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Sonntag, 24. Januar 2021

575. »Per Anhalter zu anderen Welten?«

Teil 575 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Ruine auf dem »Großen Waldstein«.

Nach Erich von Däniken (*14.4.1935) sind Charles Hoy Fort (*1874; †1932) und der britische Schriftsteller Douglas Noël Adams (*1952; †2001) meine Lieblingsautoren. Von Douglas Noël Adams stammt die einzige vierbändige Romantrilogie in fünf Teilen: »Per Anhalter durch die Galaxis«.

1979 erschien Band 1 im englischen Original:»The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy«. Die deutsche Übersetzung »Per Anhalter durch die Galaxis« folgte 1981. 1980 schob Adams Band 2 nach: »The Restaurant at the End of the Universe«. Die deutsche Übersetzung (»Das Restaurant am Ende des Universums«) stand 1982 zur Verfügung. Diesem zweiten Band stellte Adams ein bizarr anmutendes Wort voraus (1): 

»Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.«

In Band 5 der vierbändigen Trilogie – »Mostly Harmless«, 1992 erschienen – geht es um wirklich fantastisch Anmutendes. Die deutsche Übersetzung – »Einmal Rupert und zurück« (1993) – habe ich mir wieder zu Gemüte geführt, als ich mich intensiv mit der Sagenwelt des Frankenlandes beschäftigte. Douglas Noël Adams lässt Außerirdische die Reporterin Tricia McMillan von ihrem Heimatplaneten in ein Paralleluniversum entführen. Selbst eingefleischte Douglas-Adams-Enthusiasten wissen nicht, dass Entführungen in Parallelwelten schon in uralten Sagen vorkommen. Beschrieben wird der fantastische Sachverhalt freilich in der Regel nicht technisch-futuristisch, sondern poetisch-märchenhaft. Da wird bei der Burgruine Nordeck im schönen Frankenland ein junger Mann durch ein Felsentor in eine »Parallelwelt« entführt. Dort lockt »eine reizende Jungfrau in königlicher Tracht« einen Schäfer »auf dem Köterberg« durch ein Felsentor in eine Parallelwelt (2). Bei der »Ruine Blankenhorn« über Eibensbach (Baden-Württemberg) ist es eine »Jungfrau in Weiß«.

Ludwig Zapf (*1829; †1904) war Besitzer und Redakteur des »Münchberger Amts- und Wochenblattes«. Mit Akribie sammelte er Sagen aus dem Frankenland. 1873 fungierte er als Herausgeber eines Werkes über den »Sagenkreis des Fichtelgebirges« (3). 1886 folgte sein Sammelwerk »Waldsteinbuch«, randvoll mit Sagen über den »Großen Waldstein« im Fichtelgebirge. Der »Große Waldstein« ragt fast 900 m in den Himmel und macht so dem »Ochsenkopf« (1.000 m.) Konkurrenz. Er ist mit seinen bizarr anmutenden Felsverwitterungen als Filmkulisse geeignet. Hier könnten im Film irdische Astronauten eine ferne Planetenwelt erkunden. In verfallendem Gemäuer könnten Vampire hausen. 

Foto 2: Felsformation auf dem »Großen Waldstein«

Der »Große Waldstein«  muss schon vor Jahrtausenden Menschen angezogen haben. Auf dem Gipfel wurden bei Ausgrabungen steinzeitliche Mikroklingen, Schaber und durchbohrte Anhängerfragmente aus Jurahornstein gefunden. Jurahormstein kommt im Fichtelgebirge nicht vor. Wer auch hier siedelte oder nur kurz Rast machte, muss von weiter her gekommen sein. Aus Jurahornstein wurden in der Steinzeit scharfkantige Werkzeuge wie Schaber und klingen hergestellt.

Wer den »Großen Waldstein« wandernd und kletternd erkundet, der wird immer wieder auf Mauerreste aus unterschiedlichen Epochen stoßen. So stand einst am nordöstlichen Fuß des Schüsselfelsens eine Burg. Sie wurde vor rund einem Jahrtausend gebaut, aber schon zwei Jahrhunderte später dem Verfall überlassen. Kleine Teile des Bergfrieds sind heute noch zu erkennen. Andere Ruinenreste gehen auf Mauern zurück, die womöglich im 8. Jahrhundert als Teil einer Verteidigungsanlage entstanden sind. Vieles bleibt rätselhaft.

Nach einer Sage, Ludwig Zapf hat sie aufgezeichnet, gibt es auch im »Großen Waldstein« ein Felsentor in eine andere Welt. Eine Mutter, so heißt es, war am Johannistag unterwegs mit ihrem Kind. Bei einer Felsgruppe gab es köstliche Beeren. Und plötzlich nahm die Frau das offene Tor im Fels wahr. Sie hob sich ihr Kind Auf Den Arm und erkundete das Tor. Hinter dem Tor tat sich eine Höhle auf. 

Hans Seiffert erzählt (5): »Neugierig trat sie ein. Ringsumher lagen aufgehäuft blinkende Schätze. Drei weißgekleidete Jungfrauen winkten sie heran und forderten sie auf, von dem Golde zu nehmen, was sie mit einer Hand erfassen könne. Die Frau setzte ihr Kind nieder, raffte mit beiden Händen in den Goldhaufen und lief aus der Höhle, um ihren Schatz zu bergen. Als sie nochmals zurück wollte, um noch mehr zu holen, fiel die Höhle mit lautem Krachen zu. Entsetzt dachte sie an das Kind und tiefes Leid bedrückte ihr Herz. Tagtäglich stieg sie zum Berge, irrte um die Felsen und weinte. Die Höhle aber blieb verschwunden. – So war ein Jahr verflossen. Am Johannistage stieg sie wieder zum Waldstein empor und … und fand die Höhle offen. Sie eilte hinein. Ihr Kind saß am Boden und spielte mit einem roten Apfel. Freudig lachte es der Mutter entgegen. Diese riß das Kind an sich, herzte und drückte es und verließ, ohne sich umzusehen, die Höhle.«

Douglas Noël Adams hat eine bizarre Welt entwickelt und in seinen Bestsellern beschrieben. Nicht minder geht es in der Sagenwelt meiner oberfränkischen Heimat, und nicht nur da, zu. In den Romanen wie in den Sagen geht es um Reisen in Parallelwelten und retour. Wenn in alten Sagen von solchen Reisen berichtet wird, sind das Belege für die Existenz solcher Parallelwelten? Parallelwelten werden in der wissenschaftlichen Literatur durchaus ernst genommen. Der Physiker Bryce Seligman DeWitt (*1923; † 2004) zum Beispiel publizierte im seriösen Wissenschaftsmagain »physicstoday« einen in der Fachwelt heftig diskutierten Aufsatz zum Thema (6). 

Er prägte den Ausdruck »Many-Worlds-Interpretation« (»Viele-Welten-Interpretation«). Hugh Everett III (*1930; †1982), studierter Physiker, brillierte mit einer Doktorarbeit zum Thema (7). Er kann als einer der Pioniere der Erforschung der Realität von Parallelwelten in Multi-Universen gelten. Ich muss aber zugeben, dass selbst populärwissenschaftlich erörterte Theorien über Quantenphysik und Parallelwelten für mich nicht wirklich nachvollziehbar sind, wenn es um vermeintliche Beweise geht. Es spielt dabei keine Rolle, ob diese Arbeiten nun in englischer oder in deutscher Sprache veröffentlicht wurden (8).

Kurz gesagt: Es gibt eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten zur Realität von Parallelwelten. Es gibt seriöse Befürworter in der Welt der Wissenschaft, die zu meinen scheinen, dass die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit nur wirklich logisch begründbar ist, wenn man von der Existenz von Parallelwelten ausgeht. Stephen Hawking (*1942; †2018), der geniale Physiker, ging jedenfalls von der Realität von Parallelwelten aus je länger er sich mit dem Thema beschäftigte. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete er mit Thomas Hertog (*1975), Physiker an der »Katholischen Universität Leuven (KU Leuven)« in Belgien, an der sogenannten ›Multiversums-Theorie‹. Kurz vor seinem Tod soll Hawking seine vielleicht wichtigste, bahnbrechende Arbeit abgeschlossen haben. Worum geht es? 

»Future Zone« fasst zusammen (9): »Der berühmte Physiker Stephen Hawking hat in einer letzten Arbeit vor seinem allerdings Tod scheinbar belegen können, dass Paralleluniversen existieren.« Ob ihm das wirklich gelungen ist? Laut »Sunday Times«, das vermeldet »online focus« (10), haben die Wissenschaftler Hawking und Hertog die mathematische Grundlage entwickelt, um die Existenz von Parallelwelten zu beweisen. Stimmt das? Einigkeit scheint in der Welt der Wissenschaft über diese Frage nicht zu herrschen.

 
Foto 3: Burgruine auf dem »Großen Waldstein« im Fichtelgebirge (vor 1914)

Mir kommt ein Zitat von Marie Curie (*1867; †1934), zweimal mit dem Nobelpreis für ihre Leistungen im Bereich der Chemie und der Physik ausgezeichnet, in den Sinn: »Ein Gelehrter in seinem Laboratorium ist nicht nur ein Techniker; er steht auch vor den Naturgesetzen wie ein Kind vor der Märchenwelt.« Kinder vernehmen ohne zweifelndes Staunen Berichte aus der Sagenwelt. Sie lehnen das Fantastische nicht ab, weil sie das scheinbar Fantastische für real halten können. Erwachsene hingegen bilden sich sehr viel darauf ein, vermeintlich kindliche Vorstellungen von der Realität abgelegt zu haben wie Kleidung, die ihnen zu klein geworden ist. So nehmen wir Erwachsenen aber nur noch einen Teil der Realität wahr. Fantastisch Anmutendes tun wir gern und sicher oft voreilig als »Science-Fiction« ab. Aber wie sagte Norman Mailer (*1923; †2007)? Der Verfasser von »Die Nackten und die Toten« (11): 

»Was man heute als Science-Fiction beginnt, wird man morgen vielleicht als Reportage zu Ende schreiben müssen.« »Science-Fiction« mutete zu allen Zeiten recht märchenhaft an. Was gestern unmöglich zu sein schien, das wird morgen Realität und erscheint uns übermorgen als überholt. »Science-Fiction« wird in der Regel schnell von der Realität eingeholt, ja überholt. Wie lang mag es dauern, bis man sich zwischen Parallelwelten hin und her bewegen kann? In uralten Sagen ist das schon lange möglich! Ich frage noch einmal: Sind mysteriös anmutende Beschreibungen in der Sagenwelt Hirngespinste, Ergebnisse einer uferlosen Fantasie? Oder steckt Wahrheit in den alten Sagen über den »kleinen Grenzverkehr« zwischen den Welten?

Fußnoten
(1) Adams, Douglas: »Das Restaurant am Ende des Universums«, München 2009, S. 11+12
(2) Bechstein, Ludwig: »Deutsches Sagenbuch«, Meersburg und Leipzig 1930, S. 205-206. (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!
(3) Zapf, Ludwig (Herausgeber): »Der Sagenkreis des Fichtelgebirges. Mythe und Geschichte«, Münchberg 1873
(4) Zapf, Ludwig: »Waldsteinbuch. Natur, Geschichte und Sagenschatz des Großen Waldsteins im Fichtelgebirge«, Lion, Hof 1886
(5) Seiffert, Hans: »Das Kind im Berge« in »Die Aehrenkönigin«, 2. Auflage, Helmbrechts/ Obfr. 1952, Seite 4. (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(6) DeWitt, Bryce S.: »Quantum mechanics and reality«, Aufsatz, erschienen in »physicstoday«, Band. 23, Nr. 9, 1970, S. 30
(7) »The Theory of the Universal Wave Function«
(8) Byrne, Peter: »Die Parallelwelten des Hugh Everett«, »Spektrum der Wissenschaft«, 2008, Heft 4.
(9) »Future Zone«: »Gibt es eigentlich Paralleluniversen? Diese Theorien sprechen dafür« https://www.futurezone.de/science/article225951175/Gibt-es-eigentlich-Paralleluniversen-Diese-Theorien-sprechen-dafuer.html Stand 21.09.2020
(10) https://www.focus.de/wissen/nachweis-von-parallelwelten-hawking-arbeitete-kurz-vor-seinem-tod-an-multiversums-theorie_id_8632914.html
(Stand 21.09.2020)
(11) »Zitate im Management«, Wien 2008, Seite 223

Zu den Fotos
Foto 1: Ruine auf dem »Großen Waldstein«. Foto um 1911, Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Felsformation auf dem »Großen Waldstein« im Fichtelgebirge (vor 1914)
, Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Burgruine auf dem »Großen Waldstein« im Fichtelgebirge (vor 1914), Archiv Walter-Jörg Langbein

576. »Vom intuitiven Geist und vom rationalen Verstand«,
Teil 576 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 31. Januar 2021

Sonntag, 11. Mai 2014

225 »Der Drache und der Heilige«

Teil 225 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Eingang zur Bartholomäus-Kapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein

Archäologen untersuchten penibel genau den Brandschutt. Dank ihrer geradezu pedantischen Geduld gelang es ihnen, Reste einer Inschrift zu entziffern. Da war von einem Drachen die Rede. Just an dieser Stelle hatten die heidnischen Sachsen ihren alten Göttern Pferdeopfer dargebracht. Die Drachen-Inschrift wurde nur wenige Meter nördlich von der Bartholomäus-Kapelle gefunden. Sie war so bruchstückhaft, dass ihr Inhalt nur erahnt werden kann. Wurde Karl der Große als Sieger über das Heidentum der Sachsen gefeiert, als der Unterwerfer des Drachens?

Der schlichte Altar der Kapelle. Foto: W-J.Langbein


Die »niederen Stände« der Sachsen wehrten sich vehement gegen die Christianisierung durch Karl den Großen. Viele Einwohner von Paderborn huldigten auch dann noch den alten Göttern, als die Stadt offiziell schon längst als »christlich« galt. Sie verübten Brandanschläge auf die erste Domkirche, anno 778 und dann anno 793/94. Während Lehensleute und Bauern Karl den Großen als Unterdrücker ansahen, wurde der christlich Herrscher von großen Teilen des Adels unterstützt.

Bei meinem Besuch des Doms zu Paderborn Weihnachten 2013 übersah ich – ich gebe es zu – die Bartholomäus-Kapelle. Mich lenkte das Nordportal des Doms ab. Vor dieser Tür, so heißt es, soll einst das  Hochgericht abgehalten worden sein. Wegen der vielfach grausamen Strafen, die verhängt wurden, soll das Tor blutrot gestrichen worden sein. Zahlreiche Menschen wurden hier, weiß die Überlieferung zu berichten, zu Folter und Tod verurteilt. Grausige Details bietet die mächtige Bronzetür der Bartholomäus-Kapelle. Sie stammt aus dem Jahr 1978, Gerhard Bücker hat die erschreckenden Reliefs kreiert. Im Domführer von Margarete Niggemeyer lesen wir (1), dass »die kunstvoll gestaltete Bronzetür … einen Einblick in die Zeit Bischof Meinwerks gibt«.

Rückseite der Bartholomäus- Kapelle.
Links im Bild: Treppe zum Dom.
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Bartholomäus-Kapelle wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von griechischen Werkleuten gebaut, 1017 wurde sie geweiht.  Bischof Meinwerk hat den sakralen Bau für festliche Feierlichkeiten zu Ehren Kaiser Heinrich des Zweiten aus Bruchsteinen in Auftrag gegeben. Obwohl die Kapelle im Vergleich zur burgartigen Gewalt des Doms klein und bescheiden wirkt, ist sie doch das bedeutendste Baudenkmal von Paderborn. Sie blieb – nur wenige Meter vom Dom entfernt – wie durch ein Wunder von den massiven Bombardierungen durch englische und amerikanische Verbände verschont. Der Paderborner Dom hingegen wurde schwer beschädigt. Heute ist die Bartholomäus-Kapelle bis in alle Details in den Urzustand zurück versetzt worden. Auch die hoch angebrachten Fenster entsprechen den Bauplänen von vor einem Jahrtausend.

Blick in die Bartholomäus-Kapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein

Bei einem meiner Besuche im schlichten Gotteshaus wurde ich Zeuge einer humorigen Begebenheit, die mich doch nachdenklich stimmte. Ein ärmlich gekleideter Fahrradfahrer, sein Drahtesel hatte er draußen rechts neben der Kupfertür abgestellt, setzte sich vor dem steinernen Altar auf eine steinerne Stufe und begann in stiller Zufriedenheit ein Butterbrot zu verzehren. Daran störte sich ein später hinzugekommener Besucher. »Bedenken Sie doch, dies hier ist ein Gotteshaus! Stellen Sie sich vor, unser Herr Jesus würde jetzt herein kommen und Sie beim Essen antreffen! Was würden Sie da machen?«

Der Mann mit dem Butterbrot lächelte. »Ich würde ihm ein Stück von meinem Brot anbieten!« Wütend entfernte sich der Kritiker. Der Fahrradfahrer aß in Ruhe sein Brot auf. Dann stellte er sich vor den Altar und sang »Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht…« Der Mann hatte keine wirklich gute Stimme. Er intonierte das Lied zaghaft und leise. Und doch erfüllte es die Hallenkapelle. Es war, als würde sein Gesang um ein vielfaches verstärkt. Es gab einen unbeschreiblichen Nachhall.

Schließlich entfernte sich der Mann, schwang sich auf sein Rad und fuhr langsam davon. Mich faszinierte dieses Klangerlebnis. Ich bedankte mich bei dem Mann und erschrak wie sich meine leise gesprochenen Worte in einem Echo förmlich überschlugen. »Gesang jedoch verhallt im Deckengewölbe und kehrt vielfach verstärkt wieder zurück.«, so stellt Margarete Niggemeyer in ihrem Domführer sehr zutreffend fest (2). Schließlich entfernte sich der Mann, schwang sich auf sein Rad und fuhr langsam davon.

Einige Säulen und
Teile des Gewölbes.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Ob die Erbauer der Bartholomäus-Kapelle diesen akustischen Effekt bewusst geplant haben? Oder ob der Zufall verantwortlich ist? Die griechischen Handwerker mögen in uralte Geheimnisse byzantinischer Baukunst eingeweiht gewesen sein. Wenn wir nur die alten Steine wie ein Buch lesen könnten! Was sie uns wohl erzählen würden? Vor einem Jahrtausend gab es Eingeweihte Baumeister, die ihre Geheimnisse hüteten wie einen kostbaren Schatz! In den vergangenen Jahrzehnten habe ich weltweit zahlreiche Kapellen, Kirchen und Dome besucht.

Die Akustik der Bartholomäus-Kapelle ist einzigartig. Heinz Bauer und Friedrich Gerhard Hohmann merken in ihrem Standardwerk »Der hohe Dom zu Paderborn« an (3): »Einzigartig sind Gewölbe und Säulen der Kapelle… In der Bartholomäuskapelle wurden nun Hängekuppeln ringförmig gemauert, die es in Westfalen nie zuvor und nie wieder gegeben hat.« Ist die einzigartige Decken-Konstruktion in Verbindung mit den Säulen verantwortlich für die mysteriöse Akustik?

Kunstgeschichtlich ist die Kapelle eine Hallenkirche. Sie ist wohl die größte nördlich der Alpen und zugleich die älteste. Wer die Kupfertür hinter sich schließt, findet sich in eine zauberhafte, fremde Welt versetzt. Je nach Sonnenstand scheint sich der Raum zu verändern. Die steinernen Säulen wirken manchmal magisch, die – so schlank sie auch sind – das Himmelsdach tragen. Sie erinnern mich an junge Ceiba-Bäume Guatemalas.

Der Heilige Bartholomäus.
Foto: Walter-Jörg Langbein
Unweit von der Bartholomäuskapelle gab es offenbar ein heidnisches Heiligtum. Karl der Große rühmte sich, den Drachen besiegt zu haben. Der Heilige Bartholomäus, Namensgeber der Kapelle am Dom zu Paderborn, wird zu den zwölf Aposteln gezählt. Vermutlich hieß er Nathanael Bat-Tolmai. Nach der Kreuzigung Jesu, so wird überliefert, predigte er in Armenien, Indien und Mesopotamien.
Bartholomäus starb nach kirchlicher Überlieferung den Märtyrertod. Ihm wurde bei lebendigem Leib mit einem Messer die Haut abgezogen. Wie bei Darstellungen von Heiligen üblich, trägt auch Bartholomäus stets »sein« Marterinstrument mit sich. So ausgestattet ist auch die kleine Statuette des Heiligen in der Bartholomäus-Kapelle, über dem Ausgang. Schließlich soll der Sterbende noch kopfüber gekreuzigt worden sein.

Das Drachenheiligtum von Paderborn wurde leider von christlichen Eiferern vollkommen zerstört. Wer Drachen und Fabelwesen sehen möchte, möge sich dem Dom von Paderborn zuwenden, genauer gesagt dem Paradiestor.


Diverse Säulenklapitelle. Fotos:
Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Niggemeyer, Margarete:
»Der hohe Dom zu Paderborn«,
Paderborn, 3. Auflage 2012, S. 37
2) ebenda
3) Bauer, Heinz und Hohmann,
Friedrich Gerhard: »Der Dom zu
Paderborn«, Paderborn, 4.,
neubearbeitete Auflage 1987


Es bleibt mysteriös...
In einer Woche wenden...

Die Tür zur Kapelle.
Foto: W-J.Langbein
... wir uns geheimnisvollen Darstellungen zu,
die niemand mit einer christlichen Kirche in
Verbindung bringen würde... Monster aus
Stein am Paradiestor zum Dom von Paderborn...

»Das Paradiestor und seine Sphingen«,
Teil 226 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.05.2014


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Sonntag, 20. Oktober 2013

196 »Der Gott der Zerstörung«

Teil 196 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Im bayerischen Urschalling am schönen Chiemsee fotografierte ich in einer fast tausendjährigen Kirche eine ganz besondere »Dreifaltigkeit«. Fast schon ketzerisch: Der »Heilige Geist« wird als Frau dargestellt. In Indien entdeckte ich etwas ganz Ähnliches. In Indien begegnete mir das Pendant zu Uwoke, dem Gott der Zerstörung der Osterinsel! Im »Alten Indien« gab es eine Göttin der Vernichtung! Bevor wir aber gemeinsam ins südliche Indien reisen ... geht es nach Erlangen, ins schöne Frankenland!

Die Heilige Dreifaltigkeit mit
weiblichem Heiligen Geist
in der Mitte - Foto: W-J. Langbein
Die kleine Feier sollte die Bewohner der beiden Studentenheime einander ein wenig näher bringen. Ob das gelungen ist? Man hat gemeinsam gespeist, teils leidend-tolerant, teils begeistert lauter Musik aus der Welt des Islam gelauscht. Inzwischen sind die meisten Teilnehmer wieder auf ihre Zimmer verschwunden. Ein kleines Grüppchen diskutiert. Nasir*, was er studiert weiß keiner so genau, redet sich in Rage: »Ihr Christen seid Ungläubige!«, schimpft er. »Ihr behauptet, dass ihr an einen Gott glaubt ... dabei betreibt ihr Götzenverehrung! Ihr glaubt doch an drei Götter!« Milde-herablassend versucht Philipp* zu erklären: »Wir glauben an die Dreifaltigkeit Gottes! An Vater, Sohn und Heiligen Geist!« Nasir winkt ab. Philipp zitiert aus dem Glaubensbekenntnis: Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria ...«

Nasir unterbricht: »Dann war also der Heilige Geist der Vater, Maria die Mutter ...« Philipps Erklärungen, frömmelnd und wenig überzeugend, bringen Nasir zu Lachen. »Empfangen durch den Heiligen Geist ... also hat der Geist Jesus gezeugt und die Mutter war Jungfrau. Und was hatte Gott mit der Sache zu tun?« Philipp doziert, genervt-herablassend und aufgesetzt milde: »Gottvater ... Gott-Sohn und Heiliger Geist ...« Wütend stapft Nasir davon. »Gott ist einer, er hat keine Mutter und keinen Vater...« Philipp hastet hinterher: »Natürlich hat Gott keine Mutter! Maria ist die Mutter Jesu!« Es fällt ihm schwer, mit Nasir Schritt zu halten. »Aber sagtest du nicht, dass Jesus auch Gott ist? Und Gottvater ist Gott bei euch. Dann ist Jesus sein eigener Vater! Und der Gottvater ist auch sein eigener Sohn!« Philipp bleibt stehen. »Dem ist nicht zu helfen ...«, murmelt er in seinen nicht vorhandenen Bart.

Ich erinnere mich noch gut an das Streitgespräch zwischen Philipp und Nasir ... vor etwa 35 Jahren in Erlangen. Damals studierte ich noch evangelische Theologie. Wirklich einleuchtend fand ich schon damals die christliche Lehre der Dreifaltigkeit nicht. Was mir damals aber noch nicht klar war: Die vermeintlich im Ursprung »christliche« Lehre der Trinität ist sehr viel älter als das Christentum.

Außenansicht des Tempels von Hoyasaleshwara
Foto: wikicommons Dineshkannambadi

Der Hoyasaleshwara-Tempel lockte mich schon viele Jahre, als ich eines Tages zu einer Indienreise aufbrach. Im südindischen Bundesstaat Karnataka besuchte ich die einstmals stolze Hauptstadt des Hoysala-Reiches. Doch was ist aus ihr geworden? Im 12. Jahrhundert war Dorasamudra eine mächtige Metropole mit mächtigen Mauern, die aber letztlich nicht als Schutz ausreichten. Heute ist nur ein Dörfchen namens Halebid geblieben. Auf den staubigen Straßen gehen greise Weise mit wallenden Bärten majestätisch und unbeirrt, sausen Fahrräder und Motorräder um die Wette, schlängeln sich altersschwache PKWs geduldig um Menschen, Kühe und Ziegen.

Die meisten Menschen, die man trifft, sind allem Anschein nach entweder zufrieden.. oder mürrisch. Bei den Mürrischen handelt es sich in der Regel  um Touristen, denen deutlich anzusehen ist, dass sie eigentlich nicht schon wieder noch einen Tempel besichtigen wollen. Sie schimpfen gern, sehen nicht ein, dass sie beim Betreten von Tempeln ihre Schuhe ausziehen sollen und knausern mit Trinkgeld. Vor allem sind ihnen die wortgewaltigen Erklärungen ihrer Guides viel zu detailreich. So viel wollen sie doch gar nicht erfahren ... Wichtig ist ihnen, dass  die Mahlzeiten pünktlich serviert werden.

Manche Querulanten sind unerträglich und beschweren sich ständig. Ich erlebte eine Reisende, die es unerträglich fand, dass es in Delhi keine Rote Grütze als Nachspeise gab. Ein Mitreisender beklagte sich, weil es so schwierig sei, in Belur ein richtiges »Wiener Schnitzel« serviert zu bekommen.

Bei den Zufriedenen handelt es sich in der Regel um Einheimische, die nach unserem Verständnis bettelarm sind. Sind strahlen eine innere Ruhe aus. Manches Mal beobachtete ich einen »bettelarmen Schlucker«, der voller Mitleid einem abgehetzten, protzig-reichen Touristen hinterher lächelte. Und »ärmste« Frauen schreiten in natürlicher Schönheit kerzengerade, ja majestätisch. Würdevoll verrichten sie oft schwere Arbeiten.

Schöne, stolze Inderin
Foto: W-J.Langbein
Im »Alten Indien« gab es schon Götter-Triaden. Die Dreifaltigkeit des Christentums hat einen Vorläufer im Hinduismus. Schon Jahrtausende vor der christlichen Zeitwende gab es in Indien, im Hinduismus, die »Trimurti«: Brahma, Vishnu und Shiva bilden die indische Trinität. Brahma gilt als der Schöpfer, Vishnu als der Erhalter und Shiva als der Zerstörer.

In der Kunst werden diese drei Gottheiten manchmal als ein Wesen mit einem Leib, drei Köpfen und drei Armpaaren dargestellt. »Das kann nur ein schwacher Versuch der Abbildung des Nicht-Abbildbaren sein!«, erklärte mir Prof. Dr. Kumar Kanjilal. »Das Göttliche Brahman ist das formlose Unveränderliche. Ursprünglich bedeutete Brahman : das Wort. Es ist: der Urgrund des Seins, ... keine  individuelle Person!«

Der Hoyasaleshwara-Tempel lässt noch erahnen, wie bedeutend die Hauptstadt einst war. Malik Kafur plünderte Dorasamudra im Auftrag des Sultans von Delhi zwei Mal, 1311 und 1327. Die einstige Hauptstadt war nach dem zweiten »Besuch« der »Gesandten« des Sultans verwüstet, verfiel rasch. Wie viele einst stolze Bauwerke mögen inzwischen vollkommen verschwunden sein? Von der angeblich einst so abschreckenden, monströsen Mauer zum Schutz ist kaum etwas erhalten. Erhalten sind zum Glück die Bildnisse von Brahma, Vishnu und Shiva.

Göttertriade Brahma, Visnu, Siva
wikicommons, Foto: Calvinkrishy

Ich frage Professor Kumar Kanjilal, wie denn »Trimurti« zu verstehen sei: »Es gibt ein ständiges Erschaffen, Erhalten und Zerstören! Der hinduistische Kosmos ist immer da, wird immer erschaffen, erhalten und zerstört ...«, versuchte mir Professor Kumar Kanjilal zu erklären.

In der überreich mit Wandmalereien versehenen St. Jakobus-Kirche in Urschalling am Chiemsee werden biblische Geschichten dargestellt, die eine »Bibel der Armen« ergeben. In eine für eine christliche Kirche höchst ungewöhnliche »Dreifaltigkeit« setzte der unbekannte Künstler vor vielen Jahrhunderten eine Frau als »Heiligen Geist«.

Im »Alten Indien« gab es eine »Trimurti«, die nur aus Frauen bestand Die weibliche »Dreifaltigkeit« heißt in Indien »Tridevi«. Saraswati ist die Schöpferin, Maha Lakshmi ist die Erhaltende und Maha Kali die Zerstörerin.


Göttin Saraswati wurde einst in der alten Mythologie als die Gattin Brahmas dargestellt. In den Überlieferungen aus jener Zeit scheint Brahma der dominante Partner gewesen zu sein. Heute ist sie zum großen Star am »Götterhimmel« aufgestiegen.

Brahma ist heute fast abgeschrieben, aber zu Saraswati wird emsig gebetet. Einer ihrer Beinamen   Jagaddhatri, zu Deutsch »Herrin der Welt« macht deutlich, wie mächtig sie geworden ist. Nach einer anderen Übersetzung bedeutet der Name »die, die die Welt hält«. Ohne ihre göttliche Hilfe würde unser Planet nach uraltem Glauben abstürzen.

Brahma reitet auf einer Gans,
Hoyasaleshwara Tempel, Halebid
Foto: WJL
Eine ähnlich steile Karriere machte im christlichen Glauben des Katholizismus Jesu Mutter, Maria. Von der unscheinbaren Frau, der im »Neuen Testament« nur eine bescheidene Nebenrolle gegönnt wird ...  wurde nach und nach die Himmelskönigin, die leibhaftig gen Himmel gefahren ist. Sie ist zur »Regina caeli«, zur »Königin des Himmels«, avanciert!

Ich wage eine ketzerische Prognose: Die offizielle Theologie passt ihre Grundsätze dem Volksglauben an, wenn sie befürchten muss, zu viele Gläubige zu verlieren. So kommt es zu Ergänzungen im Glaubensgut, die  oft mit der Religion der Bibel nicht wirklich etwas zu tun haben müssen. Im Volksglauben wird Maria, die Himmelskönigin, neben Jesus und Gottvater in eine neue »Dreifaltigkeit« aufsteigen! Im theologischen Untergrund brodelt es jedenfalls schon gewaltig. Aus der ledigen Mutter Maria wurde die Gottesmutter. Maria ist im Katholizismus längst zur »Miterlöserin« geworden ... somit also gottähnlich. Zur Gott-Gleichheit Marias ist der Schritt nicht mehr so groß! Auch wenn davon nichts in der Bibel steht ... Wenn Maria die Mutter des göttlichen Jesus ist, und so sieht es ja die Theologie, müsste dann Maria nicht auch göttlich sein?

Der Rosenkranz in Brahmas Hand
Foto: W-J.Langbein
Der gläubige Katholik mag derlei Gedanken für zu ketzerhaft halten und besorgt einen Rosenkranz beten. Ihm dürfte dabei nicht bewusst sein, dass schon der vedische Brahma vor Jahrtausenden einen Rosenkranz besaß. Der gläubige Hindu nennt ihn »Japa Mala«. Er verwendet ihm beim Beten und Meditieren ... wie der gläubige Katholik! Wie sich doch manchmal die Bilder gleichen ...

* Name geändert
                                                                                                                                                            Lektüre-Empfehlung

Wer sich in die Welt der indischen Göttinnen und Götter einlesen möchte, kann aus wichtigen Quellen schöpfen. Ich empfehle dem wirklich interessierten Zeitgenossen ...

Bhagavdgita, die
     Sanskrittext mit Einleitung und Kommentar von S. Radharkrishnan/ Mit dem indischen Text verglichen und ins Deutsche übersetzt von Siegfried Lienhard, Wiesbaden 1970;

Bhagavd gita, die
     Mit einem spirituellen Kommentar von Bede Griffiths/ Aus dem Sanskrit übersetzt, eingeleitet und erläutert von Michael von Brück, München 1993;

Bhagavdgita
     As ist is/ Abridged Edition/ with translations and elaborate purports by his Divine Grace A.C. Bhaktivedanta Sywami Prabhupada/ Founder-Acarya of the International Society for Krishna Consciousness, New York;

»Stadt der Tausend Tempel«
Teil 197 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 27.10.2013


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Montag, 13. August 2012

Das Haus vom Nikolaus

Franken-Thriller von Volker Backert,
vorgestellt von
Walter-Jörg Langbein


Blick in den Gottesgarten
Foto: W-J.Langbein
Einst war das Maintal im Oberfränkischen ein echtes Idyll. Man nannte die Region um Michelau, Lichtenfels und Bad Staffelstein zu Recht den »Gottesgarten«. Als Schulknabe fuhr ich oft vom heimatlichen Michelau zum Gymnasium im etwa fünf Kilometer entfernten Lichtenfels und wieder zurück. Heute grenzt es schon fast an Todessehnsucht, will man diese Strecke mit dem Fahrrad absolvieren. Das einst so schöne Maintal ist förmlich auseinander gerissen worden ... Ein Opfer wurde dem Straßenverkehr gebracht.

Und doch ist das einstige Gottesgärtchen immer noch eine Reise wert: Schloss Banz, Vierzehnheiligen, Staffelberg, die Veste Coburg und so manches Fest zur Sommerszeit locken.

Volker Backert spricht diesen traurigen Sachverhalt in seinem Thriller »Das Haus vom Nikolaus« an:

»›Erst mal drüberfliegen!‹, entschied Charly. Links thronte Kloster Banz, gegenüber ragte Vierzehnheiligen empor. Genau dazwischen hatte die A 73 samt Ein- und Ausschleifungen den einstigen ›Gottesgarten am Obermain‹ plattgemacht.«

In Backerts Thriller wütet ein Serienkiller im Fränkischen. Er sucht sich seine Opfer auf der »Berch Kerwa« in Erlangen, beim »Coburger Samba-Festival«, bei der »Obermain-Beach-and-River-Party« ... kurz gesagt dort, wo recht viele Menschen ausgelassen feiern.

Schloss und Kloster Banz - Foto: W-J.Langbein
Volker Backert, 1962 in Coburg geboren und am Obermain aufgewachsen, studierte in München und Bayreuth. In Coburg hat er einen Job als »Abteilungsleiter für Öffentliche Sicherheit«. Seit Jahren arbeitet er eng mit der Polizei zusammen. So verwundert es nicht, mit welcher Präzision er die Arbeit der Polizei bei der Suche nach einem gefährlichen Serienkiller schildert.

Auch ist ihm die Pressearbeit vertraut. Und so überzeugt er auch mit seiner glasklaren Analyse des Umgangs von Sensationsmedien mit der Realität ... wenn es um die Berichterstattung über blutrünstige Verbrechen geht. »Das Haus vom Nikolaus« - eine mysteriöse »Signatur«, die der Mörder seinen Opfern in den Leib schneidet – ist bestechend in seiner Beschreibung von eigentlich unfassbarer Realität.

Wer glaubt, Serienmörder würden – wie der fiktive Hannibal Lecter – nur in reißerischen Romanen ihr Unwesen treiben, der irrt. Und wer glaubt, dass Serienkiller nur weitab von deutschen Landen Menschen morden, der irrt genauso gewaltig.

Richard Harris erfand die Horrorgestalt Lecter, machte den Arzt und Kannibalen weltberühmt. Anthony Hopkins übernahm die Rolle des psychopathisch-morbiden Mörders in »Das Schweigen der Lämmer«, »Hannibal«, »Roter Drache« und »Hannibal Rising – Wie alles begann« (2007). Was viele Kinogänger nicht wissen: Die Realität ist oft nicht weniger grausam als die Fiktion!

Robert John Maudsley, 1953 geboren, war der wirkliche, der reale Hannibal Lecter. Als jugendlicher, drogenabhängiger Stricher peinigte der Brite einen »Kunden« auf so grausame Weise zu Tode, dass er – ganz ähnlich wie Hannibal Lecter – in einem Hochsicherheitsgefängnis untergebracht wurde. Dort begann er eine Mordserie der grausamsten Art.

Hochsicherheitsgefängnisse wurden sein Zuhause. Seit nunmehr fast drei Jahrzehnten ist er im Wakefield-Gefängnis untergebracht, in Einzelhaft, in einer Doppelzelle ohne Fenster. Eine dicke Panzerglasscheibe trennt ihn von den Wächtern, die den gefährlichen Psychopathen ständig beobachten können. Sein Essen wird ihm auf Papptellern gereicht. Nur Plastikgeschirr darf er benutzen, weil ein metallenes Essbesteck in seinen Händen zur tödlichen Waffe würde. Sechs bis acht Wächter, unterstützt von äußerst scharfen Wachhunden, passen auf ihn auf, wenn er seinen »Spaziergang« auf einem streng bewachten Gang absolviert. Die Tiere wurden eigens für Maudsley angeschafft. Ein Kontakt zu Mitgefangenen sollte vermieden werden. Das gelang aber nur bedingt, was einige Mithäftlinge mit dem Leben bezahlen mussten.

Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen mordete der reale Hannibal Lecter im Gefängnis weiter, stets im Hass auf Homosexuelle und pädophile Straftäter. (1) Wiederholt soll es dabei zu Kannibalismus gekommen sein.

Am 5. März 2012 vermeldete »Daily Mirror«, Robert John Maudsley sei »bei schlechter Gesundheit«. Zwei Ärzte behandeln ihn, wohl nicht ohne Angst. Die Bevölkerung muss aber keine Angst haben: Maudsley gehört zu einer kleinen Minderheit von Häftlingen, die unter keinen Umständen je wieder in die Freiheit entlassen werden. Der gefährliche Mörder wird den Rest seiner Tage in Einzelhaft verbringen. Nur so kann die Öffentlichkeit vor der menschlichen Bestie geschützt werden.

Der Staffelberg - Foto: W-J.Langbein
Von England nach Deutschland. Auch im »Schatten des Staffelbergs« wurde gemordet... Im Frankenland suchte die Polizei vor Jahrzehnten 357 Tage lang nach dem Mörder von drei jungen Mädchen. Am 2. Weihnachtsfeiertag 1959 schlug der damals sechzehnjährige Manfred Wittmann erstmals zu und fiel über eine 19-Jährige her. Der Täter zwang sein Opfer, sich auszuziehen. Mit seinem Taschenmesser verletzte er die junge Frau schwer. Sie überlebte aber zum Glück. Zu einer Verhaftung kam es damals nicht. Gerüchte kursierten damals, wonach Manfred Wittmann Kratzwunden an den Händen hatte. Wie hatte er sich die Wunden zugezogen?

Fast ein Jahrzehnt verstrich. Dann, am 19. Dezember 1968 ermordete er auf bestialische Weise Nora Wenzl. Zwei weitere, grausame Morde folgten. Am 28. August 1969 tötete er Helga Luther, am 15. November 1969 Sieglinde Heubner. Jetzt erinnerte sich ein Zeuge an den Mordversuch von 1959 ... und an die Kratzspuren an den Händen von Manfred Wittmann. Er wurde verhaftet.

Am 15. Dezember 1971 wurde das Urteil verkündet: drei Mal lebenslänglich für drei Morde »zur Befriedigung seines sadistischen Geschlechtstriebes. Inzwischen wurde die Haft von der Strafvollzugskammer Regensburg auf Bewährung ausgesetzt. Bis zum 30. September 2012 soll, so das Gericht, »eine geeignete Unterbringung« gefunden werden für den inzwischen 69jährigen gefunden werden. Nach fast 42 Jahren Haft, so heißt es, mache eine weitere Inhaftierung des »gesundheitlich schwer Angeschlagenen keinen Sinn«. Eine »geeignete Unterbringung«, etwa bei einer karitativen Organisation, scheint bislang nicht gefunden worden zu sein. Möglicherweise wird Manfred Wittmann in einer Pension untergebracht werden müssen.

In Volker Backerts Roman »Das Haus vom Nikolaus« taucht Manfred Wittmann am Rande, aber mit Namensnennung auf:

»Angespannte Stille herrschte unter den zwölf Kripobeamten. Nur Charly klapperte ungeniert mit der Kaffeetasse, während Polizeidirektor Frank Ritter an einem PC die Tatortfotos studierte. ›Grausam … so was haben wir hier in der Region seit Wittmann in den Sechzigern nicht mehr erlebt.‹«

Fahrt durch den Gottesgarten - Foto: W-J.Langbein
Volker Backert ist mit »Das Haus vom Nikolaus« ein in höchstem Maße spannender Krimi, ein Thriller von Klasse und Format, gelungen. Autor Backert, wie der Rezensent am Obermain aufgewachsen, hat mit seinem Erstling überzeugt. Wie? Die »Neue Presse«, Coburg, brachte es in einer angemessenen Rezension auf den Punkt (2):

»Gründlich recherchiert, geschickt aufgebaut und flüssig geschrieben, bietet der 250-Seiten-Krimi professionelle Hochspannung, süffisanten Lesestoff und jede Menge Lokalkolorit. Allerdings auch drastische Gewaltszenen und unbehagliche Exkurse in menschliche Abgründe.«

Auch der Rezension des »Nordbayerischen Kurier« kann ich voll inhaltlich zustimmen. Da heißt es (3): »Der Autor Volker Backert hat mit seinem Erstling einen äußerst gelungenen Krimi hingelegt: Spannend konstruiert, gut erzählt, kenntnisreich angelegt und mit einem überraschenden Ende. Backert ist nämlich durchaus Profi: Als Abteilungsleiter für öffentliche Sicherheit arbeitet er eng mit der Polizei zusammen. Ein Umstand, der seinem Krimidebüt wohl tut. Backert hat einen Frankenkrimi geschrieben, der erzählerisch und kompositorisch auf einem hohen Niveau liegt."

Kenntnisreich ist Backerts Werk in jeder Hinsicht: in Sachen Ermittlungsarbeit der Polizei bei der Jagd nach einem Serienkiller, in Sachen Erstellung eines Täterprofils. Realistisch ist er auch in Sachen tagtäglicher Polizeiroutine. Spätestens als der Verdacht, ein Serienkiller könne »aktiv« sein, publik und von der Sensationspresse genüsslich zelebriert wird, arbeitet die Polizei unter wachsendem Erfolgsdruck. Schlagzeilen treiben die zunächst im Trüben fischenden Ermittler an. Die Politik will Erfolge sehen. Kaum gerät jemand unter Verdacht, droht verfrühter Jubel. Polizeiobrigkeit und Politik möchten so rasch wie möglich den Verdächtigen ... den Schuldigen präsentieren. Das Risiko ist groß. Leicht kann verfrüht der Falsche zum Täter erklärt werden. Und dann hat der wahre Killer freie Hand.

Es stimmt einfach alles: Der geschickte Aufbau des Romans vom Anfang bis zum packenden Finale hat mich überzeugt. Die Spannung wächst von Seite zu Seite, ohne dass das auf Kosten von Logikfehlern geht. Backert versteht es meisterlich, stets realitätsnah zu bleiben. Er stellt so manchen amerikanischen Megabestseller in den Schatten!

Volker Backert
Mir ging es so: Ich habe Backerts »Haus vom Nikolaus« zu lesen begonnen, weil der Thriller in meiner fränkischen Heimat spielt. Ich wollte – durchaus kritisch – überprüfen, in wieweit reale Szenarien beschrieben werden. Würde ich das schöne Frankenland erkennen? Mich hat bald das liebevoll-präzise Lokalkolorit begeistert. Dann aber geriet ich in den Sog der Handlung. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ich musste einfach weiter und weiter lesen. Ich wurde förmlich in den Strudel der immer schneller ablaufenden Handlung gezogen.

Lesend folgte ich dem Geschehen von Tatort zu Tatort im Oberfänkischen, von grausiger Mordtat zu grausiger Mordtat, in die Finsternis der Seele eines Serienmörders. Mörder und Polizei arbeiten beide gegen die Zeit. Der psychopathische Mörder hat sein Ziel im Auge, seinen finalen »Höhepunkt« in einer Mordserie. Der wahnsinnige Kranke will seine Macht demonstrieren: seinen Opfern gegenüber, aber auch der Polizei gegenüber. Am Schluss möchte er als triumphierender Allmächtiger erkannt, anerkannt werden.

Die Polizei ist im Nachteil. Der Täter ist ihr immer um Schritte voraus. Die Polizei kommt ihm langsam auf die Spur. Wird es den Ermittlern gelingen, den Täter einzuholen? Kann die Polizei zugreifen, noch bevor ein weiterer Mord geschieht? Ist es möglich, den Täter zu manipulieren? Kann man ihn durch gezielte Pressemeldungen beeinflussen? Ist es möglich, den nächsten Mord zu verhindern ... oder zumindest hinauszuzögern? Oder muss die Polizei ohnmächtig weitere Untaten geschehen lassen?

Positiv fällt auf: Die Gewaltszenen, die Backert beschreibt, sind durchaus drastisch, aber nie reine Effekthascherei, nie übertrieben, nie Selbstzweck. Natürlich will ich das überraschende Ende nicht verraten. Klar ist, dass am Ende das Gute obsiegt, sprich der blutrünstige Serienmörder zur Strecke gebracht wird. Natürlich wird sein letztes Opfer noch gerade rechtzeitig befreit.

Eigentlich lese ich so gut wie keine Krimis oder Thriller. Aber »Das Haus vom Nikolaus« habe ich in einem Rutsch verschlungen. Ich weiß jetzt, wer der Mörder ist. Das Ende war für mich überraschend, obwohl ich als Autor vieler Kurzkrimis »vom Fach« bin. Ich frage mich, wann es erste Hinweise auf den Täter gab, die ich womöglich übersehen habe. Auf alle Fälle werde ich »Das Haus vom Nikolaus« ein zweites Mal lesen – und jetzt in Ruhe genießen!

Ich kann »Das Haus vom Nikolaus« nur wärmstens empfehlen. Auch was Krimis angeht, muss es nicht immer nur »Amikost« sein! Und ein Besuch im Frankenland ... lohnt sich wirklich. Die Basilika von Vierzehnheiligen ist eine Perle sakraler Baukunst. Sie liegt am Jakobsweg ... und just in der Region, in die uns Volker Backert mit seinem Roman entführt!

Fußnoten
1 Die Angaben über Robert John Maudsley, seine Haftbedingungen und Straftaten variieren in den zahlreichen Berichten. Jaques Bauval hat ein Buch über den Serienmörder verfasst.
Bauval, Jaques: Der wahre Hannibal Lecter, Augsburg 2003
2 »Neue Presse«, Coburg, 08.07.2010
3 »Nordbayerischer Kurier«, Bayreuth, 2.10.2010 (links: Vierzehnheiligen, Foto Ingeborg Diekmann)


Volker Backert: Das Haus vom Nikolaus, Emons Verlag 2010, 254 Seiten, Euro 9,90
Volker Backert: Das Haus vom Nikolaus, Emons Verlag, kindle-Edition 2011, Euro 8,49



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