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Sonntag, 20. Mai 2018

435 „Die heidnische Göttin am Münster?“

Teil  435 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein

Bei meinem ersten Besuch des Hamelner „Münster St. Bonifatius“ versuchte ich, das altehrwürdige Gotteshaus zu umrunden. Das gelang mir auch weitestgehend, heckenartiger Baumbewuchs an einer Stelle zum Trotz. Hoch, ja ehrfurchtgebietend ragt das Mauerwerk in den Himmel. Massiv ist die Bauweise, so dass das Münster wacker den Jahrhunderten trotzen konnte. Es wirkt im Vergleich zu modernen Bauten zeitlos.

Fotos 1 und 2: Die „Matrone“ am Hamelner Münster. leicht zu übersehen

Ich machte zahlreiche Aufnahmen, auch von der Rückseite der alten Kirche. Das Kriegerdenkmal zur Erinnerung an die Toten von beiden Weltkriegen fiel mir natürlich auf, groß genug ist es ja. Schön ist es nicht unbedingt, aber das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Und über Geschmack, so sagt das alte lateinische Sprichwort, soll man nicht streiten. Im Lateinischen heißt es: „Dē gustibus nōn est disputandum.“ Übersetzt ins Deutsche: „Über Geschmäcker soll man nicht disputieren.“ (1) Mit anderen Worten: Es gibt nicht den „richtigen“ oder den „falschen“ Geschmack. Ich persönlich empfinde das „Kriegerdenkmal“ am Hamelner Münster als unpassend zum altehrwürdigen sakralen Gebäude.

Übersehen habe ich allerdings eine mysteriöse Steinskulptur an der Außenwand des Münsters zu Hameln, die allerdings durch die beiden „Zähne“ des Denkmals abgedeckt wird, so man direkt davor steht. Ich gebe es zu: Hastigen Schritts eilte ich weiter, ich wollte doch genügend Zeit für die Säulenkapitelle mit geheimnisvollen Darstellungen im Inneren haben.

Foto 3: Im gelben Kreis... die „Matrone“
Betrachtet man die stark verwitterte Figur an der Außenwand näher, etwa mit Hilfe eines starken Teleobjektivs, so fällt der unverhältnismäßig große Kopf der Gestalt auf. Ich machte eine Reihe von Aufnahmen, zuletzt mit meiner Nikon D800E unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleobjektivs. Je nachdem aus welchem Blickwinkel man die seltsame Statuette betrachtet, werden die Beschädigungen mehr oder weniger erkennbar.

Wie zwei riesige Zähne oder Rippen ragt das Kriegerdenkmal empor und verdeckt, wenn man direkt davor steht, die mysteriöse Statuette an der Außenwand.

Mehrere Jahre habe ich recherchiert. Ich habe Fachliteratur studiert. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf die seltsame Figur, von einer Erklärung ganz zu schweigen. Schon 2014 wandte ich mich an Pastorin Friederike Grote, die meine Anfrage an Herrn B.G. weiterleitete, der in Fragen zum Hamelner Münster sehr bewandert ist. Herrn Gs Antwort fiel für mich, offen gesagt, ernüchternd aus (2): „Ich denke, dass der sehr starke Verwitterungsgrad der Figur eine sichere Deutung nicht mehr zulässt. Joachim Schween (3), den ich auch zu Rate gezogen habe, ist derselben Meinung. Er hält eine Mariendarstellung  für möglich. Maria Magdalena, die reuige Sünderin, ist nicht auszuschließen. Zu ihr passen die offen getragenen Haare. In der mir bekannten Literatur zum Münster gibt es keine Hinweise auf die Figur.“

Foto 4: Maria Magdalena von Lübeck
Tatsächlich gibt es im Dom zu Lübeck eine Maria Magdalena, die eine mit kostbaren Steinen besetzte „Haube“ trägt. Die Lübecker Maria Magdalena hat schulterlanges Haar, das „lockig“ fällt. Die Hamelner Statuette könnte auch ihr langes Haar offen tragen. Sollte sich also an der Rückseite des Hamelner Münsters eine alte Statue der Maria Magdalena befinden?

Der älteste Teil des Münsters, die Krypta, ist wohl bereits kurz nach 800 entstanden. Wechselhaft verlief die Geschichte des Gotteshauses. 1259 brach ein Brand aus, bauliche Erneuerungen wurden erforderlich. Aus welcher Zeit mag nun die Statuette stammen, über die offiziell nichts bekannt ist? Sie weist ganz erhebliche Verwitterungsspuren auf und sieht sehr viel älter als das Mauerwerk aus, in das sie respektvoll eingesetzt wurde.

Woher stammt die Figur? Befand sie sich bis zum Brand Mitte des 13. Jahrhunderts im Inneren des Münsters und wurde sie nach den Renovierungsmaßnahmen außen am Gotteshaus angebracht? Wollte man Maria Magdalena aus der Kirche verbannen? Ließ man sie aus Respekt vor der Frau, die nach apokryphen Schriften der Gnostiker die Lieblingsjüngerin Jesu war, nicht einfach verschwinden? Sollte die steinerne Figur gar aus der ersten Bauphase des Münsters stammen? Oder ist sie noch älter? Dann könnte sie über ein Jahrtausend alt sein. Derlei Gedanken sind freilich rein spekulativ.

Ich wiederhole meine Überlegung: Ist die Statuette womöglich älter als das Münster? Stammt sie gar aus einem heidnischen Tempel der drei Matronen?

Sophie Lange ist die Autorin des Standardwerks „Wo Göttinnen das Land beschützten“ (4). Zum Jahrtausendwechsel gab es im Propsteimuseum der alten „Römerstadt“ Zülpich eine bemerkenswerte Ausstellung statt. Im Ausstellungskatalog schreibt die profunde Kennerin des Matronenkults (5):

Fotos 5 und 6: Die Statuette am Hamelner Münster

„Die Mutter Natur war den Urmenschen heilig. Sie war die Lebensspenderin, die Nahrungsgebende und die Schützerin. Aber auch Himmel und Unterwelt gehörten zu ihrem Reich. Neben der Großen Göttin und anderen bedeutenden Gottheiten wurden lokale Göttinnen und Götter verehrt, die für ein bestimmtes Landschaftsgebiet mit seinen Siedlungen zuständig waren. Mensch und Tier, Feld und Flur, Haus und Gut standen unter ihrem besonderen Schutz. Zu diesen lokalen Genien gehören die Matronen. In dem Gebiet zwischen Eifel und Rhein verdrängten sie fast alle anderen Götter. Sie waren die Mächtigsten, die das Land beschützten.“

Die Matronen waren Schutzgöttinnen, die vom ausgehenden ersten bis ins dritte Jahrhundert hinein in der römischen Provinz „Niedergermanien“ verehrt wurden, also in westlich des Rheins gelegenen Teilen der heutigen Niederlande und Deutschlands sowie in Teilen von Belgien.

Foto 7: Sophie Langes Standardwerk
Sophie Lange schreibt weiter (5): „Nach der Christianisierung lebten die heidnischen Matronen in der Volksfrömmigkeit weiter. Als die drei heiligen Bethen und die heiligen Schwestern Fides, Spes und Caritas - die legendären Töchter der heiligen Sophia - fanden sie Einlass in die Heiligenverehrung. In lokalem religiösem Brauchtum, zum Beispiel bei der Verehrung der heiligen Brigida, haben sich vorchristliche Vorstellungen erhalten. Die Kulte der Muttergöttinnen flossen in abgewandelter Form in die Verehrung der Gottesmutter ein. Die alten Matronen-Symbole wie Mond, Apfel und Schlange haben auch in Mariendarstellungen große Bedeutung.

Im frühen Christentum wurden die alten Kultplätze weiter von den Menschen besucht. So gab Papst Gregor der Große um 600 die Anweisung, die Heidentempel nicht zu zerstören sondern in christliche Kirchen umzuwandeln. So stehen manche Kirchen an den Kraftplätzen der Götter und Göttinnen. Auf dem Land haben Dorfkirchen, Kapellen, Bildstöcke und Wegekreuze die ehemaligen heidnischen Heiligtümer ersetzt, In der Geisterwelt leben die Matronen als drei unnahbare Juffern weiter. Als geheimnisvolle Lichtgestalten spuken sie an den alten Matronenplätzen, an Quellen und Flüssen.“

Foto 8: Sophie Langes Standardwerk. Rückseite.
Stand die Statuette am Hamelner Münster, in unmittelbarer Nähe der Weser gelegen, ursprünglich in einem „Heidentempel“ zu Ehren der Schutzgöttinnen, genannt Matronen? Wurde sie respektvoll von frühen Christen aufbewahrt und schließlich am Hamelner Münster angebracht? Ich halte das nicht nur für möglich, sondern für realistisch. Meiner Meinung nach ist die Statuette von Hameln nichts anderes als eine Matrone. So stark verwittert sie auch ist, sie weist wichtige Merkmale einer Matrone auf.

Fußnoten
1) Wörtliche Übersetzung: „Über Geschmäcker ist ein Nichzudisputierendes.“ Das kann man übersetzen mit „Über Geschmäcker kann/ soll man nicht disputieren/ streiten.“
2) Per Mail an Pastorin Grote Freitag, 19. September 2014 22:17.
3) Joachim Schween ist ein örtlicher Archäologe.
4) Lange, Sophie: „Wo Göttinnen das Land beschützten/ Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein“, 1. Auflage Sonsbeck 1994
5) „Matronis - Visionen zu einem regionalen Göttinnenkult“, 2001

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Die „Matrone“ am Hamelner Münster ist leicht zu übersehen. Fotos Walter-Jörg Langbein   
Foto 3: Die „Matrone“ am Hamelner Münster ist wirklich sehr leicht zu übersehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Maria Magdalena von Lübeck. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Die Statuette am Hamelner Münster. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 7: Sophie Langes Standardwerk. Vorderseite.
Foto 8: Sophie Langes Standardwerk. Rückseite.      


436 „Zwei Krypten und das Monster am Fluss“
Teil  436 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.05.2018


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Sonntag, 30. April 2017

380 »Eine Köpenickiade und drei Exgöttinnen«

Teil  380 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Die drei Bethen von Worms.

Im altehrwürdigen Dom zu Worms fotografierte ich die drei Heiligen Bethen, in Stein formvollendet verewigt. Auf meinen Reisen begegneten die drei Heiligen Madeln unter verschiedenen Namen immer wieder. Auch in Freiburg im Breisgau sind sie nach wie vor nicht vergessen.

»Am Abend des 27. November 1944 brach die Hölle über Freiburg herein!«, erklärte mir ein greiser Mann, der die Bombenangriffe auf das malerische Schwarzwaldstädtchen leibhaftig miterlebt hatte. »Ich kann mich genau erinnern. Leichter Nebel lag über der Stadt. Der Vollmond stand hoch am Himmel. Es war Adventszeit. Irgendwie schien es friedlich zu sein. 8 Uhr läuteten die Kirchenglocken. Die Stille war trügerisch. Wenige Minuten später  gab es den Voralarm. Und fast gleichzeitig fielen die ersten Bomben vom Himmel. Lancaster-Bomber warfen Bomben ab, als gelte es, ganz Freiburg von der Karte zu tilgen. Dabei wollte man doch in erster Linie den angeblich so wichtigen Bahnhof von Freiburg zerstören.«

Foto 2: So manche Kirche war den Bethen geweiht
Fast 3.000 Menschen starben am 27. November in Freiburg, im Bombenhagel von über 300 Lancaster-Flugzeugen, die in nur zwanzig Minuten Tausende Spreng- und Brandbomben abwarfen (1). 80 Prozent der historischen Altstadt wurden vernichtet. Von 14 527 Gebäuden blieben nur 2148 unbeschädigt. Kapellen und Kirchen wurden nicht verschont. Massiv von Bomben getroffen wurde auch das Münster zu Freiburg. Wie durch ein Wunder »überlebte« der mächtige Turm, der das berühmte Tympanon beherbergt.

Am Montag, den 7. Mai 1945, kam es im »Obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte« in Reims zur Unterzeichnung eines wichtigen Dokuments. Die deutsche Wehrmacht kapitulierte bedingungslos. Wenige Tage zuvor, am 21. April 1945, standen französische Truppen vor Freiburg. Die militärisch bedeutungslose, inzwischen fast vollkommen zerstörte Stadt, sollte eingenommen werden. Nur wenige verblendete Fanatiker glaubten noch an den so oft beschworenen »Endsieg«. So wurden gewaltige Sprengladungen an der Schwabentorbrücke angebracht. Der Einmarsch der französischen Truppen sollte durch Zerstörung der Brücke verhindert werden. Eine Sprengung der Brücke hätte vermutlich dazu geführt, dass Freiburg vollkommen von der Landkarte gefegt worden wäre. Da kam es zu einer echten »Köpenickiade«:

Clemens Rosset holte seine alte Hauptmannsuniform aus dem Kleiderschrank, erschien bei der Schwabentorbrücke und gab sich als »Beauftragter des Stadtkommandanten« aus. Er befahl den Soldaten, die Sprengladungen wieder abzubauen, zu entschärfen und sich zum Messplatz zurückzuziehen. So verhinderte er weiteres Blutvergießen. Sein Einsatz war alles andere als ungefährlich. Leicht hätte Clemens Rosset als Wehrkraftzersetzer erschossen werden können.

Foto 3: Aus Göttinnen wurden christliche Heilige
Anders als das Münster von Freiburg überstand die Pfarrkirche »St. Cyriak und Perpetua« die massiven Luftangriffe vom 27. November 1944 unbeschadet. Bereits 1748 war auf dem Adelhauser Friedhof nach Fundamenten einer alten Kirche gesucht worden. Man wurde fündig. Und so beschloss man, auf den Resten der Mauern neu zu bauen. Die Barockkirche, so ist es verlässlichen Dokumenten zu entnehmen, wurde anno 1753 begonnen. »St. Cyriak und Perpetua« wurde sie genannt. Im Volksmund hieß das kleine Gotteshaus »Annakirche«, weil es auf dem »Annaplatz« errichtet worden war.

Wie so häufig wurden die ältesten christlichen Kirchen auf einst heidnischen Sakralplätzen gebaut. Rund ein Jahrhundert vor der Stadtgründung von Freiburg gab es die Dörfer Wiehre und Adelhausen. Sie verschmolzen während des »Dreißigjährigen Krieges« anno 1643 zu einer Gemeinde. Der Name Wiehre setzte sich für das »neue« Dorf durch. Erst 1826 kam es zur Eingemeindung und aus dem selbständigen Dorf wurde schließlich ein Ortsteil von Freiburg. Und just dort soll es einst ein heidnisches Heiligtum gegeben haben. Es gab offenbar einst eine heidnische Pilgerstätte, die schließlich christianisiert wurde. Mag sein, und ich halte das für eine realistische Annahme, dass es Göttinnen waren, die hier einst verehrt und angebetet wurden. Aus ihnen wurden Einebth, Wilbeth und Worbeth, die »drei Heiligen Jungfrauen«, auch »die drei Heiligen Bethen« genannt.

Foto 4: Die Wiehre mit St. Cyriak und Perpetua, Gemälde - um 1820

Der kleine Kirchführer »Freiburg im Breisgau/ St. Cyriak und Perpetua« vermeldet (2): »Besonders in Pestzeiten pilgerten die verängstigten Menschen scharenweise zu den Heiligtümern der als christliche Nothelferin angerufenen Einbeth. Ihr Kult entwickelte sich in Straßburg und drang seit dem Ende des 12. Jahrhunderts in den südwestdeutschen Sprachraum vor. Nach der Legende, auf die auch vorchristliche Mythen eingewirkt hatten, sei die (nie heiliggesprochene) Einbeth mit ihren Kultgenossinnen im Gefolge der Heiligen Ursula nach Straßburg gekommen.«


Ich halte diese Beschreibung für richtig, wenngleich meiner Meinung nach es nicht vorchristliche Mythen waren, die auf eine christliche Legende einwirkten. Vielmehr war es eine alte heidnische Legende, die christlich eingefärbt wurde.

Foto 5: »St. Cyriak und Perpetua-Kirche«, Freiburg

Die Geschichte von Freiburg und Umgebung ist verwirrend. Die Region war über Jahrhunderte heftig umkämpft. Es folgte Krieg auf Krieg, die Herrschaftsverhältnisse änderten sich immer wieder. Was mich aber mehr interessiert als die Militärpolitik der vielen Jahrhunderte, das ist der Wandel in Sachen Religion vom Heidentum zum Christentum. Wie so oft konnte älterer, heidnischer Glauben nicht ausgemerzt werden. So versuchte man durch Verschleppung von »Heiligen« aus heidnischen in christliche Zeiten möglichst vielen Gläubigen den Wechsel zum Christentum zu erleichtern.

An Stelle der heutigen Kirche »St. Cyriak und Perpetua« stand früher die Kirche St. Einbeth, die ihrerseits ein heidnisches Heiligtum ablöste. Wie viele heidnische Kultplätze man es in vorchristlichen Zeiten in deutschen Gefilden gegeben haben? Wir wissen es nicht. Jahrhunderte der Christianisierung ließen sie in Vergessenheit geraten, nur die »drei Bethen« erinnern noch an sie.

An der Stelle der heutigen Kirche »St. Cyriak und Perpetua« stand im 13. Jahrhundert ein der »St. Einbeth« gewidmetes Gotteshaus. In Zeilarn, Gemarkung Schildthurn, Niederbayern, ragt der höchste Dorfkirchturm Bayerns 78 Meter hoch in den Himmel. Benannt wurde das Gotteshaus nach dem Heiligen Ägidius. Nebenpatrone sind bis auf den heutigen Tag die drei Heiligen Jungfrauen Einbeth, Wilbeth und Warbeth. Nach Max Heuwieser verehrte man hier einst die heidnischen Nornen, die den Frauen bei Geburten zur Seite standen. Max Heuwieser (1878-1944), Geistlicher und Hochschulprofessor, gilt nach wie vor als kenntnisreicher Heimat- und Geschichtsforscher.

Nach wie vor verehrt werden die drei Bethen auch in der »Kirche St. Tertulin« in Schlehdorf am Kochelsee. Und das wohl seit Mitte des 14. Jahrhunderts. Ihre Namen wurden als Wolbeth, Walbeth und Vilbeth überliefert. Aus dem 18. Jahrhundert (?) stammen ihre Statuetten, die den »Frauenaltar« zieren. Mag sein, dass nur der Altar so relativ jung ist, die drei Heiligenfiguren aber älter sind. Eine der Drei hält – wie ihre steinernen Pendants in Worms – ein Buch. Alle drei sind als Heilige dargestellt: jede verfügt über einen Strahlenkranz. Heilige Frauen, die als Attribut ein Buch tragen sind nach alter Symbolik Wissende, die mit uralten Mysterien vertraut sind, also altehrwürdige Eingeweihte.

Foto 6: »Drei Nornen«, Gemälde etwa 1844

Auch in Leutstetten wird fündig, wer nach den Heiligen drei Madeln sucht. Leutstetten war einst eine eigenständige Gemeinde in Oberbayern. Anno 1978 aber kam’s zur Gebietsreform in Bayern, Leutstetten wurde der Stadt Starnberg eingemeindet. Drei Kronen in Weiß auf blauem Grund zieren das Wappen von Leutstetten – eine Erinnerung an die drei Heiligen Bethen? Selbständig war auch einst das Dörfchen Einbettl bei Leutstetten. In der Kapelle von Einbettl genoss ein Gemälde in der Bevölkerung religiöse Verehrung. Es zeigte, wen wundert’s?, die drei Heiligen Bethen. Der Name des Dorfes Einbettl geht offensichtlich auf eine der drei Bethen, natürlich auf Einbeth, zurück.

Im altehrwürdigen Dom zu Worms fotografierte ich die drei Heiligen Bethen, in Stein formvollendet verewigt. Vorläufer dieser christlichen weiblichen Triade waren keltische Muttergöttinnen, die als Triaden verehrt wurden. Bis 1968 konnte man die drei Bethen noch im römisch-katholischen Heiligenkalender finden. Am 16. September wurden sie am »Bethentag« gefeiert. Noch heute soll in Meransen, Südtirol, eine Prozession zu Ehren der drei Bethen abgehalten werden. Und man findet sie nach wie vor – freilich versteckt – in uns vertrauten Märchen. In Schneewittchen wird auf die Drei angespielt: »Hätt‘ ich nur ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz.« Weiß, rot und schwarz sind die drei Farben der drei Bethen.

Foto 7: Die Heilige Warbede von Worms
Es lohnt sich, den Dom zu Worms zu besichtigen und den drei Bethen einen Besuch abzustatten. Es lohnt sich aber auch, überall nach den drei Bethen zu suchen – in Kirchen und Kapellen, in altem Brauchtum und langsam in Vergessenheit geratenden lokalen Überlieferungen, in Märchen und in Sagen.

Ein Hinweis möge zum eigenständigen Recherchieren anregen: Im Umfeld von Murnau kennt man seit alters her die »drei adeligen Jungfrauen«, die im Volksglauben da und dort im deutschsprachigen Raum den Ehrentitel »die drei Ewigen« tragen. Gerade dieser Name kann sehr wohl auf den weit in der Vergangenheit liegenden Ursprung der heidnischen »Bethen« verstanden werden.

Wer, nein was sind die heiligen drei Bethen? Es sind Exgöttinnen, die in Heilige verwandelt wurden, nachdem viele Christen den Glauben an die drei Himmlischen nicht aufgeben wollten!


Literaturempfehlungen zum Themenkomplex »Freiburger Münster«
Adam, Ernst: »Das Freiburger Münster«, Reihe »Große Bauten Europas«, 3.
     Auflage, Stuttgart 1981
Adam, Ernst: »Der Turm des Freiburger Münsters«, Artikel erschienen in
     »Schau ins Land/ Zeitschrift des Breisgau Geschichtsvereins«, Ausgabe 73,
    1955, Seite 65
»Freiburger Münsterbauverein« (Hrsg.): »Baustelle Gotik/ Das Freiburger
     Münster«, 2., durchgesehene Auflage, Petersberg 2014
»Freiburger Münsterverein« (Hrsg.): Das Freiburger Münster, Regensburg, 2.
     Erweiterte Auflage, 2011
Hart, Wolf: »Die Skulpturen des Freiburger Münsters«, Freiburg 1975
Herre, Chr. Louis: »Okkulte Symbolik des XIII. Jahrhunderts/ Der
     wissenschaftlich-philosophische und religiöse Ideengehalt der
     Bauhüttensymbolik des XIII. Jahrhunderts«, Freiburg i.Br., 2. Auflage 1922
Nußbaum, Norbert: »Deutsche Kirchenbaukunst der Gotik/ Entwicklung und  
     Bauformen«, 2. Auflage, Darmstadt 1994
Spath, Emil: »Das Tor zum Leben/ Die Hauptportalhalle des Freiburger Münsters«,
     Lindenberg 2004

Foto 8: Der Dom von Worms
Fußnoten
1) Die Zahlenangaben zu den am 27. November 1944 abgeworfenen Bomben variieren erheblich. So werden, je nach Quelle zwischen 14 000 und 150 000 Bomben vermeldet.
2) Brommer, Hermann: »Freiburg i. Br. – Katholische Pfarrkirche St. Cyriak und Perpetua«, Verlag Schnell & Steiner, München/Zürich 1980

Zu den Fotos
Foto 1: Die drei Bethen von Worms. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: So manche Kirche war den drei Bethen geweiht. Foto Walter-Jörg Langbein (Das Foto zeigt die drei Bethen von Worms.)
Foto 3: Aus heidnischen Göttinnen wurden christliche Heilige. Foto Walter-Jörg Langbein (Das Foto zeigt die drei Bethen von Worms.)
Foto 4: Auch in Freiburg wurden einst die drei Bethen verehrt. Die Wiehre mit St. Cyriak und Perpetua, Gemälde - um 1820 entstanden - von Rudolf Follenweider (1774-1847). Foto wikimedia commons
Foto 5: »St. Cyriak und Perpetua-Kirche«, Freiburg. Foto wikimedia commons/ Camrade obscura
Foto 6: »Drei Nornen«, Gemälde etwa 1844, Foto wikimedia commons/ talk  contribs
Foto 7: Die Heilige Warbede von Worms mit Buch. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Nicht nur im Dom von Worms lebt die Erinnerung an die drei Exgöttinnen fort. Foto Walter-Jörg Langbein

381 »Gibt es im Dom von Limburg die Darstellung eines UFOs? Teil 1«,
Teil  381 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 07.05.2017



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Sonntag, 24. April 2016

327 »Der Dolch der Götter«

327 »Der Dolch der Götter«,
Teil 327 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Eines der Gesichter eines »Phurba«

Endlich hatte ich einen Entschluss gefasst. Ich würde mein Studium der evangelischen Theologie abbrechen. Und das – auch wenn das manchen Zeitgenossen absurd vorkommen mag – aus Respekt vor dem christlichen Glauben. Da ich zentrale Lehren der christlichen Religion evangelisch-lutherischen Gepräges nicht mehr nachvollziehen konnte, durfte ich einfach nicht eben diese Lehre von der Kanzel predigen. Ich konnte einfach nicht Priester sein. Denn der Gläubige muss sich darauf verlassen können, dass ihm der Geistliche nicht einfach nur schöne Geschichten erzählt. Nur ein wirklich gläubiger Priester ist ein glaubwürdiger Priester. Nur dann kann er helfen.

Meinen  Entschluss teile ich einem befreundeten Geistlichen mit, der seine kleine Gemeinde in einem

Foto 2
Foto 3
kleinen Dörfchen im Oberfränkischen seelsorgerlich betreute. Nach Genuss »geistiger« Getränke erkundeten der Gottesmann und ich die »Unterwelt«. Ein Gang führte einst vom Pfarramt in die nahe gelegene dörfliche Kirche. Wer mochte wohl den Gang angelegt haben? Mein geistlicher Führer hatte eine interessante These parat.

In Deutschland und Österreich gab es einst hunderte, ja tausende von sogenannten »Schratzelgängen« oder »Schratzelhöhlen«. Weil sie extrem niedrig sind, man kann sich in ihnen in der Regel nur sehr gebückt oder gar nur kriechend fortbewegen, wurden sie einst den »Schratzeln«, also Zwergen, zugeschrieben. Wer sonst als Zwerge, so glaubte man, kann in dieser »Unterwelt« hausen?

Die Gänge sind oft der Regel 50 bis 60 Zentimeter »breit« und einen Meter bis 1,40 Meter »hoch«, manchmal deutlich niedriger. Verengungen machen ein Weiterkommen manchmal fast unmöglich. Wer an Platzangst leidet, sollte die Erkundung der Gänge anderen überlassen. Kriecht man schlangenartig durch so einen Gang, stößt man in der Regel irgendwann auf einen »Raum«, der etwas breiter und höher als der Gang selbst ist. Häufig ist so ein Raum mit »Sitzbänken« ausgestattet, die für normalgroße Menschen völlig ungeeignet sind. Zwerge könnten sich hier versammelt haben, unter der Erde. Probleme bereitet der Mangel an frischer Atemluft Zwergen wie normalwüchsigen Menschen.

Foto 4
Als »Lagerräume« sind die »Schratzelgänge«, auch »Erdställe« genannt, vollkommen ungeeignet. Selbst wenn die kleinen in die Gangsysteme integrierten »Räume« als Keller gedacht waren, warum hat man dann die Minitunnels zu diesen Räumen so angelegt, dass man meist auf allen Vieren oder gar auf dem Bauch kriechen muss, um ans Ziel zu kommen? Wollte man gar – zum Beispiel – einen Sack Kartoffeln aus so einem Schratzel-Raum holen, gestaltete sich das mehr als problematisch, weil man dabei nicht aufrecht gehen konnte.

Unklar ist auch, wann die ersten dieser Gänge angelegt wurden. Sie lassen sich nicht datieren. In einer »Schratzelhöhle« in Bad Zell (Oberösterreich) fanden sich Holzkohlereste, die auf die Zeit von 1030 n.Chr. bis 1210 n.Chr. datiert wurden. Ein »Erdstall« im bayrischen Höchermühle wurde auf Grund von Holzkohleresten auf die Zeit zwischen Ende des zehnten und Mitte des 11. Jahrhunderts angesetzt. Diese Funde lassen freilich keine Rückschlüsse auf die Entstehungszeit der Gänge zu. Sie verraten uns lediglich, dass vor rund einem Jahrtausend Menschen in der »Zwergen-Unterwelt« waren. Vielleicht um sie zu erkunden. Die Anlagen selbst können Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende älter sein. Welchem Zweck mögen sie wirklich gedient haben?

Nach intensivem Quellenstudium bin ich zur Überzeugung gekommen, dass die Gänge im Zusammenhang mit religiösem Brauchtum standen. Fakt ist, dass die Zugänge zu dieser »Unterwelt« häufig im Bereich von Kirchen liegen, in direkter Umgebung von Kirchen oder unter Kirchen. Bekanntlich wurden christliche Kirchen häufig auf heidnische Kultstätten gebaut. Verschiedene »Erklärungen« sind mir bei meinen Recherchen begegnet. Der Heimatforscher Anton Haschner spekulierte, dass es sich bei den Räumchen, zu denen Schratzelgänge führen, um »Seelenkammern« handelte, in denen die Seelen von Verstorbenen auf das »Jüngste Gericht« warten mussten (oder durften?). Eine andere Theorie besagt, dass es sich nur um symbolische Gräber gehandelt habe. Wenn nomadisierende Bevölkerungsgruppen umherzogen, sich wieder einmal niederließen, legten sie dann zu Ehren der zurückgelassenen Toten symbolische Gräber an?

Foto 5
An Filme wie »Die Rückkehr der lebenden Leichen« erinnert mich eine andere These. Demnach sollten die Totengeister in den »Schratzelhöhlen« verbleiben und nicht die Menschen in Angst und Schrecken versetzen.

Mein geistlicher Führer, der mir die Tür zur Unterwelt unter seinem Pfarramt geöffnet hatte, spekulierte: Einst gab es einen heidnischen Kult, zu dem der mysteriöse unterirdische Gang gehörte. Pfarramt und Kirche wurden auf die Zugänge zu den Schratzelhöhlen gebaut, um sie für das Christentum in Beschlag zu nehmen. Man habe schließlich zu christlichen Zeiten den einstigen »Erdstall« ausgebaut, um ihn nutzen zu können: als praktischen unterirdischen Weg vom Pfarrhaus zur Kirche und retour.

Nun war »mein« Geistlicher nicht nur ein emsiger Erkunder unterirdischer Gänge aus unbekannten Zeiten. Er suchte auch im Gotteshaus selbst, grub unter dem Mittelgang nach »Schätzen«, und er wurde fündig. Er fand ein kurioses »Ding«, etwa dreißig Zentimeter lang, aus sehr dunklem, hartem Holz geschnitzt, schmal und spitz zulaufend. Viele Jahre später stieß ich in Indien auf ein ganz ähnliches Objekt. Es ist ein »Phurba«. Der »Phurba« erinnert an einen dreiseitigen Dolch, ein Dolch der Götter. Dreiseitig ist der Griff, dreiseitig ist die Klinge. Er kam und kommt im Himalaya zum Einsatz. Besonders in Tibet wird er als heiliges Attribut wichtiger Götter angesehen. Senkrecht stehend wird der »Phurba« als »Achse der Welt« verstanden. Den Griff des »Phurba« zieren gewöhnlich drei Gesichter. Eines strahlt freudigen Optimismus aus, eines wirkt wütend oder traurig und das dritte macht einen ausgeglichenen Eindruck. Die drei Gesichter im Griff des Götterdolchs lassen uns natürlich sofort an die »Heilige Dreifaltigkeit« des Christentums denken. Die Trinität des Christentums freilich ist sehr viel älter. So ist aus vorchristlichen Zeiten eine Vielzahl von Götter-Triaden bekannt.

Foto 6: Das freundeliche Gesicht eines »Phurba«

Göttinnen-Triaden gab es im Heidentum bis in christliche Zeiten hinein. Offensichtlich waren die drei Göttinnen so stark im Volksglauben verwurzelt, dass es selbst emsigsten Missionaren und Bekämpfern des Heidentums nicht gelungen ist, sie aus dem Bewusstsein der Menschen zu verbannen. So wurden die heidnischen Drei-Göttinnen einfach »christianisiert« und durften forthin mit dem Segen der Kirche verehrt werden, als die drei Bethen. Die drei Bethen waren die vorchristliche Form der christlichen Trinität, bestehend aus Gott-Vater, Gott-Sohn und Heiligem Geist. In der uralten einstigen Wehrkirche von Urschalling (am Chiemsee gelegen) ziert bis heute eine rätselhafte Darstellung der christlichen Dreifaltigkeit die Decke. Sie hat einen Unterleib, doch der Oberleib spaltet sich auf in zwei Männer und eine Frau. Klar zu erkennen sind Gott-Vater als alter Mann mit Rauschebart, Gott-Sohn Jesus als junger Mann und dazwischen der »Heilige Geist« als Frau. Eine rein weibliche Triade findet sich noch heute im altehrwürdigen Dom zu Worms.


Foto 7: Schlecht gelaunter »Phurba«

In Delhi erklärte mir ein Angestellter eines kleinen Museums: »Der ›Phurba‹ geht auf den Hering zurück, mit dem man Zelte fest verankerte. Er sicherte also das Zelt, das Zuhause, und schützte so vor den Unbilden der Natur. Ohne die Phurba-Verankerung konnte ein Sturm leicht ein Zelt davontragen, die Bewohner Wind und Wetter ausliefern!«



Foto 8
Foto 9
Empfehlenswerte Literatur zum komplexen Thema der »Schratzel-Höhlen« oder »Erdställe«:

Kusch, Heinrich und Ingrid: »Tore zur Unterwelt/ Das Geheimnis der unterirdischen Gänge aus uralter Zeit«, Graz 2009
Kusch, Heinrich und Ingrid: »Versiegelte Unterwelt/ Das Geheimnis der Jahrtausende alten Gänge…«, Graz 2014

Zu den Fotos:

Alle Fotos (1-9) zeigen einen hölzernen »Phurba« aus Tibet. Alle Fotos Walter-Jörg Langbein

328 »Vom Nabel der Welt ins All«,
Teil 328 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.05.2016


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Sonntag, 6. April 2014

220 »Die Götter der Steine«, Teil 1

Teil 220 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Externsteine... uraltes Heiligtum.
Foto: W-J.Langbein

 Gewaltige tektonische Kräfte ließen vor rund siebzig Jahrmillionen im Gebiet des Teutoburger Waldes ein Gebirge entstehen. Die Natur modellierte zwischen Detmold und Paderborn ein heute zerklüftetes Sandsteinmassiv. Was einst als Sedimentgestein am Grunde eines Urmeeres lag, das wurde in die Senkrechte geschoben. Dreizehn bizarr anmutende mächtige steinerne Finger ragen seit Millionen von Jahren gen Himmel. Wind und Wetter verformten sie. Abschmelzende Eismassen schmolzen am Ende einer Eiszeit modellierten mysteriöse Felstürme. Im Sandstein können dank der Korrosion natürliche Höhlen entstehen. Das mag auch im Fall der Externsteine so geschehen sein. Irgendwann wurden die natürlichen Hohlräume womöglich von Menschenhand erweitert und so erhielten einige der Externsteine ein Innenleben. Oder sind die ineinander übergehenden Kammern reines Menschenwerk? Wir wissen es nicht.


Gesicht... Kunstwerk oder Laune der Natur? Foto: Walter-Jörg Langbein

Vor Jahrtausenden haben diese natürlichen Monumente die Fantasie der Menschen angeregt. Wir Jetztmenschen erkennen heute Gesichter im Stein. Waren unsere Vorfahren vor Jahrtausenden phantasiebegabter als wir? Was mögen sie in der zerklüfteten Felsoberfläche gesehen haben? Ob sie an das Werk von Göttern dachten, wenn sie zu den Externsteinen pilgerten? Suchten sie Schutz in natürlichen Höhlen? Zelebrierten sie mysteriöse Rituale, in deren Zentrum die Heilige Muttergöttin stand? Wir wissen es nicht.

Die Forscherin Usch Henze, Verfasserin von »Osning – Die Externsteine«, spekuliert: »Das Heiligtum war in früh-germanischer Zeit als Mysterienstätte weithin bekannt, als ein von Druiden und einer geistigen Elite geführtes Schulungs- und Einweihungszentrum und als bedeutende Heilstätte.«

Sie sind ein interessantes Reiseziel, die Externsteine.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Wie dem auch sei, die Externsteine sind auch heute noch eine der mysteriösesten Stätten Deutschlands. Ich habe sie schon oft besucht, zu unterschiedlichsten Tag- und Nachzeiten, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Und immer machten sie einen anderen Eindruck. Licht und Schatten formten stets neue Bilder, ja Skulpturen. Es ist unmöglich zu entscheiden, ob da einst ein »Hängender« oder »Gekreuzigter« in den Stein gemeißelt wurde. Oder ist es die Fantasie des Betrachters, die aus Verwitterungen, Licht und Schatten so etwas wie ein Relief entstehen lässt? Ich glaube nicht an ein entweder oder. Meiner Überzeugung nach gibt es im konkreten Fall ein »sowohl als auch«. Im Fachblatt »Synesis« (2) wird konkret belegt, dass »Bearbeitungsspuren an den Externsteinen« nachgewiesen werden können! Leider wurde von christlichen Eiferern bewusst zerstört, was irgendwie als »heidnisch« gelten konnte. Und das geschah vermutlich schon auf Befehl Karls des Großen, der ja nachweislich anno 772 die »Irminsul« zerstören ließ. Umstritten ist nur, wo sich das Heiligtum der heidnischen Sachsen einst befand. Ein möglicher Standort, der mit Fug und Recht diskutiert wird… sind die Externsteine.

Ceibabaum. Foto W-J.Langbein
Umstritten ist auch, welche konkrete Bedeutung die »Irminsul« einst hatte. Wahrscheinlich war sie eine heilige Säule, die den kosmischen Himmel tragen musste. Wie sich die Bilder gleichen: Die Mayas hatten auch ihre »Irminsul«, den für sie heiligen Ceiba-Baum. Auch der Ceiba-Baum trug das Universum. Sein stamm stellte die Welt der Irdischen dar, sein Wurzelwerk die Unterwelt. Auch die Mayas kannten also ein dreigeteiltes Universum. Auch die Mayas kannten eine göttliche Trinität. In Palenque herrschte »Pacal der Große«, der seine Macht von seiner Mutter, seiner Vorgängerin im Amt, übernahm. Die Herrscher von Palenque sahen sich als Nachfolger einer göttlichen Dreifaltigkeit!

Ich gehe konform mit einigen Forschern, die davon ausgehen, dass zufällig entstandene Risse und Verwerfungen die Fantasie des Betrachters anregen. Betrachten wir die Nordwand von Felsen 4, so meinen wir, eine Gestalt mit gesenktem Kopf und ausgebreiteten Armen zu erkennen. Ist es nur unsere Fantasie, die so etwas wie eine Gestalt entstehen lässt? Diese Gestalt sieht für den vom Christentum geprägten Europäer wie ein Gekreuzigter aus. Dieses Bild aber ist zum Teil künstlich. Es wurde eindeutig von unbekannten Steinmetzen – wann auch immer – nachgeholfen. Eindeutig künstlich, spricht gemeißelt, ist zum Beispiel die »Seitenwunde«. Zur Erinnerung: Im »Evangelium nach Johannes« (3) lesen wir, dass ein Soldat Jesus mit seiner Lanze eine Wunde beifügte, um sicherzugehen, dass er auch wirklich tot war.
Reinhard Paffenrath, akademischer Bildhauermeister, untersuchte gründlichst die Externsteine und machte ganz eindeutige Spuren »handwerklicher Bearbeitung« aus! (4)


Der »Hängende«... Jesus oder ein heidnischer Gott?
Fotos/ Zeichnung: Walter-Jörg Langbein

Wir wissen aber nicht, ob nicht zunächst heidnische und später christliche Künstler am Werk waren. Für Christen ist die Gestalt der gekreuzigte Jesus. Heidnische Interpreten hingegen erkennen nicht Jesus, sondern Odin, der neun Tage am Weltenbaum Yggdrasil hing. Yggdrasil symbolisierte das dreigeteilte Universum: Oberwelt der Götter, Mittelwelt der Menschen und Unterwelt. Drei Nornen gießen laut altnordischer Mythologie die Wurzeln dieses Baumes. Diese »heidnische« Trinität lebt im christlichen Volksglauben weiter, in Gestalt der »drei Bethen« Einbeth, Warbeth und Wilbeth.

Im 11. Jahrhundert verfluchte kein Geringerer als Bischof Burchard, der den Dom zu Worms erbauen ließ, die Verehrung der drei Bethen als heidnische Ketzerei. Kein Wunder! Sind doch die »christlichen« Bethen ihrem Ursprung nach unchristlich-heidnisch. Die frommen Frauen des christlichen Volksglaubens wurden einst als Göttinnen verehrt. Wilbeth (Wilbet und andere Schreibweisen) war einst die jungfräuliche Göttin, Warbeth die mütterliche Göttin und Einbeth (Embet, Ambeth und Ainbet) die Göttin des Todes. So standen die drei Göttinnen für den ewigen Kreislauf des Lebens, für Geburt, Leben und Gebären und Sterben.

Für unsere Vorfahren vor Jahrtausenden vor Jahrtausenden war alles Leben (von Mensch und Tier, aber auch von Pflanzen) ständig bedroht. Lange Winter führten ebenso zu Hungerkatastrophen wie besonders ausgeprägte Trockenzeiten. Wenn im Winter die Natur erstarrte, starb sie. Würde sie wieder zum Leben erwachen? Soweit man sich erinnern konnte, war dies immer geschehen. Das bedeutete aber keineswegs, dass nicht eines Tages der Winter auf alle Zeiten bleiben und alles Lebendige vergehen würde. Alles Leben war im Winter in seiner Existenz bedroht. Im ewigen Winter würde es keine Pflanzen mehr geben, würden Tiere und Menschen verhungern.

Magische Rituale sollten gewährleisten, dass auf den Tod des Winters im Frühling die Auferstehung der Natur erfolgte. Magier und Priester hatten in den Augen eine unglaubliche Macht. Wenn sie nicht ihre Riten zelebrierten, bedeutete das das Ende der Welt. Sie sorgten in den Augen der Gläubigen dafür, dass das Leben überlebte.

Seit Jahrtausenden ziehen die Externsteine Menschen an ...
Foto: W-J.Langbein

Fußnoten
1) Siehe hierzu auch Henze, Usch: »Osning – Die Externsteine/ Das verschwiegene Heiligtum Deutschlands und die verlorenen Wurzeln europäischer Kultur«, Saarbrücken 2006
2) Zum Beispiel »Synesis-Magazin« Nr. 6/2010: »Frühgeschichtliche Bearbeitungsspuren an den Externsteinen«, Vortrag von Gert Meier
3) Siehe Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Vers 34
4) Siehe hierzu Neumann-Gundrum, Elisabeth: »Europas Kultur der Groß-Skulpturen«, Gießen 1981, S. 462 und folgende. Siehe auch Seitz, Ferdinand: »Steinerne Urkunden an den Externsteinen«, Detmold (?) 1959

Literatur zum Thema

Folgende Werke bieten eine Fülle von Fakten zur Thematik meiner Ausführungen, die ich nur wärmstens empfehlen kann!

Buss, Winfried: Ein Gang zu den Externsteinen, Paderborn 1994
Hantl, Otto: Urglaube und Externstein, Oberursel, Essen, Tübingen 1998
Henze, Usch: Osning – Die Externsteine/ Das verschollene Heiligtum
     Deutschlands und die verlorenen Wurzeln europäischer Kultur, Saarbrücken
     2006
Kestermann, Dieter: 3000 Jahre Externsteine, Bochum 2001
Koneckis, Ralf: Geheimnis Externstein/ Ergebnisse neuer Forschung,
     Dortmund 1995
Lippek, Wolfgang: Drei vorgeschichtliche astronomische Anlagen im Bereich
     Lippe-Detmold/ Externsteine, Johannissteine, Schau-Hügelgräber, Lage 2012
Matthes, Walther: Corvey und die Externsteine/ Schicksal eines
     vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit, Stuttgart 1982
Motz, Ulrich von: Die Externsteine – ein Volksheiligtum/ Untersuchung über
     ihre vorchristlich-germanische Bedeutung, Pähl 1954
Niedhorn, Ulrich: Vorgeschichtliche Anlagen an den Externstein-Felsen,
     Frankfurt 1993
Seitz, Ferdinand: Die Irminsul im Felsenrelief der Externsteine, Pähl, 1953
Teudt, Wilhelm: Germanische Heiligtümer, Jena 1936
Teudt, Wilhelm: Die Externsteine als germanisches Heiligtum/
     Sonderbearbeitung nach Germanische Heiligtümer, Jena 1934
Tiggelkamp, Gerhard: Die Externsteine im Teutoburger Wald, Bad Kreuznach
     (Eigenverlag), ohne Jahresangabe (ca. 1989)
Vater, Fritz: Die Zerstörung der Irminsul/ Eine Studie zum Feldzug des Jahres
     772, Pähl 1954
Zetzsche, Klaus: Das sagen uns die Externsteine/ Zusammenfassung und
     Neubearbeitung, Köln-Seeberg,1983-1985

»Die Götter der Steine«, Teil 2,
Teil 221 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von 

Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 13.04.2014



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