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Sonntag, 3. Juni 2018

437 „Der steinerne Riese von Thelitz“

Teil 437 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein



Weltweit zeigen Museen nur einen Bruchteil ihrer „Schätze“. Bei der Materialfülle fehlt einfach der Platz, um alle Objekte ständig in Vitrinen zur Schau zu stellen. Es muss also immer eine Auswahl getroffen werden. Gezeigt wird in der Regel nur, was mit der gängigen Lehrmeinung im Einklang steht. Funde, die belegen könnten, dass es lange vor unserer Zivilisation bereits andere Zivilisationen gegeben haben muss (1), fristen in der Regel ein armseliges Dasein in staubigen Depots.

Michael Cremo (2), aber auch Reinhard Habeck (3), beweisen in ihren Sachbüchern, dass es tatsächlich in den Depots, aber auch (seltener) in den Vitrinen der Museen wirklich „mysteriöse Schätze“ gibt, „Funde versunkener Welten“, die so ganz und gar nicht ins Weltbild der klassischen Schulwissenschaften passen und daher gern verdrängt und verschwiegen werden.

In den vermeintlich hoch wissenschaftlichen Publikationen der Professoren werden sie, wenn überhaupt, nur selten erwähnt.

Foto 1: Emil Langbein
Manches archäologische Artefakt findet erst gar nicht den Weg in ein Museum. So ein Objekt ist der mysteriöse steinerne Riese von Thelitz, der bis heute verschollen ist. Zeuge für den ungewöhnlichen Fund ist mein Großvater väterlicherseits Emil Langbein. Vorab einige Informationen zu Emil Langbein aus neutraler Quelle. Herbert Perzel schreibt in seinem Werk „800 Jahre Michelau in Oberfranken/ Vergangenheit und Gegenwart einer fränkischen Gemeinde“ (4):

„Unsere Ordnungshüter. … Sein Nachfolger wurde Hauptwachtmeister Emil Langbein, geboren am 1. Juni 1888 in Ebersdorf bei Ludwigstadt, der 1938 zum Kommissär befördert wurde. Er mußte die Station durch die schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre führen. … Zwischendurch wechselte die Station ihren Leiter, nachdem der mittlerweile zum Oberkommissar der Landpolizei beförderte, verdienstvolle Amtsvorsteher Emil Langbein nach 17 Jahren Dienstzeit in Michelau am 1. Juni 1953 in den Ruhestand trat.“

Und weiter (5): „Emil Langbein konnte seinen Ruhestand wahrlich genießen, verstarb er doch erst am 3. Mai 1983 im Alter von fast 95 Jahren.“

Emil Langbein versah zuletzt seinen Polizeidienst in Michelau in Oberfranken am Main. Michelau liegt im oberfränkischen Landkreis Lichtenfels im nördlichen Bayern. Das mysteriöse Objekt wurde in Thelitz entdeckt. Thelitz gehört wie das Dorf Michelau (Einwohnerzahl 6474) zum Landkreis Lichtenfels. Thelitz wurde 1978 dem beschaulichen kleinen Städtchen Hochstadt (Einwohnerzahl 1645) einverleibt. 1987 wurden in Thelitz 47 Einwohner in 11 „Wohngebäuden mit 11 Wohnungen“ gezählt. Die Einwohnerzahl dürfte seither weiter gesunken sein.

Foto 2: Emil Langbein in Uniform
Nachfolgend nun das Protokoll meines Gesprächs mit Emil Langbein, das ich im Frühjahr 1977 führte.

Frage (WJL): „Wie wurdest Du auf den mysteriösen Fund von Thelitz aufmerksam?“
Emil Langbein (EM): „Im Jahr 1932 wurden bei Thelitz Erdlöcher ausgehoben, um massive Betonsockel für Strommaste zu gießen. In einer Tiefe von etwa zwei Meter stießen Arbeiter in einer dieser Gruben auf einen steinernen Riesen. Sie wussten nicht so recht, was sie mit dem Koloss anfangen sollten, also meldeten sie den Fund der zuständigen Polizei, in Michelau.“

WJL: „Daraufhin wurdest Du aktiv?“
EL: „Richtig. Zusammen mit einem Oberwachtmeister machte ich mich zu Fuß auf den Weg. Die Entfernung betrug knapp sechs Kilometer. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Nachricht vom „versteinerten Riesen“ bereits herumgesprochen. Viele Menschen strömten aus den umliegenden Dörfern nach Thelitz.“

WJL: „Was hast Du vor Ort in Thelitz unternommen?“
EL: „Ich fand, wie gesagt, eine offene Grube von etwa zwei Meter Tiefe vor. Zahllose Neugierige umsäumten das Loch. Es bestand die Gefahr, dass jemand in die Grube stürzte. Ich ließ eine behelfsmäßige Absperrung um das Loch errichten, um die Neugierigen ein Stück auf Abstand zur Grube zu halten.“

WJL: „Gab es tatsächlich einen versteinerten Menschen in der Grube?“
EL: Ich sah eine Figur in Menschengestalt am Boden der Grube. Sie war etwa 2,40 Meter groß. Einzelne Körperpartien waren sehr naturgetreu ausgeprägt, sogar die Fingernägel fehlten nicht. Merkwürdigerweise wies die Gestalt jedoch keine Geschlechtsmerkmale auf, auch fehlte jeder Haarwuchs. Der Gedanke an eine Statue zerschlug sich schnell, denn man fand weder einen Sockel noch eine Haltevorrichtung.“

WJL: „Was geschah dann?“
EL: „Ein Amateurarchäologe aus der Umgebung von Thelitz erklärte den Fund kurzerhand für archäologisch wertlos. Die Folge: Man beließ den steinernen Riesen im Erdloch und errichtete über ihm einen Betonklotz als Basis für den Elektrizitätsmast.“

Foto 3: Von links nacht rechts... Herty Langbein (meine Mutter), Emil Langbein, Tante Friedel Bär, ich (im grauen Pullover), rechts außen Onkel Rudi Bär, vorn mein Bruder Volker, ganz hinten (weitestgehend verdeckt), mein Großvater (mütterlicherseits) Heinrich Gagel.

WJL: „Warum hat man den Riesen nicht aus der Grube gehoben?“
EL: „Wie gesagt: Der Hobbyarchäologe hielt das für sinnlos. Außerdem drängte die Arbeit. Termine mussten eingehalten werden.“

WJL: „Der steinerne Riese von Thelitz blieb also im Loch?“
EL: „Genau! Ob die Figur zerschlagen wurde, oder ob man sie ganz ließ, weiß ich allerdings nicht. Zu diesem Zeitpunkt war ich wieder auf Dienstgang unterwegs.“

Foto 4: Die mysteriöse Figur...
Das Gespräch führte ich mit meinem Großvater Emil im Frühjahr 1977. Im gleichen Jahr interessierte sich ein Mitarbeiter der Redaktion des „Perry Rhodan-Report“ für den Fall und recherchierte vor Ort. Im „Perry Rhodan-Report“ Nr. 21 (6) erschien ein kurzer Bericht über den mysteriösen Fund. Im Verlauf der folgenden Jahre unterhielt ich mich noch so manches Mal über den mysteriösen Fund von Thelitz. Bis zu seinem Tod erinnerte sich mein Großvater noch sehr genau. Er bedauerte es sehr, dass „Der steinerne Riese von Thelitz“ nicht aus der Grube geholt wurde. „Man hätte ein Gestell über der Grube errichten, einen Flaschenzug anbringen müssen. Das hätte die Arbeiten aber verzögert, was die Bauleitung ablehnte.“

Der kurze Bericht im „Perry Rhodan-Report“ endet mit den Worten (7): „Man muß sich fragen, mit wie vielen Relikten aus der Vergangenheit, die wertvolle Hinweise geben könnten, ähnlich verfahren wurde.“ Das muss man sich wirklich fragen!

Wie viele Statuen, wie viele rätselhafte Figuren mögen noch vergraben darauf warten, entdeckt zu werden? Auf der Osterinsel ruhen mit Sicherheit noch viele der berühmten Kolosse im Erdreich. Und so manche Figur aus uralten Zeiten verrottet vor unseren Augen, etwa jene mysteriöse Gestalt am Münster zu Hameln. Bereits anno 1838 (oder 1848) wurde außerhalb von Holzgerlingen, Landkreis Böblingen, angeblich in der Flur »Schützenbühl« eine Steinstatue gefunden. Sie wurde aus einem Sandsteinblock heraus gemeißelt. Das Material ist grobkörnig und von gelblich-grauer Farbe.Nach einer mir vorliegenden Beschreibung ist die Figur 2,30 Meter groß, 30 Zentimeter breit und 20 Zentimeter dick. Die Oberarme liegen seitlich am Körper an, der rechte Arm ist angewinkelt. Die Hand greift waagrecht über den Körper zur Seite hin. Arme und Hände sind gut ausgearbeitet, der Rest des Körpers wirkt eher wie eine Säule mit Gürtel.

Die »Kleidung« scheint der Riese nicht zu tragen. Es ist möglich, dass ursprünglich Kleidungsstücke aufgemalt waren. Die Farben sind aber im Verlauf der vergangenen 2.500 Jahre verschwunden. Mysteriös mutet an: Die Figur ist doppelgesichtig, blickt also nach vorn und zurück. Laut »Landeskundlichen Informationssystem Baden-Württemberg (8)« trägt die »doppelgesichtige, überlebensgroße Stele aus Holzgerlingen eine sogenannte Blattkrone, die an die berühmte Statue des ›Fürsten‹ vom Glauberg in Hessen erinnert.«

Die »Blattkrone« musste ergänzt werden. Eines der an Hasenohren erinnernden Zacken musste von Experten ergänzt werden. Offenbar war es schon bei Auffinden der Figur im 19. Jahrhundert abgebrochen. Im Gegensatz zum »Fürsten« von Glauberg handelt es sich bei der Statue von Holzgerlingen nicht um einen heroisierenden Ahnen, (9) »sondern eher eine nicht genauer identifizierbare keltische Gottheit«. Stand sie einst im Freien? Oder wurde sie in einem überdachten Tempel verehrt? Wurde sie vielleicht zu Zeremonien herumgetragen? Wir wissen es nicht.

Ich konnte keine näheren Angaben über den exakten Ort in Erfahrung bringen, wo und unter welchen Umständen man die Statue gefunden hat. Musste sie ausgegraben werden? Gab es im direkten Umfeld der Figur weitere Gegenstände, die uns weitere Informationen über die Figur von Holzgerlingen geben könnten? Auch dazu habe ich keine Hinweise finden können.

Meiner Meinung nach könnte es sich bei dem steinernen Riesen von Thelitz auch um eine keltische Kultfigur gehandelt haben. Die Haltung der Arme stimmt wohl bei beiden Figuren überein. Beide Figuren scheinen unbekleidet zu sein, Geschlechtsmerkmale sind aber keine zu erkennen. Schließlich darf ich daran erinnern: Der Fundort des steinernen Riesen von Thelitz liegt im Einzugsbereich der alten Keltenfestung auf dem Staffelberg. Ist der steinerne Riese von Thelitz also ein Kelte, vielleicht gar ein keltischer Gott?

Foto 5: ... am Hamelner Münster ...
Fußnoten
1) Cremo, Michael A.: „Forbidden Archeology”, San Diego 1993
Cremo, Michael A.: „Verbotene Archäologie/ Sensationelle Funde verändern die Welt“, Essen 1994
2) Cremo, Michael A.: „Verbotene Archäologie. Die verborgene Geschichte der menschlichen Rasse“, 5. Auflage, Rottenburg, Januar 2017
Hinweis: Es gibt ältere Ausgaben dieses Buches in deutscher Übersetzung. Aber nur diese deutsche, bei Kopp erschienene Version gibt den kompletten Inhalt des Originals wieder.
3) Habeck, Reinhard: „Mysteriöse Museumsschätze/Rätselhafte Funde versunkener Welten“, Wien 2017
Hinweis: Reinhard Habeck hat eine Buchreihe verfasst über Dinge, die es nicht geben dürfte. „Dinge, die es nicht geben dürfte“, „Bilder, die es nicht geben dürfte“, „Kräfte, die es nicht geben dürfte“, „Wesen die es nicht geben dürfte“. Diese profunden Werke sind alle sehr zu empfehlen.
4) Gemeinde Michelau i.Obfr. (Herausgeber): „800 Jahre Michelau in Oberfranken/ Vergangenheit und Gegenwart einer fränkischen Gemeinde“, „Schriften des Deutschen Korbmuseums Michelau Nr. 3“, Michelau 1994, Seite 132, rechte Spalte unten und Seite 133, linke Spalte oben
5) ebenda, Seite 133, linke Spalte unten
6) „Perry Rhodan-Report“ Nr. 21, Seite XIV, erschienen in „Perry Rhodan“ Nr. 832, „Station der MVs“, München/ Rastatt August 1977
7) ebenda, die Rechtschreibung wurde nicht gemäß der Rechtschreibreform korrigiert, sondern belassen.
(8) https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/lmw_museumsobjekte/98/Stele+aus+HolzgerlingenKapitel (Stand 20.06.2018)
(9) Ebenda

Foto 6: Sie ist und bleibt ein Rätsel

Zu den Fotos:
Foto 1: Mein Großvater Emil Langbein bei einem Familienausflug. Foto Walter Langbein sen.
Foto 2: Emil Langbein in Polizeiuniform. Foto: Archiv Langbein
Foto 3: Familienausflug mit Emil Langbein. Foto Walter Langbein sen.
Foto 4: Die mysteriöse Figur am Hamelner Münster … Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: … rottet vor sich hin. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sie ist und bleibt ein Rätsel. Foto Walter-Jörg Langbein

438 „Werden wir sein wie die ‚Götter‘?“,
Teil 438 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10.06.2018




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Sonntag, 15. Oktober 2017

404 »Da umleuchtete ein Licht vom Himmel die Augen vieler«

»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 6,
Teil  404  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Loreto-Kapelle von Birkenstein.
Die Kapelle von Birkenstein misst bescheidene 9,50 Meter in der Länge und 3,50 Meter in der Breite. So bescheiden der kleine Bau von den Maßen ist, so prunkvoll ist er ausgestattet: als Verehrungsstätte.

Pilger kommen nach Birkenstein, um zur Gottesmutter zu beten, um Linderung und Heilung bei Erkrankung zu erbitten, oder um sich zu bedanken für erhaltene himmlische Hilfe.

Da scheint kaum ein anderer Ort besser geeignet zu sein, als das Haus, in dem Maria, die historische Mutter Jesu, lebte.

Die Kapelle von Loreto in Italien gilt nun als das Original. Im bescheidenen Haus soll einst Maria gelebt haben. Nur war das Original in Loreto für die meisten Christen vor Jahrhunderten unerreichbar, da einfach zu weit entfernt. Also baute man die Kapelle von Birkenstein exakt nach den Maßen des Originals. Als »Santa Casa« (»Heiliges Haus«) weltweit bekannt ist die Kapelle von Loreto, die ja ursprünglich eher ein profanes Häuschen war, ein weltliches Minigebäude, kein Ort der Andacht und Verehrung. Daran erinnert in Birkenstein der »Ofen« der Gottesmutter ebenso wie ihr »Küchenschrank«. Der »Ofen« befindet sich wie eine funktionslose Kulisse an der Ostwand, wie auch der »Küchenschrank«. Der Ofen wirkt wie die Attrappe eines »offenen Kamins«. Der Ausdruck »Küchenschrank« ist reichlich hochgegriffen, »Kästchen« passt eher. Es werden auch keine Küchenutensilien darin aufbewahrt, sondern Votivgaben, die an Heilungen erinnern sollen, für die sich die Gläubigen bei der »Mutter Gottes« bedanken wollten. Da finden sich (1) »silberne Ohren, Augen, Herzen, Arme und Beine« neben »schönen alten Rosenkränzen«.

Foto 2: Votivtafeln von Birkenstein.

Das Original in Loreto weist eine schlichte Ziegelmauer auf, die man in Birkenstein nur imitierte. Die Ziegel von Loreto sind rund zwei Jahrtausende alt, in Birkenstein hat man sie nur aufgemalt. Schwester Mayr fragt (2): »Diese einfache Mauer und die wunderbare Barockausstattung – passt denn das zusammen?« Für den gläubigen Christen gibt es keinen Widerspruch zwischen dem ärmlichen »Häuschen«, das nur aus einem Zimmer bestand, und der prunkvollen Ausstattung von Birkenstein. Die Behausung der Maria in Nazareth war nach heutigem Verständnis kein richtiges Haus, sondern nur ein kleiner Vorbau vor einer Höhle. Für tiefgläubige Katholiken war Maria die Mutter des göttlichen Jesus. Die schlichte Frau aus Nazareth wurde im Verlauf der letzten 2000 Jahre zur Miterlöserin, die in den Himmel aufgenommen wurde. Jesus selbst krönte sie zur Himmelskönigin und als Himmelskönigin mit der Mondsichel zu ihren Füßen stellten sie viele Künstler dar.

Foto 3: Votivtafeln von Birkenstein zeigen die himmlische Maria mit dem Jesuskind.

Marias mehr als bescheidene Bleibe (»1-Zimmer-Apartment«) in Nazareth wurde mit der Geburt des Heilands zum höchst bedeutsamen, heiligen Ort für die Christenheit. Die Botschaft von der einfachen Frau aus Nazareth und ihrer Bedeutung für die Christenheit soll die prunkvolle Ausstattung des kleinen Häuschens verdeutlichen. Und das gilt für rund 2000 Loreto-Kirchen und –Kapellen, die bis heute weltweit errichtet worden sind.

Den Erforscher des Mysteriösen und Geheimnisvollen freilich interessiert die Frage, wie denn das Häuschen der Maria aus Nazareth nach Loreto in Italien gelangt sein soll. Beginnen wir mit dem Ende der faszinierenden Geschichte: Mit der »Landung« des »Heiligen Hauses« in Loreto auf einem ganz und gar nicht zufällig gewählten Ort. Am 10. Dezember 1294 kam die »Santa Casa« (»Heiliges Haus«) vom Himmel hoch hernieder. Die Beschreibung erinnert den heutigen Leser zweifelsohne an so etwas wie eine profane »UFO-Landung«. Der Einsiedler Paulus de Sylva verfasste einen informativen Brief, den er keinem Geringeren als König Karl II. von Neapel sandte.

Foto 4: König Karl II von Neapel.
Zum historischen Hintergrund: Karl II. von Anjou – die Franzosen nennen ihn Charles d’Anjou, die Italiener Carlo d’Angiò wurde im Jahr 1254 geboren. Er verstarb am 6. Mai 1309 in Italien. Vom Jahre 1285 regierte er als »König von Neapel«. Der bürgerlich-weltliche Name des Paulus de Sylva kennen wir nicht. Er nannte sich »de Sylva«, was nichts mit adeliger Herkunft zu tun hat. »De Sylva« bedeutet schlich und einfach: »aus dem Wald«. »Paulus aus dem Wald« hauste in einer Klause auf dem damals noch dicht bewaldeten »Bärenhügel« bei Loreto.

Offenbar hatte Karl II., der den wenig schmeichelhaften Beinamen »der Lahme« trug, hatte wohl von wundersamen Geschehnissen gehört und »Paulus aus dem Wald« um Berichterstattung gebeten, befand sich dessen Hütte doch in unmittelbarer Nähe der himmlisch-irdischen Erscheinung. De Sylva verfasste seinen Brief an den König in lateinischer Sprache, er gehörte also gebildeten Kreisen an.

Joseph Sauren veröffentlichte anno 1883 in Einsiedeln das Werk »Das heilige Haus zu Loreto und die Lauretanischen Gnadenorte in deutschen Landen«. Darin enthalten: der komplette Text des Briefes von Paulus de Sylva an Karl II. von Neapel in lateinischer Sprache (3).

Ich zitiere aus einer deutschen Übersetzung (4): »O König, (ich schreibe Dir), um Deine fromme Neugier zu stillen, die mir den Auftrag gab zur Erzählung des großen Wunders der Übertragung des jungfräulichen Hauses, welche durch Engel durchgeführt worden ist, und zwar an die Küste Italiens in der Provinz Picenum im Gebiet von Recanati, zwischen den Flüssen Aspis und Musico (Musone) und Potentia (Potenza).«

Foto 5:  Bau der Kapelle von  Birkenstein.
Pauls de Sylva lokalisiert nicht nur genau, wo das »heilige Haus« von Engeln abgesetzt wurde, er benennt auch Zeugen (5): »Die Sache verhielt sich so, wie ich es öfter von glaubwürdigen Männern aus Recanati selbst gehört habe, und zwar von Franciscus Petrus, Kanoniker in Recanati, und insbesondere vom Kleriker Ugguccio, aber auch von den hervorragenden Rechtsgelehrten Ciscus de Cischis und Franciscus  Percivallinus aus Recanati, die alle mit vielen anderen Leuten, mit denen ich redete, zur Zeit des Wunders lebten. Ich habe dies auch in den öffentlichen Dokumenten mit Aufmerksamkeit gelesen.«

Leider ist es mir trotz intensiver Recherche nicht gelungen, die nicht näher benanannten »öffentlichen Dokumente« ausfindig zu machen, in denen angeblich das Wunder vom aus dem Himmel hernieder fahrenden Hauses auch beschrieben sein soll. Paulus de Sylva jedenfalls behauptet, diese Dokumente eingesehen und mit Zeugen gesprochen zu haben. Dann beschreibt de Sylva das fantastisch anmutende »Wunder« so, dass man es mit den Mitteln heutiger Tricktechnik für einen Sciencefiction-Film eins zu eins umsetzen könnte. Mich erinnert die Schilderung des Ereignisses aus dem Jahr 1294 an Spielbergs UFO-Visionen. Ich zitiere erneut aus Gottfried Melzers Buch »Loreto« (5):

»Im Jahre 1294 seit der Menschwerdung  des Herrn Jesus, am … 10. Dezember, als tiefes Schweigen alles gefangenhielt und die Nacht in ihrem Lauf die Mitte erreicht hatte, umleuchtete ein Licht vom Himmel die Augen vieler, die nahe am Ufer des Adriatischen Meeres sich befanden, und eine süßtönende Harmonie von Singenden trieb die Schlaftrunkenen und Müden an, das Wunder und übernatürliche Ereignis zu schauen.«

Foto 6: Transport des Heiligen Hauses als Briegmarkenmotiv

Woher dieses »Licht vom Himmel« kam, auch das beschreibt Paulus vom Wald ganz unmissverständlich (6): »Und sie sahen und schauten ein Haus von hellem Glanz umflossen, das von Engeln gestützt und durch die Luft getragen wurde. Und die Bauern und Hirten standen da und staunten voll Verwunderung über so ein gewaltiges Ereignis, und sie fielen in Verehrung nieder und harrten aus, das Ende zu sehen und den so staunenswerten Ausgang. Inzwischen wurde jenes Heilige Haus von den Engeln mitten in den großen Wald getragen und niedergestellt.«

Nüchtern betrachtet: Da kam etwas des Nachts vom Himmel, in Licht getaucht, von den staunenden Menschen bewundert. Offenbar wirkte sich die mysteriöse Landung dieses Etwas im Wald auf die Bäume aus, drückte die Bäume nieder. Für den frommen Einsiedler war dies ein Beweis für die Göttlichkeit des beobachteten Phänomens. Er interpretierte fromm-religiös (7):

»Und die Bäume selbst neigten sich 
und verehrten die Königin des Himmels 
und bis heute sieht man sie niedergeneigt 
und gekrümmt, gleichsam als frohlockten 
die Bäume des Waldes.«

Das »Heilige Haus« Marias wurde demnach von Engeln durch die Luft getragen und bei Loreto im Wald niedergesetzt. Der Überlieferung nach wurde der Platz, an dem die »Santa Casa« nicht einfach irgendwo im Wald abgestellt worden sein. Vielmehr habe sich ursprünglich an jener Stelle ein Tempel aus vorchristlichen Zeiten befunden. Paulus de Sylva vermeldet König Karl II. von Neapel: »An diesem Ort. So erzählt die Sage, sei (einst) ein (heidnischer) Tempel gestanden, der einer falschen Gottheit geweiht und von Lorbeer(büschen) umgeben war, und so wurde dieser Ort bis heute Laurentum (Lorento) genannt.«

Fotos 7-10: Vatikan 1995. Briefmarken zum Gedenken des Wunders von Loreto.

Welche »heidnische Gottheit« mag im Wald von Loreto in einem Tempel verehrt worden sein, bevor das »Heilige Haus« just dort abgestellt wurde? Der Lorbeer – griechisch Δάφνη – könnte Aufschluss geben. Im Griechischen ist die Daphne, zu Deutsch »Lorbeer«,  eine Priesterin der göttlichen »Mutter Erde«. Sie galt als Tochter des Flussgottes Ladon oder des Flussgottes Peneios und wurde – wie die Göttin Artemis – als »jungfräuliche Jägerin« verehrt. Daphne, so heißt es, wurde vom mächtigen Gott Apollon arg bedrängt. Um ihre Jungfräulichkeit zu wahren, geschah ein Mirakel: Daphne wurde in einen Lorbeerbaum verwandelt. Und Apollon trug von nun an zur Erinnerung an Daphne einen Lorbeerkranz.

Sollte es in Loreto den Tempel einer vorchristlichen, sprich heidnischen Göttin gegeben haben? War eine jungfräuliche Priesterin für den Tempelkult verantwortlich? An ihre Stelle trat die jungfräuliche Maria. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass noch in frühchristlichen Zeiten Menschen im Wald von Loreto zur heidnischen Göttin beteten. Nach und nach wurde sie durch Jungfrau Maria verdrängt. Die »jungfräuliche Jägerin« wurde von der »jungfräulichen Mutter« abgelöst.

Foto 11: Literaturempfehlung zum Thema.

Fußnoten
1) Mayr, Sr. M. Eresta: »Mein Birkenstein«, Passau 2014, S. 28, Zeilen 1 -3 von oben
2) ebenda, Zeilen 7 und 8 von oben
3) Sauren, Joseph: »Das heilige Haus zu Loreto und die Lauretanischen Gnadenorte in deutschen Landen«, Einsiedeln 1883
4) Melzer, Gottfried: »Loreto/ Der erste und ehrwürdigste Marienwallfahrtsort«, Lauerz, Schweiz, 2. Auflage 2003, S. 61-64, Zitat S. 61, rechte Spalte
5) ebenda, S. 62, linke Spalte oben
6) ebenda, S. 62, linke Spalte unten
7) ebenda, Seite 62, linke Spalte, Zeilen 1-3 von unten und S. 62, rechte Spalte, Zeilen 1-4 von oben
8) ebenda, S.62, rechte Spalte oben

Zu den Fotos
Foto 1: Die Loreto-Kapelle von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Votivtafeln von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Votivtafeln von Birkenstein zeigen die himmlische Maria mit dem Jesuskind. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: König Karl II von Neapel. Foto wiki commons/ gemeinfreiFoto 5: Fromme Malereien zeigen den Bau der Kapelle von  Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5:  Bau der Kapelle von  Birkenstein. Fromme Malerei, Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Kroatien 1994. Transport des Heiligen Hauses durch die Luft als Briefmarkenmotiv. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 7-10: Vatikan 1995. Briefmarken zum Gedenken des Wunders von Loreto. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Literaturempfehlung zum Thema. Reinhard Habeck: Überirdische Rätsel. Foto Verlag

405 »Im Ozean des Geistes«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 7,
Teil  405 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.10.2017 

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