Wenn
je eine von Karl Mays Fantasiegestalten im Film lebendig wurde... dann
Nscho-tschi, Winnetous Schwester. Marie Versini verkörperte im Film (»Winnetou I«
und »Winnetou und sein Freund Old Firehand«) die schöne Indianerin in
idealer Weise ... Sie war glaubhaft. Marie Versini war Nscho-tschi.
Geradezu schwärmerisch beschreibt Karl May die junge Frau (1): Sie »war
schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiss in jedem
Salon Bewunderung erregt... Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem
langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen
Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte.«
Karl Mays »Alter Ego« spart nicht mit Komplimenten (2): »›Nscho-tschi
ist dein Name?‹ sagte ich. ›Ja.‹ - ›So danke dem, der ihn dir gegeben
hat. Du konntest keinen passenderen bekommen, denn du bist wie ein
schöner Frühlingstag, an welchem die ersten Blumen des Jahres zu duften
beginnen.‹«
Karl Mays Romanwelt wird von starken Männern dominiert: im Orient ebenso
wie im »Wilden Westen«. Mit Nscho-tschi schuf aber Karl May eine
Gestalt, die so ganz und gar nicht in seine Zeit passte. Gewiss,
Nscho-tschi pflegte den schwer verwundeten Old Shatterhand aufopfernd.
Gewiss, Nscho-tschi verliebte sich in den Mann aus dem fernen Europa.
Nscho-tschi war aber nicht ein hübsches Heimchen am Herd, sondern eine
Gleichberechtigte in einer »Männerwelt«. Sie ritt mit den Kriegern,
beherrschte den Umgang mit den Waffen wie die besten Krieger, war an den
bedeutsamsten Entscheidungen beteiligt und diskutierte lebenswichtige
Fragen.
Nscho-tschi erweist sich Old Shatterhand sogar überlegen: Karl Mays
»Alter Ego«, der Europäer, vertritt mit einem Hauch von Arroganz das
»überlegene Abendland«. Nscho-tschi aber macht ihm klar, dass die
vermeintlichen »Wilden« Amerikas oftmals kultivierter als die
»zivilisierten« Europäer und weißen Nordamerikaner sind.
Marie Versini spielte schon als kleines Mädchen Nscho-tschi... die sie
als junge Frau im Film verkörperte. Gewiss, es gab Zeiten, da war Marie
Versini nicht so glücklich, von ihren Fans nur als Nscho-tschi gesehen
zu werden. Im Exklusiv-Interview für »Ein Buch lesen«
sagte sie: »Das hat mich vor einigen Jahren schon ein bisschen
geärgert. Schließlich habe ich ja noch viel mehr gespielt... auf der
Bühne fast acht Jahre in der ›Comédie française‹ in Paris wo ich den
klassischen Part der Naiven gespielt habe, von Molière bis zu
Shakespeare. Und ich habe viele andere Filme gedreht wie zum Beispiel
›Zwei Städte‹ mit Dirk Bogarde, ›Paris Blues‹ mit Paul Newman und Luis
Armstrong, ›Junge mach dein Testament‹ mit Eddie Constantine, ›Brennt
Paris?‹ mit Jean Paul Belmondo, Alain Delon, Gert Fröbe, etc...«
Marie Versini weiter: »Später wurde mir bewusst: Es war eine große
Chance mit einem Charakter identifiziert zu werden. In dieser Zeit, die
so ein kurzes Gedächtnis hat, und so viele und vieles vergisst - da ist
es schön, Nscho-tschi zu sein. Aber ich bin nicht nur Nscho-tschi...«
Es stimmt: Marie Versini triumphierte schon mit 17 (sie ist Jahrgang
1940) als jüngstes Mitglied der »Comédie Francaise« in Paris. Sie war
die Cosette in Victor Hugos »Les Misérables«, die Agnés in Molieréres
»L’Ecole des femmes« und Julia in Shakespeares »Romeo und Julia«, um nur
einige ihrer großen Bühnenrollen zu nennen.
Sie stand – um einige ihrer prominenten Kollegen zu erwähnen – mit Louis
Armstrong, Paul Belmondo, Dirk Bogarde, Eddi Constantine, Alain Delon,
Gert Fröbe, Curd Jürgens und Christopher Lee vor der Kamera.
Vor mehr als 40 Jahren engagierte der französische Regisseur Pierre
Viallet Marie Versini für die Rolle der Pianistin Clara Schumann. Marie
Versini verliebte sich bei den Dreharbeiten in Pierre Viallet.. Die
beiden heirateten. Kein Wunder, dass Clara Schumann neben Nscho-tschi
ihre liebste Rolle ist!
In die Herzen von Millionen von Zuschauern hat sich Marie Versini als Nscho-tschi gespielt.
Karl-May-Leser wissen: Die blutjunge Nscho-tschi wurde vom Unhold Santer
feige ermordet. Marie Versini aber lässt die edle Indianerin weiter
leben... in ihren vorzüglichen Büchern »Rätsel um N.T.« und »N.T. geht zum Film«. Wer mehr über das Leben von Marie Versini erfahren möchte, lese ihr Buch »Ich war Winnetous Schwester«.
Zu Marie Versinis heutigem Geburtstag gratuliere ich, auch im Namen von »Ein Buch lesen«,
von ganzem Herzen!
Liebe Marie, alles, alles Liebe und Gute Zum Geburtstag....
und überhaupt!
Und herzlichen Dank für Deine Nscho-tschi.
Ich bin sicher: Karl May hätte Dich lieb gewonnen!
Herzlichen Glückwunsch zum 77.!
Walter-Jörg Langbein
Wenn je eine von Karl Mays Fantasiegestalten im Film lebendig wurde... dann Nscho-tschi, Winnetous Schwester. Marie Versini verkörperte im Film (»Winnetou I« und »Winnetou und sein Freund Old Firehand«) die schöne Indianerin in idealer Weise ... Sie war glaubhaft. Marie Versini war Nscho-tschi.
Geradezu schwärmerisch beschreibt Karl May die junge Frau (1): Sie »war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiss in jedem Salon Bewunderung erregt... Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte.«
Karl Mays »Alter Ego« spart nicht mit Komplimenten (2): »›Nscho-tschi ist dein Name?‹ sagte ich. ›Ja.‹ - ›So danke dem, der ihn dir gegeben hat. Du konntest keinen passenderen bekommen, denn du bist wie ein schöner Frühlingstag, an welchem die ersten Blumen des Jahres zu duften beginnen.‹«
Karl Mays Romanwelt wird von starken Männern dominiert: im Orient ebenso wie im »Wilden Westen«. Mit Nscho-tschi schuf aber Karl May eine Gestalt, die so ganz und gar nicht in seine Zeit passte. Gewiss, Nscho-tschi pflegte den schwer verwundeten Old Shatterhand aufopfernd. Gewiss, Nscho-tschi verliebte sich in den Mann aus dem fernen Europa. Nscho-tschi war aber nicht ein hübsches Heimchen am Herd, sondern eine Gleichberechtigte in einer »Männerwelt«. Sie ritt mit den Kriegern, beherrschte den Umgang mit den Waffen wie die besten Krieger, war an den bedeutsamsten Entscheidungen beteiligt und diskutierte lebenswichtige Fragen.
Nscho-tschi erweist sich Old Shatterhand sogar überlegen: Karl Mays »Alter Ego«, der Europäer, vertritt mit einem Hauch von Arroganz das »überlegene Abendland«. Nscho-tschi aber macht ihm klar, dass die vermeintlichen »Wilden« Amerikas oftmals kultivierter als die »zivilisierten« Europäer und weißen Nordamerikaner sind.
Marie Versini spielte schon als kleines Mädchen Nscho-tschi... die sie als junge Frau im Film verkörperte. Gewiss, es gab Zeiten, da war Marie Versini nicht so glücklich, von ihren Fans nur als Nscho-tschi gesehen zu werden. Im Exklusiv-Interview für »Ein Buch lesen« sagte sie: »Das hat mich vor einigen Jahren schon ein bisschen geärgert. Schließlich habe ich ja noch viel mehr gespielt... auf der Bühne fast acht Jahre in der ›Comédie française‹ in Paris wo ich den klassischen Part der Naiven gespielt habe, von Molière bis zu Shakespeare. Und ich habe viele andere Filme gedreht wie zum Beispiel ›Zwei Städte‹ mit Dirk Bogarde, ›Paris Blues‹ mit Paul Newman und Luis Armstrong, ›Junge mach dein Testament‹ mit Eddie Constantine, ›Brennt Paris?‹ mit Jean Paul Belmondo, Alain Delon, Gert Fröbe, etc...«
Marie Versini weiter: »Später wurde mir bewusst: Es war eine große Chance mit einem Charakter identifiziert zu werden. In dieser Zeit, die so ein kurzes Gedächtnis hat, und so viele und vieles vergisst - da ist es schön, Nscho-tschi zu sein. Aber ich bin nicht nur Nscho-tschi...«
Es stimmt: Marie Versini triumphierte schon mit 17 (sie ist Jahrgang 1940) als jüngstes Mitglied der »Comédie Francaise« in Paris. Sie war die Cosette in Victor Hugos »Les Misérables«, die Agnés in Molieréres »L’Ecole des femmes« und Julia in Shakespeares »Romeo und Julia«, um nur einige ihrer großen Bühnenrollen zu nennen.
Sie stand – um einige ihrer prominenten Kollegen zu erwähnen – mit Louis Armstrong, Paul Belmondo, Dirk Bogarde, Eddi Constantine, Alain Delon, Gert Fröbe, Curd Jürgens und Christopher Lee vor der Kamera.
Vor mehr als 40 Jahren engagierte der französische Regisseur Pierre Viallet Marie Versini für die Rolle der Pianistin Clara Schumann. Marie Versini verliebte sich bei den Dreharbeiten in Pierre Viallet.. Die beiden heirateten. Kein Wunder, dass Clara Schumann neben Nscho-tschi ihre liebste Rolle ist!
In die Herzen von Millionen von Zuschauern hat sich Marie Versini als Nscho-tschi gespielt.
Karl-May-Leser wissen: Die blutjunge Nscho-tschi wurde vom Unhold Santer feige ermordet. Marie Versini aber lässt die edle Indianerin weiter leben... in ihren vorzüglichen Büchern »Rätsel um N.T.« und »N.T. geht zum Film«. Wer mehr über das Leben von Marie Versini erfahren möchte, lese ihr Buch »Ich war Winnetous Schwester«.
Zu Marie Versinis heutigem Geburtstag gratuliere ich, auch im Namen von »Ein Buch lesen«,
von ganzem Herzen!
Liebe Marie, alles, alles Liebe und Gute Zum Geburtstag....
und überhaupt!
Und herzlichen Dank für Deine Nscho-tschi.
Ich bin sicher: Karl May hätte Dich lieb gewonnen!
Walter-Jörg Langbein: Du bist durch Karl Mays Nscho-tschi weltberühmt geworden. Hast Du schon vorher – als Kind vielleicht – Karl May gelesen?
Marie Versini: Nein, als Kind habe ich nicht Karl May gelesen. Karl May war damals noch gar nicht ins Französische übersetzt. Aber mein Vater, der ein großer Germanist war, hat Karl May in Deutschland entdeckt. Er fand seine Bücher wunderbar, so wie die wie von unserem Jules Verne.
Mein Vater hat mir immer, als ich Kind war, Karl-May-Geschichten vor dem Einschlafen erzählt: die Liebesgeschichte zwischen Old Shatterhand und Nscho-tschi, die Geschichte von der Blutsbruderschaft von Winnetou und Old Shatterhand und viele mehr...
Walter-Jörg Langbein: Hat sich Dein Verständnis von Karl May durch Nscho-tschi verändert?
Marie Versini: Ja natürlich. Bevor ich »Winnetou« gedreht habe, das Buch war inzwischen von Flamarion ins Französische übersetzt worden, habe ich es sofort gelesen. Es ist immer wunderbar für einen Schauspieler seine Rolle in einem Roman zu finden. Es gibt so vieles, was der Schriftsteller über den Charakter der einzelnen Personen aussagt. Aber meine Vorstellung von Nscho-tschi hatte ich schon als Kind. Sie war immer da, im »Background«.
Seit ich sieben Jahre alt war, wollte ich diese Rolle spielen. Und mein Traum ist Wirklichkeit geworden! Die Drehzeit in Kroatien mit Lex Barker und Pierre Brice war auch ein Traum. Ich habe nie gedacht, daß der Erfolg dieser Film so groß sein würde! Und der Erfolg hängt bis heute an!
Walter-Jörg Langbein: Hast Du als Kind gern gelesen?
Marie Versini: Ja sehr gern. Und ich tue es immer noch! Ich lese viel... mit Vergnügen.
Walter-Jörg Langbein: Welches Buch liest Du gerade?
Marie Versini: Ich lese Montaigne. Es gibt alles in den Werken von Montaigne. Man kann sie immer wieder und wieder lesen! Ich lese auch »Montaigne« von Stefan Zweig... den liebe ich sehr.
Walter-Jörg Langbein: Du schreibst selbst Bücher. Was bedeutet für Dich, Autorin zu sein?
Marie Versini: Mein Mann Pierre Viallet ist Regisseur und Schriftsteller. Er hat 13 Romane geschrieben. Sie liegen in Übersetzungen vor, in den USA (Ballantines-Books, New-York) und in Deutschland (Zsolnay und Rowohlt). Durch ihn habe ich einen neuen Weg gefunden, um mich auszudrucken. Schauspielen und Schreiben, das ist ungefähr dasselbe. Schreiben hat aber einen Vorteil. Du kannst schreiben wann du willst und wo du willst. Du bist beim Schreiben vollkommen frei, von niemandem abhängig.
Walter-Jörg Langbein: Was darf ein Schriftsteller oder was darf er nicht?
Marie Versini: Ein Schriftsteller darf alles. Er erfindet - das ist sein Beruf. Und indem er sich Dinge ausdenkt, bringt er uns zum Träumen.
Walter-Jörg Langbein: Wirst Du noch mehr Bücher schreiben?
Marie Versini: Klar.
Walter-Jörg Langbein: Viele Menschen sehen Dich immer noch als Nscho-tschi. Ärgert Dich das? Du hast ja noch weitere wichtige Filme gemacht!
Marie Versini: Das hat mich vor einigen Jahren schon ein bisschen geärgert. Schließlich habe ich ja noch viel mehr gespielt... auf der Bühne fast acht Jahre in der »Comédie française« in Paris wo ich den klassischen Part der Naiven gespielt habe, von Molière bis zu Shakespeare. Und ich habe viele andere Filme gedreht wie zum Beispiel »Zwei Städte« mit Dirk Bogarde, »Paris Blues« mit Paul Newman und Luis Armstrong, »Junge mach dein Testament« mit Eddie Constantine, »Brennt Paris?« mit Jean Paul Belmondo, Alain Delon, Gert Fröbe, etc...
Später wurde mir bewusst: Es war eine große Chance mit einem Charakter identifiziert zu werden. In dieser Zeit, die so ein kurzes Gedächtnis hat, und so viele und vieles vergisst - da ist es schön, Nscho-tschi zu sein. Aber ich bin nicht nur Nscho-tschi...
Walter-Jörg Langbein: Welcher war Dein wichtigster Film... nach den Karl May Filmen?
Marie Versini: »Kennwort Reiher« mit Peter van Eyck, »Liebesnächte in der Taiga« mit Thomas Hunter und »Ach Pierre« mit Curd Jürgens, Regie hat mein Mann Pierre Viallet geführt.
»Jeder kleine deutsche Junge wächst mit Winnetou, dem stolzen Häuptling der Apachen, auf oder mit Chingachgook, genauso wie mit Nscho-tschi und Ribanna, Helden wie Klehkih-petra, Old Shatterhand ...« schreibt John Asht in seinem opulenten Roman »Twin-Pryx« (1).
In der Tat: Karl May hat schon vor rund 150 Jahren Fantasiegestalten geschaffen, die für mehrere Generationen von Leserinnen und Lesern höchst real waren. Es scheint so, dass auch Karl May selbst manchmal nicht zwischen Realität und Fantasie unterscheiden konnte. Der berühmte Bestsellerautor aus Sachsen wuchs unter ärmlichsten Verhältnissen in einer Familie von Webern auf, in beengtesten Verhältnissen und ohne Aussicht auf ein Leben ohne Not. Karl May geriet auf die schiefe Bahn, beging einige in der Regel harmlosere Delikte ... und wurde drakonisch bestraft. Jahrelang saß er in Haftanstalten ... und sehnte sich nach Freiheit und Gerechtigkeit.
Noch in Haft entwickelte Karl May Konzepte für künftige Werke. Kaum in Freiheit schuf er sein alter ego, Old Shatterhand, der mit Winnetou durch die Weiten des Wilden Westens reitet ... Karl May kreierte eine Welt ohne Grenzen. Er trat in seinen Fantasien als Kämpfer für Rechtlose und Unterdrückte auf ... eine Art Superman des Wilden Westens. Karl May wurde in seinen Werken vom von der Justiz Verfolgten zur personifizierten Gerechtigkeit.
Karl May als
Kara Ben Nemsi
Karl May schuf so mit Old Shatterhand einen Helden, der die Enge der kleinbürgerlichen Realität verlässt und in den USA frei (wie nur ein Westmann sein kann) heroisch für Gerechtigkeit sorgt, zusammen mit seinem Blutsbruder Winnetou. Old Shatterhand war für unzählige Jugendliche mehrerer, ja inzwischen vieler Generationen die Idealgestalt, die sie selbst gern gewesen wären. Eingeengt durch bürgerliche Zwänge schulischer und elterlicher Bevormundung, durch Ohnmacht gegenüber den oft als ungerecht empfundenen Erwachsenen, ritt so mancher Jugendlicher als Old Shatterhand neben Winnetou von Abenteuer zu Abenteuer ... in seinen Träumen, in einer Welt, die so viel schöner war als die oft graue Wirklichkeit.
Es fällt auf, dass Old Shatterhand von alten Westmännern gern unterschätzt und als Greenhorn belächelt, ja verlacht wird. Aber dann erweist sich der Verkannte immer wieder als allen überlegener Held, der vermeintliche Autoritätspersonen »alt aussehen« lässt.
Karl May erträumte sich ein alter ego ... so wie seine zahllosen jugendlichen und junggebliebenen Leser. Karl May kreierte aber auch für Leserinnen eine bewundernswerte Gestalt, mit der sie sich identifizieren konnten: Nscho-tschi, Winnetous wunderschöne Schwester. Während in der deutschen Realität der Frau die Rolle als gehorsames Heimchen am Herd zugeordnet wird, ist Karl Mays Fantasiegestalt Nscho-tschi im »Wilden Westen« eine erstaunlich emanzipierte, selbstbewusste Indianerin. Nscho-tschi (»Schöner Tag«) bewegt sich im Kreise ihres Stammes selbstbewusst und stolz. Sie trifft selbst Entscheidungen und lässt nicht über sich bestimmen. Sie schwingt sich aufs Pferd und reitet wie eine Amazone. Wenn je einer von Karl May geschaffenen Gestalt im Film Gerechtigkeit widerfahren ist ... dann Nscho-tschi, dargestellt von der schönen Marie Versini! Wenn je Karl May in einer Verfilmung seiner Werke eine von ihm erfundene Gestalt wiedererkennen würde ... dann ist das Marie Versini als Nscho-tschi, die schöne Schwester Winnetous!
Marie Versini als die
schöne Nscho-tschi
Foto: Elmar Elbs
Im Film hat man Karl Mays Bild von Winnetous Schwester in glaubhafte Bilder umgesetzt. Lesen wir nach, wie Karl May die junge Frau beschreibt(2): Sie »war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiss in jedem Salon Bewunderung erregt ... Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte.«
Karl Mays Old Shatterhand scheint sich nach und nach in die schöne Indianerin zu verlieben. Er spart nicht mit poetischen Komplimenten. Das deutet ein Dialog zwischen dem Mann mit der Schmetterfaust und der schönen Schwester Winnetous zart an (3): »›Nscho-tschi ist dein Name?‹ sagte ich. ›Ja.‹ - ›So danke dem, der ihn dir gegeben hat. Du konntest keinen passenderen bekommen, denn du bist wie ein schöner Frühlingstag, an welchem die ersten Blumen des Jahres zu duften beginnen.‹«
Karl May wird gern vorgeworfen, dass seine Romanwelt vor allem von starken Männern bestimmt wird: sowohl im Orient wie auch im »Wilden Westen«. Das trifft auch weitestgehend zu. Man bedenke aber, dass Karl May ein Kind des ausgehenden 20. Jahrhunderts war, das nicht gerade vom Gedanken der Gleichberechtigung geprägt war. Vor diesem Hintergrund mutet Karl Mays Nscho-tschi geradezu revolutionär ein. Seine anmutige Heldin passt so ganz und gar nicht in Karl Mays Zeit.
Gewiss, Nscho-tschi pflegt – ganz fürsorgliche Frau – den schwer verwundeten Old Shatterhand selbstlos und aufopfernd. Gewiss, Nscho-tschi verliebt sich – ganz Frau –in den Helden aus dem fernen Europa. Aber sie unterwirft sich eben nicht dem Mann. Sie lässt sich nicht von den Männern ihres Stammes herumkommandieren. Sie ist und bleibt stets selbstbewusst, sie versteht den Umgang mit Waffen wie die Besten der wackeren Krieger. Sie diskutiert mit den Männern wichtige Fragen, sie wird an Entscheidungen beteiligt ... als Gleichberechtigte.
Historische Aufnahme:
Karl May als
Old Shatterhand
Karl May geht sehr geschickt vor. Er gibt sich als Old Shatterhand als Macho vom alten Schlag, geradezu überheblich und arrogant. Und muss dann im Gespräch mit Nscho-tschi klein beigeben! Und so entsteht ein für Karl Mays Zeit wirklich revolutionäres Bild vom Indianer und vom Weißen. Der vermeintlich »Wilde«, die verachtete »Rothaut« erweist sich als zivilisiert, der vermeintlich überlegene Mensch der ach so zivilisierten Welt als der eigentliche Rohling und Barbar!
Karl Mays Sympathien gelten der indianischen Kultur, die seiner Überzeugung nach freilich dem Untergang geweiht ist ... so wie Nscho-tschi vom Unhold Santer hinterrücks ermordet wird. Selbstkritisch geht Karl May mit der eigenen Kultur ins Gericht.
Immer wieder wetterten selbsternannte Volkserzieher gegen Karl May als vermeintlichen Schundliteraten. Tatsächlich aber bekämpfte Karl May Rassismus und überheblichen Dünkel gegenüber vermeintlich »primitiven« Völkern weitaus wirkungsvoller als jedes wissenschaftliche Traktat, als jedes Werk der so verehrten hehren Literatur. Karl May berührte ... und berührt die Herzen seiner Leserinnen und Leser ... und das seit Generationen!
Keine Frage: Karl May machte – speziell in seinen Fortsetzungsromanen – Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack. Immer wieder erweist sich – und wer wollte dem großen Sachsen das zum Vorwurf machen – Karl May als Kind seiner Zeit. Wer aber sucht, der findet immer wieder bemerkenswerte Perlen.. Zitate, die heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, leider immer noch brandaktuell sind.
So schreibt May in »Old Surehand 3« (4): »Geht mir mit einer Civilisation, die sich nur von Länderraub ernährt und nur im Blute watet! Wir wollen da gar nicht nur von der roten Rasse reden, o nein. Schaut in alle Erdteile, mögen sie heißen wie sie wollen! Wird da nicht überall und allerwärts grad von den Civilisiertesten der Civilisierten ein fortgesetzter Raub, ein gewaltthätiger Länderdiebstahl ausgeführt, durch welche Reiche gestürzt, Nationen vernichtet und Millionen und Abermillionen von Menschen um ihre angestammten Rechte betrogen werden? … Wenn Ihr ein guter Mensch seid, und der wollt Ihr doch gewiß wohl sein, so dürft Ihr Euer Urteil nicht nach der Ansicht der Eroberer richten, sondern nach den Meinungen und Gefühlen der Besiegten, der Unterdrückten und Unterjochten.«
1: Asht, John: »Twin Pryx - Zwillingsbrut«, Erlangen, 1. Auflage 2011, S. 80 2: Karl May: »Winnetou I/ Reiseerzählung«, »Historisch-Kritische Ausgabe für die Karl-May-Gedächtnisstiftung«, herausgegeben von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger, Abteilung IV, Band 12, Zürich 1990, S. 268 3: ebenda, S. 270 4 May, Karl: »Old Surehand 3«, eBook, Position 1742 von 8030
Rudolf Lebius (1868-1946) schrieb Artikel für die SPD-Parteizeitung »Vorwärts«.
Verleumderische »Berichte« brachten ihm Gefängnisstrafen ein. Lebius wechselte Jahre später seine politische »Überzeugung« ... wanderte von links nach rechts. Er wetterte gegen SPD und Gewerkschaften und gab – dank einer Erbschaft war ihm das möglich – nationalsozialistisch-rechtsradikale Blätter heraus, die allerdings bald wieder eingestellt werden mussten. 1918 – 6 Jahre nach dem Tod Karl Mays – gründete Rudolf Lebius eine rechtsradikale Partei. Im Parteiprogramm standen der Kampf gegen das »Großkapital« und alles »Undeutsche«. Gefordert wurde ein striktes Aufnahmeverbot für Juden in den Staatsdienst. 1923 löste sich die Partei wieder auf.
Im Frühjahr 1904 schlug Lebius Karl May ein »Geschäft« vor: Er würde Propaganda für den Schriftsteller machen, wenn er dafür ein »Darlehen« eingeräumt bekäme. Karl May lehnte ab und reagierte auch nicht auf eine erpresserische Karte. Voller Wut startete Lebius nun eine wahre Hetzkampagne gegen Karl May. Seine Attacken basierten auf zweifelhaften Informationen von Mays erster Ehefrau und bösartigen Fantasien. Lebius sorgte für die Veröffentlichung abstrusester Verleumdungen. So machte er Karl May, der für seine eher harmlosen Delikten hart bestraft worden war, zum »Räuberhauptmann«.
Rudolf Lebius führte voller Hass geradezu einen Kreuzzug gegen Karl May. Er stellte ihn als gemeinen Unhold ohne Anstand und Moral dar. Karl May sei nicht nur ein arger Schwindler, sondern ein geborener Verbrecher. Somit sei er ein Verderber der Jugend. Genüsslich zerrte Lebius Mays Jahrzehnte zurückliegende Vorstrafen ans Licht der Öffentlichkeit. May sah sich genötigt, unzählige Prozesse gegen Rudolf Lebius zu führen. Die Gerichtsverhandlungen zerrten an den Nerven Mays, zerrütteten ohne Zweifel die Gesundheit des beliebten Schriftstellers. Es sollte Jahre dauern, bis Karl May vor Gericht Recht erhielt. So wurde die Verbreitung einer Broschüre, von Lebius verfasst, die uralte Gerichtsakten enthielt, am 13. Dezember 1910 verboten.
Karl-May-Autograph
Sammlung: Langbein
In einem privaten Brief an die Opernsängerin vom Scheidt bezeichnete Lebius Karl May als »geborenen Verbrecher«. Eine Klage Mays gegen Lebius wurde zunächst gerichtlich abgewiesen. Der Ausdruck »geborener Verbrecher« stelle als »wissenschaftlicher Terminus« keine Beleidigung dar. May ging in die Berufung. Am 18. Dezember 1911, wenige Monate vor Mays Tod, erhielt Karl May endlich Recht. Lebius wurde zu einer Geldstrafe von 100 Mark verurteilt: wegen Beleidigung. Noch einige Klagen gegen Lebius sollten vor Gericht entschieden werden. Sie wären mit großer Wahrscheinlichkeit zugunsten Mays ausgefallen. Doch Karl May verstarb am 30.März 1912 ...
Karl May war, was einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist, auch ein politischer Mensch. So stand er der berühmten österreichischen Schriftstellerin, der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843-1914) nahe. Bertha von Suttner darf als Begründerin der heutigen Friedensbewegung angesehen werden ... 1892 rief die Schriftstellerin – »Die Waffen nieder!« (1889) dürfte ihr wichtigstes Werk sein – mit Gesinnungsgenossen die »Deutsche Friedensgesellschaft« ins Leben. Für ihr Wirken erntete sie von Zeitgenossen heftigste Angriffe. Während deutsche Politiker schon bedenklich mit den Säbeln rasselten, setzte sie sich für Frieden und Völkerverständigung ein. Von Suttner wurde als »Friedensfurie« und »Judenbertha« tituliert. Bertha von Suttner sah in Karl May einen Gesinnungsgenossen. Mit Recht: So machte sie Karl May – vor dem Ersten Weltkrieg – für eine Aussöhnung mit dem vermeintlichen »Erzfeind« Frankreich stark.
Am 15. Oktober 1905 besuchte Karl May mit seiner Frau einen Vortrag Bertha von Suttners in Dresden. Am 17. Oktober 1905 schrieb Karl May der Baronin (1): »Wir saßen auf der ersten Reihe, Ihnen grad vis-a-vis. Denn wir wollten Ihnen so nahe wie möglich sein; wir hatten Sie noch nie gesehen, obgleich wir Ihr großes, segensreiches Wirken und auch alle Ihre Bücher kennen. Wir freuten uns unendlich über die Gelegenheit, Ihre weithin schallende, gewichtige Stimme, die uns bisher nur schriftlich erklungen war, nun auch in Wirklichkeit zu hören. Und wir hörten sie, bis zur tiefsten Erschütterung. Meine Frau, die Gute, weinte, und auch ich wehrte mich der Thränen nicht.«
Bertha von Suttner, 1896
Foto: Martin Maack
Heute ist in der Öffentlichkeit Karl Mays Nähe zur frühen Friedensbewegung so gut wie vergessen. Im »III. Reich« jedoch war sie für »echte Nationalsozialisten« Anlass genug, Karl May zu beschimpfen. So veröffentlichte Wilhelm Fronemann anno 1934 eine »Denkschrift« mit dem Titel »Karl May und die Jugend des Dritten Reiches« (2). Darin heiß es, Karl May sei ein »leidenschaftlicher Verfechter einer weitgehenden Rassenmischung aus ganz sentimentalen Menschlichkeitsgründen« sowie ein »Verteidiger eines verwaschenen Pazifismus« gewesen.
Weiter ist da zu lesen: »Haben wir nicht unsere Schülerbüchereien von Juden, Pazifisten, Marxisten und sonst allem Undeutschen gereinigt? ... Karl May paßt zum Nationalsozialismus wie die Faust aufs Auge!«
Wenige Tage vor Weihnachten 1910 stand es sehr schlecht um Karl Mays Gesundheit. Eine Lungenentzündung fesselte ihn ans Bett. Karl May, durch nervenaufreibende Prozesse geschwächt, stand dem Tode näher als dem Leben. Fast schon trotzig schleppte sich der Greis zu erschöpfenden Prozessterminen. Dreizehn Strafverfahren und drei Zivilprozesse im Jahre 1910 hatten deutliche Spuren hinterlassen. Erholt hat sich Karl May nicht mehr wirklich. Seinen 70. Geburtstag erlebte der greise Schriftsteller in »Villa Shatterhand«, (3) »körperlich vom Tode gezeichnet, geistig und seelisch aber in unverminderter Frische«.
Karl May in Wien,
22. März 1912
Foto: Archiv Karl
May Gesellschaft
Gegen ärztlichen Rat reist Karl May im Frühjahr 1912 nach Wien. Hier entsteht das wahrscheinlich letzte Foto von Karl May. Wir sehen Karl May, von Krankheit gezeichnet, vor einer Motordroschke stehen.
Am 22. März hält er auf Einladung Bertha von Suttners einen zweistündigen Vortrag über seine Friedensvorstellung. May-Biograf Hermann Wohlgeschaft (4): »Über Mays Begrüßung durch das Publikum hieß es in der Presse am folgenden Tag: ›Er wird jubelnd begrüßt, und da er sich linkisch, unbeholfen, sichtlich überrascht bedankt, wird der Beifall zehnfach stärker. Die Jungen erhoben sich von den Sitzen und grüßten den Mann, der ihnen den Winnetou schenkte.‹ ... Der Vortrag handelte über Mays Leben und Werk sowie den Entwicklungsgedanken und die Weltfriedensidee.«
Karl May erlebt in der Kindheit bitterste Not. Er wird straffällig, wird hart bestraft, sitzt wiederholt im Gefängnis. Das kaum Vorstellbare gelingt ihm: Aus dem Zuchthäusler wird ein viel schreibender Redakteur und schließlich ein erfolgreicher Buchautor ... der auflagenstärkste Autor deutscher Sprache.
Karl May erwirbt sich Ansehen und Reichtum, wird aber im Alter von seiner Vergangenheit eingeholt. Ein Erpresser initiiert eine Hetzkampagne. Unzählige Reporter zelebrieren genüsslich die Demontage Mays. Glanz und Elend bestimmen das Leben des Erfinders von Old Shatterhand, Winnetou, Kara Ben Nemsi, von Hadschi Halef Omar, von Old Surehand, Sam Hawkens und Nscho-tschi, von Ribanna, Lord Lidsay, Lord Castlepool, um nur einige Charaktere aus dem großen Kosmos des Karl May zu nennen.
Grabstätte May
Foto: Norbert Radtke
Und dann gibt es noch den »unbekannten« May, der im Alter der Friedensbewegung Bertha von Suttners nahesteht. Erschöpft von zahllosen Prozessen findet er wieder Anerkennung. Wenige Tage vor seinem Tod jubeln ihm Tausende zu. So wird Mays Leben zu einer Reise aus dem Elend in den Glanz und wieder zurück. Am Ende aber triumphiert Karl May dann doch.
Am 23. oder 24. März 1912 ist er wieder im heimischen Radebeul. Am 30. März 1912, dem Hochzeitstag mit seiner zweiten Frau Klara, plant der Schriftstelle noch einen Kuraufenthalt. Er bittet seine Frau, alles für eine Kur in die Wege zu leiten. Doch am Nachmittag verfällt er, so berichtete später Klara May, in ein »eigenartiges waches Träumen«. Um 19 Uhr legt er sich zur Ruhe. Gegen 20 Uhr richtet er sich plötzlich im Bett auf ... und sinkt ermattet und doch »mit verklärtem Ausdruck zurück«. Seine letzten Worte, so wird überliefert, sind »Sieg, großer Sieg, Rosen, rosenrot!«
Unterschriften Klara und Karl May
Karl May stirbt am Abend des 30. März 1912 ... vor einhundert Jahren! Auch hundert Jahre nach seinem Tod wird Karl May gelesen. Auch hundert Jahre nach seinem Tod kennt man den Namen des berühmten Sachsen. Den seines schlimmsten Widersachers hat man weitestgehend vergessen. Er ist nur noch Experten bekannt.
Karl Mays letzte
Ruhestätte, Friedhof
Radebeul Ost
Foto: Norbert Radtke
Fußnoten 1: Wohlgschaft, Hermann: »Karl May/ Leben und Werk«, Band 3, Bargfeld/ Celle 2005, S. 1605 Diese umfangreiche Biografie in drei Bänden sei jedem Karl-May-Freund wärmstens empfohlen. Wer sich fundiert über Karl May informieren möchte, kann auf die Lektüre des Standardwerks nicht verzichten! 2: Erich Heinemann, »Karl May paßt zum Nationalsozialismus wie die Faust aufs Auge«, Beitrag im Jahrbuch der »Karl-May-Gesellschaft«, Husum 1982 3: Wohlgschaft, Hermann: »Karl May/ Leben und Werk«, Band 3, Bargfeld/ Celle 2005, S. 1996 4: ebenda, S. 1997/98 5: ebenda, S. 2003
Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors Teil 3: Karl May, Marie und ich Walter-Jörg Langbein erscheint am 7.April 2012
Teil 1: Vom Zuchthäusler zum Bestsellerautor
Walter-Jörg Langbein
Hohenstein-Ernstthal
Geburtshaus Karl Mays
in Hohenstein-Ernsthal
um 1910 - Foto: Archiv
Karl May Gesellschaft
Karl May schien von seiner Geburt an zum Scheitern verurteilt. Dem Sohn einer bitterarmen Familie von sächsischen Webern sollte offenbar der Weg in ein bürgerliches Leben verwehrt bleiben. Die Versuche, aus unbeschreiblichem Elend auszubrechen, scheiterten immer wieder. Karl May wurde straffällig und wegen Lappalien zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Immer wieder schien sich zu bewahrheiten, was Hans Fallada in seinem Roman »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« beschreibt. Es schien auch für Karl May zu gelten: Wer einmal im Gefängnis saß, hat schlechte Karten ...
Wie Falladas Kufalt wird Karl May immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Zwickau (»Schloss Osterstein«) scheitert May erneut. Er hatte keine Chance auf Rehabilitation. Zaghafte Versuche, auf ehrliche Weise Geld zu verdienen, wurden von der guten, ehrbaren Gesellschaft nicht geduldet.
Am Rande ... Die Geschichte von »Schloss Osterstein« bietet Stoff für ein umfangreiches Werk ... Ursprünglich war es ein landesherrliches Residenzschloss, wurde dann zur Zuchtanstalt. Es verfiel zur Ruine. Der Zellentrakt musste abgerissen werden. 2006 begann der Wiederaufbau. 2008 öffnete die einstige Zuchtanstalt wieder ihre Tore ... als Senioren- und Seniorenpflegeheim ...
Wieder wird Karl May straffällig, wieder ist er als kleiner Gauner und Trickbetrüger unterwegs. Wieder schließen sich Gefängnismauern für Jahre hinter ihm. Als Karl May 1874 aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen wird, hat er eigentlich – wie Falladas Kufalt – keinerlei Zukunftsperspektive. Der nächste längere Zuchthausaufenthalt scheint schon vorprogrammiert zu sein. Und es sieht so aus, als reagiere Karl May auf seltsame Weise trotzig. Er glaubt, dass die Gesellschaft ihn nur als Kriminellen sehen will ... also will er kriminell sein. In Waldenheim aber kommt es zur Wende ...
Schloss Osterstein - Ruine
Osterstein - Foto oben:
Archiv Langbein,
Foto unten: André Karwath
Karl May fasst nach der Entlassung in der bürgerlichen Gesellschaft Fuß. Er beginnt zu schreiben: zunächst als Redakteur im Verlag von Heinrich Gotthold Münchmeyer und später beim Dresdner Verlag von Bruno Radelli. 1879 beginnt das eigentliche Leben des Karl May, der es zum reichen, meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache bringen sollte. Karl May verfasst Erzählungen, die unter verschiedensten Pseudonymen erscheinen. Fast wie besessen schreibt Karl May für Zeitschriften. Seine Texte erscheinen im »Deutschen Hausschatz«, werden im »Guten Kamerad« veröffentlicht.
Für Münchmeyer produziert May im Eiltempo Kolportageromane. »Das Waldröschen« wird von Hunderttausenden verschlungen. Mit 50 gelingt Karl May der Durchbruch. Friedrich Ernst Fehsenfeld ermöglicht es dem immer wieder vom Schicksal gebeutelten Sachsen, seine Erzählungen in Buchform zu publizieren. 1892 – vor 120 Jahren – startet die Serie »Carl May's Gesammelte Reiseromane«. 1896 wird die Erfolgsreihe in »Karl Mays's Gesammelte Reiseerzählungen« umbenannt. Karl May hat es geschafft ... aus dem armen Weberssohn, dem gescheiterten Lehrer und mehrfach Vorbestraften wird der hoch angesehene, geachtete, ja verehrte Bestsellerautor Karl May.
Noch 1879 war Karl May – zum letzten Mal – zu einer Arreststrafe von drei Wochen verurteilt worden ... wegen angeblicher »Amtsanmaßung«. Karl May hatte versucht zu klären, wie der Onkel seiner damaligen Verlobten Emma Pollmer ums Leben gekommen war. Der Sachverhalt ist klar: Am 25. April 1878 befragt Karl May Zeugen, behauptet, er sei »von der Regierung eingesetzt und etwas Höheres, wie der Staatsanwalt« (1). Karl May verstößt dabei allerdings nicht gegen das Gesetz. Er maßt sich keinen Titel an. Er gibt nicht vor, ein Amt auszuüben. Er deutet nur an, flößt Respekt ein. Man hält ihn für eine »hochgestellte Persönlichkeit«. So soll Karl May geäußert haben (2): »Wenn der Staatsanwalt nicht richtig gehandelt hat, lass ich ihn einstecken – zu was sind denn die Kerle da?!«
Karl May und seine zweite
Ehefrau Klara um 1904
Eine »Amtshandlung« hat Karl May nicht vorgenommen, somit hat er sich ganz eindeutig keiner »Amtsanmaßung« schuldig gemacht. Karl May wurde ganz klar Opfer eines Fehlurteils. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Karl May verbüßt seine Strafe, wird am 22. September um 19 Uhr (3) »dem Gerichtsamt vorgeführt, vor Rückfall gewarnt und entlassen«.
Karl May war seinen fiktiven alter egos Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi im wirklichen Leben nie so nahe wie in jenen Tagen des Jahres 1878, als er zu klären versuchte, unter welchen Umständen Emil Pollmer zu Tode gekommen war. Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi setzten sich in Karl Mays Fantasiewelt immer wieder für Recht und Ordnung ein. Wo Gesetzeshüter versagten, wo Verbrecher fern der Justiz ihr Unwesen treiben konnten ... da schritten Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, begleitet und unterstützt von Winnetou und Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, ein. Ob Nscho-tschi, von Marie Versini im Film ideal verkörpert, im realen Leben Karl Mays ein Vorbild aus Fleisch und Blut hatte?
In seiner Fantasie wurde Karl May, der im realen Leben zum »Kriminellen« abgestempelt worden war, zur heldenhaften Lichtgestalt, zum Heros, zum Superman des Wilden Westens und des Orients, der der Gerechtigkeit immer wieder zum Sieg verhalf.
Schreibend ließ Karl May seine Vergangenheit hinter sich, die allerdings den greisen Karl May wieder einholen sollte! Schreibend wurde aus dem von der Gesellschaft ausgestoßenen Karl May der geachtete, bewunderte und verehrte Volksschriftsteller Karl May. Schreibend schuf er sich ein Leben in Wohlstand. Der Sohn armer Webersleute wurde zum Wohlstandsbürger. 1891 zogen die Mays in der »Villa Agnes«, Radebeul, 1895 in »Villa Shatterhand«, Radebeul, ein.
Karl May im Kostüm
als Old Shatterhand
Schreibend schuf sich Karl May eine alternative Realität, in der sein Blutsbruder Winnetou und sein Gefährte Hadschi Halef Omar zu realen Personen wurden. Und schreibend wurde Karl May wirklich zu Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Berichtete er zunächst noch über die beiden Abenteurer in der dritten Person, so identifizierte er sich nach und nach immer stärker mit den fiktiven Gestalten. Karl May war dabei kein Hochstapler, vielmehr wusste er wohl manchmal selbst nicht mehr zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Im Roman bekam Old Shatterhand einen Namen ... aus dem anonymen Helden wird der Schriftsteller aus Germany Sharlih. Winnetou, der edle Häuptling der Apachen, nennt ihn so.
Millionen Fans folgten Karl May lesend ... und identifizierten sich ihrerseits mit den Helden Karl Mays. Unzählige Leserinnen und Leser träumten sich in eine Welt, in der sie – wie die Mayschen Helden – die Welt gerechter machen konnten. Sie wollten an die Wirklichkeit der schönen Welt Karl Mays glauben ... und der sächsische Schriftsteller machte es ihnen leicht. So ließ er die aus seinen Romanen bekannten Wundergewehre »Bärentöter«, »Silberbüchse« und »Henrystutzen« anfertigen. Und Karl May schlüpfte in Kostüme, ließ sich als »Old Shatterhand« und »Kara Ben Nemsi« fotografieren. So entstanden nicht nur Fotos von Karl May vor Wild-West- und Orientkulissen, auch Besucher Mays wurden kostümiert mit ihrem Helden im Bild festgehalten.
Villa Agnes - Foto X-Weinzar
Mit der wachsenden May-Begeisterung wuchs auch Mays Wohlstand. Jetzt konnte es sich der sächsische Schriftsteller leisten, luxuriös zu wohnen ... in Villen, nicht in Armenhäuschen ... und die Länder seiner Träume zu bereisen. 1899 und 1900 erkundete er den Orient. Zusammen mit seinem Diener Sejd Hassan kam er bis nach Sumatra. 1908 trat May, zusammen mit seiner Frau Klara, seine sorgfältig vorbereitete Amerikareise an. Von Bremerhaven ging's mit dem »Großen Kurfürst« nach New York, dann den Hudsonfluss hinauf nach Albany. Die Mays unternahmen Ausflüge, zu den Niagara-Fällen, aber auch in das Reservat der Tuscarora-Indianer und nach Toronto. Am 18. Oktober 1908 begeisterte Karl May in Lawrence, Massachusetts, mit einem Vortrag.
Emsig schrieb Karl May von seinen beiden Weltreisen Karten an Freunde, Zeitungsredaktionen und treue Leserinnen und Leser. Stolz ließ sich Karl May vor den Pyramiden Ägyptens wie vor den Niagarafällen ablichten. Der blinde Bub aus einer Weberfamilie war allen Widrigkeiten des Lebens zum Trotz am Ziel seiner Sehnsüchte angekommen ... Der Sachse mit der unerschöpflichen Phantasie war endlich angesehen und wohlhabend.
Und doch wird Karl May auf dem Zenit seines Erfolgs von seiner Vergangenheit eingeholt. Ein Erpresser will Karl May lobpreisen ... gegen Bezahlung. Karl May lehnt ab. Und der Erpresser versucht, mit allen Mitteln Karl Mays Namen in den Schmutz zu ziehen, den greisen Schrifsteller zu vernichten.
Karl May vor den
Niagarafällen
Rudolf Lebius (1868-1946) sucht im Frühjahr 1904 Karl May auf. Der Journalist bietet ein »Geschäft« an: Er will in Artikeln tüchtig für ihn werben, Karl May lobpreisen ... und erwartet als Gegenleistung ein »Darlehen«. Im September trifft bei Karl May eine anonyme Karte ein ... von Lebius verfasst. Er droht May mit Enthüllungen. Der Schriftsteller aber reagiert nicht. Und so beginnt Rudolf Lebius eine wahre Hetzkampagne gegen Karl May. Eine Flut von Prozessen ist die Folge, die Karl Mays Gesundheit – psychisch wie physisch – stark schädigen.
Fußnoten 1: Sudhoff, Dieter und Steinmetz, Hans-Dieter: »Karl-May-Chronik«, Band I, 1842-1896, Bamberg und Radebeul 2005, S. 235 unten und S. 236 oben 2: ebenda, S. 237 3: ebenda, S. 254
Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors
Teil 2: Zum 100. Todestag
Walter-Jörg Langbein
erscheint am 29. März 2012
Nscho-tschi – eine sanfte Amazone Walter-Jörg Langbein
Der »Wilde Westen« Karl Mays scheint von »richtigen Männern« dominiert zu werden. Winnetou und sein Blutsbruder Old Shatterhand sind mächtige Männer, stark, intelligent und gut. Bedient also Karl May alte Klischeevorstellungen, die nicht mehr in unsere Zeit passen?
In ein antiquiertes Weltbild von heroisch kämpfenden Männern und Frauen, die vor allem nur schön zu sein haben, scheint Nscho-tschi (»Schöner Tag«) zu passen. Karl May beschreibt die junge Schwester Winnetous so (1): Sie »war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiss in jedem Salon Bewunderung erregt... Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte.«
Gewiss, die wunderschöne Nscho-tschi pflegt in rührender Weise den schwer verwundeten Old Shatterhand gesund. Und sie verliebt sich in den heroischen Blutsbruder Winnetous. Aber »Schöner Tag« diskutiert auch mit Old Shatterhand über die Unterschiede zwischen den christlichen Frauen der westlichen Zivilisation und den indianischen Squaws des »Wilden Westens«. Old Shatterhand vertritt die westlich-europäische Position, die besseren Argumente legt Karl May aber Nscho-tschi in den Mund. Sie lässt weder eine Überlegenheit der Frau, noch der Wissenschaftler der »zivilisierten Welt« gelten. Bei Licht betrachtet... erscheinen die ach so kultivierten Menschen der alten Welt als die eigentlichen »Wilden«.
Nscho-tschi ist nicht nur sehr attraktiv und höchst intelligent. Sie ist auch selbstbewusst und bewegt sich als Gleichberechtigte in der Welt der Männer.
Völlig zutreffend schreibt Michael Pezel in seinem Vorwort zu Marie Versinis Autobiographie »Ich war Winnetous Schwester« (2): »Im Kostüm einer indianischen Märchenprinzessin spielte Marie Versini eine junge Frau, die zwar scheu und schüchtern erscheint, aber beharrlich ihr Ziel verfolgt. Sie ist voller Energie, reitet besser als ein Mann... Noch vor der Erfindung des Wortes Emanzipation verschafft sie sich dort Zutritt, wo nur Männer etwas zu sagen haben...«
Karl May schuf keine sozilogische Studie über die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Er kreierte Romane, die Millionen von Menschen träumen lassen. Seine Nscho-tschi berührt seit Generationen die Herzen seiner Leserinnen und Leser. Und Marie Versini ist die perfekte Verkörperung dieser Traumfee, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Nscho-tschi ist die ideale, perfekte Amazone: hochintelligent, selbstbewusst und nicht überheblich, feminin und stark, romantisch und realistisch. Nscho-tschi ist weich und hart zugleich. Jeder Mensch hat etwas von Nscho-tschi in sich, man muss es nur entdecken... und zulassen! Doch in einer immer kälter werdenden Gesellschaft kommen die menschlichen Seiten Nscho-tschis viel zu selten zum Zuge. Unserer Gesellschaft wäre geholfen, würde es mehr Menschen wie die stolze Schwester Winnetous geben. Ihre Selbstlosigkeit würde der Kälte des Egoismus entgegenwirken. Um so sanft wie Nscho-tschi sein zu können, bedarf es auch ihrer Stärke.
Marie Versinis offizielle Homepage ist unbedingt einen Besuch wert:
Zitate:1) Karl May: »Winnetou I/ Reiseerzählung«, Historisch-Kritische Ausgabe für die Karl-May-Gedächtnisstiftung«, herausgegeben von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger, Abteilung IV, Band 12, Zürich 1990, S. 268
2) Versini, Marie: »Ich war Winnetous Schwester
/ Bilder und Geschichten einer Karriere«, Karl-May-Verlag, Bamberg und Radebeul, 2003, S.6
Das Bild von Marie Versini in ihrer Glanzrolle als Winnetous Schwester Nscho-tschi wurde uns freundlicherweise von Rechteinhaber Elmar Elbs zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!