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Sonntag, 28. Juli 2019

497. »Geheime Dinge hat er gesehen.«


Teil 497 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gilgamesch
»Geheime Dinge hat er gesehen. Was verborgen dem Menschen ist, kennt er. Er hat Nachrichten gebracht von den Zeiten der Sintflut.«, heißt es in einem der geheimnisvollsten Texte der Menschheitsgeschichte, im Gilgamesch-Epos (1). Es ist Jahrtausende älter als die Bibel und enthält die älteste Beschreibung überhaupt der wohl ältesten Sehnsucht des Menschen. Es geht um Gilgameschs Suche nach dem ewigen Leben. Auch Alexander der Große soll in Indien versucht haben, das Geheimnis der Unsterblichkeit zu ergründen. Kolumbus suchte womöglich deshalb den Seeweg in jenes Land. Der Spanier Ponce de León vermutete Wunderquellen auf Bimini. Jahrhunderte später wurde er vom berühmten amerikanischen Seher Edgar Cayce bestätigt.

Für Sir Austen Henry Layard wurde anno 1849 der Traum aller Forscher wahr: Auf dem linken Ufer des Tigris, unweit der irakischen Stadt Mosul, entdeckte er die Ruinen einer uralten Stadt. Er machte sich sofort ans Werk grub das legendäre Ninive, die Hauptstadt des Assyrerreiches, aus. Deutlich zu erkennen waren die Überreste einer einst uneinnehmbaren doppelten Festungsmauer. Unter dem Hügel Kujundschik wartete eine Sensation auf ihn: die Bibliothek Assurbanipals, bestehend aus 5.000 Keilschrifttafeln. Im Südwestpalast schien die Zeit stehengeblieben zu sein. In zwei kleineren Räumen waren, als Babylonier und Meder 612 v. Chr. die einst so stolze Stadt verwüstet hatten, Tontafeln zu Boden gefallen. Rund zweieinhalb Jahrtausende waren sie liegengeblieben. Anno 1853 fand Hormuzd Rassam 20.000 weitere Tontafeln und Fragmente. Die wertvollen Dokumente wurden nach London, in das »British Museum«, geschafft, in mühseliger Arbeit zusammengesetzt und nach und nach übersetzt.

Foto 2: Der »Sintflutbericht« aus der Bibliothek Asurbarnipals

1872 machte George Smith vom Museum weltweit Schlagzeilen: Ein Fragment enthielt Verse des ältesten Epos der Menschheitsgeschichte, einen Bericht von der Sintflut, nur vermutlich Tausende Jahre älter als die Bibel. Die britische Tageszeitung »Daily Telegraph« zahlte Smith tausend Guineas,   der Forscher konnte nach Ninive reisen. Wenig später fand er auf weiteren Tafeln den kompletten Text der ersten Sintflutgeschichte. Sie gehörte zum Gilgamesch-Epos, das einst im Alten Vorderen Orient so populär wie die Bibel gewesen sein muss. Es kursierte in zahlreichen Abschriften und Kopien. Die jüngeren stammen aus dem siebten und sechsten Jahrhundert v. Chr. Ins 14. Jahrhundert v. Chr. datiert wurden eine akkadische, eine hethitische und eine hurritische Übersetzung, die in der Bibliothek von Hattuscha, der Hauptstadt des Hethiterreiches (heute Türkei) gefunden wurde. Ältere Versionen stammen aus weit früheren Epochen: sie wurden Ende des dritten und Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr. auf Tontafeln verewigt. Aber schon im dritten Jahrtausend v. Chr. wurde das Epos in sumerischer Sprache verewigt. Erstaunt stellten weltweit führende Experten fest: Der Text hatte Jahrtausende fast vollkommen unverändert überdauert, war häufig mit Sorgfalt übertragen und übersetzt worden. Übrigens: Das »Gilgamesch-Epos« ist nach wie vor nicht komplett. Auch heute noch tauchen immer wieder Splitter von Keilschrifttafeln auf, die dem mysteriösen Epos zugerechnet werden können.

Foto 3: Aruru alias Ninḫursanga
Die Handlung des Epos weist immer wieder Parallelen zu viel später entstandenen Bibeltexten auf. So heißt es, dass sich Held Gilgamesch einsam fühlt. Göttin Aruru erhört sein Flehen und erschafft ihm einen Gefährten, den Enkidu. Die akkadische Göttin Aruru, alias Ninmaḫ, Nintu, Mami, Ninlil und Damkina,  war als sumerische Gebirgs- und Muttergöttin hoch geachtet. Einer ihrer Ehrennamen lautet »Mutter der Götter«. 

Bekannt war sie auch ob ihrer Funktion als »Göttin der Gebärenden« und »Mutter aller Kinder«. Interessante Parallele zum Alten Testament: Eva wurde als »Mutter allen Lebens« verehrt.

Gemeinsam wollen Gilgamesch und Enkidu den Chumbaba, ein schreckliches Monster, töten. In einem wütenden Kampf verletzt Gilgamesch das Untier mit seinem Schwert am Hals, Enkidu enthauptet es. Die Götter aber beschließen den Tod Enkidus. Nach schwerer Krankheit stirbt er. Gilgamesch ist verzweifelt. Sieben Tage lässt er den Gefährten, der sein Bruder geworden ist, nicht bestatten. Vergeblich hofft er, dass das Leben in Enkidu zurückkehren möge.

Gilgamesch (2) wird sich seiner Sterblichkeit bewusst. Von panischer Todesangst gepeinigt macht er sich auf die Suche nach dem Geheimnis vom ewigen Leben. Nur Utnapischtim, so weiß er, kann ihm helfen. Nach strapaziösen, qualvollen Märschen erreicht Gilgamesch das Maschugebirge. Riesige Skorpionmenschen hüten ein geheimnisvolles »Bergtor«. Gilgamesch wird schließlich eingelassen und kommt nach vierundzwanzigstündiger Reise durch schreckliche Finsternis in einen herrlichen Garten mit Edelsteinbäumen. Die fantastische Welt liegt am Ufer eines geheimnisvollen Meeres, das noch kein Sterblicher überquert hat. Mit Hilfe von Urschanabi überwindet Gilgamesch die »Gewässer des Todes« und begegnet endlich Utnapischtim. Der ist als einziger Mensch unsterblich. Auf den Rat des Gottes Ea hat er einst eine Arche gebaut, die Sintflut überlebt. Aber warum muss er nicht sterben?

Foto 4: Ein Skorpionmensch

 Utnapischtim verrät ihm das Geheimnis des ewigen Lebens: Es ist eine stachelige Pflanze, die auf dem Grunde eines Sees gedeiht. Mit schweren Steinen als Gewicht taucht Gilgamesch in die Tiefe  und findet tatsächlich die Wunderpflanze. Mit seinem kostbaren Fund taucht er an die Oberfläche zurück und tritt den Heimweg an. Erneut überwindet er das Meer des Todes. Als er sich aber in der Wüste in einem kühlen Brunnen badet, stiehlt ihm eine Schlange die Pflanze der Unsterblichkeit. Gilgamesch gibt auf. Er resigniert und akzeptiert seine Sterblichkeit. In der Schöpfungsgeschichte des »Alten Testaments« wird die Schlange Eva die Unsterblichkeit wieder anbieten.

Wir wissen heute: Gilgamesch hat wirklich gelebt. Die Königslisten der ersten Dynastie von Uruk verzeichnen ihn als großen Herrscher. Er lebte um 2600 v. Chr. Unsterblichkeit wurde ihm im physischen Sinne nicht zuteil. Aber er erreichte immerhin ein »biblisches Alter« von 126 Jahren. Unsterblich wurde er nur im übertragenen Sinne: Sein Name ist auch heute, fast fünf Jahrtausende später, unvergessen. Historisch real wie Gilgamesch (3) war auch Alexander der Große (*356 v. Chr.; †323 v. Chr.). Beide haben nach Unsterblichkeit gesucht. Der große Herrscher hat, so vermeldet es die »Alexandersage«, von Ägypten aus eine Forschungsreise angetreten. Wie Gilgamesch durchquert Alexander in der einst weit verbreiteten, alten Überlieferung ein »Land der Finsternis« und kommt am Fuße eines Zauberbergs an. Ganz allein, seine Leibwache lässt er zurück, besteigt er ihn. 

Foto 5: Ein Skorpionmensch
Nach zwölf Tagen und zwölf Nächten steht er schließlich an der Grenze zu einer »Überwelt«. Ein Engel, dessen Strahlenglanz ihn blendet, verrät Alexander das Geheimnis des ewigen Lebens: »Ich will dir sagen, wie du leben kannst, ohne zu sterben. Im Lande Arabien hat Gott die Schwärze undurchdringlicher Dunkelheit eingesetzt. Darin ist verborgen ein Schatz dieses Wissens. Dort ist auch der Brunnen des Wassers, das Lebenswasser genannt wird, und wer davon trinkt, und sei es auch nur einen einzigen Tropfen, wird nie sterben.«

Alexander (4) ist diese Auskunft zu rätselhaft. »In welchem Erdteil liegt dieser Brunnen?«, will er wissen. »Frage diejenigen Menschen, die Erben dieses Wissens sind.«, erfährt er nur. Zeit seines Lebens soll er nach dem geheimnisvollen Land gesucht haben. Vermutete er es in Indien (5)? 327 v. Chr. unternimmt Alexander einen Feldzug nach Nordwestindien, will bis zur Mündung des Ganges vordringen. Seine Truppen meutern. Sie weigerten sich, sich weiter in unbekannte Gefilde vorzukämpfen. Der Legende nach, sie ist im »Alexanderroman« von Lambert le Tort (12. Jahrhundert) überliefert, entdeckte ein fünfundsechzigjähriger Gefährte des großen Königs an der Mündung des Ganges, der in der Bibel mit dem Paradiesstrom Pison gleichgesetzt wird, drei Wunderbrunnen: Einer verjüngt, einer verleiht Unsterblichkeit, einer erweckt Tote zum Leben. Der 65-Jährige soll vom Verjüngungswasser getrunken und wieder zu einem Dreißigjährigen geworden sein.

Foto 6: Alexander der Große

Diese Legende, historisch in keiner Weise belegbar, war im Europa des frühen Mittelalters Wissenschaftlern wie Abenteurern wohl bekannt. Sie wollten nach den geheimnisvollen Brunnen suchen und trachteten danach, nach Indien zu gelangen. So leicht war das aber nicht. Der Landweg nach Indien war unpassierbar. Die Sarazenen ließen Europäer nicht durch. Indien konnte nur auf dem Seeweg erreicht werden. Wollte also Kolumbus vorwiegend deshalb Indien aufsuchen, weil er hoffte, in den Besitz des Wassers der Unsterblichkeit zu gelangen? Bekanntlich entdeckte er »nur« Amerika doch auch dort stießen er und seine Gefolgsleute auf geheimnisvolle Hinweise, wonach es auf einer Insel ein Wasser des ewigen Lebens gab.
Foto 7: Juan Ponce de León
Juan Ponce de León (6), Gouverneur von Haiti und Puerto Rico, erfuhr jedenfalls 1511 von »Indianern«, dass es irgendwo im Norden eine Insel namens Bimini gebe. Bimini sei reich an Schätzen und Edelsteinen, das kostbarste Gut aber stelle eine Quelle dar, die aus Greisen wieder junge Männer mache. Juan Ponce de León vermeldete diese Kunde sofort dem spanischen König Ferdinand. Und der gab am 23. Februar 1512 den Befehl, eine Expedition sofort auszurüsten. Aufgabe: die Suche nach Bimini im Norden Haitis. »Sobald Sie die Insel erreicht und erfahren haben, was sie enthält, werden Sie mir den Bericht zustellen!«, so lautete der strikte Befehl.


Fußnoten
1) Röllig, Wolfgang (Hrsg.) »Das Gilgameschepos«, Ditzingen 2009
2) Maul, Stefan (Übersetzer): »Das Gilgamesch – Neu übersetzt und kommentiert von Stefan Maul«, München 2014
3) Sallaberger, Walther: »Das Gilgamesch-Epos/ Myhos, Werk und Tradition«, München 2013
4) Demandt, Alexander: »Alexander der Große/ Leben und Legende«, München 2013
5) Fox, Robin Lane: »Die klassische Welt: Eine Weltgeschichte von Homer bis Hadrian«, 4. Auflage, Stuttgart 2011
6) Morison, Samuel Eliot: »The European Discovery of America/ The Southern Voyages«, Oxford University Press, 1974

Zu den Fotos
Foto 1: Gilgamesch und der Löwe. Foto gemeinfrei/ jastrow
Foto 2: Der »Sintflutbericht« aus der Bibliothek Asurbarnipals. Foto wikimedia commons/ Fæ
Foto 3: Aruru alias Ninḫursanga, Herrin der steinigen Einöde, auch Ninhursag, Ninmaḫ, Nintu und Mami genannt. Foto public domain
Foto 4: Ein Skorpionmensch, Königsgräber von Ur. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Ein Skorpionmensch, Königsgräber von Ur. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Alexander der Große. Foto wiki commons/ Berthold Werner
Foto 7: Juan Ponce de León. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein



498. »Der ›Trank der Unsterblichkeit‹ und der Graf von Saint Germain«,  
Teil 498 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 4. August 2019


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Sonntag, 5. Februar 2017

368 »Faust und Alexander der Große fahren in den Himmel«

Teil  368 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick ins Freiburger Münster
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Es ist Nacht. Sie liegen im Bett, können aber nicht schlafen. Sie wälzen sich ruhelos hin und her, denken über die Geheimnisse nach, die der unendliche Kosmos wohl zu bieten hat. So manches Buch haben Sie zu diesem spekulativen Thema schon gelesen. Plötzlich nehmen Sie ein gewaltiges Brausen wahr. Die Fensterläden werden auf und zu geschlagen. Auch Ihre Zimmertür wird wie von unsichtbarer Hand geöffnet und kracht wieder ins Schloss. Schließlich stehen Sie auf, gehen ans Fenster und blicken in die Nacht. Da sehen Sie es, ein fliegendes Ding, das sich vom Himmel herab senkt. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen der fliegende Apparat einen gehörigen Schrecken einjagt. Sie bekommen es mit der Angst zu tun, versuchen zu fliehen. Vergeblich! Irgendwie werden Sie in das Innere dieses »Dings« geschafft. Sie fliegen an Bord ins All, sehen schließlich aus großer Höhe Planet Erde tief unter sich. Sie erkennen die Erdteile. Eine Woche dauert Ihr ungewöhnliches Abenteuer. Am 8. Tag sind Sie wieder zuhause, Sie sind erschöpft und schlafen drei Tage.

Aus der UFO-Literatur sind Ihnen derlei Berichte natürlich bekannt. »Alien abductions«, also Entführungen durch Außerirdische, gehören schon seit Jahrzehnten zur UFO-Literatur. Prof. John E. Mack nahm derlei Berichte ernst und ging von realen Entführungen durch Außerirdische aus. Sein Buch zum Thema Entführungen sorgte weltweit für Aufsehen (1). Stellen Sie sich vor, Ihnen würde Ähnliches widerfahren. Würden Sie an Ihrem Verstand zweifeln? Oder würden Sie Ihr Erlebnis für eine echte Begebenheit halten – oder doch nur für einen »komischen Traum«? Ob die Lektüre von SF-Romanen oder von mehr oder minder seriöser UFO-Literatur zu Ihrem »Traum« geführt hat? Haben Sie vielleicht zu viele SF-Filme gesehen, die Entführungen durch Außerirdische zum Thema hatten? Oder haben Sie vielleicht doch so etwas wie eine Abduktion durch Außerirdische erlebt?

Foto 2: Fausts Himmelfahrt.

Anno 1587 erschien beim Frankfurter Verleger Johann Spies »Das Volksbuch vom Doctor Faust«. Von diesem Original soll nur ein einziges Exemplar erhalten geblieben sein. 1884 wurde, basierend auf dieser Rarität, eine »revidierte Fassung« veröffentlicht. Robert Petsch wiederum verdanken wir eine vollständige Neuausgabe vom »Volksbuch«, basierend auf der Erstausgabe von 1587. Fakt ist (2): »Seit dem ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts erregte an verschiedenen Stellen des deutschen Landes ein Mann großes Aufsehen, der sich geheimen Wissens und wunderbarer Kräfte rühmte und der sich mit seinem latinisierten Familiennamen Georgius Sabellicus, häufiger aber, wohl im Hinblick auf einen älteren Zauberer des Namens, Georg Faustus (›iunior‹) nannte. Er hatte eine mindestens halbgelehrte Bildung genossen und erhob wissenschaftliche Ansprüche.«

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Diverse Ausgaben des mysteriösen Volksbuches sind seither erschienen, freilich sind nicht alle komplett. Vollständig – und leichter zu finden – ist die seriöse Reclamausgabe von 2012. Liest man den Text, so  wie er Ende des 16. Jahrhunderts – 1587 – erschienen ist, so erkennt man – trotz gewisser Probleme mit der ungewohnten Sprache – die Schilderung eines fantastisch anmutenden Erlebnisses. Am ehesten lässt sich der über vier Jahrhunderte alte Text mit uns heute wohlbekannten Entführungsgeschichten vergleichen.

Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ...

Faust konnte nicht schlafen und grübelte vor sich hin. Er dachte über die Beschaffenheit des Firmaments nach, als er ein »ungestümes Brausen« hörte und ob eines gewaltigen Windes erschrak, der auf sein Haus »zuging«. Fensterläden und Kammertür wurden aufgeschlagen. »Darob ich nit ein wenig erschrack.« Faust vernahm »eine brüllende Stimm« und schaute schließlich aus dem Fenster. Was er da erblickte muss ihn schockiert haben: Ich »sahe einen Wagen mit zweyen Drachen herab fliegen, der war Hellischer Flammenweiß zu sehen.«


Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische...

Faust sah also ein Vehikel vom Himmel herab kommen, eine »Fuhr«, einen Wagen, getragen von zwei Drachen. Mit Grausen versuchte er, so heißt es weiter im Bericht, zu fliehen, doch vergeblich. Die fliegenden Drachen trugen ihn empor. Lautes Rauschen war zu vernehmen, Feuerströme waren zu sehen. Lesen wir da die Fantastereien eines unbekannten Schreiberlings? Oder liegt dem kuriosen Bericht vielleicht doch so etwas wie eine »Entführung durch Außerirdische« zugrunde? Lassen wir noch einmal Faust zu Wort kommen: »Je hoeher ich kame, je finsterer die Welt  war, unnd gedauchte mich nicht anders, als wenn ich vom hellen Sonnentag in ein finsters Loch fuehre. Sahe also vom Himmel herab in die Welt.«

Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde.

Lautes Rauschen und Feuerströme passen zur Beschreibung eines Fluges ins All – per Raumschiff. Völlig zutreffend ist auch der Hinweis, dass es immer finsterer wurde, je höher Faust empor – ins All – getragen wurde. Und schließlich wagte Faust aus der Schwärze des Himmels – aus dem All? – einen Blick auf die Erde. Aus einer Höhe von 47 Meilen, so verrät es der Text in den Worten Fausts, »da sahe ich viel Koenigreich, Fuerstenthumb unnd Wasser, also daß ich die ganze Welt, Asiam, Aphricam und Europam, gnugsam sehen kondte.«

Foto 6: Das Münster anno 1897.
Der gute Faust kam aus dem Staunen nicht heraus. Ein hilfreicher Geist musste ihm erklären, welche Länder und Reiche 47 Meilen unter ihnen zu sehen sind: »Sicilia, Polen, Dennmarck, Italia, Teutschland« und »Asiam, Aphricam Item, Persiam und Tartarey, Indiam und Arabiam«, »Pommern, Reussen und Preussen, desgleichen Polen, Teutschland, Ungern und Osterreich«. Die Länder wiederholen sich immer wieder in der Auflistung, als ob Faust in einem hoch fliegenden Raumschiff immer wieder die Erde umrundet hätte. Aus gewaltiger Höhe konnte Faust sehen, wo die Sonne schien und wo Unwetter ganze Landstriche heimsuchten. Erstaunt notierte Faust noch eine weitere Beobachtung: zwischen ihm und der Erdoberfläche gab es »das Gewuelcke«, also das »Gewölk«, »dick wie eine Mawer (Mauer)«. Aus dieser Wolkenschicht regnete es auf die Erde.

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Was ist mit dem »Gestirn« gemeint? Und darf, ja muss man »in das Gestirn« wörtlich nehmen? Ist also Faust nach oben, in große Höhe geflogen – in das »Gestirn« hinein? Könnte es sich um eine riesige Raumstation gehandelt haben, in die Faust entführt wurde? Poetisch mutet seine Rückkehr zur Erde an: »Im herab fahren sahe ich auff die Welt, die war wie der Dotter im Ey, und gedauchte mich die Welt were nicht einer Spannen lang, und das Wasser war zwey mal breiter anzusehen.«

Der Text aus dem Jahr 1587 ist nicht immer leicht zu verstehen. Sprache und Rechtschreibung wirken auf uns Heutige befremdlich. Ob der unbekannte Verfasser, der unter dem geheimnisumwitterten Namen zu Tinte und Feder gegriffen hat, überhaupt begriffen hat, was er uns mitzuteilen versuchte? Gut möglich ist es, dass der angebliche »Faust« gar nicht selbst erlebt hat, was wir da heute im 25. Kapitel im »Volksbuch vom Faust« lesen. Unbestritten ist: Es wurden ältere Quellen benutzt, wie zum Beispiel die mysteriöse Enzyklopädie »Elucidarium«. Eine isländische Fassung dieses Opus soll um 1200 entstanden sein, also lange vor Faustens Zeiten. Auch die »Schedelsche Weltchronik«, anno 1493 zu Nürnberg in einer deutschen und einer lateinischen Version erschienen, soll als eine Quelle gedient haben. Wie alt aber mögen die ältesten Quellen sein, aus denen für das Volksbuch geschöpft wurde?

Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters.
Was mich aufhorchen ließ: Nach dem »Volksbuch vom Doctor Faust« dienten »zwey Drachen« als Antrieb für das mysteriöse Flugvehikel, das Faust »in das Gestirn hinauff« in die Dunkelheit (des Alls?) brachte. Und just dieses Szenario lockte mich in das altehrwürdige Münster von Freiburg im Breisgau. Da schleppen nämlich zwei Drachen keinen Geringeren als Alexander den Großen empor, ermöglichen ihm eine Himmelfahrt. Freilich bediente sich Alexander der Große einer List, die auch –  in vergleichbarer Form –  Lukas der Lokomotivführer anwandte. Alexander der Große machte sich auf in den Himmel, und das bei lebendigem Leibe, nicht als entleibte Seele in irgendwelche himmlischen Jenseits-Gefilde. Laut dem präzise ausgearbeiteten Relief am Eingang zur Nikolauskapelle im Münster zu Freiburg erlebte Alexander der Große eine Himmelfahrt wie Faust!

Besuchen wir gemeinsam das Freiburger Münster!


Fußnoten
1) Mack, John E.: »Abduction/ Human Encounters with Aliens«, Boston 1994.
Mack, John E.: »Entführt von Außerirdischen«, Essen 1995, Taschenbuchausgabe München 1997
2) Petsch, Robert (Hrsg.): »Das Volksbuch vom Doctor Faust/ Nach der ersten Ausgabe, 1587«, 2. Auflage, Halle a.S. 1911, S. VI
3) ebenda, S. 54-58
4) Füssel Stephan und Kreutzer, Hans Joachim (Hrsg.): »Historia von D. Johann Fausten/ Text des Druckes von 1587/ Kritische Ausgabe«, Reclam, Ditzingen, 2012, S.56-59

Foto 8: Himelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

Zu den Fotos

Foto 1: Blick ins Freiburger Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Fausts Himmelfahrt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Das Münster anno 1897. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Himmelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

369 »Auf der Suche nach Alexanders Himmelfahrt«,
Teil  369 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 12.02.2017



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