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Sonntag, 1. Januar 2017

363 »Übergang zur Anderswelt«

Teil  363 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Im Vordergrund die Kaiserpfalz, im Hintergrund der Dom

Nur ein paar Schritte vom Eingang der »Bartholomäus-Kapelle« geht’s zum Eingang des Museums in der Kaiserpfalz. Hier hat Sachsenschlächter Karl der Große anno 776 einen Palast errichten lassen. Eine kräftig sprudelnde Wasserquelle bezog der Herrscher bei seinem Bauvorhaben natürlich mit ein. So war die Versorgung mit frischem Trinkwasser gewährleistet. Auf eine Kirche wollte der fromme Machtmensch nicht verzichten. So entstand neben dem weltlichen Palast ein relativ kleines Gotteshaus (Grundfläche 9 Meter x 20 Meter).

Karl der Große hasste Heidentum in jeder Form. Dem Machtpolitiker war klar, dass er rebellische Stämme am besten und wirkungsvollsten unterwerfen konnte, wenn er sie zur Aufgabe ihres alten Glaubens und zur Übernahme des christlichen Glaubens zwang. Ein schmerzhafter Dorn im Auge dürfte dem Regenten die Verehrung einer heiligen Quelle zu Paderborn gewesen sein. So vermerkte Georg Buschan in seinem Werk »Altgermanische Überlieferungen in Kult und Brauchtum der Deutschen« (1):

»Es wurde bereits an anderer Stelle erwähnt, daß in der Vorzeit Quellen mit der Verehrung von heiligen Pferden  in Verbindung standen. Eine solche heilige Quelle hat in germanischer Vorzeit auf dem Grund und Boden bestanden, wo der heutige Dom von Paderborn erbaut wurde. Die geschichtliche Überlieferung berichtet, daß Karl der Große diesen an der gleichen Stelle habe erbauen lassen, an der ein heidnisches Heiligtum gestanden habe, und die Legende fügt hinzu, daß unter ihm 500 Quellen entsprungen seien. Noch heute besteht als Erinnerung an den altgermanischen Kult der Brauch, daß die Fuhrleute ihre Pferde in die dortige Quelle, aus der seinerzeit Wodans heilige Rosse getränkt wurden, ziehen, da diese die wunderbare Eigenschaft besitzen soll, die Sehnen der Tiere zu stärken.«

Fotos 2 und 3: Interessante Führer zum Museum in der Kaiserpfalz

1964 wurden Spuren der alten Kaiserpfalz wieder entdeckt. Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe machten eine sensationelle Entdeckung. Unter meterhohem Schutt traten bei ihren Ausgrabungen große Teile der Kelleranlagen zutage. Und nicht nur das: Die über viele Jahrhunderte verschüttete Quelle konnte wiederbelebt werden.  Zu Zeiten Karls des Großen, also Ende des 8. Jahrhunderts, sprudelte sie wohl noch im Freien.

Im Jahr 1000 wütete ein Brand in Paderborn. Auch Karls Prachtbau wurde zerstört. Fünf Jahre später war es Bischof Meinwerk, der eine neue Pfalz bauen ließ. Im 13. Jahrhundert war der Palast baufällig, wurde wohl aufgegeben und stürzte irgendwann ein. Die Quelle verschwand unter Schutt und Trümmern. Sie versiegte. Heute sprudelt sie wieder die einst heilige Quelle – im Keller unter dem beeindruckenden »Museum in der Kaiserpfalz«.

Foto 4: Blick in die Bartholomäus-Kapelle

Es lohnt sich, das Museum neben der Bartholomäus-Kapelle zu besuchen. Wer nicht genügend Zeit für die zahlreichen Ausstellungsstücke hat, der sollte unbedingt in den Keller unter der Kaiserpfalz steigen. Er misst zehn mal sieben Meter. In der Mitte steht ein mächtiger Pfeiler. Eine Tür führte in einen angrenzenden Raum. Hier unten, unter der Pfalz, unter dem Niveau des Doms, kann man immer noch die Verehrung heiliger Quellen erahnen, ja erfühlen. Die stetig sprudelnde Quelle füllt die mysteriöse Unterwelt mit Wasser. Bis zu einer Höhe von eineinhalb Metern steht es im unterirdischen Gewölbe. Dezente Scheinwerfer unter der Wasseroberfläche lassen es in geheimnisvollem Türkis schimmern. Dabei ist es glasklar. Trinken sollte man es freilich in unseren Tagen nicht mehr. Wenn es draußen anhaltend regnet, dann führt das Quellwasser schlammige Anteile mit. Muffigen Geruch hatte ich erwartet, aber nicht angetroffen. Das Quellwasser steht aber auch nicht, es fließt aus dem Keller durch eine Maueröffnung ins Paderquellgebiet.

Foto 5: Treppe in die Unterwelt

Es lohnt sich, zunächst eine Treppe hinab in die »Unterwelt« zu steigen, dann einem schmalen Gang zu folgen. Und plötzlich steht man auf einem schmalen Vorsprung und blickt in den Quellkeller. Die Atmosphäre ist nicht wirklich zutreffend zu beschreiben. Karl der Große hat vermutlich vor mehr als 1200 Jahren aus dieser Quelle getrunken. Dabei dürfte es Karl nicht vordergründig um frisches Wasser gegangen sein. Er wollte vielmehr ein altes Quellheiligtum zur Wasserversorgung umfunktionieren. Wo einst – und wohl noch zu Karls Zeiten – Heiden kultische Handlungen verrichteten, entstand ein christliches Zentrum: die Pfalz des christlichen Herrschers nebst Kapelle und Kirche. Wasser spielte beim Bau von Kirchen und Klöstern immer eine wichtige Rolle (2).

Foto 6: Hier geht's zum Quellkeller

Priester wie Klosterbrüder wollten ja auch trinken. In vorchristlichen Zeiten freilich hatten Quellen eine tiefere, sprich religiöse Bedeutung. Heilige Göttinnen spendeten Wasser. Quellen waren Geschenke der Göttinnen und Göttinnen wurden in Quellheiligtümern verehrt. Die Archäologin Marija Gimbutas kommt zur Erkenntnis, dass die Heiligkeit lebenspendenden Wassers bereits in vorgeschichtlichen Zeiten für die Menschen fester Bestandteil ihres »heidnischen« Glaubens war. Gibutjas schreibt (3): »Die Mythen um Brunnen und warme Quellen lassen sich nicht vom Kult der lebenspendenden Göttin trennen. In der griechischen, römischen, keltischen und baltischen Überlieferung ist immer wieder von Göttinnen und Nymphen die Rede, die mit bestimmten Flüssen, Quellen und Brunnen in Verbindung stehen.«

Heidnische Quellheiligtümer wurden christianisiert, sprich überbaut. Alte Überlieferungen deuten darauf hin, dass die Quellen von Paderborn schon in vorchristlichen Zeiten von religiöser Bedeutung waren. Der Dom von Paderborn wurde auf derlei heilige Quellen gebaut. Und eine der Heiligen Quellen sprudelt noch heute im Keller der Pfalz beim Dom zu Paderborn. Just dort kam ich mit einem alten katholischen Geistlichen ins Gespräch, der mir bei einigen meiner zahlreichen Besuche der mysteriösen Stätten von Paderborn schon mehrfach begegnet war. »Haben Sie nicht neulich in der Krypta des Doms fotografiert?«, wollte der freundliche alte Herr von mir wissen. Ich bejahte. »Was interessiert Sie denn so besonders in der Krypta?«

Foto 7: Im Gewölbe des Quellkellers

Nach kurzem Zögern antwortete ich: »Die seltsamen Schnitzwerke an den Bankenden!« Der Geistliche riet mir: »Besuchen Sie doch auch die Krypta in der Abdinghof-Kirche«. Die sei ungefähr so alt wie der Dom. Und auch da gebe es an steinernen Säulenkapitellen ganz ähnliche Darstellungen. »Einige der Darstellungen erinnern doch sehr an Drachen!«, trug ich kundig vor. »Aber was haben diese Fabelwesen mit christlichen Gotteshäusern zu tun?« Erstaunliches sollte ich aus dem Mund des geistlichen erfahren. »Thales aus Milet (4) behauptete, Ursprung und Ende des Alls sei das Wasser. Wächter des Wassers waren die Drachen! Das ist altes heidnisches Glaubensgut, das zu Zeiten von Karl dem Großen keineswegs vergessen war! In der Krypta der Abdinghofkirche finden Sie Darstellungen von diesen Drachen!«


Fotos 8 und 9: Geheimnisvolle »Unterwelt«
Wasser, so der Geistliche, sei ein universales »Sinnbild« für die Göttin. Die Urgöttin habe alles aus sich hervorgebracht, habe alles geboren. »Das ›Wasser‹ steht für die ›Urmutter‹, aus der alles hervorgeht. Drachen hüten das Geheimnis des Wassers…« Joseph Campbell (1904-1987) schreibt im ersten Band seines monumentalen Werkes (5) über »Die Masken Gottes« (6): »Das Wasser überträgt die Kraft der Göttin; aber gleichermaßen ist sie es, die das Geheimnis des Wassers personifiziert, das Wasser der Geburt und der Auflösung – sei es des Einzelnen oder des Weltalls.«

Barbara Hutzl-Ronge, 1963 in Österreich geboren, lebt als freischaffende Autorin in Zürich. Sie gilt als eine der profundesten Kennerinnen alpiner Sagen, christlicher Legenden sowie vorchristlicher Mythen und Symbole. Sie hat sich intensiv mit der mythologischen Bedeutung von Quellen auseinandergesetzt und ein fundamentales Werk zur spannenden Thematik verfasst (7), betitelt »Quellgöttinnen, Flußheilige, Meerfrauen«. Sie schreibt (8): »Die Verehrung von Quellen kommt bei den KeltInnen besondere Bedeutung zu. Wie andere Völker auch verehrten die KeltInnen Göttinnen aus Dank für das kostbare Wasser. Darüber hinaus waren sie überzeugt, Quellen stellten den Übergang und somit die wichtigste Kontaktstelle zur Anderswelt dar. Die Quellverehrung läßt sich in keltisch besiedeltem Gebiet bis in frühgeschichtliche Zeit belegen.«

Foto 10: Geheimnisvoll leuchtet das Wasser

Unzählige Heiligenlegenden berichten, wie zum Beispiel die drei heiligen Jungfrauen auf wundersame Weise in Zeiten schrecklicher Dürre erquickendes Wasser aus der Erde sprudeln lassen (9). Karl Weinhold merkt sachkundig an (10): »Wo ein kirchliches Wunder das Wasser hervorruft, tritt die Naturmythe ganz zurück.« Die einst hochverehrten Quellgöttinnen wurden von der theologischen Obrigkeit nicht mehr geduldet. Da sie sich nicht einfach per Dekret aus dem Volksglauben verbannen ließen, wurden sie degradiert (11): »Sie wurden zu Truden und Hexen herabgedrückt, die ihre Versammlungen an den Quellen halten. Oder gar … zu schwarzen Heiden.«

Im kryptaartigen Quellkeller  mit seinen Gewölben, die sich im Wasser spiegeln, würden unsere keltischen Vorfahren so etwas wie einen Übergang in jenseitige Welten sehen. Auf mich machte die Stätte einen mystisch-geheimnisvollen Eindruck, den ich nicht in Worte kleiden kann. Dort unten würde es mich nicht übermäßig wundern, wenn ich plötzlich einem leibhaftigen lebenden Zeitgenossen Karls des Großen gegenüberstünde. Der Raum regt zum Nachdenken wie zum Träumen an.

Foto 11: Aus dieser Quelle trank Karl der Große

Die Ausführungen des alten Herrn im Quellkeller unter dem Kaiserpalast waren alles andere als typisch christlich, also recht interessant. So machte ich mich im Keller der Abdinghofkirche auf die Suche nach Drachen. Es dauerte etwas, denn die Lichtverhältnisse sind bescheiden. Ich wurde aber trotzdem fündig: in verschiedene Säulenkapitelle wurden sie von unbekannten Künstlern eingeschnitzt. Die »Drachen« sind nicht wirklich dreidimensional gestaltet, sie sind flach und erinnern mich an die Scharrbilder Englands. Auch da wurden einst Drachenbilder – allerdings riesengroß – geschaffen. Man hat Gras und Erdreich abgetragen bis man darunter auf weißen Kalkstein stieß und so wurden Konturen von Riesen, Pferden und auch Drachen sichtbar. Die »Drachen« von Paderborn wie jene aus Südengland wirken stilisiert.


Foto 12: Drache oder Pferd?

Die Riesendrachen von England erinnern manchmal an Pferde. Das mag daran liegen, dass die Riesenbilder im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder überarbeitet wurden. Waren es Kelten, die stilisierte Drachen in Riesengröße in den Boden scharrten? Hatten die Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche keltische Vorbilder?


Fußnoten
1) Buschan, Georg: »Altgermanische Überlieferungen in Kult und Brauchtum der Deutschen«, München 1936, S.114, Zeilen 4-16 von oben
2) Legler, Rolf: »Tempel des Wassers/ Brunnen und Brunnenhäuser in den
Klöstern Europas«, Stuttgart 2005
3) Gimbutjas, Marija: »Die Sprache der Göttin«, 2. Auflage, Frankfurt 1996, S. 43
4) Thales von Milet, * um 624 v. Chr.; † um 547 v. Chr.
5) Campbell, Joseph: »Die Masken Gottes«, 4 Bände, München 1996
6) Campbell, Joseph: »Mythologie der Urvölker/ Die Masken Gottes«, Basel 1991, Seite 82, Zeilen 1-3 von unten
7) Hutzl-Ronge, Barbara: »Quellgöttinnen, Flußheilige, Meerfrauen«, München 
     2002
8) ebenda, Seite 32 ganz oben, 1 Druckfehler wurde korrigiert, ansonsten habe ich die Rechtschreibung unverändert übernommen, also nicht der Rechtschreibreform angepasst. So blieb das altehrwürdige ß erhalten.
9) Göttner-Abendroth, Heide (Hrsg.): »Mythologische Landschaft Deutschland«,
     Bern 1999, Weinhold, Karl: »Die Verehrung der Quellen«, Seiten 14-36
10) ebenda, Seite 15, Zeilen 21 und 20 von unten
11) ebenda, Seite 19, Zeilen 8-6 von unten

Foto 13: Der Legende nach steht der Dom auf einer Heiligen Quelle

Zur weiterführenden Lektüre empfohlen:

Wolfgang Bauer, Wolfgang und Sergius Golowin, Golowin: »Heilige Quellen,
     Heilende Brunnen«, Saarbrücken 2009
Göttner-Abendroth, Heide: »Mythologische Landschaft Deutschland«, Bern
     1999
Muthmann, Friedrich: »Mutter und Quelle. Studien zur Quellenverehrung im
     Altertum und im Mittelalter«, Basel  und Mainz 1975
Näsström, Britt-Marie und Teegen, Wolf-Rüdiger: »Quellheiligtümer und
     Quellkult«, erschienen in: »Reallexikon der Germanischen Altertumskunde«, 2.
     Auflage., Band 24, S. 15–29 Berlin und New York 2003

Foto 14: Blick zum Dom, bei Regen.

Zu den Fotos

Foto 1: Im Vordergrund die Kaiserpfalz, im Hintergrund der Dom. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2 und 3: Interessante Führer zum Museum in der Kaiserpfalz. Archiv Langbein.
Foto 4: Blick in die Bartholomäus-Kapelle
Foto 5: Treppe in die Unterwelt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Hier geht's zum Quellkeller. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Gewölbe des Quellkellers. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Geheimnisvolle »Unterwelt«. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Geheimnisvoll leuchtet das Wasser. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Aus dieser Quelle trank Karl der Große. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Drache oder Pferd? Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Der Legende nach steht der Dom auf einer Heiligen Quelle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 14: Blick zum Dom, bei Regen. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 15: Der Dom vor 100 Jahren. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 15: Der Dom vor 100 Jahren

364 »Vom Ochsenkopf zur unverwüstbaren Maria«,
Teil  364 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.01.2017



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Sonntag, 11. Mai 2014

225 »Der Drache und der Heilige«

Teil 225 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Eingang zur Bartholomäus-Kapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein

Archäologen untersuchten penibel genau den Brandschutt. Dank ihrer geradezu pedantischen Geduld gelang es ihnen, Reste einer Inschrift zu entziffern. Da war von einem Drachen die Rede. Just an dieser Stelle hatten die heidnischen Sachsen ihren alten Göttern Pferdeopfer dargebracht. Die Drachen-Inschrift wurde nur wenige Meter nördlich von der Bartholomäus-Kapelle gefunden. Sie war so bruchstückhaft, dass ihr Inhalt nur erahnt werden kann. Wurde Karl der Große als Sieger über das Heidentum der Sachsen gefeiert, als der Unterwerfer des Drachens?

Der schlichte Altar der Kapelle. Foto: W-J.Langbein


Die »niederen Stände« der Sachsen wehrten sich vehement gegen die Christianisierung durch Karl den Großen. Viele Einwohner von Paderborn huldigten auch dann noch den alten Göttern, als die Stadt offiziell schon längst als »christlich« galt. Sie verübten Brandanschläge auf die erste Domkirche, anno 778 und dann anno 793/94. Während Lehensleute und Bauern Karl den Großen als Unterdrücker ansahen, wurde der christlich Herrscher von großen Teilen des Adels unterstützt.

Bei meinem Besuch des Doms zu Paderborn Weihnachten 2013 übersah ich – ich gebe es zu – die Bartholomäus-Kapelle. Mich lenkte das Nordportal des Doms ab. Vor dieser Tür, so heißt es, soll einst das  Hochgericht abgehalten worden sein. Wegen der vielfach grausamen Strafen, die verhängt wurden, soll das Tor blutrot gestrichen worden sein. Zahlreiche Menschen wurden hier, weiß die Überlieferung zu berichten, zu Folter und Tod verurteilt. Grausige Details bietet die mächtige Bronzetür der Bartholomäus-Kapelle. Sie stammt aus dem Jahr 1978, Gerhard Bücker hat die erschreckenden Reliefs kreiert. Im Domführer von Margarete Niggemeyer lesen wir (1), dass »die kunstvoll gestaltete Bronzetür … einen Einblick in die Zeit Bischof Meinwerks gibt«.

Rückseite der Bartholomäus- Kapelle.
Links im Bild: Treppe zum Dom.
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Bartholomäus-Kapelle wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von griechischen Werkleuten gebaut, 1017 wurde sie geweiht.  Bischof Meinwerk hat den sakralen Bau für festliche Feierlichkeiten zu Ehren Kaiser Heinrich des Zweiten aus Bruchsteinen in Auftrag gegeben. Obwohl die Kapelle im Vergleich zur burgartigen Gewalt des Doms klein und bescheiden wirkt, ist sie doch das bedeutendste Baudenkmal von Paderborn. Sie blieb – nur wenige Meter vom Dom entfernt – wie durch ein Wunder von den massiven Bombardierungen durch englische und amerikanische Verbände verschont. Der Paderborner Dom hingegen wurde schwer beschädigt. Heute ist die Bartholomäus-Kapelle bis in alle Details in den Urzustand zurück versetzt worden. Auch die hoch angebrachten Fenster entsprechen den Bauplänen von vor einem Jahrtausend.

Blick in die Bartholomäus-Kapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein

Bei einem meiner Besuche im schlichten Gotteshaus wurde ich Zeuge einer humorigen Begebenheit, die mich doch nachdenklich stimmte. Ein ärmlich gekleideter Fahrradfahrer, sein Drahtesel hatte er draußen rechts neben der Kupfertür abgestellt, setzte sich vor dem steinernen Altar auf eine steinerne Stufe und begann in stiller Zufriedenheit ein Butterbrot zu verzehren. Daran störte sich ein später hinzugekommener Besucher. »Bedenken Sie doch, dies hier ist ein Gotteshaus! Stellen Sie sich vor, unser Herr Jesus würde jetzt herein kommen und Sie beim Essen antreffen! Was würden Sie da machen?«

Der Mann mit dem Butterbrot lächelte. »Ich würde ihm ein Stück von meinem Brot anbieten!« Wütend entfernte sich der Kritiker. Der Fahrradfahrer aß in Ruhe sein Brot auf. Dann stellte er sich vor den Altar und sang »Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht…« Der Mann hatte keine wirklich gute Stimme. Er intonierte das Lied zaghaft und leise. Und doch erfüllte es die Hallenkapelle. Es war, als würde sein Gesang um ein vielfaches verstärkt. Es gab einen unbeschreiblichen Nachhall.

Schließlich entfernte sich der Mann, schwang sich auf sein Rad und fuhr langsam davon. Mich faszinierte dieses Klangerlebnis. Ich bedankte mich bei dem Mann und erschrak wie sich meine leise gesprochenen Worte in einem Echo förmlich überschlugen. »Gesang jedoch verhallt im Deckengewölbe und kehrt vielfach verstärkt wieder zurück.«, so stellt Margarete Niggemeyer in ihrem Domführer sehr zutreffend fest (2). Schließlich entfernte sich der Mann, schwang sich auf sein Rad und fuhr langsam davon.

Einige Säulen und
Teile des Gewölbes.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Ob die Erbauer der Bartholomäus-Kapelle diesen akustischen Effekt bewusst geplant haben? Oder ob der Zufall verantwortlich ist? Die griechischen Handwerker mögen in uralte Geheimnisse byzantinischer Baukunst eingeweiht gewesen sein. Wenn wir nur die alten Steine wie ein Buch lesen könnten! Was sie uns wohl erzählen würden? Vor einem Jahrtausend gab es Eingeweihte Baumeister, die ihre Geheimnisse hüteten wie einen kostbaren Schatz! In den vergangenen Jahrzehnten habe ich weltweit zahlreiche Kapellen, Kirchen und Dome besucht.

Die Akustik der Bartholomäus-Kapelle ist einzigartig. Heinz Bauer und Friedrich Gerhard Hohmann merken in ihrem Standardwerk »Der hohe Dom zu Paderborn« an (3): »Einzigartig sind Gewölbe und Säulen der Kapelle… In der Bartholomäuskapelle wurden nun Hängekuppeln ringförmig gemauert, die es in Westfalen nie zuvor und nie wieder gegeben hat.« Ist die einzigartige Decken-Konstruktion in Verbindung mit den Säulen verantwortlich für die mysteriöse Akustik?

Kunstgeschichtlich ist die Kapelle eine Hallenkirche. Sie ist wohl die größte nördlich der Alpen und zugleich die älteste. Wer die Kupfertür hinter sich schließt, findet sich in eine zauberhafte, fremde Welt versetzt. Je nach Sonnenstand scheint sich der Raum zu verändern. Die steinernen Säulen wirken manchmal magisch, die – so schlank sie auch sind – das Himmelsdach tragen. Sie erinnern mich an junge Ceiba-Bäume Guatemalas.

Der Heilige Bartholomäus.
Foto: Walter-Jörg Langbein
Unweit von der Bartholomäuskapelle gab es offenbar ein heidnisches Heiligtum. Karl der Große rühmte sich, den Drachen besiegt zu haben. Der Heilige Bartholomäus, Namensgeber der Kapelle am Dom zu Paderborn, wird zu den zwölf Aposteln gezählt. Vermutlich hieß er Nathanael Bat-Tolmai. Nach der Kreuzigung Jesu, so wird überliefert, predigte er in Armenien, Indien und Mesopotamien.
Bartholomäus starb nach kirchlicher Überlieferung den Märtyrertod. Ihm wurde bei lebendigem Leib mit einem Messer die Haut abgezogen. Wie bei Darstellungen von Heiligen üblich, trägt auch Bartholomäus stets »sein« Marterinstrument mit sich. So ausgestattet ist auch die kleine Statuette des Heiligen in der Bartholomäus-Kapelle, über dem Ausgang. Schließlich soll der Sterbende noch kopfüber gekreuzigt worden sein.

Das Drachenheiligtum von Paderborn wurde leider von christlichen Eiferern vollkommen zerstört. Wer Drachen und Fabelwesen sehen möchte, möge sich dem Dom von Paderborn zuwenden, genauer gesagt dem Paradiestor.


Diverse Säulenklapitelle. Fotos:
Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Niggemeyer, Margarete:
»Der hohe Dom zu Paderborn«,
Paderborn, 3. Auflage 2012, S. 37
2) ebenda
3) Bauer, Heinz und Hohmann,
Friedrich Gerhard: »Der Dom zu
Paderborn«, Paderborn, 4.,
neubearbeitete Auflage 1987


Es bleibt mysteriös...
In einer Woche wenden...

Die Tür zur Kapelle.
Foto: W-J.Langbein
... wir uns geheimnisvollen Darstellungen zu,
die niemand mit einer christlichen Kirche in
Verbindung bringen würde... Monster aus
Stein am Paradiestor zum Dom von Paderborn...

»Das Paradiestor und seine Sphingen«,
Teil 226 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.05.2014


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