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Sonntag, 1. Juli 2018

441 »Hölle, Hölle, Hölle!«


Teil 441 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Das »Höllental von Hinom« in unserer Zeit.

Auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus gibt es im »christlichen Abendland« die Vorstellung von der »Hölle«. Man denkt an einen nach Schwefel stinkenden Ort, wo gewaltige Feuer lodern und arme Seelen für ihre Sünden büßen müssen. »Das Handbuch der Bibelkunde« (1): »Die Hölle unseres Begriffs hat im biblischen Sprachgebrauch keine genaue Entsprechung«.

Und doch hat es einen realen Ort im Land der Bibel gegeben, der unserer Vorstellung vordergründig zumindest nahe kommt. Um 800 v.Chr. gab es diese »Hölle« im Südwesten Jerusalems. Im Gehenna-Tal wurden dem assyrischen Gott Moloch Opfer dargebracht. Dann und wann sollen sogar Menschen verbrannt worden sein, um ihn gnädig zu stimmen. Den Jahwe-Anhängern war jene Stätte ein Ort des Grauens. Vermutlich störte sie die Tatsache, dass dort gelegentlich Menschen ihr Leben ließen, nicht sonderlich. Dass aber dort einem fremden König gehuldigt wurde, missfiel ihnen sehr. Deshalb ließ König Josias um 625 v.Chr. das Tal entweihen. Weil es den Anhängern eines fremden Glaubens heilig war, ließ er es in eine stinkende Abfalldeponie verwandeln. Berge von Knochen wurden aufgehäuft und verbrannt. Müll wurde angekarrt und ebenfalls angezündet. Schwefel wurde beigefügt, um die Feuersglut Tag und Nacht nie verlöschen zu lassen. Es entstand ein Ort, der unserer Vorstellung von Hölle recht nahe kommt.

Unserer Vorstellung? Im November 2001 führte das »Institut für Demoskopie«, Allensbach, eine Umfrage zu den religiösen Glaubensvorstellungen der Deutschen durch (2).

Foto 2: Die Fresken-Wand in der Kirche Johann Baptist, Neufahrn.

70% der Deutschen über 18 gaben an, dass sie an die Existenz der menschlichen Seele glauben. Was ein Leben nach dem Tod angeht, so äußerten 60% der Befragten, dass ihrer Überzeugung nach mit dem Tod alles aus ist. Fast genauso viele Deutsche, nämlich 61%, glauben an Gott, aber nur 16% an den Teufel. Nur 12% waren von der Realität einer Hölle, aber 34% von der Existenz des Himmels überzeugt. Eine Minderheit von immerhin noch 29% glaubte anno 2001 an die Auferstehung der Toten. Heute dürften deutlich weniger Menschen an konkrete Glaubenslehren über Himmel und Hölle, Tod und Auferstehung glauben.

In den Kirchen unserer Heimat sind Höllenbilder auch heute noch präsent. Unsere altehrwürdigen Kapellen und Kirchen bieten auch heute noch kostbare Werke der sakralen Kunst, die immer weniger Menschen überhaupt noch zur Kenntnis nehmen. Sollten wir uns wirklich immer weniger für unsere Wurzeln interessieren?

Foto 3: Hölle und Kreuzigung in der Kirche Johann Baptist, Neufahrn.

Durch die bundesweit beliebte Fernsehserie »Hubert und Staller« wurde das Städtchen Wolfratshausen im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Ein Besuch lohnt sich! Wer auf den Spuren von Hubert und Staller wandelt, der kommt zwangsläufig in die Gefilde von Egling.

Anno 1315 taucht in den Urkunden eine Kirche »St. Johannes Baptist« (»Heiliger Johannes der Täufer) auf. Wir finden sie im malerischen Neufahrn bei Egling, unweit von Wolfratshausen. Die Filialkirche von Deining hatte freilich Vorgänger. Schon im Jahre 1107, das ist urkundlich bestätigt, bezog das Kloster Tegernsee Waren aus Neufahrn. Schon damals dürfte es dort eine aus Holz gebaute Kirche zu Ehren des Täufers gegeben haben. Kirchenhistoriker gehen davon aus, dass es noch früher, schon seit der Zeit von Bonifatius (672-752) oder kurz danach in Neufahrn eine Kirche »St. Johannes Baptist« gegeben hat.

Foto 4: Hölle nach Herrad von Landsberg

Der heutige Besucher sollte sich unbedingt auseichend Zeit für die Fresken an der Chorwand nehmen, die womöglich schon um das Jahr 1400 entstanden. Links unten erkennen wir eine Schutzmantelmadonna. Sie bietet Menschen aus allen Ständen Sicherheit. Am Mantel der Madonna prallen Pfeile wirkungslos ab. Die Madonna tritt allen Feinden als mächtige Himmelskönigin entgegen. Sie trägt, ihrem Rang entsprechend, ein blaues Gewand unter einem roten Mantel. Eine Krone auf dem Haupt der Madonna zeichnet sie als Königin aus.

Foto 5: Der Engel mit dem Schwer im Fresko von Neufahrn

Auf der rechten Seite: eine Kreuzigungsszene. Links vom Kreuz stehen Maria und Maria Magdalena, rechts die »Heilige Ursula«, »Barbara« und »Katharina«. Darüber: eine Höllenszene. Die Hölle wird als ein riesiges, monströses Wesen dargestellt, als eine furchteinflößende Kreatur mit weit geöffnetem, mit spitzen Zähnen ausgestattetem Maul. Der Teufel höchstpersönlich ist am Werk. Er versucht mit einer gewaltigen Kette gefangene Seelen in sein Reich zu zerren. Ob sein Gegenpart, ein hochgewachsener Engel mit Flügeln und Schwert, die Menschenseelen aus den Klauen Satans befreien kann?

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Wir leben im »christlichen Abendland«. Die mysteriösen, altehrwürdigen Fresken in alten Kirchen und Kapellen wollen uns von unseren Wurzeln erzählen. Man kann die Vergangenheit werten wie man will, man muss sie aber kennen.

»Hölle, Hölle, Hölle!« prägte lange Zeit das Weltbild des Christentums. Freilich steht das christliche Bild von »Hölle« am Ende einer Entwicklung. Aus einer fremden Kultstätte war ein stinkendes Abfallfeuer geworden. Der Prophet Jesaja versuchte den Juden seiner Zeit Angst zu machen. Wer nicht buchstabengetreu nach den Vorschriften des Judentums lebte, der würde bestraft werden. Würde im »Glutofen« des Gehenna-Tals enden (3):»Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren. Denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Gräuel sein.«

Foto 6: Höllenqualen nach Herrad von Landsberg

Jesajas Hölle kam wie der Supermarkt von morgen ganz ohne »Personal« aus. Die Hölle ist nach heutiger Vorstellung der Wohnort der Teufel, die die Sünder peinigen und quälen. Unsere Hölle ist die Heimat bösartiger Dämonen. Die biblische Gehenna-Hölle ist ein Ort, an dem Gott strafen wird: Und zwar ausschließlich vom Glauben abgefallene »Gottlose«. Teufel sind da nicht vorgesehen, auch nicht erforderlich. Der Ort als solcher ist schon qualvoll genug!

In der sakralen Kunst freilich wurden die Höllendarstellungen, etwa jene von Herrad von Landsberg (etwa 1180), fantasievoll ausgestaltet. Die Sünder litten nicht mehr nur vor sich hin, sie wurden wahrlich sadistischen Teufeln ausgeliefert, die sich gegenseitig in Sachen Foltermethoden zu übertrumpfen versuchten.

Durch den griechischen Einfluss auf das »Neue Testament« kam es zu einer Helenisierung des Begriffs »Hölle«.  Offensichtlich entwickelte sich das Bild vom Ort der Qualen: von einer grauenhaften Stätte, an der die die Sünder auf ewige Zeiten Entsetzliches zu erdulden hatten, zu einem »Warteraum« für Tote.  Die Hölle wurde zum Vorraum des Gerichts, wo Verstorbene auf die himmlische Justiz warten.

Bei Lukas lesen wir (4): »Als er nun (der Reiche) bei den Toten war, hob er seine Augen in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.« Der Reiche schmort in der Hölle. Verschlimmert werden seine Qualen dadurch, dass er sehen muss, wie gut es dem frommen Lazarus in Gottes Schoß geht. So kommt »Neuen Testament« zum heißen Ort der Qualen im  noch eine Art »Himmel« hinzu, den es im »Alten Testament« noch gar nicht gegeben hat. Das »Alte Testament« kennt lediglich die Himmel als das Firmament, das sich über den Menschen wölbt.

Foto 7: Der Engel mit dem Schwert

Die biblischen Bilder, auch jene von Hölle und Himmel, sind das Ergebnis einer Entwicklung über viele Jahrhunderte hinweg, die vielleicht niemals abgeschlossen ist. Die christlichen Glaubensvorstellungen, etwa von Hölle und Himmel, sind nicht als fertige Gedanken übernommen worden. Sie haben sich nach Beendigung der Arbeit an den biblischen Texten nach und nach entwickelt. Das zeigt, dass Glaube sich seit mehr als zwei Jahrtausenden verändert. Diese Erkenntnis gibt zu Hoffnung Anlass: Auch heute und morgen wird sich Glauben ändern. Nur dann kann er langfristig dem suchenden Menschen Hilfe bieten. 

Ein Glaube, der einmal stehen bleibt, ist ein Auslaufmodell und verschwindet irgendwann in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit. 

Fußnoten
1) Mertens, Heinrich A.: »Handbuch der Bibelkunde«, Düsseldorf  1966, Seite 336
2) »Institut für Demoskopie«, Allensbach, November 2001
3) Der Prophet Jesaja Kapitel 66, Vers 24
4) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 16, Vers 23

Zu den Fotos
Foto 1: Das »Höllental von Hinom« in unserer Zeit. Foto wikimedia commons/ Deror avi
Foto 2: Die Fresken-Wand in der Kirche Johann Baptist, Neufahrn. Foto Heidi Stahl
Foto 3: Hölle und Kreuzigung in der Kirche Johann Baptist, Neufahrn. Foto Heidi Stahl
Foto 4: Hölle nach Herrad von Landsberg (etwa 1180). Foto wikimedia commons
Foto 5: Der Engel mit dem Schwer im Fresko von Neufahrn. Foto Heidi Stahl
Foto 6: Höllenqualen nach Herrad von Landsberg (etwa 1180). Foto wikimedia commons
Foto 7: Der Engel mit dem Schwert, Fresken-Wand in der Kirche Johann Baptist, Neufahrn. Foto Heidi Stahl

442 »Höllenschlund und Höllenfeuer«,
Teil 442 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08.07.2018

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Sonntag, 1. November 2015

302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«

302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«
Teil 302 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Klosterruine »tom Roden«

Wann wurde »tom Roden« gegründet und von wem? Darüber schweigen Akten und Urkunden. Selbst im Archiv des einstigen Klosters von Corvey…. nur wenige hundert Meter von »tom Roden« entfernt, gibt es keinerlei Hinweis. Warum wurde »tom Roden« ins Leben gerufen? Auch auf diese Frage finden wir in den Urkunden keine Antwort. Grundsätzlich: Klöster waren nicht nur am Seelenheil der Gläubigen interessiert, ihre Gründerväter hatten durchaus auch finanzielle Interessen.

So war es aus wirtschaftlichen Erwägungen durchaus sinnvoll, wenn zum Beispiel ein Kloster im städtischen Bereich irgendwo auf dem Lande eine »Dependance« eröffnete, um so zu zusätzlichen Einnahmen zu kommen. Nun liegt aber »tom Roden« weniger als einen Kilometer vom Kloster Corvey entfernt, wäre als »Dependance« von Corvey eher ein finanzieller Negativposten. Kurz: Nur wenige hundert Meter von einem Kloster ein zweites Kloster zu gründen, das macht keinen Sinn.

Foto 2: Hier wurde Maria Magdalena verehrt

Darf, ja muss man also annehmen, dass »tom Roden« nicht von Corvey aus gegründet wurde? Die Kirche von »tom Roden« war der Maria Magdalena geweiht. Das kann als Hinweis verstanden werden! Es könnte sich um die Stiftung eines reuigen Sünders handeln, der – um sein Seelenheil fürchtend – schwere Schuld durch eine üppige milde Gabe zumindest mindern wollte. Oder wurde jemand dazu verurteilt, das Kloster »tom Roden« zu finanzieren?

Foto 3: Hier hauste Widukind II
Nun wird vermutet, dass die Rodungen für das Kloster »tom Roden« im zwölften Jahrhundert vorgenommen wurden. Nach intensivem Quellenstudium brachte mich auf die Spur eines wirklich aussichtsreichen Kandidaten… Widukind II. von Schwalenberg! Die Schwalenburg über dem malerischen Städtchen Schwalenberg macht heute noch einen imposanten Eindruck. Nach dem Tod des letzten Grafen von Schwalenberg fehlten die Mittel, das historische Gebäude zu erhalten. So verfiel die Burg immer mehr. 

In den Jahren 1911 bis 1913 wurde sie als Sitz für die Prinzessin Friederike zur Lippe genutzt. In den Jahren nach der Weimarer Republik diente die Burg als Müttergenesungswerk und anschließend als evangelisches Kindererholungsheim.  1960 werden die Räumlichkeiten der Burg renoviert und stehen der Öffentlichkeit als einen Restaurant und Hotel zur Verfügung. Das Restaurant bietet einen wunderbaren Ausblick auf die Umgebung. Auf historischen Aufnahmen wirkt die Schwalenburg allerdings reichlich düster, erinnert an die Kulissen für eine Frankenstein-Verfilmung in Schwarzweiß aus den 1930er Jahren. Vom Frankenstein-Monster zurück zum historischen Widukind II.

Dieser Widukind muss auch für damalige Verhältnisse ein arger Unhold gewesen sein! So erschlug Widukind II. höchstselbst anno 1156 den Stadtgrafen von Höxter, als der im Schatten der Kirche eine Gerichtsverhandlung leitete. Ein Motiv für die Bluttat ist nicht überliefert. Mag sein, dass Widukind II. sich selbst als Inhaber der Gerichtsbarkeit sah.

Foto 4: St. Kilian zu Höxter
Anno 1152 attackierte Widukind II von Schwalenberg die Stadt Höxter und nahm Geiseln. So erpresste er Lösegelder. Im gleichen Jahr – im Januar 1152 – verübte Widukind II mit seinen Mannen einen Überfall auf den Friedhof von Corvey.

Er plünderte die geheiligte Stätte, raubte sakrale Kultobjekte. Unterstützt wurde Widukind II. von Schwalenberg durch seinen nicht minder gewalttätigen Bruder Volkwin. Das Bruderpaar begnügte sich nicht mit dem Friedhof. 

Das Duo überfiel mit seiner Bande die Stadt Höxter. Vielleicht um bei künftigen Raubzügen leichter in die Stadt einfallen zu können… zerstörten die Kriegsknechte die Stadtmauer. Jetzt hatten sie jederzeit mühelos Zugriff auf die alte Weserstadt. Planten sie weitere Angriffe, weitere Raubzüge? Mag sein... Heutige Herrscher plündern in der Regel diskreter und effektiver... Ein schlechtes Gewissen hatten sie dabei wohl nicht. Wähnten sie sich gar im Recht? Waren die Überfälle auch ein Politikum, eine Machtdemonstration: Das gehört zu unserem Herrschaftsbereich, da können wir schalten und walten wie wir wollen?

Schließlich geschah etwas aus heutiger Sicht Befremdliches. Es streikten die Mönche. Sie nahmen Kruzifixe, Heiligenbilder und Reliquien aus den Kapellen und Kirchen, verstreckten alles. Kostbare Sakralobjekte wurden vergraben. Gottesdienste fanden nicht mehr statt. Erst wenn Widukind II. und sein Bruder Volkwin von der weltlichen Obrigkeit abgestraft würden, erst dann wollten sie wieder Gottesdienste abhalten. Stumm blieb das Geläut der Kirchenglocken. Die Klage wurde bis vor Friedrich Barbarossa getragen. Friedrich soll den verängstigten Mönchen eine strenge Bestrafung der beiden Schwalenberger zugesichert haben. Würde es zu einem Prozess, zu einer Verurteilung kommen? Und stand der heute mythologisch verklärte Barbaraossa wirklich auf Seiten der Opfer Widukinds und seines Bruders?

Die Bürger von Höxter bauten ihre Stadtmauer wieder auf. Zu weiteren Überfällen kam es nicht.  Friedrich I. forderte die Geistlichkeit auf, die Gottesdienste wieder regelmäßig abzuhalten. Wurde den gewalttätigen Brüdern von der Schwalenburg die Exkommunikation angedroht? Kam es gar – auch wenn es keine entsprechenden Urkunden (mehr?)  gibt – zu einer Verurteilung von Widukind II. und Volkwin? Denkbar, wenn auch nicht beweisbar, ist es! Womöglich wurde Widukind sogar von einem weltlichen Gericht verurteilt und das Urteil »Verbannung« ausgesprochen. Mag sein, dass zwar ein entsprechendes Urteil gefällt, aber gleich wieder ausgesetzt wurde. Mitglieder der höheren Stände standen vor Gericht eben nicht in Augenhöhe mit einfachen Bürgern. Räuber wurden eben nicht immer wie Räuber behandelt. Im Fall des Widukind II. ist es sogar möglich, dass seine Untaten von übergeordneter Stelle zunächst geduldet wurden.  Gab der Streik der Mönche den entscheidenden Ausschlag? Fürchtete die weltliche Obrigkeit den Aufstand der Bürger von Höxter  gemeinsam mit den Mönchen von Höxter?

Durch diplomatische Verhandlungen mag erreicht worden sein, dass Widukind und Bruder Volkwin die Schmach einer öffentlichen Verurteilung erspart blieb. Und wenn es zu einer Verurteilung kam, dann ohne Öffentlichkeit. Akzeptierte Widukind II. einen diskreten Richterspruch, der ihn zu einer Entschädigung der Kirche verpflichtete? Gab die Kirche Ruhe, weil Widukind II das Kloster »tom Roden« stiftete? War das Abkommen so geheim, dass Widukind II. in Urkunden nicht als Stifter von »tom Roden« genannt wurde?

Der Streik der Mönche jedenfalls wurde beendet. Die vergrabenen Kruzifixe, Heiligenbilder, Reliquien und Kelche kehrten zurück in die Gotteshäuser. Die Glocken erklangen wieder und riefen die Bürgerinnen und Bürger zum Gottesdienst.

Foto 5: »Unterwelt« von »tom Roden«
Fakt ist: Für »tom Roden« müssen erhebliche Summen aufgebracht worden sein, über die Kloster Corvey damals nicht verfügte. Corvey hatte im zwölften Jahrhundert finanzielle Probleme. Und hätten ausreichend Mittel zur Verfügung gestanden, wären die wohl für Kloster Corvey selbst aufgewendet worden und nicht wenige hundert Meter entfernt in den Bau eines zweiten Klosters gesteckt worden.

Ein Besuch der Klosterruinen »tom Roden« lohnt sich. Leicht zu finden ist das Kleinod aber nicht unbedingt.  Fahren Sie von Höxter aus über die »Corveyer Allee« nach Corvey. Von Corvey geht es weiter, vorbei am großen Parkplatz. Nach gut einem halben Kilometer folgen Sie – links abbiegend – der Straße in das Industriegebiet »Zur Lüre«. 

Die Klosterruine ist ausgeschildert, die »Hinweistafeln« dürften aber gern etwas größer sein. Als ich zum ersten Mal – per Taxi – vor Ort war, musste ich mich durchfragen. Aber wenn Sie erst einmal im Industriegebiet sind, haben Sie Ihr Ziel schon fast erreicht. Über einen guten, ja festen Feldweg geht es dann direkt zu den Ruinen.

Die Anlage »Klosterruine tom Roden« macht einen überschaubaren Eindruck. Die Mauern sind vom Weg aus zu sehen, von Feldern durch eine Hecke getrennt. Von »tom Roden« aus sehen Sie den Kirchturm von »St. Johannes Baptist«, Lüchtringen. Das Gotteshaus wurde 1901 und 1902 errichtet, an Stelle des Vorgängerbaus aus dem Jahr 1698. Nach einem Blitzeinschlag brannte damals die barocke Kirche ab. Auch das barocke Gotteshaus hatte schon einen noch älteren Vorgänger: Die erste Kirche Lüchtringens  war bereits mehrere Jahrhunderte alt, als »tom Roden« entstand. Sie wurde vor rund 1100 Jahren geweiht.

Es lohnt sich, »tom Roden« zu besuchen. Statten Sie aber auch dem früheren Kloster, Schloss Corvey einen Besuch ab! Nehmen Sie sich unbedingt Zeit für die mythologischen Malereien im Westwerk. Sie wurden aufwändig restauriert, lassen der Fantasie sehr viel Spielraum!

Fotos 6 und 7: Mythologie im Kloster Corvey

Da wurden auch Monster verewigt, im Kampf mit mutigen Recken. Welche »Drachentöter« da zugange sind, welche Fabelwesen da besiegt werden, wir wissen es nicht wirklich und sind auf Vermutungen angewiesen. Wesen aus heidnischen Sagenwelten… in einem christlichen Gotteshaus? Wenn man nur die leider stark beschädigten, liebevoll restaurierten Darstellungen heute noch wie ein Buch lesen könnte!

Am 19. Januar 1874 verstarb Hoffmann von Fallersleben in Corvey. Sie finden sein Grab auf dem kleinen Friedhof neben der Abteikirche. Eine schlichte Portraitbüste des Dichters, auch manchen Deutschen noch als Verfasser des »Deutschlandliedes« bekannt, wurde 1911 angebracht. Gestiftet hat sie Franz Hoffmann-Fallersleben, Sohn des Dichters. Hoffmann von Fallersleben wurde neben seiner bereits am 27. Oktober 1860 verstorbenen Frau Ida beigesetzt.

Foto 8: Grab-Denkmal von Fallersleben.

Hinweis

Lesen Sie bitte auch Folgen 256 »Odysseus und das Monster… in der Kirche«
und 257»Delphine, Skylla und Odysseus« dieser Serie!

Literatur

Foto 9: Kirche von Lüchtringen, von »tom Roden« gesehen

Claussen, Hilde: »Die Klosterkirche Corvey/ Wandmalerei und Stuck aus
karolingischer Zeit«, Mainz 2007 

Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel
2002 (Die Lilie im Kloster zu Corvey, S.43-47)

Höxtersches Jahrbuch: »Klöster um Höxter/ tom Roden, Brenkhausen, Corvey«, Höxter 1981

Matthes, Walther: »Corvey und die Externsteine/ Schicksal eines
vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit«, Stuttgart 1982

Plitek, Karl Heinz (Redaktion): »Kloster tom Roden. Eine archäologische
Entdeckung in Westfalen. Ausstellung des Westfälischen Museumsamtes und
des Westfälischen Museums für Archäologie«, Münster 1982

Zu den Fotos....

Fotos 1 und 2: »tom Roden«: Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Schwalenburg, historische Aufnahme, Foto Archiv Langbein 
Foto 4: St. Kilian, Höxter, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: »tom Roden«, Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Schloss Corvey, Westwerk, Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 8: Grab-Denkmal von Fallersleben. Foto wikicommons/ Kliojünger
Foto 9: Kirche von Lüchtringen, von »tom Roden« gesehen. Foto Walter-Jörg Langbein
303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«,
Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.11.2015


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