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Sonntag, 29. November 2020

567. »Und es gab weder Anfang noch Ende.«

Teil 567 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


 »Doch was überhaupt ist das Leben
und was ist der Lebenssinn?
Mit welchem Recht geht der Mensch
so willkürlich von der eigenen Wichtigkeit
in der Schöpfung aus?«
Howard Phillips Lovecraft (1)


James Lovelock (*1919) hat als Hundertjähriger wieder ein faszinierendes Sachbuch verfasst und veröffentlicht. Er beschreibt auf überzeugende Weise Gegenwart und Zukunft der Menschheit. In seinem Opus »Novozän« (2) lässt er »Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz« plastisch sichtbar werden. Demnach sind wir Jetztmenschen die Steigbügelhalter unserer Nachfolger auf Planet Terra. Nichtbiologische Einheiten von gottgleicher Intelligenz und Allmacht werden morgen oder übermorgen das Regiment auf unserem Heimatplaneten übernehmen.

Was aus dem Jetztmenschen werden wird? Lovelock (3): »Die Zukunft ist für uns unvorhersehbar, so wie es schon immer gewesen ist, selbst in einer organischen Welt. Cyborgs werden Cyborgs entwerfen. Sie werden keineswegs als minderwertige Lebensform weitermachen, die uns Bequemlichkeiten verschafft, sondern sie werden sich entwickeln und könnten die fortschrittlichen evolutionären Produkte einer neuen und kraftvollen Spezies sein.« Bei allem Respekt vor James Lovelock und seinem Lebenswerk: Im Gegensatz zu Lovelock sehe ich keinen realen Grund, warum die künstliche Intelligenz nicht die Herrschaft über uns an sich reißen wird. Bei allem Respekt vor James Lovelocks wissenschaftlichen Leistungen, etwa für die NASA: Ich halte es für überhaupt nicht nachvollziehbar, dass das unendliche Universum ausschließlich den Menschen als intelligente Spezies hervorgebracht haben soll. »Wir sind allein« (4) behauptet James Lovelock. In einem unendlich großen Kosmos sollte es nur uns Menschen als intelligente Spezies geben? Der Mensch soll nicht nur die Krone der irdischen, sondern auch der kosmischen Schöpfung sein? Das ist – meine ich – unvorstellbar.

Foto 1: Prof. Hermann Oberth (links)
und Autor Langbein im Gespräch (März 1983).

James Lovelock, von 1961 bis 1964 »Professor für Chemie« am »Baylor College of Medicine« in Houston, Texas, sieht den Menschen als unfassbare Ausnahme im gesamten Universum. Seiner Überzeugung nach ist der Kosmos nur dazu in der Lage, ausschließlich uns Menschen hervorzubringen. Howard Phillips Lovecraft (*1890; †1937) monierte vehement diese Selbsterhöhung von uns Menschen (5): »Und so können wir begreifen, dass die Menschheit nichts anderes als ein momentanes Phänomen ist. Unsere Existenz auf unserem Planeten ist im Vergleich zur Unendlichkeit erst neueren Datums, wurde in der ganzen unermesslichen Weite des Raums erst gestern möglich.«

Die vielleicht zentralen Fragen, die sich uns an dieser Stelle aufdrängen müssen, lauten: Hat das tote Universum zufällig Intelligenz auf Welten wie der Erde hervorgebracht? Oder hat Intelligenz das Universum erschaffen? Ist das Universum das Produkt von Intelligenz und nicht Intelligenz das Produkt des Universums? Was war am Anfang: der Geist oder die Materie? Religiös orientierte Menschen, speziell die Anhänger einer der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, postulieren, dass es am Anfang Gott gab, der das Universum schuf. Materialistisch orientierte Menschen, die freilich nur anderen »Gurus« folgen, gehen davon aus, dass am Anfang der Urknall war. Aber auch der Urknall kann nichts aus dem Nichts hervorbringen. Entweder gab es am Anfang Gott oder Materie.

Was aber war vor Gott? Was war vor der Materie? Auch wenn wir es nicht wirklich begreifen können, es gibt eine dritte Variante: War am Anfang Intelligenz? Mir ist klar: Niemand vermag zu erklären, was vor Gott, was vor der Materie, was vor der Intelligenz war. Die drei Denkmodelle setzen voraus, dass es am Anfang etwas und nicht das Nichts gab.

In der Lutherbibel von 1545 lesen wir gleich zu Beginn des Evangeliums nach Johannes: »Im anfang war das Wort / Vnd das wort war bey Gott / vnd Gott war das Wort.« Noch in der Lutherbibel von 1984 findet sich der 1. Vers des 1. Kapitels des Evangeliums nach Johannes so: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.«

Vergleicht man damit die Lutherbibel von 2017, reibt man sich staunend die Augen ob der Veränderungen im Text: »Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – «. Von einer Übersetzung kann nicht mehr die Rede sein, nur noch von einer freien Interpretation. Das Wort, das am Anfang war, ist verschwunden. Wir finden es nur noch in folgenden Bibelausgaben: »Neue Genfer Übersetzung«, »Hoffnung für alle«, »Zürcher Bibel«, »Gute Nachricht Bibel« und »Neues Leben. Die Bibel«. In der »Elberfelder Bibel« entdecken wir, freilich verklausuliert, das »Wort, das am Anfang war«: »Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens.«

Bis 1984 sagt die Lutherbibel klar und deutlich, dass am Anfang – vor dem eigentlichen Schöpfungsakt – das Wort war. Im Band 1 von Ginzbergs »Legends of the Jews«, 1909 von »The Jewish Publication Society of America« in Philadelphia publiziert, wird der Sachverhalt noch viel deutlicher, nämlich dass dass Wort vor der Schöpfung da war. Da wird präzisiert, dass das Wort (6) bereits »zweitausend Jahre vor der Erschaffung von Himmel und Erde« vorhanden ward, geschrieben mit »schwarzem Feuer auf weißem Feuer«. Als dann Gott zur Schöpfung schritt, konsultierte er das Wort. Wenn Gott das Wort zu Rate zog, hat er es nicht selbst geschaffen. Es muss vor Gott da gewesen sein. Warum sollte Gott Antworten in einem Buch suchen, das er selbst geschrieben hat?

Was aber war das »Wort«? Die »Intelligenz«? Der deutsche Physiker Prof. Markolf H. Niemz (* 1964 in Hofheim am Taunus) hat ein wahrhaft kühnes Bild von der Realität entwickelt. Nach Prof. Niemz ist das All eine Art Computerprogramm, das ohne »Hardware« auskommt. Wenn alles scheinbar Reale Illusion ist, wer oder was hat sie geschaffen? In der Kabbala, der jüdischen Mystik, kommt alles aus dem Göttlichen und kehrt ins Göttliche zurück. Kabbala-Kenner Michael Laitman enthüllt in seinem Standardwerk »Kabbala für Anfänger« (7):

Es gab »nur das Einfache Höhere Licht, welches die ganze Wirklichkeit ausfüllte.« Und weiter (8): »Es gab keinen leeren Raum und keine unausgefüllte Atmosphäre, sondern es war alles mit diesem unendlichen Einfachen Licht erfüllt. Und es gab weder Anfang noch Ende. Und alles war Eins: Einfaches, vollkommen gleichmäßiges Licht. Und dieses hieß: Licht von Ejn Sof (Unendlichkeit).« Was können wir uns unter diesem mysteriösen »Licht« vorstellen?

Foto 2: Prof. Oberths
bahnbrechendes Werk.
Alle Systeme, die die Wirklichkeit erklären sollen, sind allenfalls Versuche einer Annäherung an die Wirklichkeit. Genauer gesagt: Sie sind Versuche von Annäherungen an das, was man für die Wirklichkeit hält. Religiöse Weltbilder, fabriziert von monotheistischen Religionsgründern und ihren Anhängern, machen es sich leicht. Ein allmächtiger Gott hat das Universum, Erde inklusive, geschaffen. Diese Götter geraten allerdings recht irdisch-menschlich. Sie tun Gutes für ihre Geschöpfe, erwarten aber ewige Dankbarkeit und Kulthandlungen. Sie erlassen zum Teil seltsam anmutende Gesetze, die befolgt werden müssen. Nur wer nach diesen Gesetzen lebt, darf hoffen nach dem Tode in ein himmlisches Elysium aufgenommen zu werden. Solche »Götter« sind doch eher rechthaberische Kleingeister als allmächtige Schöpfer des Universums.

Religiös orientierte Menschen sind nicht automatisch alle dumm. Selbst Fanatiker können intelligent sein. Sie nutzen aber nicht ihre Intelligenz, um zu suchen. Warum nicht? Ganz einfach, weil sie glauben, dass alle Antworten in ihrem »Heiligen Buch« stehen. Sie suchen nicht nach Unbekanntem, weil man sie davon überzeugt hat, dass längst alles gefunden wurde. Sie versuchen auch gar nicht, Antworten auf bislang ungeklärte Fragen zu finden. Warum nicht? Weil sie glauben, alles zu wissen, was ihr Gott sie wissen lassen will. Wenn es unbeantwortete Fragen gibt, dann weil ihnen ihr Gott keine Antworten geben möchte. Zu suchen wäre dann Blasphemie. Sie akzeptieren ihr Unwissen in bravem Gottvertrauen.

Dabei haben schon die primitivsten Urformen, die in den Ozeanen hausten, gesucht. Unsere Vorvorfahren lebten im Wasser. Sie atmeten mit Kiemen, nicht mit Lungen. Das ideale Ambiente dieser unserer schlichten Urururahnen war das Wasser. Offensichtlich hatten sie keinen Anführer, der ihnen Ausflüge an Land verbieten konnte. Sie eroberten langsam das Land. Statt wie schwerelos im Wasser zu schweben, musste sie sich schwerfällig an Land dahinschleppen. Hitze versengte ihnen die Haut. Kälte schlug beißende Wunden.

Tödliche Gefahren lauerten, die es im Lebensraum Wasser nicht gab. So strapaziös und gefährlich der Umzug auch war, er brachte nicht nur Nachteile. Es tat sich eine vollkommen neue Welt für das Leben auf. Nein: Die Pioniere unter den primitiven Kleinstlebewesen eroberten eine neue Welt für sich und für ihre Nachkommen.

Unsere primitiven Vorfahren haben sich auf die Suche gemacht. Sie haben das Wasser verlassen und sind an Land gegangen. Ihre Nachkommen haben nach und nach den Heimatplaneten Erde erkundet. Ihr Wissensdrang hat sie auf die höchsten Berge steigen und in die tiefsten Abgründe der Meere tauchen lassen. Unser Wissensdurst treibt uns weiter. Geradezu zwangsläufig werden wir ins All aufbrechen. Erste zaghafte Schritte sind schon gewagt worden. Weitere werden folgen.

Das Meer ist unsere »Wiege«, Planet Erde ist unsere Kinderstube. Unsere Vorvorfahren haben die »Wiege« verlassen. Wir werden nicht in der Kinderstube ausharren. Wir werden sie verlassen. Unser Heimatplanet steht nicht im Zentrum des Universums. Er ist eine kleine unbedeutende Welt in einem unwichtigen Sonnensystems am »Rande« des Universums.

Vor vielen Jahrtausenden begannen die Menschen, Planet Erde zu erobern. Sie erkundeten zunächst die engere Heimat, dann das eigene Land. Sie erforschten schließlich den eigenen Kontinent und überquerten Berge und Meere. Irgendwann waren alle Länder erkundet, alle Flüsse befahren, alle Meere erforscht, alle Gebirge erklommen. In unseren Tagen verließen die ersten Menschen Planet Erde. Sie besuchten den Mond. Bald werden Menschen zum Mond zurückkehren. Bald werden sich Menschen zum Mars aufmachen.

Ich wage ein Prognose: Irgendwann wird es soweit sein, dass Menschen unser Sonnensystem verlassen, so wie einst die »Astronautengötter« vor Jahrtausenden aus den Tiefen des Alls zur Erde kamen. Prof. Dr. Hermann Oberth jedenfalls war davon überzeugt, dass jede Intelligenz irgendwann einmal Weltraumfahrt betreiben wird. Warum? Warum sollten einst Besucher aus dem All zur Erde gekommen sein? Warum soll der Mensch dereinst ins All aufbrechen?

Foto 3: Handschriftliche Widmung
von Prof. Oberth für Walter-Jörg Langbein.

Der »Vater der Weltraumfahrt« formulierte verallgemeinernd (9): »Das ist das Ziel: Dem Leben jeden Platz zu erobern, auf dem es bestehen und weiter anwachsen kann, jede unbelebte Welt zu beleben und jede lebende sinnvoll zu machen.« So wie wir ins All streben, so tun dies anderen Orts Außerirdische auch.


Fußnoten
(1) Lovecraft, Howard Phillips: »Gegen die Religion/ Atheistische Schriften«, Leipzig Juli 2020 (Einmalige Vorzugausgabe limitiert auf 250 Stück), Seite 60, 13.-10. Zeile von unten
(2) Lovelock, James: »Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, 1. Auflage, München 2020
(3) Ebenda, Seite 148, 1. Zeile von unten und Seite 149, 1.-6. Zeile von oben
(4) Ebenda, Kapitel 1, »Wir sind allein«, Seiten 17-20
(5) Lovecraft, Howard Phillips: »Gegen die Religion/ Atheistische Schriften«, Leipzig Juli 2020, Seite 61, 2.-7. Zeile von oben
(6) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews/ Bible Times and Characters from the Creation to Jacob«, Übersetzung nach dem deutschen Manuskript von Henrietta Szold, »The Jewish Publication Society of America«, Philadelphia 1909, Seite 3, »The First Things Created«.
(7) Laitman, Michael: »Kabbala für Anfänger«, Toronto/ Wien 2009, Seite 7, 2. Zeile von oben
(8) Ebenda, Zeilen 3-7 von oben
(9) Oberth, Hermann: »Menschen im Weltraum/ Neue Projekte für Raketen- und Raumfahrt«, 4. Auflage, Düsseldorf 1963,« S. 301

 

Zu den Fotos 
Foto 1: Prof. Hermann Oberth und Autor Langbein im Gespräch (März 1983). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Prof. Oberths bahnbrechendes Werk. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Handschriftliche Widmung von Prof. Oberth für Walter-Jörg Langbein. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein



 
568. »Nun überschreiten wir unsere Wissensgrenze«,
Teil 568 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06. Dezember 2020


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Sonntag, 29. Juli 2018

445 »Das Mekka Südamerikas«


Teil 445 der Serie 
»Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
von Walter-Jörg Langbein

Ich weiß, ich wiederhole mich: Angeblich wurden die Goldschätze Pachacamacs zum Großteil von den Inkas rechtzeitig vor den Spaniern in Sicherheit gebracht und im Wüstenboden von Pachacamac vergraben. Für die Inkas stand aber nicht der Goldwert ihrer sakralen Kunstwerke im Vordergrund, sondern deren tiefe religiöse Bedeutung. Die Spanier sahen nur Gold, Gold und Gold.

Fotos 1 und 2: Der Sonnentempel
Ob die plündernden Spanier auch goldene Statuen der Göttin Pachamama im Heiligtum von Pachacamac vorfanden? Wenn ja, dann haben sie sie eingeschmolzen und in Barrenform nach Europa geschickt. Heute gibt es keine einzige Darstellung der Göttin aus Inka- oder gar Vorinkazeiten mehr. Und die kleinen Püppchen, die Touristen als »Pachamama« angeboten werden, sind moderne Fantasien, für die bei dummen Fremden Geld kassiert wird. Mit Paschamama, der »Mutter der Welt« oder der »Mutter des Kosmos« haben diese Püppchen nichts zu tun. Von einem Theologieprofessor, Fachbereich Kirchengeschichte, Universität von Erlangen, erhielt ich erstaunliche Hinweise, auch über das Aussehen von Pachamama, als ich mich auf eine Südamerikareise vorbereitete.

»Hüten Sie sich vor dieser satanischen Pachamama!«, warnte er mich mit drohender Stimme. »Die Heiden in Peru haben sie als weiblichen Drachen dargestellt! Sie wurde verehrt und angebetet. Sie war im Glauben dieser Heiden eine Fruchtbarkeitsgöttin, verantwortlich für Wachsen und Gedeihen, für Leben und Sterben. Das männliche Gegenstück war Pachacamac!«

In Machu Picchu, zu Deutsch »alter Gipfel«, sei die Göttin in einem »Höhlentempel« verehrt worden. Diesen »Höhlentempel« gibt es tatsächlich in Machu Picchu. Ich habe ihn, den Warnungen des Professors und einem Verbotsschild am Eingang zum Trotz dennoch besucht. Die »Höhle« wurde zweifelsohne mit großem Aufwand in den gewachsenen Stein geschlagen. Beeindruckend sind die glattpolierten Wände. Deutlich zu  erkennen sind mehrere in die Wände gemeißelte Nischen. Welchem Zweck sie wohl gedient haben mögen? Dazu gibt es nur Spekulationen. Vielleicht standen da einst Statuetten der Göttin? Ein Archäologe vor Ort äußerte sich sehr vorsichtig. Die »Höhle« könne durchaus der Pachamama geweiht gewesen sein.

Bei ersten Untersuchungen von fünfzig Grabstätten analysierte man über einhundert Skelette. Man kam zum Schluss, dass über 80 Prozent weiblich waren. Das könnte darauf hinweisen, dass es in Machu Picchu tatsächlich ein Heiligtum für eine Muttergöttin gegeben hat.

Foto 3: Machu Picchu

»Jungfrauen der Sonne«, so heißt es, hätten in Machu Picchu gehaust. Solche »Jungfrauen« lebten auf der Osterinsel in verliesartigen Höhlen. In Pachacamac gab es ein Gebäude für die »Jungfrauen der Sonne«. Fakt ist, dass bei den Inkas neben dem Sonnengott Inti die Göttin Pachamama verehrt und angebetet wurde. Wer aber herrschte zum Anbeginn der Zeit? War es Inti? Oder war es Pachamama? Pachamama war eine uralte Erdgöttin, zu der die Inkas inbrünstig beteten.

Für den Besuch in den Ruinen von Pachacamac ist wenig Zeit vorgesehen, zu wenig für meinen Geschmack. Also verzichte ich auf das Abendessen in Lima und fahre am späten Nachmittag wie Jahre zuvor mit dem Taxi zur faszinierenden Stätte. Im Hotel hat man mich vor einem Alleingang eindringlich gewarnt. »In der gottverlassenen Region da draußen müssen sie damit rechnen, überfallen zu werden. Und nicht nur das! Schnell ist man da als vermeintlich reicher Tourist erschlagen, ausgeraubt und irgendwo im Wüstenboden verscharrt!« Angeblich sehen sich manche Räuber als Rächer der Inkas, die von den spanischen Räubern gepeinigt, beraubt und ermordet wurden!«
Foto 4: Im »Höhlentempel«
Bei meinem ersten Besuch Jahre zuvor hatte ich zwei Kameras dabei. Die versagten aus mysteriösen Gründen. Bei meinem zweiten Besuch, wieder im Alleingang, verzichtete  auf meine beiden Kameras. Erst als ich mit einer Gruppe in den Ruinen unterwegs war machte ich Fotos und Dias. Auf meinen Reisen war ich deshalb meist mit zwei Kameras (Minolta) unterwegs. Lange Jahre fotografierte ich nach alter Väter Sitte analog. Eine Kamera war mit Diafilm, die andere mit Negativfilm bestückt. Erst sehr spät stieg ich auf digitale Fotografie (Nikon) um.

Ich muss zugeben: Die zum Teil drastischen Warnungen haben mich doch beeindruckt und verunsichert. Also verzichte ich bei meinem Alleingang auf meine Kamera. In der Brusttasche meines Hemdes hatte ich einen Fünfzigdollar-Schein. Falls ich überfallen werden sollte, so nahm ich mir vor, würde ich sofort und ungefragt das Geld aushändigen.

Zu einem Kontakt mit einem »Räuber« kam es nicht. Ich sichtete überhaupt nur einen einzelnen Menschen. Der beachtete mich gar nicht. Mit einem Vorschlaghammer trieb er eine Eisenstange in den Boden. Er holte immer wieder weit aus und ließ seinen Hammer auf das Ende der Stange sausen. Ich glaube, dass man das metallische »Kling« bei jedem Schlag weit hören konnte. Nach einiger Zeit rüttelte der Mann an der Stange, zerrte sie wieder heraus, ging einige Schritte weiter, um erneut den Metallstab wieder ins Erdreich zu treiben.

Ich vermute, dass es sich bei dem Mann nicht um einen Archäologen, sondern um einen potentiellen Grabräuber handelte. Offenbar war er auf der Suche nach Hohlräumen im Wüstenboden. Archäologen wie Grabräuber vermuten, dass es im Bereich der Ruinen von Pachacamac noch unberührte Grabkammern gibt. Mit seiner sicher etwas brachialen, aber letztlich sehr effektiven Methode hoffte der Mann wohl Grabkammern ausfindig zu machen.

Im Hotel versicherte man mir, dass bei illegalen Grabungen wiederholt mumifizierte Hunde im Areal von Pachacamac gefunden wurden. Nach der Meinung von örtlichen Sachkundigen wurden die fast perfekt konservierten Tiere im 15. Jahrhundert als Opfer für lokale Gottheiten bestattet. Das soll bei der Beerdigung bedeutsamer Persönlichkeiten geschehen sein. Man wollte auf diese Weise die Gottheiten positiv stimmen, ihnen die Toten besonders ans Herz legen. Das würde den Verstorbenen helfen, im Jenseits angenehmer zu leben. Seltsam ist, dass man, so wurde mir berichtet, zwar die Hundemumien ausgegraben hat, aber weder die sterblichen Überreste der Menschen, noch Grabbeigaben gefunden haben will.

Foto 5: Hier wurden mumifizierte Hunde gefunden

»BBC NEWS« berichtete im September 2006 über Ausgrabungen. Man hatte Gräber von Menschen vom Chiribaya-Volk entdeckt. Im Bericht heißt es (1): »Archäologen in Peru haben die mumifizierten Überreste von mehr als 40 Hunden freigelegt, die mit Decken und Futter neben ihren Herrchen begraben wurden.« Laut BBC gehen die Archäologen davon aus, dass die Chiribaya von einem Weiterleben nach dem Tode ausgingen, und zwar von Mensch und Hund. Ob dieser Entdeckung waren die Archäologen höchst erstaunt. Grabbeigaben für tote Hunde für ihr Leben nach dem Tode seien bislang nur aus Ägypten bekannt. Eine Verbindung zwischen Peru und Ägypten kann es nach offizieller Archäologie in vorkolumbischer Zeit aber nicht gegeben haben.

Direkt beim Heiligtum von Pachacamac wurden am 9. November 2010 sechs äußerst gut erhaltene mumifizierte Hunde bei Ausgrabungen im Wüstenboden gefunden. Sie stammen aus dem 15. Jahrhundert. Am 12. November 2013 wurde eine weitere Meldung lanciert (2): »Archäologen finden mehr als 100 mumifizierte Hunde in Peru«. Alter: fast ein Jahrtausend. Es scheint in Peru einen weit verbreiteten Brauch gegeben zu haben: Bestattung von Hunden, manchmal mit, manchmal ohne menschliche Begleitung.

Foto 6: Das »steinerne Tor« von Pachacamac
Zurück ins Heiligtum von Pachacamac, zu meiner Recherche vor Ort. Außer meinem Dollarschein hatte ich ein vergilbtes Foto dabei. Es zeigte eine Zeichnung, die zwischen 1850 und 1880 entstanden sein soll. Zu sehen war ein steinernes Tor, das sich irgendwo auf dem Areal von Pachacamac befinden soll. Meinen Rundgang startete ich am »Sonnentempel«. Weiter ging es zum »Mondtempel«.  Der »Sonnentempel« wurde, das scheint erwiesen zu sein, von den Inkas erbaut, und zwar an »heiliger Stätte«. Schon 600 bis 800 n.Chr. gab es hier ein Zentrum der Wari. Lange bevor die Inkas kamen, wurde ein Gott »Ychsma« verehrt. Aus der Wari-Zeit soll das seltsame »steinerne Tor« stammen. Angeblich wurde der Stein spiegelglatt poliert, wurde der Rahmen des Tors mit unglaublicher Präzision in den Stein gefräst.

Wo sich das Tor befinden soll, konnte ich bei meinen Vorbereitungen nicht eruieren. Auch in Lima befragte Archäologen zucken nur mit den Schultern, als ich ihnen das Foto zeige. Im Zentrum von Pachacamac jedenfalls sei so ein Tor nicht zu finden. »Aber das Umfeld ist riesig! Gut möglich, dass es da irgendwo so ein Tor gibt!« Oder das Tor wurde Ende des 19. Jahrhunderts zerschlagen, als man Schotter für den Straßenbau benötigte. Vielleicht wurde auch der Stein mit dem Tor im Ganzen irgendwo in ein modernes Gebäude integriert, vielleicht in eine Kirche.

»Mein« Tor habe ich nicht gefunden. Dafür habe ich einen Eindruck gewonnen, wie riesig allein schon das Heilige Zentrum war. Die Inkas respektierten die Religion der besiegten Wari. Sie ließen ihr Heiligtum unangetastet, errichteten aber zusätzliche Bauten: den »Sonnentempel« und das »Haus der Sonnenjungfrauen«. Pizarro ließ aus dem Heiligtum Pachacamacs zentnerwiese Gold schleppen, als Pachacamacs Anteil am Lösegeld für Atahualpa (geboren um 1500, ermordet am 26. Juli 1533 in Cajamarca). Über 7 Zentner sollen die filigranen Kunstwerke aus Gold gewogen haben, die die verbrecherischen Banden von Pizarro und Co. raubten. An sakralen Kunstwerken aus Silber wurden noch größere Mengen aus dem Heiligtum geraubt.

Foto 7: Der Mondtempel (Hof)

Ich begann meinen Erkundungsgang beim Mondtempel von Pachacamac, umrundete ihn in immer größer werdenden Kreisen. Vermutlich hatte ich auch ohne es zu ahnen die eine oder andere Grabkammer unter meinen Füßen. Im Frühsommer 2018 entdeckten Archäologen der »Université libre de Bruxelles« eine unversehrte Grabkammer mit intakter Mumie (3). Die Mumie, so frohlockten die Wissenschaftler enthusiasmiert, war außergewöhnlich gut erhalten. Der Tote wurde vor rund einem Jahrtausend in ein Tuch aus pflanzlichen Fasern, Textilien und Baumwolle gewickelt. Die unter vielen Lagen Stoff verborgene Leichnam soll nun genauestens untersucht werden. Dabei wollen die Wissenschaftler darauf verzichten, die Mumie auszuwickeln. Vielmehr soll das Mumienbündel so bleiben wie es ist und mit modernsten Methoden aus der Medizin, etwa mit Hilfe  der Computeraxialtomographie, durchleuchtet werden.

Foto 8: Diese Pyramide von Sipán könne auch in Pachacamac stehen

Ausgegraben hat man auch »Strukturen«, sprich Reste von Fundamenten von Gebäuden, die schon in der Vorinkazeit Pilger beherbergten, die die heiligen Stätten von Pachacamac besuchten. Ephraim George Squier beschreibt die altehrwürdige Ruinenstadt ausführlich in seinem Werk über Peru (4): 

»In alten Zeiten war Pachacamac das Mekka Südamerikas. Und die Verehrung des Schöpfers der Welt, die von hause aus rein war, bekleidete seinen Tempel mit solcher Heiligkeit, dass Pilger aus den entlegensten Stämmen her sich zu ihm hin begaben und unbelästigt durch Stämme wallfahren durften, mit denen sie gerade im Krieg sein mochten. Natürlich erhob sich allmählich um den alten und neuen Tempel eine große Stadt, welche Priester und Tempeldiener bewohnten, und welche ›tambos‹ oder Herbergen für die Pilger enthielt. Die Wüste  ist aber über die alte Stadt hereingebrochen und hat einen groszen Teil derselben samt Stücken ihrer Ringmauer unter Flugsand begraben.«

Ephraim George Squiers Werk erschien in englischer Sprache bereits 1877 (5) unter dem Titel »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, zu Deutsch etwa »Peru – Vorkommnisse und Untersuchungen im Land der Inkas«. Vor rund 150 Jahren war Ephraim George Squier vor Ort. In den folgenden Jahrzehnten kamen kaum Fremde nach Pachacamac, dabei lag es doch recht günstig quasi vor den Toren Limas. Doch man ist fest entschlossen, Pachacamac zu einer Touristenattraktion zu machen. Touristen sollen in möglichst großer Zahl den Sonnentempel der Inkas erkunden und auch sonst zwischen Mauerresten schlendern.

Foto 9: Auch diese Pyramide von Túcume passt zu Pachacamac.



Fußnoten
(1) Meldung »Mummified dogs uncovered in Peru«, »BBC News, Lima«,  23. September 2006, Quelle: http://news.bbc.co.uk/2/hi/americas/5374748.stm (Stand 18. Juni 2018)
(2) Meldung: »Archaeologists Find More Than 100 Mummified Dogs in Peru«, 12. November 2013, https://www.dogster.com/the-scoop/mummified-mummy-dogs-lima-peru (Stand 18. Juni 2018)
(3) Meldung:»Archaeologists discover a 1,000-year-old mummy in Peru«, 25. Mai 2018.Quelle: https://phys.org/news/2018-05-archaeologists-year-old-mummy-peru.html
(4) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, Seite 84 Mitte
(5) Squier, Ephraim George: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, New York 1877

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Der Sonnentempel bon Pachacamac. Beide Fotos: Ingeborg Diekmann.
Foto 3: Machu Picchu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Im »Höhlentempel«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Hier wurden mumifizierte Hunde gefunden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Das »steinerne Tor« von Pachacamac. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Mondtempel (Hof). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Diese Pyramide von Sipán könne auch in Pachacamac stehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Auch diese Pyramide von Túcume passt zu Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

446 »Bleierne Zeit über einer Wüste des Todes«,
Teil 446 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am
5. August 2018


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