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Sonntag, 12. Juli 2020

547. »Von anderen Welten – in und über der Welt«

Teil 547 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1+ 2: Der mysteriöse Staffelberg
(Historische Aufnahmen).
Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein

Der vermeintlich wissenschaftlich denkende, jedem Aberglauben abholde Zeitgenosse hat ein simples Weltbild. Für ihn existiert hinter seinem »geistigen« Horizont nichts mehr. Unsere Altvorderen indes waren von Welten jenseits willkürlich gesteckter Grenzen überzeugt. Die Welten hinter der Welt freilich sind faszinierend und spannend, für den ängstlichen Menschen manchmal furchteinflößend. Und der vermeintlich aufgeklärte, oft aber nur engstirnige Mensch leugnet ihre Existenz.

Geboren und aufgewachsen bin ich im oberfränkischen Michelau am Main. Schon als Kind faszinierte mich der mysteriöse Staffelberg, den ich so manches Mal mit meinem Vater erwanderte und erkundete. Der Staffelberg im »Gottesgarten« am Obermain ist mit seinen 539 m über Normalnull weithin sichtbar.

Schon in der Jungsteinzeit (um 5000 v. Chr.) war er besiedelt, die Kelten errichteten vor rund 2.000 Jahren ihr wehrhaftes Oppidum Menosgada auf dem Hochplateau des Staffelbergs. Vermutlich gab es auch ein uraltes Heiligtum, auf dessen Fundamenten die »Adelgundiskapelle« errichtet wurde.

Der Sage nach ist in einer verborgenen Höhle tief im Inneren des Staffelbergs oder darunter ein gewaltiger Schatz von unermesslichem Wert versteckt. Nur alle hundert Jahre öffnet sich der Berg zu mitternächtlicher Stunde. Für genau eine Stunde gibt er dann den Weg zur Schatzhöhle frei. Genauer gesagt: Alle einhundert Jahre, so überliefert es die Sage, (1) »öffnet sich das Felsentor, um für eine Stunde allen Sonntagskindern Eintritt zu gewähren.«

Ein junger Schäfer, der tatsächlich an einem Sonntag geboren war, wusste von diesem Geheimnis des Staffelbergs. Dem jungen Mann war vor allem bekannt, dass es bald wieder soweit sein würde, dass sich der Staffelberg für eine Stunde auftun würde. Darauf wartete er, gespannt und geduldig zugleich, ganz in der Nähe des mysteriösen Berges. Dann geschah das Unfassbare wirklich (2):

»Die Johannisnacht war gekommen, es näherte sich die mitternächtliche Stunde. Da vernahm der Schäfer ein gewaltiges Dröhnen und Donnern und er fürchtete sich sehr. Doch er nahm allen Mut zusammen und lief auf den Staffelberg zu. Er sah den Berg weit aufgetan und es glänzte, glitzerte und schimmerte ihm entgegen.« Der Schäfer konnte sein Glück kaum fassen. Eilig ging er durch ein offenes Felsentor im Berg (3) »und spürte mit seinen Händen, daß seine Augen ihn nicht betrogen hatten. Gold, edles Gestein, Perlen und Silber lagen da in solchen Mengen, wie sie der Junge sein Lebtag noch nicht gesehen hatte.«

Jetzt vernahm das Sonntagskind eine laute, dröhnende Stimme. Er dürfe von den Schätzen so viel an sich nehmen, wie er nur wolle. Doch nur eine Stunde würde der Berg offen stehen, dann sollte sich das Felsentor wieder schließen. Wie von Sinnen und mit wachsender Gier, die seine Sinne trübte, stopfte sich der Schäfer die Taschen voll und vergaß darüber die Zeit (4): »Gerade als er sich noch einen funkelnden Edelstein einstecken wollte, hörte er eine Uhr schlagen. Wie gepeitscht lief der Schäfer dem Ausgang zu. Aber, oh weh, mit einem donnernden Getöse schloß sich der Berg. Kein Spalt war mehr zu sehen. Nach hundert Jahren, als sich der Staffelberg wieder in der Johannisnacht auftat, verließ ein uralter Mann mit leeren Taschen den Berg. Er brauchte keine Schätze mehr.«

Die Sage vom Schäfer im Staffelberg weist auf ein uraltes Weltbild hin. Verborgen und unsichtbar gibt es noch andere Welten jenseits der Grenzen unserer sichtbaren Welt. Der Zugang zu so einer geheimen Welt soll der mysteriöse Staffelberg sein. Bleiben wir im herrlichen Frankenland. Eine weitere Sage, auf die ich nun etwas ausführlicher eingehen möchte, berichtet von einem anderen »Felsentor« in eine andere Welt.

Foto 3: Blick ins Kleinziegenfelder Tal bei
Wallersberg (vor 1940). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

»Vor langer Zeit wohnte eine fleißige Magd mit ihrem Söhnchen bei einem Bauern in Wallersberg, dem Ort über der Weihersmühle. Es war gerade Sommer und die Ernte sollte eingebracht werden. Der Bauer, die Bäuerin, der Knecht und die Magd schickten sich an einem heißen Augusttag an, mit ihren Sensen und Sicheln aufs Feld zu gehen, um das Getreide zu schneiden. Um den Weg zum Acker abzukürzen, wählten sie einen schmalen Feldrain, der zwischen zwei Getreidefeldern lag. Der Bauer und die Knechte schritten schnell voran, während die Bäuerin und die Magd, der ihr fünfjähriges Knäblein gefolgt war, zwischen den hohen Getreidehalmen langsam vorankamen. Zumal der Kleine hin und wieder stehenblieb, um Kornblumen zu pflücken. Obwohl ihn die Mutter zur Eile aufforderte, blieb er immer zurück. Er konnte nicht genug von den prächtigen blauen Blumen bekommen. Schließlich hatte er einen Strauß, den er mit einer Hand nicht mehr umspannen konnte.«

So beginnt (5) die Sage »Der verschwundene Knabe von Wallersberg«. H. Barnickel hat sie 1936 in einem Manuskript festgehalten, das leider nie publiziert wurde. Elisabeth und Konrad Radunz haben den mysteriösen Text 60 Jahre später, 1996, veröffentlicht.

Wallersberg und Weihersmühle kenne ich gut. In meiner Jugend bin ich manches Mal im »Gasthof Forelle«, Weihersmühle, eingekehrt. Wallersberg liegt in einer Höhe von 453 m auf einer Hochebene am östlichen Rand des malerischen Kleinziegenfelder Tals. Heute leben hier wohl weniger als vierzig Menschen. Wandernd erkundete ich 1975 Wallersberg und Umgebung. Enttäuscht, ja ein wenig entsetzt, musste ich erfahren, dass bei der Sanierung der kleinen Kapelle von Wallersberg (»St. Katharina«, angeblich 1325 erbaut) ein Urnengrab zerstört wurde, das vor mehr als zwei Jahrtausenden angelegt worden war. Ein greiser Bauer, dem ein langes, arbeitsreiches Leben anzusehen war, versicherte mir, dass im Grab mehrere »tönerne Gefäße« gefunden worden seien, die achtlos weggeworfen wurden. »Das war doch alter Plunder! Wertloses Zeug, überhaupt nicht irgendwie schön!

Traurig erzählte mir der Greis, dass vor langer Zeit die Heilquelle bei der Kapelle, die einst viele Wallfahrer anlockte, versiegt sei. Schuld sei ein schwedischer Soldat. Der habe die kostbare Quelle vergiftet, weil er sich über die frommen Pilger geärgert habe. Kein einziger Pilger kam zu Schaden, so der alte Herr, weil die munter sprudelnde Quelle abrupt verstummte, kaum dass der böse Soldat Gift ins heilsame Wasser gegeben habe. Auch die Sage vom »verschwundenen Knaben« kannte der greise Herr.

So geht es in der Sage weiter: Bauer und Bäuerin, Knecht und Magd machten sich an die Arbeit. Das Söhnchen der Magd aber erschien nicht. Die Bäuerin und die Magd bekamen Angst und eilten zurück. Sie nahmen den Weg, den sie gekommen waren, doch vom Knaben – keine Spur. Zurück zur Legende in der Fassung von H. Barnickel (6):

»Der Knabe aber war nicht zu sehen. Schließlich suchten alle Wallersberger den Fünfjährigen; der Bub jedoch war und blieb verschwunden. Jahre gingen ins Land. Im Dorf hat man oft von dem verschwundenen Knaben gesprochen. Nach genau zehn Jahren aber, als die Magd denselben Feldrain entlang ging wie damals, als sie ihr Kind verloren hatte, trat ihr an der Stelle, an der die meisten Kornblumen wuchsen, ein Jüngling entgegen. Es war ihr verschollener Bub. Auf die Frage der erschrockenen und doch überglücklichen Mutter, wie das alles zugegangen sei, erzählte ihr der Junge von einem seltsamen Erlebnis: ›Als ich mit meinem Kornblumenstrauß zu dir laufen wollte, stand ich ganz plötzlich vor einem großen Felsentor. Unter diesem war ein Mann, der mir freundlich zuwinkte.‹«

Die Kornblumen hatten das geheimnisvolle Felsentor geöffnet. Es zeigte sich, dass es der Eingang in eine andere Welt war, ins Jenseits. Immer wenn das Totenglöckchen erklang musste der Knabe das seltsame Tor öffnen, damit die Toten in die andere Welt eingehen konnten. Ihm war aber ausdrücklich verboten, den Toten nachzusehen. Als eines Tages der Pfarrer die Reise in die andere Welt antrat, da siegte die Neugier des Knaben. In der Sage kommt der Knabe zu Wort (7): »Da wollte ich doch schauen, wohin er gehen wollte und ich schaute ihm nach. Da sah ich eine große Stube, in der saßen alle die Bekannten, die ihm vorausgegangen waren und viele Leute, die ich nicht kannte.«

Der Sage nach gibt es im Staffelberg eine verborgene Welt voller Schätze. Der Sage nach gibt es in der Unterwelt von Wallersberg eine andere verborgene Welt, in der dumpf die Toten dahindämmern. Diese Vorstellung entspricht uraltem biblischen Glauben, der auch emsigen Bibellesern selten bekannt sein dürfte.

Foto 4: Die »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling.
Foto Walter-Jörg Langbein

Wer im »Alten Testament« die christliche Glaubenslehre vom Leben nach dem Tode sucht, wird nicht fündig. Wer gründlich liest, der entdeckt im »Alten Testament« eine Welt, vergleichbar mit jener unter Wallersberg. Im »Alten Testament« (8) wollte ein gewisser Korach aus dem Stamme Levi zusammen mit 250 Anhängern eine Revolution gegen Moses und Aaron anzetteln, ohne Erfolg freilich. Zur Strafe wurde er von Jahwe selbst in die Sheol-Welt verbannt. Die Erde zerriss (9) »und tat ihren Mund auf und verschlang sie mit ihren Sippen, mit allen Menschen, die zu Korach gehörten, und alle mit ihrer Habe. Und sie fuhren lebendig zu den Toten hinunter mit allem, was sie hatten und die Erde deckte sie zu. ... Und ganz Israel, das um sie war, floh vor ihrem Geschrei; denn sie dachten: dass uns die Erde nicht verschlinge.«

Die Sage »Der verschwundene Knabe von Wallersberg« sollte man nicht vorschnell belächeln. Sie bietet das gleiche Bild vom Jenseits wie das »Alte Testament«. Der »Wissenschaftliche Rat der Dudenredaktion« bringt es auf den Punkt (10): Gerade in den ältesten Büchern des »Alten Testaments« gibt es irgendwo in der Erde das Totenreich, Dort versammeln sich alle Toten, die frommen Gottgefälligen wie die bösen Sünder.

Die ältesten Jenseitsvorstellungen der Bibel sehen kein Leben nach dem Tode im christlichen Sinne vor. Alle Toten steigen am Ende des Lebens hinab ins Totenreich (11). Dort fristen alle Toten gemeinsam ganz im altorientalischen Geist eine wenig ansprechende schattenhafte Existenz in der Unterwelt, die als ein Land des Staubes bezeichnet wird (12). Wenig optimistisch klingt, was im Buch »Prediger« im »Alten Testament« zu lesen steht (13): »Im Totenreich, in das du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.« Im biblischen Buch »Hiob« geht es im »Jenseits« nicht minder deprimierend zu. Wer stirbt, der kommt (14) »ins Land der Finsternis und des Dunkels, ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn's hell wird, so ist es immer noch Finsternis.«

Was den Menschen im düsteren Totenreich erwartet, dass beschreibt der Psalmist in recht düsteren Farben (15): »Ich bin gerechnet zu denen, die in die Grube hinab fahren. Ich bin wie ein Mann, der keine Kraft hat, unter die Toten hingestreckt, wie Erschlagene, die im Grab liegen, derer du nicht mehr gedenkst. Denn sie sind von deiner Handabgeschnitten. Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternisse, in Tiefen.« Geradezu unappetitliche Aussichten drohen dem Dahingeschiedenen in der mehr als tristen Welt fern der Lebenden (16): »Gewürm wird dein Bett sein und Würmer deine Decke.«

Unweit des idyllischen Chiemsees wartet die kleine »St.-Jakobus-Kirche« auf Besucher. Im 12. Und 14. Jahrhundert entstanden herrliche Fresken, die allerdings zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert mehrfach übertüncht wurden. Erst anno 1923 wurden sie eher zufällig wieder entdeckt. 1940 begann man mit einer aufwändigen Freilegung. Im Abstand von Jahren wandten sich immer wieder Restaurateure den Kunstwerken zu, die so lange verdeckt waren, und legten noch so manches Bildnis frei.

Fotos 5 + 6: Jesus befreit die Toten aus dem düsteren Reich.
Wandmalerei in der »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling.
Fotos Walter-Jörg Langbein.


Interessant ist, wie die Vorstellung vom bedrückenden »Jenseits« im Christentum weiter lebt. Nur kommt jetzt Jesus, der Erlöser, und befreit die Menschen. Das Totenreich wird als monströses Fabelwesen dargestellt, das an eine Mischung aus Walfisch und Wolf erinnert. Jesus hat dem Monster das Maul aufgerissen und eine Maulsperre eingefügt, so dass die Hinabgestiegenen der geradezu höllischen Unterwelt entkommen können. Die stehen schnell Schlange, um der misslichen Situation zu entkommen. Das Maul freilich kann so schnell nicht zuschnappen.

Es sind Tote, die in der Sage vom verschwundenen Knaben von Wallersberg in einen Raum einziehen, so wie es Tote sind, die in der unterirdischen Scheol-Welt des »Alten Testaments« hausen. Es sind aber Lebende, die nach dem »Alten Testament« von der Erde entführt und »mit Haut und Haaren« in eine wiederum andere Welt, nämlich in himmlische Gefilde entrückt werden. Sie werden lebendig hinweg genommen. Dem biblischen Elia (17) bleibt der triste Aufenthalt in Scheol erspart. Mit einem feurigen Wagen wird er, so weiß es das »Alte Testament« zu berichten, wird er in den Himmel entrückt.

Elia wurde in den Himmel verschleppt. Er war lebendig. Noch zu Jesu Zeiten war offensichtlich die Überzeugung verbreitet, dass Elia jederzeit wieder aus den hohen Sphären des realen Himmels zur Erde zurückkehren kann. Jesus wurde von manchen Juden als der wiedergekommene Elia gesehen (18). Himmel wurde nicht als Aufenthaltsort der Toten verstanden.

Was heute so gut wie unbekannt ist: Die ersten Dampflokomotiven wurden im Volksmund in Anspielung an die Himmelfahrt des Elias »feuriger Elias« genannt. Streng theologisch gedacht darf man die Reise des Elias nicht als »Himmelfahrt« bezeichnen, wurde er doch in den Himmel entrückt. Man unterscheidet zwischen »assumptio«, »Aufnahme« in den Himmel, von »ascensio«, »Aufstieg«. In der Theologie gilt Jesus als der Einzige, der in den Himmel aufgestiegen ist (»Ascensio Domini«, »Aufstieg des Herrn«), Elia wurde aufgenommen.

Foto 7: Himmelfahrt Jesu (Ikone).
Foto Walter-Jörg Langbein.


Im rabbinischen Judentum verstand man den Himmel als den Aufenthaltsort Gottes und der Engel, der für die Menschen im Normalfall unerreichbar ist. Man trennte streng zwischen »Himmel« und »Paradies«. »Himmel« war in diesem Bild der hohe Raum über unseren Köpfen, also das All mit den Sternen. Das »Paradies« hingegen war ein idyllischer Ort, der für die Gottesfürchtigen reserviert war.

Fußnoten
(1) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes«, Lichtenfels 1996, Seite 62, 5.+6. Zeile von oben (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst.)
(2) Ebenda, 13.-17. Zeile von oben
(3) Ebenda, 17.+18. Zeile von oben
(4) Ebenda, 24.-30. Zeile von oben
(5) Ebenda, Seite 117, 1.-13. Zeile von oben
(6) Ebenda,  24.-34. Zeile von oben
(7) Ebenda, Seite118, 2.-5. Zeile von oben
Siehe auch Radunz, Elisabeth und Konrad: »Der Landkreis Lichtenfels in Geschichte und Geschichten«, 2. Auflage, Lichtenfels 1982
(8) 4. Buch Mose Kapitel 16
(9) 4. Buch Mose Kapitel 16 Verse 32 bis 34
(10) »Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion« (Herausgeber): »Duden, Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter.« 4. Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, Seite 1216.
(11) 1. Buch Mose Kapitel 25,Vers 8 und 1. Buch Mose Kapitel 35, Vers 29
(12) Psalm 28, Vers 30
(13) Prediger Kapitel 9, Vers 10
(14) Hiob Kapitel 10, Verse 21 und 22
(15) Psalm 88, Verse 5-7
(16) Jesaja Kapitel 14, Vers 11
(17) 2. Könige Kapitel 2, Verse 1-18
(18) Markus Kapitel 8, Vers 28, Matthäus Kapitel 11, Vers 14 und Kapitel 17, Verse 11 und 12

Zu den Fotos
Foto 1+ Foto 2: Der mysteriöse Staffelberg (Historische Aufnahmen). Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick ins Kleinziegenfelder Tal bei Wallersberg (vor 1940). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 + 6: Jesus befreit die Toten aus dem düsteren Reich. Wandmalerei in der »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Himmelfahrt Jesu (Ikone). Foto Walter-Jörg Langbein.



548. »Alles menschliche und göttliche Wissen«,
Teil 548 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19. Juli 2020


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Sonntag, 5. Februar 2017

368 »Faust und Alexander der Große fahren in den Himmel«

Teil  368 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick ins Freiburger Münster
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Es ist Nacht. Sie liegen im Bett, können aber nicht schlafen. Sie wälzen sich ruhelos hin und her, denken über die Geheimnisse nach, die der unendliche Kosmos wohl zu bieten hat. So manches Buch haben Sie zu diesem spekulativen Thema schon gelesen. Plötzlich nehmen Sie ein gewaltiges Brausen wahr. Die Fensterläden werden auf und zu geschlagen. Auch Ihre Zimmertür wird wie von unsichtbarer Hand geöffnet und kracht wieder ins Schloss. Schließlich stehen Sie auf, gehen ans Fenster und blicken in die Nacht. Da sehen Sie es, ein fliegendes Ding, das sich vom Himmel herab senkt. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen der fliegende Apparat einen gehörigen Schrecken einjagt. Sie bekommen es mit der Angst zu tun, versuchen zu fliehen. Vergeblich! Irgendwie werden Sie in das Innere dieses »Dings« geschafft. Sie fliegen an Bord ins All, sehen schließlich aus großer Höhe Planet Erde tief unter sich. Sie erkennen die Erdteile. Eine Woche dauert Ihr ungewöhnliches Abenteuer. Am 8. Tag sind Sie wieder zuhause, Sie sind erschöpft und schlafen drei Tage.

Aus der UFO-Literatur sind Ihnen derlei Berichte natürlich bekannt. »Alien abductions«, also Entführungen durch Außerirdische, gehören schon seit Jahrzehnten zur UFO-Literatur. Prof. John E. Mack nahm derlei Berichte ernst und ging von realen Entführungen durch Außerirdische aus. Sein Buch zum Thema Entführungen sorgte weltweit für Aufsehen (1). Stellen Sie sich vor, Ihnen würde Ähnliches widerfahren. Würden Sie an Ihrem Verstand zweifeln? Oder würden Sie Ihr Erlebnis für eine echte Begebenheit halten – oder doch nur für einen »komischen Traum«? Ob die Lektüre von SF-Romanen oder von mehr oder minder seriöser UFO-Literatur zu Ihrem »Traum« geführt hat? Haben Sie vielleicht zu viele SF-Filme gesehen, die Entführungen durch Außerirdische zum Thema hatten? Oder haben Sie vielleicht doch so etwas wie eine Abduktion durch Außerirdische erlebt?

Foto 2: Fausts Himmelfahrt.

Anno 1587 erschien beim Frankfurter Verleger Johann Spies »Das Volksbuch vom Doctor Faust«. Von diesem Original soll nur ein einziges Exemplar erhalten geblieben sein. 1884 wurde, basierend auf dieser Rarität, eine »revidierte Fassung« veröffentlicht. Robert Petsch wiederum verdanken wir eine vollständige Neuausgabe vom »Volksbuch«, basierend auf der Erstausgabe von 1587. Fakt ist (2): »Seit dem ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts erregte an verschiedenen Stellen des deutschen Landes ein Mann großes Aufsehen, der sich geheimen Wissens und wunderbarer Kräfte rühmte und der sich mit seinem latinisierten Familiennamen Georgius Sabellicus, häufiger aber, wohl im Hinblick auf einen älteren Zauberer des Namens, Georg Faustus (›iunior‹) nannte. Er hatte eine mindestens halbgelehrte Bildung genossen und erhob wissenschaftliche Ansprüche.«

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Diverse Ausgaben des mysteriösen Volksbuches sind seither erschienen, freilich sind nicht alle komplett. Vollständig – und leichter zu finden – ist die seriöse Reclamausgabe von 2012. Liest man den Text, so  wie er Ende des 16. Jahrhunderts – 1587 – erschienen ist, so erkennt man – trotz gewisser Probleme mit der ungewohnten Sprache – die Schilderung eines fantastisch anmutenden Erlebnisses. Am ehesten lässt sich der über vier Jahrhunderte alte Text mit uns heute wohlbekannten Entführungsgeschichten vergleichen.

Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ...

Faust konnte nicht schlafen und grübelte vor sich hin. Er dachte über die Beschaffenheit des Firmaments nach, als er ein »ungestümes Brausen« hörte und ob eines gewaltigen Windes erschrak, der auf sein Haus »zuging«. Fensterläden und Kammertür wurden aufgeschlagen. »Darob ich nit ein wenig erschrack.« Faust vernahm »eine brüllende Stimm« und schaute schließlich aus dem Fenster. Was er da erblickte muss ihn schockiert haben: Ich »sahe einen Wagen mit zweyen Drachen herab fliegen, der war Hellischer Flammenweiß zu sehen.«


Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische...

Faust sah also ein Vehikel vom Himmel herab kommen, eine »Fuhr«, einen Wagen, getragen von zwei Drachen. Mit Grausen versuchte er, so heißt es weiter im Bericht, zu fliehen, doch vergeblich. Die fliegenden Drachen trugen ihn empor. Lautes Rauschen war zu vernehmen, Feuerströme waren zu sehen. Lesen wir da die Fantastereien eines unbekannten Schreiberlings? Oder liegt dem kuriosen Bericht vielleicht doch so etwas wie eine »Entführung durch Außerirdische« zugrunde? Lassen wir noch einmal Faust zu Wort kommen: »Je hoeher ich kame, je finsterer die Welt  war, unnd gedauchte mich nicht anders, als wenn ich vom hellen Sonnentag in ein finsters Loch fuehre. Sahe also vom Himmel herab in die Welt.«

Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde.

Lautes Rauschen und Feuerströme passen zur Beschreibung eines Fluges ins All – per Raumschiff. Völlig zutreffend ist auch der Hinweis, dass es immer finsterer wurde, je höher Faust empor – ins All – getragen wurde. Und schließlich wagte Faust aus der Schwärze des Himmels – aus dem All? – einen Blick auf die Erde. Aus einer Höhe von 47 Meilen, so verrät es der Text in den Worten Fausts, »da sahe ich viel Koenigreich, Fuerstenthumb unnd Wasser, also daß ich die ganze Welt, Asiam, Aphricam und Europam, gnugsam sehen kondte.«

Foto 6: Das Münster anno 1897.
Der gute Faust kam aus dem Staunen nicht heraus. Ein hilfreicher Geist musste ihm erklären, welche Länder und Reiche 47 Meilen unter ihnen zu sehen sind: »Sicilia, Polen, Dennmarck, Italia, Teutschland« und »Asiam, Aphricam Item, Persiam und Tartarey, Indiam und Arabiam«, »Pommern, Reussen und Preussen, desgleichen Polen, Teutschland, Ungern und Osterreich«. Die Länder wiederholen sich immer wieder in der Auflistung, als ob Faust in einem hoch fliegenden Raumschiff immer wieder die Erde umrundet hätte. Aus gewaltiger Höhe konnte Faust sehen, wo die Sonne schien und wo Unwetter ganze Landstriche heimsuchten. Erstaunt notierte Faust noch eine weitere Beobachtung: zwischen ihm und der Erdoberfläche gab es »das Gewuelcke«, also das »Gewölk«, »dick wie eine Mawer (Mauer)«. Aus dieser Wolkenschicht regnete es auf die Erde.

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Was ist mit dem »Gestirn« gemeint? Und darf, ja muss man »in das Gestirn« wörtlich nehmen? Ist also Faust nach oben, in große Höhe geflogen – in das »Gestirn« hinein? Könnte es sich um eine riesige Raumstation gehandelt haben, in die Faust entführt wurde? Poetisch mutet seine Rückkehr zur Erde an: »Im herab fahren sahe ich auff die Welt, die war wie der Dotter im Ey, und gedauchte mich die Welt were nicht einer Spannen lang, und das Wasser war zwey mal breiter anzusehen.«

Der Text aus dem Jahr 1587 ist nicht immer leicht zu verstehen. Sprache und Rechtschreibung wirken auf uns Heutige befremdlich. Ob der unbekannte Verfasser, der unter dem geheimnisumwitterten Namen zu Tinte und Feder gegriffen hat, überhaupt begriffen hat, was er uns mitzuteilen versuchte? Gut möglich ist es, dass der angebliche »Faust« gar nicht selbst erlebt hat, was wir da heute im 25. Kapitel im »Volksbuch vom Faust« lesen. Unbestritten ist: Es wurden ältere Quellen benutzt, wie zum Beispiel die mysteriöse Enzyklopädie »Elucidarium«. Eine isländische Fassung dieses Opus soll um 1200 entstanden sein, also lange vor Faustens Zeiten. Auch die »Schedelsche Weltchronik«, anno 1493 zu Nürnberg in einer deutschen und einer lateinischen Version erschienen, soll als eine Quelle gedient haben. Wie alt aber mögen die ältesten Quellen sein, aus denen für das Volksbuch geschöpft wurde?

Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters.
Was mich aufhorchen ließ: Nach dem »Volksbuch vom Doctor Faust« dienten »zwey Drachen« als Antrieb für das mysteriöse Flugvehikel, das Faust »in das Gestirn hinauff« in die Dunkelheit (des Alls?) brachte. Und just dieses Szenario lockte mich in das altehrwürdige Münster von Freiburg im Breisgau. Da schleppen nämlich zwei Drachen keinen Geringeren als Alexander den Großen empor, ermöglichen ihm eine Himmelfahrt. Freilich bediente sich Alexander der Große einer List, die auch –  in vergleichbarer Form –  Lukas der Lokomotivführer anwandte. Alexander der Große machte sich auf in den Himmel, und das bei lebendigem Leibe, nicht als entleibte Seele in irgendwelche himmlischen Jenseits-Gefilde. Laut dem präzise ausgearbeiteten Relief am Eingang zur Nikolauskapelle im Münster zu Freiburg erlebte Alexander der Große eine Himmelfahrt wie Faust!

Besuchen wir gemeinsam das Freiburger Münster!


Fußnoten
1) Mack, John E.: »Abduction/ Human Encounters with Aliens«, Boston 1994.
Mack, John E.: »Entführt von Außerirdischen«, Essen 1995, Taschenbuchausgabe München 1997
2) Petsch, Robert (Hrsg.): »Das Volksbuch vom Doctor Faust/ Nach der ersten Ausgabe, 1587«, 2. Auflage, Halle a.S. 1911, S. VI
3) ebenda, S. 54-58
4) Füssel Stephan und Kreutzer, Hans Joachim (Hrsg.): »Historia von D. Johann Fausten/ Text des Druckes von 1587/ Kritische Ausgabe«, Reclam, Ditzingen, 2012, S.56-59

Foto 8: Himelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

Zu den Fotos

Foto 1: Blick ins Freiburger Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Fausts Himmelfahrt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Das Münster anno 1897. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Himmelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

369 »Auf der Suche nach Alexanders Himmelfahrt«,
Teil  369 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 12.02.2017



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Sonntag, 30. August 2015

293 »Maria und Jesus am Seil – Mariae Himmelfahrt – Teil 3«

Teil 293 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Mariae Himmelfahrt von Steinle
Maria stieg zum Himmel auf. Die Gottesmutter ließ sich Zeit für ihre Reise von der Erde in den Himmel. Die »Erde«, das war der morsche Holzfußboden einer kleinen Kapelle. Der »Himmel«, das war die steinerne Decke der kleinen Kapelle. Das Himmelsblau bröckelte wohl schon seit vielen Jahren. Das Blattgold der Sterne hatte wohl schon vor vielen Jahren seinen Glanz verloren. An einer Wand hing eine Darstellung der Himmelfahrt Mariae, eine verstaubte Kopie eines alten Ölgemäldes. 

Das Original stammt von Eduard Jakob von Steinle (1810-1886) und befindet sich in der fürstlichen Hauskapelle von Schloss Löwenstein in Kleinheubach. Man sieht einen leeren, vermutlich steinernen Sarkophag, in dem offenbar Maria, die Gottesmutter, aufgebahrt lag. Hoch darüber sieht man Maria auf ihrem Weg in den Himmel.

Und der »Himmelsflug« der Maria wirkte weniger majestätisch als riskant. Ruckelnd und zuckelnd wurde die hölzerne Heiligenfigur an einem Strick gen »Himmel« gezogen. Manchmal entglitt dem greisen Küster das Seil, so dass Maria wieder ein Stück Richtung Erde fiel. Ruckartig blieb sie dann hängen, baumelte hin und her. Dann aber packte der Küster im Dachgebälk wieder fest zu und ließ Maria wieder die himmlische Reise fortsetzen.

»Ursprünglich gab es einen Mechanismus mit Seilwinde und Kurbel…«, erklärte mir der Geistliche, der mindestens genauso alt war wie der greise Küster. »Damals sah das alles sehr viel majestätischer aus! Maria schwebte damals förmlich in den Himmel und wurde dann vom Himmel aufgenommen.«

Foto 2: Etwa so sah die Luke zum Himmel aus

Inzwischen war die Marienstatue am »Himmel« angekommen und wurde vom ächzenden Küster durch eine kleine Luke im Gewölbe gezogen. Sekunden später wurde die Luke geschlossen. Polternd fiel eine mit goldenen Sternen bemalte Klappe in das Loch im Himmel. Von der Decke lösten sich Teile des blauen Himmels und vom verblassenden Blattgold der Sterne. Und hoch oben im Himmel hustete der Küster wie ein leibhaftiger Zeus mit Asthma im Staub des Gewölbes.

Foto 3: Auferstehung von Sonneborn
Später saß ich mit dem Küster und dem Geistlichen im alten Pfarrhaus des kleinen fränkischen Dorfes. Es gab hausgemachten Weißkäse, selbstgebackenes Brot und Bier aus einer dörflichen Privatbrauerei. »Mit der Reformation kam die Wende!«, erklärte mir der Geistliche. »Heiligenfiguren wurden aus unserer kleinen Kapelle entfernt und versteckt, weil übereifrige Anhänger Luthers die alten Figuren verbrennen wollten. 

Untersagt wurde vor allem, die Feier der ›Himmelfahrt Mariae‹, bei der zur Veranschaulichung eine Marienstatue vom Fußboden der Kapelle zur Decke gezogen und durch eine Luke in den Himmel aufgenommen wurde…«

Die kleine Kapelle im oberfränkischen Bergdorf hatte einst zum herrschaftlichen Anwesen eines Adeligen gehört. In dem kleinen Gotteshaus wurden nur Gottesdienste für die Familie des Adeligen und das Dienstpersonal abgehalten.

Es wurde als Zeichen der hochherrschaftlichen Huld angesehen, wenn jemand vom »Gesinde« einen nahen Verwandten aus dem Dorf zur Feier der Himmelfahrt Mariae mitbringen durfte.

Der Küster wusste zu berichten, dass Laternen über der Luke das himmlische Licht veranschaulichen sollten. In dieser göttlichen Herrlichkeit wurde die hölzerne Marienstatue aufgenommen. Wann dies zum letzten Mal geschehen ist? »Offiziell wurde der Brauch mit der Reformation im 16. Jahrhundert verboten, aber noch einige Zeit zelebriert!«, erklärte mir der altehrwürdige Geistliche verschmitzt lächelnd. »Aber jetzt gibt es unsere kleine Kapelle offiziell gar nicht mehr. Sie wird in keiner Liste mehr geführt und seit vielen Generationen nicht mehr für Andachten und Gottesdienste genutzt.«

Foto 4: Jesu Füße ragen aus dem Himmel

Mein Besuch in der damals schon recht maroden Kapelle fand Mitte der 1970er Jahre im Oberfränkischen statt. Damals bestand schon Einsturzgefahr. Ich wollte das kleine Gotteshaus vor wenigen Jahren noch einmal besuchen, wurde aber barsch abgewiesen. Eine solche Kapelle habe es nie gegeben, wurde mir mitgeteilt. Und außerdem befände ich mich auf Privatbesitz, sei unerwünscht. »Verschwinden Sie lieber, bevor die Polizei gerufen wird. Sie wollen doch nicht wegen Landfriedensbruch belangt werden?«

Foto 5: Jesus fährt gen Himmel
Ich resignierte und trat den Rückzug an. Einer der gestrengen Wächter raunte mir noch zu, die Kapelle sei vor »gut dreißig Jahren« abgerissen worden. Ob sich noch jemand an das Ritual mit der Heiligenfigur, die in den »Himmel« gekurbelt wurde, erinnert? Wahrscheinlich nicht. Übrigens: Die Luke nahm einst nicht nur eine Statue der Gottesgebärerin Maria auf. Auch Christi Himmelfahrt wurde in jener kleinen Kapelle einst sehr anschaulich zelebriert. Statt einer Marienfigur wurde eine Christus-Statue am Seil durch die Luke in den Dachboden gezogen.

Jahrzehnte sind vergangen seit jener merkwürdig-mysteriösen Demonstration in einer kleinen oberfränkischen Kapelle. Durch das Hochhieven einer Marienfigur sollte die Aufnahme der Gottesgebärerin in den Himmel dargestellt werden.

Moderne Theologen mögen die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu bis zum letztlich inhaltsleeren Symbol verklausulieren. Sie vergessen dabei, dass es im Artikel 6 des Glaubensbekenntnisses heißt: »Jesus ist aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten Gottes, des Allmächtigen Vaters.«

Der »Katechismus der katholischen Kirche« ist sehr konkret, was die »Himmelfahrt Mariae« angeht. Da lesen wir (1): »Nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes wurde die heiligste Jungfrau Maria mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen, wo sie schon an der Auferstehungsherrlichkeit ihres Sohnes teilhat und so die Auferstehung aller Glieder seines Leibes vorwegnimmt.«

Da ist ganz eindeutig von leiblicher, körperlicher Aufnahme in den Himmel die Rede und nicht von einer wie auch immer theologischen Verklausulierung ins Belanglose. Man mag eine solche Glaubenslehre für naiv und kindlich halten. Es ist aber unbestreitbar zentraler Bestandteil der katholischen Glaubenslehre.

Foto 6: Aufnahme Mariens im Himmel.
Von Alonso López de Herrera (ca. 1585 - ca.1675) gibt es eine ganze Reihe sakraler Darstellungen, etwa von der körperlichen Himmelfahrt Jesu oder von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Nicht minder konkret sind die herrlichen Gemälde von Pietro Perugino (circa 1446/1450 – etwa 1523), geboren als Pietro Vannucci.
 
Es gibt letztlich keinen wirklichen Unterschied zwischen derartiger christlicher Kunst einerseits und dem naiven Ritual, Heiligenfiguren an einer Schnur in eine Luke zu ziehen, andererseits. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte lernte ich immer wieder »moderne« Theologen kennen, denen »naive« Glaubensvorstellungen nur noch ein herablassendes Lächeln abverlangen. Diesen ach so wissenschaftlichen Theologen scheint dabei aber zu entgehen, dass sie sich im Bemühen um moderne Glaubensformen von den einst zentralen Glaubenslehren verabschieden. Dieses Vorgehen ist in meinen Augen nicht legitim. Schließlich betreiben diese Theologen Etikettenschwindel, indem sie als »christlich« verkaufen, was diese Bezeichnung schon lange nicht mehr verdient. Solche »modernen« Theologen haben sich meiner Meinung nach schon bereits viel zu weit vom christlichen Glauben entfernt. Wirklichen Trost vermögen sie Menschen, die – zum Beispiel – um einen verstorbenen Angehörigen trauern, nicht mehr zu spenden. Sie bieten letztlich nur leere Worthülsen.

Der katholische Katechismus ist auch sehr klar in seinen Aussagen über die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu. Da lesen wir (2): »Diese letzte Stufe der Verherrlichung bleibt eng mit der ersten verbunden, das heißt mit der Herabkunft vom Himmel in der Menschwerdung. Nur wer ›vom Vater ausgegangen‹ ist, kann ›zum Vater zurückkehren‹: Christus. ›Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn‹ (Johannes 3,13).«

Die leibhaftige Himmelfahrt Jesu wird am Altar von Bad Segeberg etwa 1501 bis 1525 dargestellt. Man sieht die kleine Anhängerschar Jesu versammelt, während der »Messias« gen Himmel schwebt. Genauer gesagt: In der bunt bemalten Schnitzerei ist Jesus schon fast ganz in den Himmel aufgenommen worden, nur seine Füße ragen noch heraus.

Foto 7: Engel empfangen Jesus im Himmel.
Unter der Auferstehungsszene finden sich erklärende Worte in lateinischer Sprache: »Sanctus sanctorum christus petit alta potorum«, zu Deutsch »Der Allerheiligste Christus entschwebt in die Höhen der Herrscher«.

Heutige Theologie verabschiedet sich vom christlichen Glauben, wenn sie den Spagat zwischen moderner wissenschaftlicher Erkenntnis und traditionellem Glauben versucht. Die einen glauben. Die anderen belächeln Glauben und ersetzen doch nur allzu oft religiösen durch pseudowissenschaftlichen Glauben.

Ich erinnere mich an das mysteriös-naive Ritual in der kleinen Kapelle, als der greise Küster eine Marienstatue am Seil in den Himmel des kleinen Gotteshauses zog. Ich verkneife mir arroganten Spott ob solch »naiven« Glaubens. Religiöser Glauben kann nur naiv sein. Sonst ist es kein Glauben mehr. Man kann glauben oder auch nicht. Der Versuch, religiösen Glauben wissenschaftlich zu verklausulieren, der kann allerdings nur scheitern. Dabei darf man den modernen christlichen Theologen durchaus gute Absichten zubilligen: Sie glauben, den alten Glauben in eine Zeit der modernen Wissenschaften retten zu können, indem sie ihn zu »Symbolhaftem« machen und so letztlich doch aufgeben. Es ist durchaus legitim, sich von alten Glaubenslehren zu verabschieden. Nur darf man dabei nicht so tun, als würde man sie in neuem Gewand beibehalten.

Die Vorstellung, dass Maria als Gottesgebärerin in den Himmel aufgenommen wurde, ist keine christliche »Erfindung«. Fast identische Darstellungen sind sehr viel älter und wurden von frühen christlichen Theologen übernommen und neu etikettiert. Die Suche nach Maria, der Gottesmutter, führt uns ins antike Griechenland, nach Ephesus… und zu Göttinnen aus frühesten Zeiten!

Fußnoten

(1) »Katechismus der katholischen Kirche«, München 1993, S. 281, Artikel 974
(2) ebenda, S. 203, Artikel 661

Zu den Fotos

Foto 1: Foto Creative Commons/ Altera levatur; Gemälde von Eduard Jakob von Steinle (1810-1886)
Foto 2: Etwa so sah die Luke zum Himmel aus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Auferstehung von Sonneborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Jesu Füße ragen aus dem Himmel. Kirche Sonneborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Jesus fährt gen Himmel. Gemälde von Alonso López de Herrera. Public Domain/ gemeinfrei
Foto 6: Aufnahme Mariens im Himmel. Gemälde von Maria Alonso López de Herrera. Public Domain/ Gemeinfrei.
Foto 7: Engel empfangen Jesus im Himmel. Perugino. Public Domain.

294 »Maria und die Biene –
Mariae Himmelfahrt – Teil 4«
Teil 294 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.09.2015


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