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Sonntag, 11. Januar 2015

260 »Honig für die Götter«

260 »Honig für die Götter«
Teil 260 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein





Autor Langbein in Orissa. Foto I. Diekmann
Aus winterlich-kalten Gefilden ging’s in die Gluthitze von Orissa (heute Odisha) am Golf von Bengalen. Ein kleiner Reisebus, ausgestattet mit allem Komfort, brachte uns von Tempel zu Tempel. Erschöpft wankten wir zwischen Ruinen und bestens rekonstruierten Kultbauten. Zurück im Bus umwehte uns angenehm kalte Luft aus der auf Hochtouren laufenden Klimaanlage. Der ständige Wechsel zwischen  erfrischender Kühle und strapaziösen Hochtemperaturen erwies sich bei mir als gesundheitlich abträglich. Fieber, Schnupfen, Heiserkeit und Schüttelfrost suchten mich heim. Unser Busfahrer hatte schnell zwei Heilmittel zur Hand:

Ein Fläschchen mit hochprozentigem Rum und ein Döschen mit Schnupftabak. Letzerer, so hatte ich das Gefühl, würde nicht nur meine Nasenschleimheute wegätzen, sondern gleich die ganze Nase. Und der Rum schmeckte so, wie ich mir in jungen Jahren Feuerwasser bei der Lektüre von Karl Mays Amerika-Romanen vorgestellt habe, nämlich scharf und scheußlich. Indes… Die Kur zeigte bald die erwünschte Wirkung. Ich konnte weiter Ruinen und Tempel erkunden… und das bei rund 30 Grad im Schatten.

Der Bundesstaat Odisha hat unzählige hochinteressante Tempel zu bieten, besser gesagt hatte. Der größte Teil dieser sakralen Bauten ist inzwischen verschwunden. Die ältesten dürften zwei Jahrtausende alt gewesen sein. Trotzdem sind noch so viele der steinernen Gotteshäuser erhalten, so dass man viele Wochen, ja Monate vor Ort verbringen könnte. In der Hauptstad von Odisha, Bhubaneswar, finden sich heute noch rund 500 Tempel, ursprünglich sollen es 7 000 gewesen sein. Unklar ist, wie viele Kulthöhlen genutzt wurden, lange bevor die ersten steinernen »Gotteshäuser« errichtet wurden. Offiziell nicht bekannt ist, in wie vielen solcher Höhlen sich heute noch Gläubige versammeln, ungestört durch Touristen.

Marodes Tempelchen. Foto W-J.Langbein
Fernab der Touristenpfade gibt es auch noch so manchen kleinen Tempel, der alles andere als ein museales Schaustück ist. Gerade besonders große und aufwändig rekonstruierte und restaurierte Bauwerke ziehen Touristen in großen Scharen an. So imposant diese Denkmäler fantastischer Baukunst der alten Inder auch sind, so »leben« sie längst nicht mehr. Sie waren einst als Stätten der Andacht und Besinnung konzipiert, nicht als Attraktion für neugierige Besucher ohne Respekt vor fremdem Glauben. Beeindruckend ist die Toleranz, die in Hindu-Tempeln praktiziert wird. Das mag daran liegen, dass es kein »heiliges Buch« gibt, das genau festlegt, was der Gläubige als unumstößliche Wahrheit anzusehen hat. Im Hinduismus gibt es keine Definition, was »rechter Glaube« und was »ketzerisch« ist.

Hunderttausende, nein Millionen von Hausaltären gibt es in Indien, in Privathäusern von Hindus. Da können sich neben Figürchen von Brahma, Shiva und Vishnu problemlos auch solche von Jesus und Maria finden. Ich selbst sah einmal in einer Privatwohnung bei einer Einladung eine Krippe, die zur Adventszeit in jeder christlichen Kirche hätte stehen können. Doch statt des Jesuskindes lag der elefantenköpfige Ganesha darin. Einer der Beinamen Ganeshas lautet »Herr der Scharen«. Just diesen Beinamen - »Herr Zebaot« oder »Herr der Scharen« - trägt auch der Gott des Alten Testaments. (Beispiel: 1. Samuel 1, 3!)

Glücksbringer Ganesha. Foto W-J.Langbein
Und neben der Krippe aus dem Stall von Bethlehem stand keine Geringere als Parvati, die Gütige, selbst. Ein Esel fehlte allerdings, stattdessen kauerte da ein stolzer Tiger, das Reittier der Muttergöttin Parvati. Es gibt nicht wenige Hindus, die glauben (wie Christen), Jesus sei als Retter auf die Erde gekommen. Andere wiederum sehen in Jesus den wiedergeborenen Ganesha. Und wiederum andere verstehen »Ganesha« und »Jesus« als zwei Namen des gleichen göttlichen Wesens. Für andere wiederum sind »Jesus«, »Ganesha« und alle sonstigen göttlichen Wesen Verkörperungen der unendlichen göttlichen Energie.

Große Summen werden aufgebracht, um monumentale Tempelanlagen für Besucher aus dem Ausland möglichst attraktiv zu gestalten. Die Reisenden bringen wiederum Geld ins Land, was die Investitionen in steinalte Kultur sinnvoll erscheinen lässt. Aber fernab der Touristenströme gibt es – besonders auf dem Land – eine Vielzahl kleinerer Tempel, die oftmals recht baufällig sind. Es steht nicht genug Geld zu Verfügung, um auch nur einen Bruchteil der heute zusehends verfallenden Tempel zu erhalten oder gar zu restaurieren. Diese kleinen sakralen Bauwerke sind keine Denkmäler der archäologischen Künste, auch keine »Magnete« für Touristenströme, sondern »nur« Räume des Glaubens. Sie sind in Armenvierteln anzutreffen, vollständig integriert in das Alltagsleben. Man mag bedauern, dass sie langsam verfallen. Andererseits würden sie wahrscheinlich restauriert bald keine »lebenden« Tempel mehr sein.

Mukteshwara-Tempel. Foto Walter-Jörg Langbein

Ein Beispiel: In einem Hüttchen wurden Einmachgläser mit verschiedenen Gemüsesorten angeboten. Auf einer Wäscheleine trockneten bescheidene Kleidungsstücke. Und im Hintergrund trotzte ein Tempelturm aus uralten Zeiten wacker so gut er konnte dem Zahn der Zeit, der schon deutliche Spuren hinterlassen hatte. Ein Foto aus respektvollem Abstand habe ich aufgenommen, auf weitere Fotos aber verzichtet.

Mukteshwara-Tempel aus anderer Perspektive.
Foto W-J.Langbein

Geradezu rührend war die schlichte Ganesha-Statuette, aus Holz geschnitzt, vor der Gläubige bescheidene Opfergaben ablegten. Eine vom Wetter gegerbte alte Dame verharrte lange (im stillen Gebet?) und schenkte dann Ganesha eine winzige exotische Blüte. Beim Weggehen nickte sie mir freundlich zu. Ich glaube, sie freute sich, weil ich als Fremder aus fernen Landen »ihrem« Ganesha meine Aufwartung machte. Leider benehmen sich aber Besucher aus der sogenannten »zivilisierten Welt«  an den ältesten Kultstätten unseres Planeten alles andere als »kultiviert«. Eine Minderheit schreckt selbst vor Beschädigungen nicht zurück. Ein Besucher der Osterinsel wurde mit einem Stück einer der Riesenstatuen erwischt, das er abgeschlagen hatte und als »Souvenir« mit in die Heimat nehmen wollte. Ein anderer Reisender schlug Stückchen von Steinen der Cheopspyramide ab, um sie in einer häusliche Vitrine zur Schau zu stellen. Weitaus mehr »Gäste« legen in fremden Ländern nur ein inakzeptables, herablassendes Benehmen an den Tag.

Mythologie in Stein... Foto W-J.Langbein
Wer sich wirklich für die alte indische Tempelkultur interessiert und nicht mehrere Monate im Land verbringen kann, mag sich die Region von Bhubaneswar konzentrieren. Bhubaneswar, heute Hauptstadt des indischen Bundestaates Odisha wird zu Recht als »Stadt der Tempel« bezeichnet. Gegründet wurde die wichtige Metropole offiziell im dritten Jahrhundert vor Christus, es dürften sich aber schon lange vorher dort Menschen angesiedelt haben. In der Zeit vom achten bis ins 15. Jahrhundert wurden zahllose Tempel gebaut, von denen die meisten schon längst wieder verfallen und abgetragen worden sind. Der älteste, bekannte Tempel ist der von Mukteshwara. Er entstand vor mehr als einem Jahrtausend! Wann er genau gebaut wurde, ob im zehnten, im neunten Jahrhundert… oder noch früher? Wir wissen es nicht.

»Traum in Sandstein« wird der Tempel von Mukteshwara genannt, weil die Kultanlage aus rötlichem Sandstein gebaut wurde, vor allem aber weil sie über und über mit einer Vielzahl von konkret-figürlichen wie abstrakt-ornamentalischen Kunstwerken geschmückt wurde. Zahlreiche Göttinnen und Götter wurden von Steinmetzen geschaffen, denen noch heute von gläubigen Menschen geopfert wird. Die meisten Hindus lehnen – anders als andere Religionen – blutige Opferrituale, die mit Tieren zelebriert werden, ab. Statt Tierblut wird den Göttinnen und Göttern gern der berühmte »Pooja Honey« dargeboten. Der köstliche Honig ist überall zu haben, auch in winzigen Mengen.  »Es kommt nicht auf die Größe der Gabe an, die man den Göttinnen und Göttern schenkt!«, erklärte mir eine örtliche Reiseleiterin. »Wichtig ist allein die Einstellung des Gebers! Er anerkennt die hohe Stellung des Göttlichen, die für den Hindu viele Namen haben kann!«

Im Tempel von Mukteshwara begegnete ich einem Studenten, der mir von Dr. Shikaripur Ranganatha Raos (1922-2013) hochinteressanten, ja sensationellen Arbeiten berichtete. Uralten heiligen esoterischen Schriften Indiens zufolge gründete Sri Krishna einst die legendäre Stadt Dvaraka. Westliche Indienexperten schenkten derlei Überlieferungen selten Glauben, weil die vorgeschichtliche Metropole im altindischen Mahabharata auch als Austragungsort von gewaltigen Schlachten (bei denen Furcht einflößende Flugvehikel zum Einsatz kamen) zwischen himmlischen Göttern und Menschen erwähnt wird. Dr. Shikaripur Ranganatha Rao hat in Jahrzehnten intensiver archäologischer Arbeit schon mehrere mythologische Stätten Indiens als einst real existierend nachgewiesen. 

Göttin in Stein... oder Tempeltänzerin?
Der angesehene Wissenschaftler, langjähriger leitender Mitarbeiter an diversen wissenschaftlichen Instituten Indiens (»Indian National Science Academy«, »Department of Science and Technology«, »Council of Scientific and Industrial Research«, »National Institute of Oceanography«) fand nun auch Dvaraka: an der Westküste Indiens....auf dem Meeresgrund. Nördlich von Porbandar an der Mündung des »Gulf of Kachchh« kamen kürzlich umfangreiche unterwasserarchäologische Untersuchungen einen vorläufigen Abschluss. Über Jahrzehnte hinweg war immer wieder intensiv getaucht worden. Unzählige Artefakte wurden vom Meeresboden geborgen. Sie stammen mindestens aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus! Wann Dvaraka überflutet wurde, konnte bislang nicht definitiv bestimmt werden.


Tipp für Reisende

Besuchen Sie das »Museum of Tribal Arts & Artifacts«. Adresse: Off CRP-DAV Road, Near CRP Square, Palika Nagar, Bhubaneswar, 751015, Indien. Montags ist das Museum geschlossen. Das Museum informiert ausführlich über die verschiedenen Stämme, deren Lebensgewohnheiten, Bräuche, Kunst, Schmuck, Waffen.

Literaturempfehlungen

Göttin in Stein. Foto W-J.Langbein
Euringer, Florian: Indische Astrologie/ Die 27 Frauen des Mondes, Genf 1989

Franz, Heinrich Gerhard: Das alte Indien/ Geschichte und Kultur des
     indischen Subkontinents, München 1990
Rao, Dr. P.V.L. Narasimha: Kanchipuram/ Land of legends, saints and 
     temples, New Delhi 2008
Thompson, Richard L.: Vedic Cosmography and Astronomy, Los Angeles
     1990

Hinweis zu den Fotos

Mit Ausnahme des ersten Fotos (aufgenommen von
Ingeborg Diekmann) stammen alle Fotos von
Walter-Jörg Langbein. Copyright: Walter-Jörg Langbein


261 »Die Schlangengöttin«,
Teil 261 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.01.2015



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Sonntag, 23. Juni 2013

179 »Von Büchern aus Stein«

Teil 179 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Die Tempelwelt von Puri
Foto: W-J.Langbein
Puri, im indischen Bundesstaat Orissa gelegen, ist das Rom des Hinduismus. In der Küstenstadt wird kein Geringerer als Jagannath verehrt: der »Herr des Universums«. Ende Juni bis Anfang Juli – der genaue Termin hängt vom Mondkalender ab – wird ein großes Fest gefeiert. Statuen von Jagannath und seinen Geschwistern Balabhadra und Subhadra werden auf heiligen Wagen durch die Straßen gezogen ... und das mehrere Tage lang.

Unzählige Pilger strömen Jahr für Jahr nach Puri. Jeder versucht, und sei es auch nur kurz, beim Bewegen der Statuen behilflich zu sein. Besonderer Andrang herrscht bei den Seilen, an denen die Wagen vorwärts gezogen werden. Wer auf diese Weise den Göttern hilft, der hofft auf Gnade, sprich auf schnelleren Wechsel vom irdischen Diesseits ins unbeschreibliche Nirvana.

Immer wieder kommt es vor, dass sich besonders eifrige Pilger vor die Götterwagen werfen und überrollen lassen. Diese religiös motivierten Selbstmörder haben es besonders auf den Wagen von Jagannath selbst abgesehen. Sie glauben, dass ihr irdischer Leib zerquetscht und dass jeder so Dahingeschiedene durch den »Herrn des Universums« selbst vom irdischen Jammertal ins unfassbare »Nirvana« katapultiert wird. (1)

Jagannath und seine Geschwister Balabhadra (männlich) und Subhadra (weiblich) bilden eine Göttertriade. Kurios: Auch die christliche Trinität, bestehend aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist, setzt sich aus zwei männlichen und einem weiblichen Wesen zusammen. Ist doch »der« Heilige Geist ursprünglich ... eine »Heilige Geistin« (ruach im »Alten Testament«). Jagannath entspricht als »Herr des Universums« am ehesten »Elohim« (2) des »Alten Testaments«. Während allerdings eine bildliche Darstellung des Bibelgottes per Gebot streng verboten ist, gibt es von den indischen Göttern unzählige Skulpturen und Gemälde.

Supergott Jagannath - Foto: W-J.Langbein
Aus europäischer Sicht mag die typische Jagannath-Statue kurios anmuten. Sie wird meist aus dem Holz des Niembaumes geschnitzt, den die Hindus als heilig ansehen. Der Kopf des mächtigen Gottes ist überproportional groß. Die runden »Glotzaugen« erinnern an eine Brille. Bei allen Darstellungen von Jagannath fallen die bunten Farben auf. Beine fehlen ebenso wie Hände.

Warum Jagannath so unvollständig ausgeführt wird? Eine Erklärung fand ich in der Literatur nicht. Möglicherweise soll auf diese Weise verdeutlicht werden, dass Jagannath kein physisches Wesen im herkömmlichen Sinne ist. Er benötigt keine Beine, um sich fortzubewegen. Er erschafft das Universum ohne Hände, nur aus seiner geistigen Kraft. Mein Gesprächspartner in Sanchi stimmte mir zu: »Jagannath ist ein anderes Gesicht von Krishna, der schon als Baby Wunder bewirkte!«

Der »Jagannath-Tempel« in Puri ist ein gewaltiger Komplex. In seiner heutigen Form geht er auf Codaganga Anantavarman (1088-1160), Herrscher von Orissa, zurück. Er mag ältere Vorgänger gehabt haben. Für den mächtigen Regenten war Religion die wichtigste Stütze seiner Autorität. Gott Jagannath wurde zum eigentlichen Herrscher erklärt, der König selbst begnügte sich mit dem Amt des irdischen Stellvertreter Gottes. Wer es wagte, den irdischen Regenten zu kritisieren, der galt schon als Gotteslästerer. Ein Aufstand, eine Rebellion war dann ein Angriff auf den Gott des Universums, ein schlimmes Sakrileg. Rund vierhundert Jahre später vertrat Martin Luther die gleichen Lehren, nur im »christlichen Gewand«. Auch nach Luther ist der irdische Herrscher von göttlicher Autorität hienieden auf Erden. Als sich die Bauern gegen die unmenschliche Knechtschaft erhoben, war dies für Luther auch eine Art Sakrileg.

Puri ist für den Besucher seltsam fremd. Und doch fühlte ich mich wohl. Bei aller Turbulenz war doch eine ganz besondere Ruhe, ich möchte sagen Harmonie, zu spüren. Da schritt der offensichtlich bettelarme Pilger im schlichten Gewand gravitätisch wie ein Kaiser. Da knatterte ein Moped, da wartete geduldig ein Jeepfahrer in seinem Vehikel, bis eine dösende Kuh erwachte und den Weg freigab.

Geordnetes Chaos
Foto: W-J.Langbein
Da schob sich eine Fahrradrikscha ins Straßengetümmel. Dort ließ eine mit einem kleinen Motor laufende Rikscha einer greisen Marktfrau den Vortritt. In unseren Breiten wäre ein solch harmonisches Durcheinander nicht denkbar. Jeder Verkehrsteilnehmer würde auf sein unbestreitbares Recht pochen ... Es käme zu zahllosen Karambolagen. Warum geht es in Indiens Städten so viel friedlicher zu?

Und mitten im scheinbaren Chaos des Alltags ... thront seit rund 800 Jahren der heilige Jagannath-Tempel. Eine Fahne wehte stolz im Wind. Und ein gewaltiges, mit einfachen Mitteln errichtetes Gerüst umgibt den Haupttempel wie ein schützendes Netz. Mich hat der Tempel mit Gerüst an den legendären Turm zu Babel erinnert. Ob man im Lande Babylon auch mit solchen Gerüsten gearbeitet hat, auf denen Arbeiter bis in den Himmel empor steigen zu können scheinen? Wer hier zum Beispiel Steine über unzählige Leitern an die Spitze des Tempels tragen muss, der leistet Unglaubliches.

Ist es der Tempelkomplex, der Ruhe ausstrahlt? Der Tempel ist in Indien sehr viel mehr als ein »Gotteshaus« nach christlichem Verständnis. Er ist ein symbolisches Abbild des Universums. Der Tempel symbolisiert auch den Schöpfungsakt Brahmas, der aus dem ungeordneten Sein die geordnete Form gestaltete.

Im Zentrum des Universums ... des Seins ... befindet sich Brahma. Um diesen Kern legt sich die Welt der Götter, und zwar ringförmig. Die Götterwelt wiederum wird umschlossen von unserer Welt, in der wir leben. Am weitesten entfernt von Brahma ist der äußerste Bezirk. Hier haust die niedrigste und zugleich unheimlichste Gruppe: die der Gnome, Geister und Kobolde. »Am tiefsten in dieser Hierarchie stehen«, so heißt es in Henri Stierlins Werk »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, »die Kobolde, Gnome und Geister. Sie bewohnen, ohne Verbindung zu den Göttern und zu Brahma, die Randzone der konzentrisch um das Brahma geordneten Welten.«

Ein Buch in Stein - Foto: W-J.Langbein
Der Bauplan eines typischen südindischen Tempels bildet mathematisch exakt diesen Kosmos von Supergott Brahma, von Göttern, Menschen und Kobolden ab. Der Grundriss eines Tempels wird penibel auf dem Reißbrett entworfen. Der Bauplan wird in quadratischer Form angelegt und in sechzehn mal sechzehn gleichgroße Felder unterteilt.

Der Architekt hat exakte Zahlenangaben, nach denen er sich richten muss. Jede der »Welten« hat eine vorgegebene Größe ...

Das Allerheiligste, Brahma: 16 Felder
Welt der Götter, zweiter Ring: 84 Felder
Welt der Menschen, dritter Ring: 96 Felder
Welt der Kobolde, vierter Ring: 60 Felder

Formenreichtum eines
Buches in Stein
Foto: W-J.Langbein
Uralt ist das Geheimwissen um die göttliche Architektur. Vieles ist längst in Vergessenheit geraten, manches wurde gewiss falsch überliefert. Gesichert ist aber der Grundgedanke indischer Tempelbauweise: Der gesamte Kosmos trägt in sich einen göttlichen Plan. Aufgabe des Sthapati war es nun, das geheime Wissen um den Aufbau des Universums in Zahlen auszudrücken. Diese Zahlen wiederum wurden in geometrische Formen umgesetzt. Und nach diesen Formen wurden die Tempel gebaut! Der Eingeweihte konnte die uralten Bauten wie ein Buch lesen.
Es war die Aufgabe des Sthapati, das uralte Wissen in Stein zu verewigen. Papyrustexte, Palmblätter, Bücher, ja auch Disketten und CDs sind vergänglich. Stein überdauert Jahrtausende! Werden wir je die uralten Botschaften der indischen Tempelbauer wieder wie ein Buch lesen können?

Fußnoten
1 Kulke, Hermann: »Jagannātha-Kult und Gajapati-Königtum/ Ein Beitrag zur Geschichte religiöser Legitimation hinduistischer Herrschaft«, Wiesbaden 1979
2 »Elohim« ist ein Pluralbegriff und verweist eher auf einen alten Vielgötterglauben als auf den Eingottglauben der Bibel.
3 Stierlin, Henri (Herausgeber): »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, Band 9 der Reihe »Architektur der Welt«, herausgegeben von Henri Stierlin, Köln, ohne Jahresangabe, S. 55

>> Neue Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Der Vampir von Puri«,
Teil 180 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.06.2013


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Sonntag, 5. Mai 2013

172 »Das Horrorkabinet von Konarak«

Teil 172 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«

von Walter-Jörg Langbein

Konarak, im indischen Bundesstaat von Orissa am Golf von Bengalen gelegen, ist so etwas wie eine Geisterstadt in Stein. König Narasimha Deva (13. Jahrhundert) gab den Auftrag, einen imposanten Himmelswagen für den Sonnengott Surya zu bauen. Der Gigant aus Granit scheint auf vierundzwanzig gewaltigen, mannshohen Rädern zu ruhen. Sieben magische Pferde aus Stein standen bereit. Der Sonnengott sollte jederzeit mit seinem mächtigen Vehikel gen Himmel fliegen können.

Unklar ist, ob die Kultanlage erst kurze Zeit nach Vollendung ... oder schon während des Baus wieder aufgegeben wurde. Verschwunden ist, so viel wissen wir, der einstige Tempelturm. War das sakrale Bauwerk bereits vollendet, als es wieder abgebrochen wurde? Oder hatten die Baumeister eine unfertige Bauruine hinterlassen, die aufgegeben und später wieder abgetragen wurde? Wurden die unzähligen, üppigen Figürchen am Tempel von den Steinmetzen (1) alle fertig gestellt? Oder unterbrachen die Künstler manche ihrer Arbeiten, aus welchem Grund auch immer?

Besonders liebevoll wurden Statuen von Surya gestaltet, ob stehend oder hoch zu Ross. Ein Sonnengott wurde schon lange vor Baubeginn just an jener Stelle verehrt, wo später Surya angebetet werden würde. So wie Kirchen häufig auf »heidnischen« Kultplätzen entstanden, so bauten die »Alten Inder« ihre Tempel oftmals dort auf, wo schon lange zuvor sehr viel ältere Kulte zelebriert wurden.

Sonnengott Surya von
Konarak - Foto:
W-J.Langbein
Aus einem Sonnengott (oder gar ... aus einer Sonnengöttin?) wurde Surya, der als Zentrum des Sonnensystems angesehen wurde. Ja man verehrte ihn als Atman, das »Höchste Selbst«. Mag sein, dass in Surya zwei Gottheiten aufgingen: eine männliche und eine weibliche. Aus der weiblichen Göttin wurde der weibliche Aspekt Suryas, genannt »Savitri«, die »Leuchtende«. Frommen Missionaren war die Göttin mehr als suspekt. Sie verunglimpften sie gern als Teufel Luzifer, den »Lichtbringer« oder »Lichtträger«.

Im 19. Jahrhundert wurden einige der grandiosen Tempel Indiens entdeckt ... zum Beispiel die Sakralbauten von Khajuraho. Und fast überall haben emsige Steinmetzen Himmelstänzerinnen, Göttinnen und mysteriöse Fabeltiere dargestellt ... und immer wieder sexuelle Darstellungen. Die Pärchen, fein säuberlich in Stein modelliert, demonstrieren zum Teil akrobatische Liebesakte, die an Hochleistungssport erinnern. Einer der Tempelentdecker war der britische Offizier T.S. Burt. Für den Armeehauptmann waren diese erotischen Kunstwerke »extrem unzüchtig und anstößig«. Zögerlich vermeldete der prüde Offizier Königin Viktoria seine Entdeckungen ... und dachte intensiv darüber nach, ob es denn nicht besser wäre, die Erotik in Stein möglichst rasch zu zerstören. Schließlich siegte der Respekt vor den uralten Bauwerken über die Prüderie, die Kunstwerke blieben unangetastet, in Khajuraho, in Konarak und in anderen Städten Indiens.

In Konarak gingen moderne Restauratoren sehr sorgfältig mit der alten, zum Teil maroden Bausubstanz vor. Sie waren bemüht, die alte Bausubstanz zu erhalten. Auch sollten die Tempelanlagen so stabilisiert werden, dass sie noch möglichst viele Jahrhunderte dem Zahn der Zeit trotzen können. Es wurde aber darauf verzichtet, die Fantasie walten zu lassen, wo Lücken in den Reliefs klafften. Man bewies den Mut zur Lücke und verzichtete auf erfundene Ausfüllungen aus Stein.

Mut zur Lücke - Foto: W-J.Langbein
Tausende von Figürchen und Reliefs zieren den Sonnentempel von Konarak, kleine und große. Es ist, als hätten die Künstler vor vielen Jahrhunderten ein Werk hinterlassen, das wir wie ein Buch lesen sollen. Genauer gesagt: Es ist ein riesiges Bildband in Stein. Tausende Darstellungen unterschiedlichster Größen belegen eine simple Wahrheit: die Künstler der »Alten Inder« schufen detailgetreue Abbildungen der Wirklichkeit, fotorealistisch und naturgetreu. Diese Feststellung ist wichtig. Wir können nicht einerseits die präzise, korrekte Darstellung von Menschen und Tieren bewundern ... und andererseits bei fantastisch anmutenden Darstellungen Unfähigkeit der Künstler unterstellen!

Was viele Besucher – vor allem aus dem christlichen Abendland – oftmals übersehen, das sind Horrorkreaturen, die genauso detailgetreu abgebildet wurden wie Menschen und Tiere. Diese Wesen locken nur wenige Betrachter an, ganz im Gegensatz zu den Pärchen, die Sexakrobatik demonstrieren. Ich behaupte: die furchteinflößenden Monsterwesen muss es wirklich gegeben haben, genauso wie die Menschen und Tiere. Sie lassen sich nur keiner bestimmten Gattung zuordnen. Es sind kuriose Mischwesen. Für Fantasiegestalten sind sie alle zu naturalistisch dargestellt!

Mischwesen wurden im Königreich Ur bereits vor rund fünf Jahrtausenden verewigt ... als Stiere mit Menschenköpfen, aber auch als Skorpion-Menschen. 1995 stellte ich diese monströsen Wesen in meinem Buch »Das Sphinx-Syndrom« (2) vor.

Monster von Ur
Foto: Archiv
W-J.Langbein
Solche Monsterwesen hat der Geschichtsschreiber Eusebius (etwa 260 bis 339 n. Chr.) schaudernd und detailgetreu beschrieben (3): »Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen ... sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

Man möchte gern diese Horrorkreationen ins Reich der Märchen verbannen. Man möchte hoffen, dass es sie nie gegeben hat ... doch in fast allen Museen der Erde finden sich Abbildungen, präzise Darstellungen jener Wesen. So finden sich im französischen Louvre Miniaturen, etwa 4.200 Jahre alt, die menschenköpfige Stiere darstellen. Im Eingangsbereich des Ägyptischen Museums von Kairo sah ich in einer Glasvitrine das in Stein gearbeitete Halbrelief fremdartiger Monster. Ihre Leiber erinnern an Pferde, sie haben Löwenfüße. Auf unnatürlich langen Hälsen sitzen verhältnismäßig kleine Köpfe, die an Löwenhäupter erinnern. Angriffslustig stehen die beiden Wesen einander gegenüber, scheinen gleich einander angreifen zu wollen. Noch hindern sie kleine, sehr naturgetreu dargestellte Wesen daran, zerren an Stricken ...

Monster der Osterinsel
in der Kirche
Foto: W-J.Langbein
Monsterschriften wurden auch auf der Osterinsel dargestellt - in Halbreliefs in Stein, halb Vogel, halb Mensch. Emsige Steinmetzen haben mit großer Geduld unzählige dieser Kreaturen in das grobkörnige Vulkangestein gemeißelt. Tausende solcher Kunstwerke mag es gegeben haben. Die meisten sind dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Nicht wenige sind nur den Einheimischen bekannt. Und nicht wenige werden interessierten Besuchern gezeigt.

Die mysteriösen Mischwesen der Osterinsel wurden sogar von der christlichen Kunst übernommen. Man findet sie im Schnitzwerk der kleinen christlichen Kirche auf dem mysteriösen Südseeeiland! Da werden Vogel-Mensch-Kreaturen im Sinne der christlichen Religion geduldet: offenbar will die Geistlichkeit den Insulanern mit starkem »heidnischen« Hintergrund entgegenkommen. Und so tauchen alte heidnische Fabelwesen in christlichem Kontext wieder auf. Im Vordergrund steht die Statistik: Im Vordergrund steht die Zahl der Religionsanhänger der eigenen Richtung. Da stört man sich auch nicht daran, dass uraltes fremdes Glaubensgut mehr oder minder heimlich weiter zelebriert wird, auch wenn man es eigentlich als heidnisch ablehnen müsste!

Konaraks Tempelfiguren ... ein riesiges Buch in Stein! Die sexuellen Darstellungen haben, so höre ich immer wieder, einen tieferen, symbolischen Sinn. Es gehe um den göttlichen Zeugungsakt der Weltschöpfung. Wie aber sind die Mischwesen zu verstehen, die einem Horrorkabinett entsprungen zu sein scheinen? Darf man die unheimlichen Darstellungen psychologisierend interpretieren: als Darstellung von Urängsten der Menschen, die so konkretisiert wurden?

Misch- und Fabelwesen 
Oder haben wissenschaftliche Interpreten der Kunst von Konarak und anderer Tempel Angst vor der Vorstellung, dass es einst wirklich furchteinflößende Geschöpfe gegeben hat, die in der Zoologie eigentlich keinen Platz haben dürften?

Fußnoten
1 Steinmetzen und Steinmetze sind Pluralformen von Steinmetz
2 Langbein, Walter-Jörg: »Das Sphinx-Syndrom«, München 1995, Abbildungen 21 und 22
3 Karst, Josef: »Eusebius Werke«, Band 5, »Die Chronik«, Leipzig 1911. Siehe hierzu Däniken, Erich: »Die Augen der Sphinx«, München 1989. S. 68 und 69

»Monsterwesen in Konarak«,
Teil 173 der Serie Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 12.05.2013


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