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Donnerstag, 5. April 2012

Karl May - Glanz und Elend eines Bestsellerautors

Teil 3: Karl May, Marie und ich
Walter-Jörg Langbein


Karl May um 1906
Foto: Erwin Raupp
Karl May war schon zu Lebzeiten ein Superstar. Unzählige Leserinnen und Leser bombardierten ihn mit Briefen. Kaum eine andere Bewunderin kam aber Karl May so nahe wie Marie Hannes. Marie Hannes (1881-1953), seit einem Unfall chronisch krank, nahm 1896 per Briefpost Kontakt mit Karl May auf. Marie lernte May dann 1897 – 16-jährig – persönlich kennen.

Familie Hannes war vom fabulierenden May begeistert. Der Sachse gab sehr überzeugend den Bestsellerautor, der tatsächlich als Old Shatterhand Blutsbruderschaft mit Winnetou geschlossen hatte ... und der als Kara Ben Nemsi wirklich echte Abenteuer mir Hadschi Halef Omar durchlebt und durchlitten hatte. Kurz, Karl May ließ keinen Zweifel an der Wahrheit seiner geschilderten Erlebnisse aufkommen. Er erzählte, ließ sich von der eigenen Begeisterung mitreißen ... und entführte vor allem Marie und ihren Bruder Ferdi in seine Fantasiewelten.

Marie Hannes schwärmte für Karl May. Und Karl May scheint die schwärmerische Zuneigung der jungen Frau genossen zu haben. Eine geradezu familiäre Bindung entstand. So bezeichnete Marie Karl May gern schwärmerisch als ihren Onkel. Und Karl May akzeptierte diesen Titel.

Anno 1897 erschien Karl Mays Roman »Weihnacht«.Anno 1900 schickte May Marie Hannes ein Exemplar mit persönlicher Widmung:

May-Widmung für Marie Hannes, Sammlung Langbein
»Meinem Mariechen,
die mein Liebling ist,
von
ihrem Onkel Karl,
welches der Verfasser ist.
Radebeul, Dresden,
d.6./11. 00«

Karl May, auf dem Zenit seiner Popularität, wurde in der Presse immer wieder angegriffen. May-Feind Lebius attackierte die Legenden von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Karl May selbst versuchte, seine Abenteuer als symbolhafte Märchen zu erklären. Marie Hannes aber glaubte nach wie vor, dass »Onkel Karl« wirklich erlebt hatte, was er in seinen Büchern schilderte.

Wie innig die Beziehung zwischen Marie Hannes und Karl May waren, belegt der umfangreiche Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller und seiner Verehrerin. Marie Hannes schrieb: »Meinem herzallerliebsten Onkel Karl!« May antwortete am Heiligen Abend 2012: »Mein Liebling« (1)

Und so verfasste sie eine Schrift mit all den faszinierenden Legenden, die ihr »Onkel Karl« doch selbst erzählt hatte. Marie Hannes wollte ihre Verteidigungsschrift unter dem Titel »Allerlei von Karl May« veröffentlichen.

Daran aber war Karl May ganz und gar nicht gelegen. So bat er seine Frau Klara, sich doch an Marie Hannes zu wenden. Angeblich wollte Klara das Manuskript lesen. Marie Hannes schickte der Gattin Mays ihr Traktat und schrieb eine nicht für die Öffentlichkeit gedachte, vernichtende Kritik. Marie Hannes aber sollte erfahren, was Karl May von ihrer Verteidigungsschrift hielt. Wieder war es Klara May, die Marie Hannes kontaktieren musste. So kam die junge Frau in den Besitz von Mays Ausführungen über »Allerlei von Karl May«. Marie verstand die Welt nicht mehr. Hatte sie doch, empört über die Anfeindungen durch Lebius und Co., ihrem »Onkel« Beistand leisten wollen. War sie doch nach wie vor davon überzeugt, dass sich die Heldentaten der fiktiven May-Helden wirklich so abgespielt hatten!

Marie Hannes
als Vierzehnjährige
Hatte sie doch beabsichtigt, der Welt den ihrer Meinung nach wahren Karl May, alias Old Shatterhand, alias Kara Ben Nemsi vor Augen zu führen ... Karl May allerdings wollte sich von diesen einst angeblich »realen Gestalten« verabschieden. Karl May war entsetzt. Auf keinen Fall durfte das Bändchen veröffentlicht werden! Angeblich vernichtete er das Manuskript. Sicher schätzte May die Situation richtig ein: Die flammende »Verteidigungsschrift« hätte ihm damals sehr geschadet!

Marie Hannes war zutiefst verletzt. So brach der direkte Kontakt zwischen Marie und May ab. Erst 1906 besuchte Marie Hannes Karl May wieder in der »Villa Shatterhand«. Marie Hannes hatte sich von ihren fantasievollen Vorstellungen verabschiedet. Sie akzeptierte nun, dass Mays Romane nur in der Fantasie »wahr« waren. Aber traf dies nicht auf unzählige Werke der Weltliteratur zu? Waren die Abenteuer von Tom Sawyer und Huck Finn, von Mark Twain ersonnen, nicht auch nur Fiktion? Und hatte nicht James Fenimore Cooper (1789-1851) seinen Lederstrumpf erfunden? Auch Miguel de Cervantes hatte seinem fiktiven Don Quijote (Don Quixote) ein ewiges, unvergängliches Denkmal geschaffen. Keinem dieser Literaten wurde je vorgeworfen, fantasiert zu haben.

Namenszug Marie Hannes, Sammlung Langbein
Für Marie Hannes konnte es jetzt nur eine Strategie geben. Karl May musste sich radikal von seiner Pseudowirklichkeit abwenden und knallhart zur Realität bekennen. Mag sein, dass die von Marie Hannes geforderte vollkommene Abkehr Karl und Klara May zu weit ging. Wie auch immer: Das Verhältnis zwischen dem greisen, vorgealterten Schriftsteller und seiner Frau einerseits zu Marie Hannes andererseits war von nun an dauerhaft gestört.

Als Karl May am 4. April 1912 in Radebeul beigesetzt wird, verfasst Marie Hannes einen Bericht für das »Radebeuler Tageblatt«. Zu ihrer großen Enttäuschung nimmt Klara May den Text nicht in die Neuausgabe von Karl Mays Autobiografie auf. Folge: Die Verbindung zwischen Klara May und Marie Hannes wird endgültig abgebrochen ...

Vor 100 Jahren starb Karl May. Der berühmte Sachse zählt seit mehr als 100 Jahren zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Welt. Insgesamt sind wohl weltweit mehr als 200 Millionen Karl-May-Bände erschienen. Schon 1881 gab es die erste Übersetzungen von May-Texten ... in französischer Sprache. Vor rund 50 Jahren stellte die UNESCO fest: Karl May ist der meistübersetzte deutsche Autor. Seine Werke wurden in mehr als vierzig Sprachen publiziert. Man kann sie in Bulgarisch lesen ... oder in Vietnamesisch. Englische Übersetzungen allerdings ließen lang auf sich warten.

Zu 100. Todestag von Karl May erschien »The Treasure in Silver Lake«. Marlies Bugmann hat Mays erfolgreichstes und bekanntestes Werk - »Der Schatz im Silbersee« - einfühlsam übersetzt. Der Maysche Friedensgedanke kommt in den Übersetzungen von Marlies Bugmann besonders schön zur Geltung. Man spürt, dass Marlies Bugman eine wirkliche Bewunderin Karl Mays ist.

The Treasure in Silverlake
Foto: Archiv Langbein
Karl May soll selbst versucht haben, bei seiner großen USA-Reise wenige Jahre vor seinem Tode, amerikanische Verleger für sein Werk zu gewinnen. Vergeblich. Es war seine Hoffnung, die amerikanische Bevölkerung auf das unsägliche Unrecht hinzuweisen, das die »Indianer« Nordamerikas nach wie vor zu ertragen hatten. Er wollte den Ureinwohnern Amerikas ein Denkmal setzen, auf ihre Kultur hinweisen ... Vergeblich.

Vor fast einem halben Jahrhundert lebten meine Eltern (Walter und Herty Langbein) mit uns Kindern (mein Bruder Volker und ich) für ein Jahr in Michigan, am Ufer des »Lake Michian«. Wir waren monatelang unterwegs, besuchten fast alle fünfzig Staaten der USA.

Ich las damals schon Karl May ... und war erschüttert von Mays pessimistischer Vision vom Untergang der roten Nation. May schreibt in seiner Einleitung zu »Winnetou I« (1): »Ja, die rote Nation liegt im Sterben! Vom Feuerlande bis weit über die nordamerikanischen Seen hinaus liegt der riesige Patient ausgestreckt, niedergeworfen von einem unerbittlichen Schicksale, welches kein Erbarmen kennt. Er hat sich mit allen Kräften gegen dasselbe gesträubt, doch vergeblich; seine Kräfte sind mehr und mehr geschwunden; er hat nur noch wenige Atemzüge zu tun, und die Zuckungen, die von Zeit zu Zeit seinen nackten Körper bewegen, sind die Konvulsionen, welche die Nähe des Todes verkünden.«

Mesaverde, Indianertänze - Foto: Walter Langbein sen., 1963
Als sich Karl May gegen Ende des 19. Jahrhunderts für die Indianer Nordamerikas einsetzte, verachtete die breite Masse in den Staaten die Indianer als unzivilisierte Wilde. Nach wie vor galt für viele »zivilisierte« Amerikaner: Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer. 1868 hatte Indianerschlächter George Armstrong Custer während des »Winterfeldzugs« an den Ufern des Washita-Flusses ein Dorf der Cheyenne attackiert und dem Erdboden gleichgemacht. Custers Niederlage am Little Bighorn von 1876, wurde zu Mays Zeiten noch als Verbrechen am Weißen Mann gesehen, nicht als Racheakt der gepeinigten Indianer. Und da wollte Karl May Verständnis für den Roten Mann wecken?

Rund ein halbes Jahrhundert erlebte ich als Kind die Ruinen von Mesaverde im Südwesten von Colorado. Die Bauten erinnerten mich stark an die von Karl May beschriebenen Behausungen der Apachen. Rund ein halbes Jahrhundert nach Karl Mays Tod sah ich als Kind das Elend der Indianer, die von ihrem Land vertrieben und in Reservate gesperrt worden waren. Auch als Kind registrierte ich die Trostlosigkeit vieler Indianer, die im Alkohol Vergessen suchten. In den Ruinen von Mesaverde traten Indianer auf, die mich an die stolzen Ureinwohner erinnerten. Sie legten ihre Kostüme an, vollführten kriegerische Tänze ... und gehörten zum Folklore-Programm von Reiseveranstaltern.

Ich erinnere mich an das Unbehagen, das ich empfand, als ich mit meinem Bruder vor »echten« Indianern fotografiert wurde. Waren das die stolzen Brüder und Schwestern Winnetous, die Jahrmarktsdarbietungen boten für die Nachkommen jener, die ihre Vorfahren immer und immer wieder betrogen, vertrieben und ermordet hatten? Heute, 100 Jahre nach Karl Mays Tod, ist der verbrecherische Umgang der weißen Amerikaner mit den roten Ureinwohnern alles andere als aufgearbeitet. Das Empfinden, den Brüdern und Schwestern Winnetous schlimmstes Unrecht angetan zu haben ... und auch heute noch anzutun ... ist meiner Erfahrung nach auch heute nur sehr schwach ausgeprägt. Das moderne Amerika, das sich gern als Weltpolizisten und Verteidiger der Freiheit sieht, sollte endlich damit anfangen, das blutigste Kapitel der eigenen Geschichte zur Kenntnis zu nehmen!

Autor Langbein als Kind in
Amerika .., links vorne
Foto: Walter Langbein sen., 1963
Karl May (2): »Der Rote mußte weichen, Schritt um Schritt, immer weiter zurück. Von Zeit zu Zeit gewährleistete man ihm ›ewige‹ Rechte auf ›sein‹ Territorium, jagte ihn aber schon nach kurzer Zeit wieder aus demselben hinaus, weiter, immer weiter. Man ›kaufte‹ ihm das Land ab, bezahlte ihn aber entweder gar nicht oder mit wertlosen Tauschwaren, welche er nicht gebrauchen konnte. Aber das schleichende Gift des ›Feuerwassers‹ brachte man ihm desto sorgfältiger bei, dazu die Blattern und noch andere, viel schlimmere und ekelhaftere Krankheiten, welche ganze Stämme lichteten und ganze Dörfer entvölkerten. Wollte der Rote sein gutes Recht geltend machen, so antwortete man ihm mit Pulver und Blei, und er mußte den überlegenen Waffen der Weißen wieder weichen.«

Die Botschaft Mays wollte man vor 100 Jahren nicht hören. Sehr viel hat sich daran bis heute nicht geändert.

Anmerkungen des Verfassers

Der Band »Weihnacht«, versehen mit einer handschriftlichen Widmung Karl Mays für Marie Hannes befindet sich in meinem Besitz. Was diese Rarität für mich zur besonderen Kostbarkeit macht:

Karl May schrieb die Widmung am 6. November 1900. Genau 100 Jahre später,auf den Tag genau, am 6. November 2000, haben meine Frau und ich geheiratet.

Zu meiner Karl-May-Sammlung gehören noch weitere Raritäten: Ein Karl-May-Autogramm und eine Fotopostkarte »Karl May vor den Niagara-Fällen«, auf der Rückseite von Klara und Karl May signiert.

May Biografie von
Marlies Bugmann
Fußnoten
1: Wer sich über die spannende, tragische Beziehung von Marie Hannes zu Karl May indormieren möchte, dem sei folgendes Werk empfohlen: Steinmetz, Hans-Dieter und Sudhoff, Dieter: »Leben im Schatten des Lichts«, Bamberg und Radebeul, 1997
2: May, Karl: »Winnetou/ Erster Band/ Reiseerzählung«, Band 12 der Historisch-Kritischen Ausgabe für die Karl-May-Gedächntnis-Stiftung, Ausgabe Haffmans Verlag, Zürich 1990, S. 9

Literaturempfehlungen

3: Es sind einige vorzügliche Biografien von Karl May erschienen, zum Beispiel ...

Heermann, Christian: »Winnetous Blutsbruder: Karl-May-Biografie«, Bamberg und Radebeul 2002


Klußmeier, Gerhard: »Karl May und seine Zeit: Bilder, Dokumente, Texte. Eine Bildbiografie«, Bamberg und Radebeul 2007

Wohlgschaft, Hermann: »Karl May - Leben und Werk«, 3 Bände, Bargfeld/ Celle 2005

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Donnerstag, 29. März 2012

Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors

Teil 2: Zum 100. Todestag
Walter-Jörg Langbein


Karl May 1907
Foto: Erwin Raupp
Rudolf Lebius (1868-1946) schrieb Artikel für die SPD-Parteizeitung »Vorwärts«.
Verleumderische »Berichte« brachten ihm Gefängnisstrafen ein. Lebius wechselte Jahre später seine politische »Überzeugung« ... wanderte von links nach rechts. Er wetterte gegen SPD und Gewerkschaften und gab – dank einer Erbschaft war ihm das möglich – nationalsozialistisch-rechtsradikale Blätter heraus, die allerdings bald wieder eingestellt werden mussten. 1918 – 6 Jahre nach dem Tod Karl Mays – gründete Rudolf Lebius eine rechtsradikale Partei. Im Parteiprogramm standen der Kampf gegen das »Großkapital« und alles »Undeutsche«. Gefordert wurde ein striktes Aufnahmeverbot für Juden in den Staatsdienst. 1923 löste sich die Partei wieder auf.

Im Frühjahr 1904 schlug Lebius Karl May ein »Geschäft« vor: Er würde Propaganda für den Schriftsteller machen, wenn er dafür ein »Darlehen« eingeräumt bekäme. Karl May lehnte ab und reagierte auch nicht auf eine erpresserische Karte. Voller Wut startete Lebius nun eine wahre Hetzkampagne gegen Karl May. Seine Attacken basierten auf zweifelhaften Informationen von Mays erster Ehefrau und bösartigen Fantasien. Lebius sorgte für die Veröffentlichung abstrusester Verleumdungen. So machte er Karl May, der für seine eher harmlosen Delikten hart bestraft worden war, zum »Räuberhauptmann«.

Rudolf Lebius führte voller Hass geradezu einen Kreuzzug gegen Karl May. Er stellte ihn als gemeinen Unhold ohne Anstand und Moral dar. Karl May sei nicht nur ein arger Schwindler, sondern ein geborener Verbrecher. Somit sei er ein Verderber der Jugend. Genüsslich zerrte Lebius Mays Jahrzehnte zurückliegende Vorstrafen ans Licht der Öffentlichkeit. May sah sich genötigt, unzählige Prozesse gegen Rudolf Lebius zu führen. Die Gerichtsverhandlungen zerrten an den Nerven Mays, zerrütteten ohne Zweifel die Gesundheit des beliebten Schriftstellers. Es sollte Jahre dauern, bis Karl May vor Gericht Recht erhielt. So wurde die Verbreitung einer Broschüre, von Lebius verfasst, die uralte Gerichtsakten enthielt, am 13. Dezember 1910 verboten.

Karl-May-Autograph
Sammlung: Langbein
In einem privaten Brief an die Opernsängerin vom Scheidt bezeichnete Lebius Karl May als »geborenen Verbrecher«. Eine Klage Mays gegen Lebius wurde zunächst gerichtlich abgewiesen. Der Ausdruck »geborener Verbrecher« stelle als »wissenschaftlicher Terminus« keine Beleidigung dar. May ging in die Berufung. Am 18. Dezember 1911, wenige Monate vor Mays Tod, erhielt Karl May endlich Recht. Lebius wurde zu einer Geldstrafe von 100 Mark verurteilt: wegen Beleidigung. Noch einige Klagen gegen Lebius sollten vor Gericht entschieden werden. Sie wären mit großer Wahrscheinlichkeit zugunsten Mays ausgefallen. Doch Karl May verstarb am 30.März 1912 ...

Karl May war, was einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist, auch ein politischer Mensch. So stand er der berühmten österreichischen Schriftstellerin, der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843-1914) nahe. Bertha von Suttner darf als Begründerin der heutigen Friedensbewegung angesehen werden ... 1892 rief die Schriftstellerin – »Die Waffen nieder!« (1889) dürfte ihr wichtigstes Werk sein – mit Gesinnungsgenossen die »Deutsche Friedensgesellschaft« ins Leben. Für ihr Wirken erntete sie von Zeitgenossen heftigste Angriffe. Während deutsche Politiker schon bedenklich mit den Säbeln rasselten, setzte sie sich für Frieden und Völkerverständigung ein. Von Suttner wurde als »Friedensfurie« und »Judenbertha« tituliert. Bertha von Suttner sah in Karl May einen Gesinnungsgenossen. Mit Recht: So machte sie Karl May – vor dem Ersten Weltkrieg – für eine Aussöhnung mit dem vermeintlichen »Erzfeind« Frankreich stark.



Am 15. Oktober 1905 besuchte Karl May mit seiner Frau einen Vortrag Bertha von Suttners in Dresden. Am 17. Oktober 1905 schrieb Karl May der Baronin (1): »Wir saßen auf der ersten Reihe, Ihnen grad vis-a-vis. Denn wir wollten Ihnen so nahe wie möglich sein; wir hatten Sie noch nie gesehen, obgleich wir Ihr großes, segensreiches Wirken und auch alle Ihre Bücher kennen. Wir freuten uns unendlich über die Gelegenheit, Ihre weithin schallende, gewichtige Stimme, die uns bisher nur schriftlich erklungen war, nun auch in Wirklichkeit zu hören. Und wir hörten sie, bis zur tiefsten Erschütterung. Meine Frau, die Gute, weinte, und auch ich wehrte mich der Thränen nicht.«

Bertha von Suttner, 1896
Foto: Martin Maack
Heute ist in der Öffentlichkeit Karl Mays Nähe zur frühen Friedensbewegung so gut wie vergessen. Im »III. Reich« jedoch war sie für »echte Nationalsozialisten« Anlass genug, Karl May zu beschimpfen. So veröffentlichte Wilhelm Fronemann anno 1934 eine »Denkschrift« mit dem Titel »Karl May und die Jugend des Dritten Reiches« (2). Darin heiß es, Karl May sei ein »leidenschaftlicher Verfechter einer weitgehenden Rassenmischung aus ganz sentimentalen Menschlichkeitsgründen« sowie ein »Verteidiger eines verwaschenen Pazifismus« gewesen.

Weiter ist da zu lesen: »Haben wir nicht unsere Schülerbüchereien von Juden, Pazifisten, Marxisten und sonst allem Undeutschen gereinigt? ... Karl May paßt zum Nationalsozialismus wie die Faust aufs Auge!«

Wenige Tage vor Weihnachten 1910 stand es sehr schlecht um Karl Mays Gesundheit. Eine Lungenentzündung fesselte ihn ans Bett. Karl May, durch nervenaufreibende Prozesse geschwächt, stand dem Tode näher als dem Leben. Fast schon trotzig schleppte sich der Greis zu erschöpfenden Prozessterminen. Dreizehn Strafverfahren und drei Zivilprozesse im Jahre 1910 hatten deutliche Spuren hinterlassen. Erholt hat sich Karl May nicht mehr wirklich. Seinen 70. Geburtstag erlebte der greise Schriftsteller in »Villa Shatterhand«, (3) »körperlich vom Tode gezeichnet, geistig und seelisch aber in unverminderter Frische«.

Karl May in Wien,
22. März 1912
Foto: Archiv Karl
May Gesellschaft
Gegen ärztlichen Rat reist Karl May im Frühjahr 1912 nach Wien. Hier entsteht das wahrscheinlich letzte Foto von Karl May. Wir sehen Karl May, von Krankheit gezeichnet, vor einer Motordroschke stehen.

Am 22. März hält er auf Einladung Bertha von Suttners einen zweistündigen Vortrag über seine Friedensvorstellung. May-Biograf Hermann Wohlgeschaft (4): »Über Mays Begrüßung durch das Publikum hieß es in der Presse am folgenden Tag: ›Er wird jubelnd begrüßt, und da er sich linkisch, unbeholfen, sichtlich überrascht bedankt, wird der Beifall zehnfach stärker. Die Jungen erhoben sich von den Sitzen und grüßten den Mann, der ihnen den Winnetou schenkte.‹ ... Der Vortrag handelte über Mays Leben und Werk sowie den Entwicklungsgedanken und die Weltfriedensidee.«

Karl May erlebt in der Kindheit bitterste Not. Er wird straffällig, wird hart bestraft, sitzt wiederholt im Gefängnis. Das kaum Vorstellbare gelingt ihm: Aus dem Zuchthäusler wird ein viel schreibender Redakteur und schließlich ein erfolgreicher Buchautor ... der auflagenstärkste Autor deutscher Sprache.

Karl May erwirbt sich Ansehen und Reichtum, wird aber im Alter von seiner Vergangenheit eingeholt. Ein Erpresser initiiert eine Hetzkampagne. Unzählige Reporter zelebrieren genüsslich die Demontage Mays. Glanz und Elend bestimmen das Leben des Erfinders von Old Shatterhand, Winnetou, Kara Ben Nemsi, von Hadschi Halef Omar, von Old Surehand, Sam Hawkens und Nscho-tschi, von Ribanna, Lord Lidsay, Lord Castlepool, um nur einige Charaktere aus dem großen Kosmos des Karl May zu nennen.

Grabstätte May
Foto: Norbert Radtke
Und dann gibt es noch den »unbekannten« May, der im Alter der Friedensbewegung Bertha von Suttners nahesteht. Erschöpft von zahllosen Prozessen findet er wieder Anerkennung. Wenige Tage vor seinem Tod jubeln ihm Tausende zu. So wird Mays Leben zu einer Reise aus dem Elend in den Glanz und wieder zurück. Am Ende aber triumphiert Karl May dann doch.

Am 23. oder 24. März 1912 ist er wieder im heimischen Radebeul. Am 30. März 1912, dem Hochzeitstag mit seiner zweiten Frau Klara, plant der Schriftstelle noch einen Kuraufenthalt. Er bittet seine Frau, alles für eine Kur in die Wege zu leiten. Doch am Nachmittag verfällt er, so berichtete später Klara May, in ein »eigenartiges waches Träumen«. Um 19 Uhr legt er sich zur Ruhe. Gegen 20 Uhr richtet er sich plötzlich im Bett auf ... und sinkt ermattet und doch »mit verklärtem Ausdruck zurück«. Seine letzten Worte, so wird überliefert, sind »Sieg, großer Sieg, Rosen, rosenrot!«

Unterschriften Klara und Karl May
Karl May stirbt am Abend des 30. März 1912 ... vor einhundert Jahren! Auch hundert Jahre nach seinem Tod wird Karl May gelesen. Auch hundert Jahre nach seinem Tod kennt man den Namen des berühmten Sachsen. Den seines schlimmsten Widersachers hat man weitestgehend vergessen. Er ist nur noch Experten bekannt.

Karl Mays letzte
Ruhestätte, Friedhof
Radebeul Ost
Foto: Norbert Radtke
Fußnoten
1: Wohlgschaft, Hermann: »Karl May/ Leben und Werk«, Band 3, Bargfeld/ Celle 2005, S. 1605
Diese umfangreiche Biografie in drei Bänden sei jedem Karl-May-Freund wärmstens empfohlen. Wer sich fundiert über Karl May informieren möchte, kann auf die Lektüre des Standardwerks nicht verzichten!
2: Erich Heinemann, »Karl May paßt zum Nationalsozialismus wie die Faust aufs Auge«, Beitrag im Jahrbuch der »Karl-May-Gesellschaft«, Husum 1982
3: Wohlgschaft, Hermann: »Karl May/ Leben und Werk«, Band 3, Bargfeld/ Celle 2005, S. 1996
4: ebenda, S. 1997/98
5: ebenda, S. 2003



Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors
Teil 3: Karl May, Marie und ich
Walter-Jörg Langbein
erscheint am 7.April 2012

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Samstag, 24. März 2012

Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors

Teil 1: Vom Zuchthäusler zum Bestsellerautor
Walter-Jörg Langbein


Hohenstein-Ernstthal
Geburtshaus Karl Mays
in Hohenstein-Ernsthal
um 1910 - Foto: Archiv
Karl May Gesellschaft
Karl May schien von seiner Geburt an zum Scheitern verurteilt. Dem Sohn einer bitterarmen Familie von sächsischen Webern sollte offenbar der Weg in ein bürgerliches Leben verwehrt bleiben. Die Versuche, aus unbeschreiblichem Elend auszubrechen, scheiterten immer wieder. Karl May wurde straffällig und wegen Lappalien zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Immer wieder schien sich zu bewahrheiten, was Hans Fallada in seinem Roman »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« beschreibt. Es schien auch für Karl May zu gelten: Wer einmal im Gefängnis saß, hat schlechte Karten ...

Wie Falladas Kufalt wird Karl May immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Zwickau (»Schloss Osterstein«) scheitert May erneut. Er hatte keine Chance auf Rehabilitation. Zaghafte Versuche, auf ehrliche Weise Geld zu verdienen, wurden von der guten, ehrbaren Gesellschaft nicht geduldet.

Am Rande ... Die Geschichte von »Schloss Osterstein« bietet Stoff für ein umfangreiches Werk ... Ursprünglich war es ein landesherrliches Residenzschloss, wurde dann zur Zuchtanstalt. Es verfiel zur Ruine. Der Zellentrakt musste abgerissen werden. 2006 begann der Wiederaufbau. 2008 öffnete die einstige Zuchtanstalt wieder ihre Tore ... als Senioren- und Seniorenpflegeheim ...

Wieder wird Karl May straffällig, wieder ist er als kleiner Gauner und Trickbetrüger unterwegs. Wieder schließen sich Gefängnismauern für Jahre hinter ihm. Als Karl May 1874 aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen wird, hat er eigentlich – wie Falladas Kufalt – keinerlei Zukunftsperspektive. Der nächste längere Zuchthausaufenthalt scheint schon vorprogrammiert zu sein. Und es sieht so aus, als reagiere Karl May auf seltsame Weise trotzig. Er glaubt, dass die Gesellschaft ihn nur als Kriminellen sehen will ... also will er kriminell sein. In Waldenheim aber kommt es zur Wende ...

Schloss Osterstein - Ruine
Osterstein - Foto oben:
Archiv Langbein,
Foto unten: André Karwath
Karl May fasst nach der Entlassung in der bürgerlichen Gesellschaft Fuß. Er beginnt zu schreiben: zunächst als Redakteur im Verlag von Heinrich Gotthold Münchmeyer und später beim Dresdner Verlag von Bruno Radelli. 1879 beginnt das eigentliche Leben des Karl May, der es zum reichen, meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache bringen sollte. Karl May verfasst Erzählungen, die unter verschiedensten Pseudonymen erscheinen. Fast wie besessen schreibt Karl May für Zeitschriften. Seine Texte erscheinen im »Deutschen Hausschatz«, werden im »Guten Kamerad« veröffentlicht.

Für Münchmeyer produziert May im Eiltempo Kolportageromane. »Das Waldröschen« wird von Hunderttausenden verschlungen. Mit 50 gelingt Karl May der Durchbruch. Friedrich Ernst Fehsenfeld ermöglicht es dem immer wieder vom Schicksal gebeutelten Sachsen, seine Erzählungen in Buchform zu publizieren. 1892 – vor 120 Jahren – startet die Serie »Carl May's Gesammelte Reiseromane«. 1896 wird die Erfolgsreihe in »Karl Mays's Gesammelte Reiseerzählungen« umbenannt. Karl May hat es geschafft ... aus dem armen Weberssohn, dem gescheiterten Lehrer und mehrfach Vorbestraften wird der hoch angesehene, geachtete, ja verehrte Bestsellerautor Karl May.

Noch 1879 war Karl May – zum letzten Mal – zu einer Arreststrafe von drei Wochen verurteilt worden ... wegen angeblicher »Amtsanmaßung«. Karl May hatte versucht zu klären, wie der Onkel seiner damaligen Verlobten Emma Pollmer ums Leben gekommen war. Der Sachverhalt ist klar: Am 25. April 1878 befragt Karl May Zeugen, behauptet, er sei »von der Regierung eingesetzt und etwas Höheres, wie der Staatsanwalt« (1). Karl May verstößt dabei allerdings nicht gegen das Gesetz. Er maßt sich keinen Titel an. Er gibt nicht vor, ein Amt auszuüben. Er deutet nur an, flößt Respekt ein. Man hält ihn für eine »hochgestellte Persönlichkeit«. So soll Karl May geäußert haben (2): »Wenn der Staatsanwalt nicht richtig gehandelt hat, lass ich ihn einstecken – zu was sind denn die Kerle da?!«

Karl May und seine zweite
Ehefrau Klara um 1904
Eine »Amtshandlung« hat Karl May nicht vorgenommen, somit hat er sich ganz eindeutig keiner »Amtsanmaßung« schuldig gemacht. Karl May wurde ganz klar Opfer eines Fehlurteils. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Karl May verbüßt seine Strafe, wird am 22. September um 19 Uhr (3) »dem Gerichtsamt vorgeführt, vor Rückfall gewarnt und entlassen«.

Karl May war seinen fiktiven alter egos Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi im wirklichen Leben nie so nahe wie in jenen Tagen des Jahres 1878, als er zu klären versuchte, unter welchen Umständen Emil Pollmer zu Tode gekommen war. Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi setzten sich in Karl Mays Fantasiewelt immer wieder für Recht und Ordnung ein. Wo Gesetzeshüter versagten, wo Verbrecher fern der Justiz ihr Unwesen treiben konnten ... da schritten Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, begleitet und unterstützt von Winnetou und Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, ein. Ob Nscho-tschi, von Marie Versini im Film ideal verkörpert, im realen Leben Karl Mays ein Vorbild aus Fleisch und Blut hatte?

In seiner Fantasie wurde Karl May, der im realen Leben zum »Kriminellen« abgestempelt worden war, zur heldenhaften Lichtgestalt, zum Heros, zum Superman des Wilden Westens und des Orients, der der Gerechtigkeit immer wieder zum Sieg verhalf.



Schreibend ließ Karl May seine Vergangenheit hinter sich, die allerdings den greisen Karl May wieder einholen sollte! Schreibend wurde aus dem von der Gesellschaft ausgestoßenen Karl May der geachtete, bewunderte und verehrte Volksschriftsteller Karl May. Schreibend schuf er sich ein Leben in Wohlstand. Der Sohn armer Webersleute wurde zum Wohlstandsbürger. 1891 zogen die Mays in der »Villa Agnes«, Radebeul, 1895 in »Villa Shatterhand«, Radebeul, ein.

Karl May im Kostüm
als Old Shatterhand
Schreibend schuf sich Karl May eine alternative Realität, in der sein Blutsbruder Winnetou und sein Gefährte Hadschi Halef Omar zu realen Personen wurden. Und schreibend wurde Karl May wirklich zu Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Berichtete er zunächst noch über die beiden Abenteurer in der dritten Person, so identifizierte er sich nach und nach immer stärker mit den fiktiven Gestalten. Karl May war dabei kein Hochstapler, vielmehr wusste er wohl manchmal selbst nicht mehr zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Im Roman bekam Old Shatterhand einen Namen ... aus dem anonymen Helden wird der Schriftsteller aus Germany Sharlih. Winnetou, der edle Häuptling der Apachen, nennt ihn so.

Millionen Fans folgten Karl May lesend ... und identifizierten sich ihrerseits mit den Helden Karl Mays. Unzählige Leserinnen und Leser träumten sich in eine Welt, in der sie – wie die Mayschen Helden – die Welt gerechter machen konnten. Sie wollten an die Wirklichkeit der schönen Welt Karl Mays glauben ... und der sächsische Schriftsteller machte es ihnen leicht. So ließ er die aus seinen Romanen bekannten Wundergewehre »Bärentöter«, »Silberbüchse« und »Henrystutzen« anfertigen. Und Karl May schlüpfte in Kostüme, ließ sich als »Old Shatterhand« und »Kara Ben Nemsi« fotografieren. So entstanden nicht nur Fotos von Karl May vor Wild-West- und Orientkulissen, auch Besucher Mays wurden kostümiert mit ihrem Helden im Bild festgehalten.

Villa Agnes - Foto X-Weinzar
Mit der wachsenden May-Begeisterung wuchs auch Mays Wohlstand. Jetzt konnte es sich der sächsische Schriftsteller leisten, luxuriös zu wohnen ... in Villen, nicht in Armenhäuschen ... und die Länder seiner Träume zu bereisen. 1899 und 1900 erkundete er den Orient. Zusammen mit seinem Diener Sejd Hassan kam er bis nach Sumatra. 1908 trat May, zusammen mit seiner Frau Klara, seine sorgfältig vorbereitete Amerikareise an. Von Bremerhaven ging's mit dem »Großen Kurfürst« nach New York, dann den Hudsonfluss hinauf nach Albany. Die Mays unternahmen Ausflüge, zu den Niagara-Fällen, aber auch in das Reservat der Tuscarora-Indianer und nach Toronto. Am 18. Oktober 1908 begeisterte Karl May in Lawrence, Massachusetts, mit einem Vortrag.

Emsig schrieb Karl May von seinen beiden Weltreisen Karten an Freunde, Zeitungsredaktionen und treue Leserinnen und Leser. Stolz ließ sich Karl May vor den Pyramiden Ägyptens wie vor den Niagarafällen ablichten. Der blinde Bub aus einer Weberfamilie war allen Widrigkeiten des Lebens zum Trotz am Ziel seiner Sehnsüchte angekommen ... Der Sachse mit der unerschöpflichen Phantasie war endlich angesehen und wohlhabend.

Und doch wird Karl May auf dem Zenit seines Erfolgs von seiner Vergangenheit eingeholt. Ein Erpresser will Karl May lobpreisen ... gegen Bezahlung. Karl May lehnt ab. Und der Erpresser versucht, mit allen Mitteln Karl Mays Namen in den Schmutz zu ziehen, den greisen Schrifsteller zu vernichten.

Karl May vor den
Niagarafällen 
Rudolf Lebius (1868-1946) sucht im Frühjahr 1904 Karl May auf. Der Journalist bietet ein »Geschäft« an: Er will in Artikeln tüchtig für ihn werben, Karl May lobpreisen ... und erwartet als Gegenleistung ein »Darlehen«. Im September trifft bei Karl May eine anonyme Karte ein ... von Lebius verfasst. Er droht May mit Enthüllungen. Der Schriftsteller aber reagiert nicht. Und so beginnt Rudolf Lebius eine wahre Hetzkampagne gegen Karl May. Eine Flut von Prozessen ist die Folge, die Karl Mays Gesundheit – psychisch wie physisch – stark schädigen.

Fußnoten
1: Sudhoff, Dieter und Steinmetz, Hans-Dieter: »Karl-May-Chronik«, Band I, 1842-1896, Bamberg und Radebeul 2005, S. 235 unten und S. 236 oben
2: ebenda, S. 237
3: ebenda, S. 254

Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors
Teil 2: Zum 100. Todestag
Walter-Jörg Langbein
erscheint am 29. März 2012


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Sonntag, 20. November 2011

96 »Eine Schlange aus Licht«

Teil 96 der Serie
»Monstermauern, Mumien und My
sterien«
von Walter-Jörg Langbein

»Glühbirnen« ... »Wunderleuchten«
Foto Archiv W-J.Langbein
Ein Urenkel von Karl Mays Hadschi Halef Omar führte mich vorbei am einstigen »heiligen See« von Dendera zum Hauptgebäude. Aus der Sonnenglut ging's ins Innere des Sakralbaus. Ein zweites Bakschisch wird fällig. Der bezahlte Eintritt berechtigte mich zu einer Führung durch den Tempel, nicht aber zum Betreten der Unterwelt.

Nach Entgegennahme meines zweiten Obolus wuchtet der freundliche Guide eine hölzerne Bodenklappe auf. Über eine steile, ebenfalls hölzerne Treppe geht’s nach unten. Schließlich stehen wir ... im Kerzenschimmer vage zu erkennen ... vor einem Schlupfloch in der steinernen Wand. Mein Guide stellt die Kerze ab und demonstriert, wie der »Eingang« zu bewältigen ist. Mit den Beinen voran kriecht er in das enge Loch. Als nur noch sein Kopf zu sehen ist, ruft er: »Leg up ... leg up!« Dann ist er verschwunden.

Mit einigen Schwierigkeiten gelingt es mir, meine Beine durch das katzentürartige Loch zu schieben. Ich spüre harten Widerstand an den Füßen. Weitere dumpfe Rufe »leg up!« erschallen. Ich taste mit den Füßen das Hindernis ab. Auf diese Weise finde ich nach kurzer Zeit ein weiteres Loch in der Wand, höher gelegen, durch das ich mich – einer dicklichen Schlange gleich – schließlich mühsam winde. Auf der anderen Seite geht’s senkrecht nach unten. »Jump! Jump!« ruft mir der Führer in der Unterwelt zu. Ich wage den Sprung... Endlich stehe ich in der Unterwelt von Dendera. Endlich stehe ich den berühmt-berüchtigten »Glühbirnen« gegenüber.

WJL vor einer der »Glühbirnen«
Foto: Walter Langbein sen.
Die Luft ist stickig. Kein Lüftchen regt sich. Rasch gewöhne ich mich an den muffigen Geruch. Ob man seit Kleopatras Zeiten nicht mehr gelüftet hat? So kommt es mir fast vor ... Draußen im kleinen »Treppenhaus« allerdings, das erkenne ich, war die Luft noch sehr viel schlechter.

Es ist gar nicht so leicht, sich einen Überblick zu verschaffen. Ist doch der Raum eher ein Korridor, etwas mehr als einen Meter breit und und fast fünf Meter lang. Aus der Literatur weiß ich ... ich habe mich vorbereitet ... dass ich nun in einem Aufbewahrungsraum für sakrale Gegenstände stehe. Zweifel kommen mir an dieser »Erklärung«. Wie soll man »sakrale Gegenstände« welcher Art auch immer durch die unpraktische »Tür« in diesen Schlauch geschafft haben? Groß können sie auch nicht gewesen sein, so schmal wie der »Raum« ist!


Glühbirnen, Glühbirnen ... Foto Archiv Habeck
Wie schrieb Tons Brunés über die Reliefs in dieser unterirdischen Krypta: »Für uns symbolisieren die Bilder, besonders die Schlange in den Röhren, eine Kraft wie Elektrizität. Die eine Schlange wendet das Haupt nach vorn, die andere nach hinten, was das Symbol für PLUS und MINUS sein kann. Die Halterungen ruhen auf einer Stütze, einer sogenannten Djedsäule. Jeder Techniker wird sagen, dass in diesem Zusammenhang der betreffende Gegenstand stark an einen Isolator des Typs erinnert, wie sie bei Hochspannungsanlagen verwendet werden.«

In der Tat: Auch auf mich machen die »Glühbirnen« von Dendera einen technischen Eindruck. Auch mir drängen sich Vergleiche mit modernen technischen Anlagen unserer Zeit auf. Elektroingenieur Walter Garn (1940-2010) hat sich intensiv mit den Dendera-Darstellungen beschäftigt. Sein Resümee (2): »Ohne elementare Kenntnisse der Elektrotechnik wären solche Zeichnungen, wie in den Krypten des Hathortempels nicht möglich. Es stimmt einfach zu viel überein.«

Skeptiker können einwenden: Warum bedarf es so intensiver Isolation, warum sollte Hochspannung zum Einsatz kommen ... bei einer simplen Glühbirne? Nun, der Elektroingenieur Walter Garn hat den »Dendera-Apparat« rekonstruiert ... und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern als funktionierendes Modell! Demnach zeigen die Reliefs in allen Einzelheiten etwas anderes als eine »Glühbirne«, so wie wir sie noch heute kennen.

Glühbirnen  ... Foto: Archiv Habeck
Die glühbirnenartigen Blasen mussten leergepumpt werden. So entstand in ihrem Inneren ein Vakuum. In diesem Vakuum kam es dann unter hoher Spannung zu einem elektrischen Lichtbogenüberschlag oder zu einer elektrischen Entladung. Wie Elektroingenieur Walter Garn im praktischen Experiment erfolgreich nachgewiesen hat, funktioniert die »Dendera-Birne«... Die im Inneren der »Blase« dargestellte »Schlange« stellt nicht den Draht in einer Glühbirne, sondern den tatsächlich stark an eine Schlange erinnernden Lichtbogenüberschlag!

Eine solche »Glühbirne« war und ist nicht als Leuchtkörper für den Alltag geeignet ... wohl aber als sakral-mysteriöser Kultgegenstand in einem Tempel. Eine solche »Glühbirne« sorgte vor Jahrtausenden nicht für profanes Licht in den Haushalten, sie war ein mystisches Objekt im religiösen Tempelkult. Von einer solchen »Glühbirne« gab es keine unüberschaubar große Menge, sondern allenfalls einige wenige Exemplare, die als sakrale Kultgegenstände im Zentrum religiösen Kults gestanden haben mögen.

Ist es eine bösartige Unterstellung, dass die »Glühbirne« von der Priesterschaft als fromme Magie eingesetzt wurde? Wollten die Priester die Gläubigen in Angst und Erstaunen versetzen, um sie empfänglicher für ihre Religion zu machen? Sollte mit einem technischen Trick den Menschen die göttliche Macht in Form von furchteinflößend-fremdartigen Licht in Schlangenform vor Augen geführt werden?

Glühbirnen ... Foto Archiv Habeck
So heißt es in einem Text, der direkt bei einer der »Dendera-Birnen« in den Stein graviert wurde: »Du erleuchtest mit der Uräus-Schlange das Land von Dendera...Du herrschst über die beiden Länder....« Diese Zeilen passen sehr gut zu den »Wunderleuchten« von Dendera... zur leuchtenden Schlange!

Elektroingenieur Walter Garn hat experimentell nachgewiesen, dass die Wunderlampe von Dendera als technischer Apparat funktioniert. Im wiederholt durchgeführten Versuch ließ er eine geheimnisvolle Schlange aus Licht entstehen. Die Ägypter können vor Jahrtausenden derlei Erscheinung nur als unbegreifbar-göttlich eingestuft haben. Walter Garn hat gezeigt, dass die Schlange aus Licht vor Jahrtausenden in Ägypten mit damals vorhandenen technischen Möglichkeiten zum Leben erweckt werden konnte.

Elektroingenieur Walter Garn
Foto: Archiv Habeck
Bleibt eine wichtige Frage: Wo befinden sich die »Wunderleuchten« von Dendera? Wir wissen es nicht! Sie sind ... so es sie wirklich gegeben haben soll ... verschwunden. Unmöglich? Denken wir an Sakralgegenstände der Inkas, die bis heute nicht gefunden wurden ... Dabei haben die marodierenden Spanier brutalste Mittel eingesetzt, um Wissende zum Sprechen zu bringen. Vergeblich! 1533 war der Inkaherrscher Atahualpa Geisel der Spanier. Sie forderten ein gigantisches Lösegeld ... und Gold in unvorstellbaren Mengen wurde geliefert. Ein Raum von sechs Meter Länge und fünf Meter Breite wurde mannshoch mit edelsten Arbeiten aus purem Gold gefüllt. Die »kultivierten« Spanier stampften alles, schmolzen das Gold ein und sandten gigantische Mengen an Barrengold nach Europa.

Freigelassen wurde Atahualpa nicht. Er wurde in einem Scheinprozess zum Tode verurteilt und ermordet. Da er sich zum Christentum bekehren ließ, blieb ihm der qualvolle Tod auf dem Scheiterhaufen erspart. Atahualpa wurde erwürgt. Riesige Goldschätze wurden nach dem Tod Atahualpas von dessen Witwe umgeleitet und in unterirdischen Gängen versteckt. Mehrere Tonnen Gold sollen bis heute unentdeckt geblieben sein ... heiligste Gegenstände der Inkas. Werden wir je die Inkaschätze entdecken ... und die Wunderleuchten von Dendera?

Fußnoten
1 Brunés, Tons: »Energien der Urzeit«, Zug 1977, zitiert in Krassa, Peter und Habeck, Reinhard: »Das Licht der Pharaonen/ Hochtechnologie und elektrischer Strom im alten Ägypten«, München 1992
2 Krassa, Peter und Habeck, Reinhard: »Das Licht der Pharaonen/ Hochtechnologie und elektrischer Strom im alten Ägypten«, München 1992, S. 226

Literaturempfehlung
Ein kurzer Artikel kann der Thematik »Elektrizität im alten Ägypten«
nicht gerecht werden. Interessierten Leserinnen und Lesern empfehle ich dringend das fundamentale fundierte Werk von Krassa und Habeck »Das Licht der Pharaonen« (siehe Fußnote 2)!

»Muttergöttin und Sonnengott«,
Teil 97 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27.11.2011

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