weit im Süden und schufen die Fundamente der »Tempel«. Erst sehr viel später kamen die Zwillingsbrüder Olisihapa und Olsohapa in einem »riesigen Kanu«. Die Heimat der beiden Zauberer, so wird überliefert, wurde in einer katastrophalen Apokalypse zerstört und versank schließlich im Meer. Kanamwayso könnte mit der Urheimat der Osterinsulaner identisch sein. Auch die Mythologie der Osterinsel kennt ein uraltes Königreich im Pazifik, das in den Fluten versank. Der fliegende Gott Make Make soll dem Priester Hau Maka sozusagen im letzten. Moment, als neue Heimat die Osterinsel gezeigt haben. Olisihapa und Olsohapa konnten, so weiß es die mündlich  weitergereichte Mythologie, riesige Steinsäulen durch die Luft schweben lassen und zu Monstermauern und Riesentempeln auftürmen.

Foto 9: Nach wie vor mysteriös - die Osterinsel.

Zu den Fotos
Foto 1: Steinerner "Tempel" von Nan Madol. Foto um 1898, Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Pandanus. Foto Wikimedia commons/ public domain/ Luke Skywalker
Foto 3: Massives Inselfundament. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Massive Steinsäulen unter Wasser. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Pedro Fernandez de Quiros. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Nebeneingang von Nan Dowas. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gab es einst eine »Apokalypse« in der Südsee? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Auch die Osterinsulaner sollen von einem »Atlantis« der Südsee gekommen sein.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Nach wie vor mysteriös - die Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Hier liegt Dapahu. Foto Wiki commons, Hobe/ Holger Behr
(Siehe unten!)


Foto 10: Hier liegt Dapahu. Foto Wiki commons, Hobe/ Holger Behr

»Wo die Reise endet - Künstliche Inseln und das kleine Volk«,
Teil  424 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.03.2018




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Sonntag, 10. Januar 2016

312 »Woher, wohin?«

Teil 312 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: So soll es einst auf der Osterinsel ausgesehen haben

Joe Luis Rosaco und Juan Pablo Lira beschreiben die Osterinsel als »endloses Rätsel«, als »endless enigma« (1). Und in der Tat: Je intensiver ich recherchiere, desto mehr neue Fragen ergeben sich!

Nach den ältesten Mythen der Osterinsel gab es einst in grauer Vorzeit weit im Westen Südamerikas ein paradiesisches Eiland, »Maori Nui Nui«, zu Deutsch »Groß Maori«. König Taenen Arei regierte das Reich. Groß waren seine Sorgen. Stand doch die Existenz seines gesamten Volkes auf dem Spiel! »Maori Nui Nui« würde in den Fluten des Pazifiks versinken. Hatte sein Volk überhaupt eine Chance zu überleben?
     
Schließlich übernahm Taenen Areis Sohn, Hotu Matua, die Regierungsgewalt als König. Voller Tatendrang rüstete er Expeditionen aus. Seine tüchtigsten Seefahrer sollten eine neue Heimat für das vom Untergang bedrohte Volk finden. Doch die Kundschafter kamen immer wieder zurück, ohne in den Weiten des Meeres neues Land gefunden zu haben.
    
Foto 2: In den Weiten des Pazifiks...

Im letzten Augenblick gab es himmlische Hilfe. Gott Make Make stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und verschleppte ihn  durch die Lüfte zu einem fernen, unbekannten Eiland. Make Make erklärte dem verblüfften Priester genau, wie man von seiner alten Heimat, dem vom Untergang bedrohten Atlantis der Südsee, zur neuen Insel gelangen konnte. Make Make warnte eindringlich vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte dem Geistlichen eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Es dürfte sich um noch nicht ganz erstarrte Lava gehandelt haben.

    
Schließlich wurde Hau Maka in die alte Heimat zurück gebracht. Sofort berichtete er seinem König von seinem Traum. Ein Traum musste der Flug mit dem Gott Make Make ja gewesen sein. Der König wählte sieben Seefahrer aus, die sofort zu einer Erkundungsfahrt aufbrachen. Tatsächlich fanden sie die neue Insel... nach dreißig Tagen strapaziöser Fahrt übers Meer. Nach weiteren vierzig Tagen waren die sieben Seefahrer wieder zu Hause. Der König befahl den Exodus. Die gesamte Bevölkerung von »Maori Nui Nui« siedelte um: vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel. Die neue Heimat wurde planmäßig erkundet und in Besitz genommen.

Foto 3: .... verloren in einem endlosen Meer....

Aber waren die Flüchtlinge von »Maori Nui Nui« wirklich die ersten Menschen auf der Osterinsel? Nach Osterinselexperte Fritz Felbermayer war das Eiland damals menschenleer (2).

Nach Admiral T. de Lapelin (3) gab es auf den Gambier-Inseln, Tuamotu-Archipel, 1800 Kilometer südöstlich von Tahiti gelegen, eine interessante Überlieferung. Auf der Insel Mangareva kam es zu einer Rebellion. Ein »Chief« – der Name wird nicht überliefert – wurde besiegt und floh. Er entkam auf zwei großen Kanus mit Männern, Frauen und Kindern. Proviant hatten sie reichlich dabei. Einer der Flüchtlinge soll später wieder nach Mangareva heimgekehrt sein. Er berichtete, dass die beiden Kanus eine Insel gefunden hätten. Der Beschreibung nach handelte es sich um die Osterinsel.

Das Eiland sei bewohnt gewesen, heißt es weiter. Die Einheimischen überfielen die Neuankömmlinge, wurden aber besiegt. Bis auf Frauen und Kinder sollen alle Insulaner erschlagen worden sein. Auf der Osterinsel versicherte man mir, das könne nur vor der Besiedelung ihrer Insel durch Hotu Matua geschehen sein.

Eine Lehrerin berichtete mir in Hanga Roa, der einzigen Siedlung auf dem Eiland, dass ihre Vorfahren beim ersten Besuch auf der Osterinsel Spuren einer früheren Besiedlung entdeckt hätten.

Foto 4: ... liegt die Osterinsel

Da habe es deutliche Überreste einer einst sehr schön angelegten Straße gegeben. Und in den »Höhenlagen« der Vulkane habe man steinerne Befestigungsanlagen früherer Bewohner gefunden. (4) Diese Befestigungsanlagen sollen sich auf einem der beiden Hügel befunden haben, die am Strand der Anakena-Buch liegen. Meines Wissens ist davon heute nichts – mehr? – zu sehen. Einer der beiden Hügel soll – von wem auch immer – oben künstlich abgeflacht worden sein. Wurden auf diesem Hügel einst Posten aufgestellt, die aufs Meerhinaus starren mussten, um frühzeitig Neuankömmlinge zu entdecken?

Viele Fragen in Sachen Osterinsel beginnen mit dem Wort »woher«. Woher kamen die ersten Bewohner der Osterinsel? Vermutlich gab es mehrere Wellen von Einwanderungen. Unbestreitbar ist der starke Anteil an polynesischen Vorfahren der Osterinsulaner. Woher stammt der osterinsulanische »Vogelmensch-Kult«? Wir verstehen diesen Kult bis heute nicht wirklich. Steingravuren auf der Osterinsel zeigen den Vogelmenschen als eine Art Mischwesen aus Mensch und Vogel.

Auf zahlreichen Steingravuren, die meist im Lauf der Jahrhunderte schon sehr stark verwittert sind, scheint sich der Vogelmensch kopfüber mit vorgestreckten Armen nach unten zu stürzen. Von wo nach wo springt er da? Vom Himmel zur Erde?

Foto 5: Vogelmenschkult Osterinsel
Auf den Solomon-Inseln gab es offenbar auch einen Vogelmensch-Kult. Offenbar wurde da der Fregattvogel mit menschlichen Merkmalen versehen. Die Vogel-Menschen der Osterinsel ähneln nun sehr jenen von den Solomon-Inseln.

Vermutlich kamen die Fregatt-Vogel-Mensch-Mischungen von den Solomon-Inseln zur Osterinsel.

Dort wandte man sich nach und nach einer Seeschwalbenart zu, da es auf der Osterinsel an Fregattvögeln mangelte. Unverkennbar ist der für Fregatt-Vögel typische »Hakenschnabel« auf der Osterinsel. Fregattvögel aber waren und sind auf der Osterinsel unbekannt.

Woher kam der Vogelmensch-Kult? Und was hat er wirklich zu bedeuten? Geht es um Fruchtbarkeitsriten, um Zeremonien zum Erhalt des Lebens? Im Kult der Osterinsel galt es, das erste Ei einer Rußseeschwalbe von einer der Osterinsel vorgelagerten Miniaturinsel heil zur Osterinsel zu bringen. Wurde auf diese Weise die Rückkehr des Lebens auf das Eiland zelebriert, ja beschworen?

Viele »Woher-Fragen« stellen sich zur alten Osterinselkultur. Wichtiger aber scheint mir die Frage nach dem Wohin zu sein! Wohin wird sich die heutige Osterinsel-Kultur entwickeln? Schon seit vielen Jahrzehnten versucht man sich von der Vorherrschaft durch Chile zu befreien. Fast klammheimlich kehrt der alte Kult um den »Vogelmenschen« wieder. Darstellungen von Vogelmenschen finden sich heute wieder in der christlichen Kirche der Osterinsel, auf Heiligenfiguren geschnitzt, aber auch auf Rückseiten von Grabsteinen.

Fotos 6 und 7: Mysteriöser Kult
Im Verlauf der rund dreißig Jahre, die ich die Osterinsel immer wieder aufsuchte, erkannte ich ein Erstarken der Bewegung »Zurück zu den Wurzeln«-Bewegung. Leider wurden unzählige der Schrifttäfelchen der Osterinsulaner von übereifrigen Missionaren gesucht und vernichtet. Leider wurde die Muttersprache »Rapanui« der Osterinsel viele Jahrzehnte verboten. Erst seit 1975 darf »Rapanui« wieder in der Schule gelehrt und gelernt werden. 1984 schließlich wurde »Rapanui« sogar zum Pflichtfach. Und die örtliche Folklore, lange Zeit von Missionaren als »Teufelswerk« verdammt, wird seither wieder an der Schule unterrichtet.

Für Sebastian Englert, 1964 mit dem »Bundesverdienstkreuz 1. Klasse« geehrt, hatte ausschließlich die Missionierung der Osterinsulaner Bedeutung. Das unsägliche Leid, das den Menschen durch Vertreter der »zivilisierten Welt« zugefügt wurde, scheint ihn überhaupt nicht interessiert zu haben. Er sah seine Aufgabe wohl ausschließlich darin, die »Heiden« zu Christen zu machen. Dass die Rapa Nui ohne Rechte als Fremde in der Heimat lebten, unfrei hinter Stacheldraht hausend, das war für den eifrigen Missionar ohne Belang, ohne Bedeutung.

Foto 8: Heutige Osterinselkunst
Wohin geht der Weg der Osterinsulaner? Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus wächst der Wunsch der Menschen der Isla la Pascua, wieder eine eigene Kultur zu entwickeln, die eigenen Wurzeln wieder zu entdecken. Heutige Rapanui-Künstler schaffen wieder Werke mit den uralten Motiven ihrer Heimatinsel. Im Zentrum steht der Vogelmensch aus dem alten Kult. Auch Make-Make-Motive fließen in die moderne Kunst wieder ein. Rapanui lebt!

Der Weg zur Eigenständigkeit ist noch ein weiter. Wird die Unabhängigkeit je verwirklicht werden können?

Fußnoten

1) Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: »Easter Island/ The Endless Enigma«, Santiago 1991
2) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971. »Die sieben Seefahrer«, S. 16-18
 3) »Revue Maritime et Coloniale«, Band XXXV, S. 108, 1872 erschienen (nähere Quellenangaben liegen mir leider nicht mehr vor!)
4) Leider ließen sich diese vagen Angaben nicht weiter verifizieren.

Empfehlenswerte Literatur zum Themenkomplex »Osterinsel«
(eine Auswahl!):


Foto 9: Moderne Kunst...
Bacon, Edward (Herausgeber): »Versunkene Kulturen/ Geheimnis und Rätsel früher Welten«, Volksausgabe, München 1970
Bahn, Paul und Flenley, John: »Easter Island, Earth Island/ A message from our past for the future of our planet«, London 1992
Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua/ Ausstellungskatalog«, Mainz 1989
Berg, Eberhard: »Zwischen den Welten/ Anthropologie der Aufklärung und das Werk Georg Forsters«, Berlin 1982 (Die Osterinsel: »Verschiedene Grade von Cultur« S. 99-101)
Blumrich, Josef F.: »Kasskara und die sieben Welten«, Wien 1979
Brown, John Macmillan: »The Riddle of the Pacific«, Honolulu, Hawaii, Nachdruck 1996
Diamond, Jared: »Kollaps/ Warum Gesellschaften überleben oder untergehen«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt 2011 (Teil 2/ Kapitel 2: »Schatten über der Osterinsel, S. 103-154)
Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971
Francé-Harrar, Annie: »Südsee/ Korallen – Urwald – Menschenfresser«, Berlin 1928. (»Osterinsel« S. 143-152)
Gray, Randal: »Lost Worlds«, London 1981. (»Osterinsel« S. 44-55)
Heyerdahl, Thor: »Aku-Aku/ Das Geheimnis der Osterinsel«, Berlin 1972
Lee, Georgia: »The Rock Art of Easter Island/ Symbols of Power, Prayers to the Gods«, Los Angeles 1992
Machowski, Jacek: »Insel der Geheimnisse/ Die Entdeckung und Erforschung der Osterinsel«, Leipzig 1968
Fotos 10 und 11: Alte Kunst....
Mann, Peggy: »Land of  Mysteries«, New York 1976
Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: »Mysteries of  Easterisland«, London 1995
Petersen, Richard: »The Lost Cities of Cibola«, Phoenix 1985 (»Island of Mystery«, chapter 10, pages 219 fff.)
Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000
Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: »Easter Island/ The Endless Enigma«, Santiago 1991
Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck, Kempton 1998
Krendeljow/ Kondratow: »Die Geheimnisse der Osterinsel«, 2. Auflage, Moskau und Leipzig 1990
Winkel, Karl zum: »Köpfe, Schlangen, Pyramiden in Lateinamerika/ Alte Kulturen von Mexiko bis zur Osterinsel«, Heidelberg 2001



Fotos 12 (oben) und 13 (unten)



Zu den Fotos:
Foto 1: »So soll es einst auf der Osterinsel ausgesehen haben«, wikimedia commons Rod6807
Fotos 2 bis 11: Walter-Jörg Langbein
Zeichnungen zur Verdeutlichung: Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Zeichnerische Rekonstruktion. Archiv Walter-Jörg Langbein
(Siehe auch Fotos 6 und 7)




313 »Dicke Steine«
Teil 313 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 17.01.2016


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Sonntag, 29. September 2013

193 »Ein fliegender Gott, Wolkenmenschen und rätselhafte Figuren ...«

Teil 193 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Wer sich Zeit nimmt und auf der Osterinsel sorgsam stehende und liegende Steine studiert, wird wiederholt auf Make-Make stoßen. Seine Maske wurde immer wieder ins poröse Vulkangestein geritzt. Nach und nach werden die Reliefs vom Zahn der Zeit zum Verschwinden gebracht. Make-Make war ein fliegender Gott. Als das »Atlantis der Südsee«, »Maori Nuinui« (»groß Maori«) genannt, nach und nach  in den Fluten versank, griff der Himmlische rettend ein, als göttlicher Lotse, sozusagen!

Das uralte Gesicht von Make-Make
Foto: W-J. Langbein
»Hotu Matua, der junge Ariki (König) ... sah mit Bestürzung, daß er sein Heimatland verlassen mußte, da dies langsam in den Tiefen des Meeres versank.« (1) Verzweifelt wurde nach einer neuen Heimat gesucht, aber vergeblich. Da half Make-Make aus (2): »Eines Nachts hatte Hau Maka, ein großer Weiser und Priester ..., einen Traum, in dem Make-Make, der mächtigste Gott seines Volkes, ihn durch die Lüfte trug und ihm eine unbewohnte Insel zeigte. Er erklärte Hau Maka, wie er dorthin kommen könne, und versprach ihm seinen Schutz, wenn sein König Hotu Matua dieses Land besiedele, als Dank für seine Treue.«

So erfuhr Priester Hau-Maka wo das rettende Eiland zu finden war, wonach seine Späher zur See vergeblich gesucht hatten. Make-Make gewährte ihm vor Ort eine schnelle Insel-Tour. Er zeigte ihm zum Beispiel den besten Ankerplatz, die besten Fischgründe und wo die Landwirtschaft besonders gute Erträge bringen würde ... Am nächsten Morgen erfuhr König Hotua Matua von der rettenden Insel. Sofort schickte er seine sieben besten Seeleute los. Sie entdeckten just dort, wo Make-Make dem Priester das Eiland gezeigt hatte ... die »Osterinsel«. Es kam im letzten Moment zum Exodus: vom versinkenden Atlantis der Südsee zur Osterinsel, die König Hotu Matua »Te Pito O Te Henua«, »Nabel der Welt« nannte.


Retter Make-Make, der fliegende Gott, kam so vom Atlantis der Südsee zur Osterinsel. Make-Make wurde verehrt und angebetet. Er galt als Schöpfer der Welt, der so heilig war, dass »man es nicht wagte, seine Gestalt wiederzugeben. Nur eine Andeutung seines Gesichts ist in Felsen gehauen: Zwei Augen und die Nase, nichts weiter.«
 
Make-Make, daran glaubten seine Anhänger, hatte den ersten Menschen erschaffen. Ein Messdiener informierte mich über den alten Glauben: »Make-Make formte den ersten Mann aus seinem eigenen Samen und roter Erde ... so wie die biblischen Elohim Adam aus roter Erde schufen. Im biblischen Schöpfungsbericht wird immer wieder betont, dass Gott am Abend sein Tagwerk wohlgefällig begutachtete. Genauso verhielt sich Make-Make. Make-Make ... der fliegende Gott, der das geheimnisvolle Eiland der Südsee aus großer Höhe bewundert haben soll, wie ein Astronaut im Erdorbit.

Satellitenaufnahme der Osterinsel
Foto: NASA-commons
Gern besuchte ich auf der Osterinsel den sonntäglichen Gottesdienst. Mit manchem gläubigen Osterinsulaner sprach ich über die biblischen Mythen. »Auch wenn es unser Geistlicher nicht gern hört, aber auf unserer Insel gab es ganz ähnliche Geschichten wie in der Bibel, nur schon viel früher. Wir kannten sie schon, bevor die Missionare uns das Buch der Christen brachten!«

»Make-Make war zufrieden, da der Mensch, den er eben geformt hatte, ihm ähnlich war und sprechen und denken konnte«, zitiert Felbermayer (3) eine alte Osterinsel-Überlieferung. Im »Alten Testament« lesen wir (4): »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.«

Bald bemerkte Make-Make, dass sein namenloses Geschöpf einsam war. »Er schläferte ihn ein, legte sich zu ihm und befruchtete seine linke Rippe, so die Frau erschaffend.«, heißt es weiter bei Felbermayer (5).


Unverkennbar ähnelt die Osterinsel-Mythologie der biblischen: Der biblische Schöpfergott durfte nicht bildlich dargestellt werden (6): »Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.«


Der biblische Gott formte den ersten Menschen aus roter Erde und Eva wurde aus einer Rippe Adams geschaffen. Auch mit seiner Kreation der ersten – namenlosen – Frau war Make-Make sehr zufrieden. Make-Make, so heißt es, sprach geheimnisvolle Worte zum ersten Menschenpaar. Sie sind bis heute überliefert worden, doch niemand vermag sie zu übersetzen (7): »Vivinavivina hakapiro e ahue.«

Make-Make in der christlichen Kirche
der Osterinsel. Foto: W-J.Langbein
Wie der biblische Gott, so war auch der fliegende Make-Make manchmal recht zornig. Als Mata Poepoe Gott Make-Make den nötig Respekt verweigerte, beschloss Make-Make (8), »den Spötter zu strafen.« So sollte den Bewohnern von »Te Pito O Te Henua« ein Exempel statuiert werden. »Make-Make beschloß, mit dieser Strafe eine Warnung all den übrigen Bewohnern zu geben, welche seine Gebote nicht beachteten.«

Den Priester Hau-Maka hatte er als Retter durch die Lüfte zur Osterinsel geflogen, Mata Poepoe »entführte er durch die Lüfte« (9), immerhin über eine Distanz von rund 460 Kilometern von der Osterinsel zum winzigen Eiland Sala y Gómez. Das Leben auf dem öden Felsriff in den Weiten des Pazifiks war hart und entbehrungsreich. Huldvoll begnadigt wurde der Sünder, als er Make-Makes Autorität wieder anerkannte.


»Make-Make ist nicht nur unser Gott!«, flüsterte mir ein Gottesdienstbesucher in gebrochenem Englisch zu. »Er ist auch in anderen Ländern auf anderen Erdteilen bekannt ... Dort hat er aber andere Namen!« Make-Make habe das Wissen der Osterinsulaner auch Menschen anderer Länder mitgeteilt. »Meine Vorvorvorfahren errichteten die Moai (Osterinselstatuen). Im Reich der Menschen in den Wolken waren die Moai auch bekannt. Allerdings gelangen den Menschen dort bei weitem nicht so schöne Moai wie bei uns auf Rapa Nui!«  Als ich nachfragte, wo denn die weniger gelungenen Moai zu finden seien, winkte mein Gesprächspartner ab. »Du musst sie selbst finden!«


Ich suchte viele Jahre vergeblich ... Bis ich fündig wurde. Nachdem ich, allein oder als Anführer einer kleinen Gruppe von Reisenden, die klassischen Reiseziele in Peru mehrfach besucht hatte ... zog es mich in den Norden Perus! 2001 führte ich eine kleine Gruppe ins Reich der Chachapoyas in den nördlichen Anden Perus, zu den »Wolkenmenschen«. Meinte mein Gesprächspartner die Chachapoyas mit den »Menschen in den Wolken«?

Die Stadt der Wolkenmenschen - Foto: W-J. Langbein

Auf unserer strapaziösen Reise wollten wir gemeinsam das Erbe eines der geheimnisvollsten Völker unseres Planeten kennenlernen. Woher kamen die Chachapoyas? Niemand vermag das zu sagen. Rätselhaft ist auch ihr Verschwinden aus der Geschichte. Wir haben Kuelap, die Festung der »Wolkenmenschen«, besucht. Es war strapaziös, hat sich aber gelohnt! Mit mehreren Geländewagen sind wir so nah wie möglich an die mysteriöse Anlage heran gefahren. Fast dreitausend Meter über dem Meeresspiegel haben da die »Wolkenmenschen« eine kolossale Anlage errichtet. Für uns Europäer ist die Luft dort unangenehm dünn und eiskalt.

Wir besuchten die gewaltige Monstermauer von Kuelap, mit ihrer heute noch gigantisch anmutenden Mauer. Wir nahmen strapaziöse Wege auf uns, um zu den Totenhäusern der »Wolkenmenschen« zu gelangen, die hoch oben in den Anden an senkrecht abfallenden Felswänden wie Schwalbennester kleben. An versteckten Orten, oft nur bergsteigerisch erreichbaren Stätten, standen die seltsam geformten Sarkophage der »Wolkenmenschen«: Sie hatten die Form von stoisch dreinblickenden Statuen. In ihrem Inneren kauerten, in Fötushaltung ... mumifizierte Tote. Die Verstorbenen hofften wohl, so wie ein Baby wieder geboren zu werden. Die fremdartigen Riesenfiguren ... sollten sie die Toten in ein neues Leben nach dem Tod, ins Jenseits gebären?


Die Sarkophage in menschenähnlicher Gestalt ... sie erinnern tatsächlich an die Riesen der Osterinsel. Sind diese seltsamen Statuen die weniger gelungenen Moai, von denen ich bei einem Gottesdienstbesuch auf der Osterinsel hörte? Ein direkter Vergleich lässt durchaus Ähnlichkeiten erkennen!


Zum Vergleich: »Moai« der Chachapoyas (links)
und Steinstatuen der Osterinsel. Collage. Fotos:W-J. Langbein

In Leimembamba lagerten 200 Mumien in einem, so wurde uns versichert, »klimatisierten« Raum. Davon war allerdings nichts zu spüren. Dabei sollte das so künstlich geschaffene Klima die uralten Mumien vor weiterem Zerfall bewahren. Wir durften den alles andere als pietätvoll gestalteten Raum betreten. Er wirkte auf mich wie eine Rumpelkammer, in dem in einem unüberschaubaren Durcheinander zahllose Kisten und Kartons lagerten. Diese Behältnisse waren provisorische Särge, in denen die Toten der »Wolkenmenschen« nach wie vor auf ihre Auferstehung warteten. Sie sollten so bald wie möglich in ein eigens für sie gebautes Museum gebracht werden. Fotografieren war strengstens verboten.


In einem Nebenräumchen entdeckte ich altehrwürdige »Grabbeigaben« der Chachapoyas. Die hölzernen Figuren ähneln in verblüffender Weise den »Moai«-Statuen der Osterinsel. Die rätselhaften Figuren aus Holz aus Gräbern der Chachapoyas haben typische Merkmale der Kolosse der Osterinsel: Sie tragen so etwas wie »Helme« auf dem Kopf, oder sind es Frisuren? Manche Forscher meinen auch, es handele sich um Federschmuck von Fürsten ... bei den roten Zylindern auf den Häuptern der Osterinsel-Kolosse. Auch die  Nasen und verlängerten Ohren der Holzfiguren erinnern deutlich an die der Osterinselriesen. Und die hölzernen Figuren der Wolkenmenschen enden in der Hüftregion, wie die Statuen der Osterinsel!


Holzfiguren der Chachapoyas und ein Moai der Osterinsel (Collage)
Fotos: W-J. Langbein


Fußnoten
1 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J., S. 13
2 ebenda
3 ebenda, S.28
4 1. Buch Mose Kapiel 1, Vers 26
5 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J., S. 28
6 2. Buch Mose Kapitel 20, Vers 4
7 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J., S. 28
8 ebenda, S. 41
9 ebenda

Anmerkung
Im voranstehenden Text habe ich wiederholt Werke zitiert, die vor der Rechtschreibreform erschienen sind. Ich habe die Zitate im Original belassen und nicht an die heutige Schreibweise angepasst.

Abschied von Rapa Nui                                                                                                                                 
Teil 194 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 06.10.2013



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