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Sonntag, 24. November 2019

514. »Von Nan Madol bis Ugarit«

Teil 514 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Monstermauern haben mich schon immer fasziniert. Staunend stand ich vor so manchem Bauwerk der Superlative. Ein Beispiel: Die Ruinen von Nan Madol, deren Mauern auch heute noch bis in den Himmel zu ragen scheinen. Es ist erstaunlich, zu welch fantastischen Leistungen Menschen in der Lage waren! Weltweit, von der Südsee bis nach Indien, von Japan bis nach Peru, wurden vor ewigen Zeiten tonnenschwere Monstersteine zu gewaltigen Mauern aufgetürmt. Sie trotzten den Jahrhunderten, ja den Jahrtausenden. Manche hielten Erdbeben stand. Andere überdauerten Tsunamis. Monstermauern stehen noch, wenn von der Kultur ihrer Erbauer ansonsten schon lange nichts mehr zu finden ist.


Fotos 1-4: Einige der Monstermauern von Nan Madol.

Es kommt mir so vor, als hätten die zerstörerischen Kräfte längt den Kampf gegen diese Monstermauern aufgegeben.

Man sagt in Ägypten, dass sich der Mensch vor der Zeit fürchtet, die Zeit aber Angst vor der Pyramide hat (1). Zumindest Respekt hat die Zeit dann wohl vor der einen oder der anderen Monstermauer auf unserem Planeten, die von Meistern der Baukunst schon vor Ewigkeiten errichtet wurden. Angst und Bange muss es aber der Zeit werden, wenn sie an andere Mauern denkt. Die stabilsten und dauerhaftesten Mauern werden nicht aus Stein gebaut. Sie sind durabler als die massivste megalithische Mauer aus Stein und doch nur imaginär. Religiöse Fanatiker bauen scheinbar unüberwindbare Mauern, nicht aus Stein, sondern aus Angst. Religiöse wie vermeintlich wissenschaftliche Fundamentalisten mauern sich selbst ein, weil sie nur die eigene Wahrheit sehen möchten. Sie positionieren sich gern als die Alleinvertreter der angeblichen Wahrheit schlechthin. Sie mauern sich ein, weil sie Angst vor Fakten haben, die ihr simples Weltbild erschüttern könnten. Fanatiker belügen sich selbst. Je weniger sie selbst an ihre Weltsicht glauben, desto höhere und dickere Mauern bauen sie in ihren Köpfen auf. Und desto fanatischer bekämpfen sie Zweifler und Andersdenkende: früher mit Feuer und Schwert, heute machen sie sie unglaubwürdig und lächerlich.

Foto 5: Cheopspyramide und Sphinx.
Historische Aufnahme um 1910

Es gibt eine Wahrheit, vor der Fundamentalisten jeder Couleur Angst haben. Sie verstärken ihre Mauern, sie lassen sie noch weiter in die Höhe wachsen. Dabei unterscheiden sich »religiöse« wie »wissenschaftliche« Fundamentalisten sehr viel weniger als beiden Lagern bewusst und lieb sein kann. Man präsentiert sich als alleiniger, als einzig berechtigter Vertreter »der Wahrheit«.

Letztlich wird der Schock umso größer werden, je länger sich Fanatiker gegen Zweifel an ihrer Weltsicht zur Wehr setzen. Es wird weltweit zu Panik kommen, wenn sich diverse »wissenschaftliche« wie »religiöse« Pseudowahrheiten als »Humbug« erweisen, um Ebenezer Scrooge (2) aus dem berühmten »Weihnachtsmärchen« von Charles Dickens (*1812; †1870) zu zitieren.

In einem Punkt unterscheiden sich »religiöse« und »wissenschaftliche« Fundamentalisten: Wissenschaftliche Hardliner sind der Überzeugung, dass der Mensch mehr von der Wirklichkeit erkannt hat als alle seine Vorfahren. Das heute gültige Weltbild hat sich nach seiner Überzeugung nach und nach evolutionär aufgebaut. Der heutige Mensch ist für ihn die momentane Krone der Evolution.

Für den religiösen monotheistischen Hardliner hat es keine solche allmähliche und zufällige Evolution des Menschen gegeben. In seinem Weltbild war der Mensch von Anfang an die »Krone der Schöpfung«, weil Gott höchstpersönlich den Menschen erschaffen und ins Paradies gesetzt hat. Beide Fanatiker haben den Menschen auf einen Thron gehoben, der früher oder später zusammenbrechen wird.

Mauern können schützen, aber auch einengen. Manche Mauern in den Köpfen sind brüchig geworden und werden von Vordenkern zum Einsturz gebracht. So wird langsam immer deutlicher sichtbar, dass es vor Jahrhunderten und Jahrtausenden keine isolierte Entwicklung auf den Kontinenten gegeben hat. Vielmehr gab es offenbar zu frühen Zeiten lange vor Kolumbus transozeanische Kontakte. Europäer waren vor Jahrhunderten im Norden Perus. Kelten haben am Bau von Kuelap, der Metropole der Wolkenmenschen, zumindest mitgewirkt. Bleiben wir in Peru: Europäer aus dem »griechischen Kulturkreis« kannten das Monster in der Unterwelt der geheimnisvollen Ruinenstadt Chavín de Huántar. Das sageumwobene Monster Minotaurus und die Kreatur von Chavín de Huántar waren womöglich identisch.

Zwei Varianten bieten sich an:

Variante 1: Einwanderer aus Griechenland brachten vor mindestens 2.500 Jahren das Abbild eines monströsen »Dings« über Syrakus nach Peru. Oder sie kannten das unheimliche »Ding« aus Europa und fertigten in Peru ein Gegenstück an.

Variante 2: Besucher aus Europa bekamen Jahrtausende vor Kolumbus die Anlage von Chavín de Huántar zu sehen. Sie erkundeten den riesigen Komplex und entdeckten das monströse »Ding« im Zentrum des Labyrinths. Sie kehrten nach Griechenland zurück und fertigten aus Stein ein furchteinflößendes »Etwas« an: ein Abbild des Monsters von Peru.  Das »Ding« von Syrakus, das aus Griechenland stammte, hatte einen Namen: »Gorgo«. Offenbar hauste »Gorgo« oder ein naher »Verwandter« aus der griechischen Mythologie in der Unterwelt von Chavín de Huántar im Norden Perus!

Foto 6: ‭Monster »Gorgo«.
Zeichnung: Grete C. Söcker
Es gibt verblüffende Tatsachen, die eigentlich unmöglich, aber doch real sind. Homer beschreibt in seiner »Odyssee« und in seiner »Ilias« (3) »Gorgo« als eine scheußliche Kreatur der Unterwelt, so wie das »Ding« von Chavín de Huántar, das im Norden Perus in der Unterwelt verborgen ist.

Nach Hesiods Werk »Theogonie«, das die Mythologie der Entstehung der Götter beschreibt, hausten die furchteinflößenden Gorgonen (4) »jenseits des großen Okeanos, hart an der Grenze der Nacht«. Dr. Enrico Mattievich, Prof. emeritus der »Federal University of Rio de Janeiro«, ist davon überzeugt, dass Homers Reise in die Unterwelt keine dichterische Fiktion ist. Vielmehr kommt er in seinem Werk zur Überzeugung, dass da reale Örtlichkeiten beschrieben werden, die  in Südamerika anzusiedeln sind. In seinem penibel recherchierten Werk »Journey to the Mythological Inferno« (5) lässt der Wissenschaftler kaum Zweifel aufkommen! Homer beschreibt, so Dr. Mattievich, die »Unterwelt« von Chavín de Huántar. »Ancient Origins« fasst zusammen (6):

»Ein Teil des Buchs erforscht die Ähnlichkeiten zwischen Chavín de Huántar und der Beschreibung bei Hesiod. Es passen nicht nur Hesiods geographisch Beschreibungen zur Stätte (von Chavín de Huántar), örtliche Legenden stimmen auch mit der griechischen Mythologie überein und außerdem scheinen Funde im Tempel zu korrespondieren.« Ich darf noch einmal das Fachblatt »Ancient Origins« zitieren (7): »Antike griechische Legende scheint Ort in Peru zu beschreiben: Früher Kontakt?«

Für den religiösen monotheistischen Hardliner hat es keine solche allmähliche und zufällige Evolution des Menschen gegeben. Sein »Heiliges Buch« kann und darf auch nicht nach und nach entstanden sein. Es wurde, so die Fundamentalisten der monotheistischen Religionen, von Gott erschaffen und existierte von Anfang an in der heute vorliegenden Form.  Mancher Fanatiker unterscheidet gar nicht zwischen Gott und seinem Heiligen Buch. Für ihn ist das Buch das Heilige und vollkommen frei von Fehlern. Natürlich hat Gott auch nicht abgeschrieben oder auch nur ältere Texte weiterentwickelt oder gar übernommen.

Zu den spannendsten Stunden meines Studiums der evangelischen Theologie gehörte die detektivische Beschäftigung mit den Namen biblischer Personen. Jehu war in der Zeit von 841 v.Chr. bis etwa 814 v. Chr. König von Israel. Sein Name Jehu lässt sich mit »Jahwe ist er« übersetzen. Sollte es sich bei Jehu in Wirklichkeit um eine Chiffre für Jahwe handeln? Über »Jahwe ist er« lesen wir (8): »Und Jehu versammelte alles Volk und ließ ihnen sagen: Ahab hat Baal wenig gedient; Jehu will ihm besser dienen.« Dieser »Jahwe ist er« gibt sich scheinheilig als Anhänger Baals aus. Er lässt alle Baals-Priester zu einem Festgelage einladen. Wer die Einladung ausschlägt, wird umgebracht (9), lässt Jehu verkünden und verleiht so seiner Einladung mehr Nachdruck. Jehus Motivation (10): »Aber Jehu tat dies mit Hinterlist, um die Diener Baals umzubringen.« Das traurige Ergebnis der Hinterlist Jehus: Alle Diener Baals werden ermordet. Jehu alias »Jahwe ist er« lässt unter den Baal-Anhängern ein Blutbad anrichten, so steht’s im »Alten Testament«.

Foto 7:  Eine Seite aus
Hesiods Theogonie
Weniger brutal geht es nach einem sehr viel älteren Keilschrifttext aus Ugarit (11) zu. Unterweltgott Mt sendet Götterboten zu Baal. Baal erhält »eine Einladung zu einem Gastmahl, verbunden mit der Drohung ihn zu durchbohren und aufzufressen, falls er der Einladung nicht entsprechen würde.« Erst nach einer zweiten Einladung macht sich Baal auf den Weg. Wenig später ist Baal tot. »Die Göttin Anat geht auf die Suche nach Baal und findet ihn niedergesunken, tot in der Unterwelt.«

In Ugarit wurde nur Baal selbst mit dem Tod bedroht, so er die Einladung ausschlagen sollte. Der »Jahwe ist er« lädt alle Priester Baals ein und schüchtert sie alle ein. Wer nicht zum Festschmaus kommt. Der wird umgebracht.

Jetzt wird es spannend: »Hierauf vollzieht El die Trauerriten und klagt laut um Baal. El ersucht seine Gemahlin, Atrt, einen Nachkommen Baals im Königtum vorzuschlagen.«

Gott El taucht um 1400 v.Chr. erstmals in den Keilschrifttexten von Ugarit auf. El war (zumindest für einen Teil der Bevölkerung von Ugarit) der höchste Gott. Er wurde als »Schöpfer der Schöpfung«, »Erbauer des Erbauten« und »Vater der Menschheit« bezeichnet. Diese lobpreisenden Beinamen passen auch auf den Schöpfergott des Alten Testaments Jahwe. Und der hatte – auch – den Beinamen El! Freilich wird häufig der Name El einfach mit »Gott« übersetzt und »El« verschwindet als Name. Ein Beispiel (12)! Wörtlich: »Du El mich sehend!« Freier: »Du bist El, der mich sieht.« Luther-Bibel 2017: »Du bist ein Gott, der mich sieht.« Ein Gott, der mich sieht? Daraus kann man schließen, dass es nicht nur einen Gott gab, sondern mehrere. Und einer davon war »ein Gott, der mich sieht«.

Noch ein Beispiel (13)! Wörtlich: »Er ist El, der mich mit Kraft umgürtet.« Luther 2017: »Gott rüstet mich mit Kraft« Der ugaritische El wird von den Autoren diverser Texte des »Alten Testaments« übernommen, teil als Eigenname, teils als Titel.

Es gibt keine »Mauern« zwischen den Epochen, auch nicht zwischen den Religionen. Eines geht ins andere über, wird verändert und weiterentwickelt. Alles fließt ineinander. Keine Religion entsteht sofort aus dem Nichts. Jede neue Religion entwickelt sich aus einer älteren. Nur rechthaberische Fundamentalisten bauen Mauern, grenzen ab. Wer nicht daran glaubt, alle überzeugen zu können, der konzentriert sich auf eine Gruppe, sperrt sie in »Mauern« und traktiert sie mit Drohungen. Wer nicht glaubt, dem winken Teufel und Hölle.


Fußnoten
(1) Das ägyptische Sprichwort kursiert in voneinander abweichenden Varianten. Drei Beispiele: »Mensch fürchtet die Zeit, Zeit fürchtet die Pyramiden«, »Der Mensch fürchtet sich vor der Zeit – die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden« und »Die Menschen fürchten die Zeit, aber die Zeit fürchtet die Pyramiden«.
(2) Ebenezer Scrooge ist die Hauptperson in der Erzählung »A Christmas Carol« (deutscher Titel: »Eine Weihnachtsgeschichte«), 1843 von Charles Dickens verfasst.
(3) »Odyssee« 11/633, »Ilias« 5/741, 8/349 und 11/36
(4) Hesiod: »Theogonie«, Verse 274-276
(5) Mattievich, Enrico: »Journey to the Mythological Inferno«, Rogem Press, 21. Juni 2010 (»Reise ins Mythologische Inferno« würde der Titel in deutscher Übersetzung lauten. Aber das bahnbrechende Werk wurde nie ins Deutsche übersetzt!)
(6) https://www.ancient-origins.net/myths-legends-europe/ancient-greek-legend-seems-describe-place-peru-early-contact-003153 (Stand 7.10.2019)
(7) »Ancient Greek Legend Seems to Describe a Place in Peru: Early Contact?«,
https://www.ancient-origins.net/myths-legends-europe/ancient-greek-legend-seems-describe-place-peru-early-contact-003153 (Stand 7.10.2019)
(8) 2. Könige 10, Vers 18
(9) Ebenda, Vers 9
(10) Ebenda, Vers 19
(11) »Die mythologischen und kultischen Texte aus Ras Schmra«, übersetzt von J. Aisleitner, 2. Auflage, Budapest 1964, Seite 13
(12) 1. Buch Mose, Kapitel 16, Vers 13
(13) Psalm 18, Vers 33
Siehe http://www.die-buecherstube.de/bibelarb/t19/bk1901.htm (Stand 8.10.2019)

Zu den Fotos
Fotos 1-4: Einige der Monstermauern von Nan Madol. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Cheopspyramide und Sphinx. Historische Aufnahme um 1910. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: ‭Monster »Gorgo«: Chavín de Huántar und Syrakus. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 7:  Eine Seite aus Hesiods Theogonie, mittelalterliche Handschrift. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


515. »Auf der Suche nach den Göttersöhnen«,
Teil 515 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 1. Dezember 2019



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Dienstag, 7. Februar 2012

Charles Dickens zum 200. Geburtstag

Eine Würdigung von Walter-Jörg Langbein

Charles Dickens
Er schrieb »A christmas carol« (»Eine Weihnachtsgeschichte«) und »Oliver Twist«. Als einer der ersten Autoren weltweit nahm er sich – neben Victor Hugo und Karl May – der Ärmsten der Armen an. Armut kannte er – wie Karl May – aus eigener Erfahrung. Karl May wurde als Sohn einer Weber-Familie geboren, verlor als Kleinstkind – wohl wegen der ärmlichsten Lebensumstände – für Jahre das Augenlicht. Charles Dickens musste als Kind in einer Schuhcremefabrik schuften, weil sein Vater im »Schuldenturm« einsaß. Eingekerkert waren auch seine Mutter und seine sieben Geschwister.

Charles Dickens ... Er erhob als einer der ersten Autoren weltweit die Stimme für die Ärmsten der Armen, für die bis dahin in der feingeistigen Literatur kein Platz war. Charles Dickens griff Themen auf, die damals das elende Leben der Massen nicht nur in England bestimmten: Armut der Unterprivilegierten, Immigration, miserable Lebensbedingungen, keine Chance auf sinnvolle Bildung, Bürden der Bürokratie, unmenschliches Verhalten der vermeintlich christlichen Oberschicht gegenüber jenen, die da unten nur an widerlichsten Lebensverhältnissen zerbrechen konnten, aus bitterer Not geborene Kriminalität und fehlende Möglichkeiten als Straftäter wieder in die ehrbare Gesellschaft aufgenommen zu werden ...

Charles Dickens:
A Christmas Carol
Charles Dickens benannte schonungslos die bis dahin verdrängten Probleme seiner Zeit. Wie Karl May war Charles Dickens unglaublich produktiv. Seine Romane rüttelten auf und fesselten eine stetig wachsende Leserschaft. Dickens publizierte seine Romane in Zeitschriften... in Fortsetzungen. So verschlang man in England von Januar 1837 und April 1839 »Oliver Twist« von Charles Dickens, der häufig seine Stoffe erst während des Schreibens entwickelte. Die ersten Folgen gingen in Druck, während Dickens an den Fortsetzungen schrieb... wie Karl May.

Und Dickens bewirkte etwas: Die breite Öffentlichkeit wurde auf das Elend der Ärmsten aufmerksam. Die Öffentlichkeit reagierte empört und zwang die Politik, endlich etwas gegen die schlimmsten Missstände zu unternehmen. So wurde der reale Slum von London, den Dickens in »Oliver Twist« so realistisch beschrieb ... so wurde die Hölle der Ärmsten der Armen abgerissen. Es ist traurig, dass es erst eines Romanautors bedurfte, um die Menschen aufzurütteln, die bequem lebend das reale Elend ihrer Mitmenschen verdrängten.

Charles Dickens
Charles Dickens wurde am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth (Hampshire) geboren, als zweites von acht Kindern. 1817 kam es zum ersten Umzug: nach Chatham in Kent. 1822 zog die Familie wieder weiter: nach London. Vater John Dickens (1786-1851), ein Angestellter im »Navy Pay Office« war versetzt worden. Das karge Salär von Vater Dickens reichte nicht, um die Familie zu ernähren. Schulden waren die Folge, Zinsen konnten nicht bezahlt werden, die Familie wanderte unter unsäglichen Bedingungen ins Gefängnis ... Der elfjährige Charles Dickens musste – elf Jahre alt! - in einer Schuhcremefabrik schuften. Seine Erfahrungen mit der bitteren Armut und der menschenunwürdigen Kinderarbeit sollte Dickens später realistisch in seinem Roman »David Copperfield« beschreiben ... und so auf die schlimmsten Zustände im England des 19. Jahrhunderts aufmerksam machen.

Erst als Vater Dickens aus dem Gefängnis entlassen wurde, konnte Sohn Charles wieder eine Schule besuchen. Das war 1826. Ein Jahr später, 1827 – Charles war 15 – bekam er eine Anstellung als Schreiber bei einem Anwalt. Da ihm eine Schulausbildung verwehrt blieb, war Charles auf eigene Studien angewiesen. Der junge Dickens war häufiger Gast im »British Museum«. Ehrgeizig wie er war, schuftete Dickens im Beruf, machte auf sich aufmerksam ... und brachte es 1829 immerhin zum parlamentarischen Berichterstatter.

Charles Dickens
Charles wollte auf keinen Fall in eine ähnliche Notsituation geraten wie sein Vater. Als sich Charles Dickens 1830 in Maria Beadnell verliebte und bei ihren Eltern um die Hand der jungen Frau anhielt, lernte er die Verachtung der sogenannten höheren Kreise für gesellschaftlich »nieder Schichten« kennen. Maria Beadnell wurde auf eine Mädchenschule in Paris geschickt, die romantische Liaison durch väterliche Gewalt beendet. Jetzt gab es für Charles Dickens nur noch ein Ziel: Er wollte unbedingt gesellschaftlich aufsteigen. Ob er sich damals vorstellen konnte, nicht nur reich, sondern einer der geachtetsten Autoren Englands, ja der Welt zu werden?

Karl May, Sohn armer Webersleute, versuchte gesellschaftliche Anerkennung zu finden: als Lehrer. Doch kleinste »kriminelle« Verfehlungen, vorwiegend Bagatelldelikte, brachten dem Vater von »Old Shatterhand« und »Winnetou« ins Gefängnis. Noch in der Haft plante May eine Zukunft als Schriftsteller. Karl May gelang der Aufstieg zum wohlhabenden Romanautor. Immens fleißig, kreierte er geradezu ausufernde Fortsetzungsromane ... wie Charles Dickens. Dickens allerdings blieb das Gefängnis erspart.

Karl May
Charles Dickens schreib ab 1831 für die »True Sun«, wirkte am »Parlamentsspiegel« mit und erhielt schließlich eine Anstellung beim »Morning Chronicle«. 1836 erregte Dickens mit seinen »Pickwick Papers« (»Die Pickwickier«), die in Fortsetzungen erschienen, Aufsehen.

Charles Dickens hatte den richtigen Weg eingeschlagen: Er wollte durch seine aufrüttelnden Werke etwas tun, um das Los der Ärmsten der Armen zu verbessern. Und er wollte für sich den gesellschaftlichen Aufstieg erreichen. Beides gelang ihm. Seine Werke schildern einerseits hart unglaubliche Missstände ... Sein ganz besonderer, häufig zynischer Humor kennzeichnen sein Werk. Und sein Werk machte Dickens zum Publikumsliebling, ja für viele seiner Zeitgenossen zur Lichtgestalt.

Mit dem Erfolg kamen aber auch die Neider. Dickens wurde vorgeworfen, andere Werke geguttenbergt, sprich plagiiert, zu haben. Einige Empörung löste Dickens' Trennung von seiner Frau Catherine aus ... nach über zwanzigjähriger Ehe und – auch als Vater war Dickens sehr produktiv – zehn gemeinsamen Kindern. Charles Dickens meinte, ohne seine neue große Liebe, die junge Schauspielerin Ellen Ternan, nicht leben und schreiben zu können. Im Haus der Schauspielerin, so heißt es, sei er am 9. Juni 1870 gestorben.

Oliver Twist
Sein Publikum blieb Charles Dickens allen Skandalen zum Trotz treu. Wie ein Star aus unseren Tagen wurde er bejubelt, nicht nur in England, sondern auch in den Vereinigten Staaten von Amerika. Von Amerika war Dickens allerdings bitter enttäuscht. Hatte er sich doch die USA als ein freiheitliches und tolerantes Land erhofft ... als einen Hort gesellschaftlicher Harmonie und Gerechtigkeit im Gegensatz zum England der Adelsherrschaft und der krassen Klassenunterschiede. Die Realität aber sah anders aus als erträumt: Wie in England gab es auch in den USA klares Klassendenken. Statt sozialer Gerechtigkeit gab es auch hier krasse Unterschiede zwischen Arm und Reich ... und Sklaverei!

Am 9. Juni 1865 wäre Charles Dickens fast bei einem tragischen Zugunglück ums Leben gekommen. Moralapostel sahen in der Bahnkatastrophe göttliche Bestrafung für Dickens' »sittliche Verfehlung«. Geschah die Entgleisung doch, als Dickens von seiner Geliebten Ellen Ternan zurückkam. Dickens kümmerte sich zunächst rührend um Verletzte, denen er erste Hilfe leistete. Dann barg er das Manuskript seines letzten vollendeten Werkes aus den Trümmern, »Unser gemeinsamer Freund« (»Our mutual friend«). Dickens' letzter Roman, »Das Geheimnis des Edwin Drood« («The Mystery of Edwin Drood«) blieb unvollendet.

DavidCopperfield
Vor zweihundert Jahren wurde einer der Riesen der Weltliteratur geboren ... Charles Dickens. Seine letzte Ruhestätte fand der scharfe Kritiker frömmelnder Lügen ausgerechnet in der Londoner »Westminster Abbey«, wo Englands Monarchen seit ewigen Zeiten gekrönt und beigesetzt werden. Ob sich Charles Dickens in deren nobler Gesellschaft wohlgefühlt hätte ... das ist zu bezweifeln. Ein Trost wäre es ihm wohl gewesen, dass ganz in seiner Nähe eine Statue zu Ehren eines anderen literarischen Giganten Englands aufgestellt wurde ... das Standbild von William Shakespeare!

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(Abb. 1-5: Creative Commons - Wikipedia)

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