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Sonntag, 8. März 2020

529. »Adam, Eva und das Gift Gottes«

Teil 529 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Studium
altehrwürdiger Texte
Es gibt eine schier unüberschaubare Sammlung altjüdischer Texte, von denen nur ein kleiner Teil in die Bibel aufgenommen wurde. Seit vielen Jahrhunderten studieren unzählige Gelehrte die altehrwürdigen Texte. Nach weithin anerkannter Lehrmeinung der Theologie legte man zwischen 190 v.Chr. und etwa 100 n.Chr. fest, welche Texte für das Leben schlechthin wichtig sind. So entstand das »Alte Testament« als eine Sammlung »heiliger Bücher«.

Zu Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts formierte sich langsam das »Neue Testament«. Offiziell einigte man sich aber erst anno 367 auf der Synode von Laodicea auf die Festlegung. Zu dieser regionalen Synode hatten sich etwa dreißig Geistliche aus Anatolien in der heutigen Türkei versammelt.

Jetzt erst stand fest, welche Texte in die Bibel des Christentums zu gehören hatten und welche nicht. Diese Texte bezeichnet man als biblischen Kanon. Der Ausdruck geht auf das hebräische »qanä« zurück, was so viel wie »Richtschnur, Regel und Norm« bedeutet. Die frühe Kirche verstand darunter zweierlei: Die Bibel war Richtschnur für das menschliche Leben. Und der Kanon regelte, welche Texte in die Bibel gehören und welche nicht. Damit erfolgte eine Wertung: Die einen Texte wurden als heilig angesehen, die anderen nicht.

Im Judentum war das anders: Manche Texte wurden zwar nicht im Gottesdienst benutzt, gehörten aber dennoch dem Kanon an. Im Christentum wurden manche Texte auch im Gottesdienst eingesetzt, die nicht zum Kanon gehören. Als »apokryph« bezeichnet(e) man Texte, die  man aus der griechischen Übersetzung des Alten Testaments übernahm. Man schätzte sie als den Glauben unterstützende Erbauungsliteratur. Man hielt sie aber nicht für würdig genug, in den Kanon aufgenommen zu werden. Prof. Dr. Georg Fohrer (*1915; †2002), Fachbereich Altes Testament an der »Friedrich Alexander Universität Erlangen«, schlug deshalb eine Umbenennung vor (1): »Treffender könnte man sie deuterokanonische Bücher nennen, die eine Art Anhang zum Kanon bilden.« »Deuterokanon« bedeutet so viel wie »2. Kanon«.

Eine zweite Gruppe von Texten, die »Pseudepigraphen«, wurde ebenfalls nicht in den Kanon aufgenommen: Mit Recht weist Fohrer darauf hin, dass diese Bezeichnung unglücklich gewählt ist. »Pseudepigraph« bedeutet »unter anderem Verfassernamen«. Tatsächlich sind aber nicht wenige »pseudepigraphe« Texte in Wirklichkeit anonym. Das heißt: Sie laufen nicht unter einem falschen Verfassernamen, sondern es wird überhaupt kein Autor genannt.

Was den Sachverhalt kompliziert macht und die Unterscheidung zwischen »kanonisch« und »nicht kanonisch« als willkürlich erkennen lässt, das ist die fehlende Logik. Die vier Evangelien, nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes benannt, waren ursprünglich anonym. Erst nachträglich wurden sie mit den Namen der Evangelisten in Verbindung gebracht, die aber in Wirklichkeit gar nicht die Verfasser sind. Die sogenannte »Johannesapokalypse« wurde nur in den Kanon der Bibel aufgenommen, weil man Jesusjünger Johannes für den Verfasser hielt. Die vier Evangelien der Bibel sind also genauso  pseudepigraph wie etwa das »Evangelium des Pseduo-Matthäus«. Letzteres aber wurde aus welchen Gründen auch immer nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen.

Auch die »Fünf Bücher Mose« sind nach heutigem Kenntnisstand der theologischen Wissenschaft nicht von Moses selbst verfasst worden und sind demnach »pseudepigraph«. Mit anderen Worten: Was als »apokryph« bezeichnet wird, könnte aus rein formalen Gesichtspunkten genauso in der Bibel stehen wie jene Texte, die wir heute in der Bibel finden.

In altjüdischen, heiligen Texten, die leider nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden, stößt man immer wieder auf Hinweise auf seltsam und phantastisch anmutende Begegnungen zwischen Menschen und himmlischen Wesen. Paul Rießler veröffentlichte in seinem Werk (2) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« eine ganze Reihe von Texten, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden.

Der vielleicht interessanteste Text dieser wichtigen Sammlung ist nach meiner Meinung (3) »Leben Adams und Evas«. Der erhalten gebliebene, vom Christentum beeinflusste Text »Leben Adams und Evas« ist seinem Ursprung nach aber gar nicht christlich. Das Original war in hebräischer Sprache verfasst. Der von jüdischen Verfassern geschaffene Text wurde zunächst aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt und schließlich aus dem Griechischen ins Lateinische übertragen. Die heute bekannten Fassungen entstanden zum Teil schon im 3., zum Teil erst im 5. Jahrhundert n. Chr., die Originalversion in hebräischer Sprache dürfte fast zwei Jahrtausende alt sein. Bis heute wurde die Urfassung nicht entdeckt.

Foto 2: Sturz aus dem Himmel.
(Albrecht Dürer)
Nach dem Hinauswurf aus dem Paradies begann für Adam und Eva ein hartes Leben (4):» Nachdem sie aus dem Paradies vertrieben waren, erbauten sie sich eine Hütte, und sie verbrachten sieben Tage trauernd, in großer Trübsal klagend.« Das paradiesische Schlaraffenland war nur noch quälende Erinnerung. Zwei Engel, bewaffnet mit fürchterlichen Schwertern, versperrten den Rückweg (5): » Gott der HERR lagerte vor den Garten Eden die Cherubim mit dem bloßen, hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens.« Gab es denn wirklich kein Zurück mehr? Eva macht einen selbstlosen Vorschlag (6): »Und Eva sprach zu Adam: ›Mein Herr, willst du, so töte mich!

Vielleicht führt dich dann Gott, der Herr, ins Paradies zurück, ist Gott, der Herr, doch meinethalben über dich in Zorn geraten. Willst du denn nicht mich töten, daß ich sterbe? Vielleicht führt dich dann Gott, der Herr, ins Paradies; du wurdest doch von dort nur meinetwegen ausgetrieben.‹«

Adam lehnt aber ab. Er fürchtet, mit der Ermordung Evas erneut den Zorn Gottes auszulösen: »Und Adam sprach: ›Red nicht so, Eva, auf daß nicht Gott, der Herr, uns abermals verfluche! Wie könnt ich meine Hand gegen mein eigen Fleisch erheben?‹« Trotz drastischer Bußübungen bleibt der Rückweg ins Paradies für Adam und Eva versperrt.

Im Paradies hatte die Schlange nach biblischem Glauben (7) Eva nicht nur dazu verleitet, selbst von der verbotenen Frucht zu essen. Die Schlange brachte Eva auch noch dazu, Adam zum Biss in das verbotene Obst zu verleiten. Im »Leben Adams und Evas« taucht der »Satan« nicht wieder als Schlange, sondern (8) »in der Engel Lichtgestalt« auf. Und Eva (9) »gebar einen Sohn, der lichtvoll war … und er erhielt den Namen Kain«. »Engel Lichtgestalt« verweist natürlich auf den verteufelten »Luzifer«, den »Lichtbringer«. Und dass Kain »lichtvoll war«, das bringt unterschwellig zum Ausdruck, dass nicht Adam der Vater Kains war, sondern jener »Lichtbringer«, sprich Satan, der Teufel. Paul Rießler kommentiert erklärend (10): »›Lichtvoll‹ = Kain, vielleicht so genannt wegen der Anschauung, wonach Kain ein Sohn Luzifers, des ›Lichtbringers‹ war.« Und tatsächlich: Im Zohar (11) wird erklärt, dass nicht Adam, sondern Samael der Vater von Kain war. Der Zohar stellt fest: »Seine Gesichtszüge unterschieden sich von denen anderer Menschen.« Samael (deutsch: das Gift Gottes) wird im rabbinischen Judentum häufig mit Satan gleichgesetzt.

Je intensiver man sich mit dem jüdischen Schrifttum im Umfeld des »Alten Testaments« auseinandersetzt, desto deutlicher tritt hervor, dass die Bibel zum Teil recht vereinfachte Geschichten erzählt. Ich habe versucht, die himmlischen Verhältnisse besser zu verstehen und deshalb intensiv im Zohar gelesen. Ich muss aber zugeben, dass ich umso weniger verstand, je mehr Texte mir bekannt waren. Ein Beispiel sind die ominösen Elohim, die Götter, die uns immer wieder im »Alten Testament« begegnen. Im Zohar lesen wir (12), dass bestimmte (?) Engel »Elohim (Götter) genannt werden. Sie werden in der Kategorie der Götter aufgenommen, obwohl sie nicht Himmel und Erde geschaffen haben.«

Zu den Götter-Engeln oder Engel-Göttern gezählt wurden auch Uzza und Azael, und die hatten höchst menschliche Wünsche (13): »Als Uzza und Azazel von ihrer heiligen Stätte fielen, sahen sie die Töchter der Menschen, sündigten und zeugten Söhne. Dies waren Nephilim, gefallene Wesen, wie geschrieben steht: Die Nephilim, gefallene Wesen, waren auf Erden.« An anderer Stelle erfahren wir aus dem Zohar, was Rabbi Yose lehrt (14): »Dies sind Uzaza und Azael, wie bereits erwähnt, die der Heilige aus überirdischer Seligkeit herabgestoßen hat.«

Azazel (andere Schreibweise: Asasel) war einer der gefallenen Engel. Er wurde häufig mit »Satan« alias »Luzifer« in Verbindung gebracht. Das arabische Pendant zu »Asasel«, der wie Luzifer aus dem Himmel stürzte oder gestürzt wurde, war in der vorislamischen Zeit Al-Uzza, die Schutzgöttin von Mekka. Seefahrer baten sie bei Sturm um Hilfe, galt die Göttin doch als Beschützerin der Schiffe bei ihren Reisen über die Meere. Als Delphin folgte sie den Schutzbefohlenen. Der Delphin wurde vom Christentum übernommen: aus dem Retter von Schiffbrüchigen wurde Christus, der Retter der Seelen. Heilige Symbole scheinen uralt zu sein.

Der schwarze Stein in der Kaaba zu Mekka gehörte ihr. Priesterinnen huldigten der Göttin bis der Islam kam. Al-Uzza erschien wie Venus am Morgen. Sie war Teil einer weiblichen Triade, gemeinsam mit Manat, dem Abendstern, und Al-Lat, dem Mond.

Wo der Zohar Namen nennt, bleibt das »Alte Testament« anonym, erzählt aber die gleiche Geschichte (15): »Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten. Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn er ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre. Es waren Riesen zu den Zeiten und auch danach noch auf Erden. Denn als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.«

Foto 3: Vom Himmel hinab! Peter Paul Rubens
Von der Bibel zu den mysteriösen »Qum Ran Texten«, die über Jahrzehnte hinweg der Öffentlichkeit vorenthalten wurden! Im »Buch Henoch der Riesen« (16) wird auf »himmlische Wesen« hingewiesen, die mit »irdischen Töchtern« höchst intim verkehrten und Nachwuchs erzeugten, nämlich die »Nephilim«, die Riesen.

Ein weiterer »Qum Ran Text« (17) spricht konkret vom »Wagen der Herrlichkeit«, erwähnt einen »Streitwagen der Herrlichkeit mit Scharen von Radengeln«. In einem weiteren Text (18) wird Henochs »himmlisches Wissen über die himmlischen Sphären und ihre Wege« gelobt. Kein Wunder: Wie wir aus dem 1. Buch Moses (19) wissen, wandelte Henoch mit den Göttern der Vorzeit. Er starb auch keines natürlichen Todes auf Erden. Er wurde vielmehr ins All »entrückt«.

Ins All reiste, wieder in einem »Qum Ran Text« beschrieben, auch Michael. Da gibt es einen kurzen, höchst interessanten Text. Robert H. Eisenman (* 1937),  US-amerikanischer Archäologe, ist Professor für die Religion und Archäologie des Nahen Ostens und Direktor des »Instituts für die Erforschung der frühen jüdisch-christlichen und islamischen Geschichte« an der California State University, Long Beach. Eisenman gilt als Qumran-Fachmann. Wer sich gründlich mit den Texten von Qumran auseinandersetzen möchte, sei auf sein Werk »Jesus und die Urchristen« (20) verwiesen. Prof. Eisenman geht auf ein kurzes Textfragment ein (4 Q 529). Er schreibt (21):

»Dieser Text, den man auch ›Die Vision des Michael‹ überschreiben könnte, gehört eindeutig zur Literatur der Himmelfahrts- und Visionserzählungen.«. Schließlich zitiert Prof. Eisenman die Übersetzung des Fragments (22): »Die Worte aus dem Buch, die Michal zu den Engeln Gottes sprach, nachdem er zu den Höchsten Himmeln aufgefahren war. Er sagte:›Ich fand Scharen von Feuer dort.‹«

Sehr interessant ist ein weiteres Textfragment (4Q385-389), dem Prof. Eisenman ein eigenes Kapitel widmet (23): »Deutero-Hesekiel«. Offensichtlich ist der Text nur bruchstückhaft erhalten. Da taucht im wahrsten Sinne des Wortes Hesekiel auf (24): »Die Vision, die Hesekiel sah… ein Strahl eines Wagens…« Und weiter lesen wir (25):  »Rad mit Rad verbunden, während sie gingen, und von den beiden Seiten der Räder kamen Ströme von Feuer, und in dern Mitte der Kohlen waren lebende Wesen, wie Kohlen im Feuer, Lampen sozusagen in der Mitte der Räder und der lebenden Gestalten. Über ihren Köpfen war ein Firmament, welches wie das schreckliche Eis aussah. Und über dem Firmament kam ein Laut..«
  
Fußnoten
(1) Fohrer, Georg: »Das Alte Testament«, Gütersloh 1969, S. 10
(2) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928
Eine minimal, wirklich nur marginal abweichende Übersetzung bietet Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900, Seiten 510-528
(3) Ebenda, Seiten 668-681
(4) Ebenda, Seite 668, §1
(5) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 23+24
(6) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 668, §3
(7) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Verse 1-7
(8) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 669, §9
(9) Ebenda, Seite 673, §21 Zeile 11 und §22 Zeile 1
(10) Ebenda, Seite 1311, 6.-4. Zeile von unten
(11) »The Zohar: Pritzger Edition«, Band I, Stanford, Kalifornien, 2004, Seitze 234, 4.+5.- Zeile von oben
(12) Ebenda, Seite 63, 3.-6. Zeile von oben (»They are included in the category of gods, though they did not make heaven and earth.«)
(13) Ebenda, Seite 233, Zeilen 13+14 von oben und Seite 234, Zeilen 1+2 von oben: »When Uzza an Azazel fell from their holy site above, they saw the daughters of human beings, sinned and engendered sons. These were nefilim, fallen beings, as is written: The nefilim, fallen beings, were on earth.« (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(14) Ebenda, Seite 330, rechte Spalte oben, Zeieln 1-4: »These are Uzaza and Azael, as has been stated, cast down by the blessed Holy One from supernal samnctity.« (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(15) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(16) Textbezeichnung 4 Q 532
(17) Textbezeichnung 4 Q 286/287
(18) Textbezeichnung 4 Q 227
(19) 1. Buch Mose, Kapitel 5, Vers 24
(20) Eisenman, Robert und Wise Michael: »Jesus und die Urchristen/ Die Qumran-Rollen entschlüsselt.«, 2. Auflage, München 1993
(21) Ebenda, S. 43, 20.-18. Zeile von unten
(22) Ebenda, Seite 45, Mitte
(23) Ebenda, Seiten 65-70
(24) Ebenda, Seite 68, 14. Zeile von unten
(25) Ebenda, 6.-1. Zeile von unten


Zu den Fotos
Foto 1: Studium altehrwürdiger Texte (Ein Haggadah-Manuskript), ca. 1425. wiki commons
Foto 2: Sturz aus dem Himmel. Albrecht Dürer, etwa 1500. wiki commons
Foto 3: Vom Himmel hinab! Peter Paul Rubens um 1630. wiki commons

530. »Nicht eines Menschen Atem«,
Teil 530 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. März 2020




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Samstag, 23. Dezember 2017

414 »Untergeordnete Gottheiten und der Weltraumprofessor«

Teil  414 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Jakob  von Rembrandt
»Wir sollten nur danach trachten, die Menschen zum Nachdenken anzuregen, nicht sie zu überzeugen.« Dieses kluge Wort wird dem Maler, Grafiker und Bildhauer Georges Braque (*1882,†1963), einem der Mitbegründer des Kubismus, zugeschrieben.

Mit meiner ausführlichen Recherche in Sachen »Jakobs Himmelsleiter« möchte ich auch nur zum Nachdenken anregen und niemanden auf Teufel komm raus von (m)einer Interpretation überzeugen. Es wird sich aber zeigen, dass eine fantastische Interpretation in Richtung Prä-Astronautik zumindest möglich ist.

Was Jakob im Traum wiederfuhr, es mutet mysteriös an. Aber was sagte kein Geringerer als Albert Einstein (*1879,†1955)? »Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.« Mag sein, dass der biblische Jakob etwas erlebte, was ihm so fantastisch vorkam, dass er es nur als Traum akzeptieren konnte. 

Was aber könnte dem biblischen Jakob vor fast vier Jahrtausenden widerfahren sein? Wie müssen wir die Geschichte von den Engeln, die via Leiter aus dem Himmel zur Erde herab steigen und aus unseren niederen irdischen Gefilden wieder in den Himmel gelangen?

Gibt es eine technische Interpretation im Sinne der Präastronautik? Die Geschichte von der »Himmelsleiter« beschreibt ja die Verbindung zwischen Himmel und Erde via »Leiter«. »Engel« kommen aus dem Himmel zur Erde und kehren von der Erde in den Himmel zurück. Darf man bei einem biblischen Bericht über »Reisen« zwischen Himmel und Erde an vorgeschichtliche Astronauten denken, die zwischen Himmel und Erde denken? Prof. Georg Fohrer (*1915,†2002) war »ordentlicher Professor für Alttestamentliche Wissenschaft« in Erlangen.

Foto 2: Jakobs Leiter
Ich habe manche Vorlesung bei Prof. Fohrer besucht, an einigen seiner Seminare teilgenommen. Je näher seine Emeritierung 1979 rückte, desto offener wurde der Gelehrte auch für »Randfragen«. Mehrfach haben wir uns über das Thema der »Engel« im »Alten Testament« unterhalten. Prof. Oberth gab mir schließlich zu verstehen, dass seiner Ansicht nach »Engel« ihren Ursprung außerhalb des Judentums hatten. Sie waren, so Prof. Fohrer, ursprünglich »untergeordnete Götter«, die als »Engel« Eingang in die Schriften des »Alten Testaments« fanden.

Was haben wir uns unter »untergeordneten Gottheiten« vorzustellen, die zwischen Himmel und Erde pendelten? Martin Heinrich schlug eine präastronautische Lösung vor, verfasste ein sachkundiges Werk zum spannenden Thema: »Jakobs Himmelsleiter war ein Weltraumlift« (1). Ich erfuhr vor vielen Jahren zum ersten Mal vom »Projekt Weltraumlift«. Und zwar von Hermann Oberth. Prof. Dr. Dr.-Ing. Hermann Oberth (*1894,†1989) wird mit Fug und Recht als »Vater der modernen Raumfahrt« bezeichnet. Jules Vernes utopischer Roman »Die Reise zum Mond« war es, die den Gymnasiasten Hermann Oberth mit dem »Utopie-Bazillus« infizierte. Schon als Schüler tüftelte er an Experimenten, versuchte zum Beispiel Schwerelosigkeit zu simulieren: in der Badeanstalt. Er suchte nach realistischen Möglichkeiten, Menschen zum Mond und zurück zu bringen. Mit 14 Jahren entwarf Hermann Oberth bereits eine Rakete. Expandierende Gase sollten sie ins Weltall befördern.

1923 erschien sein bahnbrechendes Buch »Die Rakete zu den Planetenräumen«. Als Doktorarbeit war seine Abhandlung abgelehnt worden. 1929 erlebte Hermann Oberth auf dem »Raketenplatz Berlin« einen ersten Triumph: Sein Raketenmotor funktionierte. Studenten der »Technischen Universität« halfen ihm bei dem Experiment. Darunter befand sich Wernher von Braun (*1912,†1977) der auch als führender Mann bei der NASA nie seinen Lehrer Hermann Oberth vergaß.

Foto 3: Im Gespräch mit Prof. Hermann Oberth, März 1983

1969 saß der »Vater der Weltraumfahrt« beim Start von Apollo 11 zur ersten bemannten Expedition zum Mond auf der Ehrentribüne im »Kennedy Space Center«, Florida. Bereits 1922 hatte er in Heidelberg seine Abhandlung »Die Rakete zu den Planetenräumen« als Doktorarbeit eingereicht. Sie wurde abgelehnt. Hermann Oberth im Gespräch mit dem Verfasser: »Ein Professor aus Heidelberg meinte damals, derlei Pläne für Raumflüge zum Mond und darüber hinaus würden vielleicht in ferner Zukunft, in den letzten Tagen der Menschheit verwirklicht werden.«

Gern denke ich an so manchen Nachmittag zurück, den ich mit Prof. Oberth in seinem bescheidenen Domizil in Feucht bei Nürnberg verbringen durfte. So manche Stunde durfte ich dem »Vater der Weltraumfahrt« helfen, Briefe und Dokumente zu sortieren, zu archivieren. Hermann Oberth, dessen warmherzige Ausstrahlung mich von Anfang an faszinierte, geriet ins Schwärmen, wenn er von seinen frühesten Experimenten in Sachen Schwerkraft erzählte. Sie brachten ihm, als er noch Gymnasiast war, den Spitznamen »Mondoberth« ein. Für mich sind die Erinnerungen an Begegnungen mit diesem großen Menschen die schönsten, die ich nicht missen möchte. Hermann Oberth war Zeit seines Lebens von Raketen fasziniert, suchte aber auch nach Alternativen.

Fotos 4 und 5:  Jakobs Himmelsleiter. 

Bereits 1954 legte Oberth sein Werk »Menschen im Weltraum – Neue Projekte für Raketen- und Raumfahrt« (2) vor. Er dachte schon damals sehr konkret darüber nach, wie man andere Planeten unseres Sonnensystems für Menschen bewohnbar machen kann. Und das lange bevor der Begriff »Terraforming« geschaffen wurde. Er entwickelte Pläne für interstellare Raumfahrt mit gigantischen »Siedlungen im Weltraum«. Oberth berechnete riesige Weltraumstädte in Walzen- oder Radform, in denen eine künstliche Schwerkraft erzeugt werden kann, so dass der Mensch ohne Probleme der Schwerelosigkeit die Weiten des Universums erforschen würde. Hermann Oberth legte nicht nur den Grundstein der heutigen Raumfahrttechnologie. Er blickte als echter wissenschaftlicher Visionär in die Zukunft. Seine wohl kühnste Vision klingt heute, ein halbes Jahrhundert nachdem Hermann Oberth sie entwarf, reichlich utopisch. Hermann Oberth in »Menschen im Weltraum« (4):

Foto 6: Menschen im Weltraum
»Trotzdem könnte man sich vorstellen, dass Menschen ferne, unbekannte Planeten anderer Sonnen erreichen. Sie würden sich in Wohnwalzen als auf sich selbst gestellte Gemeinschaften auf den ungeheuer weiten Weg machen und nach Tausenden von Jahren ans Ziel kommen. Gewaltige, mehrschichtige Meteordämpfer an der Stirnseite der durch den Raum rasenden Wohnwalze würden für Sicherheit sorgen. 

Am Ziel würden die Nachfahren der einst von der Erde ausgezogenen Menschen neue Planeten erforschen und für ihre Nachkommen erschließen. Die Erinnerung an die alte Erde, die für sie in den Tiefen des Weltraumes versunken sein würde, wäre nur noch schwach und unwirklich, und die auf Mikrofilme und Tonbänder gebannte Geschichte der irdischen Menschheit klänge diesen Weltraumfahrern nicht anders als ein geheimnisvolles Märchen aus dem Reich der Toten.«


Hermann Oberth war davon überzeugt, dass wirkliche »Raumfahrt«, die diesen Namen auch verdient, möglich ist. Er sah den Bau von gigantischen Weltraumstädten als durchführbar an und suchte nach Alternativen zum Raketenantrieb. »Wenn man eine gewaltige Weltraumstadt auf der Erde baut, benötigt man unvorstellbare Mengen an Energie, um sie ins All zu bringen.«, so sagte er zu mir. Einzige Möglichkeit: Die Weltraumhabitate werden nicht auf der Erde gebaut, sondern im All. Wie aber bringt man das Material ins All?

Foto 7: Handschriftliche Widmung Oberths

Prof. Oberth arbeitete an einem »Windkraftwerk«, (5) das in sehr großer Höhe über dem Erdboden Strom gewinnen und zur Erde leiten sollte. Er verlor nie die praktische Seite aus den Augen. Ein »Seil« würde Windkraftwerk mit dem Erdboden verbinden. Techniker würden in »Gondeln« zum Windkraftwerk fahren, etwa um Wartungsarbeiten zu verrichten. Und sie würden auf diesem Wege wieder zum Erdboden zurück fahren. Mit leuchtenden Augen schilderte mir Prof. Oberth die »Steigerung«.

Er dachte an einen kleinen Himmelskörper, etwa einen Asteroiden als »Endpunkt« eines »Lastenaufzugs«. Mit einer solchen »Vorrichtung« könne man gewaltige Materialmengen in den Weltraum schaffen, und das mit einem sehr viel kleineren Energieaufwand. Raketen, so Oberth, können das auch. Raketen würden die Lasten sehr viel schneller ins All schaffen können als so ein »Lastenaufzug«, aber enormen Mengen an Treibstoff verbrauchen. Der »Aufzug« ins All sei natürlich sehr viel langsamer, aber auch sehr viel sparsamer im Energieverbrauch.

Die »Himmelsleiter« ist im Prinzip so eine Art »Weltraumlift für Arme«. Die »Engel« - »untergeordnete Götter«! -  werden aber nicht in Gondeln vom Himmel auf die Erde und retour geschafft, sie müssen mühsam eine Leiter nutzen, sprich Sprosse für Sprosse hinunter und hinauf steigen. Beschreibt der biblische Text einen »Weltraumlift« als »Leiter«? Kannte der Verfasser so ein energiesparendes Bauwerk? Ich habe da meine Zweifel! So ein Weltraumaufzug hätte mit einer Leiter wenig gemeinsam, wäre technisch enorm aufwändig und von gewaltigen Proportionen. Ich kann man nicht vorstellen, dass so ein Weltwunder der Baukunst und der Technologie spurlos verschwinden würde.

Wahrscheinlicher ist, dass es sich bei der »Jakobsleiter« um Teil eines »Stargates« gehandelt hat. Die »Leiter« führte zum Übergang in andere Welten, andere Dimensionen. Ein solcher Übergang muss für die Menschen zu biblischen Zeiten eine Stätte des Schreckens gewesen sein, ein göttliches Wunder, das sie nicht verstehen konnten. 

Im März des Jahres 1983 besuchte ich Prof. Oberth zum letzten Mal in seinem Haus in Feucht bei Nürnberg. Wir unterhielten uns lange. Schließlich durfte ich Prof. Oberth ausführlich interviewen. Zum Abschluss fragte ich den greisen Gelehrten: »Herr Professor, diese Macht der Kirche zu bestimmen, was Wissenschaftler lehren dürfen und was nicht... ist vorbei. Verhalten sich aber nicht auch Wissenschaftler ebenso autoritär wie die Kirchenvertreter von einst?«

Fotos 8 und 9: Bibel Illustration um 1875

Hermann Oberth antwortete: »Aber ja! Das war so, ist zum Teil auch noch so. Viele Wissenschaftler verhalten sich dem Wissen gegenüber wie eine gestopfte Gans gegenüber dem Futter. Nur um Gottes willen nicht noch mehr. Das war so, schon immer!« Ich fragte nach: »Wird es auch immer so bleiben?« Hermann Oberth antwortete: »Ich möchte nicht immer sagen.«

Foto 10: Oberths Abhandlung  »Drachenkraftwerk«.
Fußnoten
1) Heinrich, Martin: »Jakobs Himmelsleiter war ein Weltraumlift«, 
Hanau 2012. Mir liegt das eBook der interessanten Publikation vor.
2) Oberth, Hermann: »Menschen im Weltraum/ Neue Projekte 

für Raketen- und Raumfahrt«, 4. Auflage, Düsseldorf 1963
3) ebenda, S. 198
4) ebenda, S. 201
5) Oberth, Hermann: »Das Drachenkraftwerk/ Neue Vorschläge 

für Windkraftwerke, die von prallgefüllten drachenähnlichen 
Ballons getragen werden als Alternative zu luftverschmutzenden – und Atomkraftwerken«, Feucht o.J. (Foto 8)

Zu den Fotos:
Foto 1: Jakob in einem Gemälde von Rembrandt.
Foto 2: Jakobs Leiter, mittelalterliche Bibelillustration.
Foto 3: Im Gespräch mit Prof. Hermann Oberth, März 1983.
Fotos 4 und 5:  Jakobs Himmelsleiter.  Kupferstich von Martin Tyroff nach Johann Melchior 1731
Foto 6: Oberths Menschen im Weltraum.
Foto 7: Handschriftliche Widmung Oberths für den Verfasser.
Foto 8: Oberths Abhandlung zum »Drachenkraftwerk«.
Fotos 8 und 9: Bibel Illustration um 1875.
Foto 10: Oberths Abhandlung zum »Drachenkraftwerk«.

415 »Wie schaurig ist dieses Stätte!«,
Teil  415 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.12.2017



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