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Sonntag, 16. Juni 2019

491 »Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«

Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Der Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern nur ein Zwischenereignis, ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in eine andere.«, konstatierte Wilhelm von Humboldt (*1767,†1835). In unserer modernen Apparatemedizin wird versucht, den Tod als ein klar definiertes Ende des Lebens zu umschreiben. Der Todesmoment muss juristisch klar definiert werden, um festzulegen, von welchem Zeitpunkt an Organentnahmen und Übertragungen möglich sind. Jahrhunderte der Erforschung des Übersinnlichen freilich lassen erhebliche Zweifel daran aufkommen, ob es sich so eindeutig festlegen lässt, was Noch-Leben und Schon-Tod eigentlich sind. Das wird durch das Geheimnis der kopflosen Gestalten verdeutlicht.

Foto 1: Der Heilige Denis...
Schallend lacht der römische Henkersknecht. »Na, da wird es wohl doch nichts mehr werden mit deiner Stadtgründung!« Mit diesen Worten schlägt er dem Bischof von Paris, dem Heiligen Denis, den Kopf ab. Die Hinrichtung ist vollzogen. Die ersten Schaulustigen treten den Heimweg an. Doch da durchzuckt wieder (?) Leben den toten (?) Körper. Entsetzt fliehen die Menschen, allen voran der lästernde Henkersknecht. Wie eine Marionette, von einem unsichtbaren Spieler an unsichtbaren Fäden gezogen, erhebt sich der tote St. Denis, ergreift sein Haupt mit der Bischofsmütze. Er beginnt zu laufen.

St. Denis wurde zusammen mit dem Priester Rustikus und dem Diakon Eleutherius auf dem Momatre enthauptet. Ob das anno 272 oder erst 285 geschah, das konnte nicht ganz geklärt werden. König Dagobert ließ Reliquien in die Kirche der Benediktinerabtei Saint-Denis übertragen, die dadurch zum größten Heiligtum Galliens und später zu einer Art Nationalmausoleum wurde. Hier fanden fast alle Könige Frankreichs ihre letzte Ruhestätte. Die Kirchenfahne von St. Denis erlangte unter dem Namen »Oriflamme« als Siegesfahne der französischen Könige Berühmtheit. Dargestellt wird St. Denis als Bischof mit abgeschlagenen Kopf in der Hand. So zeigt ihn auch eine Statuette in der oberfränkischen Basilika Vierzehnheiligen bei Bad Staffelstein (Bauzeit:1743-1772), wo er als einer der vierzehn »Nothelfer« verehrt wird. So begegnet St. Denis uns im ehemaligen Kloster zu Corvey.

St. Denis, alias Heiliger Dionysius, wird zu den »Vierzehn Nothelfern« gezählt, die auch in meiner fränkischen Heimat verehrt werden. In der Basilika »Vierzehnheiligen« gruselte es mich als Kind beim Anblick einer Statue des Heiligen ohne Kopf, der sein abgeschlagenes Haupt trägt. Im ehemaligen Kloster Corvey fotografierte ich ihn, den Heiligen Denis. Er macht, trotz seiner misslichen Lage, eigentlich einen fidelen Eindruck.

Foto 2: ... trägt sein Haupt.
Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982), Wien, im Gespräch mit dem Verfasser: »Das rätselhafte Geschehen um den Heiligen Denis von Frankreich stellt kein einzigartiges Mysterium dar. Doch von den Erzählungen von kopflose Gesellen ist die St. Denis-Geschichte die älteste bekannte. Wer sich mit dem Rätsel der kopflosen lebenden Toten oder der kopflosen toten Lebenden auseinandersetzen will, der muss mit St. Denis im dritten nachchristlichen Jahrhundert anfangen.« Nicht nur Heiligen wird nachgesagt, dass sie kopflos wandeln konnten.

Der Überlieferung nach wurde der legendäre Pirat Klaus Störtebeker am 20. Oktober anno 1401 auf dem »Grasbrook« bei Hamburg zum Richtblock geführt. Angeblich hat er kurz vor seinem Tod ein verlockendes Angebot gemacht. So man ihn den verschonen und ungehindert abziehen ließe, würde er sich das sehr viel kosten lassen. Er versprach für den Fall seiner Freilassung eine Goldkette, die rings um die Stadt reichen würde. Das Angebot wurde abgelehnt. Der Legende gelang dem berühmten Piraten eine wundersame Aktion. Der Henker versprach Störtebeker, allen seinen Kameraden das Leben zu schenken, an denen er nach seiner Enthauptung mit dem eigenen abgeschlagenen Kopf vorbeigehen würde. So wankte der kopflose Pirat an immerhin elf seiner Spießgesellen vorbei. Vermutlich hätte er seinen Weg noch weiter fortgesetzt, hätte man ihm nicht einen Holzscheit zwischen die Beine geworfen. Störtebeker strauchelte, wie die Legende sagt, und ging zu Boden. Seine vermeintlich geretteten Kameraden wurden trotzdem hingerichtet.

Foto 3: Klaus Störtebeker (?)
So sagt’s die Legende. An der aber ist nichts Wahres dran. Zu diesem Ergebnis kommt der Mittelalterexperte Gregor Rohmann. Nach Rohmanns profunden Recherchen war der historische Störtebeker gar kein Pirat. Der Danziger Kapitän Johann Stortebeker diente im frühen 15. Jahrhunderten verschiedenen Kriegsherrn. Um das Jahr 1400 wurden in Hamburg eine ganze Reihe von Piraten hingerichtet. Ein »Vitalienbruder Klaus Störtebeker« allerdings war nicht dabei. Der Kaufmann Stortebeker kaperte anno 1405 ein englisches Handelsschiff. Dagegen hatten die Hamburger nichts einzuwenden.

Bis ins dritte Jahrhundert zurückdatiert wird der Bericht von einer kopflosen Frau, die einem Mann namens Gabriel Fisher in der englischen Grafschaft Lancashire begegnet sein soll. Alkoholisiert war der Mann auf dem Nachhauseweg. Eben hat er, in Gesellschaft seines Hundes Trotty, das Wirtshaus »White Bull« verlassen. Plötzlich bleibt der treue Vierbeiner wie angewurzelt stehen. Eine Frau kommt des Wegs. Trotty knurrt sie an. Der Mann geht wankend weiter. Nach einigen Schritten kann er die Frau deutlicher sehen. Sie trägt ein langes, fließendes Gewand.

Foto 4: Denkmal für Störtebeker
Gabriel Fisher wundert sich, was eine doch ordentlich wirkende Frauensperson zu dieser Stunde, es ist nach Mitternacht, auf der Straße zu suchen hat. Neugierig geworden spricht er sie an. Auf seine Fragen gibt sie knappe, ausweichende Antworten. Aber plötzlich fängt sie an, hässlich zu lachen. Fisher will es erst nicht wahrhaben, aber es gibt keinen Zweifel: Die Stimme der Frau kommt aus einem Korb am Arm der Frau. Galant bietet Fisher der seltsamen Person an, ihr »Gepäck« zu tragen. Als er seinen Vorschlag macht, ertönt wieder das Lachen, und zwar aus dem Korb«! Da ist ein Tuch zur Seite gerutscht. Darunter liegt der Kopf der Frau. Der entsetzte Mann wirft den Korb weit von sich und rennt in  Todesangst los. Die Frau ergreift ihr Haupt und schleudert es Fisher nach. Schmutz spritzt zur Seite, als der Kopf in einer Pfütze aufschlägt. Lehm klebt im langen braunen Haar. Und das abgeschlagene Haupt stößt wie der ein markerschütterndes, hässliches Lachen aus.

Fisher flieht. Er  rennt so schnell er kann. Die unheimliche Erscheinung folgt ihm. Erst als er über einen kleinen Bach springt, bleibt sie zurück. Das unheimliche Phänomen wird immer wieder beschrieben . So heißt es von Anne Boleyn (*etwa 1504, †etwa 1536), der zweiten Frau Heinrich VIII., der Mutter von Elisabeth I.: Nach ihrer Enthauptung erschien sie immer wieder als scheinbar schwerelos dahinschwebendes Wesen, mit dem Kopf unter dem Arm. Zahllose Zeugen wollen sie bis in unsere Tage in prachtvollen Gewändern nahe beim Londoner Tower gesehen haben. Wie Anne Boleyn wurde auch Lord Simon Lovat (*etwa 1667, †1747) hingerichtet. Er war maßgeblich an einer Verschwörung gegen die Monarchie beteiligt. Nach seiner Enthauptung soll der Adelige wieder aufgetaucht sein, und zwar kopflos. Das sagt man auch dem Clanchef Ewen Mac Laine aus Mull nach. Er fiel auf dem Schlachtfeld und tauchte als kopfloser Geist immer wieder auf seinem Anwesen auf.

Wer freilich annimmt, dass derlei Erscheinungen nur auf tragische Geschehnisse längst vergangener Jahrhunderte zurückgehen, irrt. So ereignete sich um 1905 bei Crossett, Arkansas, USA, ein tragischer Unfall. Ein Bahnarbeiter wurde, als er etwas am stehenden Zug überprüfen wollte, enthauptet. Seither wird er häufig unweit von der Unfallstelle als ruhelos wandelnder Geist ohne Kopf gesehen. Im Dezember 1931 spielte sich in Gurdon, Arkansas, eine Tragödie ab. Vorarbeiter Will McClain entließ den Bahnarbeiter Lewis McBride wegen »Nachlässigkeit im Dienst«. Der ermordete daraufhin seinen Vorgesetzten. Der Täter wurde im Februar 1932 wegen dieses Verbrechens hingerichtet. Wenige Tage später sah man seinen kopflosen Geist ganz in der Nähe des Tatorts. Manchmal ist er klar zu erkennen. Häufig wird aber nur ein unheimliches, fahles Licht ausgemacht.

Foto 5: Der Heilige Denis...
In North Carolina bei Mintz spukt angeblich bis in unsere Tage ein Bahningenieur. Er kam bei einem Zugunfall ums Leben. In den Sechzigern sah man sein »Geisterlicht« fast jede Nacht. Als dann 1980 die Schienen abgebaut, die Bahnstrecke stillgelegt wurde, hörte der Spuk auf. Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982) wertet: »Es gibt eine Fülle von Hinweisen auf Geistererscheinungen, von Wesen ohne Kopf. Sie verdeutlichen, wie Spukphänomene überhaupt, eine uralte Vorstellung: Der Tod bedeutet kein endgültiges Aus. Vielmehr überlebt etwas vom Menschen seinen physischen Tod. Dieses Etwas kann anscheinend sichtbar werden. Eine Frage stellt sich: Kann man an derlei Überleben eines Teils des Menschen nur glauben? Oder ist es möglich, dieses Etwas zu beweisen, im Sinne von wissenschaftlicher Exaktheit?«

Ein Leser lud mich kürzlich nach Münsingen-Bonndorf ein. Zu nächtlicher Stunde könne ich da auf einsamer Landstraße einer unheimlichen Spukgestalt begegnen. Die Frau habe »vor Jahrhunderten  ihren Ehemann ermordet, um sich ihrem Geliebten zuzuwenden. Die Täterin wurde aber bald überführt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihr wurde der Kopf abgeschlagen. Zur Strafe muss sie seither als Geist mit dem Kopf unter dem Arm Nacht für Nacht umherwamdeln. Irgendwann wird sie erlöst werden.« Auch anno 2016 sei das unheimliche Phänomen regelmäßig zu beobachten. »Angst muss man keine haben! Die Geisterfrau mit dem Kopf unter’m Arm war immer freundlich und friedlich!« Ich muss zugeben, dass ich bislang die Einladung nicht angenommen habe.

Literatur
Langbein, Walter-Jörg: »Die großen Rätsel der letzten 2.500 Jahre«, Berlin 1997
Sieveking, Paul: »Headless railmen shining on the line«, in »The Sunday Telegraph«, 6. April 1997

Zu den Fotos
Foto 1:Der Heilige Denis trägt sein abgeschlagenes Haupt. Wikimedia commons Thesupermat
Foto 2: ... trägt sein Haupt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Klaus Störtebeker (?). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Denkmal für Störtebeker. Seeräuber Klaus Störtebeker in Marienhafe, Ostfriesland. wikimedia commons Anaconda74
Foto 5: Weitere Statue vom Heiligen Denis, Avignin 15. Jahrhundert.

492. »Unsterbliche Energie und Spukerscheinungen«,
Teil 492 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. Juni 2019



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Montag, 13. August 2012

Das Haus vom Nikolaus

Franken-Thriller von Volker Backert,
vorgestellt von
Walter-Jörg Langbein


Blick in den Gottesgarten
Foto: W-J.Langbein
Einst war das Maintal im Oberfränkischen ein echtes Idyll. Man nannte die Region um Michelau, Lichtenfels und Bad Staffelstein zu Recht den »Gottesgarten«. Als Schulknabe fuhr ich oft vom heimatlichen Michelau zum Gymnasium im etwa fünf Kilometer entfernten Lichtenfels und wieder zurück. Heute grenzt es schon fast an Todessehnsucht, will man diese Strecke mit dem Fahrrad absolvieren. Das einst so schöne Maintal ist förmlich auseinander gerissen worden ... Ein Opfer wurde dem Straßenverkehr gebracht.

Und doch ist das einstige Gottesgärtchen immer noch eine Reise wert: Schloss Banz, Vierzehnheiligen, Staffelberg, die Veste Coburg und so manches Fest zur Sommerszeit locken.

Volker Backert spricht diesen traurigen Sachverhalt in seinem Thriller »Das Haus vom Nikolaus« an:

»›Erst mal drüberfliegen!‹, entschied Charly. Links thronte Kloster Banz, gegenüber ragte Vierzehnheiligen empor. Genau dazwischen hatte die A 73 samt Ein- und Ausschleifungen den einstigen ›Gottesgarten am Obermain‹ plattgemacht.«

In Backerts Thriller wütet ein Serienkiller im Fränkischen. Er sucht sich seine Opfer auf der »Berch Kerwa« in Erlangen, beim »Coburger Samba-Festival«, bei der »Obermain-Beach-and-River-Party« ... kurz gesagt dort, wo recht viele Menschen ausgelassen feiern.

Schloss und Kloster Banz - Foto: W-J.Langbein
Volker Backert, 1962 in Coburg geboren und am Obermain aufgewachsen, studierte in München und Bayreuth. In Coburg hat er einen Job als »Abteilungsleiter für Öffentliche Sicherheit«. Seit Jahren arbeitet er eng mit der Polizei zusammen. So verwundert es nicht, mit welcher Präzision er die Arbeit der Polizei bei der Suche nach einem gefährlichen Serienkiller schildert.

Auch ist ihm die Pressearbeit vertraut. Und so überzeugt er auch mit seiner glasklaren Analyse des Umgangs von Sensationsmedien mit der Realität ... wenn es um die Berichterstattung über blutrünstige Verbrechen geht. »Das Haus vom Nikolaus« - eine mysteriöse »Signatur«, die der Mörder seinen Opfern in den Leib schneidet – ist bestechend in seiner Beschreibung von eigentlich unfassbarer Realität.

Wer glaubt, Serienmörder würden – wie der fiktive Hannibal Lecter – nur in reißerischen Romanen ihr Unwesen treiben, der irrt. Und wer glaubt, dass Serienkiller nur weitab von deutschen Landen Menschen morden, der irrt genauso gewaltig.

Richard Harris erfand die Horrorgestalt Lecter, machte den Arzt und Kannibalen weltberühmt. Anthony Hopkins übernahm die Rolle des psychopathisch-morbiden Mörders in »Das Schweigen der Lämmer«, »Hannibal«, »Roter Drache« und »Hannibal Rising – Wie alles begann« (2007). Was viele Kinogänger nicht wissen: Die Realität ist oft nicht weniger grausam als die Fiktion!

Robert John Maudsley, 1953 geboren, war der wirkliche, der reale Hannibal Lecter. Als jugendlicher, drogenabhängiger Stricher peinigte der Brite einen »Kunden« auf so grausame Weise zu Tode, dass er – ganz ähnlich wie Hannibal Lecter – in einem Hochsicherheitsgefängnis untergebracht wurde. Dort begann er eine Mordserie der grausamsten Art.

Hochsicherheitsgefängnisse wurden sein Zuhause. Seit nunmehr fast drei Jahrzehnten ist er im Wakefield-Gefängnis untergebracht, in Einzelhaft, in einer Doppelzelle ohne Fenster. Eine dicke Panzerglasscheibe trennt ihn von den Wächtern, die den gefährlichen Psychopathen ständig beobachten können. Sein Essen wird ihm auf Papptellern gereicht. Nur Plastikgeschirr darf er benutzen, weil ein metallenes Essbesteck in seinen Händen zur tödlichen Waffe würde. Sechs bis acht Wächter, unterstützt von äußerst scharfen Wachhunden, passen auf ihn auf, wenn er seinen »Spaziergang« auf einem streng bewachten Gang absolviert. Die Tiere wurden eigens für Maudsley angeschafft. Ein Kontakt zu Mitgefangenen sollte vermieden werden. Das gelang aber nur bedingt, was einige Mithäftlinge mit dem Leben bezahlen mussten.

Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen mordete der reale Hannibal Lecter im Gefängnis weiter, stets im Hass auf Homosexuelle und pädophile Straftäter. (1) Wiederholt soll es dabei zu Kannibalismus gekommen sein.

Am 5. März 2012 vermeldete »Daily Mirror«, Robert John Maudsley sei »bei schlechter Gesundheit«. Zwei Ärzte behandeln ihn, wohl nicht ohne Angst. Die Bevölkerung muss aber keine Angst haben: Maudsley gehört zu einer kleinen Minderheit von Häftlingen, die unter keinen Umständen je wieder in die Freiheit entlassen werden. Der gefährliche Mörder wird den Rest seiner Tage in Einzelhaft verbringen. Nur so kann die Öffentlichkeit vor der menschlichen Bestie geschützt werden.

Der Staffelberg - Foto: W-J.Langbein
Von England nach Deutschland. Auch im »Schatten des Staffelbergs« wurde gemordet... Im Frankenland suchte die Polizei vor Jahrzehnten 357 Tage lang nach dem Mörder von drei jungen Mädchen. Am 2. Weihnachtsfeiertag 1959 schlug der damals sechzehnjährige Manfred Wittmann erstmals zu und fiel über eine 19-Jährige her. Der Täter zwang sein Opfer, sich auszuziehen. Mit seinem Taschenmesser verletzte er die junge Frau schwer. Sie überlebte aber zum Glück. Zu einer Verhaftung kam es damals nicht. Gerüchte kursierten damals, wonach Manfred Wittmann Kratzwunden an den Händen hatte. Wie hatte er sich die Wunden zugezogen?

Fast ein Jahrzehnt verstrich. Dann, am 19. Dezember 1968 ermordete er auf bestialische Weise Nora Wenzl. Zwei weitere, grausame Morde folgten. Am 28. August 1969 tötete er Helga Luther, am 15. November 1969 Sieglinde Heubner. Jetzt erinnerte sich ein Zeuge an den Mordversuch von 1959 ... und an die Kratzspuren an den Händen von Manfred Wittmann. Er wurde verhaftet.

Am 15. Dezember 1971 wurde das Urteil verkündet: drei Mal lebenslänglich für drei Morde »zur Befriedigung seines sadistischen Geschlechtstriebes. Inzwischen wurde die Haft von der Strafvollzugskammer Regensburg auf Bewährung ausgesetzt. Bis zum 30. September 2012 soll, so das Gericht, »eine geeignete Unterbringung« gefunden werden für den inzwischen 69jährigen gefunden werden. Nach fast 42 Jahren Haft, so heißt es, mache eine weitere Inhaftierung des »gesundheitlich schwer Angeschlagenen keinen Sinn«. Eine »geeignete Unterbringung«, etwa bei einer karitativen Organisation, scheint bislang nicht gefunden worden zu sein. Möglicherweise wird Manfred Wittmann in einer Pension untergebracht werden müssen.

In Volker Backerts Roman »Das Haus vom Nikolaus« taucht Manfred Wittmann am Rande, aber mit Namensnennung auf:

»Angespannte Stille herrschte unter den zwölf Kripobeamten. Nur Charly klapperte ungeniert mit der Kaffeetasse, während Polizeidirektor Frank Ritter an einem PC die Tatortfotos studierte. ›Grausam … so was haben wir hier in der Region seit Wittmann in den Sechzigern nicht mehr erlebt.‹«

Fahrt durch den Gottesgarten - Foto: W-J.Langbein
Volker Backert ist mit »Das Haus vom Nikolaus« ein in höchstem Maße spannender Krimi, ein Thriller von Klasse und Format, gelungen. Autor Backert, wie der Rezensent am Obermain aufgewachsen, hat mit seinem Erstling überzeugt. Wie? Die »Neue Presse«, Coburg, brachte es in einer angemessenen Rezension auf den Punkt (2):

»Gründlich recherchiert, geschickt aufgebaut und flüssig geschrieben, bietet der 250-Seiten-Krimi professionelle Hochspannung, süffisanten Lesestoff und jede Menge Lokalkolorit. Allerdings auch drastische Gewaltszenen und unbehagliche Exkurse in menschliche Abgründe.«

Auch der Rezension des »Nordbayerischen Kurier« kann ich voll inhaltlich zustimmen. Da heißt es (3): »Der Autor Volker Backert hat mit seinem Erstling einen äußerst gelungenen Krimi hingelegt: Spannend konstruiert, gut erzählt, kenntnisreich angelegt und mit einem überraschenden Ende. Backert ist nämlich durchaus Profi: Als Abteilungsleiter für öffentliche Sicherheit arbeitet er eng mit der Polizei zusammen. Ein Umstand, der seinem Krimidebüt wohl tut. Backert hat einen Frankenkrimi geschrieben, der erzählerisch und kompositorisch auf einem hohen Niveau liegt."

Kenntnisreich ist Backerts Werk in jeder Hinsicht: in Sachen Ermittlungsarbeit der Polizei bei der Jagd nach einem Serienkiller, in Sachen Erstellung eines Täterprofils. Realistisch ist er auch in Sachen tagtäglicher Polizeiroutine. Spätestens als der Verdacht, ein Serienkiller könne »aktiv« sein, publik und von der Sensationspresse genüsslich zelebriert wird, arbeitet die Polizei unter wachsendem Erfolgsdruck. Schlagzeilen treiben die zunächst im Trüben fischenden Ermittler an. Die Politik will Erfolge sehen. Kaum gerät jemand unter Verdacht, droht verfrühter Jubel. Polizeiobrigkeit und Politik möchten so rasch wie möglich den Verdächtigen ... den Schuldigen präsentieren. Das Risiko ist groß. Leicht kann verfrüht der Falsche zum Täter erklärt werden. Und dann hat der wahre Killer freie Hand.

Es stimmt einfach alles: Der geschickte Aufbau des Romans vom Anfang bis zum packenden Finale hat mich überzeugt. Die Spannung wächst von Seite zu Seite, ohne dass das auf Kosten von Logikfehlern geht. Backert versteht es meisterlich, stets realitätsnah zu bleiben. Er stellt so manchen amerikanischen Megabestseller in den Schatten!

Volker Backert
Mir ging es so: Ich habe Backerts »Haus vom Nikolaus« zu lesen begonnen, weil der Thriller in meiner fränkischen Heimat spielt. Ich wollte – durchaus kritisch – überprüfen, in wieweit reale Szenarien beschrieben werden. Würde ich das schöne Frankenland erkennen? Mich hat bald das liebevoll-präzise Lokalkolorit begeistert. Dann aber geriet ich in den Sog der Handlung. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ich musste einfach weiter und weiter lesen. Ich wurde förmlich in den Strudel der immer schneller ablaufenden Handlung gezogen.

Lesend folgte ich dem Geschehen von Tatort zu Tatort im Oberfänkischen, von grausiger Mordtat zu grausiger Mordtat, in die Finsternis der Seele eines Serienmörders. Mörder und Polizei arbeiten beide gegen die Zeit. Der psychopathische Mörder hat sein Ziel im Auge, seinen finalen »Höhepunkt« in einer Mordserie. Der wahnsinnige Kranke will seine Macht demonstrieren: seinen Opfern gegenüber, aber auch der Polizei gegenüber. Am Schluss möchte er als triumphierender Allmächtiger erkannt, anerkannt werden.

Die Polizei ist im Nachteil. Der Täter ist ihr immer um Schritte voraus. Die Polizei kommt ihm langsam auf die Spur. Wird es den Ermittlern gelingen, den Täter einzuholen? Kann die Polizei zugreifen, noch bevor ein weiterer Mord geschieht? Ist es möglich, den Täter zu manipulieren? Kann man ihn durch gezielte Pressemeldungen beeinflussen? Ist es möglich, den nächsten Mord zu verhindern ... oder zumindest hinauszuzögern? Oder muss die Polizei ohnmächtig weitere Untaten geschehen lassen?

Positiv fällt auf: Die Gewaltszenen, die Backert beschreibt, sind durchaus drastisch, aber nie reine Effekthascherei, nie übertrieben, nie Selbstzweck. Natürlich will ich das überraschende Ende nicht verraten. Klar ist, dass am Ende das Gute obsiegt, sprich der blutrünstige Serienmörder zur Strecke gebracht wird. Natürlich wird sein letztes Opfer noch gerade rechtzeitig befreit.

Eigentlich lese ich so gut wie keine Krimis oder Thriller. Aber »Das Haus vom Nikolaus« habe ich in einem Rutsch verschlungen. Ich weiß jetzt, wer der Mörder ist. Das Ende war für mich überraschend, obwohl ich als Autor vieler Kurzkrimis »vom Fach« bin. Ich frage mich, wann es erste Hinweise auf den Täter gab, die ich womöglich übersehen habe. Auf alle Fälle werde ich »Das Haus vom Nikolaus« ein zweites Mal lesen – und jetzt in Ruhe genießen!

Ich kann »Das Haus vom Nikolaus« nur wärmstens empfehlen. Auch was Krimis angeht, muss es nicht immer nur »Amikost« sein! Und ein Besuch im Frankenland ... lohnt sich wirklich. Die Basilika von Vierzehnheiligen ist eine Perle sakraler Baukunst. Sie liegt am Jakobsweg ... und just in der Region, in die uns Volker Backert mit seinem Roman entführt!

Fußnoten
1 Die Angaben über Robert John Maudsley, seine Haftbedingungen und Straftaten variieren in den zahlreichen Berichten. Jaques Bauval hat ein Buch über den Serienmörder verfasst.
Bauval, Jaques: Der wahre Hannibal Lecter, Augsburg 2003
2 »Neue Presse«, Coburg, 08.07.2010
3 »Nordbayerischer Kurier«, Bayreuth, 2.10.2010 (links: Vierzehnheiligen, Foto Ingeborg Diekmann)


Volker Backert: Das Haus vom Nikolaus, Emons Verlag 2010, 254 Seiten, Euro 9,90
Volker Backert: Das Haus vom Nikolaus, Emons Verlag, kindle-Edition 2011, Euro 8,49



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