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Sonntag, 7. Oktober 2018

455 »Ahurikiriki und das Geheimnis der verschwundenen Statuen«

Teil 455 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörgangbein

Foto 1: Die 15 Kolosse von Tongariki.

Die Kolossalstatuen der Osterinsel haben das einsame Eiland in den Weiten des Pazifiks weltberühmt gemacht. Die größte steinerne Plattform, Tongariki, befindet sich am östlichen Ende der Südküste der Osterinsel. Fünfzehn Statuen stehen heute wieder auf dem altehrwürdigen »ahu«, den Blick ins Innere des Eilands gerichtet. Eine größere Ansammlung von steinernen Riesen auf einer Plattform findet sich nirgendwo auf dem Eiland. Es soll aber einst eine noch größere Plattform mit sechzehn Statuen gegeben haben.

William  J. Thomson,  Zahlmeister auf dem Schiff »USS Mohican«, publizierte (1) eine recht lange, penibel genau geführte Liste von Monumenten, so wie er sie in der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember 1886 inspiziert und vermessen hat. Das wohl bemerkenswerteste Denkmal, das er beschreibt, konnte er allerdings nur aus der Distanz beschreiben. Dieses Monument ist irgendwann spurlos verschwunden und gibt bis heute Rätsel auf. Immer wieder wurde nach »Plattform Nr. 112« gesucht. Bis heute vergeblich.

Foto 2: Einige der 15 Kolosse von Tongariki.

Thomson schreibt (2): »Plattform No. 112. – Genannt Ahurikiriki. Gelegen am äußersten südwestlichen Ende der Insel, und außergewöhnlich wegen ihrer Position an einer lotrecht abfallendend Klippe (Höhe fast 1.000 Fuß) und mittig zwischen Meer und oberem Rand.«

Diese Beschreibung weist sehr deutlich auf die in der Tat fast 1.000 Fuß hohe  Felswand an der Südwestspitze der Osterinsel hin. Vom Zeremonial-Zentrum der Osterinsel kletterten mutige Männer 300 Meter in die Tiefe, um zur »Vogelinsel« zu schwimmen (»Vogelmann-Kult«). Und an dieser Felswand sollen einst, so Thomson, wohl auf einem kleinen Felsvorsprung sechzehn kleine Statuen gestanden haben. Als Thomson sie 1886 zu Gesicht bekam, standen sie aber schon nicht mehr. Sollte Thomsons Schilderung den Tatsachen entsprechen, dann hätten auf dem Felsvorsprung in der Steilklippe mehr Statuen gestanden als auf jeder anderen Plattform.

Foto 3: 15 Statuen. Foto Ingeborg Diekmann

Thomson (3): »Sechzehn kleine Götzenbilder liegen auf dieser Plattform und viele davon scheinen sich in einem ausgezeichneten Zustand zu befinden. Wir konnten keine Möglichkeit ausfindig machen, wie wir diesen kleinen Vorsprung hätten erreichen können, auf welchem diese Plattform steht. Kein Weg führt vom  oberen Rand der Klippe hinab, es gibt auch keinen Zugang von rechts oder links, und von unten geht es lotrecht nach oben.«

Thomson weist auf die Brecher des Meeres, die gegen den Fuß der Klippe schlagen und stellt Überlegungen an, wie wohl die sechzehn kleinen »Götzenbilder« an Ort und Stelle gebracht werden konnten. Er hält es für »kaum wahrscheinlich«, dass die Figuren einst von oben an Seilen hinab gelassen wurden. Seine Schlussfolgerung: Es müsse einmal einen »Zugang« (4) gegeben haben, der von den tosenden Wellen abgetragen wurde. Ganz ähnlich sieht es im »Dorf der Toten« aus: Unklar ist, wie die »Sarkophage« von Karajia an ihren Bestimmungsort gelangten.  Sie stehen auf einem kleinen Felsvorsprung an  einer senkrechten Felswand, etwa auf halber Höhe, etwa dreihundert Meter unterhalb des Dorfes Karajia. Die mysteriösen »Sarkophage« von Karajia befinden sich allerdings noch heute an Ort und Stelle.

Zurück zur verschwundenen Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki«. Leider sind Thomsons Reisenotizen, die eventuell zusätzliche Informationen zu »Ahurikiriki« enthalten haben mögen, unauffindbar. Sie sollen sich bis 1904 im Besitz des »Smithsonian Institution«, Washington D.C., befunden haben, wurden aber offenbar an Thomson zurück geschickt. Vergeblich hat man die in der »Smithsonian Institution« aufbewahrten Thomson-Fotos durchforstet. Es fand sich keine einzige Aufnahme der mysteriösen Plattform. Wie dem auch sei: 1886 will Thomson die 16 Götzenbilder in der Felswand gesehen haben. Oder hat der gute Thomson einfach nur fantasiert? 

Foto 4: Eine beeindruckende Kolonne von Riesen.

Offenbar nicht! Denn Katherine Routledge bestätigt Thomson (5). Demnach konnte Thomson anno 1886 eine »Reihe von Götzenbildern (6) sehen, aber nicht erreichen. Als Katherine Routledge 1913/1914 vor Ort war, waren die Figuren allerdings abgestürzt und lagen »1.000 Fuß tiefer« am Meeresufer. Katherine Routledge scheint einen zweiten Band zum Thema Osterinsel geplant zu haben. Offenbar wollte sie auch näher auf die Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki« eingehen, Das legen ihre handschriftlichen Notizen nahe, die erhalten geblieben sind. Zu einem zweiten Buch aber kam es leider nicht.

Eine Lehrerin, die in einer der Schulen von Hanga Roa unterrichtete, erklärte mir: »Ahurikiriki hat zweifelsohne existiert! Es gibt einige Lieder, die diese Statuen am Abgrund besingen!« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, begann sie sogleich, mir eines der Lieder vorzusingen, in der so vokalreichen, wohlklingenden Sprache der Osterinsel. Immer wieder tauchte »I Ahu Rikiriki«. Die Lehrerin übersetzte mir einige Passagen: »Ich bin bei der Plattform (ahu) von Rikiriki und sie bringen die moai zu Fall.«

Foto 5: Tongariki soll einst ein religiöses Zentrum gewesen sein.

Voller Begeisterung erzählte mir die Lehrerin vom alten Urglauben der Osterinsel, verschwieg aber mehr als sie zu enthüllen bereit war. So erfuhr ich von »religiösen Praktiken«, die zum »Iviatua«-Kult gehörten. Im Zentrum der Religion stand der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Die Seelen der Dahingeschiedenen konnten noch zwei Jahre nach dem physischen Tod der Menschen auftauchen und den Nachkömmlingen der Toten helfen, so die in Not geraten sollten.  Zwei Jahre nach dem Tod machten sich die Seelen auf die Reise in ein sagenumwobenes Totenreich irgendwo im Westen.

Die Totenbräuche der Osterinsulaner muten makaber an. Man wartete offenbar bis alles Fleisch eines Toten verwest war. Dann trennte man den Schädel vom übrigen Skelett und setzte ihn bei. Die Knochen wurden gesäubert und kamen in eine »Steinkammer«. Dort begegneten die Geister der kürzlich Verstorbenen den Seelen der Vorfahren, die offenbar aus dem Totenreich angereist kamen.

Als Gottheit wurde Make Make verehrt, als allmächtiger Schöpfergott angebetet. Stammesfürsten verfügten über eine geheimnisvolle »Kraft« oder »Energie«, »Mana« genannt. Mit dieser Kraft konnten Feinde bekämpft, konnte der Wohlstand der Stammesmitglieder gesteigert werden. Mit dieser »übernatürlichen Kraft« konnten Eingeweihte die moai genannten Steinriesen veranlassen, vom Steinbruch aus an ihre Bestimmungsorte zu gehen oder zu fliegen.

Foto 6: Sie wenden dem Meer den Rücken zu.

Die Osterinsulaner glaubten offenbar an zwei Reiche: an ein Reich des Lichts und an ein Reich der Finsternis. Ein örtlicher Geistlicher brachte im Gespräch seine »erheblichen Zweifel« zum Ausdruck. Was die Osterinsulaner einst wirklich glaubten, was wirklich echter Osterinselglaube sei, das könne man leider nicht mehr mit Sicherheit sagen. Und in der Tat: Die Bevölkerung der Osterinsel wurde ja fast völlig ausgelöscht. Starb mit den Menschen der wahre Osterinselglaube? Wurden religiöse Bilder und Überzeugungen aus Polynesien geholt? Nach polynesischer Theologie wurden menschliche Verstorbene zu niederen Göttern, weil sie magische Kräfte von höherrangigen Göttern erhielten. Eingeweiht in die geheimen Glaubenswelten waren hochrangige Priester, »ivi atua« genannt. Diese mächtigen Geistlichen hausten angeblich in kleinen Häusern unter gewaltigen Steinbrocken im Inneren des »Rano Kau«-Vulkans. Dort soll es ein zweites heiliges Zeremonial-Zentrum gegeben haben, das bis heute weitestgehend unerforscht blieb.


Oder die Priester arbeiteten in steinernen Türmen, von denen es auf der Osterinsel eine ganze Reihe gegeben haben soll. Kein einziges dieser Gebäude blieb bis in unsere Tage erhalten. Sie leben aber in Erzählungen aus den »alten Zeiten« fort. Wie sie ausgesehen haben? Das wissen auch die letzten echten Nachkommen der Ureinwohner nicht.

Foto 7: Einer der Kolosse von Tongariki.
Was die Priester in diesen Steintürmen genau getrieben haben? Das soll schon immer nur wenigen Eingeweihten bekannt gewesen sein. Angeblich studierten sie Zeichen aus der »natürlichen Welt«, um prophezeien zu können: über das Wetter, den Fischfang und die anstehende Ernte. Betrieben diese Priester Hokuspokus? Oder studierten sie den Ablauf der Jahreszeiten, stets auf der Suche nach Regelmäßigkeiten im Ablauf der Dinge, um Aussagen über die Zukunft treffen zu können? Von Priestern bemannte Türme könnten sehr wohl auf astronomische Studien hinweisen, die von der Bevölkerung als magische Rituale verstanden wurden. Es mag auch sein, dass die Priesterschaft bewusst den Eindruck zu erwecken suchte, dass sie magische Zauberkräfte besaßen.

Es waren auserwählte Priester, die die Schrift der Osterinsel beherrschten. Sie gravierten ihre Geheimnisse in Holztäfelchen, die bis heute nicht übersetzt werden konnten. Genauer gesagt: Es gibt verschiedene Versuche, einige der Texte zu übersetzen. Die Ergebnisse dieser Bemühungen werden aber nicht von »der« Osterinselforschung anerkannt.

Fußnoten
(1) »Te Pito Te Henua, Or Easter Island by William  J. Thomson/ Paymaster, U.S. Navy. From the report of the National Museum, 1888-89, Pages 447-552«. Washington: Government Printing Office 1891.
(2) Global Grey 2014, eBook-Ausgabe, Seite 113, Pos. 1405 (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(3) ebenda
(4) »And the natural conclusion is, that a roadway once existed, which has been undermined by the waves and has fallen into the sea.«
(5) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, S. 174, ab Zeile 8 von unten
(6) Im englischen Original: »images«.

Foto 8: Die Riesen von Tongariki... steinerne Hüter alten Wissens. Foto Ingeborg Diekmann


Zu den Fotos
Foto 1: Die 15 Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein 
Torsten Nierenberg hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Foto 
Nr.1 spiegelverkehrt wiedergegeben wurde. Ich habe das korrigiert 
und bedanke mich sehr herzlich bei Torsten für den hilfreichen Hinweis!
Foto 2: Einige der 15 Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: 15 Statuen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Eine beeindruckende Kolonne von Riesen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Tongariki soll einst ein religiöses Zentrum gewesen sein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sie wenden dem Meer den Rücken zu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Einer der Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Riesen von Tongariki... steinerne Hüter alten Wissens. Foto Ingeborg Diekmann

456 »Rätselhafte Kolosse und geheimnisvolle Kammern«,
Teil 456 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14.10.2018


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Sonntag, 6. Juli 2014

233 »Riesen, Pyramiden, Menschenfresser«

Teil 233 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Gestürzter Koloss, zerbrochener Koloss
Foto W-J.Langbein

Die von der Osterinsel bekannten Fotos und Filme zeigen die mysteriösen Kolosse auf ihren Podesten stehend, mit rötlichen Steinzylindern auf dem stolz erhobenen Kopf. Was kaum bekannt ist: In diesem Zustand befinden sich nur wenige Statuen, die erst im 20. Jahrhundert mit heutiger Technik (Einsatz eines aus Japan herangeschafften Krans usw.) wieder aufgerichtet worden sind. Die überwiegende Zahl der Kolosse, die einst auf einem »Ahu« standen, wurden zu Fall gebracht und liegen nach wie vor am Boden. Die meisten der schweren Kolosse haben den Fall nicht überlebt und sind meist mehrfach zerbrochen. Fast immer brach im wahrsten Sinne des Wortes das Genick. Durch Witterungseinflüsse sind manche der einst so präzisen Steinmetzarbeiten kaum noch als künstlich geschaffene Figuren zu erkennen. Am besten erhalten sind die Statuen, die sich noch im Steinbruch befinden, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht fertig gestellt wurden. Andere Statuen blieben beim Transport vom Steinbruch an den Bestimmungsort einfach liegen. Wieder andere wurden halb oder bis zum Kopf eingegraben.

Koloss mit magischen Augen
Foto W-J.Langbein

Die Augenhöhlen der »moai paea« blieben beim Transport leer. Erst wenn sie auf ihren Podesten standen, wurden ihnen weiße Augäpfel aus Koralle und Pupillen aus Vulkangestein eingesetzt. Das soll magisch-rituelle Bedeutung gehabt haben. »Sobald die moai Augen hatten, konnten sie sehen. Dann konnten verstorbene Könige oder wichtige Ahnen aus dem Geisterreich in die Figuren schlüpfen und das Leben auf ihrer Heimatinsel beobachten!«, erklärte mir Carolina Teao (6) nach einem sonntäglichen Gottesdienstbesuch. Die Osterinsulanerin beteuerte flüsternd: »Die moai standen auf Pyramiden aus Stein. In den Pyramiden waren Grabkammern, in denen die Toten ruhten. Die Geister der Toten können in die Statuen fahren, solange die Statuen intakt sind!«

Dass den Statuen einst Augen eingesetzt worden sind, wurde erst 1978 entdeckt, als der »Ahu Nau Nau« restauriert wurde. Dabei wurde ein zersplittertes Riesenauge – Länge des Ovals immerhin 35 Zentimeter – entdeckt.
Die Osterinselforscherin Catherine Routledge berichtete (1) bereits 1919 in ihrem Standardwerk »The Mystery of Easter Island« von »semi-pyramidal Ahus«. Unklar ist, welche »Ahu«-Form die älteste ist. Allem Anschein nach gab es in ältesten Zeiten primitive »Steinpyramiden«, kegelförmige Anhäufungen von Steinbrocken. Angeblich soll es auch mehrstufige Plattformen gegeben haben, auf denen Statuen standen, mit Grabkammern in den Plattformen. Andere »Ahus« sollen der Form nach Schiffen geähnelt haben.
Fundament eines uralten Bauwerks in Bootsform
Foto W-J.Langbein

Im 18. Jahrhundert sah Captain Cook eine »steinerne Plattform«, auf der unter Steinen ein menschliches Skelett lag. Unklar ist, ob man die sterblichen Überreste dort platziert hatte, damit die Verwesung fortschreiten konnte, oder ob Cook ein verfallenes »Ahi«-Grab beschrieb. Sollten also die Knochen da liegen? Oder kamen sie zum Vorschein, weil der »Ahu« nur noch eine Ruine war? Der Seefahrer La Pérouse besuchte ebenfalls im 18. Jahrhundert die Osterinsel. Er beobachtete und beschrieb »mehrere Pyramiden von Stein«, in deren Nähe Knochen verstreut lagen. War ein Grab geplündert worden? Hatte ein feindlicher Clan in der Gruft nach Grabbeigaben wie geschnitzten Angelhaken gesucht? Ein Geistlicher erklärte mir vor Ort: »Wirklich wichtig war für die Insulaner nur der Schädel, der Rest des Skeletts wurde oft recht pietätlos behandelt!« (2)
Solange Tote – sei es auf Holzgestellen, sei es auf steinernen Plattformen oder Pyramiden – aufgebahrt wurden, lag ein »Tapu« auf dem Grundstück. So durfte am nahegelegenen Strand nicht gefischt werden. Gekocht werden durfte auch nur bedingt im Bereich des Toten. Es bedarf keiner Fantasie, um sich vorzustellen, dass so ein offen aufgebahrter Leichnam nicht gerade ein ideales Ambiente für leckere Kocherei geboten hat. Offene Feuer im Umfeld des Toten unterlagen auch einem »Tapu« waren also auch verboten. Bei Tageslicht durfte man sich dem Toten nicht nähern, aber in der Nacht? Ein Steinhaufen mit einem weißen Stein an der Spitze zeigte wie ein Hinweisschild das »Tapu« an. Wer dagegen verstieß, wer die »Tapu«-Gebote nicht einhielt, der war des Todes und wurde mit einer Keule erschlagen. Da auf der Osterinsel lange Zeit Kannibalismus weit verbreitet war, kann es sein, dass so ein »Tapu«-Übertreter bald den Speisenplan bereicherte.
Was die Ernährung angeht, so waren Frauen nicht gleichberechtigt. Frauen mussten ihren Vater, Ehemann oder einen Bruder fragen, wenn sie Geflügel verzehren wollten. Beim Kannibalismus allerdings gab es für Frauen kein »Tapu«. Warum auch. Offenbar kämpften Frauen wie Männer in Kriegen Seite an Seite und teilten sich dann auch die Beute. Dazu gehörte eben auch das Fleisch der getöteten Feinde. Anlässe für Kriege gab es viele. Nach einem Mord an einem Osterinsulaner wurde der Täter ermittelt. Die Angehörigen des Stamms des Opfers erklärten dann dem Stamm des Mörders den Krieg. Und der endete mit dem Tod des Mörders. Anschließend feierten die Sieger bei einem Bankett… und verzehrten den Mörder. Damit hatte das Blutvergießen aber kein Ende. Denn jetzt sannen die Verwandten und Stammesangehörigen des Mörders nach Rache. Das Gemetzel wurde fortgesetzt.

Man zeigte mir im kleinen Osterinselmuseum eine Lithographie aus dem späten (?) 19. Jahrhundert. Sie stellt eine der »semi-pyramidalen« Strukturen dar. Offenbar schichtete man mehrere, nach oben hin kleiner werdende Plattformen aufeinander, so dass eine Art Stufenpyramide entstand. Auf der Lithographie sind zwei halbwegs korrekt dargestellte »moai« mit Steinhüten zu sehen. Allerdings wurden diese Wahrzeichen der Osterinsel – anders als im Bild gezeigt - stets auf die höchste Plattform gestellt.

Pyramidenartige Plattform ... Foto Archiv W-J.Langbein

Im Jahre 1864, so viel scheint sicher, waren alle Statuen von den »Begräbnisplattformen« gestürzt worden. Anno 1838 soll Admiral du Petit-Thouars noch einen der Osterinselkolosse auf einem Ahu stehend gesehen haben. Alfred Metraux geht nach Quellenlage davon aus, dass zwischen 1838 und 1864 die letzten Statuen gefallen sein müssen. Die »semi pyramidal Ahus« verfielen nach und nach oder wurden mutwillig zerstört. Ahus wurden aber auch in neuerer Zeit von Chilenen verwüstet (3). Zerstört worden ist alter Volksglaube der Osterinsulaner – durch christliche Missionare. Einzig der wichtigste Gott der Osterinsel, Make-Make, überdauerte die Zeiten. Seine »Kolleginnen und Kollegen« gerieten weitestgehend in Vergessenheit.
Die Osterinsulaner wurden bewusst ihrer religiösen und heimatlichen Wurzeln beraubt. Man vertrieb sie von ihren angestammten Wohngebieten und zwang sie in ein Dorf. Zeitweise waren sie wie Gefangene, die Dorf nur mit Genehmigung verlassen durften. Das importierte Vieh hatte mehr Rechte als die Osterinsulaner!

Die Osterinsel ist weniger christlich als man denkt.
Foto W-J.Langbein

Als die ersten christlichen Kreuze aufgestellt wurden, wunderten sich die Insulaner sehr. Wieso hing da ihr Make-Make am Kreuz? Als ihnen der biblische Gott als der einzige Gott angepriesen wurde, gab es für die Insulaner keinen Zweifel mehr! Wenn der Bibel-Gott der mächtigste Gott war, dann musste er ihr Make-Make sein. So opferten die Insulaner dem Bibel-Gott, wie sie das bislang für Make-Make getan hatten. Dass de facto ein heidnischer Gott nach alter Väter Sitte verehrt und mit Opfergaben beschenkt wurde, nahm die christliche Geistlichkeit – grummelnd vielleicht – hin. Es war alles gut, solang die Osterinsel offiziell in den amtlichen Statistiken als »Katholiken« geführt werden konnten. Solange durften auch heidnische Darstellungen in der christlichen Kirche in christlichem Gewand die einheimischen Gläubigen anlocken.
Make-Make wurde in alten Überlieferungen auch als zorniger, eifersüchtiger Gott beschrieben, so wie Jahwe im »Alten Testament« der Bibel. Weinend erklärte mir eine greise Osterinsulanerin, Make-Make, Make-Make fresse die Seelen von Toten. »Deshalb wurden die Statuen auf die Gräber gestellt! Sie boten den Geistern der Verstorbenen Schutz vor dem strafenden Make-Make!«

Mischwesen ... Mensch und Eidechse
Foto W-J.Langbein

Make-Make war der große Schöpfergott. Er kreierte Menschen, aber auch ein Mischwesen, einen Gott-Mensch-Vogel. War er auch für seltsame Kreaturen verantwortlich, deren Abbilder auf alten Holzschnitzereien der Osterinsel erhalten geblieben sind? 1992 erwarb ich auf der Osterinsel die Kopie einer Gravur, die einen Eidechsen-Menschen zeigt. Das Wesen nimmt die typische Haltung einer Eidechse ein, hat eidechsenhafte Klauen als Greifinstrumente und einen Schwanz, gleichzeitig aber auch menschliche Attribute. Derlei monströs anmutende Mischwesen zierten häufig kunstvolles Schnitzwerk. Sie wurden vorwiegend am Kopf von hölzernen Statuetten eingeritzt. Waren es Kreaturen aus der »Werkstatt« von Make-Make?
Make-Make soll – auch – ein Seelenfresser gewesen sein. Manche Osterinsulaner sehen das heute positiv. So schützte Make-Make seine Gläubigen vor Angriffen durch bösartige Geister, die womöglich schon zu Lebzeiten Verbrecher gewesen waren. Mord- und Totschlag galten auch auf der Osterinsel als schlimme Untaten, Kannibalismus aber scheint eine akzeptierte Form der Ernährung gewesen zu sein (4). Nach Osterinselforscher Hippolyte Roussel waren es erst christliche Missionare, die diesen alten, unsäglichen Brauch verboten haben. Es wird überliefert, dass Krieger »Kai-tangatas« (Kannibalen) waren. Getötete Feinde, so heißt es, wurden verspeist. Gefangene, so wird berichtet, wurden in speziellen Hüten verwahrt und im Rahmen von Siegesfeiern im Angesicht der stolzen Riesenstatuen verzehrt. Kapitänleutnant Geiseler beschreibt (5) in seinem Buch »Die Oster-Insel«, anno 1883 in Berlin erschienen, dass Kriegsgefangene für »besondere Anlässe« aufgespart und dann zu Ehren der Götter getötet und verzehrt wurden!
Kriege zwischen einzelnen Stämmen gab es im Lauf der Geschichte auf der Osterinsel immer wieder. So soll nach langem Gemetzel der Tuu-Clan als Sieger in den heimischen Bezirk auf dem Eiland zurückgekehrt sein. Die Tuu-Krieger haben, so ist überliefert, ihre besiegten Gegner, die Hotu-iti, regelmäßig überfallen. Sie schleppten die getöteten Feinde zum Strand und transportierten sie in ihren Kanus nach Hause. Die Leichname wurden unter den Kriegern verteilt… und verzehrt. Im Gegenzug belagerten die Hoto-iti die Tuu in ihren Höhlen, hungerten sie aus. Die Tuu mussten sich ergeben… und einige von ihnen wurden verzehrt. (8)

In Höhlen wie dieser wurde Kannibalismus zelebriert.
Foto Ingeborg Diekmann

Zu kannibalistischen Exzessen soll es häufig in Höhlen gekommen sein. Dort, unter der Erde, verspeisten siegreiche Krieger ihre erschlagenen Feinde. Es heißt, sie glaubten auf diese Weise noch stärker zu werden, weil sie die Energie der Toten in sich aufnahmen. Auch sollte so den Gefallenen in gewisser Weise ein »Weiterleben« ermöglicht werden…Womöglich konnten sie dann auch als Geister ihren Mördern nicht mehr schaden.
Fritz Felbermayer überliefert eine ausführliche Legende zum Thema Kannibalismus, betitelt »Der große Krieg zwischen den Stämmen der ›Miru‹ und ›Tapahotu‹« (6). In der Einleitung lesen wir (7): »Die mächtigen Stämme nützten die Kriege, um sich mit Menschenfleisch zu versehen, denn in den vergangenen Zeiten herrschte Kannibalismus unter den Bewohnern der Insel. Die Stärkeren suchten jedwelchen Vorwand, um Konflikte mit den kleineren Stämmen herbeizuführen und so in Kämpfen zu dem von ihnen begehrten Fleischgenuß zu kommen.«

Fußnoten
1) Routledge, Catherine S.: »The Mystery of Easter Island«, London 1919, S. 172

2) Métraux, Alfred: Ethnology of Easter Island, Honolulu, Hawaii, 1971, S. 115, siehe »Funeral Rites«!

3) ebenda, siehe S. 86-88, »Destruction of the Images«

4) ebenda, siehe S. 150 und 151: »Cannibalism«

5) Geiseler, Kapitänleutnant: »Die Osterinsel«, Berlin 1883, S. 30

6) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Seiten 51-63

7) ebenda, S. 51, linke Spalte, Zeilen 6-12 (Orthographie unverändert übernommen!)

8) Auch diese Geschichte wird in unterschiedlichen Varianten erzählt. Mal gehen die einen, mal die anderen als Sieger hervor. Zu Kannibalismus aber kam es in allen Versionen.


»Alte Götter, neue Götter, tote Götter…«,
Teil 234 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 13.7.2014




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Sonntag, 29. Juni 2014

232 »Von Luxor zur Osterinsel«

Teil 232 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Luxor... Monstersäulen... Riesenstatuen.
Fotos W-J.Langbein

Im alten Griechenland erfreute sich ein Rätsel größter Beliebtheit. Die – oder der – Sphinx befragte jeden Passanten: »Was ist das? Am Morgen geht es auf vier, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen?« Wer die Nuss nicht knacken konnte, wurde getötet. Die gesuchte Antwort: »Der Mensch! Als Baby krabbelt der Mensch auf vier ›Beinen‹, als Erwachsener geht er kraftvoll aufgerichtet auf zwei Beinen und als alter, schwacher Mensch nimmt er als drittes ›Bein‹ einen Stock zu Hilfe!«

Der Ursprung des Rätsels liegt allerdings nicht im alten Griechenland, sondern in Ägypten. Das harmlos wirkende Rätsel lässt uns einen Blick auf Jahrtausende alte Kosmologie werfen. Morgens ist die Sonne schwach und kriecht wie ein Käfer. Am Tag ist sie Re und abends Atum. Der ägyptische Re wurde als schlanker Pfeiler aus Rosengranit verkörpert. Seine steinerne Spitze war vergoldet und glänzte im Licht der Sonne. Gottheit Atum ging in Darstellungen am Stock.


Luxor. Eingang. Historische Aufnahme.
Foto Archiv W-J.Langbein

Betritt man den Tempel von Luxor von Norden her, so blickt man gen Süden.. wo die Sonne ihren Höchststand erreicht. Oder anders ausgedrückt: Stand die Sonne im Süden hoch am Himmel, schickte sie ihre Strahlen segnend herab, vor allem natürlich auf den mächtigen irdischen Herrscher, der nach seinem Tod zum Gott werden würde. Der Regent badete förmlich im Glanz göttlicher Autorität, ließ die frommen Gläubigen in Ehrfurcht erstarren. Wurde nicht ein irdischer Pharao durch die Huld der Sonne selbst auch zu göttlicher Autorität? Wurde dem Mächtigsten im Staate so das ehrenvolle »von Gottes Gnaden« verliehen?

Der Tempel von Luxor stand nicht zufällig in Theben. In der legendären Ilias ist in schnörkelloser Schlichtheit von »Thebai, Aigyptos´ Stadt« die Rede. Oder die mächtige Metropole wurde nur schlicht als »die Stadt« bezeichnet, also als Stadt der Städte. Der heilige Tempelbezirk »der« Stadt Ägyptens begann vor Jahrtausenden direkt am Nil. Pilger, die aus ihren Boten stiegen, betraten am Ufer sogleich den Vatikan Ägyptens. Niemand vermag zu sagen, welch gewaltige Mauerreste der Fundamente noch darauf warten, endlich wieder ausgegraben zu werden. Gewaltige Steinsäulen waren nicht in erster Linie praktische Pfeiler für ein gigantisches Dach, erklärte mir vor Ort ein Student der Archäologie, sie waren eher wie steinerne Bäume in einem steinernen Wald. Und dieser heilige Wald aus Schatten und Licht galt als der Nabel der Welt.

Der »Nabel der Welt« auf der Osterinsel.
Foto W-J.Langbein

Nabel der Welt? Als einer der ursprünglichen Namen der Osterinsel gilt »Te Pito O Te Henua«. Osterinselforscher Fritz Felbermayer (1): »›Te Pito O Te Henua‹ - ›Der Nabel der Erde‹ ist der wohl einst von den Eingeborenen gebrauchte Name, der immer wieder in ihren Sagen und Überlieferungen vorkommt. Der heutzutage von den Einheimischen gebrauchte Name ›Rapa Nui‹ - ›Große Insel‹ ist eigentlich modern.«

Eine weitere Parallele zwischen Osterinsel und Ägypten drängt sich mir auf. Auf dem fernen Eiland der Südsee wie im uralten Reich am Nil gab es offensichtlich ein Faible für kolossale Statuen. Fritz Felbermayer hält fest (2): »Die Osterinsel verdankt ihre Berühmtheit den riesigen Statuen aus Stein, die über die ganze Insel verstreut zu finden sind. Auf keiner der Inseln der Südsee findet man Steinstatuen in dieser Ausführung und Größe … Einige Statuen sind einen Meter hoch, andere ragen bis zu 20 Meter empor.«

Auch die »alten Ägypter« hatten ein Faible für kolossale Steinfiguren. Legendär sind die beiden Memnon-Kolosse, die im 14. Jahrhundert vor Christus errichtet wurden. Die südliche Memnon-Statue hat, Sockel inklusive, eine Gesamthöhe von 17,27 Metern, die nördliche Memnon-Riesenplastik ragt – Sockel inklusive – 18,36 Meter in den Himmel. Vom Format sind sie durchaus mit Riesen-Figuren der Osterinsel vergleichbar!

Die Osterinsel-Kolosse, so überliefern das einige uralte Legenden und Sagen, konnten einst aus eigener Kraft vom Steinbruch aus viele Kilometer zu ihren Bestimmungsorten gehen. Seltsam! Auch älteste Überlieferungen Ägyptens bringen Kolossalstatuen in Verbindung mit Leben! Trugen doch die Steinmetze und Bildhauer, die die gewaltigen Statuen schufen, die ehrenvolle Bezeichnung »Lebendigmacher«! Warum? War es die Aufgabe dieser Künstler, »Götter und Pharaonen in der Erinnerung der Nachkommen lebendig zu erhalten«, wie Bernd Mertz in seinem wirklich lesenswerten Werk »Ägypten« mutmaßt (3)?

Zwei Statuen von Abu Simbel.
Foto Walter Langbein sen.

Warum ließ zum Beispiel Ramses II. vier Statuen in den gewachsenen Fels von Abu Simbel schlagen, jede über zwanzig Meter hoch? Warum stellten die alten Ägypter Götter und Pharaonen so häufig als wahre Kolossalstatuen dar? Warum bauten sie – oftmals über Jahrhunderte hinweg – Tempel zu wahren Festungsanlagen aus, deren Größe den menschlichen Besucher winzig klein erscheinen lässt? Bernd A. Mertz erklärt (4): »Der Tempel musste großartig sein, weil die Götter es auch waren! Man kann einem Gott keine Lehmhütte bieten. Die Gottstatuen waren geschaffen, damit sich die Götter, wenn sie wollten, hier niederlassen konnten. Daher fielen auch die steinernen Figuren der Pharaonen so gigantisch aus, denn sobald sie bei Osiris waren, wurden sie selbst zu Göttern. Wollten sie nun wieder zurück, konnten ihre Seelen in den steingewordenen Abbildern Einzug halten.«

Mit anderen Worten: Götter und zu Göttern gewandelte Pharaonen konnten die Kolossalstatuen als »Eingangstore« nutzen, um von der überirdischen Welt in die profanen Gefilde des irdischen Alltags zu gelangen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Bezeichnung »Lebendigmacher« für die Erschaffer der Steinfiguren eine ganz andere Bedeutung. Hatten die Erbauer der steinernen Osterinselriesen ähnliche Vorstellungen? Der Überlieferung nach konnten die Osterinselkolosse gehen. Warum? Weil die Geister von Verstorbenen oder gar Götter in die toten Statuen fahren konnten und diese dann »lebendig« wurden?

Eine Verbindung zwischen den Riesenfiguren und den Toten gibt es in der Tat! Fritz Felbermayer berichtet (5): »Als ein zweites Wunder zieren die ›Ahu‹ die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Ahus sind Grabmäler, die sich fast alle an der Küste befinden; sie sind terrassenförmig aus Steinquadern aufgebaut. Auf ihrer höchsten Plattform standen einst Steinfiguren, die schon bei den ersten Besuchern das größte Erstaunen hervorriefen. Im Inneren dieser Steinterrassen befanden sich die Grabkammern, in denen vor langer Zeit die Bewohner der Insel ihre Toten beisetzten. Man kann deutlich sechs verschiedene Typen von Grabmälern unterscheiden. Von den beiden bedeutendsten ist der erste aus mächtigen, schön bearbeiteten Steinquadern so genau zusammengefügt, dass sich keine Figuren feststellen lassen. Seine Bauart weist auf die Inka in Peru.«


Eingang zu einer Grabkammer im »Ahu«.
Fotos W-J.Langbein

Die »Ahu« waren ursprünglich vom Aufbau her mit einfachen Stufenpyramiden vergleichbar, aufgetürmt aus tonnenschweren Blöcken, die in unglaublicher Präzision zusammengefügt worden sind. In diesen »Pyramiden« befanden sich Grabkammern. Von den alten Bestattungsriten der Ureinwohner ist einiges bekannt. Der Leichnam eines Verstorbenen wurde in eine Art Strohmatte eingewickelt, die an den Enden zugebunden wurde. Dann wurde der Tote mit dem Kopf in Richtung Meer auf einer »hölzernen Struktur« am Strand aufgebahrt. Manchmal wurde ein Leichnam aber auch eingewickelt und in einen Felsspalt am Strand gesenkt. Noch heute soll es tiefe Felsklippen an Steilküsten der Osterinsel geben, in denen Skelette ruhen. Ob auch in neuerer Zeit alte vorchristliche Bestattungsriten vollzogen werden?

Wie lange man gewartet hat, bis ein Toter in die Gruft im »Ahu« gebracht wurde? Alfred Metraux vermutet: Das geschah wahrscheinlich erst, wenn völlige Verwesung eingetreten war. Erst dann fand das Skelett seine vorerst letzte Ruhestätte in einer Kammer im »Ahu«. Damit endete dann die Trauerzeit. Nicht alle Skelette blieben für immer in den Gruften. Grund: Die Grabkammern in den »Ahus« sind recht beengt. Ein sehr schmaler, sehr niedriger, mit glatt polierten Steinen rundum ausgekleideter »Gang« führt in das Innere. Die Bezeichnung »Gang« irreführend. In einem Fall maß ich 1,20 Meter in Höhe und Breite. Pietätvoll kann es nicht gewesen sein, Skelette durch solche engen Röhren ins Innere der Grabkammern zu schaffen.

So ein Grab-»Ahu« diente einer Familie oder einem Clan viele Generationen. Es fielen also viele Tote an. Wenn Platzmangel eintrat, entfernte man wieder die Skelette bis auf den Totenschädel aus der Gruft. Die Knochen, so stellten frühe Osterinselbesucher fest, wurden dann verstreut: in der Nähe des »Ahu« oder auf dem ›Ahu‹. Nur noch die Totenköpfe blieben im Inneren der Ahus!

Übrigens: Pyramidale Strukturen gab es überall in der Südsee - von Maleden Island bis Tahiti..

Ahus in Form von Stufenpyramiden...
Foto Archiv Langbein

Was christliche Geistliche gar nicht gern hören: Auch nachdem die Osterinsel schon längst als christianisiert galt, hielten die Insulaner an ihren alten Riten fest. Sie duldeten es zwar, dass die Toten auf dem offiziellen, christlichen Friedhof beigesetzt wurden, gruben die Leichen aber nachts wieder aus, um sie nach den alten Riten zu »behandeln«. Öffentlich freilich blieb der Schein gewahrt.

Die Seelen von Menschen, die sich zu Lebzeiten an die religiösen Riten gehalten haben, sie konnten sich glücklich schätzen, gingen sie doch in ein »fernes Land« (Paradies?) ein. Die Seelen von bösen Menschen indes kehrten aus dem Jenseits zurück, litten Qualen und peinigten ihre Verwandten. Reine Geistwesen waren diese Spukgestalten wirklich nicht. Je weniger sie nach den damaligen Moralvorstellungen gelebt hatten, desto schlimmer wurden sie nach dem Tode als Geister von Hunger und Durst gequält. Verwandte stellten ihnen Speis‘ und Trank in Nähe der Begräbnisstätte auf. Das sollte die Geister milde stimmen.

Auf den »Pyramiden« thronten kolossale Steinfiguren. Staunend stand ich vor dem »Ahu Vinapú«, der nur noch erahnen lässt, wie imposant einst dieses Bauwerk gewesen sein muss. Ein großer Teil der Ruine scheint im Verlauf der Jahrhunderte abgetragen worden zu sein. Die Kolosse ragen nicht mehr stolz auf der einstigen Pyramiden-Plattform in den Himmel. Sie liegen zertrümmert am Boden. Im Verlauf der Zeit verwitterten die Statuen. Ein Eingang in die Grabkammer ist allerdings noch deutlich zu erkennen!


Millimeter genau sitzen mächtige
Steinquader in der Monstermauer.
Foto W-J.Langbein

Die glatt polierten mächtigen Steinquader von »Ahu Vinapú« sind millimetergenau aufeinander gefügt, ansonsten aber macht die einstmals stolze Plattform für riesige Statuen einen desaströsen Eindruck. Die Kolosse wurden vom Podest gestürzt und liegen in Trümmern am Boden. Umstritten ist, wie die Figuren zu Fall gebracht wurden. Eine These lautet, dass sich verfeindete Stämme bekriegten und gegenseitig die Statuen umwarfen. Diese Version wurde mir wiederholt von Osterinsulanern bestätigt. Demnach geht von den Statuen ein Zauber aus. Wer die größten Statuen hatte, dem stand die mächtigste Magie zur Verfügung. Wollte man einen feindlichen Stamm besiegen, musste dessen Magie zerstört werden. Also hat man versucht, möglichst viele »feindliche« Statuen unschädlich zu machen und selbst möglichst große Statuen zu errichten.

Fußnoten

1) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, S. 6, rechte Spalte, Zeilen 4-9
2) ebenda, S. 7, linke Spalte, Zeilen 19-25
3) Mertz, Bernd A.: »Ägypten/ Das Land von Isis und Osiris«, herausgegeben von Wulfing v. Rohr, München 2/1991, S. 107, 3. Zeile von oben
4) ebenda, S. 106, Zeilen 12-20 und S. 107, Zeile 1
5) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, S. 8, linke Spalte, Zeilen 3-17

Riesen, Pyramiden, Menschenfresser
Teil 233 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 6.7.2014


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