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Sonntag, 9. August 2020

551. »Von der Pyramide in die Unterwelt«

Teil 551 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Monstermauern, Mumien und Mysterien« – ein Resümee von rund fünfzig spannenden Jahren (m)einer Reise zu den geheimnisvollsten Stätten unseres Planeten. 550 Folgen (m)einer Sonntagsserie. Nr. 1 erschien am 17. Januar 2010. Diese Zeilen schreibe ich am 21. Mai 2020, »Christi Himmelfahrt«.

Die Welt bereisen wollte ich schon als Kind, als ich Karl Mays wunderbare Werke förmlich verschlang. Ich wollte Abenteuer wie »Old Shatterhand« im fernen Amerika und wie »Kara Ben Nemsi« im Orient bestehen.

1968 wurde ich 1968 von der »Dänikenitis« (1) befallen. Kennzeichnend für die »Dänikenitis« sind Symptome, auf die ich auf keinen Fall verzichten möchte: Reisefieber steht da an erster Stelle. Nichts kann es wirklich stillen, und das ist gut so. Je mehr man reist, desto stärker wird es. Wer ihm nachgibt, dessen Sehnsucht wächst. Je mehr Mysterien man erforscht, desto mehr möchte man ergründen. Es ist, scheint mir, eine Art Sucht.

Ein weiteres Symptom: Wachsende Neugier auf das Unbekannte bei gleichzeitiger Ablehnung vorgekauten »Wissens«. Und: Der von Dänikenitis Befallene denkt lieber selbst und verlässt gern die ausgetretenen Pfade von »Vordenkern«. Ich selbst verdanke dem großartigen Erich von Däniken (*1935) rund fünfzig spannende Jahre. Von Ägypten bis Zentralamerika gibt es zahllose Monumente, die an der Richtigkeit der Geschichtsschreibung zumindest doch stark zweifeln lassen. Die monströsen Riesensärge von Sakkara zum Beispiel werde ich nie vergessen.

Foto 1: »Verloren« in der Wüste - die »Djoser Pyramide« (Sakkara).

Von der Djoser-Pyramide aus blickte ich hinaus in eine steinige Höllenglut von Wüste (2). Ein einheimischer Guide erklärte mir: »Überall gibt es noch unentdeckte komplexe unterirdische Anlagen ungeahnten Ausmaßes. Immer wieder werden neue Säle unter dem Wüstenboden ausfindig gemacht. Es ist schon vorgekommen, dass parkende Busse urplötzlich einbrachen und in einem unterirdischen Schlund zu versinken drohten. Zum Glück wurde dabei noch niemand verletzt! Es wurde mit großer Wahrscheinlichkeit erst ein kleiner Teil der unterirdischen Welt entdeckt!«

Prof. Hans Schindler-Bellamy (*1901; †1982) bestätigte: »Einst gab es im Wüstenboden ein Gewirr von zahllosen unterirdischen Gängen, Räumen und Sälen. Da wurde eine Unterwelt erschaffen, von deren Größe wir keine Vorstellung haben.« Auguste-Ferdinand-François Mariette (*1821;†1881) war eher zufällig in die Region von Sakkara gekommen. Ursprünglich wollte er Manuskripte aus der Frühzeit Ägyptens finden. Er gab aber frustriert auf und hoffte auf andere Sensationen. Würde er in den Gefilden von Sakkara Sphingen ausgraben können? Rücksichtslos setzte er Dynamit ein, um mit Gewalt einen Zugang zur Unterwelt von Sakkara zu finden. Tatsächlich hatte er Erfolg, hätte dabei aber leicht tödlich verunglücken können.

Foto 2: Von hier aus ging’s
zum Eingang in die »Unterwelt«.
Am 12. November 1851 tat sich der Boden unter Auguste Mariette im wahrsten Sinne des Wortes auf. Offenbar hatte er ein unterirdisches Gewölbe »entdeckt«. Die von ihm ausgelöste Detonation hatte ein Loch in eine steinerne Decke unter dem Wüstenboden gerissen. Auguste Mariette stürzte in die Tiefe. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Erst als sich der Staub gelegt und man Mariette eine Fackel gereicht hatte, erkannte er, wo er sich befand: in einer gewaltigen unterirdischen Gruft, im »Serapeum« von Sakkara. Aber war Mariette wirklich der »Entdecker« der fantastischen Unterwelt? Luc Bürgin (*1970), ein blitzgescheiter Schweizer Journalist, Publizist und Schriftsteller, hat ausgiebig recherchiert (3): »Ebenso umstritten bleibt, ob und wo der französische Abenteurer Paul Lucas (*1664; †1737) bereits über ein Jahrhundert vor Mariette dort unten herumkroch.«

Ich erinnere mich an meinen Besuch in Sakkara anno 1986. Die Hitze setzte mir arg zu, als ich die leider doch recht marode Pyramide von Sakkara umrundete. Ein schmächtiges Männlein mit gewaltigem Turban führte einen noch schmächtigeren kleinen Esel mit sich. Beide sahen aus, als wären sie einem Roman von Karl May entsprungen, sie waren aber real. Der Hüter des Esels war sichtlich enttäuscht, als ich mich weigerte, sein Grautier als Reittier zu nutzen. Ich wollte dem Tierchen nun wirklich nicht meine Last zumuten. Der Mann strahlte aber, als ich ihm das für einen Ritt geforderte kleine Trinkgeld zusteckte, ohne mich auf den armen Esel zu schwingen.

Mit einladenden Gesten forderte er mich auf, ihm zu folgen. Nach einem anstrengenden »Marsch« von höchstens einem Kilometer erreichten wir einen Eingang in die Unterwelt, der leicht zu übersehen war. Da ging es über eine Treppe in die Tiefe. Gut zehn Meter unter dem Wüstenboden schließlich standen wir vor einer schmalen Eisentür, die mein Führer mit wichtiger Miene und einem eisernen Schlüssel von beachtlicher Größe öffnete. Gestenreich erklärte mir der Mann den weiteren Weg.

Während sich meine Augen an die wohltuende Dunkelheit gewöhnten, tastete ich mich voran. Und plötzlich stand ich in einer fantastischen Welt, die ohne Probleme als Kulisse für einen SF-Film genutzt werden könnte. Vor mir dehnte sich ein imposanter Gang aus und verlor sich irgendwo in der Dunkelheit. Ich maß die Breite nach: gut drei Meter. Die Höhe schätzte ich auf bis zu zehn Meter. Ich schritt den Gang ab. Wie lang mochte er sein? Mindestens 180, vielleicht 210 Meter. Der gesamte Komplex dieser mysteriösen Galerie kam mir unwirklich vor.

Foto 3: Blick in die »Galerie«.

Ich ging in der Mitte des Gangs. Irgendwo flackerten zwei oder drei Glühbirnen auf. Ich folgte dem Gang weiter und blieb immer wieder stehen. Rechts und links erkannte ich Räume unterschiedlicher Größe. In 24 dieser Räume stand je ein riesiger steinerner Monstersarg. Manche dieser Särge sahen aus, als wären sie aus Beton. Man hatte, so schien es, die Verschalung erst kürzlich entfernt. Die meisten Särge hatten einen massiven Deckel, bei einigen fehlte er. Einige Sarkophage waren nach wie vor verschlossen. Bei einigen war der massive Deckel verschoben worden. Von wem? Von potenziellen Grabräubern? Beim einem der Monstersärge hatte man, wer und wann auch immer, ein Loch in die steinerne Kiste geschlagen, um in das Innere des Sarkophags zu gelangen. Vermutlich hoffte man im Inneren Kostbarkeiten zu finden, hatte es aber nicht geschafft, den tonnenschweren Deckel auch nur ein Stück zu entfernen. Vier der Räume der Galerie waren leer. Ich nehme an, dass auch hier Monstersärge aufgestellt werden sollten. Warum das aber unterblieb? Beendete man das fantastische Projekt vorzeitig?

Foto 4: Der aufgebrochene Sarkophag.
Mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach Mariette erkundete ich die Unterwelt von Sakkara. Nach der glutheißen Wüstenhitze war es im muffigen Gang unter dem Wüstensand geradezu angenehm. Meine Taschenlampe machte es mir möglich, die Größe der Anlage mehr zu erahnen als zu erkennen. Ich tastete mich in einige der Kammern rechts und links des Gangs.

Die Monstersärge sind wirklich atemberaubend. Einen habe ich vermessen: Er war 3,85 Meter lang, 2,25 Meter breit und 2,50 Meter hoch. Die Sarkophagwand hatte oben eine Dicke von immerhin 43 Zentimetern. Verschlossen wurde die beeindruckende Riesenkiste aus Stein einst mit einem Monsterdeckel aus Stein, 62 Zentimeter dick. Nach vorsichtigen Schätzungen wiegt der Sarg mit Deckel rund achtzig, vielleicht sogar einhundert Tonnen.

Jeder dieser Riesensärge wurde aus einem einzigen Klotz aus härtestem Granit gefertigt. Der Steinbruch befindet sich in Assuan, rund 1.000 Kilometer entfernt. Warum machte man sich vor Jahrtausenden die Mühe, die monströsen Steinsärge 1.000 Kilometer in die Einöde der Wüste zu transportieren? Warum wurde die unheimliche Unterwelt nicht direkt bei Assuan geschaffen? Wie bugsierte man diese Steinmonster zehn Meter in die Tiefe, um sie in Räumen entlang eines Ganges zu deponieren?

Foto 5: Sarkophag ohne »Deckel«.

Als ich am 16. April 1986 im Serapeum staunend vor den steinernen Riesensärgen stand, da ahnte ich nicht, dass das Mysterium Serapeum weit größere Ausmaße hat als bis heute offiziell zugegeben wird. Noch einmal Luc Bürgin (4):  »Noch verwirrender: Im Gegensatz zur Fachliteratur soll das Serapeum insgesamt weitaus mehr Sarkophage bergen als offiziell bekannt. Genauer beziffert sagenhafte 40 bis 70 Stück, wie mir bereits vor etlichen Jahren von einheimischen Experten hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert wurde. ›Längst nicht alle Gänge der Anlage sind heute für Touristen zugänglich.‹«


Foto 6: Sarkophag mit »Deckel«.

Luc Bürgin fantasiert nicht. Er hat einige der verheimlichten Monstersärge von Sakkara vor Ort in Augenschein genommen. Für ein üppiges Bakschisch schloss ein Hüter der Schlüssel ein rostiges Eisentor auf.  Für wenige Minuten durfte der sympathische Schweizer in einen Teil des unterirdischen Labyrinths eintreten, das sonst offiziell gar nicht zu existieren scheint. Keine Frage: Offensichtlich ist erst ein Teil des Serapeums bekannt. Besser gesagt: Vermutlich wurde bislang nur ein Teil der unterirdischen Anlage offiziell bestätigt und gezeigt, während weitere Teile – warum auch immer – geheim gehalten werden. Und vermutlich sind wiederum weitere Teile bis heute nicht entdeckt worden.

Foto 7: Ein »Nebenraum« der »Galerie«.

Ich vermute, dass der lange Gang mit den Räumen für die Riesensarkophage nur Teil eines komplexen Systems ist. Ich nehme an, dass es noch weitere Galerien gibt, die womöglich untereinander verbunden waren. Angeblich hat man, wie ich vor Ort gehört habe, Hinweise auf schmale Korridore entdeckt, die von der Galerie wegführten. Ein solcher Gang soll eingestürzt, ein zweiter nur ein kurzes Stück passierbar sein. Wohin man wohl gelangt, wenn man diese Gänge wieder passierbar macht? Zu weiteren Galerien? Zu weiteren Räumen mit weiteren Riesensarkophagen? Oder zu anderen Geheimnissen der Unterwelt von Sakkara?


Foto 8: Einer der Monstersärge, fotografiert um 1910.

Wirklich Geheimnisvolles aber vermag nur der zu erkennen, der dazu bereit ist einzugestehen, dass es Mysteriöses gibt. Leider glauben manche, es sei unwissenschaftlich zuzugeben, dass noch nicht alles wissenschaftlich erforscht wurde. Thomas Carlyle (*1795; †1881), schottischer Essayist und Historiker, rügte dieses Verständnis von »Wissenschaft«. Carlyle, der mit Goethe korrespondierte, brachte seine Kritik auf den Punkt: »Das wäre eine armselige Wissenschaft, die die große, tiefe, geheiligte Unendlichkeit des Nichtwissens vor uns verbergen wollte, über welcher alle Wissenschaft wie bloßer oberflächlicher Nebel schwimmt.« Wirkliche Wissenschaft ist vom Geheimnisvollen fasziniert. Wirkliche Wissenschaftler sehen die Existenz des Rätselhaften als Ansporn an, vorbehaltlos zu forschen, ohne auch nur eine einzige Antwort im Voraus auszuschließen. In diesem Sinne schrieb Justus Freiherr von Liebig (*1803; †1873): »Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.« Wirkliche Wissenschaft macht nicht irgendwo halt, sie kennt keine Dogmen. Sie ist stets bemüht, das noch Geheimnisvolle zu ergründen.

Wer wirklich sucht, muss anzweifeln. Diese Steinmonster gigantischen Ausmaßes, man nennt sie in der Literatur gewöhnlich »Sarkophage«. Diese Bezeichnung habe ich übernommen. Aber waren diese Steinkisten wirklich Särge (5)? Oder waren sie etwas ganz anderes? Und wenn sie keine Steinsärge waren, was waren sie dann?


Fußnoten
(1) Der Ausdruck »Dänikenitis« wurde 1968 von der »New York Times« kreiert.
(2) Siehe hierzu Langbein, Walter-Jörg: »Monstermauern, Mumien und Mysterien Band 3«, 2. Auflage, Alsdorf, August 2019, Kapitel 33 und Kapitel 34, Seiten 233-244
(3) Bürgin, Luc: »Die verheimlichten Sarkophage von Sakkara«, Artikel, erschienen in »mysteries« Nr. 4, Juli August 2019, Seiten 12-19, Zitat Seite 15, rechte Spalte, 10.-12. Zeile von oben
(4) Ebenda, 14.-19. Zeile von oben
(5) Vielen Dank, Roland Rambau, für den anregenden Kommentar bei facebook!



Zu den Fotos
Foto 1: »Verloren« in der Wüste - die »Djoser Pyramide« (Sakkara). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Von hier aus ging’s zum Eingang in die »Unterwelt«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick in die »Galerie«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Der aufgebrochene Sarkophag. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sarkophag ohne »Deckel«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sarkophag mit »Deckel«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Ein »Nebenraum« der »Galerie«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Einer der Monstersärge, fotografiert um 1910. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


552. »Paulus wurde entrückt und altindische Vimanas«,
Teil 552 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. August 2020



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Sonntag, 12. September 2010

34 »Monstermumien im Alten Ägypten?«

Teil 34 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Der Wiener Archäologe Prof. Hans Schindler-Bellamy hat mich auf das Grabungsfeld von Sakkara aufmerksam gemacht. Seiner Empfehlung folgend nehme ich von Kairo aus ein Taxi gen Süden. Es ist früh am Morgen und doch ist die Hitze schon fast unerträglich. Vom Ufer des träge dahinziehenden Nil winken schwer schuftende Bauern freundlich und lachen. Unweit der Cheopspyramide kippen zwei Männer alte Kühlschränke in den Eingang zu einem alten Grab. Sie werfen einige Müllsäcke hinterher. Die Millionenstadt Kairo wächst an die Pyramiden heran.

Ich weiß: Im-Hotep wirkte um 2.600 v. Chr. als berühmter Architekt und Weisheitslehrer im Alten Ägypten. Er war es, der dem König Djoser die Stufenpyramide von Sakkara entwarf und baute. Er war es, der die älteste Weisheitslehre Ägyptens verfasste. Das umfangreiche Werk ging leider verloren. Enthielt es Hinweise auf das eigentliche Geheimnis von Sakkara? Wusste Im-Hotep, zu welchem Zweck die unterirdischen Anlagen von Sakkara gebaut wurden?

Die mysteriöse Pyramide
von Sakkara... Hüterin einer
geheimnisvollen Unterwelt.
Im Jahre 1850 reiste der französische Wissenschaftler Auguste Mariette (1821-1881) im Auftrag des Louvre nach Kairo. Er war fest entschlossen, Ägyptens rätselhafte Vergangenheit zu erforschen. Er wollte dazu beitragen, dass man bald Ägyptens Vergangenheit wie ein offenes Buch lesen kann. Es musste doch noch eine Vielzahl von aufschlussreichen uralten Texten geben, die von der Wissenschaft noch nicht erfasst worden waren. Bei seiner Suche hoffte Mariette auf die Mithilfe des koptischen Patriarchats. Würde ihm die hohe Geistlichkeit altägyptische Papyrus-Texte zur Verfügung stellen, die bislang unter Verschluss gehalten worden waren? Mariette reichte einen Antrag ein und bat um Einsicht in die Archive der Kopten. Lange bekam er keine Antwort, dann vertröstete man ihn. Er bekam zu hören, man müsse erst ausführlich seinen Antrag besprechen. Die Besprechungen zogen sich ohne Ergebnis hin.

Mariette wandte sich der »Cheopspyramide« und der rätselhaften Sphinx zu. Würde er Neues entdecken? Ernsthafte archäologische Ausgrabungen schienen aber nicht möglich zu sein. Neugierige Touristen störten den wissbegierigen Forscher bei der Arbeit. Mariette wollte schon aufgeben und unverrichteter Dinge Ägypten verlassen.... da machte er eine zufällige Entdeckung.

Enttäuscht schlenderte Auguste Mariette gedankenverloren über den Basar von Kairo. Er ging schlecht gelaunt von einem Antiquitätengeschäft zum anderen. Wertloser Plunder wurde leichtgläubigen Touristen angeboten. Doch zwischen billigem Ramsch gab es echte, Jahrtausende alte Antiquitäten. Mariette stieß immer wieder auf Kostbarkeiten: auf echte, wirklich antike Sphingen, auf Miniaturausgaben der großen Sphinx. Die kleinen Sphingen waren keine neuzeitlichen Kopien. Es waren Jahrtausende alte Originale. Sie stammten alle aus der Gegend von Sakkara. Die Sphinx führte Mariette nach Sakkara.

Die Sphinx führte Mariette
nach Sakkara....
Mariette machte sich mit einer kleinen Karawane auf ... in die trostlose Wüste von Sakkara. Würde er dort fündig werden? Die Einöde der glutheißen Wüste war alles andere als einladend. Die berühmte Stufenpyramide von Sakkara war damals noch nicht zu sehen. Sie lag unter Geröll und Wüstensand. Archäologische Entdeckungen schienen nicht auf Ausgräber zu warten. Wo andere Forscher erst gar nicht gesucht hatten, da machte sich Auguste Mariette an die Arbeit. Ziellos grub da und dort im Sand. Er wurde fündig und legte das Haupt einer Sphinx frei.

Unweit dieses mythologischen Fabelwesens aus Stein lag eine unscheinbare Tafel im Staub. Sie trug rätselhafte Hieroglyphen. Auguste Mariette konnte nur ein einziges Wort lesen: »Apis«, also »Stier«. Auguste Mariette kombinierte: War er auf die Spur des antiken ägyptischen Kults vom »Heiligen Stier« gestoßen? Hatte er jene Stätte gefunden, die bereits der Historiker Strabon (63 vor Christus bis 26 nach Christus) im ersten Kapitel seiner »Erdbeschreibung« schildert?

Bei Strabon heißt es: »Nahe ist auch Memphis selbst, der Königssitz der Ägypter; denn vom Delta bis zu ihr sind drei Schoien (16,65 Kilometer). Sie enthält an Tempeln zuerst den des Apis, welcher derselbe ist mit Osiris. Hier wird der für einen Gott gehaltene Stier Apis in einer Tempelhalle unterhalten. Auch ein Serapis-Tempel ist daselbst an einem sehr sandigen Orte, so dass vom Winde Sandhügel aufgeworfen werden, von welchen wir die Sphingen teils bis zum Kopfe verschüttet, teils halb bedeckt sahen.«

Auguste Mariette wähnte sich seinem Ziel näher denn je zu sein. Prof. Hans Schindler-Bellamy: »Mariette hatte die Unterwelt von Sakkara entdeckt. Labyrinthe von gewaltiger Ausdehnung erstrecken sich unter dem Wüstenboden. Das sind komplexe Anlagen ... unterirdische Gänge von vielen Kilometern Länge ... und Räume und Hallen unter dem Wüstenboden!«

Auguste Mariette setzte bedenkenlos Dynamit ein, um mit Gewalt einen Zugang zur Unterwelt von Sakkara zu finden. Er wurde fündig! Am 12. November 1851 tat sich der Boden unter Auguste Mariette im wahrsten Sinne des Wortes auf. Offenbar hatte er ein unterirdisches Gewölbe entdeckt. Die von ihm ausgelöste Detonation riss ein Loch in eine steinerne Decke unter dem Wüstenboden. Auguste Mariette stürzte in die Tiefe. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Erst als sich der Staub gelegt und man Mariette eine Fackel gereicht hatte, erkannte er, wo er sich befand: in einer gewaltigen unterirdischen Gruft. Auguste Mariette war überglücklich – und sollte doch so herb enttäuscht werden.

In der Unterwelt von Sakkara
Würde er unvorstellbare Schätze entdecken? Es sah so aus! Nur wenige Meter von ihm war eine majestätische Nische auszumachen. In ihrem Zentrum stand ein wahrhaft gigantischer steinerner Sarg. Der Atem stockte Mariette, als er mit seiner Fackel näher trat. Kein Deckel lag auf dem steinernen Monstrum. Jemand hatte, das mochte Jahrhunderte oder Jahrtausende her sein, den Deckel auf die Seite gewuchtet. Der Sarkophag war leer. Waren ihm Grabräuber zuvor gekommen?

Was war wohl in so einem riesigen Sarg aus Stein bestattet worden? Der monströse Sarkophag ließ auf kostbare Grabbeigaben hoffen. Warum sonst war er einst mit einer tonnenschweren Platte verschlossen worden? Der Deckel war wann auch immer wieder entfernt worden. Der Sarg selbst war leer. Keine Spur einer Mumie war zu finden ... von Grabbeigaben ganz zu schweigen. Waren Mumie und Grabbeigaben von Plünderern geraubt worden? Nach und nach erkundete Mariette die von ihm entdeckte »Unterwelt«. Wochenlang vermaß er den unterirdischen Saal, in den er gestürzt war. Das Zentralgewölbe allein hatte gewaltige Ausmaße: Es war dreihundert Meter lang, acht Meter hoch und drei Meter breit. Auf beiden Seiten standen monströse Sarkophage. Sie waren alle ... leer!

Mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach Mariette bin ich bei Sakkara in die Unterwelt gestiegen. Von der glutheißen Wüstenhitze kam ich in eine muffige Halle unter dem Wüstensand. Meine Taschenlampe tastet sich durch die Dunkelheit. Die Decke aus wuchtigen Steinen mag zehn Meter hoch sein. Ich schreite die Halle ab. Ich schätze ihre Länge auf dreihundert Meter. Die Breite des Zentralgewölbes messe ich genau aus: vier Meter. Rechts und links stehen monströse Särge in Nischen. Einen messe ich aus: Er ist 3,85 Meter lang, 2,25 Meter breit und 2,50 Meter hoch. Die Sarkophagwand misst immerhin 43 Zentimeter. Verschlossen wurde die beeindruckende Riesenkiste aus Stein mit einem Deckel, 62 Zentimeter dick. Nach vorsichtigen Schätzungen wiegt der Sarg mit Deckel rund einhundert Tonnen!

Jeder der Riesensärge wurde aus einem einzigen Klotz gefertigt ... aus härtestem Granit! Der Steinbruch befindet sich in Assuan ... rund 1 000 Kilometer entfernt! Warum machte man sich vor Jahrtausenden die Mühe, die monströsen Steinsärge 1000 Kilometer in die Einöde der Wüste zu transportieren? Warum wurde die unheimliche Unterwelt nicht direkt bei Assuan geschaffen?

Einer der gigantischen Monstersärge
von Sakkara.
Stundenlang habe ich die Unterwelt von Sakkara erkundet. Ich habe nur einen winzigen Bruchteil der unterirdischen Gänge und Säle untersuchen können. Viele der Riesensärge sind offensichtlich geplündert worden. Weil die wuchtigen Deckel den Grabräubern oft zu schwer waren, haben sie mit roher Gewalt Löcher in die Seitenwände geschlagen. Was haben sie entdeckt? Was haben sie gestohlen?

»Das Geheimnis der Stiermumien«,
Teil 35 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19.9.2010

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