Neugierige Kinder gab es zu allen Zeiten. Aufgeschlossene Naturen, die, abends am Feuer sitzend, den Geschichten der Alten mit glänzenden Augen lauschten. Heute mag das ein wenig anders sein: Das Feuer ist dem Fernseher, das unmittelbare Erzählen dem Sich-Berieseln-Lassen gewichen, aber dies ändert nichts an den menschlichen Grundeigenschaften der Neugier und Sensationslust.
"Ja, ich habe diesen Markus noch gekannt, welcher diesen Jesus noch gekannt hat", mag 70 Jahre nach Beginn unserer Zeitrechnung ein alter Mann zu seinen Enkeln gesagt haben. "DAS war eine Geschichte, sag ich Euch! Markus hat erzählt, Jesus konnte sogar Kranke wieder gesund machen. Die sind einfach wieder aufgestanden, ganz ohne Medizin. Nur weil Jesus es so wollte. Ich weiß nicht mehr alle Einzelheiten, aber da soll auch einer gewesen sein, der hatte eine schwere Bindehautentzündung. Jesus hat ihm die Hand aufgelegt und gut war's."Und der alte Mann erzählt weiter:
"Dieser Jesus muss echt ein Teufelskerl gewesen sein! Der hat der Obrigkeit richtig eingeschenkt. Alleine, wie er all die Geldwechsler mit der Peitsche aus dem Tempel gejagt hat ..."
Viele Abende vergehen auf diese Weise: Der Alte erzählt von Markus' Erlebnissen mit Jesus, die Kinder hören zu. All die Geschichten hinterlassen natürlich einen gewaltigen Eindruck auf sie.
Jahre später beschließt einer der Jungen, inzwischen selbst ein Mann geworden, die Erzählungen seines Großvaters niederzuschreiben. Genau erinnern kann er sich nicht mehr an alle Einzelheiten, doch er ist klug und phantasiebegabt und hat das, was man heute als "ungeheures dramatisches Talent" bezeichnen würde.
Was hat Opa gesagt?, überlegt er. Da war doch einer, der hatte es mit den Augen. Und Jesus hat ihn geheilt. Ja, ich glaube: blind war der, hat Opa damals erzählt.
"Evangelium nach Markus" benennt er sein Werk.
Er ist sehr stolz darauf und genießt dank seiner herausragenden Arbeit bei der jungen Christengemeinde ein hohes Ansehen. Beliebt ist es unter anderem auch wegen der wortgewaltigen, gleichnishaften Sprache seines Verfassers, die allerdings auch zu verschiedensten Interpretationen einlädt.
Um das Werk angesichts von Verfolgung und Feindseligkeiten der Umwelt vor der Zerstörung zu bewahren, beschließt man, es mehrmals abzuschreiben. Dabei hat man es ausgesprochen eilig, da man nie weiß, ob die Römer nicht morgen schon Ernst machen. Im Schutze der Nacht, beim fahlen Flackern eines kleinen Talglichtes, sitzen die Kopisten und arbeiten fieberhaft. Dass bei dieser Vorgehensweise etliche Übertragungsfehler und Verwechslungen nicht ausbleiben: Was soll's! Das Werk als Ganzes ist für die nachfolgenden Generationen gesichert und wird die schlimmen Zeiten überdauern, denkt man beruhigt.
Die Zeiten vergehen. Das Blatt scheint sich zu wenden. Der Zerfall des Römischen Reiches und seines Heidentums schreitet unaufhaltsam voran, das Christentum beginnt seinen Siegeszug.
Nun ist es an der Zeit, die Glaubensinhalte zu definieren und in einer Heiligen Schrift festzuhalten.
Streit setzt ein:
Welche der überlieferten Texte sind würdig, in den Kanon aufgenommen zu werden?
180 Jahre n. Chr. schließlich schaffte es die junge Amtskirche, sich fürs Erste darauf zu einigen, die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes in die Heilige Schrift aufzunehmen. Hinzu kamen die Apostelgeschichte des Lukas, die zehn Paulusbriefe, der 1. und 2. Timotheusbrief, der Titusbrief und die Apokalypse des Johannes.
All diese Schriften, die auf ähnliche Weise wie das oben schon beschriebene Evangelium nach Markus entstanden waren, sollten nun die theoretische Grundlage bilden, nach der sich fürderhin die Welt gestalten würde.
Bei dieser Auswahl sollte es nicht bleiben: Die Bibel wurde über Jahrhunderte immer wieder verändert. Abgeschrieben. Übersetzt. Alles in allem wird man zu dem Schluss kommen: Die Bibel stellt eine Art "Kollektiver Flüsterpost" dar: Sie besteht aus Geschichten, von Unbekannten nach Hörensagen aufgeschrieben, beständig weitergegeben, und bei jeder Weitergabe verändert.
Die Bibel: Das Buch der Widersprüche
Hieraus resultieren ihre Widersprüche. Teilweise unüberbrückbare Brüche. Die Gestalt des Jesus (selbst sein Name ist falsch überliefert: Als jüdischer Rabbi trug er den Namen Yehoshuah) kommt im Buch der Bücher höchst uneinheitlich daher: War er Pazifist oder ein cholerischer Draufgänger? Stammte er wirklich aus Nazareth? Begab er sich gar auf schamanische Reisen und huldigte damit Kulten, die im heutigen Verständnis als "heidnisch" angesehen würden? Von wem wurde er zum Tode verurteilt: Von den Juden? Oder nicht doch von den damaligen Machthabern: Den Römern?
War Jesus ein duldsamer Mensch? Oder eher ein Choleriker, so wie in diesem Video?
Die Bibel hat auf alle Fragen eine Antwort: Und diese lautet in jedem Fall: Ja!
Tatsächlich lassen sich für jede Behauptung als auch für deren Gegenteil Belege in der Bibel finden. So gesehen stellt sie ein Buch dar, das aufgrund seiner logischen Fehler jedem nur halbwegs verantwortungsbewussten Lektor die Tränen in die Augen treiben und ihn veranlassen würde, vorsorglich lieber die Frührente anzustreben.
Das alles wäre noch nicht so schlimm, wenn man die Bibel als das ansehen würde, was sie tatsächlich ist: Eine gigantische Sammlung spannender Geschichten. Ein Sagenbuch aus der frühen Kinderstube des Neuzeitmenschen.
Doch sie ist weit mehr: Sie ist über nun schon Jahrtausende zur Richtschnur des Handelns ganzer Völker geworden. Diente als Legitimation gigantischer Grausamkeiten: Auf ihrer Grundlage wurden im Zuge der "Entdeckung" Amerikas ganze Völker ausgelöscht. "Heilige Kreuzzüge", die den "einzig wahren Glauben" in die Welt tragen sollten und doch nichts als menschenunwürdige Schlachtfeste waren, wurden mit ihr begründet. Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit feierten fröhliche Urständ, weil Bibelzitate dies angeblich rechtfertigten. Noch heute dient sie, gerade in den Entwicklungsländern, als scharfe Waffe gegen eigenständiges Denken und "minderwertige" Kulturen und hilft, durch rigide Moralvorschriften und Abwertung des weiblichen Geschlechts die Geburtenrate hoch, die Armut groß und das Elend unvorstellbar zu halten.
Zeit für ein paar klare Gedanken!
Würden Sie es für eine gute Idee halten, ein beliebiges Märchenbuch aus dem Regal Ihrer Kinder zu nehmen und dessen Inhalt zur Maxime Ihres Handelns zu machen? Und dabei vielleicht noch darauf achten, dass das Buch auch "wörtlich" ausgelegt werden müsse?
Nein!, sagen Sie?
Dennoch tut die Menschheit seit fast 2000 Jahren genau das. Mit, wie wir alle wissen, verheerenden Folgen.
In seinem "Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments" legt Walter-Jörg Langbein den Finger auf die Wunde. In klaren Analysen zeigt er die Widersprüchlichkeit des "Buches der Bücher" auf und beweist, dass unser sicher geglaubtes Wissen über Jesus und die Grundlagen der christlichen Religion auf eher tönernen Füßen steht.
Es ist deshalb ein absolut empfehlenswertes Buchfür jeden, der mehr über die Hintergründe und die (erstaunlich wenigen!) gesicherten historischen Fakten wissen möchte.
Die Einordnung dieser Erkenntnisse sei dann jedem selbst überlassen.
Bei dem Satz Ein Buch lesen fällt mir sofort die Frage ein: Weshalb reicht es nicht, sein Sparbuch regelmäßig zu lesen? Warum sollte jemand noch ein weiteres Buch lesen? – Vielleicht, um dem Menschen, der sich das Buch ausgedacht hat, einen Gefallen zu tun oder dem Verlag, dem Buchhändler und natürlich dem Finanzamt zu helfen, noch mehr Geld einzunehmen? – Es ist keine Frage, dass alle davon profitieren, aber sollte ich deshalb lesen?
Wer ist an dieser Stelle nicht versucht, zu antworten: Wenn jemand nicht den inneren Drang verspürt, ein Buch zu lesen, dann sollte er tatsächlich bei seinem Sparbuch bleiben. – Doch das wäre falsch, es wäre nur die Antwort der Ungeduld. Sicherlich wird jemand, der den Zauber des Lesens erst einmal erlebt hat, nicht mehr davon lassen wollen, aber was ist mit all den anderen Menschen, die ihn noch nicht erfahren konnten? Sollen wir sie einfach übersehen und vergessen? – Nein, das sollten wir nicht, vielmehr sollten wir überlegen, was sie interessieren könnte und sie dann auf ein entsprechendes Buch hinweisen.
Zumindest bei guten Büchern ist stets die Frage erlaubt, welcher Einfluss von dem Buch ausgeht. – Solange das Buch nur in einem Regal steht und hübsch aussieht, beeinflusst es vermutlich nichts und niemanden.
Wie ist es aber, wenn das Buch tatsächlich gelesen wird? – Während der Zeit des Lesens gehen Buch und Leser eine Verbindung ein. Sie ermöglicht es, dass Ideen des Buches in den Leser wandern und dort etwas auslösen. Was dort jedoch ausgelöst wird, hängt vom Inhalt und der Aufmachung ab sowie von der Erwartung des Lesers. Sucht er Spannung oder Humor, Liebe oder Wissenschaft, Rat in bestimmten Bereichen, oder will er sich nur an schöner Sprache erfreuen? Wir wissen es nicht, denn die Antwort darauf kann nur der Leser geben.
Die meisten schriftstellerisch Tätigen möchten, wie ich vermute, dass ihr Werk Spuren hinterlässt. Dabei wäre festzustellen, dass es keineswegs immer Bestseller sein müssen, die unübersehbare Spuren hinterlassen.
Es gibt jedoch ein Buch, das sich mit Fug und Recht Bestseller nennen darf – es wird auch das Buch der Bücher genannt – und das nachweislich unser gesamtes Abendland beeinflusst hat: Es ist die Bibel.
Wie man es auch immer mit Gott halten mag, ob es der Gott ist, an den man fest glaubt und zu dem man nach dem Ende seines irdischen Lebens zurückkehren möchte, oder ob es nur ein Gott unter anderen ist, die Bibel zu lesen lohnt sich immer und sei es auch nur wegen der vielen Aha-Erlebnisse, die jeder hat, wenn er in der Bibel Stellen findet, von denen er nicht wusste, dass sie in der Bibel stehen.
Selbstverständlich sind die Erwartungen an ein Buch unterschiedlich, das gilt auch für die Bibel. Der tief in seinem Glauben Verwurzelte wird die Bibel möglicherweise nach Stellen durchsuchen, die seinen Glauben untermauern – und er wird viele Stellen finden, auf die das zutrifft.
Jemand, der Gott und vor allem der Kirche kritisch gegenübersteht, fragt vielleicht, wie Gott geschildert wird. Ist er stets der gleich liebe Vater seiner Geschöpfe mit anscheinend unendlicher Langmut, oder zeigt er manchmal auch menschliche Schwächen, wie zum Beispiel Ungeduld, Zorn, Eitelkeit und Gedanken an Vergeltung? Verhält er sich vielleicht sogar wie ein Diktator? Was haben die Menschen zu erwarten, die ihn nicht anbeten und seinen Geboten nicht gehorchen?
Wer versteht einen Vater, der wegen eines ungehorsamen Kindes die gesamte Nachkommenschaft für sündig erklärt, der dann aber seinen Sohn opfert und ihn sterben lässt, um die Nachkommenschaft von der Erbsünde wieder zu befreien, obwohl er seine ursprüngliche Erklärung zurücknehmen könnte und sein Sohn dann nicht zu sterben brauchte?
Selbstverständlich steht nicht jeder beim Lesen der Bibel vor einem Berg von Fragen, man kann sich dem Inhalt auch unvoreingenommen nähern.
Für mich und sicherlich auch für viele andere ist die Bibel ein empfehlenswertes Buch.
Nicht versäumen möchte ich, für die freundliche Einladung und Aufnahme in das Autorenteam zu danken.
Wolf-Gero Bajohr
Über mich gibt es zwar nicht allzu viel zu sagen, wer aber trotzdem etwas über mich lesen möchte, dem empfehle ich meine Web-Site