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Sonntag, 8. November 2020

564. »Abraham, der ›Herr des Alls‹ und die Chromosomen«

Teil 564 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



»Als Abraham, unser Vater, (es) verstand, bildete, kombinierte, und forschte er, und da er (alles) bedacht hatte, da gelang es ihm. Da offenbarte sich ihm der Herr der Welt.« So endet eine wichtige kürzere Fassung des »Sefer Jesirah«, »Sa’adjanische Rezension« (1) genannt. Die Übersetzung stammt von Dr. phil. Klaus Hermann (*1957), seit 1994 als akademischer Rat am »Institut für Judaistik« an der »Freien Universität Berlin«.

Foto 1: Abraham (12. Jahrhundert) soll der Urheber des »Sefer Jesira« sein.

Lazarus Goldschmidt konsultierte und übersetzte etwas ausführlichere Manuskripte zu Abrahams Kontakt mit dem »Herrn des Alls« (2): »Und als gekommen war Abraham unser Vater, Friede sei mit ihm, da er schaute, betrachtete, forschte und verstand dies; er hieb und zeichnete bis er es erlangt hatte, dann offenbarte sich ihm der Herr des Alls, gebenedeit sei sein Name, er setzte ihn auf seinen Schoss und küsste ihn auf das Haupt, und nannte ihn Abraham seinen Freund; er schloss ein mit ihm und seinen Kindern. …«

Was in der kurzen wie in der längeren Fassung des »Sefer Jesira« geschaffen wurde, das ist Leben. Nach starker jüdischer Tradition schufen Gott, der »Herr des Alls« und Abraham, »Golems«. Schon Adam soll so ein »Golem« gewesen sein, so wie auch Abraham Golems geschaffen haben soll.

Umfangreiche magische Literatur gibt präzise an, wie so ein Golem kreiert werden kann. Doch die Fülle an sehr präzisen Rezepturen belegt nur, dass man wohl an die Möglichkeit glaubte, einen Golem zu schaffen. Wie das aber konkret geschehen soll? Realistische Vorstellungen gab es keine.

Frank Cebulla verdeutlichte die Problematik recht anschaulich (3): »Um einen Golem zu erschaffen, soll man den alten Überlieferungen zufolge in festgesetzter, streng ritueller Art und Weise vorgehen. Der Magier arbeitet nicht allein, sondern holt sich mindestens zwei weitere ›Kollegen‹ zur Unterstützung. Die angehenden Golemschöpfer reinigen sich vor Beginn der Arbeit sowohl physisch als auch spirituell (durch das Sprechen von Psalmen und Gebeten) und legen weiße Gewänder an. Gearbeitet wird nachts, vorzugsweise in der vierten Stunde, ›wo das Dunkel am dichtesten ist und an die Zeit vor der Erschaffung der Welt erinnert.‹

Foto 2: Der »Golem« als Motiv in der Kunst. Unbekannter Künstler.

Der Golem wird aus ›jungfräulichem‹ Lehm geknetet, Erde von einem Ort also, wo kein anderer Mensch vorher gegraben hat und der daher unberührt ist. Für das Kneten verwendet man außerdem reines (Frühlings-) Wasser direkt aus der Erde; in einem Gefäß transportiertes Wasser ist wertlos. Nach dem fertigen Formen der Golem-Gestalt kann man  mit dessen Belebung durch magische Formeln beginnen. Spätestens an dieser Stelle sehen wir uns einem hoffnungslosen Durcheinander von Verfahren gegenüber, die es einem schwer machen, eine wirklich nachvollziehbare oder gar praktikable Variante herauszufiltern.«

Frank Cebulla untertreibt: die »Golem-Rezepte« lassen sich so gut wie gar nicht korrekt umsetzen. »Unser Verstand brütet Hirngespinste aus, wenn wir etwas nicht glauben wollen.« ,sagt »Will Graham« in der Fernsehserie »Hannibal« (4). Der vermeintlich denkende Mensch glaubt nicht, dass es eine ans Wundersame grenzende Möglichkeit, Leben künstlich zu schaffen, gibt. Also erfindet er merkwürdige Geheimrezepte, die nicht funktionieren können, weil sie das gar nicht sollen. Der Schlüssel zur wahren »Golemformel« zeigt einen Weg auf, der heute noch extrem fantastisch anmutet. Wir halten es deshalb lieber für ausgeschlossen, dass unsere Vorfahren vor vielen Jahrhunderten von diesem Weg wussten, auch wenn sie ihn nicht verstehen und schon gar nicht praktizieren konnten!

Foto 3: Zwei »Golems« als Objekte der Kunst. 
Unbekannter Künstler.

Eine zentrale Frage lautet: Woher stammt uraltes, mysteriöses Wissen? Zur Erinnerung: Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben werden, da ist ihnen schnell klar, welche Konsequenzen sie durch ihre »Verfehlung« ausgelöst haben. Adam beginnt deshalb zu beten, Gott erhört ihn, so die Legende. Gott schickt den Erzengel Raziel zu Adam. Er bringt ihm das mysteriöse »Buch Raziel«. Von Adam zu Noah: Auch Noah erhält zumindest Teile des seltsamen Buches, mit Anweisungen zum Bau der Arche.

Und weiter geht’s: Von Noah gelangt das Buch zum Patriarchen Abraham, der wieder nimmt es mit nach Ägypten. Abraham – im Besitz des himmlischen Buches Raziel, das im Saphirstein verewigt war? Abraham – der Verfasser des Buches »Sefer Jesira«? Heißt das, dass »himmlisches Wissen« im »Sefer Jesira« zu finden ist? Aryeh Kaplan (*1934; †1983) schreibt in der Einleitung zu seinem wichtigen Werk »Sefer Yetzira/the Book of Creation« (5): »Das einleitende Kolophon besagt: ›Dies ist das Buch der Briefe Abrahams, unseres Vaters, das Sefer Yetzirah heißt, und wenn man hineinschaut, gibt es keine Grenzen für seine Weisheit.‹«

Ich habe versucht, im Verlauf von Jahren der Beschäftigung mit der Kabbala, die so weitschweifig und detailreich beschriebene Magie auf ein Prinzip einzukochen. Immer wieder habe ich mich im tiefen, tiefen Wald der Kabbala verlaufen. Statt zu abstrahieren, bin ich doch wieder konkreten Regeln und Vorschriften gefolgt, die Voraussetzung für den Erfolg von Magie sein sollten.  Nicht anders erging es mir, als ich mich mit dem »Sefer Josia« beschäftigte. Je tiefer ich mich in diverse Kommentare vergrub, desto unklarer wurde das Bild.

Foto 4: Der »Herr des Alls« JHWH.
Hebräische Konsonantendes Gottesnamens.

»Jüdisches Leben online« stellt nüchtern fest (6): »Es hat viele Interpretationen des Sefer Jezira gegeben. Die frühesten Kommentatoren versuchten es als eine philosophische Abhandlung zu interpretieren, aber ihre Ausführungen warfen mehr Licht auf ihre eigenen Systeme als auf den Text. Das gleiche gilt für die Bemühungen, es in die Systeme des Sohar oder späterer Kabbalisten zu pressen. Versuche, es als ein Buch über Grammatik oder Phonetik zu betrachten, waren noch erfolgloser.« Schauen wir also in »Sepher Jesira« und hoffen wir auf Erweiterung unserer Weisheit in Sachen »Schöpfung«.

Als mir Anfang der 1980er Jahre unweit des schönen Mauerwerks einer ehemaligen kleinen Synagoge im Fränkischen ein kluger, weiser alter Herr den vielleicht entscheidenden Hinweis gab, da habe ich ihn nicht verstanden. Die »Kabbala-Magie« sei eine Buchstaben-Magie. Es würden einzelne Buchstaben des hebräischen Konsonantenalphabets hin und her geschoben, um »magische Effekte« zu erzielen. Im »Sefer Jesira« gehe es auch um Buchstabenmagie, auch wenn das Werk nicht unbedingt zur Kabbala gehöre. Ich darf noch einmal zitieren: »Ein bedeutender Philosoph des 12. Jahrhunderts äußerte sich dementsprechend, daß es keine Philosophie beinhalte, sondern göttliche Mysterien.«

Foto 5: Buchstabenmagie der Kabbala.
(Symbolbild ohne direkten Bezug zum Text!)
»Je nachdem, wohin Sie einen bestimmten Buchstaben schieben, erhalten Sie einen männlichen oder einen weiblichen Golem.« Er zeigte mir ein stark angeschmutztes Stückchen Pergament. Nach meiner Erinnerung war es etwa vier mal sieben Zentimeter groß und hatte einige wenige Zeilen aufzuweisen. Der sehr kurze Text, so hörte ich, würde beschreiben, wie man vorgehen müsse, um das Geschlecht des auf magische Weise fabrizierten Golems vorherzubestimmen.

Milde lächelnd deutete der freundliche und nachsichtige Mann auf die in braunschwärzlicher Schrift aufgetragenen hebräischen Konsonanten. »Sie müssen nur einen Konsonanten verschieben, und schon entsteht kein weiblicher, sondern ein männlicher Golem!«

Diese Worte sagten mir damals überhaupt nichts. Respektvoll-höflich nickte ich nachdenklich, machte mir einige Notizen und beschloss, mich nicht weiter mit der Kabbala-Magie zu beschäftigen. Mein »Zettelkasten« mit »wichtigen« (?) Zitaten aus Kommentaren zum »Sefer Jesira« quoll über. Wie war es möglich, dass verschiedene Experten zu ganz unterschiedlichen Erklärungen für das mysteriöse kleine Buch erarbeitet haben. Wieso konnten unterschiedliche Experten, deren Kompetenz anzuzweifeln mir nicht zusteht, ganz unterschiedliche Geheimnisse im »Sefer Jesira« entdeck(t)en? Nachdenklich stimmt mich »Jüdisches Leben online«: » Besonders bedeutungsvoll sind die vielen Berichte und Legenden, in der das Sefer Jezira benutzt wird, um einen Golem, eine Art mystischer Android, zu erschaffen.«

Nach langen Jahren der Beschäftigung mit der Kabbala im Allgemeinen und dem Buch »Sefer Jesirah«. Ich bin zur Überzeugung gekommen, dass alle Interpreten irgendwo recht haben können. »Sefer Jesira« ist offenbar ein kompaktes Kompendium, das – zum Beispiel – Hilfestellungen zur Meditation bietet, aber auch die Geheimnisse der Schöpfung erklären will. Wenn »Sefer Jesira« geheimes, verstecktes Wissen über die Schöpfung enthält, wie müssen wir uns dieses Wissen vorstellen? Nehmen wir die Spur beim Golem auf! Aryeh Kaplan weiß von einem höchst interessanten Detail zu berichten (7). Demnach wusste Eleasar ben Juda ben Kalonymos (*um 1165; †1238), Rabbi von Worms, wie man bei der Erschaffung eines Golem vorher bestimmen kann, ob ein weiblicher oder ein männlicher Golem entsteht.

Auf den Punkt gebracht: Buchstabenmagie lässt Leben entstehen. Buchstabenmagie erzeugt einen Golem. Man muss nur einen Buchstaben verschieben und schon entsteht kein weiblicher sondern ein männlicher Golem.  Chromosomen treten immer paarweise auf. Beim Menschen besitzt das »Weibchen« zweimal das gleiche Geschlechtschromosom, nämlich zwei X-Chromosomen. Das menschliche »Männchen« hingegen hat ein X- und ein Y-Chromosom aufzuweisen. Mit anderen Worten: auf der Ebene der Chromosomen unterscheiden sich »Männchen«  und »Weibchen« nur durch einen Buchstaben : XX gleich weiblich, XY gleich männlich. Man muss nur einen Buchstaben »verschieben«, um aus weiblich männlich und umgekehrt zu machen. Das ist ein alltäglicher Vorgang in der Natur. Der Zufall entscheidet über das Geschlecht eines Lebewesens. Theoretisch kann dieser Prozess praktisch manipuliert werden. Vermutlich geschieht dies schon längst im Geheimen.

Foto 6: Buchstabenmagie der Kabbala.
(Symbolbild ohne direkten
Bezug zum Text!)

Bleiben wir bei den »Buchstaben des Lebens«! Die Chromosomen  sind Strukturen, die unsere Erbinformationen, also unsere Gene, enthalten. Wir Menschen haben im Normalfall 46 Chromosomen in 23 Chromosomenpaaren. Mann und Frau unterscheiden sich durch die Geschlechtschromosomen. So haben Mann und Frau je ein Paar von Geschlechtshormonen und 22 weitere Chromosomenpaare (8).

22 Chromosomenpaare? Wenn wir im »Sefer Jesirah« nachlesen, was da über die göttliche Schöpfung geschrieben steht, dann begegnen uns wiederholt »zweiundzwanzig Grundbuchstaben« (9). Sollten eigentlich »unmögliche« Kenntnisse über Erschaffung von Leben durch Manipulation an den Chromosomen in die magischen Texte des »Sefer Jesirah« eingeflossen sein? Sollten mit den 22 »Grundbuchstaben« 22 Chromosomenpaare gemeint sein?



Fußnoten
(1) Hermann, Klaus (Übersetzer und Herausgeber): »Sefer Jezira/ Buch der Schöpfung«, Frankfurt am Main und Leipzig, 1. Auflage 2008
(2) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah. Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt am Main 1894, Seite 74 unten und Seite 75 oben, XV (A4, B7, C8, D VIII), Zitat S. 74, 14.-5. Zeile von unten
(3) Cebulla, Frank: »Schöpfung aus dem Lehm/ Der Golem in Mythos, Kabbala und Magie II«, »Der Golem«, 1. Jahrgang, Ausgabe 2/ 2000, Seiten 6-10, Zitat Seite 7, 2.-14. Zeile von oben
(4) »Will Graham« in »Hannibal«, Staffel 3, Folge 3 »Nakama«
(5) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997,  Seite X,  24.-26. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser.
(6) https://hagalil.com/judentum/kabbala/jezirah1.htm
(7) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997, Seite 153, linke Spalte, »Male and Female«
(8) Mittwoch, Dr. Ursula: »Sex and the single Chromosome«, »New Scientist«, London, 2. August 1973, Seiten 251 und 252

(9) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah/ Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt 1894, »Zweiter Abschnitt II«, Seiten 54 und 55

Zu den Fotos
Foto 1: Abraham (12. Jahrhundert) soll der Urheber des »Sefer Jesira« sein.
Foto 2: Der »Golem« als Motiv in der Kunst. Unbekannter Künstler.
Foto 3: Zwei »Golems« als  Objekte der Kunst.  Unbekannter Künstler.
Foto 4: Der »Herr des Alls« JHWH. Hebräische Konsonantendes Gottesnamens.
Foto 5: Buchstabenmagie der Kabbala.(Symbolbild ohne direkten Bezug zum Text!)
Foto 6: Buchstabenmagie der Kabbala. (Symbolbild ohne direkten Bezug zum Text!)

565. »Das Wüten des Golems«,
Teil 565 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. November 2020


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Sonntag, 1. Dezember 2019

515. »Auf der Suche nach den Göttersöhnen«

Teil 515 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gottgefällige Engel bleiben im Himmel.
Wer im »Alten Testament« nach »Göttersöhnen« sucht, der wird schnell fündig. Gott ärgerte sich maßlos über die von ihm geschaffenen Menschen, deren Nachkommen und ihr Treiben auf Erden. Damit nicht genug! Auch seine eigenen Söhne bereiteten Gott Verdruss.

Wenn ich in Vorträgen auf die biblischen »Göttersöhne« hinweise, dann reagieren nicht selten selbst emsige Bibelleser verstört. Gottvater, so bekomme ich dann immer wieder zu hören, habe nur einen Sohn, nämlich Jesus. Gern zitiere ich dann vier Verse aus meiner wortwörtlichen Übersetzung des 1. Buches Mose (1): »1) Und es war, ja, es fing an, der Mensch, sich zu mehren auf dem Gesicht der Erde und Töchter wurden ihnen (den Menschen) geboren. 2) Und sie sahen, die Göttersöhne, ja, die Töchter des Menschen, ja, gut diese (oder: schön diese) und sie nahmen die zu Frauen, von allen welche sie wählten. 3) Und er sprach, Jahwe, er, mein Geist, soll nicht herrschen im Menschen für immer, denn auch er ist Fleisch, ja seine Tage seien 100 Jahre und 20 Jahre. 4) Die Riesen, sie (waren) auf der Erde in diesen Tagen, und auch danach ebenso, als sie gingen, die Göttersöhne, zu den Töchtern des Menschen und sie gebaren ihnen, sie, die Riesen, welche die Helden, die hochgerühmten Männer.«

Dann blätterten wütende Skeptiker in ihren Bibeln und stellten erstaunt fest, dass es tatsächlich in der Bibel besagte Göttersöhne gibt. Triumphierend wird mir dann gewöhnlich entgegen geschleudert, dass im Bibeltext von Gottessöhnen (Söhne des einen Gottes), nicht aber von Göttersöhnen 8Söhne mehrerer Götter) die Rede sei.

Ich zitiere die Passage erneut, diesmal aus der Aktuellen Luther-Bibel von 2017:

»1) Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden,
2) da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten.
3) Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn er ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre.
4) Es waren Riesen zu den Zeiten und auch danach noch auf Erden. Denn als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.«

Foto 2: Rebellierende Engel steigen hinab zu den Frauen.
Fotocollage! Gespiegelt!

Tatsächlich ist im hebräischen Original von Elohim, also von Göttern die Rede, die Übersetzung Göttersöhne ist also korrekt. Ich hatte 1978 ausgiebig Gelegenheit, mich mit Prof. Dr. Georg Fohrer (*1915; †2002), Fachbereich Altes Testament an der »Friedrich Alexander Universität Erlangen«,  über die ominösen Göttersöhne zu unterhalten. Der renommierte Theologe im Gespräch mit mir: »Es sind nicht die Söhne Jahwes, es sind die Söhne der Elohim! Und weiter: Es ist nur logisch, dass von Göttersöhnen die Rede ist, also von den Söhnen der Götter. Denn die Söhne der Götter begehrten die Töchter der Menschen.« Nach Überzeugung Prof. Dr. Fohrers waren die Göttersöhne untergeordnete Götter, die schon in vorbiblischen Zeiten verehrt und angebetet wurden!

Prof. Dr. Oswald Loretz (*1928; †2014) übersetzt in seinem leider viel zu wenig beachteten Werk »Ugarit und die Bibel« (2) auch auf die Göttersöhne ein. Auch er übersetzt: »Da sahen die Göttersöhne, wie schön die Menschentöchter waren. … Die Riesen waren in jenen Tagen im Land und auch danach, als die Göttersöhne zu den Menschentöchtern kamen.«

Foto 3: Die Göttersöhne
zeugten mit den Töchtern der Menschen Riesen.
Lithographie von  Osmar Schindler, 1888

 Für gewöhnlich kennen sich selbst die besten Theologen christlicher Couleur nur im Fachbereich Altes oder Neues Testament aus. Orientalisten wiederum mögen bestens in Sachen Schrifttum des Orients informiert sein, haben aber keine Ahnung vom »Alten Testament«. Prof. Dr. Loretz indes war sowohl Theologe als auch Altorientalist. Wikipedia würdigt Prof. Dr. Oswald Loretz wie folgt (3): »Oswald Loretz leistete neben seinen alttestamentlichen Studien und seinen Ugarit-Forschungen wesentliche Beiträge für die Erforschung der Literatur-, Sprach- und Kulturgeschichte des antiken syro-palästinischen und des ostmediterran-levantinischen Raumes vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis zur Zeitenwende.«

Prof. Dr. Oswald Loretz erkannte, dass sich so mancher Verfasser von Texten, die wir aus dem Alten Testament kennen, aus sehr viel älteren Texten (Ugarit!) bedient haben muss.  Prof. Dr. Loretz weist nach, dass scheinbar harmlose Bibelverse brisante Informationen bieten: allerdings nur, wenn man korrekt übersetzt. Das aber geschieht nicht immer. Prof. Dr. Loretz wird dem Original mit seiner Übersetzung gerecht (4): »Volles Gewicht hat die alte Tradition auch noch in diesem Abschnitt von Psalm 89, wo Gottes himmlische Umgebung folgendermaßen beschrieben wird (5): ›Die Himmel preisen deine Werke, Jahwe, …Denn wer in den Wolken gleicht Jahwe, ist ähnlich Jahwe unter den Göttersöhnen?‹«

In der Lutherbibel von 2017 findet sich in Vers 7 keine Spur mehr von den Göttersöhnen: »Denn wer in den Wolken könnte dem HERRN gleichen und dem HERRN gleich sein unter den Himmlischen?«  Korrekt übersetzt finden wir den Vers in der »Elberfelder Bibel«: »Denn wer in den Wolken ist mit dem HERRN zu vergleichen? Wer ist dem HERRN gleich unter den Göttersöhnen?« Auch »Schlachter 2000« hat keine Angst von Göttersöhnen: »Denn wer in den Wolken ist dem HERRN zu vergleichen, wer ist dem HERRN ähnlich unter den Göttersöhnen?« Der »Zürcher Bibel« scheinen die Göttersöhne nicht zu schmecken: »Denn wer in den Wolken kann sich messen mit dem HERRN, wer unter den Gottessöhnen gleicht dem HERRN?« Immerhin bleiben die Gottessöhne erhalten. »Hoffnung für Alle« lässt die Göttersöhne verschwinden: »Denn wer im Himmel ist dir gleich? Kein himmlisches Wesen ist so mächtig wie du!« Auch in der »Neuen Genfer Übersetzung« vermisse ich die Göttersöhne. Wie so oft in manipulierenden Übersetzungen verharmlost man »Göttersöhne« oder »Gottessöhne« und macht »himmlische Wesen« daraus: »Denn wer dort über den Wolken hält einem Vergleich mit dem Herrn stand? Welches himmlische Wesen steht auf derselben Stufe mit dem Herrn?«

Foto 4: Der Heilige
Gottesname Jahwe,
der HERR in vielen
deutschen Ausgaben
der Bibel
Seit rund einem halben Jahrhundert bin ich auf der Suche nach den biblischen Göttersöhnen. Ich wurde so manches Mal fündig. Ein sehr schönes Beispiel ist Psalm 29. Die aktuelle Lutherbibel lässt uns Vers 1 wie folgt lesen: »Ein Psalm Davids. Bringet dar dem HERRN, ihr Himmlischen, bringet dar dem HERRN Ehre und Stärke!« Auch die »Einheitsübersetzung 2016« bietet »Ihr Himmlischen«. Ähnlich fabulieren die »Neue Genfer Übersetzung« und die »Neue Evangelistische Übersetzung«, da werden »himmlischen Wesen« angesprochen.

Wagen wir einen Blick nach England. »O heavenly beings«, also »O himmlische Wesen« finden wir in der »English Standard Version«. Dazu gibt es eine Fußnote: »Hebrew Sons of God or Sons of Might«, also »Hebräisch Söhne Gottes oder Söhne der Macht/ mächtige Söhne«. Die »New International Version« belässt es bei »heavenly beings«, also bei »himmlischen Wesen«, und verzichtet auf eine Fußnote.

Wie sich doch die Übersetzer oft winden, nur um nicht von »Göttersöhnen« sprechen zu müssen! »Ihr Söhne von Mächtigen..« fabuliert die »Wachturm Online Bibliothek« Aber wer sind denn »die Mächtigen« (Mehrzahl!)? Die »Gute Nachricht Bibel« lokalisiert sie etwas genauer, wenn sie von »Mächtigen im Himmel« spricht. Da und dort ist von »Engeln« zu lesen, auch wenn man im Original keinen Hinweis auf Engel findet.

»Mächtige Engel« sollen sich nach »Hoffnung für Alle« und der »New International Readers Version« (6) angesprochen fühlen und Gott loben und preisen.

Wahrhaft kurios fällt die Übersetzung aus, die die »Zürcher Bibel« verbreitet: »Ein Psalm Davids. Gebt dem HERRN, ihr Götter, gebt dem HERRN Ehre und Macht.« Im hebräischen Originaltext steht Jahwe. Erklärender Hinweis: Ursprünglich wurden die Originaltexte in der hebräischen Konsonantenschrift verfasst. Zeitweise durfte der heilige Gottesname Jahwe nicht ausgesprochen werden. Stattdessen musste in der Synagoge laut Adonai gesagt werden, wenn Jahwe geschrieben stand. Damit nun beim Vortrag aus der Thora nicht versehentlich doch einmal laut Jahwe ausgesprochen wurde, fügte man den hebräischen Konsonanten JHWH von Jahwe die hebräischen Vokale des Wortes Adonai bei. Adonai bedeutet Herr. Wenn Jahwe in der Schriftrolle stand, wurde laut Adonai vorgetragen.

Der besondere Respekt vor dem Gottesnamen Jahwe wurde bei der Übertragung des »Alten Testaments« ins Deutsche gewahrt. Wo im Original Jahwe stand, wurde in der deutschsprachigen Übersetzung HERR in Großbuchstaben gedruckt.

Die »Zürcher Bibel« zeigt: »Ein Psalm Davids. Gebt dem HERRN, ihr Götter, gebt dem HERRN Ehre und Macht!« Wenn wir etwas näher am Original bleiben wollen, lesen wir so: »Ein Psalm Davids. Gebt Jahwe, ihr Götter, gebt Jahwe Ehre und Macht.« Einfacher, kürzer und besser verständlich formuliert: »Ihr Götter gebt Jahwe Ehre und Macht!«

Diese Fassung des Verses 1 von Psalm 29 steht im krassen Gegensatz zum Monotheismus der Bibel. Götter sollen Jahwe Ehre und Macht geben? Welche Götter? Geradezu ketzerisch blasphemisch muss es doch für Christen sein, wenn im Text gefordert wird, dass irgendwelche Götter Jahwe Macht und Ehre geben sollen. Das könn(t)en sie doch eigentlich nur, wenn sie im Rang über Jahwe stehen! Nur der Stärkere kann dem Schwächeren »Ehre und Macht« geben.

In einem anderen Psalm, Psalm 82, tauchen wiederum Götter (Mehrzahl!) auf (7): »Gott steht in der Gottesgemeinde und ist Richter unter den Göttern.« Diese Übersetzung ist irreführend. Wortwörtlich übersetzt lautet der Vers in deutscher Sprache so: »Elohim – er steht – in der Gemeinde von El inmitten von Göttern spricht er Recht.« Prof. Dr. Oswald Loretz übersetzt so (8): »›Jahwe‹ steht in der ›El‹-Versammlung, inmitten der Götter hält er Gericht.«

Hier ist eindeutig von einer Versammlung von Göttern (Mehrzahl!). In dieser Zusammenkunft von Göttern hält ein Gott (DER Gott des monotheistischen Judentums?) Gericht?

Im Buch »Hiob«, es wird zur »Weisheitsliteratur« des »Alten Testaments« gezählt, gibt es gleich zwei Hinweise auf so eine Versammlung! Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien räumte dem kleinen Büchlein einen sehr hohen Stellenwert ein und ließ es in der Bibel unmittelbar auf die fünf Bücher Mose folgen.

Hiob Kapitel 1,Vers 6: »Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan mit ihnen.«

Hiob Kapitel 2, Vers 1: »Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, dass auch der Satan mit ihnen kam und vor den HERRN trat.«


Fußnoten
(1) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(2) Loretz, Oswald: »Ugarit und die Bibel«, »Wissenschaftliche Buchgemeinschaft«, Darmstadt 1990, Seite 60, Zeilen 1-3 von unten und Seite 61, Zeilen 1-6 von oben
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Oswald_Loretz (Stand 10.10.2019)
(4) Loretz, Oswald: »Ugarit und die Bibel«, »Wissenschaftliche Buchgemeinschaft«, Darmstadt 1990, Seite 61
(5) Psalm 89, Verse 6 und 7
(6) »you mighty angels«
(7) Lutherbibel 2017, Psalm 82, Vers 1
(8) Loretz, Oswald: »Ugarit und die Bibel«, »Wissenschaftliche Buchgemeinschaft«, Darmstadt 1990, Seite 60 unten

Zu den Fotos 
Foto 1: Gottgefällige Engel bleiben im Himmel. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Rebellierende Engel steigen hinab zu den Frauen. Fotocollage! Gespiegelt! Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3 Die Göttersöhne zeugten mit den Töchtern der Menschen Riesen. Lithographie von  Osmar Schindler, 1888. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Der Heilige Gottesname Jahwe, der »HERR« in vielen deutschen Ausgaben der Bibel.Archiv Walter-Jörg Langbein

516. »Aquila und die Söhne der Götter«,
Teil 516 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 8. Dezember 2019




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