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Sonntag, 4. August 2013

185 »Kannibalismus«

Teil 185 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Kolosse der Osterinsel - Foto W-J.Langbein

Auf der Osterinsel kam es vor rund einem halben Jahrtausend zu einer Katastrophe. Auslöser war die Waldzerstörung. Schon um 800, vielleicht 900 nach Christus begannen die Bewohner von Rapa Nui, ihr kleines Eiland abzuholzen. Wann fiel die letzte Palme? Wir wissen es nicht genau. Auf der Halbinsel Poike dürfte vor rund 600 Jahren schon keine Palme mehr gestanden haben.

Vor 500 Jahren, so scheint es, wurden auf Rapa Nui noch sehr viele Palmennüsse geerntet. Bald danach aber scheint es überhaupt keine Palmen mehr gegeben zu haben. 1640, das haben archäologische Studien eindeutig ergeben, gab es kein Brennholz mehr. Selbst in den Häusern der Oberschicht dienten Gestrüpp und Gräser als Brennmaterial.

Unklar ist, warum der Holzbedarf so groß war. Immer wieder bekam ich von Nachfahren der Statuenbauer zu hören, dass Holz in großen Mengen für den Transport der berühmten Osterinselkolosse gebraucht wurde. Demnach gab es, beginnend beim Steinbruch, dem Rano Raraku-Krater, ein »Schienensystem«. Zwei parallel verlaufende Kerben wurden in den Boden gegraben. In diese Kerben wurden Palmenstämme gelegt, so dass zwei hölzerne »Schienen« entstanden.

Darauf wiederum zog man – vielleicht auf hölzernen Schlitten ruhend – die Steinkolosse zu den steinernen Plattformen, zu ihren Fundamenten. »Die Wissenden fertigten eine Art Öl an, das sie auf die Holzschienen schmierten. Dadurch wurde es leichter, die Statuen auf ihren Holzschlitten zu bewegen!«, teilte mir 1992 ein altehrwürdiger Einheimischer mit.

Über Jahrhunderttausende hinweg war die Osterinsel offenbar mehr oder minder von Palmenwäldern überzogen. Gelang es dem Menschen, aus dem grünen Südseeeiland einen lebensfeindlichen Flecken in der blauen Unendlichkeit zu machen?

Vielleicht wurden die Kolosse
auf Holzschienen befördert.
Foto: W-J.Langbein
Wurden die Statuen zum Fluch von Rapa Nui? Anscheinend gab es so etwas wie einen nach und nach eskalierenden Wettstreit zwischen den zwölf »Stämmen« (1). Es galt, die größte Statue aus dem Vulkangestein zu schlagen, zu transportieren und aufzurichten. Der größte Osterinselkoloss liegt, unvollendet, im Steinbruch. Er wurde nicht mehr vollendet. Aus unbekannten Gründen wurde die Arbeit im Steinbruch scheinbar von heute auf morgen abrupt abgebrochen. Der unfertige Riese misst über zwanzig Meter in der Länge. Ob er je hätte transportiert und aufgerichtet werden können?

Führte der immer schärfer werdende Riesenkult zum Ende der Osterinselkultur? Unmengen von Holz wurden bei der Beförderung der Riesen verbraucht. Das Abholzen aber hatte für die Menschen schreckliche Konsequenzen: Es kam zur Bodenerosion. Immer mehr fruchtbarer Ackerboden verschwand. Die Landwirtschaft konnte immer weniger Nahrungsmittel erzeugen.

Ein Teufelskreis entstand: Je stärker die Osterinsel für den Statuenbau gerodet wurde, desto weniger Nahrungsmittel standen zur Verfügung. Je weniger Holz zur Verfügung stand, desto weniger Boote konnten gebaut werden. Je weniger Boote zur Verfügung standen, desto weniger Fischerei konnte betrieben werden. Dabei gab es für die Osterinsulaner zu keiner Zeit üppigen Fischfang. Raul Teave, in dessen kleiner Familienpension ich einmal wohnte, erklärte mir:

»Andere Südsee-Inseln verfügen über vorgelagerte Korallenriffe und Lagunen ... ideal für den Fischfang. Rapa Nui hat beides nicht, das erschwert die Fischerei sehr. Deshalb kam es mehr auf die Landwirtschaft an. Süßkartoffeln, Bananen und Yamswurzeln waren Hauptnahrungsmittel!«

Eine Wasserschildkröte in Ufernähe - Foto: W-J.Langbein
Raul Teave, der mir köstliche vegetarische Gerichte zauberte, glaubt nicht daran, dass es seine Vorfahren waren, die die ökologische Katastrophe auf der Osterinsel verursachten. »Sicher, das Abholzen des Waldes war unverantwortlich. Es gab aber auch klimatische Veränderungen, auf die der Mensch keinen Einfluss hatte. Und dass die Fische und Schalentiere irgendwann verschwanden, daran tragen meine Vorfahren auch keine Schuld!«

Das Abholzen der Palmen habe die Wälder reduziert, Klimaveränderungen hätten aber auch zum Verschwinden der Palmen beigetragen. Veränderungen im Bereich der Meeresströmungen mögen dafür gesorgt haben, dass es keine Fische mehr gab ... und auch keine Wasserschildkröten, die ebenfalls gefangen und verzehrt wurden.

Heute gehört die Osterinsel zu Chile. Landwirtschaft und Fischfang gibt es nur in bescheidenem Ausmaß. An abgelegenen Küstenstreifen rotten Fischerboote vor sich hin. Fast alles, was der Mensch zum Leben braucht, wird – meist aus Chile – importiert. Auch heute ist Trinkwasser auf dem Eiland eine Kostbarkeit. Im Vergleich zu anderen Südseeinseln im polynesischen Raum ist Rapa Nui geradezu regenarm. Der poröse Vulkanboden lässt zudem den Regensegen schnell versickern.

Flüsse oder auch nur Bäche gibt es auf Rapa Nui nicht. Manchmal bildet sich am Teravaka-Vulkan (mit etwa 500 Metern die höchste »Erhebung« der Osterinsel) ein kleines Rinnsal, das häufig versiegt. Drei Vulkane dominieren das Bild von Rapa Nui. Sie sammeln wie riesige Trichter Süßwasser. Am Boden ihrer Krater entstehen kleine Teiche, die meist mehr grünen Tümpeln gleichen.

Eines von vielen verrottenden Fischerbooten
Foto: W-J.Langbein
Stolz erklärte mir Raul Teave: »Vor vielen Jahrhunderten lebten meine Vorfahren mit der Natur. Sie kamen mit dem Wasser aus, hatten genug Trinkwasser. Es gab Spezialisten, die Experten auf dem Gebiet der Bewässerung und der Landwirtschaft waren. Sie konnten noch den eigentlich sehr fruchtbaren Boden von Rapa Nui nutzen und alle Menschen ernähren!« Es wurden Steingärten angelegt mit steinernen Schutzmauern, die den Wind so gut wie möglich abhielten. So trocknete der Boden nicht so schnell aus. Einige Milliarden Brocken Vulkangestein sollen einst in den Steingärten verbaut worden sein. Es müssen ganze Heere von Gärtnern und Steinexperten aktiv gewesen sein. Wann wurde die Kunst des Steingartens vergessen? Wie konnte das uralte Wissen in Vergessenheit geraten?

Mit Prof. Hans Schindler-Bellamy (1901-1982), Wien, habe ich so manches interessante Gespräch geführt. Der Archäologe: »Ähnliche Steingärten gab es in wüstenartigen Regionen Perus, aber auch in China und in Israels Negev-Wüste. Wo die Menschen in wüstenartigen Gegenden nur wenig Wasser vorfanden, dort versuchten sie, das wenige kostbare Nass so intelligent wie nur möglich zu nutzen.«

Prof. Barry Rolett, University of Hawai’i, kennt die Südsee wie kaum ein zweiter Wissenschaftler aus erster Hand. Der Archäologe wunderte sich darüber, wie verzweifelt offenbar Osterinsulaner mit gewaltigem Aufwand einzelne Taro-Pflanzen vor dem Wind schützten und wässerten.

Prof. Hans Schindler-Bellamy: »Man kann darüber streiten, ob die Umweltkatastrophe der Osterinsel allein von Menschenhand ausgelöst wurde, oder ob es Klimaveränderungen gab, auf die der Mensch keinen Einfluss hatte. Wie dem auch sei: Die Osterinsel wurde zu einem lebensfeindlichen steinernen Fleckchen im Pazifik. Die Menschen wurden von Hungerkatastrophen heimgesucht. Bedingt durch Nahrungsmangel kam es zu Krankheiten. Und als die Nahrung immer knapper wurde, kam es auf der einst so friedlichen Insel in den unendlichen Weiten des Pazifiks zum Kannibalismus. Die Menschen waren Gefangene ihrer Insel. Holz gab es keines mehr, so dass sie keine Boote oder Flöße bauen konnten, um ihrem Elend zu entgehen!«

Unklar ist, ob es im Verlauf der Geschichte von Rapa Nui eine oder mehrere Hungerepidemien gegeben hat. Kam es im Verlauf der Jahrhunderte einmal oder mehrmals zu kannibalischen Exzessen? Und war die Menschenfresserei nur Folge von Hungersnot ... oder Teil eines längst vergessenen religiösen Kults? Prof. Jared Diamond schreibt von katastrophalen Folgen, die durch das Abholzen der Palmen verursacht wurden: Bodenerosion durch Wind und Wetter. Wo der Boden nicht mehr gehalten wurde, konnte er bei Regenfall weggeschwemmt werden.(2)

Einheimische versicherten mir, dass es »vor Jahrhunderten« gelegentlich zu Schlammlawinen kam, die seit Ewigkeiten liegende Statuen verschwinden ließen, aber auch Häuser zerstörten.

Vor den Plattformen wurden Menschen gefangen gehalten.
Foto: W-J.Langbein

Prof. Jared Diamond über eine dramatische Folge der Abholzung (3): »Im weiteren Verlauf kam es zu einer Hungersnot, einem Zusammenbruch der Bevölkerung bis hin zum Kannibalismus.« Meiner Meinung nach mag es Kannibalismus zu Zeiten von Hungersnöten gegeben haben. Mag sein, dass man Menschenfleisch aß, um nicht zu verhungern. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass Kannibalismus auch Teil von religiösen Riten war. Unter dem Fundament von steinernen Plattformen wurden Menschenopfer begraben. Auf diese Weise sollte die Standfestigkeit der Kolosse auf den Plattformen gesichert werden.

Vor den wichtigsten Plattformen, aber auch unweit des Steinbruchs (Rano Raraku-Krater) gab es Häuser, in denen Gefangene auf ihren Opfertod warteten. Sie wurden erschlagen, ihr Fleisch wurde gegessen. Warum? Die Steinmetze, die die Riesenfiguren aus dem Vulkangestein meißelten, wollten die Kraft der verzehrten Menschen in sich aufnehmen. Sie glaubten, dann besonders stattliche Kolosse dem Vulkan abtrotzen zu können.

Mir wurden in einer kleinen Höhle mehrere Menschenschädel gezeigt. In die Stirn waren geheimnisvolle Zeichen geritzt worden. Die gleichen Zeichen entdeckte ich an Heiligenfiguren in der kleinen christlichen Kirche der Osterinsel ...



Fußnoten
1 Es gab etwa elf oder zwölf »Stämme«, die jeweils ein Territorium bewohnten. Jedes Stammesgebiet hatte Zugang zum Meer.
2 Diamond, Jared: »Kollaps«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011, S. 140
3 ebenda

»Das Geheimnis der Totenschädel«,
Teil 186 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 11.08.2013


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Sonntag, 13. Juni 2010

22 »Am Tor zur Südsee«

Teil 22 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fast senkrecht wächst die steinerne Monstermauer empor. Mutter Natur hat sie geschaffen, als glühend heiße Lava-Massen emporstiegen und erstarrten. Helle Flechten und grünes Moos verleihen dem grauen Lavagestein ein bizarres Aussehen. In den Lavabrei eingeschlossen wurden Felsstückchen, die heute zum Teil als Fremdkörper aus der Wand herausragen.

Man muss nahe an die wuchtige Mauer herantreten, um ihr Geheimnis zu erkennen... Es sind die Konturen einer liegenden Gestalt. Ein langes Ohr am Kopf ist auszumachen. Auge und Nase wurden ebenfalls dargestellt, so wie der Oberkörper. Offensichtlich hat man nur versucht, ein Kunstwerk zu schaffen. Das Experiment muss bereits im ersten Stadium abgebrochen worden sein.

Wichtige Fragen stellen sich: Wer hat diese bescheidenen Umrisse in das Vulkangestein gemeißelt? Wann geschah dies? Warum wurde der klägliche Versuch sofort wieder aufgegeben?


Schon vor Jahrhunderten regte die Südsee die Fantasie manches Forschers an. Längst war es zur Routine geworden, per Schiff von der alten in die neue Welt zu gelangen. Was aber lag jenseits von Amerika? Musste nicht im Westen ein weiterer Kontinent liegen?

Davon war ein gewisser Arnold Roggeveen, ein geschäftstüchtiger niederländischer Weinhändler, im ausgehenden 17. Jahrhundert felsenfest überzeugt. Und diese Landmasse wollte er entdecken. Freilich war es nicht wissenschaftlicher Entdeckergeist, der ihn motivierte. Roggeveen hoffte mit den Bewohnern Handelsabkommen schließen zu können. 1666 plante er seine Expedition ins Unbekannte. Freilich erhielt er, als er einen entsprechenden Antrag stellte, keine Genehmigung. Schon damals war die staatliche Bürokratie sehr mächtig.

Roggeveen musste unzählige Fragen beantworten und immer neue, stets »wichtige« Fragen beantworten. Als er endlich die erforderlichen Urkunden, Beglaubigungen und Einwilligungen zusammen hatte, konnte er sich das Abenteuer finanziell nicht mehr leisten. Der Kampf mit der Bürokratie hatte ihn zum armen Mann gemacht.

Erst ein halbes Jahrhundert später, nämlich am 16. Juni 1721, machte sich sein Sohn Arnold Roggeveen auf den Weg, um den ehrgeizigen Plan des Vaters zu verwirklichen. Die Expedition wurde ein kaufmännischer Misserfolg. Den erhofften Kontinent... gab es nicht. So konnten keine Handelsabkommen geschlossen werden....

Ostern 1722 »entdeckte« Arnold Roggeveen die Insel, die nach eben diesem christlichen Fest benannt wurde... die Osterinsel. Allerdings war Arnold Roggeveen wohl nicht der erste Europäer, der die mysteriöse Insel ausfindig gemacht hatte. Bereits anno 1566 wurde in spanischen Chroniken erstmals über die Entdeckung der Osterinsel durch Alvaro Mendana de Neyra berichtet. Und anno 1578 stieß der spanische Seefahrer Juan Fernandez vor der Küste Chiles im Stillen Ozean auf »ausgedehntes Festland«.

Als »Handelspartner« war die Osterinsel für Roggeveen vollkommen uninteressant. Sie war ein bedeutungsloses kleines Eiland mit eher ärmlicher Bevölkerung. Gewiss: Die stattlichen Statuen des Eilandes legten Zeugnis ab für meisterliche Steinmetzkunst. Aber mit Steinmonstern konnte man keinen Handel treiben....

In der Tat: die Osterinsel ist ein kleines Fleckchen Erde, in Gestalt eines Dreiecks von etwa 24 Kilometern Länge und 13 Kilometern Breite. Einst formten gewaltige Vulkanausbrüche auf dem Grund des Pazifiks das kleine Eiland. Und auch heute noch sind es drei Vulkane (Rano Kao, Maunga Puakatiki und Maunga Terevaka) die das Bild der Osterinsel dominieren.

Als großer Erforscher der Geheimnisse der Osterinsel gilt der Norweger Thor Heyerdahl (1914–2002). In den Jahren 1955 und 1956 erkundete er das Eiland. Seiner Überzeugung nach wurde es einst vom Westen aus besiedelt. In zwei Wellen sollen, so Heyerdahl, Menschen von Südamerika aus die kleine Insel bevölkert haben. Die Mythenwelt der Osterinsel besagt aber etwas ganz anderes. Die Annahme Heyerdahls hat sich inzwischen auch als falsch erwiesen. Dank moderner Genuntersuchungen wissen wir: die Osterinselbevölkerung kam nicht aus dem Westen, nicht aus Peru, sondern aus dem Osten. Daran hat es für die heutigen Osterinsulaner nie den geringsten Zweifel gegeben. Und genau das überliefert die Sagentradition der Osterinsel!

Raul Teave, ein stolzer Osterinsulaner, erzählte mir 1992: »Meine Vorfahren kamen vom Atlantis der Südsee. Es versank – im Westen der Osterinsel – in den Tiefen des Meeres. Make Make, der fliegende Gott, brachte die Rettung. Er flog den Priester Hau Maka zur rettenden Insel, zum Nabel der Welt. Er brachte ihn wieder zurück... und so konnten die vom Tode bedrohten Menschen evakuiert werden, auf Rapa Nui, die ›Osterinsel‹!«

Bis heute wird die Erinnerung an Make Make in den Überlieferungen der Osterinsel gepflegt und erhalten. Voller Ehrfurcht betrachten die Osterinsulaner, die sich wieder verstärkt dem alten Glauben zuwenden, die Darstellungen Make Makes. Sie wurden vor vielen Jahrhunderten in den Stein geritzt.
Für Heyerdahls Südamerika-Theroie hat Paul Teave nur ein müdes Lächeln übrig. »An diesen Unsinn hat hier niemand geglaubt! Die Überlieferungen unserer Vorfahren lassen keinen Zweifel: die Urbevölkerung stammt aus der Südsee!« Heute ist die Osterinsel von Europa und Amerika aus betrachtet... das Tor zur Südsee.

»Aber Thor Heyerdahl hat doch das Rätsel der Osterinselriesen gelöst!« wende ich ein. Paul Teave lächelt milde. Seit mehr als 50 Jahren kursieren entsprechende Berichte: Thor Heyerdahl sei es gelungen, eine Handvoll Osterinsulaner einen Osterinselriesen aus dem Vulkangestein meißeln zu lassen. Thor Heyerdahl selbst hat diese Legende ins Leben gerufen. In seinem Buch »Aku-Aku/ Das Geheimnis der Osterisel« (1) wird Heyerdahls Experiment im Bild dokumentiert. Sechs wackere Osterinsulaner schlagen auf das Vulkangestein ein. Schon kann man die Konturen eines der berühmten Osterinselriesen erkennen. Der Bildkommentar erläutert: »Eine Statue wird im Steinbruch des Vulkans ausgehauen.« Blättert man weiter, so sieht man Erstaunliches. Zwölf Osterinsulaner richten »die Figur« auf. Der Text zum Foto vermeldet: »Zwölf Mann haben sie in achtzehn Tagen mit Stangen und Steinen aufgerichtet.«

Die beiden Fotos suggerieren eindeutig: Heyerdahl hat zunächst eine Statue aus dem Fels schlagen und dann aufrichten lassen.

Fakt ist aber: Heyerdahls Experiment ist kläglich gescheitert. Und das hat Thor Heyerdahl im Text seines Buches auch keineswegs verschwiegen. So berichtet er (2), dass bei den Steinmetzen die Begeisterung rasch schwand. Bereits nach drei Tagen gaben sie auf und pflegten ihre zerschundenen, blutigen Hände.

Bis heute hält sich die Legende, es sei Heyerdahls osterinsulanischen Freunden gelungen, eine Steinstatue aus dem Vulkangestein zu schlagen, zu transportieren und aufzustellen. Das aber ist falsch. Heyerdahls Team hat nur eine eher bescheidene Kontur in die Monsterwand geschlagen... und dann aufgegeben! Es ist bei Heyerdahls gescheitertem Versuch geblieben. Auch heute – mehr als ein halbes Jahrhundert später – wartet eine Osterinselfigur im Stein darauf, befreit zu werden. Der Versuch wurde nach wenigen Tagen abgebrochen.. und bis heute nicht fortgesetzt!

Wir müssen zwischen feststehenden Fakten und Vermutungen unterscheiden. Fakt ist: Die Osterinselriesen stammen aus dem Steinruch im Ranu Raraku-Krater.

Fakt ist: Irgendwann stoppten die Steinmetzen ihre Arbeit. Von einem auf den anderen Tag blieb ihre Arbeit liegen. Deshalb findet man heute im Steinbruch Statuen in fast allen Stadien... solche, die eben erst begonnen wurden und solche, die fast schon vollendet worden sind.

Unweit des Steinbruchs fanden sich zahllose primitive Steinwerkzeuge, Faustkeile zum Beispiel. Heißt das, dass die Osterinselriesen mit diesen primitiven Werkzeugen hergestellt wurden? Erinnern wir uns: Heyerdahls Gehilfen scheiterten bei dem Versuch, mit solchen Werkzeugen eine kleine Statue aus dem Stein zu hauen.

Eine alternative Erklärung bietet sich an: Vor Jahrtausenden schufen unbekannte Künstler mit unbekannter Technologie die Statuen der Osterinsel. Damit kein Missverständnis auftaucht: Das muss keine außerirdische Technologie gewesen sein! Es mag vor Jahrtausenden auf der Osterinsel Wissende gegeben haben, die über Fähigkeiten verfügten, die wir heute sogenannten »Steinzeitmenschen« nicht mehr zutrauen!


Spekulieren wir weiter: Aus unbekannten Gründen hörten die Erschaffer der Statuen von einem Moment auf den anderen mit der Arbeit auf. Zurück blieben fertige und unvollendete Statuen. Jahrhunderte später versuchten Osterinsulaner, mit Hilfe von primitiven Steinfäustlingen die begonnen Statuen zu vollenden. Sie schlugen mit ihren primitiven Werkzeugen auf den Stein ein... und gaben bald wieder auf. Mit ihren primitiven Mitteln hätten sie Jahre benötigt, um eine einzige Staue aus dem Stein zu hauen. Um bis zu eintausend solcher Figuren herzustellen, wären wahre Arbeiterheere erforderlich gewesen.

Die Osterinsel aber war schon immer nur sehr dünn besiedelt. Arbeiterheere gab es nie. Natürlich hätten die vielen Steinmetzen auch ernährt werden müssen. Ein zweites Herr an Bauern wäre erforderlich gewesen. Eine solche Bevölkerungsdichte aber hat es nachweislich niemals auf der Osterinsel gegeben.

Spekulieren wir weiter: Die mühselige, wieder aufgenommene Arbeit im Steinbruch erbrachte (Jahrhunderte nachdem die ursprünglichen Arbeiten im Steinbruch abrupt abgebrochen worden waren) keine nennenswerten Ergebnisse... nur blutige Hände, zersplitterte und stumpfe Fäustlinge... und Frust. Man gab auf. Die nutzlosen Werkzeuge wurden achtlos weggeworfen. Mitte des 20. Jahrhunderts scheiterten Heyerdahls Gehilfen bei einem ähnlichen Versuch. Und doch gilt es als »bewiesen«, dass die Statuen mit Steinfäustlingen aus dem Vulkan gemeißelt wurden.

In grauer Vorzeit versank das Atlantis der Südsee in den Tiefen des Pazifiks. Make Make brachte die Rettung und wies den Weg zur Osterinsel. Sieben Seefahrer überprüften erst die Richtigkeit von Make Makes Rettungsplan. Sie lotsten schließlich den Exodus in die neue Heimat. Sieben Statuen, die als einzige aufs Meer hinaus blicken (nach Westen!), stellen die sieben mutigen Seeleute dar.
Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, leben wir in einer Zeit der weltumfassenden Probleme und Krisen. Länder wie Griechenland stehen vor dem Bankrott. Die Ölpest im Golf von Mexiko, ausgelöst durch die Explosion der Plattform Deepwater Horizon von BP, könnte so etwas wie ein modernes Menetekel sein. Haben wir uns schon so sehr an Katastrophenmeldungen gewöhnt, dass die Millionen und Abermillionen von Litern Öl, die ins Meer fließen, mit stoischer Gelassenheit aufgenommen werden?

Auf der Osterinsel wurden nach und nach alle Palmen gefällt. Ob damals auch kritische Stimmen zu hören waren, die vor dem Raubbau mit der Natur warnten? Wenn es sie gab, verhallten ihre Stimmen ohne Wirkung. Dabei konnte jeder erkennen, dass es bald keinen Palmenwald mehr geben würde, so überschaubar die Osterinsel ist. Die Palmen wurden trotzdem alle geschlagen. Hungersnöte waren die Folge. Fruchtbares Ackerland wurde ins Meer gespült. Es konnten keine Boote mehr gebaut werden. Fischfang war so gut wie unmöglich geworden. Auswandern konnten die Osterinsulaner auch nicht mehr. Es gab kein Entkommen mehr aus der Katastrophe.

Verhalten wir uns klüger als die Osterinsulaner? Wir sind dabei, die Grundlagen für ein Überleben der Menschheit geradezu planmäßig zu zerstören! Dabei ist unsere »Insel« Erde für uns heute ebenso überschaubar geworden, so wie es die Osterinsel einst für ihre Bewohner war.

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Fußnote 1) Thor Heyerdahl: »Aku- Aku. Das Geheimnis der Osterinsel«, Ullstein Sonderausgabe, Frankfurt 1972, Bildteil zwischen Seiten 104 und 105

Fußnote 2) ebenda, S. 93
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»Vom fliegenden Gott zu John Frum«,
Teil 23 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 20.6.2010


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