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Montag, 10. August 2020

Marie Versini zum 80.!

Wenn je eine von Karl Mays Fantasiegestalten im Film lebendig wurde... dann Nscho-tschi, Winnetous Schwester. Marie Versini verkörperte im Film (»Winnetou I« und »Winnetou und sein Freund Old Firehand«) die schöne Indianerin in idealer Weise ... Sie war glaubhaft. Marie Versini war Nscho-tschi.

Geradezu schwärmerisch beschreibt Karl May die junge Frau (1): Sie »war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiss in jedem Salon Bewunderung erregt... Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte.«

Karl Mays »Alter Ego« spart nicht mit Komplimenten (2): »›Nscho-tschi ist dein Name?‹ sagte ich. ›Ja.‹ - ›So danke dem, der ihn dir gegeben hat. Du konntest keinen passenderen bekommen, denn du bist wie ein schöner Frühlingstag, an welchem die ersten Blumen des Jahres zu duften beginnen.‹«


Karl Mays Romanwelt wird von starken Männern dominiert: im Orient ebenso wie im »Wilden Westen«. Mit Nscho-tschi schuf aber Karl May eine Gestalt, die so ganz und gar nicht in seine Zeit passte. Gewiss, Nscho-tschi pflegte den schwer verwundeten Old Shatterhand aufopfernd. Gewiss, Nscho-tschi verliebte sich in den Mann aus dem fernen Europa. Nscho-tschi war aber nicht ein hübsches Heimchen am Herd, sondern eine Gleichberechtigte in einer »Männerwelt«. Sie ritt mit den Kriegern, beherrschte den Umgang mit den Waffen wie die besten Krieger, war an den bedeutsamsten Entscheidungen beteiligt und diskutierte lebenswichtige Fragen.

Nscho-tschi erweist sich Old Shatterhand sogar überlegen: Karl Mays »Alter Ego«, der Europäer, vertritt mit einem Hauch von Arroganz das »überlegene Abendland«. Nscho-tschi aber macht ihm klar, dass die vermeintlichen »Wilden« Amerikas oftmals kultivierter als die »zivilisierten« Europäer und weißen Nordamerikaner sind.

Marie Versini spielte schon als kleines Mädchen Nscho-tschi... die sie als junge Frau im Film verkörperte. Gewiss, es gab Zeiten, da war Marie Versini nicht so glücklich, von ihren Fans nur als Nscho-tschi gesehen zu werden. Im Exklusiv-Interview für »Ein Buch lesen« sagte sie: »Das hat mich vor einigen Jahren schon ein bisschen geärgert. Schließlich habe ich ja noch viel mehr gespielt... auf der Bühne fast acht Jahre in der ›Comédie française‹ in Paris wo ich den klassischen Part der Naiven gespielt habe, von Molière bis zu Shakespeare. Und ich habe viele andere Filme gedreht wie zum Beispiel ›Zwei Städte‹ mit Dirk Bogarde, ›Paris Blues‹ mit Paul Newman und Luis Armstrong, ›Junge mach dein Testament‹ mit Eddie Constantine, ›Brennt Paris?‹ mit Jean Paul Belmondo, Alain Delon, Gert Fröbe, etc...«

Marie Versini weiter: »Später wurde mir bewusst: Es war eine große Chance mit einem Charakter identifiziert zu werden. In dieser Zeit, die so ein kurzes Gedächtnis hat, und so viele und vieles vergisst - da ist es schön, Nscho-tschi zu sein. Aber ich bin nicht nur Nscho-tschi...«

Es stimmt: Marie Versini triumphierte schon mit 17 (sie ist Jahrgang 1940) als jüngstes Mitglied der »Comédie Francaise« in Paris. Sie war die Cosette in Victor Hugos »Les Misérables«, die Agnés in Molieréres »L’Ecole des femmes« und Julia in Shakespeares »Romeo und Julia«, um nur einige ihrer großen Bühnenrollen zu nennen.

Sie stand – um einige ihrer prominenten Kollegen zu erwähnen – mit Louis Armstrong, Paul Belmondo, Dirk Bogarde, Eddi Constantine, Alain Delon, Gert Fröbe, Curd Jürgens und Christopher Lee vor der Kamera.

Vor mehr als 40 Jahren engagierte der französische Regisseur Pierre Viallet Marie Versini für die Rolle der Pianistin Clara Schumann. Marie Versini verliebte sich bei den Dreharbeiten in Pierre Viallet.. Die beiden heirateten. Kein Wunder, dass Clara Schumann neben Nscho-tschi ihre liebste Rolle ist!

In die Herzen von Millionen von Zuschauern hat sich Marie Versini als Nscho-tschi gespielt.

Karl-May-Leser wissen: Die blutjunge Nscho-tschi wurde vom Unhold Santer feige ermordet. Marie Versini aber lässt die edle Indianerin weiter leben... in ihren vorzüglichen Büchern »Rätsel um N.T.« und »N.T. geht zum Film«. Wer mehr über das Leben von Marie Versini erfahren möchte, lese ihr Buch »Ich war Winnetous Schwester«.

Zu Marie Versinis heutigem Geburtstag gratuliere ich, auch im Namen von »Ein Buch lesen«, 
von ganzem Herzen!

Liebe Marie, alles, alles Liebe und Gute Zum Geburtstag.... 
und überhaupt! 
Und herzlichen Dank für Deine Nscho-tschi. 
Ich bin sicher: Karl May hätte Dich lieb gewonnen!



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Donnerstag, 10. August 2017

Marie Versini - the interview

Interview with Marie Versini
(English translation by Marlies Bugmann)



Walter Joerg Langbein: You’ve become world-famous through Karl May’s Nsho-Chi. Have you read Karl May’s novels earlier, in your youth already?

Marie Versini: No. I’ve not read Karl May during my childhood. He had not been translated into French at that time. But my father, a great Germanist, discovered Karl May in Germany. He thought his books were wonderful, just like those written by our Jules Verne.

My father always told me Karl-May-stories at bedtime: the love story between Old Shatterhand and Nsho-Chi, the story about the blood brotherhood of Winnetou and Old Shatterhand, and many more…

Walter Joerg Langbein: Has your understanding of Karl May changed through Nsho-Chi?

Marie Versini: Yes, of course. The book was translated into French by Flamarion before Winnetou I was filmed, and I’ve read it immediately. It’s always wonderful for an actor or actress to find his or her role in a novel. The author always says so much about the character of the individual people.

But, even as a child, I already had my image of Nsho-Chi. She was always present in the background.

I’ve always wanted to play that role, ever since I was seven years old. And my dream became reality! The time in Croatia during the filming with Lex Barker and Pierre Brice was also a dream. I couldn’t imagine that the film was going to be so successful! And the success continues to this day!

Walter Joerg Langbein: Did you like reading books as a child?

Marie Versini: Yes, very much. And I still do! I read a lot…with pleasure.

Walter Joerg Langbein: What book are you reading at present?

Marie Versini: I’m reading Montaigne. Montaigne’s works contain everything. One can read them again and again! I also read Montaigne by Stephan Zweig…I love him very much.

Walter Joerg Langbein: You are also writing books. Being an author, what does that mean for you?

Marie Versini: My husband, Pierre Viallet is a director and an author. He has written thirteen novels. They were translated and are available in the USA (Ballantines-Books, New York) and in Germany (Zsolnay und Rowohlt). Through him, I’ve found a new way of expressing myself. Acting and writing are very similar. But writing has one advantage. You can write when you want and where you want. You’re completely independent with writing and not tied to someone else.

Walter Joerg Langbein: What is a writer allowed or not allowed to do?

Marie Versini: A writer is allowed to do anything. He or she invents—that’s their profession. And as they dream up things, the reader is made to dream.

Walter Joerg Langbein: Will you write more books?

Marie Versini: Of course.

Walter Joerg Langbein: Many people still see you as Nsho-Chi. Does that annoy you? You’ve made other important films, after all!

Marie Versini: It has, indeed, annoyed me a few years ago. I mean, I’ve acted in many other roles…almost eight years on stage, in the ‘Comédie Française’ in Paris where I’ve played the classical part of the Naïve; works from Molière to Shakespeare. And I’ve made many other movies, for example A Tale Of Two Cities (1958), next to Dirk Bogarde, Paris Blues (1961) with Paul Newman and Louis Armstrong, Cien De Pique (1960) with Eddie Constantine, or Is Paris Burning? (1966) with Jean Paul Belmondo, Alain Delon, Gert Fröbe etc…

Later I realized: It was a great opportunity to be identified with a character. In the present time, with it’s short-term memory that forgets so much and so many, it is beautiful to be Nsho-Chi. But I’m not only Nsho-Chi…

Walter Joerg Langbein: What was your most important film…after the Karl May movies?

Marie Versini: The River Line (1964) with Peter van Eyck, Romantic Nights In The Taiga (1967) with Thomas Hunter and Ach Pierre (La Foire) (1977) with Curd Jürgens, my husband Pierre Viallet directed.

Translation: Marlies Bugmann, Tasmania, 2009

Marie Versini zum 77.!

Herzlichen Glückwunsch zum 77.!
Walter-Jörg Langbein


Wenn je eine von Karl Mays Fantasiegestalten im Film lebendig wurde... dann Nscho-tschi, Winnetous Schwester. Marie Versini verkörperte im Film (»Winnetou I« und »Winnetou und sein Freund Old Firehand«) die schöne Indianerin in idealer Weise ... Sie war glaubhaft. Marie Versini war Nscho-tschi.

Geradezu schwärmerisch beschreibt Karl May die junge Frau (1): Sie »war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiss in jedem Salon Bewunderung erregt... Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte.«

Karl Mays »Alter Ego« spart nicht mit Komplimenten (2): »›Nscho-tschi ist dein Name?‹ sagte ich. ›Ja.‹ - ›So danke dem, der ihn dir gegeben hat. Du konntest keinen passenderen bekommen, denn du bist wie ein schöner Frühlingstag, an welchem die ersten Blumen des Jahres zu duften beginnen.‹«

Karl Mays Romanwelt wird von starken Männern dominiert: im Orient ebenso wie im »Wilden Westen«. Mit Nscho-tschi schuf aber Karl May eine Gestalt, die so ganz und gar nicht in seine Zeit passte. Gewiss, Nscho-tschi pflegte den schwer verwundeten Old Shatterhand aufopfernd. Gewiss, Nscho-tschi verliebte sich in den Mann aus dem fernen Europa. Nscho-tschi war aber nicht ein hübsches Heimchen am Herd, sondern eine Gleichberechtigte in einer »Männerwelt«. Sie ritt mit den Kriegern, beherrschte den Umgang mit den Waffen wie die besten Krieger, war an den bedeutsamsten Entscheidungen beteiligt und diskutierte lebenswichtige Fragen.

Nscho-tschi erweist sich Old Shatterhand sogar überlegen: Karl Mays »Alter Ego«, der Europäer, vertritt mit einem Hauch von Arroganz das »überlegene Abendland«. Nscho-tschi aber macht ihm klar, dass die vermeintlichen »Wilden« Amerikas oftmals kultivierter als die »zivilisierten« Europäer und weißen Nordamerikaner sind.

Marie Versini spielte schon als kleines Mädchen Nscho-tschi... die sie als junge Frau im Film verkörperte. Gewiss, es gab Zeiten, da war Marie Versini nicht so glücklich, von ihren Fans nur als Nscho-tschi gesehen zu werden. Im Exklusiv-Interview für »Ein Buch lesen« sagte sie: »Das hat mich vor einigen Jahren schon ein bisschen geärgert. Schließlich habe ich ja noch viel mehr gespielt... auf der Bühne fast acht Jahre in der ›Comédie française‹ in Paris wo ich den klassischen Part der Naiven gespielt habe, von Molière bis zu Shakespeare. Und ich habe viele andere Filme gedreht wie zum Beispiel ›Zwei Städte‹ mit Dirk Bogarde, ›Paris Blues‹ mit Paul Newman und Luis Armstrong, ›Junge mach dein Testament‹ mit Eddie Constantine, ›Brennt Paris?‹ mit Jean Paul Belmondo, Alain Delon, Gert Fröbe, etc...«

Marie Versini weiter: »Später wurde mir bewusst: Es war eine große Chance mit einem Charakter identifiziert zu werden. In dieser Zeit, die so ein kurzes Gedächtnis hat, und so viele und vieles vergisst - da ist es schön, Nscho-tschi zu sein. Aber ich bin nicht nur Nscho-tschi...«

Es stimmt: Marie Versini triumphierte schon mit 17 (sie ist Jahrgang 1940) als jüngstes Mitglied der »Comédie Francaise« in Paris. Sie war die Cosette in Victor Hugos »Les Misérables«, die Agnés in Molieréres »L’Ecole des femmes« und Julia in Shakespeares »Romeo und Julia«, um nur einige ihrer großen Bühnenrollen zu nennen.

Sie stand – um einige ihrer prominenten Kollegen zu erwähnen – mit Louis Armstrong, Paul Belmondo, Dirk Bogarde, Eddi Constantine, Alain Delon, Gert Fröbe, Curd Jürgens und Christopher Lee vor der Kamera.

Vor mehr als 40 Jahren engagierte der französische Regisseur Pierre Viallet Marie Versini für die Rolle der Pianistin Clara Schumann. Marie Versini verliebte sich bei den Dreharbeiten in Pierre Viallet.. Die beiden heirateten. Kein Wunder, dass Clara Schumann neben Nscho-tschi ihre liebste Rolle ist!

In die Herzen von Millionen von Zuschauern hat sich Marie Versini als Nscho-tschi gespielt.

Karl-May-Leser wissen: Die blutjunge Nscho-tschi wurde vom Unhold Santer feige ermordet. Marie Versini aber lässt die edle Indianerin weiter leben... in ihren vorzüglichen Büchern »Rätsel um N.T.« und »N.T. geht zum Film«. Wer mehr über das Leben von Marie Versini erfahren möchte, lese ihr Buch »Ich war Winnetous Schwester«.

Zu Marie Versinis heutigem Geburtstag gratuliere ich, auch im Namen von »Ein Buch lesen«, 
von ganzem Herzen!

Liebe Marie, alles, alles Liebe und Gute Zum Geburtstag.... 
und überhaupt! 
Und herzlichen Dank für Deine Nscho-tschi. 
Ich bin sicher: Karl May hätte Dich lieb gewonnen!

Hier weiterlesen: 

Lesen Sie hier weiter - zum 100. Geburtstag von Karl May: 
Glanz und Elend eines Bestsellerautors

Marie Versinis Homepage

Aktuelle Empfehlung : Hommage an Robert Schumann

1) Karl May: »Winnetou I / Reiseerzählung«, »Historisch-Kritische Ausgabe für die Karl-May-Gedächtnisstiftung«, herausgegeben von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger, Abteilung IV, Band 12, Zürich 1990, S. 268
2) ebenda, S. 270



Bilder Marie Versini: Elmar Elbs

Marie Versini im Interview

Walter-Jörg Langbein : Du bist durch Karl Mays Nscho-tschi weltberühmt geworden. Hast Du schon vorher – als Kind vielleicht – Karl May gelesen?

Marie Versini: Nein, als Kind habe ich nicht Karl May gelesen. Karl May war damals noch gar nicht ins Französische übersetzt. Aber mein Vater, der ein großer Germanist war, hat Karl May in Deutschland entdeckt. Er fand seine Bücher wunderbar, so wie die wie von unserem Jules Verne.

Mein Vater hat mir immer, als ich Kind war, Karl-May-Geschichten vor dem Einschlafen erzählt: die Liebesgeschichte zwischen Old Shatterhand und Nscho-tschi, die Geschichte von der Blutsbruderschaft von Winnetou und Old Shatterhand und viele mehr...

Walter-Jörg Langbein : Hat sich Dein Verständnis von Karl May durch Nscho-tschi verändert?

Marie Versini: Ja natürlich. Bevor ich »Winnetou« gedreht habe, das Buch war inzwischen von Flamarion ins Französische übersetzt worden, habe ich es sofort gelesen. Es ist immer wunderbar für einen Schauspieler seine Rolle in einem Roman zu finden. Es gibt so vieles, was der Schriftsteller über den Charakter der einzelnen Personen aussagt. Aber meine Vorstellung von Nscho-tschi hatte ich schon als Kind. Sie war immer da, im »Background«.

Seit ich sieben Jahre alt war, wollte ich diese Rolle spielen. Und mein Traum ist Wirklichkeit geworden! Die Drehzeit in Kroatien mit Lex Barker und Pierre Brice war auch ein Traum. Ich habe nie gedacht, daß der Erfolg dieser Film so groß sein würde! Und der Erfolg hängt bis heute an!

Walter-Jörg Langbein : Hast Du als Kind gern gelesen?

Marie Versini: Ja sehr gern. Und ich tue es immer noch! Ich lese viel... mit Vergnügen.
Walter-Jörg Langbein: Welches Buch liest Du gerade?

Marie Versini: Ich lese Montaigne. Es gibt alles in den Werken von Montaigne. Man kann sie immer wieder und wieder lesen! Ich lese auch »Montaigne« von Stefan Zweig... den liebe ich sehr.

Walter-Jörg Langbein : Du schreibst selbst Bücher. Was bedeutet für Dich, Autorin zu sein?

Marie Versini: Mein Mann Pierre Viallet ist Regisseur und Schriftsteller. Er hat 13 Romane geschrieben. Sie liegen in Übersetzungen vor, in den USA (Ballantines-Books, New-York) und in Deutschland (Zsolnay und Rowohlt). Durch ihn habe ich einen neuen Weg gefunden, um mich auszudrucken. Schauspielen und Schreiben, das ist ungefähr dasselbe. Schreiben hat aber einen Vorteil. Du kannst schreiben wann du willst und wo du willst. Du bist beim Schreiben vollkommen frei, von niemandem abhängig.

Walter-Jörg Langbein : Was darf ein Schriftsteller oder was darf er nicht?

Marie Versini: Ein Schriftsteller darf alles. Er erfindet - das ist sein Beruf. Und indem er sich Dinge ausdenkt, bringt er uns zum Träumen.

Walter-Jörg Langbein : Wirst Du noch mehr Bücher schreiben?

Marie Versini: Klar.

Walter-Jörg Langbein : Viele Menschen sehen Dich immer noch als Nscho-tschi. Ärgert Dich das? Du hast ja noch weitere wichtige Filme gemacht!

Marie Versini: Das hat mich vor einigen Jahren schon ein bisschen geärgert. Schließlich habe ich ja noch viel mehr gespielt... auf der Bühne fast acht Jahre in der »Comédie française« in Paris wo ich den klassischen Part der Naiven gespielt habe, von Molière bis zu Shakespeare. Und ich habe viele andere Filme gedreht wie zum Beispiel »Zwei Städte« mit Dirk Bogarde, »Paris Blues« mit Paul Newman und Luis Armstrong, »Junge mach dein Testament« mit Eddie Constantine, »Brennt Paris?« mit Jean Paul Belmondo, Alain Delon, Gert Fröbe, etc...

Später wurde mir bewusst: Es war eine große Chance mit einem Charakter identifiziert zu werden. In dieser Zeit, die so ein kurzes Gedächtnis hat, und so viele und vieles vergisst - da ist es schön, Nscho-tschi zu sein. Aber ich bin nicht nur Nscho-tschi...

Walter-Jörg Langbein : Welcher war Dein wichtigster Film... nach den Karl May Filmen?

Marie Versini: »Kennwort Reiher« mit Peter van Eyck, »Liebesnächte in der Taiga« mit Thomas Hunter und »Ach Pierre« mit Curd Jürgens, Regie hat mein Mann Pierre Viallet geführt.

Samstag, 24. März 2012

Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors

Teil 1: Vom Zuchthäusler zum Bestsellerautor
Walter-Jörg Langbein


Hohenstein-Ernstthal
Geburtshaus Karl Mays
in Hohenstein-Ernsthal
um 1910 - Foto: Archiv
Karl May Gesellschaft
Karl May schien von seiner Geburt an zum Scheitern verurteilt. Dem Sohn einer bitterarmen Familie von sächsischen Webern sollte offenbar der Weg in ein bürgerliches Leben verwehrt bleiben. Die Versuche, aus unbeschreiblichem Elend auszubrechen, scheiterten immer wieder. Karl May wurde straffällig und wegen Lappalien zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Immer wieder schien sich zu bewahrheiten, was Hans Fallada in seinem Roman »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« beschreibt. Es schien auch für Karl May zu gelten: Wer einmal im Gefängnis saß, hat schlechte Karten ...

Wie Falladas Kufalt wird Karl May immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Zwickau (»Schloss Osterstein«) scheitert May erneut. Er hatte keine Chance auf Rehabilitation. Zaghafte Versuche, auf ehrliche Weise Geld zu verdienen, wurden von der guten, ehrbaren Gesellschaft nicht geduldet.

Am Rande ... Die Geschichte von »Schloss Osterstein« bietet Stoff für ein umfangreiches Werk ... Ursprünglich war es ein landesherrliches Residenzschloss, wurde dann zur Zuchtanstalt. Es verfiel zur Ruine. Der Zellentrakt musste abgerissen werden. 2006 begann der Wiederaufbau. 2008 öffnete die einstige Zuchtanstalt wieder ihre Tore ... als Senioren- und Seniorenpflegeheim ...

Wieder wird Karl May straffällig, wieder ist er als kleiner Gauner und Trickbetrüger unterwegs. Wieder schließen sich Gefängnismauern für Jahre hinter ihm. Als Karl May 1874 aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen wird, hat er eigentlich – wie Falladas Kufalt – keinerlei Zukunftsperspektive. Der nächste längere Zuchthausaufenthalt scheint schon vorprogrammiert zu sein. Und es sieht so aus, als reagiere Karl May auf seltsame Weise trotzig. Er glaubt, dass die Gesellschaft ihn nur als Kriminellen sehen will ... also will er kriminell sein. In Waldenheim aber kommt es zur Wende ...

Schloss Osterstein - Ruine
Osterstein - Foto oben:
Archiv Langbein,
Foto unten: André Karwath
Karl May fasst nach der Entlassung in der bürgerlichen Gesellschaft Fuß. Er beginnt zu schreiben: zunächst als Redakteur im Verlag von Heinrich Gotthold Münchmeyer und später beim Dresdner Verlag von Bruno Radelli. 1879 beginnt das eigentliche Leben des Karl May, der es zum reichen, meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache bringen sollte. Karl May verfasst Erzählungen, die unter verschiedensten Pseudonymen erscheinen. Fast wie besessen schreibt Karl May für Zeitschriften. Seine Texte erscheinen im »Deutschen Hausschatz«, werden im »Guten Kamerad« veröffentlicht.

Für Münchmeyer produziert May im Eiltempo Kolportageromane. »Das Waldröschen« wird von Hunderttausenden verschlungen. Mit 50 gelingt Karl May der Durchbruch. Friedrich Ernst Fehsenfeld ermöglicht es dem immer wieder vom Schicksal gebeutelten Sachsen, seine Erzählungen in Buchform zu publizieren. 1892 – vor 120 Jahren – startet die Serie »Carl May's Gesammelte Reiseromane«. 1896 wird die Erfolgsreihe in »Karl Mays's Gesammelte Reiseerzählungen« umbenannt. Karl May hat es geschafft ... aus dem armen Weberssohn, dem gescheiterten Lehrer und mehrfach Vorbestraften wird der hoch angesehene, geachtete, ja verehrte Bestsellerautor Karl May.

Noch 1879 war Karl May – zum letzten Mal – zu einer Arreststrafe von drei Wochen verurteilt worden ... wegen angeblicher »Amtsanmaßung«. Karl May hatte versucht zu klären, wie der Onkel seiner damaligen Verlobten Emma Pollmer ums Leben gekommen war. Der Sachverhalt ist klar: Am 25. April 1878 befragt Karl May Zeugen, behauptet, er sei »von der Regierung eingesetzt und etwas Höheres, wie der Staatsanwalt« (1). Karl May verstößt dabei allerdings nicht gegen das Gesetz. Er maßt sich keinen Titel an. Er gibt nicht vor, ein Amt auszuüben. Er deutet nur an, flößt Respekt ein. Man hält ihn für eine »hochgestellte Persönlichkeit«. So soll Karl May geäußert haben (2): »Wenn der Staatsanwalt nicht richtig gehandelt hat, lass ich ihn einstecken – zu was sind denn die Kerle da?!«

Karl May und seine zweite
Ehefrau Klara um 1904
Eine »Amtshandlung« hat Karl May nicht vorgenommen, somit hat er sich ganz eindeutig keiner »Amtsanmaßung« schuldig gemacht. Karl May wurde ganz klar Opfer eines Fehlurteils. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Karl May verbüßt seine Strafe, wird am 22. September um 19 Uhr (3) »dem Gerichtsamt vorgeführt, vor Rückfall gewarnt und entlassen«.

Karl May war seinen fiktiven alter egos Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi im wirklichen Leben nie so nahe wie in jenen Tagen des Jahres 1878, als er zu klären versuchte, unter welchen Umständen Emil Pollmer zu Tode gekommen war. Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi setzten sich in Karl Mays Fantasiewelt immer wieder für Recht und Ordnung ein. Wo Gesetzeshüter versagten, wo Verbrecher fern der Justiz ihr Unwesen treiben konnten ... da schritten Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, begleitet und unterstützt von Winnetou und Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, ein. Ob Nscho-tschi, von Marie Versini im Film ideal verkörpert, im realen Leben Karl Mays ein Vorbild aus Fleisch und Blut hatte?

In seiner Fantasie wurde Karl May, der im realen Leben zum »Kriminellen« abgestempelt worden war, zur heldenhaften Lichtgestalt, zum Heros, zum Superman des Wilden Westens und des Orients, der der Gerechtigkeit immer wieder zum Sieg verhalf.



Schreibend ließ Karl May seine Vergangenheit hinter sich, die allerdings den greisen Karl May wieder einholen sollte! Schreibend wurde aus dem von der Gesellschaft ausgestoßenen Karl May der geachtete, bewunderte und verehrte Volksschriftsteller Karl May. Schreibend schuf er sich ein Leben in Wohlstand. Der Sohn armer Webersleute wurde zum Wohlstandsbürger. 1891 zogen die Mays in der »Villa Agnes«, Radebeul, 1895 in »Villa Shatterhand«, Radebeul, ein.

Karl May im Kostüm
als Old Shatterhand
Schreibend schuf sich Karl May eine alternative Realität, in der sein Blutsbruder Winnetou und sein Gefährte Hadschi Halef Omar zu realen Personen wurden. Und schreibend wurde Karl May wirklich zu Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Berichtete er zunächst noch über die beiden Abenteurer in der dritten Person, so identifizierte er sich nach und nach immer stärker mit den fiktiven Gestalten. Karl May war dabei kein Hochstapler, vielmehr wusste er wohl manchmal selbst nicht mehr zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Im Roman bekam Old Shatterhand einen Namen ... aus dem anonymen Helden wird der Schriftsteller aus Germany Sharlih. Winnetou, der edle Häuptling der Apachen, nennt ihn so.

Millionen Fans folgten Karl May lesend ... und identifizierten sich ihrerseits mit den Helden Karl Mays. Unzählige Leserinnen und Leser träumten sich in eine Welt, in der sie – wie die Mayschen Helden – die Welt gerechter machen konnten. Sie wollten an die Wirklichkeit der schönen Welt Karl Mays glauben ... und der sächsische Schriftsteller machte es ihnen leicht. So ließ er die aus seinen Romanen bekannten Wundergewehre »Bärentöter«, »Silberbüchse« und »Henrystutzen« anfertigen. Und Karl May schlüpfte in Kostüme, ließ sich als »Old Shatterhand« und »Kara Ben Nemsi« fotografieren. So entstanden nicht nur Fotos von Karl May vor Wild-West- und Orientkulissen, auch Besucher Mays wurden kostümiert mit ihrem Helden im Bild festgehalten.

Villa Agnes - Foto X-Weinzar
Mit der wachsenden May-Begeisterung wuchs auch Mays Wohlstand. Jetzt konnte es sich der sächsische Schriftsteller leisten, luxuriös zu wohnen ... in Villen, nicht in Armenhäuschen ... und die Länder seiner Träume zu bereisen. 1899 und 1900 erkundete er den Orient. Zusammen mit seinem Diener Sejd Hassan kam er bis nach Sumatra. 1908 trat May, zusammen mit seiner Frau Klara, seine sorgfältig vorbereitete Amerikareise an. Von Bremerhaven ging's mit dem »Großen Kurfürst« nach New York, dann den Hudsonfluss hinauf nach Albany. Die Mays unternahmen Ausflüge, zu den Niagara-Fällen, aber auch in das Reservat der Tuscarora-Indianer und nach Toronto. Am 18. Oktober 1908 begeisterte Karl May in Lawrence, Massachusetts, mit einem Vortrag.

Emsig schrieb Karl May von seinen beiden Weltreisen Karten an Freunde, Zeitungsredaktionen und treue Leserinnen und Leser. Stolz ließ sich Karl May vor den Pyramiden Ägyptens wie vor den Niagarafällen ablichten. Der blinde Bub aus einer Weberfamilie war allen Widrigkeiten des Lebens zum Trotz am Ziel seiner Sehnsüchte angekommen ... Der Sachse mit der unerschöpflichen Phantasie war endlich angesehen und wohlhabend.

Und doch wird Karl May auf dem Zenit seines Erfolgs von seiner Vergangenheit eingeholt. Ein Erpresser will Karl May lobpreisen ... gegen Bezahlung. Karl May lehnt ab. Und der Erpresser versucht, mit allen Mitteln Karl Mays Namen in den Schmutz zu ziehen, den greisen Schrifsteller zu vernichten.

Karl May vor den
Niagarafällen 
Rudolf Lebius (1868-1946) sucht im Frühjahr 1904 Karl May auf. Der Journalist bietet ein »Geschäft« an: Er will in Artikeln tüchtig für ihn werben, Karl May lobpreisen ... und erwartet als Gegenleistung ein »Darlehen«. Im September trifft bei Karl May eine anonyme Karte ein ... von Lebius verfasst. Er droht May mit Enthüllungen. Der Schriftsteller aber reagiert nicht. Und so beginnt Rudolf Lebius eine wahre Hetzkampagne gegen Karl May. Eine Flut von Prozessen ist die Folge, die Karl Mays Gesundheit – psychisch wie physisch – stark schädigen.

Fußnoten
1: Sudhoff, Dieter und Steinmetz, Hans-Dieter: »Karl-May-Chronik«, Band I, 1842-1896, Bamberg und Radebeul 2005, S. 235 unten und S. 236 oben
2: ebenda, S. 237
3: ebenda, S. 254

Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors
Teil 2: Zum 100. Todestag
Walter-Jörg Langbein
erscheint am 29. März 2012


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Freitag, 10. Februar 2012

Das Testament

Kurzkrimi von Walter-Jörg Langbein

Der Brief vom Notar kommt für Hermann Leppius nicht unerwartet. „Opa August ist tot.“ sagt er, sein Mienenspiel beherrschend. „Er hat ein Testament gemacht. Wir beide sind Alleinerben!“ Hermann Leppius, ein zur Schäbigkeit neigender Inhaber einer kleinen Lottoannahmestelle, fügt noch abfällig hinzu: „Unsereiner rackert sich ab und der Opa sammelt Vermögen !“

Sein Bruder Rudolf ist „Verkaufsleiter“ höchst zweifelhafter Kaffeefahrten, bei denen er mit Geschick Rentnerinnen für teures Geld billigen Ramsch verkauft. Er glaubt, widersprechen zu müssen: „Opa August war eben sein Leben lang sparsam und ...“ Sein „geizig“ geht im Räuspern des Notars unter. „Wenn Sie bitte eintreten möchten, meine Herren!“ Gespannt nehmen die beiden Erben gegenüber vom dickleibigen Notar Platz.

„Also, vorweg gesagt, ich kann Ihnen das Testament Ihres verstorbenen Herrn Großvaters noch nicht eröffnen. Da ist nämlich erst noch, so hat es ihr werter Großvater notariell festgelegt, eine wichtige Bedingung zu erfüllen!“ Mit monotoner Stimme liest er vor: „Bevor mein im Zustand vollständiger geistiger Klarheit verfasster, von meinem Notar als den gesetzlichen Vorschriften entsprechender bestätigter testamentarischer letzter Wille verlesen werden darf, muss eine Bedingung erfüllt werden: Meine beiden Alleinerben müssen erst klar Schiff machen und mein gesamtes Mobiliar, meinen gesamten Besitz verkaufen.“

Der Notar nimmt die Brille ab. „Ihr Erbe können Sie erst nach Erfüllung dieser Bedingung antreten. Und ich darf Ihnen sagen, dass es um einiges Bargeld geht.“

„Dann wollen wir das schnell über die Bühne bringen!“ Hermann Leppius springt auf. Er ist nervös und leicht reizbar. „Augenblick noch!“ hält ihn der Notar zurück. „Ich benötige von Ihnen eine genaue Liste des Inventars der Wohnung Ihres verstorbenen Herrn Großvaters. Bringen Sie eine präzise Aufstellung all dessen, was Sie für wie viel Geld verkauft haben. Legen Sie mir diese vom Käufer oder von den Käufern unterschriebene Liste hier vor, dann kommt es zur Testamentseröffnung. Dann geht es ...“ Hermann Leppius vollendet den Satz „ans Bare.“ Der Notar lächelt gequält.

Draußen vor der Tür des Notariats halten die beiden Enkel eine kurze Besprechung ab. „Wohin mit dem ganzen Krempel aus Opas Wohnung? Wer gibt dafür schon Geld?“

Rudolf hat einen Einfall. „Du erinnerst dich doch an Rentner Krause, der diesen Prozess gegen mich verloren hat, weil ich seinen dusseligen Lottoschein verlegt hatte und der alte Knacker um einen Gewinn von damals 33.000 Mark gekommen war? Na, das Gericht hat ja damals den Krause abgewiesen. Der Vertrag mit der Lottogesellschaft gilt erst dann, wenn der Lottoschein bei der Zentrale vorliegt. Ich hab' da eine glänzende Idee!“

Keine halbe Stunde später halten Hermann und Rudolf Leppius vor der kleinen Wohnung von Karl Krause. Die bescheidene Besitz von Opa August passt leicht in den Pferdetransporter von Rudolf. Viel ist es ja nicht: ein Schrank mit den Anzügen, muffigen Hemden, Unterwäsche, mit Bergen von schier unendlich langen Strümpfen aus Naturwolle. Da ist noch das Nachttischchen, ein Stuhl, eine bescheidene Ansammlung von Tellern, Tassen, Besteck, das vom sparsamen Opa seinerzeit vom Sperrmüll geholte Bett, der fleckige Regenmantel à la Columbo, eine alte schäbige Bibel, ein Karton mit Briefen und sonstigem Beschriebenen, ein kleines Radio, Rasierapparat, Zahnbürste und Waschzeug.

Rund fünf Dutzend Bände Karl May, offenbar noch aus Vorkriegszeiten, zerlesen und äußerlich nicht mehr ansprechend müffeln in einer großen Kiste mit der Aufschrift „China Tee“ vor sich hin. Mit spitzen Fingern zieht Rudolf Leppius einige der Karl-May-Bände heraus ... „Winnetou I“... „Winnetou II“, „Winnetou III“... „Old Surehand“... „Durchs wilde Kurdistan“... „Von Bagdad nach Stambul“... „Der Schatz im Silbersee“. Achtlos lässt er die Bücher wieder in die Kiste fallen. „Der alte Knauser schwärmte noch als Greis von Old Shatterhand und Winnetou ...“ lacht er hämisch. „Und in diese Nscho Tschi war er seit seiner Pubertät verliebt ... Mit Marie Versini hat er ja angeblich korrespondiert ...“



Dieser bescheidene Besitz soll nun dem Rentner Karl Krause verkauft werden. Rudolfs Idee wird in die Tat umgesetzt. Die beiden Leppius-Brüder geben sich bewusst jovial. Rudolf Leppius redet auf den alten Mann ein.

„Und um Ihnen. lieber, werter Herr Krause, den Schaden mit der Lottosache, die mir wirklich schrecklich leid tut, wieder gut zu machen, möchte ich Ihnen eine Freude bereiten. Sie bekommen die gesamte Hinterlassenschaft aus der Wohnung von unserem Opa- nicht geschenkt, aber so gut wie ...“ Enkel Rudolf kommt ins Stottern. Die Erbschaft erwähnt er lieber nicht.

Hermann hilft ihm aus der Verlegenheit. „Wir wollen ja nicht schlecht über unseren toten Opa reden, aber er hat nun einmal darauf geachtet, dass er sein Geld zusammenhielt. Und daher sind wir testamentarisch dazu verpflichtet, alles zu verkaufen. Eine Formsache. Sie bekommen alles ... für ... na, sagen wir einen Euro. Ein symbolischer Preis!“

Rudolf nickt. „Rein symbolisch. Sie kannten ja unseren Opa August gut, waren Sie nicht mit ihm am gleichen Frontabschnitt im Krieg? Und da meinen wir, verkaufen wir lieber Ihnen alles symbolisch für einen Euro als dass wir uns an einen Antiquitätenhändler wenden, der uns natürlich mehr bieten würde ...“

Karl Krause ist gerührt. Er stimmt dankbar zu. Hastig tragen die beiden Erben das karge Mobiliar in Krauses Wohnung. Wenig später legen die beiden zufriedenen Männer dem Notar den unterschriebenen Kaufvertrag vor. Mit einer fahrigen Geste lädt er die beiden Erben ein, sich zu setzen. „Da ist ja alles genauestens aufgelistet, wie ich sehe, die einzige Bedingung für die Testamentseröffnung ist erfüllt.“ Knisternd löst der Notar das Siegel, entfaltet das Blatt.

„Bei der Vorbedingung handelt es sich um einen Test. Vorweg: Wie auch immer der Test ausgefallen sein mag, erhalten Rudolf und Hermann jeweils ein Sparbuch über Euro 500.- Wie ich meine werten Enkel kenne, haben Sie meinen gesamten Besitz veräußert. Zu meiner Habe gehörten auch meine geliebten Karl-May-Bücher. Sollten meine werten Herren Enkel wider Erwarten die Karl-May-Bücher nicht verkauft haben, aus sentimentalen Gründen, weil sie wissen, wie ich an diesen Büchern mit ganzem Herzen hing, ist ihnen und vor allem Rudolf verziehen. Wie oft hat er sich über meine Vorliebe für den großen Volksdichter deutscher Zunge Karl May lustig gemacht! Hämisch haben sie gelacht, wenn ich stolz den Namen von Kara Ben Nemsis Gefährten vollständig aufsagen konnte ... Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.“

Der Notar hält kurz inne, dann liest er weiter vor:

„Rudolf ist es auch gewesen, der mich nachts immer mit Anrufen weckte. Er hat seine Stimme verstellt, aber ich habe ihn erkannt. Er wusste, dass mein schwaches Herz darunter leiden würde. Er hoffte wohl auf meinen frühzeitigen Tod! Die Daten und die Zeiten dieser Anrufe sind genau auf einem Blatt in meinem Karl-May-Buch 'Der Schatz im Silbersee' notiert.“

Der Notar nimmt das Testament wieder auf und liest weiter: „Sollten die beiden Enkel wider Erwarten die Bände nicht veräußert haben, sollen sie mein in langen Jahren mühsam erspartes Vermögen in Höhe von 125.000 Euro erben und auch weiterhin Freude an den Karl-May-Büchern haben. Ich schätze aber meine Enkel anders ein. Dann fallen besagte 125.000 Euro an den Käufer meiner Karl-May-Bücher. Es soll der in den Genuss des Geldes kommen, der die Lektüre von Karl May mehr zu schätzen weiß als meine ehrenwerten Enkel, denen ich für das Leerräumen meiner Wohnung danke. Meine Aufzeichnungen über den Telefonterror meines Enkels Rudolf befinden sich als Lesezeichen im Band ‘Der Schatz im Silbersee’. Bitte an die Polizei weiterleiten.“

Der Notar sieht von dem Blatt auf und blickt die beiden verdutzt dreinschauenden Erben durchdringend an. Hermann Leppius weicht dem Blick aus und starrt auf seine Schuhspitzen. Der Notar nickt: „Die Karl-May-Bücher befinden sich jetzt im Besitz des Herrn Krause,  wie ich dieser Quittung entnehme. Karl Krause wird also das Vermögen des Verstorbenen erben! Und was den Telefonterror, was Ihr schäbiges Trachten nach dem Leben des Verstorbenen angeht, darum werden sich Polizei und Staatsanwaltschaft kümmern!“


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Sonntag, 29. November 2009

Nscho-tschi – eine sanfte Amazone

Nscho-tschi – eine sanfte Amazone
Walter-Jörg Langbein

Der »Wilde Westen« Karl Mays scheint von »richtigen Männern« dominiert zu werden. Winnetou und sein Blutsbruder Old Shatterhand sind mächtige Männer, stark, intelligent und gut. Bedient also Karl May alte Klischeevorstellungen, die nicht mehr in unsere Zeit passen?

In ein antiquiertes Weltbild von heroisch kämpfenden Männern und Frauen, die vor allem nur schön zu sein haben, scheint Nscho-tschi (»Schöner Tag«) zu passen. Karl May beschreibt die junge Schwester Winnetous so (1): Sie »war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiss in jedem Salon Bewunderung erregt... Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte.«

Gewiss, die wunderschöne Nscho-tschi pflegt in rührender Weise den schwer verwundeten Old Shatterhand gesund. Und sie verliebt sich in den heroischen Blutsbruder Winnetous. Aber »Schöner Tag« diskutiert auch mit Old Shatterhand über die Unterschiede zwischen den christlichen Frauen der westlichen Zivilisation und den indianischen Squaws des »Wilden Westens«. Old Shatterhand vertritt die westlich-europäische Position, die besseren Argumente legt Karl May aber Nscho-tschi in den Mund. Sie lässt weder eine Überlegenheit der Frau, noch der Wissenschaftler der »zivilisierten Welt« gelten. Bei Licht betrachtet... erscheinen die ach so kultivierten Menschen der alten Welt als die eigentlichen »Wilden«.

Nscho-tschi ist nicht nur sehr attraktiv und höchst intelligent. Sie ist auch selbstbewusst und bewegt sich als Gleichberechtigte in der Welt der Männer.

Völlig zutreffend schreibt Michael Pezel in seinem Vorwort zu Marie Versinis Autobiographie »Ich war Winnetous Schwester« (2): »Im Kostüm einer indianischen Märchenprinzessin spielte Marie Versini eine junge Frau, die zwar scheu und schüchtern erscheint, aber beharrlich ihr Ziel verfolgt. Sie ist voller Energie, reitet besser als ein Mann... Noch vor der Erfindung des Wortes Emanzipation verschafft sie sich dort Zutritt, wo nur Männer etwas zu sagen haben...«

Karl May schuf keine sozilogische Studie über die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Er kreierte Romane, die Millionen von Menschen träumen lassen. Seine Nscho-tschi berührt seit Generationen die Herzen seiner Leserinnen und Leser. Und Marie Versini ist die perfekte Verkörperung dieser Traumfee, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Nscho-tschi ist die ideale, perfekte Amazone: hochintelligent, selbstbewusst und nicht überheblich, feminin und stark, romantisch und realistisch. Nscho-tschi ist weich und hart zugleich. Jeder Mensch hat etwas von Nscho-tschi in sich, man muss es nur entdecken... und zulassen! Doch in einer immer kälter werdenden Gesellschaft kommen die menschlichen Seiten Nscho-tschis viel zu selten zum Zuge. Unserer Gesellschaft wäre geholfen, würde es mehr Menschen wie die stolze Schwester Winnetous geben. Ihre Selbstlosigkeit würde der Kälte des Egoismus entgegenwirken. Um so sanft wie Nscho-tschi sein zu können, bedarf es auch ihrer Stärke.

Marie Versinis offizielle Homepage ist unbedingt einen Besuch wert:
http://www.marie-versini.de/

Zitate:1) Karl May: »Winnetou I/ Reiseerzählung«, Historisch-Kritische Ausgabe für die Karl-May-Gedächtnisstiftung«, herausgegeben von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger, Abteilung IV, Band 12, Zürich 1990, S. 268

2) Versini, Marie: »Ich war Winnetous Schwester
/ Bilder und Geschichten einer Karriere«, Karl-May-Verlag, Bamberg und Radebeul, 2003, S.6

Das Bild von Marie Versini in ihrer Glanzrolle als Winnetous Schwester Nscho-tschi wurde uns freundlicherweise von Rechteinhaber Elmar Elbs zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!


Winnetou's Sister and I

Marie Versini
(by Marlies Bugmann)

I first heard that lovely French name when I watched Winnetou’s sister ride side by side with Winnetou and Old Shatterhand across the wide silver screen, sometime during the early 1960s. Since then, I’ve watched the beautiful ‘Apache maiden’ countless times fall in love with Old Shatterhand, the white adventurer in Karl May’s Wild West.

Of course, Marie Versini, the accomplished and very charming French actress has not only played several female roles in movies adapted from May’s novels, but has also acted in a long list of wonderful stage plays, movies and television productions throughout her successful acting career.

As I translate Karl May’s novels into English, I become very closely acquainted with the characters in his works and, consequently, also get to know more of the actors and actresses who played, and still play, those roles, which is especially delightful to me when I find that my childhood heroes and heroines continue to honour Karl May’s world in the way Marie Versini does.

To me, Marie Versini HAS become Nsho-Chi, Winnetou’s sister. By following her own dreams, asking ‘what if’ and developing an alternative world to Karl May’s, whereby Nsho-Chi has lived on and given life to a daughter, Versini is connecting a new generation to Karl May’s spirit.
In my view, Versini’s two recent novels, co-authored by her husband, author and director, Pierre Viallet, Rätsel um N.T ('Riddles About N.T.'), and N.T. geht zum Film ('N.T. Goes To The Movies'), are a delightful new concept with which Karl May’s world and the people he populated it with have found new life. To my admiration for the actress Marie Versini has been added an even deeper respect for the writer Marie Versini as the trials and tribulations of giving life to a book are not only a rewarding, but, above all, also a challenging way of life.

Marie Versini, Winnetou’s sister, continues to play a very important role in my life. She stepped into the guise of the Apache maiden and has, thus, helped to draw me into the world of Karl May as a teenager; forty-something years later, Marie Versini is still enriching my life—by having remained Winnetou’s sister.

Marlies Bugmann, Hobart, Tasmania, November, 2009
Please visit Marlies Bugmann here...
Australian Friends of Karl May http://www.karl-may-friends.net/


The picture of Marie Versini was given to us with friendly permission of the owner, Mr. Elmar Elbs. Thank you very much!

Winnetous Schwester und ich

Marlies Bugmann über Marie Versini
(Übersetzung von Walter-Jörg Langbein)

Marie Versini, diesen eleganten französischen Namen hörte ich zum ersten Mal, als ich irgendwann in den 1960ern Winnetous Schwester Seite an Seite mit Winnetou und Old Shatterhand über die Kinoleinwand reiten sah. Seit damals habe ich immer wieder miterlebt, wie sich die wunderschöne »junge Maid« aus dem Stamme der Apachen in Old Shatterhand, den weißen Abenteurer im Wilden Westen Karl Mays, verliebte.

Natürlich hat Marie Versini, die vielbegabte und charmante französische Schauspielerin, nicht nur einige Frauenrollen in Filmen nach Karl May Romanen gespielt. Sie ist vielmehr im Verlauf ihrer erfolgreichen Karriere als Schauspielerin in einer langen Reihe von wundervollen Bühnenstücken, Kinofilmen und Fernsehproduktion aufgetreten.

Während ich Karl Mays Romane ins Englische übersetze, werde ich mit den Charakteren in seinen Werken eng vertraut. Konsequenter Weise erfahre ich auch mehr über die Schauspieler und Schauspielerinnen, die diese Rollen spielten und immer noch verkörpern. Es ist für mich in ganz besonderen Maße erfreulich, dass die Heldinnen und Helden meiner Kindheit nach wie vor Karl Mays Welt und Werk ehren, so wie dies Marie Versini tut.

Für mich IST Marie Versini Nscho-tschi, Winnetous Schwester, geworden. Marie Versini bringt den Geist Karl Mays einer neuen Generation nahe: indem sie ihren eigenen Träumen folgt, indem sie fragt »Was wäre wenn...« und eine alternative Welt zu der Karl Mays schafft. In dieser Welt lebt Nscho-tschi weiter und hat einer Tochter das Leben geschenkt.

Marie Versini hat unlängst zwei Romane geschrieben, gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Regisseur Pierre Viallet: »Rätsel um N.T (Nscho-tschi)« und »N.T. geht zum Film«. In meinen Augen sind diese Werke ein reizendes neues Konzept, welches sie entwickelt hat, womit Karl Mays Welt und die Menschen, mit der er sie bevölkerte, zu neuem Leben erweckt wurden. Zu meiner Bewunderung für die Schauspielerin Marie Versini kam ein noch tieferer Respekt – für die Schriftstellerin Marie Versini, sind doch die Mühen und Plagen, die es mit sich bringt, ein Buch zu schaffen, Belohnung und Herausforderung zugleich.

Marie Versini, Winnetous Schwester, spielt nach wie vor eine wichtige Rolle in meinem Leben. Sie nahm die Gestalt der jungen Apachin an und hat so dazu beigetragen, mich – als ich ein Teenager war – in die Welt Karl Mays zu ziehen. Mehr als 40 Jahre später bereichert Marie Versini nach wie vor mein Leben: indem sie Winnetous Schwester geblieben ist.
Marlies Bugmann, Hobart, Tasmanien, November 2009
Besuchen Sie doch Marlies Bugmann hier...
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Das Bild von Marie Versini wurden uns freundlicherweise vom Rechteinhaber, Herrn Elmar Elbs, zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!


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