Sonntag, 6. Oktober 2013

194 »Abschied von Rapa Nui«

Teil 194 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von

Walter-Jörg Langbein

Bananenstauden wachsen aus
der Unterwelt.
Foto: Jürgen Huthmann
Kräftige Bananenstauden tragen üppige Büschel ... köstliche Früchte, nicht zu vergleichen mit den in der EU exakt reglementierten Sorten. Bald kann man die Bananen ernten ... Seltsam ... die Stauden scheinen mitten zwischen Steinbrocken zu wachsen. Ich trete näher. Die Stauden, so erkenne ich erst jetzt, wurzeln ein gutes Stück unter der Erdoberfläche, in einem Loch im steinigen Boden. Sie ragen aus dem Eingang zu einer der zahllosen Höhlen auf Rapa Nui in die Südseesonne. Sie wurzeln in der »Unterwelt« ...

So manche Woche habe ich auf der Osterinsel verbracht. Ich habe manchen Abend im Steinbruch an den sanften Hängen des »Rano Raraku«-Vulkans gesessen und das mysteriöse Eiland auf mich einwirken lassen. Ich habe die Verlorenheit des winzigen Eilands im unendlichen Pazifik nachts am Strand von Anakena gespürt, das ewige Rauschen der Wellen gehört ... das Rauschen des Windes in den Palmen. Und ich habe den klaren Sternenhimmel der Südsee genossen. Die große Welt der kleinen Osterinsel ist ein einziges Mysterium. Man muss es vor Ort erlebt haben, das »Geheimnis Osterinsel« lässt sich nicht in Worte fassen, nicht in stillen oder bewegten Bildern einfassen und schon gar nicht wissenschaftlich erklären. Immer wieder hat es mich in eine der Höhlen gezogen ...

Wer heute auch nur andeutungsweise von möglichen Kataklysmen spricht, wird rasch als »Untergangsprophet« verlacht.

Hämisch wird auf den 21. Dezember 2012 verwiesen, dem von den Mayas angeblich prophezeiten Termin für den Weltuntergang. Jener ominöse Termin verstrich, wir erinnern uns, ohne dass das Ende der Welt hätte beklagt werden müssen. Allerdings gab es auch keine Maya-Prophezeiung, die für den 21.12.2012 ein Desaster globalen Ausmaßes verkündet hätte.

Die Diskussionen um den 21.12.2012 sind vom Tisch ... Leider! Denn der 21.12. verstrich ohne Weltuntergang, doch die Apokalypse droht wirklich! Es kann nämlich nicht bestritten werden, dass es bereits gigantische Katastrophen auf unserem Planeten gab, die fast alles Leben auf Terra ausgelöscht hätten. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einem realen Weltuntergangsszenario kommen wird. Die Frage ist nicht ob, sondern wann alles Leben auf unserem Heimatplaneten ausgelöscht werden wird!

Eine Höhle wird erkundet.
Foto: Jürgen Huthmann
Was viele nicht wissen wollen: Der Ausbruch eines Supervulkans hätte beinahe unsere Erde in ein Totenhaus verwandelt.  Ein Supervulkan riss vor etwa 75.000 Jahren bei seinem explosiven Ausbruch auf der nördlichen Insel Sumatra im indischen Ozean eine gewaltige Wunde in Mutter Erde. Der Krater dürfte rund 5.000 Quadratkilometer groß gewesen sein. An seiner tiefsten Stelle entstand der Tobasee. Er ist immerhin über 1.100 Quadratkilometer groß. 2.300 Kubikkilometer Material wurden damals aus dem Höllenschlund der Erde mit unvorstellbarer Kraft in den Himmel geschleudert. Das war fast genau so viel wie so manches Mal beim Ausbruch des Vulkans im »Yellowstone Nationalpark«. Asche und riesige Gasmengen wurden auf die gesamte Erdoberfläche verteilt. Die Durchschnittstemperatur sank weltweit um 15 Grad.
    
Die Auswirkungen auf die gesamte Menschheit waren katastrophal: Fast wäre die Gattung Mensch ausgelöscht worden. Wie viele Menschen überlebten wohl damals? Wir wissen es nicht genau! Die Zahl bewegt sich damals aber eher im Tausender- als im Zehntausender-Bereich. Auch wenn wir es uns heute kaum vorstellen wollen ... Es gab fast so etwas wie einen Neuanfang der Menschheit. In der Bibel wird Ähnliches beschrieben: Gott ließ einen Großteil der Menschen bei einer gewaltigen Flut umkommen, nur wenige wurden gerettet.

Und im 1. Buch Mose (Kapitel 19) wird die Zerstörung von Sodom und Gomorrha beschrieben. Über diese neuerliche todbringende Aktion Gottes heißt es in den Versen 24 und 25: »Da ließ der Herr (Jahwe = Gott) Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war.«

Es wurde viel darüber diskutiert, ob der zitierte Text auf einer realen Begebenheit basiert. Das ist möglich. Der unvorstellbare Ausbruch eines Supervulkans könnte als Vorlage für den mythisch-märchenhaft anmutenden Bibeltext gedient haben.

Koloss in Abendstimmung - Foto: W-J. Langbein


Eine ganze Reihe von Supervulkanen ist bekannt. Wir wissen, dass sie seit Ewigkeiten immer wieder ausgebrochen sind und so manches Mal eine wahre Hölle über die Erde kommen ließen. Auch in der Südsee gab es gewaltige Kataklysmen. Die Osterinsel selbst verdankt ihre Existenz gleich drei Vulkanen, die auf dem Grund des Pazifiks ausbrachen und gewaltige Magma-Mengen mit unvorstellbarer Gewalt aus der Erde ins Meer schießen ließen. Drei gewaltige Katastrophen schufen die Osterinsel. Drei Vulkanberge – Rano Kao, Poike und Maunga Terevaka –   entstanden, zufällig in unmittelbarer Nähe ... und formten den Grundstück für die Insel, die bei den Eingeborenen »Te Pito O Te Henua«, »Nabel der Welt« hieß.

Vulkanismus ließ Hunderte von Höhlen im Leib der Osterinsel entstehen. Aus Vulkangestein  wurden die Riesenstatuen der Osterinsel gemeißelt. Schon der  Weltreisende und Forscherautor Ernst von Hesse-Wartegg war von den großen Kulturen unseres Globus mehr als fasziniert. Die uralten Monumente verschlugen dem Weltenbummler den Atem.

Nichts aber verblüffte ihn so wie die  Osterinsel, wo die Kolosse stoisch jeder Erklärung trotzen. Von Hesse-Wartegg verfasste kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs sein reich bebildertes, großformatiges, zweibändiges Werk, betitelt »Die Wunder der Welt«. Natürlich geht er auch auf die monumentalen Steinskulpturen ein. Wir lesen (1) dass die schweigenden Riesen  seiner Meinung nach von »unbekannten Schöpfern« aus dem Vulkangestein gemeißelt wurden und »wahrscheinlich zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gezählt werden müssten. Frank Joseph kommt in seinem Editorial zur Fachzeitschrift »Ancient American« zu einem ähnlichen Ergebnis.

Er kam nach sorgsamen Untersuchungen zum Ergebnis: Die Statuen sind Jahrtausende, nicht nur Jahrhunderte alt.

So manches Mal habe ich zu Füßen einer der wieder aufgerichteten Kolosse auf der Osterinsel gesessen. Wenn wir nur wie ein Buch lesen könnten, was die steinernen Monumentalfiguren erlebt haben! Schon manches Mal bin ich in eine der Höhlen gekrochen und habe die mysteriöse Atmosphäre auf mich wirken lassen. Manchmal kam es mir vor, als sei ich wie Aladin in die Höhle der vierzig Räuber eingedrungen. Wände und Decken schillerten in bunten Farben. Da und dort blitzte es auf, als ob Edelsteine und Diamanten die Wände zieren würden. Auch kam es mir manchmal so vor, als würden Goldnuggets im Stein darauf warten, nur »gepflückt« zu werden. Tatsächlich gibt es Goldeinschlüsse.

Gold im Höhlengestein
Foto: Jürgen Huthmann
Und manchmal stößt man als Besucher in dieser fremden unterirdischen Welt auf seltsame Malereien, die vor Jahrhunderten geschaffen wurden. Besonders beliebt war wohl  das Motiv des geheimnisvollen Vogelmenschen! Immer wieder stand ich ratlos vor Felsgravuren. Der poröse Untergrund ließ keine scharf umrissenen Ritzzeichnungen zu. So wirken die Felsgravuren oft verwaschen und undeutlich. Es soll aber einst Eingeweihte gegeben haben, die sie wie ein Buch lesen konnten.

»Du fliegst morgen am Vormittag zurück nach Santiago de Chile?«, fragte mich der Besitzer meiner Pension. Als ich nickte, murmelte er etwas von »moderner Technik«, behauptete dann aber, seine Vorfahren hätten bereits vor »vielen, vielen Jahrhunderten« den Pazifik befahren und fremde Inseln besucht. »Sie brachten heilige Steinmesser in entfernteste Ecken des Pazifik ... zu Inseln, die einst durch eine große Landbrücke mit Rapa Nui verbunden waren!« Gab es einst Handelsbeziehungen zwischen den verschiedenen Inseln im Pazifik? Oder wurden die Eiland von primitiven Kannibalen bewohnt, die keine Seefahrt betreiben konnten?

Wie weit seine Vorfahren denn gekommen seien, wollte ich wissen. »Bis nach Französisch Polynesien!«, lautete die Antwort. Was ich in Gedanken lächelnd als übertriebenen Patriotismus eines stolzen Osterinsulaners abtat, sollte sich als wahr herausstellen. So haben zwei Wissenschaftler konkrete Beweise für die rege, ja unglaubliche Reisetätigkeit der alten Polynesier entdeckt. Geht man doch davon aus, dass die Osterinsulaner vor einigen Jahrhunderten mit ihren primitiven Kähnen oder Flößen die unmittelbare Umgebung ihrer Heimatinsel erreichen konnten. Und jetzt soll es einen Transport von Steinwerkzeugen über Tausende von Kilometern gegeben haben?

Die beiden australischen Experten von der »University of Queensland« veröffentlichten im renommierten Wissenschaftsmagazin »Science« (3) Erstaunliches. Geochemiker Kenneth Collerson und Archäologe Marshall Weisler analysierten neunzehn antike Steinmesser, die auf verschiedenen Atollen von Französisch Polynesien zusammengetragen worden waren. Ergebnis von Massenspektrometrie und Isotopenanalyse: das Material von Steinäxten und Steinklingen stammte nicht von einer nahegelegenen Insel wie Tahiti, sondern von »Isla la Pascua«, von der Osterinsel. 4.000 Kilometer weit war es einst transportiert worden.

Abschied von der Osterinsel - Foto: W-J. Langbein


Abschied von der Osterinsel ... nahm ich schon so manches Mal. Und fast bei jedem Besuch gab es für mich ein unerwartetes »Abschiedsgeschenk« zum Schluss. Ich habe mich immer sehr wohl gefühlt auf jenem kleinen Eiland am Ende der Welt. Die Nachkommen der Statuenbauer haben sich immer gefreut, wenn sie spürten, dass ich mich wirklich für sie und ihre Heimat in der Südsee interessiere. So mancher Insulaner verriet mir, dass er Verachtung empfindet ... für jene Schnell-schnell-Touristen, die letztlich uninteressiert die Insel der Riesenstatuen als eine von vielen Attraktionen einer Reise durch den Pazifik so schnell wie möglich abhaken.

Und so wurde mir manches Kleinod gezeigt, das Schnell-Schnell-Touristen nie zu Gesicht bekommen. So führte man mich an gravierte Steine, die schon seit Jahrhunderten der Witterung schutzlos ausgesetzt sind. Was war da zu sehen? Ich legte mich flach auf den Bauch, tastete die kaum zu spürenden, geschweige denn zu sehenden Linien ab.

Waren das Tiere oder Fabelwesen? Waren das urzeitliche Monster oder Märchenfiguren? Ich meinte so etwas wie einen saurierartigen Fisch erkennen zu können (links im Bild) ... und so etwas wie ein reptilienhaftes Wesen, das soeben in einer Höhle verschwand. »In unserer Vergangenheit gab es Rätselhaftes ... sehr seltsame, Furcht einflößende Tiere.

Die Erzählungen, in denen sie einst beschrieben wurden ... sie sind vergessen. Die in den Stein gravierten Abbildungen dieser Wesen sind schon fast verschwunden und werden bald nicht mehr zu sehen sein! Die Insel, wie sie einst war, verabschiedet sich. Wir verabschieden uns von unserer Vergangenheit, auch wenn wir noch so sehr bemüht sind, die Erinnerungen zu wahren!«

Fabeltiere oder Monsterwesen? Fotos: Archiv W-J. Langbein


Fotos
Die Darstellungen der beiden Monsterwesen basiert auf eigener Untersuchung der Steingravur, auf eigenen vor Ort angefertigten Zeichnungen und Zeichnungen, die mir vor Ort ausgehändigt wurden.
Ich danke den zahlreichen Informanten auf der Osterinsel, die mir die interessanteste Insel der Welt nahegebracht haben!

Dank
Mein Dank geht an meinen wackeren Reisegefährten Jürgen Huthmann: für die Fotos, die ich in der vorliegenden Folge meiner Blogserie verwenden durfte! Das Copyright der Fotos liegt natürlich bei Jürgen Huthmann!

Fußnoten
1 Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, o.J., S. 473 u. 474
2 Joseph, Frank: »Editorial: Vindication at Easter Island«,
     »Ancient American«, Nr. 12/ February February/ March 1996, Colfax,
     Wisconsin, USA
3 Bd. 317, 2007, zitiert nach Kurt de Swaaf, »Der Standard«,  28. September 2007

»Der Hebel Gottes«,
Teil 195 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 13.10.2013



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Sonntag, 29. September 2013

193 »Ein fliegender Gott, Wolkenmenschen und rätselhafte Figuren ...«

Teil 193 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Wer sich Zeit nimmt und auf der Osterinsel sorgsam stehende und liegende Steine studiert, wird wiederholt auf Make-Make stoßen. Seine Maske wurde immer wieder ins poröse Vulkangestein geritzt. Nach und nach werden die Reliefs vom Zahn der Zeit zum Verschwinden gebracht. Make-Make war ein fliegender Gott. Als das »Atlantis der Südsee«, »Maori Nuinui« (»groß Maori«) genannt, nach und nach  in den Fluten versank, griff der Himmlische rettend ein, als göttlicher Lotse, sozusagen!

Das uralte Gesicht von Make-Make
Foto: W-J. Langbein
»Hotu Matua, der junge Ariki (König) ... sah mit Bestürzung, daß er sein Heimatland verlassen mußte, da dies langsam in den Tiefen des Meeres versank.« (1) Verzweifelt wurde nach einer neuen Heimat gesucht, aber vergeblich. Da half Make-Make aus (2): »Eines Nachts hatte Hau Maka, ein großer Weiser und Priester ..., einen Traum, in dem Make-Make, der mächtigste Gott seines Volkes, ihn durch die Lüfte trug und ihm eine unbewohnte Insel zeigte. Er erklärte Hau Maka, wie er dorthin kommen könne, und versprach ihm seinen Schutz, wenn sein König Hotu Matua dieses Land besiedele, als Dank für seine Treue.«

So erfuhr Priester Hau-Maka wo das rettende Eiland zu finden war, wonach seine Späher zur See vergeblich gesucht hatten. Make-Make gewährte ihm vor Ort eine schnelle Insel-Tour. Er zeigte ihm zum Beispiel den besten Ankerplatz, die besten Fischgründe und wo die Landwirtschaft besonders gute Erträge bringen würde ... Am nächsten Morgen erfuhr König Hotua Matua von der rettenden Insel. Sofort schickte er seine sieben besten Seeleute los. Sie entdeckten just dort, wo Make-Make dem Priester das Eiland gezeigt hatte ... die »Osterinsel«. Es kam im letzten Moment zum Exodus: vom versinkenden Atlantis der Südsee zur Osterinsel, die König Hotu Matua »Te Pito O Te Henua«, »Nabel der Welt« nannte.


Retter Make-Make, der fliegende Gott, kam so vom Atlantis der Südsee zur Osterinsel. Make-Make wurde verehrt und angebetet. Er galt als Schöpfer der Welt, der so heilig war, dass »man es nicht wagte, seine Gestalt wiederzugeben. Nur eine Andeutung seines Gesichts ist in Felsen gehauen: Zwei Augen und die Nase, nichts weiter.«
 
Make-Make, daran glaubten seine Anhänger, hatte den ersten Menschen erschaffen. Ein Messdiener informierte mich über den alten Glauben: »Make-Make formte den ersten Mann aus seinem eigenen Samen und roter Erde ... so wie die biblischen Elohim Adam aus roter Erde schufen. Im biblischen Schöpfungsbericht wird immer wieder betont, dass Gott am Abend sein Tagwerk wohlgefällig begutachtete. Genauso verhielt sich Make-Make. Make-Make ... der fliegende Gott, der das geheimnisvolle Eiland der Südsee aus großer Höhe bewundert haben soll, wie ein Astronaut im Erdorbit.

Satellitenaufnahme der Osterinsel
Foto: NASA-commons
Gern besuchte ich auf der Osterinsel den sonntäglichen Gottesdienst. Mit manchem gläubigen Osterinsulaner sprach ich über die biblischen Mythen. »Auch wenn es unser Geistlicher nicht gern hört, aber auf unserer Insel gab es ganz ähnliche Geschichten wie in der Bibel, nur schon viel früher. Wir kannten sie schon, bevor die Missionare uns das Buch der Christen brachten!«

»Make-Make war zufrieden, da der Mensch, den er eben geformt hatte, ihm ähnlich war und sprechen und denken konnte«, zitiert Felbermayer (3) eine alte Osterinsel-Überlieferung. Im »Alten Testament« lesen wir (4): »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.«

Bald bemerkte Make-Make, dass sein namenloses Geschöpf einsam war. »Er schläferte ihn ein, legte sich zu ihm und befruchtete seine linke Rippe, so die Frau erschaffend.«, heißt es weiter bei Felbermayer (5).


Unverkennbar ähnelt die Osterinsel-Mythologie der biblischen: Der biblische Schöpfergott durfte nicht bildlich dargestellt werden (6): »Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.«


Der biblische Gott formte den ersten Menschen aus roter Erde und Eva wurde aus einer Rippe Adams geschaffen. Auch mit seiner Kreation der ersten – namenlosen – Frau war Make-Make sehr zufrieden. Make-Make, so heißt es, sprach geheimnisvolle Worte zum ersten Menschenpaar. Sie sind bis heute überliefert worden, doch niemand vermag sie zu übersetzen (7): »Vivinavivina hakapiro e ahue.«

Make-Make in der christlichen Kirche
der Osterinsel. Foto: W-J.Langbein
Wie der biblische Gott, so war auch der fliegende Make-Make manchmal recht zornig. Als Mata Poepoe Gott Make-Make den nötig Respekt verweigerte, beschloss Make-Make (8), »den Spötter zu strafen.« So sollte den Bewohnern von »Te Pito O Te Henua« ein Exempel statuiert werden. »Make-Make beschloß, mit dieser Strafe eine Warnung all den übrigen Bewohnern zu geben, welche seine Gebote nicht beachteten.«

Den Priester Hau-Maka hatte er als Retter durch die Lüfte zur Osterinsel geflogen, Mata Poepoe »entführte er durch die Lüfte« (9), immerhin über eine Distanz von rund 460 Kilometern von der Osterinsel zum winzigen Eiland Sala y Gómez. Das Leben auf dem öden Felsriff in den Weiten des Pazifiks war hart und entbehrungsreich. Huldvoll begnadigt wurde der Sünder, als er Make-Makes Autorität wieder anerkannte.


»Make-Make ist nicht nur unser Gott!«, flüsterte mir ein Gottesdienstbesucher in gebrochenem Englisch zu. »Er ist auch in anderen Ländern auf anderen Erdteilen bekannt ... Dort hat er aber andere Namen!« Make-Make habe das Wissen der Osterinsulaner auch Menschen anderer Länder mitgeteilt. »Meine Vorvorvorfahren errichteten die Moai (Osterinselstatuen). Im Reich der Menschen in den Wolken waren die Moai auch bekannt. Allerdings gelangen den Menschen dort bei weitem nicht so schöne Moai wie bei uns auf Rapa Nui!«  Als ich nachfragte, wo denn die weniger gelungenen Moai zu finden seien, winkte mein Gesprächspartner ab. »Du musst sie selbst finden!«


Ich suchte viele Jahre vergeblich ... Bis ich fündig wurde. Nachdem ich, allein oder als Anführer einer kleinen Gruppe von Reisenden, die klassischen Reiseziele in Peru mehrfach besucht hatte ... zog es mich in den Norden Perus! 2001 führte ich eine kleine Gruppe ins Reich der Chachapoyas in den nördlichen Anden Perus, zu den »Wolkenmenschen«. Meinte mein Gesprächspartner die Chachapoyas mit den »Menschen in den Wolken«?

Die Stadt der Wolkenmenschen - Foto: W-J. Langbein

Auf unserer strapaziösen Reise wollten wir gemeinsam das Erbe eines der geheimnisvollsten Völker unseres Planeten kennenlernen. Woher kamen die Chachapoyas? Niemand vermag das zu sagen. Rätselhaft ist auch ihr Verschwinden aus der Geschichte. Wir haben Kuelap, die Festung der »Wolkenmenschen«, besucht. Es war strapaziös, hat sich aber gelohnt! Mit mehreren Geländewagen sind wir so nah wie möglich an die mysteriöse Anlage heran gefahren. Fast dreitausend Meter über dem Meeresspiegel haben da die »Wolkenmenschen« eine kolossale Anlage errichtet. Für uns Europäer ist die Luft dort unangenehm dünn und eiskalt.

Wir besuchten die gewaltige Monstermauer von Kuelap, mit ihrer heute noch gigantisch anmutenden Mauer. Wir nahmen strapaziöse Wege auf uns, um zu den Totenhäusern der »Wolkenmenschen« zu gelangen, die hoch oben in den Anden an senkrecht abfallenden Felswänden wie Schwalbennester kleben. An versteckten Orten, oft nur bergsteigerisch erreichbaren Stätten, standen die seltsam geformten Sarkophage der »Wolkenmenschen«: Sie hatten die Form von stoisch dreinblickenden Statuen. In ihrem Inneren kauerten, in Fötushaltung ... mumifizierte Tote. Die Verstorbenen hofften wohl, so wie ein Baby wieder geboren zu werden. Die fremdartigen Riesenfiguren ... sollten sie die Toten in ein neues Leben nach dem Tod, ins Jenseits gebären?


Die Sarkophage in menschenähnlicher Gestalt ... sie erinnern tatsächlich an die Riesen der Osterinsel. Sind diese seltsamen Statuen die weniger gelungenen Moai, von denen ich bei einem Gottesdienstbesuch auf der Osterinsel hörte? Ein direkter Vergleich lässt durchaus Ähnlichkeiten erkennen!


Zum Vergleich: »Moai« der Chachapoyas (links)
und Steinstatuen der Osterinsel. Collage. Fotos:W-J. Langbein

In Leimembamba lagerten 200 Mumien in einem, so wurde uns versichert, »klimatisierten« Raum. Davon war allerdings nichts zu spüren. Dabei sollte das so künstlich geschaffene Klima die uralten Mumien vor weiterem Zerfall bewahren. Wir durften den alles andere als pietätvoll gestalteten Raum betreten. Er wirkte auf mich wie eine Rumpelkammer, in dem in einem unüberschaubaren Durcheinander zahllose Kisten und Kartons lagerten. Diese Behältnisse waren provisorische Särge, in denen die Toten der »Wolkenmenschen« nach wie vor auf ihre Auferstehung warteten. Sie sollten so bald wie möglich in ein eigens für sie gebautes Museum gebracht werden. Fotografieren war strengstens verboten.


In einem Nebenräumchen entdeckte ich altehrwürdige »Grabbeigaben« der Chachapoyas. Die hölzernen Figuren ähneln in verblüffender Weise den »Moai«-Statuen der Osterinsel. Die rätselhaften Figuren aus Holz aus Gräbern der Chachapoyas haben typische Merkmale der Kolosse der Osterinsel: Sie tragen so etwas wie »Helme« auf dem Kopf, oder sind es Frisuren? Manche Forscher meinen auch, es handele sich um Federschmuck von Fürsten ... bei den roten Zylindern auf den Häuptern der Osterinsel-Kolosse. Auch die  Nasen und verlängerten Ohren der Holzfiguren erinnern deutlich an die der Osterinselriesen. Und die hölzernen Figuren der Wolkenmenschen enden in der Hüftregion, wie die Statuen der Osterinsel!


Holzfiguren der Chachapoyas und ein Moai der Osterinsel (Collage)
Fotos: W-J. Langbein


Fußnoten
1 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J., S. 13
2 ebenda
3 ebenda, S.28
4 1. Buch Mose Kapiel 1, Vers 26
5 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J., S. 28
6 2. Buch Mose Kapitel 20, Vers 4
7 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J., S. 28
8 ebenda, S. 41
9 ebenda

Anmerkung
Im voranstehenden Text habe ich wiederholt Werke zitiert, die vor der Rechtschreibreform erschienen sind. Ich habe die Zitate im Original belassen und nicht an die heutige Schreibweise angepasst.

Abschied von Rapa Nui                                                                                                                                 
Teil 194 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 06.10.2013



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