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Sonntag, 30. April 2017

380 »Eine Köpenickiade und drei Exgöttinnen«

Teil  380 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Die drei Bethen von Worms.

Im altehrwürdigen Dom zu Worms fotografierte ich die drei Heiligen Bethen, in Stein formvollendet verewigt. Auf meinen Reisen begegneten die drei Heiligen Madeln unter verschiedenen Namen immer wieder. Auch in Freiburg im Breisgau sind sie nach wie vor nicht vergessen.

»Am Abend des 27. November 1944 brach die Hölle über Freiburg herein!«, erklärte mir ein greiser Mann, der die Bombenangriffe auf das malerische Schwarzwaldstädtchen leibhaftig miterlebt hatte. »Ich kann mich genau erinnern. Leichter Nebel lag über der Stadt. Der Vollmond stand hoch am Himmel. Es war Adventszeit. Irgendwie schien es friedlich zu sein. 8 Uhr läuteten die Kirchenglocken. Die Stille war trügerisch. Wenige Minuten später  gab es den Voralarm. Und fast gleichzeitig fielen die ersten Bomben vom Himmel. Lancaster-Bomber warfen Bomben ab, als gelte es, ganz Freiburg von der Karte zu tilgen. Dabei wollte man doch in erster Linie den angeblich so wichtigen Bahnhof von Freiburg zerstören.«

Foto 2: So manche Kirche war den Bethen geweiht
Fast 3.000 Menschen starben am 27. November in Freiburg, im Bombenhagel von über 300 Lancaster-Flugzeugen, die in nur zwanzig Minuten Tausende Spreng- und Brandbomben abwarfen (1). 80 Prozent der historischen Altstadt wurden vernichtet. Von 14 527 Gebäuden blieben nur 2148 unbeschädigt. Kapellen und Kirchen wurden nicht verschont. Massiv von Bomben getroffen wurde auch das Münster zu Freiburg. Wie durch ein Wunder »überlebte« der mächtige Turm, der das berühmte Tympanon beherbergt.

Am Montag, den 7. Mai 1945, kam es im »Obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte« in Reims zur Unterzeichnung eines wichtigen Dokuments. Die deutsche Wehrmacht kapitulierte bedingungslos. Wenige Tage zuvor, am 21. April 1945, standen französische Truppen vor Freiburg. Die militärisch bedeutungslose, inzwischen fast vollkommen zerstörte Stadt, sollte eingenommen werden. Nur wenige verblendete Fanatiker glaubten noch an den so oft beschworenen »Endsieg«. So wurden gewaltige Sprengladungen an der Schwabentorbrücke angebracht. Der Einmarsch der französischen Truppen sollte durch Zerstörung der Brücke verhindert werden. Eine Sprengung der Brücke hätte vermutlich dazu geführt, dass Freiburg vollkommen von der Landkarte gefegt worden wäre. Da kam es zu einer echten »Köpenickiade«:

Clemens Rosset holte seine alte Hauptmannsuniform aus dem Kleiderschrank, erschien bei der Schwabentorbrücke und gab sich als »Beauftragter des Stadtkommandanten« aus. Er befahl den Soldaten, die Sprengladungen wieder abzubauen, zu entschärfen und sich zum Messplatz zurückzuziehen. So verhinderte er weiteres Blutvergießen. Sein Einsatz war alles andere als ungefährlich. Leicht hätte Clemens Rosset als Wehrkraftzersetzer erschossen werden können.

Foto 3: Aus Göttinnen wurden christliche Heilige
Anders als das Münster von Freiburg überstand die Pfarrkirche »St. Cyriak und Perpetua« die massiven Luftangriffe vom 27. November 1944 unbeschadet. Bereits 1748 war auf dem Adelhauser Friedhof nach Fundamenten einer alten Kirche gesucht worden. Man wurde fündig. Und so beschloss man, auf den Resten der Mauern neu zu bauen. Die Barockkirche, so ist es verlässlichen Dokumenten zu entnehmen, wurde anno 1753 begonnen. »St. Cyriak und Perpetua« wurde sie genannt. Im Volksmund hieß das kleine Gotteshaus »Annakirche«, weil es auf dem »Annaplatz« errichtet worden war.

Wie so häufig wurden die ältesten christlichen Kirchen auf einst heidnischen Sakralplätzen gebaut. Rund ein Jahrhundert vor der Stadtgründung von Freiburg gab es die Dörfer Wiehre und Adelhausen. Sie verschmolzen während des »Dreißigjährigen Krieges« anno 1643 zu einer Gemeinde. Der Name Wiehre setzte sich für das »neue« Dorf durch. Erst 1826 kam es zur Eingemeindung und aus dem selbständigen Dorf wurde schließlich ein Ortsteil von Freiburg. Und just dort soll es einst ein heidnisches Heiligtum gegeben haben. Es gab offenbar einst eine heidnische Pilgerstätte, die schließlich christianisiert wurde. Mag sein, und ich halte das für eine realistische Annahme, dass es Göttinnen waren, die hier einst verehrt und angebetet wurden. Aus ihnen wurden Einebth, Wilbeth und Worbeth, die »drei Heiligen Jungfrauen«, auch »die drei Heiligen Bethen« genannt.

Foto 4: Die Wiehre mit St. Cyriak und Perpetua, Gemälde - um 1820

Der kleine Kirchführer »Freiburg im Breisgau/ St. Cyriak und Perpetua« vermeldet (2): »Besonders in Pestzeiten pilgerten die verängstigten Menschen scharenweise zu den Heiligtümern der als christliche Nothelferin angerufenen Einbeth. Ihr Kult entwickelte sich in Straßburg und drang seit dem Ende des 12. Jahrhunderts in den südwestdeutschen Sprachraum vor. Nach der Legende, auf die auch vorchristliche Mythen eingewirkt hatten, sei die (nie heiliggesprochene) Einbeth mit ihren Kultgenossinnen im Gefolge der Heiligen Ursula nach Straßburg gekommen.«


Ich halte diese Beschreibung für richtig, wenngleich meiner Meinung nach es nicht vorchristliche Mythen waren, die auf eine christliche Legende einwirkten. Vielmehr war es eine alte heidnische Legende, die christlich eingefärbt wurde.

Foto 5: »St. Cyriak und Perpetua-Kirche«, Freiburg

Die Geschichte von Freiburg und Umgebung ist verwirrend. Die Region war über Jahrhunderte heftig umkämpft. Es folgte Krieg auf Krieg, die Herrschaftsverhältnisse änderten sich immer wieder. Was mich aber mehr interessiert als die Militärpolitik der vielen Jahrhunderte, das ist der Wandel in Sachen Religion vom Heidentum zum Christentum. Wie so oft konnte älterer, heidnischer Glauben nicht ausgemerzt werden. So versuchte man durch Verschleppung von »Heiligen« aus heidnischen in christliche Zeiten möglichst vielen Gläubigen den Wechsel zum Christentum zu erleichtern.

An Stelle der heutigen Kirche »St. Cyriak und Perpetua« stand früher die Kirche St. Einbeth, die ihrerseits ein heidnisches Heiligtum ablöste. Wie viele heidnische Kultplätze man es in vorchristlichen Zeiten in deutschen Gefilden gegeben haben? Wir wissen es nicht. Jahrhunderte der Christianisierung ließen sie in Vergessenheit geraten, nur die »drei Bethen« erinnern noch an sie.

An der Stelle der heutigen Kirche »St. Cyriak und Perpetua« stand im 13. Jahrhundert ein der »St. Einbeth« gewidmetes Gotteshaus. In Zeilarn, Gemarkung Schildthurn, Niederbayern, ragt der höchste Dorfkirchturm Bayerns 78 Meter hoch in den Himmel. Benannt wurde das Gotteshaus nach dem Heiligen Ägidius. Nebenpatrone sind bis auf den heutigen Tag die drei Heiligen Jungfrauen Einbeth, Wilbeth und Warbeth. Nach Max Heuwieser verehrte man hier einst die heidnischen Nornen, die den Frauen bei Geburten zur Seite standen. Max Heuwieser (1878-1944), Geistlicher und Hochschulprofessor, gilt nach wie vor als kenntnisreicher Heimat- und Geschichtsforscher.

Nach wie vor verehrt werden die drei Bethen auch in der »Kirche St. Tertulin« in Schlehdorf am Kochelsee. Und das wohl seit Mitte des 14. Jahrhunderts. Ihre Namen wurden als Wolbeth, Walbeth und Vilbeth überliefert. Aus dem 18. Jahrhundert (?) stammen ihre Statuetten, die den »Frauenaltar« zieren. Mag sein, dass nur der Altar so relativ jung ist, die drei Heiligenfiguren aber älter sind. Eine der Drei hält – wie ihre steinernen Pendants in Worms – ein Buch. Alle drei sind als Heilige dargestellt: jede verfügt über einen Strahlenkranz. Heilige Frauen, die als Attribut ein Buch tragen sind nach alter Symbolik Wissende, die mit uralten Mysterien vertraut sind, also altehrwürdige Eingeweihte.

Foto 6: »Drei Nornen«, Gemälde etwa 1844

Auch in Leutstetten wird fündig, wer nach den Heiligen drei Madeln sucht. Leutstetten war einst eine eigenständige Gemeinde in Oberbayern. Anno 1978 aber kam’s zur Gebietsreform in Bayern, Leutstetten wurde der Stadt Starnberg eingemeindet. Drei Kronen in Weiß auf blauem Grund zieren das Wappen von Leutstetten – eine Erinnerung an die drei Heiligen Bethen? Selbständig war auch einst das Dörfchen Einbettl bei Leutstetten. In der Kapelle von Einbettl genoss ein Gemälde in der Bevölkerung religiöse Verehrung. Es zeigte, wen wundert’s?, die drei Heiligen Bethen. Der Name des Dorfes Einbettl geht offensichtlich auf eine der drei Bethen, natürlich auf Einbeth, zurück.

Im altehrwürdigen Dom zu Worms fotografierte ich die drei Heiligen Bethen, in Stein formvollendet verewigt. Vorläufer dieser christlichen weiblichen Triade waren keltische Muttergöttinnen, die als Triaden verehrt wurden. Bis 1968 konnte man die drei Bethen noch im römisch-katholischen Heiligenkalender finden. Am 16. September wurden sie am »Bethentag« gefeiert. Noch heute soll in Meransen, Südtirol, eine Prozession zu Ehren der drei Bethen abgehalten werden. Und man findet sie nach wie vor – freilich versteckt – in uns vertrauten Märchen. In Schneewittchen wird auf die Drei angespielt: »Hätt‘ ich nur ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz.« Weiß, rot und schwarz sind die drei Farben der drei Bethen.

Foto 7: Die Heilige Warbede von Worms
Es lohnt sich, den Dom zu Worms zu besichtigen und den drei Bethen einen Besuch abzustatten. Es lohnt sich aber auch, überall nach den drei Bethen zu suchen – in Kirchen und Kapellen, in altem Brauchtum und langsam in Vergessenheit geratenden lokalen Überlieferungen, in Märchen und in Sagen.

Ein Hinweis möge zum eigenständigen Recherchieren anregen: Im Umfeld von Murnau kennt man seit alters her die »drei adeligen Jungfrauen«, die im Volksglauben da und dort im deutschsprachigen Raum den Ehrentitel »die drei Ewigen« tragen. Gerade dieser Name kann sehr wohl auf den weit in der Vergangenheit liegenden Ursprung der heidnischen »Bethen« verstanden werden.

Wer, nein was sind die heiligen drei Bethen? Es sind Exgöttinnen, die in Heilige verwandelt wurden, nachdem viele Christen den Glauben an die drei Himmlischen nicht aufgeben wollten!


Literaturempfehlungen zum Themenkomplex »Freiburger Münster«
Adam, Ernst: »Das Freiburger Münster«, Reihe »Große Bauten Europas«, 3.
     Auflage, Stuttgart 1981
Adam, Ernst: »Der Turm des Freiburger Münsters«, Artikel erschienen in
     »Schau ins Land/ Zeitschrift des Breisgau Geschichtsvereins«, Ausgabe 73,
    1955, Seite 65
»Freiburger Münsterbauverein« (Hrsg.): »Baustelle Gotik/ Das Freiburger
     Münster«, 2., durchgesehene Auflage, Petersberg 2014
»Freiburger Münsterverein« (Hrsg.): Das Freiburger Münster, Regensburg, 2.
     Erweiterte Auflage, 2011
Hart, Wolf: »Die Skulpturen des Freiburger Münsters«, Freiburg 1975
Herre, Chr. Louis: »Okkulte Symbolik des XIII. Jahrhunderts/ Der
     wissenschaftlich-philosophische und religiöse Ideengehalt der
     Bauhüttensymbolik des XIII. Jahrhunderts«, Freiburg i.Br., 2. Auflage 1922
Nußbaum, Norbert: »Deutsche Kirchenbaukunst der Gotik/ Entwicklung und  
     Bauformen«, 2. Auflage, Darmstadt 1994
Spath, Emil: »Das Tor zum Leben/ Die Hauptportalhalle des Freiburger Münsters«,
     Lindenberg 2004

Foto 8: Der Dom von Worms
Fußnoten
1) Die Zahlenangaben zu den am 27. November 1944 abgeworfenen Bomben variieren erheblich. So werden, je nach Quelle zwischen 14 000 und 150 000 Bomben vermeldet.
2) Brommer, Hermann: »Freiburg i. Br. – Katholische Pfarrkirche St. Cyriak und Perpetua«, Verlag Schnell & Steiner, München/Zürich 1980

Zu den Fotos
Foto 1: Die drei Bethen von Worms. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: So manche Kirche war den drei Bethen geweiht. Foto Walter-Jörg Langbein (Das Foto zeigt die drei Bethen von Worms.)
Foto 3: Aus heidnischen Göttinnen wurden christliche Heilige. Foto Walter-Jörg Langbein (Das Foto zeigt die drei Bethen von Worms.)
Foto 4: Auch in Freiburg wurden einst die drei Bethen verehrt. Die Wiehre mit St. Cyriak und Perpetua, Gemälde - um 1820 entstanden - von Rudolf Follenweider (1774-1847). Foto wikimedia commons
Foto 5: »St. Cyriak und Perpetua-Kirche«, Freiburg. Foto wikimedia commons/ Camrade obscura
Foto 6: »Drei Nornen«, Gemälde etwa 1844, Foto wikimedia commons/ talk  contribs
Foto 7: Die Heilige Warbede von Worms mit Buch. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Nicht nur im Dom von Worms lebt die Erinnerung an die drei Exgöttinnen fort. Foto Walter-Jörg Langbein

381 »Gibt es im Dom von Limburg die Darstellung eines UFOs? Teil 1«,
Teil  381 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 07.05.2017



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Sonntag, 22. Januar 2017

366 »Ein Ganesha und die Herrin vom See«

Teil  366 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein   
                    

Foto 1: Der »Hyllige Born« von Bad Pyrmont

Vom großen Parkplatz zur Bombergallee ist es nicht weit. Es ist Herbst, die Blätter fallen. Emsige Ladeninhaber setzen massiv lautstarke Gebläse ein, um das bunte Laub möglichst weit weg zu pusten. Auf meinem Weg zum Brunnenplatz begegnet mir unerwartet ein »alter Bekannter«, ein steinerner Ganesha. Der indische Gott mit dem mächtigen Elefantenkopf auf dem Menschenleib soll Glück bringen, heißt es. Eine Holländerin fotografiert das steinerne Götterbildnis mit ihrem Smartphone aus allen Richtungen. »Ich vermisse die Maus …«, murmelt sie vor sich hin. Das Tierchen ist in Indien häufig beim göttlichen Ganesha zu sehen, als sein Reittier. 

Foto 2: Der Ganesha von Pyrmont
»Dafür hat er aber zwei vollständige Zähne!«, mit diesen Worten versuche ich der Dame meine Kenntnisse in Sachen Ganesha-Mythologie zu demonstrieren. Sie lacht. Sie kennt die uralte Überlieferung. Einst soll sich Ganesha einmal den Bauch vollgeschlagen haben. Er stolperte über eine Ratte, das Essen fiel dem Gottessohn aus dem Leib. Mit einer Schlange, die sich Ganesha um den Leib schlang, schloss er die klaffende Wunde. Der Mond fand das Missgeschick zum Lachen, zog sich so Ganeshas Zorn zu. Wütend riss sich Ganesha einen Zahn aus und schleuderte ihn auf den Mond, stieß dabei einen bösen Fluch aus. Der Mond wurde dunkel. Auf Bitten der Götter nahm Ganesha seinen Fluch teilweise zurück. Seither, so der Mythos, gibt es die verschiedenen Mondphasen, der schwindet und wieder wächst. In Indien habe ich viele Ganesha-Darstellungen gesehen, die das göttliche Mischwesen mit einem abgebrochenen Zahn zeigen. Manche zeigen Ganesha auch nur mit einem Zahn, zur Erinnerung an die uralte Überlieferung vom schwindenden und wieder wachsenden Mond.

Foto 3: Die Bombergallee
Ich gehe die Bombergallee weiter, biege schließlich in die Brunnenstraße ein. Am »Krabbeltisch« einer Buchhandlung mache ich halt. Ich entdecke ein altes Buch, 1920 in Bad Pyrmont erschienen: »Altes und Neues vom hylligen Born«, herausgegeben von Hugo H. Bickhardt (1). Auf Seiten 93 und 94 stoße ich auf »Die alten Brunnengesetze« aus dem Jahr 1556.

Anno 1556 muss es einen großen Andrang in Richtung Bad Pyrmont gegeben haben. Wunderberichte lockten damals die Menschen zu Tausenden in den heutigen Kurort. Hieß es doch damals, der Genuss des Pyrmonter Wassers lasse Taube wieder hören, mache Blinde wieder sehen und Lahme wieder mobil. In den Jahren 1556 und 1557 sollen gut 10.000 Heilsuchende aus ganz Europa nach Bad Pyrmont gekommen sein. So sah man sich gezwungen, spezielle Brunnengesetze zu erlassen.

Ausdrücklich heißt es da, dass wer auch immer »diesen Fontain« besuche, »diesem Brunnen« auf keinen Fall »göttliche Ehr beweisen« dürfe. Ausdrücklich wird untersagt, den Brunnen »zu einem Abgott« zu machen. Diese Verbote machen deutlich, dass noch im 16. Jahrhundert, also nur zehn Jahre nach Martin Luthers Tod, von christlicher Seite heidnische Verehrung des Pyrmonter Brunnens zumindest befürchtet wurde. Ich glaube sogar, dass damals kultische Handlungen vollzogen wurden, die der christlichen Obrigkeit ein Graus waren. Alte Quellen waren ja zu vorchristlich-heidnischen Zeiten Zentren der Verehrung meist weiblicher Gottheiten.

Foto 4: Der »Brodelbrunnen«

Ein Kurort, so wie wir uns das heute vielleicht vorstellen, war Bad Pyrmont damals noch nicht. Wo heute Kurgäste entlang der Brunnenstraße flanieren, gab es damals nur eine morastige Wiese. Die Kranken, angelockt durch Berichte über wundersame Heilungen, hausten in Zelten. Wohlhabende logierten im benachbarten Ort Lügde. Reger Kutschenverkehr verband die Unterkünfte der Kranken mit der zusehends schlammiger werdenden Wiese. Erst 1863 wurde die »Brodelquelle« neu gefasst. Bei Ausschachtungen machte man eine sensationelle Entdeckung, wie Professor Dr. Schuchhardt in seiner Abhandlung »Archäologisches um Pyrmont« vermeldet (2): »Berühmt ist der große Pyrmonter Quellfund, der zeigt, daß schon in römischer Zeit die Heilquelle verehrt und mit Opfergaben bedacht wurde. … Der Pyrmonter Quelle hat man hauptsächlich bronzene Fibeln gespendet. Deren sind im Laufe der Zeit 200 Stück zutage gekommen, nur wenige gehören der vorrömischen sogenannten Latène-Zeit an, die meisten sind römische Ware, einfache Dreharbeiten, zuweilen mit Tierbildern verziert und hier und da versilbert oder vergoldet.«

Foto 5: Interessantes über den »Born«.
Nicht ohne Stolz vermeldet Tourismus GmbH (3): » Die Geschichte der Stadt ist natürlich eng verbunden mit den Quellen, die aus der Erde im Pyrmonter Tal sprudeln. Schon vor über 2000 Jahren waren die Quellen bekannt. Davon zeugt der sogenannte Brunnenfund, welcher heute im Museum im Schloss zu besichtigen ist. Damals warfen die Germanen bronzene Fibeln (Gewandnadeln) in den Brodelbrunnen, als Opfergabe an ihre Quellgötter. Auch eine bronzene Schöpfkelle wurde gefunden.«

Sollte anno 1556  also altes heidnisches Brauchtum verboten worden, das schon sehr lange kultiviert worden war? Auf der Internetseite »Das Tal der sprudelnden Quellen« (4) lesen wir: »Der Brunnenplatz ist das Zentrum und der Ursprung Bad Pyrmonts. Hier sprudelten die Quellen schon lange bevor es den Namen Pyrmont gab und vor der Entstehung des Platzes. Dass Quellen auf dem Brunnenplatz schon vor 2000 Jahren sprudelten und verehrt wurden, konnte im Jahre 1863 bewiesen werden. Als der Hyllige Born und der Brodelbrunnen neu gefasst wurden, entdeckte man in der Tiefe von etwa 4 m unter Gelände im Moorboden mehrere gut konservierte, umgestürzte Bäume. An den Wurzeln einer Linde wurden etwa 320 Opferstücke gefunden: Germanische Fibeln, Schnallen, Broschen, eine bronzene Schöpfkelle, römische Münzen und weitere Gegenstände.«

Foto 6: Heilsames Quellwasser wird gereicht.

Offenbar gab es schon vor zwei Jahrtausenden dort, wo heute noch der inzwischen gezähmte Brodelbrunnen blubbert ein altes Heiligtum. Wie mag es ausgesehen haben? Plätscherte eine Quelle im Schatten einer Linde? Legten die Heilsuchenden vor zwei Jahrtausenden ihre Kleidung ab, um im Quellwasser zu baden? Oder übergossen sie sich mit Quellwasser? Neben Opfergaben wie Fibeln und Münzen fand man 1863auch eine kostbare bronzene, außen emaillierte Schöpfkelle aus römischer Zeit. Diese Erinnerungsstücke an vergessene Quellkulte von Bad Pyrmont wurden anno 1893 auf der Weltausstellung in Chicago gezeigt. Heute sind sie im Pyrmonter Museum im Schloss zu sehen (5).


Fotos 7 und 8: Die Heilige Ottilie

Die »Heilige Ottilie« ist wohl eine vorchristliche Quellgöttin in christlichem Gewand. Unweit vom »Hylligen Born« hat sie einen eigenen Brunnen. Eine alte Sage (6) erinnert an eine heidnische Quellgöttin. Einst, so heißt es, habe die Hauptquelle von Bad Pyrmont, der »Hyllige Born«, einen See gespeist. Auf dem Grund des Gewässers hatte die »Wasserfei« (Wasserfee?) ihr prächtiges Schloss. Die wunderschöne Frau – sie hatte herrlich schwarzes langes Haar wie Schneewittchen – bezauberte Graf Dietrich von Pyrmont mit ihrem Harfenspiel und lieblichen Gesang. Dreimal drei Tage durfte der Graf bei der »Herrin vom See« bleiben, dann musste er wieder in die Welt der Menschen zurückkehren.  Dietrich von Pyrmont  war der Schönen vom Kristallpalast verfallen. 


Foto 9: Im Museum im Schloss werden die Opfergaben aufbewahrt

Nur einen Tag hielt er es unter seinesgleichen aus, dann stieg er wieder für neun Tage hinab auf den Grund des Sees. Auf diese Weise, so erzählte mir eine altehrwürdige Pyrmonterin, wäre der Adelige auf alle Zeiten jung geblieben. Bei einem Turnier aber zerriss die Korallenkette, die ihm seine Geliebte vom Grund des Sees geschenkt hatte. Somit war der Bann gebrochen, Dietrich von Pyrmont verliebte sich in eine Königstochter. Bald wurde Hochzeit gefeiert. Als ungebetener Gast erschien, so weiß es die Sage, die »Herrin des Sees«, freilich konnte sie nur Dietrich von Pyrmont sehen. Sie umschlang ihn mit nassen, kalten Armen so heftig, dass dem Armen das Herz stillstand. Tot sank er nieder und sein Leichnam löste sich in Nichts auf. Er verschwand vor den Augen der Hochzeitsgesellschaft und soll seither im Kristallpalast der »Wasserfei« ruhen.


Foto 10: Pyrmont hat Geheimnisse
Dietrich von Pyrmont soll im 12. Jahrhundert gelebt haben. Die Sage von seiner heißen Liebschaft mit der »Wasserfei« freilich geht auf viel weiter zurückliegende Zeiten zurück, als man an Göttinnen glaubte, die in heiligen Brunnen lebten. So schreibt Joachim Gafres in seinem Buch »Bad Pyrmont«  (7): »Und gerade der Name ›Hylliger Born‹ läßt vermuten, daß er im Volksmund aus heidnischer Zeit herübergerettet worden ist, denn das abendländische Christentum jener Zeit kennt keine heiligen Quellen, es sei denn, daß heidnisches Brauchtum christianisiert worden war.«

Quellen waren – etwa für die Germanen – besonders heilig, galten sie doch als (8) »Verbindung zwischen Unter- und Oberwelt«. Und als solche waren sie den christlichen Missionaren ein Ärgernis. So kam bei der Ausgrabung des Brodelbrunnens der Verdacht auf, dass man einst versucht hat, die Quelle zu verstopfen. Für diese Vermutung sprechen sieben verschieden dicke Torf-, Lehm- und Tonschichten direkt über der Quelle. Dieser »gewölbte Aufbau … hat … keine natürliche Parallele und … kann auch nicht … als natürliche Bildung erklärt werden« (9). Hauptverdächtiger ist Karl der Große, der im Winter 784/785 vor Ort war. Wurde damals nicht nur das heidnische Heiligtum der Externsteine, sondern auch eine heidnische Kultstätte in Bad Pyrmont gezielt zerstört? Wenn wirklich bewusst versucht wurde, die heiligen Quellen zum Versiegen zu bringen, von großem Erfolg gekrönt waren diese Bemühungen nicht. Bereits anno 889 – so ist der Arnulf-Urkunde zu entnehmen – brodelte die Quelle wieder.


Foto 11: Plakette am Brodelbrunnen

Fußnoten
1) Bickhardt, Hugo H. (Hrsg.): »Altes und Neues vom hylligen Born«, Bad Pyrmont, im Frühjahr 1920
2) ebenda, S. 66-68, Zitat S. 66
3) https://www.badpyrmont.de/historisches-bad-pyrmont/stadtgeschichte/
4) https://www.badpyrmont.de/therapien-2/heilquellen/
5) Museum Bad Pyrmont, Schlossstraße 13, 31812 Bad Pyrmont. Öffnungszeiten: Täglich, außer montags von 10-17 Uhr. Telefon (0 52 81) 60 67 71. E-Mail: info@museum-pyrmont.de     
6) Frank Winkelmann, Frank: »Die schwarzen Führer, Hannover - Südliches Niedersachsen«, Freiburg im Breisgau, 2002, S. 18 – 20
7) Gafres, Joachim: »Bad Pyrmont/ Ursprung – Vergangenheit – Gegenwart«, Verlag der Buchhandlung Gebr. Jacke, Bad Pyrmont 1969, S. 15, 5.-1. Zeile von unten
8) ebenda, Seite 13, Zeilen 7 und 6 von oben
9) ebenda, S. 14

Zu den Fotos
Fotos 12 und 13: Wasser vom Brunnen der Ottilie (Augenbrunnen)
Foto 1: Der »Hylige Born« von Bad Pyrmont. Foto W-J.Langbein
Foto 2: Der Ganesha von Bad Pyrmont.  
Foto W-J.Langbein
Foto 3: Die Bombergallee, von der Brunnenstraße aus gesehen. Foto W-J.Langbein
Foto 4: Der »Brodelbrunnen«. Foto W-J.Langbein
Foto 5: Interessantes über den »Born«. Foto W-J.Langbein
Foto 6: Heilsames Quellwasser wird gereicht. Foto W-J.Langbein
Fotos 7 und 8: Die Heilige Ottilie. Fotos W-J.Langbein
Foto 9: Im Museum im Schloss werden die Opfergaben aufbewahrt. Foto W-J.Langbein
Foto 10: Pyrmont hat Geheimnisse. Foto W-J.Langbein
Foto 11: Plakette am Brodelbrunnen. Foto W-J.Langbein
Fotos 12 und 13: Wasser vom Brunnen der Ottilie (Augenbrunnen). Fotos W-J.Langbein

367 »Ottilie und die ›Drachen‹ von Freiburg«,
Teil  367 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.01.2017


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