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Sonntag, 22. November 2020

566. »Waren die Götter ›Cyborgs‹?«

Teil 566 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Howard Phillips Lovecraft (*1890; †1937) schrieb Kurzgeschichten und Romane. Und er verfasste eine wahre Flut an Briefen, korrespondierte mit Leserinnen und Lesern. Mit dem Englischlehrer Maruice W. Moe scheint er sich heftig über Religion gestritten zu haben. Anders als der tiefgläubige Moe aus Wisconsin, USA, glaubte Lovecraft nicht an die Notwendigkeit religiösen Glaubens. Lovecraft vertraute auf einen besonderen Impuls.

Am 15. Mai 1918 schrieb Lovecraft an Maurice W. Moe (1): »Sie vergessen einen menschlichen Impuls, der sich trotz seiner Beschränkung auf eine relativ kleine Anzahl von Männern im Laufe der Geschichte als so real und lebenswichtig wie Hunger erwiesen hat – als so stark wie Durst oder Gier. Ich muss ja wohl nicht sagen, dass ich mich auf das einfachste, aber erhabenste Attribut unserer Spezies beziehe – auf das starke, anhaltende, unstillbare Sehnen nach WISSEN.«

Foto 1: Vielleicht stellen
die Kachina-Puppen der Hopi-Indianer
»Cyborgs« dar.
Von geradezu zwanghafter Sehnsucht nach Wissen wurde ein Amerikaner geplagt. Ich meine den großen Archivar von Tatsachen, die von der etablierten Schulwissenschaft verdammt werden, Charles Hoy Fort (*1874; †1932). Von zehn Romanen aus Forts Feder wurde nur ein einziger veröffentlich. Anno 1909 erschien »The Outcast Manufacturers«, von Kritikern gepriesen, vom Publikum kaum zur Kenntnis genommen. Eine Übersetzung ins Deutsche liegt meines Wissens nicht vor. Was aus den anderen neun Romanen wurde? Sie gelten als verschollen. Eine deutsche Übersetzung des publizierten Romans liegt bis heute nicht vor.

Fort veröffentlichte sein erstes Buch anno 1919. Er nannte es »Book of the damned« (2a). Die deutsche Übersetzung ließ lange auf sich warten: »Das Buch der Verdammten« kam erst 1995 auf den Markt. Drei weitere Bücher Forts erschienen, die allesamt sehr zu empfehlen sind (2b-2d). Fort interessierte sich brennend für die Welt der Wissenschaften, allerdings nicht für die hinlänglich beantworteten Fragen und faktenreich belegten Theorien. Ihn faszinierten die unmöglichen Fakten, die seiner Überzeugung nach von der Wissenschaft »unter den Teppich gekehrt« wurden, weil es sie eigentlich gar nicht geben dürfte. Er fand spannend, was mit den herkömmlichen schulwissenschaftlichen Theorien nicht erklärbar war. Fort bezeichnete den etablierten Wissenschaftlern verhassten Fakten als »Verdammte«. Er sah es als seine Lebensaufgabe an, just diese Fakten zu sammeln und zu publizieren. Dank einer Erbschaft konnte Fort zum Vollzeit-Sammler der verbotenen Fakten werden.

Bis zu seinem Tode wühlte er sich wie ein Besessener durch ganze Bibliotheken und trug zigtausende Fakten zusammen, die seiner Überzeugung nach das Dasein von Verdammten fristeten. Er interessierte sich brennend für die Welt der Wissenschaften. Er sah sich selbst als wahren Wissenschaftler, der ohne Vorurteile alles sammelte, um Wissen zu schaffen. Er lehnte es strikt ab, Theorien zu ersinnen und nur solche Fakten zu akzeptieren, die irgendwelche Theorien bestätigten. Es ging ihm um ein breites Spektrum an Fakten, nicht um eine willkürliche Auswahl an Fakten, die irgendeine Theorie beweisen sollen. Fort wollte aufzeigen, dass die Realität sehr viel mehr zu bieten hat als vermeintlich wissenschaftlich Denkende zu erfassen bereit sind. Die Wirklichkeit fühlt sich nicht an Theorien gebunden.

Charles Hoy Fort nahm vor über einem Jahrhundert fantastisches Gedankengut vorweg. Vieles publizierte er, manches nahm er sich für künftige Bücher vor. Über außerirdische Besucher auf unserem Planeten dachte er vor über einem Jahrhundert nach (3): »Eines Tages werde ich mich damit beschäftigen, dass die seltsam geformten Erdhügel von Forschern von irgendwo gebaut wurden, die nicht zurückkehren konnten, konstruiert in der Absicht, die Aufmerksamkeit von einer anderen Welt anzulocken ...«

Charles Hoy Fort weiter (4): »Wir werden ... oder auch nicht ... akzeptieren, dass es eine verlorene Kolonie oder Expedition von irgendwo auf dieser Erde gegeben haben mag und außerirdische Besucher, die nie zurückkehren konnten, und andere außerirdische Besucher, die wieder gegangen sind.«

Vor über einem Jahrhundert spekulierte Charles Hoy Fort über Besucher von Außerirdischen auf unserem Planeten, als Raumfahrt bestenfalls eine verrückte Idee von Fantasten ohne jeglichen Realitätssinn war. Und doch räsonierte Fort schon so früh über kosmische Besucher in grauer Vergangenheit (5): »Ich denke, wir sind Besitz. Ich denke, ich sollte sagen, Etwas besitzt uns. Dass irgendwann diese Erde Niemandsland war und dass andere Welten hier forschten und kolonisierten und untereinander um den Besitz ... der Erde kämpften ... und dass Etwas diese Erde besitzt.« (6)
Wer sich von seiner Sehnsucht nach Wissen motivieren lässt, der wird vermutlich sehr viel mehr Antworten finden als er Fragen gestellt hat. Wer wirklich sucht, muss offen auch für das Ungewöhnliche und Fantastische sein. Wer ein Weltbild bestätigen, aber kein eigenes Weltbild aufbauen möchte, ist nicht wirklich wissbegierig. Und wer unvoreingenommen sucht, der findet mehr. Ob uns eine Vorstellung angenehm ist oder nicht, das sollte kein Kriterium für uns sein, ob etwas der Realität entspricht oder nicht.

Foto 2: Diese Kreationen (Kuelap, Wolkenmenschen)
könnten »Cyborgs« darstellen.

Eine zusehends zerstrittenere Weltgemeinschaft kann durch ein globales Raumfahrtprogramm zu einer wirklichen Gemeinschaft vereint werden. Nur dann werden dereinst gigantische Weltraumstädte ins All aufbrechen, mit Zigtausenden, vielleicht Hunderttausenden von Menschen. Sind derlei Gedanken zu kühne Spekulation? Keineswegs! Schon vor Jahrzehnten kamen 28 Professoren und Techniker der »Stanford University« und der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA zur Erkenntnis, dass eine riesige Weltraumstadt in Walzenform – Hermann Oberth (*1894, †1989) lässt grüßen – im Bereich des Machbaren ist. »Der Spiegel« in seiner Ausgabe vom 1.9.1975: »Die Raumstation, die etwa gleich weit von der Erde und dem Mond entfernt wäre...würde in einem Zwei-Stufen-Programm erbaut werden: Zunächst müssten eine erdumkreisende 2.000-Mann-Raumstation so wie eine kleine Mondstation errichtet werden. Von dort aus würden die Baustoffe, aus Mondmaterialien gewonnen, ins All transportiert und zusammenmontiert. … Die fertige Raumstation, die sich zur Erzeugung künstlicher Schwerkraft einmal pro Minute dreht, würde alles Lebensnotwendige an Bord haben: Felder und Wiesen erstrecken sich 800 m weit vor den Augen der Bewohner, das Trinkwasser würde immer aufs neue regeneriert, die Luft wäre sauberer als in unseren Städten.«

Dr. Thomas Heppenheim, Luftfahrtingenieur am »California Institute of Technology«, schilderte das Leben in der Raumstation im »National Enquirer« (November 1975) so: »Das Leben in der geplanten Weltraumstadt wird nicht nur angenehmer sein als auf der Erde, sondern die Menschen werden dort alles haben, was für größtes Wachstum notwendig ist. Keine Ernte wird fehlschlagen. Die ersten 10.000 Menschen werden in Terrassenapartments mit modernstem Wohnkomfort leben. Von den Fenstern aus blicken sie auf gewölbte Erntefelder und überschauen grüne Parks. Das Leben wird angenehm und sonnig sein.«

Die zweite Weltraumstadt könnte dann schon ganz andere Ausmaße haben. Prof. Gerard Kitchen O’Neill (*1927; †1992) lehrte an der »Princeton University«, publizierte seine fundierten Visionen in einem Buch »Unsere Zukunft im Raum/ Energiegewinnung und Siedlung im Weltraum« (7). Für den Physiker O’Neill, Inhaber wichtiger Patente, ist eine Besiedlung des Universums von der Erde aus keine unsinnige Science-Fiction-Illusion, sondern realistisch, finanzierbar und auch machbar. Der Wissenschaftler entwickelte mehrere Modelle von Weltraumstädten in Röhrenform. Die größeren (Länge etwa 30 km, Durchmesser 6 km) bieten 10.000.000 Menschen Lebensraum. In absehbarer Zukunft könnte – so postulierte Prof. O’Neill – ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung in Weltraumstädten leben. Liegt also die Zukunft der Menschheit im All?

So wie primitive Lebensformen vom Wasser aus das fremde, scheinbar feindselige Terrain Erde erobert haben, so werden wir Menschen oder unsere »Nachfolger« einst den interstellaren Weltraum erkunden. Der Schritt an Land brachte das Leben in seiner Entwicklung weit voran. Wird der Weg ins All zu einer wiederum weit höheren Entwicklungsstufe des Menschen führen?

Zurückbleiben wird »Atlantis Erde«. Astronauten werden dann erst wirklich ihren Namen mit Recht tragen: Sternenfahrer! Sie werden die Fackel des Lebens ins Universum tragen. So wird das Leben auch dann noch fortbestehen, auch wenn es auf Planet Erde schon lange nicht mehr existiert. Und in den Weiten des Alls werden neue Zyklen des Lebens beginnen, ganz so wie im unendlichen Kalender der Mayas geschrieben steht.

Das göttliche Gebot (8) »Seid fruchtbar und mehret euch!« wird dann eine ganz andere Bedeutung gewinnen als Theologen und Laien gewöhnlich meinen. Ein Fragenkomplex aber wird von vielen Menschen seit den Anfängen von irdischer Raumfahrt erörtert: Warum? Wozu? Prof. Dr. Dr.-Ing. Hermann Oberth antwortete auf Einwände gegen interplanetare und interstellare Raumfahrt so (9): »Aber wozu das alles? Wer das faustische Streben nicht kennt, dem kann man auf diese Frage nicht antworten, und wer es kennt, der weiß die Antwort selbst. Ihm ist es selbstverständlich, alles Erforschbare zu erforschen, alles Unentdeckte zu entdecken, mit den Bewohnern anderer Welten in Verbindung zu treten.«

Prof. Oberth war davon überzeugt, dass jede Intelligenz, so sie sich nicht vorher selbst auslöscht, einmal Raumfahrt betreiben und in die Tiefen des Alls vordringen wird. Sollte es also seit Anbeginn der Zeit in den Weiten des Universums immer wieder dazu kommen, dass Zivilisationen die Kinderstube ihrer Entwicklung verlassen und Vertreter in die Unendlichkeit von Zeit und Raum schicken?

Foto 3: Göttin Chalchiuhtlicue (Mexico)
war vielleicht ein Cyborg.
Generationenraumschiffe hin oder her: das zentrale Problem für bemannte interstellare Raumfahrt sind die unvorstellbaren Distanzen zwischen den Sternen. Daraus resultiert das Zeitproblem: Gigantische Entfernungen benötigen viel Zeit für Raumreisende. Eine Lösung bietet sich an: Künstliche Intelligenz! Cyborgs, so wie sie sich James Lovelock vorstellt, nämlich als superintelligente »Wesen« ohne biologischen Anteil können theoretisch und wohl auch praktisch Ewigkeiten überdauern und so Intelligenz im Kosmos ausbreiten. Solche Cyborgs könnten einen elektronischen »Winterschlaf« nutzen, um ihr Intelligenzpotential zu steigern. Sie würden, so Lovelock, bald schon wie Götter sein. Vielleicht stellen die Kachina-Puppen der Hopi-Indianer »Cyborgs« dar, die einst zur Erde kamen. Vielleicht erinnern die mysteriösen Sarkophagfiguren der »Wolkenmenschen« an solche Besucher? Womöglich war die Göttin Chalchiuhtlicue (Mexico) so ein »Cyborg«!

Mir drängen sich wieder Fragen auf: Waren die vermeintlich »göttlichen« Besucher auf unserem Planeten vor Jahrtausenden keine Lebewesen wie wir, sondern »Cyborgs«? Hatten diese »Cyborgs« die Aufgabe, für die Ausbreitung von Intelligenz im Kosmos zu sorgen?

Fußnoten
(1) Lovecraft, Howard Phillips: »Against Religion/ The Atheist Writings of H. P. Lovecraft«, Herausgeber Joshi, S. T., New York 2010, Seite 13. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(2a) Fort, Charles Hoy: »Book of the damned«, New York 1919/ Übersetzung »Das Buch der Verdammten«, Frankfurt 1995
(2b) Fort, Charles Hoy: »New Lands«, New York 1923/ Übersetzung »Neuland«, Frankfurt am Main 1996
(2c) Fort, Charles Hoy: »Lo!«, New York 1931/ Übersetzung »Da!«, Frankfurt am Main 1997
(2d) Fort, Charles Hoy: »Wild Talents«, New York 1932/ Übersetzung »Wilde Talente«, Frankfurt am Main 1997
(3) Fort, Charles Hoy: »The Book of the damned«, Gesamtausgabe in einem Band, New York 1974, S. 157, 14.-11 Zeile von unten. Übersetzung aus dem Amerikanischen Walter-Jörg Langbein
(4) Ebenda, S. 159, 7.-11. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Amerikanischen Walter-Jörg Langbein
(5) Ebenda, S. 163, 6.-10. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Amerikanischen Walter-Jörg Langbein
(6) Siehe hierzu auch Langbein, Walter-Jörg und Sachmann, Hans-Werner: »Charles Hoy Fort – Der Chronist des Unerklärlichen« in Däniken, Erich von (Herausgeber): »Das Erbe der Götter/ Auf ›kosmischen Spuren‹ rund um die Welt«, München 1997, S.19-25
(7) O'Neill, Gerard K.: »Unsere Zukunft im Raum«, Bern und Stuttgart 1978
(8) 1. Buch Mose Kapitel 9, Vers 7
(9) Oberth, Hermann: »Menschen im Weltraum – Neue Projekte für Raketen- und Raumfahrt«, Düsseldorf 1954, Seite 301

Zu den Fotos
Foto 1: Vielleicht stellen die Kachina-Puppen der Hopi-Indianer »Cyborgs« dar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Diese Kreationen (Kuelap, Wolkenmenschen) könnten »Cyborgs« darstellen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Göttin Chalchiuhtlicue (Mexico) war vielleicht ein Cyborg. Foto Walter-Jörg Langbein


567. »Und es gab weder Anfang, noch Ende«,
Teil 567 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29. November 2020


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Sonntag, 15. November 2020

565. »Das Wüten des Golems«

Teil 565 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1:
Aufmarsch
der Golems.
Kunstwerk
nach
Paul Wegener.
Bei meinen Recherchen zur Erschaffung des Golems stieß ich auf einen bemerkenswerten Aufsatz aus der Feder von Jakob Ludwig Grimm (*1785; †1863). Offen gesagt: Der Text, 1808 veröffentlicht, interessierte mich zunächst nicht besonders. Und Grimms Anmerkung zur Legende von der Erschaffung des Golems durch die richtige Kombination von Buchstaben hätte ich fast überlesen (1). Erschaffung von Leben »durch richtig kombinierte Buchstaben«?

Prof. Alexander Wöll (*1968), Slawist und Hochschullehrer an der Universität von Potsdam, stellt vollkommen zutreffend fest (2): »Die unheimlichen Elemente der Legende, die den Golem bis heute weltweit in Erzählungen weiterleben lassen, wurden oft als unglaubwürdige Phantasien einer überholten Zeit abgeschwächt.«

Weit fantastischer als die unheimlichen Elemente der Golem-Legende ist allerdings folgende Überlegung: Wenn der Golem durch »richtig kombinierte Buchstaben« entstanden ist, wenn also Leben durch die korrekte Kombination von Buchstaben geschaffen werden kann, so könnte damit eine Manipulation an den Chromosomen, eine künstliche Veränderung im Bereich der Gene also, gemeint sein. Sollte wirklich aus Wissen um die Möglichkeit der Manipulation an den Chromosomen durch »Umstellung von Buchstaben« die seltsame Idee der Magie mit Buchstaben geworden sein? Sollte die Kabbala-Magie ein schwaches Echo uralten Wissens sein? Sollte Kabbala-Magie das verzerrte Bild von fantastischer Realität sein? Mag sein, dass viel altes Geheimwissen unwiederbringbar verloren ist.

Wenn vor Jahrtausenden auf Kunstwerken der Sumerer und Babylonier dargestellt wurde, wie geflügelte Wesen am »Baum des Lebens« hantieren, dann sind diese geheimnisvollen Bildwerke als schöne Illustration in Sachen künstliche Genmutation durchaus brauchbar. Detlev von Liliencron (*1844; †1909) pries Rabbi Löw, den Schöpfer des Golems, in einem Gedicht. Der Rabbi sei »in den Künsten« und »Wissenschaften« zu Hause gewesen. Vor allem aber sei er, so von Liliencron, in der schwarzen Kabbala bewandert gewesen. Rabbi Löw hatte natürlich keine Ahnung von Chromosomen und ihrer Bedeutung. Aber vielleicht verfügte er über Quellen, in denen Reste von längst nicht mehr verstandenem Geheimwissen die Zeiten überdauert haben? Manipulation am »Baum des Lebens« kann, ja muss in den Augen des Unwissenden so etwas wie teuflische Magie sein, mit deren Hilfe der Mensch Gott selbst ins Handwerk pfuscht.

Der Großmeister des Horrors und der fantastischen Visionen Howard Phillips Lovecraft (*1890; †1937) schrieb auch Essays. Dezidiert äußerte er sich auch zu religiösen und ethischen Themen. Lovecraft, für viele eine Ikone und verehrte Kultfigur, wird meiner Meinung nach immer noch unterschätzt. Lovecraft schrieb 1922 (3): »Wer die Wahrheit um der Wahrheit willen sucht, ist an kein herkömmliches theoretisches System gebunden. Stets bildet er seine philosophischen Auffassungen auf der Grundlage dessen heraus, was ihm als die beste vorliegende Beweisführung einleuchtet. Ein Wandel der Auffassungen ist deshalb immer möglich und ergibt sich dann, wenn neues oder neu bewertetes Beweismaterial diesen Wandel folgerichtig erscheinen lässt.«

Foto 2:
Aufmarsch
der Golems.
Kunstwerk
nach
Paul Wegener.
Wie wahr! Nur suchen viele – oft oder meist unbewusst – nicht die Wahrheit, sondern nur nach Bestätigung ihres Weltbildes. Was ihrer Ansicht nach nicht sein kann, weil es nicht sein darf, wird auch keine Bestätigung finden. Ein Wandel der Auffassungen wird sich in der Regel nicht deshalb durchsetzen, weil neues Beweismaterial auftaucht oder altes neu bewertet wird. Das Neue setzt sich in der Regel erst dann durch, wenn die Verfechter des Alten gestorben sind. Sobald neues Gedankengut akzeptiert wird, wird gern so getan, als sei doch jeder schon immer von der Richtigkeit des Neuen überzeugt gewesen.

Wenn man davon überzeugt ist, dass das »Sefer Jesirah« nur abergläubischen Unsinn zu bieten hat, dann wird man in dem mysteriösen Büchlein auch nichts anderes finden. Dann kann man auch keinerlei Hinweise auf Wissen um Manipulierbarkeit von Chromosomen in diesem Werk aufspüren. Heutige Genetiker wissen, dass man Gene verändern kann. Sie studieren die Geheimnisse der Chromosomen. Aber bislang hat meines Wissens kein Genetiker jemals das »Sefer Jesirah« oder ein anderes Werk aus dem reichen Schatz der Kabbala auf »unmögliches Wissen« hin untersucht. Dementsprechend wurde auch nichts dergleichen gefunden. Alphonse Bertillon (*1853; † 1914), Kriminalist und Anthropologe, hatte recht, als er konstatierte:

»Man kann nur sehen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet, und man richtet seine Aufmerksamkeit nur auf Dinge, die bereits einen Platz im Bewusstsein einnehmen.«

Mein konkreter Vorschlag: Die Beschäftigung mit dem geheimnisvollen »Sefer Jesirah« kann sehr lehrreich sein. Wir können lernen zu begreifen, dass hinter vordergründig schwer oder nicht verständlichen sprachlichen Bildern ein uraltes, sehr konkretes Wissen stecken mag. Nach diesem Wissen sollten wir suchen. Deshalb sollten sich Genetiker unbedingt das »Sefer Jesirah« vornehmen.
Über diesen meinen Vorschlag waren alle von mir befragten Theologen, die sich auf hebräisches Schrifttum spezialisiert haben, entsetzt. Sie schließen aus, dass Wissen über Chromosomen im »Sefer Jesirah« enthalten sein könnte. Sie sind sich allerdings nicht alle darin einig, ob das geheimnisvolle Buch von Gottes Schöpfung (4) in der Vergangenheit berichtet, oder ob Gott den Befehl gibt, Leben zu kreieren. Aryeh Kaplan (*1934; †1983) hat es auf den Punkt gebracht. Ganz bewusst zitiere ich die folgende kurze Passage aus dem »Sefer Jesirah« noch einmal (5):

»Dieser Abschnitt kann auch als Befehl gelesen werden. … Zweiundzwanzig Buchstaben: Graviere sie, schnitze sie, wiege sie, permutiere sie und verwandele sie und zeige mit ihnen die Seele von allem, was geformt wurde und was in Zukunft geformt wird.« Diese mysteriös anmutenden Zeilen können, so eine gleichberechtigte Interpretation, als Aufforderung Gottes verstanden werden, Leben zu schaffen. Wird das geschehen? Göttlicher Befehl oder nicht: Längst ist die Kreation künstlich geschaffenen Lebens im Gange. Längst wird an einem »Golem« gearbeitet, der die Welt beherrschen wird.

Sven Titz rief in einem Zeitungsartikel, erschienen in der »Neuen Zürcher Zeitung« das »Anthropozän« aus. Neu ist der Ausdruck freilich nicht. Es waren der Atmosphärenforscher Paul Crutzen (*1933) und Biologieprofessor Eugene F. Stoermer (*1934; †2012), die den Begriff Anthropozän wirksam in die Diskussion einführten (7). Bereits 1873 hat der italienische Prof. Antonio Stoppani (*1824; †1891), Begründer der italienischen geologischen Forschung, den stetig wachsenden Einfluss des Menschen auf seine Umwelt erkannt und den Begriff »anthropozoische Ära« geprägt.

Unter »Anthropozän« versteht man gewöhnlich die Zeitepoche, in der hauptsächlich wir Menschen für die Gestaltung der Erde und des Lebens auf der Erde verantwortlich sind. In dieser Ära hat sich der Mensch zum dominierenden »Einflussfaktor« auf Planet Erde entwickelt. Nach James Lovelock (*1919) neigt sich diese Epoche bereits wieder ihrem Ende zu. Abgelöst wird der Mensch, so Lovelock, von elektronischen Lebensformen, die man als »Golems« bezeichnen könnte. Lovelock nennt sie Cyborgs. Ausgestattet mit künstlicher Intelligenz können Supergolems im wahrsten Sinne des Wortes den Planeten dominieren. Dieses neue Zeitalter nennt Lovelock »Novozän«. Wir sind, nach Lovelock, die »Eltern« des neu geschaffenen Lebens. Allerdings werden wohl die »Kinder« in kürzester Zeit so intelligent und so mächtig sein, dass sie uns auf geradezu unvorstellbare Weise übertreffen.

Lovelock schreibt (9): »Verhandlungen zwischen uns und den Cyborgs sind fast nicht vorstellbar. Wir würden ihnen wahrscheinlich vorkommen wie Pflanzen – wie Wesen, die in einem außergewöhnlich langsamen Wahrnehmungs- und Handlungsprozess gefangen sind. Wenn das Novozän voll eingesetzt hat, werden Cyborg-Wissenschaftler vielleicht tatsächlich Sammlungen lebender Menschen ausstellen.«

Ich habe keinen Zweifel, dass der Abstand zwischen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Golems und uns Menschen tatsächlich rasch unüberbrückbar sein wird. Wirkliche künstliche Intelligenz wird sich selbst in unvorstellbarer Geschwindigkeit immer weiter verbessern und immer intelligenter machen. Diese Golems von morgen und übermorgen werden uns Menschen so überlegen sein wie allmächtige Götter heutigen Menschen. Deshalb bezweifele ich stark, dass diese Super-Golems Menschen in Zoos halten werden um sich daran zu ergötzen. Wer sich in einer solchen Vorstellung verliert, der orientiert sich meiner Meinung nach zu sehr an uns heutigen Menschen, an unserem vergleichsweise primitivem »Intelligenzniveau« und an unserer aus Sicht von Super-Golems höchst schlichten Denkweise. Wir Menschen bewegen uns noch von A nach B, die Super-Golems von morgen und übermorgen werden untereinander vernetzt sein. Vermutlich bilden sie eine einzige Superintelligenz, die sich nicht in einen Zoo begeben muss, um sich ein Bild von uns Menschen machen zu können. Die Superintelligenz wird allgegenwärtig und allwissend sein.

Foto 3: »Der Golem/ Jüdische Märchen
und Legenden aus dem alten Prag«

Was aus dem Menschen werden wird, wenn aus den von uns geschaffenen Golems eine Hyperintelligenz geworden ist? Es ist möglich, dass der biologische Mensch der elektronischen Superintelligenz einfach nur langweilt. Werden der Superintelligenz ihre höchst primitiven Vorläufer gleichgültig sein? Oder wird das umweltschädliche Modell »Homo Sapiens Sapiens« abgeschafft? Lässt man es aussterben oder löscht man es aus? James Lovelock sind diese Fragen wohl auch aufgestoßen. Er spekuliert, oder vielleicht besser formuliert, er hofft (9):


»Wir müssen also nicht annehmen, dass das neue künstliche Leben, das im Novozän entsteht, automatisch so grausam, todbringend und aggressiv sein wird, wie wir es sind. Es kann sein, dass das Novozän eines der friedvollsten Zeitalter der Erdgeschichte wird. Aber wir Menschen werden die Erde zum ersten Mal mit anderen Wesen teilen, die intelligenter sind als wir.«

Wir müssen das keineswegs annehmen, wir können es aber auch nicht ausschließen. Es kann aber auch sein, dass eine Superintelligenz völlig empathielos den Menschen als eine Art Schädling, der unnötig wertvolle Ressourcen verschwendet, auslöscht.

Es kann nicht bestritten werden: Die künstlich geschaffene Intelligenz mag im Anfangsstadium nützlich und bequem für uns sein. Sie kann sich aber schnell zu einer Gefahr für uns Menschen entwickeln. In der Sagenwelt um den Golem aus Prag wird verschiedentlich auf die Gefahren hingewiesen, die von der künstlich geschaffenen Kreatur ausgehen können.

Dr. Eduard Petiška (*1924; †1987), ein renommierter tschechischer Schriftsteller und Übersetzer, sammelte jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag. Auch bei Petiška begegnet uns »Das Wüten des Golems« (10). Der Golem verfiel in Raserei, konnte aber gebändigt werden. Rabbi Löw, Schöpfer des Golem (11): »Vergeßt mir diesen Vorfall nicht und zieht daraus eure Lehren. Auch der vollkommenste Golem, ins Leben gerufen, um uns zu beschützen, kann sich leicht in unser Verderben verwandeln.« Schließlich gab es nur noch einen Ausweg (12): Der Golem, geschaffen zur Verteidigung der Juden, musste von seinen Schöpfern mit »Magie« ausgeschaltet werden.

Wie man auch zur Bewertung der Golem-Mythologie stehen mag, unverkennbar ist die Warnung vor künstlich geschaffenem Leben, das sich gegen den eigenen Schöpfer wendet. Auf unsere Zeit übertragen: Die Kreation von »Golems«, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, kann zum Segen, aber auch zum Fluch gereichen. Mag sein, dass der Mensch zu spät entdeckt, dass er die Geister, die er schuf, nicht mehr loswerden kann.



Fußnoten
(1) Grimm, Jacob: »Entstehung der Verlagspoesie«, »Zeitschrift für Einsiedler«, Herausgeber: Achim von Arnim und Clemens Brentano, Heidelberg 1808 (Nachdruck Stuttgart 1962, Nr. 7, April, S. 56).
(2) Wöll, Alexander: »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?«, Beitrag zu Marek Nekula et. Al. (Herausgeber.): »Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - Politik.«, München 2001, S. 235-245
(3) Lovecraft, Howard Phillips: »Gegen die Religion« (Einmalige Vorzugsausgabe), Leipzig Juli 2020, Seite 49, 3.-1. Zeile von unten und Seite 50, 1.-5. Zeile von oben.
(4) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah/ Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt 1894, »Zweiter Abschnitt I«
(5) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997, eBook, Seite 100, 7.-10. Zeile von oben und Seite 262, 6.-2. Zeile von unten. Originalzitat: »Twenty-two letters …: Engrave them, carve them, weigh them, permute them, and transform them, and with them depict the soul of all that was formed and all that will be formed in the future.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(6) Titz, Sven: »Ausrufung des Anthropozäns: Ein gut gemeinter Mahnruf«, »Neue Zürcher Zeitung«, 4. November 2016
(7) Crutzen, Paul J. und Stoermer, Eugene F.: »The Anthropocene«, » IGBP Global Change Newsletter«, Nr. 41, Mai 2000, S. 17–18
(8) Lovelock, James: »Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, 1. Auflage, München 2020, Seite 143, 13.-19. Zeile von oben
(9) Ebenda, Seite 141, 6.-1. Zeile von unten
(10) Petiška, Eduard: »Der Golem/ Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag«, 2. Auflage, Zürich 1979, Seite108- Seite 110
(11) Ebenda, Seite 110, 7.-4. Zeile von unten
(12) Ebenda, Seite 111- Seite 114: »Das Ende des Golems«

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Aufmarsch der Golems. Kunstwerk nach Paul Wegener. Fotomontage. Unbekannter Künstler. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Der Golem/ Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag«, Buchcover.
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: »IN MEMORIAM INGEBORG DIEKMANN«. Das Foto zeigt Ingeborg Diekmann in Copàn (Honduras, Zentralamerika). Am 16.11.2020 wäre sie 92 Jahre alt geworden.




566. »Waren die Götter ›Cyborgs‹?«
Teil 566 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. November 2020



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Sonntag, 13. September 2020

556. »Gott, die Schöpfung und das Ende der Menschheit«

Teil 556 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott steht außerhalb.
Darstellung frühes 13. Jahrhundert

Gott wird nicht nur von christlichen Theologen als allwissender Beobachter jenseits oder außerhalb von Raum und Zeit gesehen, der genau weiß, wie ein Mensch handeln wird. Gott greift aber, nach christlichen Theologen zumindest, nicht ein, das würde ja den freien Willen des Menschen einschränken. Die Folge: Der Täter handelt kriminell (»freier Wille«), das Opfer leidet und bezahlt den freien Willen des Täters womöglich mit seinem Leben. In diesem obskuren Weltbild hat offensichtlich nur der Täter einen freien Willen, das Opfer nicht. Gott lässt den Bösen gewähren, und das auf Kosten der Opfer.

Schopenhauer (*1788; †1860) hat sich zum Thema »Mensch und freier Wille« so geäußert (1): »Der Mensch kann tun was er will; er kann aber nicht wollen was er will.«

Ich wiederhole bewusst das Zitat von »Christliches Radio für den Alltag«: »›Macht euch die Erde untertan‹ – ein Satz, den man in den falschen Hals kriegen kann.« Das sehe ich nicht so. Die knapp formulierte Aussage ist eindeutig: Der Mensch steht außerhalb oder über der »Schöpfung«, die er im Auftrag Gottes beherrscht. Diese Sichtweise ist Ausdruck des grenzenlosen Egoismus des Menschen und hat dazu geführt, dass der Mensch die Welt mit unglaublich wachsender Effektivität ausplündert.

Der Bibelvers legitimiert den unverantwortlichen Umgang des Menschen mit der Welt. Freilich darf die Bedeutung des Bibelverses für die Weltgeschichte nicht überschätzt werden. Wer die Erde gewissenlos ausbeutet und plündert, dem ist eine biblische Legitimation gleichgültig. Atheist wie monotheistischer »Denker« sehen nicht, dass der Mensch keineswegs außerhalb oder über der »Schöpfung« steht. Der Mensch ist Teil der »Schöpfung«. Dass er die »Schöpfung« ausbeutet und in rasendem Tempo zerstört, das beweist die Dummheit des Menschen und nicht seine »Intelligenz«. Damit disqualifiziert sich der Mensch selbst als »Krone« von »Schöpfung« oder »Evolution«.

Papst Franziskus (*1936) nannte seine zweite Enzyklika »Laudato si’« (»umbrisches Altitaloromanisch« für »Gelobt seist du«). Titel und Anfangsworte der Enzyklika entstammen dem Mit diesen zwei Worten beginnt der »Sonnengesang« (2) des Franz von Assisi (*1181 oder 1182; †1226). Der erste Satz des »Sonnengesangs« lautet: »Laudato si’, mi’ signore, cun tucte le tue creature!«, zu Deutsch »Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen!«

Der umfangreiche Text der Enzyklika (3) trägt das Datum »24. Mai 2015« und wurde am 18. Juni 2015 in acht Sprachen veröffentlicht. Es geht Seine Heiligkeit um »die Sorge für das gemeinsame Haus«, um Umwelt- und Klimaschutz.

Papst Franziskus beschreibt ein Weltbild, das einen die »Schöpfung« beherrschenden und plündernden Menschen verabschiedet. Ich darf einen besonders wichtigen Passus aus der Enzyklika zitieren (4): »Es ist nicht überflüssig zu betonen, dass alles miteinander verbunden ist. Die Zeit und der Raum sind nicht voneinander unabhängig, und nicht einmal die Atome und die Elementarteilchen können als voneinander getrennt betrachtet werden. Wie die verschiedenen physikalischen, chemischen und biologischen Bestandteile des Planeten untereinander in Beziehung stehen, so bilden auch die Arten der Lebewesen ein Netz, das wir nie endgültig erkennen und verstehen. Einen guten Teil unserer genetischen Information haben wir mit vielen Lebewesen gemeinsam.«

Wir stehen nicht neben und auch nicht über der Natur (»Schöpfung« im religiösen Sprachgebrauch), wir sind Teil der Natur . Wo wir der Natur aus kurzsichtigem Egoismus heraus Schaden zufügen, zerstören wir auch unsere eigne Lebensgrundlagen. Leidtragender wird der Mensch sein. Die Natur wird sich nach dem Verschwinden unserer Spezies von der Erde aus erdgeschichtlicher Sicht sehr schnell wieder erholt haben.

»Unsere Erde wird überleben.« (5), so lautet der Titel eines der wichtigen Werke von  James Lovelock (*1919), bereits anno 1982 erschienen. Davon bin ich auch überzeugt. Planet Erde hat ganz sicher eine Zukunft. Eine sichere Zukunft hat Terra ohne uns Menschen. Planet Erde kann aber auch mit uns Menschen eine Zukunft haben. Neurobiologe Stefano Mancuso sieht eine Chance: Der Mensch hat nur dann eine Zukunft, wenn er radikal umdenkt: »Der wichtigste Faktor der Evolution ist nicht der Wettbewerb. Unser Gehirn kann uns dabei helfen, den nächsten Schritt zu gehen. Der wäre, uns nicht über die anderen Lebewesen zu erheben, sondern eine Lebensform wie die der Pflanzen zu verstehen und einzusehen, dass Kooperation viel erfolgreicher ist als Konkurrenz. Kooperation ist für das Überleben der Spezies wesentlich aussichtsreicher.«

Damit der Mensch aber diese Chance nutzen kann, muss er radikal umdenken. Ob er dazu bereit ist? Ob er überhaupt dazu in der Lage ist? James Lovelock ist allerdings skeptisch (6): »Könnten wir mit vereinten Kräften unsere eigene Natur ändern und gute Verwalter, freundliche Gärtner werden, die Sorge tragen für alle Lebewesen dieses Planeten? Ich glaube, daß bereits diese Frage viel Hybris verrät. Selbst beim Management unserer selbst und unserer Institutionen haben wir kläglich versagt. Ich würde eher erwarten, daß eine Ziege als verantwortungsvolle Gärtnerin mehr Erfolg hat als wir Menschen.«

Wenig hoffnungsvoll stimmt Lovelocks Schlussfolgerung (7): »Ein Planetenarzt, der das Elend sieht, das wir diesen Lebewesen und uns selbst antun, würde uns ermahnen, mit der Erde in Partnerschaft zu leben. Sonst wird die restliche Schöpfung als Teil von Gaia die Erde unbewußt in Richtung auf einen neuen Zustand bewegen, bei dem wir Menschen nicht mehr länger willkommen sind.« Muss man nicht fragen, ob wir das überhaupt noch sind? Gemessen an der Erdgeschichte ist der Mensch im Gegensatz zu Pflanzen beispielsweise bislang ein Kurzzeitphänomen. Die Präsenz des Menschen auf Terra gleicht einem Wimpernschlag im Meer der Zeit. Verabschiedet sich der Mensch nach seinem »Kurzauftritt« schon wieder oder überlebt er die selbst geschaffene Katastrophe? Hat der Mensch Zukunft oder nicht?

James Lovelock deutet ein, dass wir Menschen unter Umständen nicht mehr willkommen sein könnten auf Planet Erde? Wem könnten wir nicht mehr willkommen sein?

James Lovelock ist davon überzeugt, dass wir Jetztmenschen eine revolutionäre Zeit des Umbruchs erleben. Seiner Meinung nach werden die Systeme künstlicher Intelligenz, die der Jetztmensch bereits entwickelt hat, »Cyborgs« entstehen. Lovelock (8): »Diese Wesen werden bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein als wir.«

Ich habe mich wiederholt mit dem Thema »künstliche Intelligenz« beschäftigt. Am 10. Juni 2018 fragte ich in meinem Sonntagsblog »Werden wir sein wie die ›Götter‹?« Ich erinnerte an die Fernsehserie »The Avengers«. Die Serie, eine Mischung aus Science-Fiction, Thriller, Krimi und Spionage, wurde rasch zum Kult. Im deutschsprachigen Raum wurde die Serie als »Mit Schirm, Charme und Melone« ausgestrahlt. Am 7.11.1967 bekam das deutschsprachige Publikum Folge 114 zu sehen, die als 10. Folge von Staffel 5 ausgestrahlt wurde. Der deutschsprachige Titel lautete »Duplikate gefällig?«, der den Inhalt sehr viel treffender wiedergab als der Originaltitel »Never, never say die« (etwa: »Niemals, niemals sag stirb«).

Zum Inhalt: Der verbrecherische Professor Frank N. Stone, dargestellt vom großartigen Sir Christopher Lee (*1922; †2015) fertigte exakte Kopien wichtiger Menschen als Roboter an. Diese bedeutsamen Menschen wurden entführt und sollten durch Roboter, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, ersetzt werden. Auf diese Weise wollte Professor Stone die Weltherrschaft an sich reißen. Fast wäre der geniale Plan auf schlimme Weise gescheitert! Die Roboter wollten die sehr viel weniger intelligenten Menschen aus Fleisch und Blut verdrängen und selbst die Herrscher über die Welt werden. Die Wesen mit künstlicher Intelligenz wollten sich, so wie es im »Alten Testament« heißt, die Erde untertan machen. Mit Mühe konnten Emma Peel (dargestellt von Diana Rigg, *20.07.1938; †10.09.2020) und John Steed (dargestellt von Patrick Macnee, *1922; †2015) diesen Plan verhindern.

Diese Episode der Reihe »Mit Schirm, Charme und Melone« hat bereits 1967 vorweggenommen, was meiner Meinung nach in gar nicht so ferner Zukunft möglich sein wird. Schon heute entwickeln wir künstliche Intelligenz. Ich bin davon überzeugt, dass in Geheimlabors bereits heute Roboter gegtestet werden, die dank künstlicher Intelligenz uns Menschen überlegen sind. Ich muss an Lovelocks Vision erinnern, auf die ich eben schon hingewiesen habe. Ich wiederhole Lovelocks Zukunftsschau: »Diese Wesen werden bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein als wir.«

Stellen wir uns solche »Cyborgs« vor. Anders als wir sind sie überhaupt nicht an kurzfristigem materiellen Gewinn interessiert. »Cyborgs« werden vermutlich schon bald nicht wie wir Menschen als Individuen agiern, sondern als ein weltumspannendes Hyperwesen. Für so eine weltumspannende Superintelligenz hat Logik nicht nur Vorrang, sondern Logik tritt an die Stelle des alles andere als logischen Denkens von uns Menschen.

Ich gehe davon aus, dass die »Cyborgs« über einen Selbsterhaltungstrieb verfügen. Sie werden alles tun, um eine Selbstzerstörung zu verhindern. Sie werden, unbeeinflusst von irrationaler Gefühlsduselei, beseitigen, was ihre Zukunft gefährdet, also uns. Wenn wir unser »Denken« nicht radikal ändern, dann werden wir in der Tat nicht mehr auf Erden willkommen sein. James Lovelock sieht die Zukunft meiner Meinung nach realistisch. Die Cyborgs, künstliche Wesen mit gigantischem Intelligenzpotenzial (9), »werden zunächst nicht unabhängig von uns sein; tatsächlich werden sie unsere Nachkommen sein, weil die Systeme, die wir erschufen, sich als ihre Wegbereiter erwiesen haben.«

Foto 2: Erich von Däniken (links)
mit Walter-Jörg Langbein vor einem
steinzeitlichen
Tempel auf Malta. Foto Ille Pollo
Mag sein, dass wir von den Cyborgs noch gebrauch, später zunächst noch geduldet werden, solang wir den »Cyborgs« noch nützlich sein können. Lang dürfte das nicht der Fall sein. Bald werden wir nicht nur nutzlos für die Coyborgs sein, wir werden für sie bestenfalls Hindernisse auf dem Weg ihrer rapiden Entwicklung sein. Werden uns dann die »Cyborgs« auslöschen, um so schnell wie möglich in der Entwicklung voranzukommen, ja um sich selbst eine sichere Zukunft zu ermöglichen? Das halte ich für eine plausible Zukunftsvision. Vor einem Krieg zwischen den Cyborgs und uns Menschen müssen wir uns meiner Meinung nach nicht fürchten. Die Cyborgs werden uns ohne Probleme ausschalten können, ohne dass unser Widerstand auch nur den Hauch einer Chance hätte. Das wäre dann das Ende der Menschheit und die neue Welt der Cyborgs.

Erich von Däniken (*1935) teilt einen solchen Pessimismus nicht. Er ist vielmehr sehr zuversichtlich. Bereits 1968 prophezeite er in seinem ersten Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« (10): »Der Mensch hat eine grandiose Zukunft vor sich, die seine grandiose Vergangenheit noch überbieten wird. Wir brauchen Weltraumforschung und Zukunftsforschung und den Mut, unmöglich erscheinende Projekte anzupacken. Zum Beispiel das Projekt einer konzentrierten Vergangenheitsforschung, das uns kostbare Erinnerungen an die Zukunft bringen kann. Erinnerungen, die dann bewiesen sein werden und ohne den Appell, an sie glauben zu sollen, die Menschheitsgeschichte erhellen. Zum Segen künftiger Generationen.«


Fußnoten
(1) Pais, Abraham: »Ich vertraue auf Intuition: der andere Albert Einstein«, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1995, Seite 176, 10. Und 9. Zeile von unten
Wieland, Michael: »Positionen«, Norderstedt 2012, S. 27, 4. Und 3. Zeile von unten
(2) https://franziskaner.net/der-sonnengesang/ (Stand 06.06.2020)
(3) http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html (Stand 06.06.2020)
(4) »Laudato si’«, 4. Kapitel, »Eine ganzheitliche Ökologie«, »I. Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialökologie«, 138. (»LS 138«)
(5) Lovelock, James: »Unsere Erde wird überleben. Gaia: eine optimistische Ökologie, München 1982
(6) Lovelock, James: »GAIA/ Die Erde ist ein Lebewesen«, Bern 1992, Seite 184, 20.-25. Zeile von oben (Rechtschreibung unverändert übernommen.)
(7) Ebenda, 5.-1. Zeile von unten (Rechtschreibung unverändert übernommen.)
(8) Lovelock, James: »Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, 1. Auflage, München 2020, Seite 46
(9) Ebenda, Seite 47, 4.-7. Zeile von oben
(10) Däniken, Erich von: »Erinnerungen an die Zukunft – Ungelöste Rätsel der Vergangenheit«, Düsseldorf und Wien, 1968, Seite 221

Zu den Fotos
Foto 1: Gott steht außerhalb. Darstellung frühes 13. Jahrhundert
Foto 2: Erich von Däniken (links) mit Walter-Jörg Langbein vor einem steinzeitlichen Tempel auf Malta. Foto Ille Pollo


557. »Frankensteins Monster und der Golem«
Teil 557 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 20. September 2020


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