Sonntag, 24. August 2014

240 »Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«


»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         

von Walter-Jörg Langbein


Wer einen Drachen sucht,
wird auch in Urschalling fündig ...

Das berühmte Nibelungenlied ist ein gewaltiges Heldenepos. Die vielleicht wichtigste Gestalt ist der hünenhafte Siegfried. Siegfried – er lebt als Sohn des Königspaares Siegmund und Sieglinde –  erfährt von einem geheimnisvollen Drachen. Das Untier haust in einer Höhle und bewacht einen gewaltigen Schatz, den »Hort der Nibelungen«. Was das Untier für Siegfried besonders anziehend macht: Angeblich macht das Blut des Drachens unverwundbar. Siegfried macht sich also auf die Reise, es gelingt ihm, das Monster zu töten und so badet er in seinem Lebenssaft. Tatsächlich wird er am ganzen Leibe unverwundbar, mit Ausnahme einer kleinen Stelle am Rücken. Im »dritten Abenteuer« lesen wir:

»Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt:
Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.«

Generationen von Forschern haben gegrübelt, recherchiert und spekuliert, ob denn Siegfrieds Drachenkampf Ausgeburt reiner Fantasie sei. In der »Thidrekssage« wird sehr viel ausführlicher als im Nibelungenlied, wie ein gewisser Mime einem grässlichen Lindwurm den Auftrag erteilt, den jungen Sigfrid zu überfallen und zu töten. In der »Thidrekssage« hat dieses monströse Wesen einen Namen: Regen. Sigfrids Kampf mit dem Lindwurm oder Linddrachen wird gern mit dem Kampf des »Heiligen Michael« mit dem »Drachen« verglichen. (1)

Auch in Worms wurde ich
in Sachen Drachen fündig ...

Mich fasziniert die biblische Drachenmythologie schon seit Jahrzehnten. Im Buch Hiob wird der Drache erwähnt (2): »Bin ich denn das Meer oder der Drache, dass du eine Wache gegen mich aufstellst?« Psalm 91 beschreibt Drachen als eine Gefahr für jeden Menschen, der nicht von Gott selbst beschützt wird (3): »Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.« Jesaja (4) warnt vor einem »fliegenden Drachen«. An anderer Stelle (5) prophezeit Jesaja, dass Gott den Drachen töten wird. Und nochmal Jesaja (6): »Dies ist die Last für die Tiere des Südlandes: Im Lande der Trübsal und Angst, wo Löwe und Löwin, wo Ottern und feurige fliegende Drachen sind, da führen sie ihre Habe auf dem Rücken von Eseln und ihre Schätze auf dem Höcker von Kamelen zu dem Volk, das ihnen nichts nützen kann.«

Hesekiel siedelt Drachen im Meer an. Er beschreibt zwar nicht direkt derartige monströse Wesen, verwendet aber Drachen sehr anschaulich im Vergleich (7): »Du Menschenkind, stimm ein Klagelied an über den Pharao, den König von Ägypten, und sprich zu ihm: Du Löwe unter den Völkern, wie bist du dahin! Und doch warst du wie ein Drache im Meer und schnaubtest in deinen Strömen und rührtest das Wasser auf mit deinen Füßen und machtest seine Ströme trübe.«

In der »Apokalypse des Johannes« kommt der Drache immer wieder vor. Um einem Missverständnis vorzubeugen: »Apokalypse« wird heute gern grundsätzlich als »Weltuntergang« übersetzt. Tatsächlich aber bedeutet der biblische Begriff »Apokalypse« zunächst einmal nur »Offenbarung«. Sehr interessant ist der Hinweis (8), dass der Drache quasi göttliche Funktionen hat, sprich verehrt wird: »Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?«

Daniel in der Löwengrube.
Dom zu Worms. Foto Langbein

Das Buch Daniel findet sich nur äußerst bruchstückhaft in unseren Bibelausgaben. Der ursprüngliche Daniel-Text freilich war sehr viel umfangreicher, wurde aber der frommen Christenheit nur auszugsweise zugemutet. Warum? In manchen Luther-Ausgaben (9) der Bibel finden sich in der Abteilung »Apokryphe Schriften« Fragmente der »Zusätze zu Daniel«. Sehr viel ausführlicher freilich ist die nach wie vor beste Ausgabe der »verbotenen Bücher der Bibel«, nämlich in der Ausgabe von Prof. Emil Kautzsch (10). Ich zitier aus Kautzsch (11): »An dem gleichen Orte war auch ein Drache; dem erwiesen die Babylonier göttliche Verehrung.« Der biblische Daniel wird zum Drachentöter wie der »Heilige Georg«. Doch während der frühchristliche Georg dem Untier wie ein fahrender Ritter zuleibe rückt, wendet Daniel eine kurios anmutende Tötungsart an.

Drachentod von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Der »Heilige Georg« ist uns aus zahllosen Darstellungen in christlichen Gotteshäusern bekannt. Hoch zu Ross rammt er dem Drachen einen Spieß in den Leib oder setzt dem Untier mit einem Schwert ein Ende. Mir kam allerdings der »Drachen« schon in meiner Kindheit oft nicht wie ein einem Horrorfilm entsprungenes Monster vor, sondern wie ein Fabelwesen aus dem Repertoire der »Augsburger Puppenkiste«. Im der kleinen Wehrkirche von Urschalling, am Chiemsee gelegen, fotografierte ich die spärlichen Reste eines Gemäldes. Eindeutig stellte es einen »Heiligen Georg« von beachtlicher Größe da, der hoch zu Ross einem eher kleinen »Drachen« in Hundegröße einen gewaltigen Spieß in den Leib rammt. Eine Heldentat sieht anders aus.


Drachentöter von Marienmünster.
Foto Langbein

In Marienmünster, wo ich für eine TV-Dokumentation gefilmt wurde, mutiert der Drachen zu einem weitestgehend »menschlichen« Teufel. Flügel am muskulösen Leib des sich windenden Sterbenden erinnern daran, dass der Teufel nach christlicher Tradition ein aus dem Himmel verbannter Engel war. Als satanisches Kennzeichen sind Hörner am Haupt des Teufels zu erkennen. Und in der Gesäßregion entspringt ein offensichtlich gewaltiger schlangenartiger Fortsatz, der jedem Lindwurm zur Ehre gereicht hätte. Im Dom zu Paderborn wiederum entdeckte ich in Holz geschnitzt einen Drachen, der eher als anmutig und graziös zu bezeichnen ist und ganz und gar nicht furchteinflößend auf mich wirkt.

Im Buch Daniel begegnen wird dem Vorgänger des »Heiligen Georg«. Der erledigt den Drachen nicht im ritterlichen Kampf, sondern als heimtückischer Fladen-Bäcker. Ausdrücklich bittet Daniel den König, den Drachen zu töten zu dürfen und schreitet dann perfide zur Tat (12): »Du aber, o König, gib mir die Erlaubnis, so will ich den Drachen ohne Schwert und Stab töten. Darauf nahm Daniel Pech, Fett und Haare, kochte sie zusammen und bereitete Fladen daraus und gab sie dem Drachen ins Maul. Nachdem der Drache sie gefressen hatte, zerbarst er.«  Wie gut, dass der »Heilige Martin« nicht auf derlei widerliche Fladen setzte. Drachen, die sich den Magen verderben und dann auch noch explodieren, sind kein ideales Bild für sakrale Kunst. Als Gemälde würden sie ekelhaft wirken, in Form von Statuen wären sie nicht darstellbar.

Was Daniel aber verdeutlicht: Der Drache steht für den »falschen« Glauben, der mit allen Mitteln vernichtet werden muss. In diesem Sinne hat sich Karl der Große (etwa 747 – 814 n.Chr.) als »Drachentöter« bewährt! Mit Gewalt bekämpfte er fanatisch vorchristliches Gedankengut, das sich bis in seine Zeit erhalten hatte. So war es vermutlich Karl der Große, der in Paderborn unweit des Doms einen heidnischen Tempel zerstören ließ. Reste einer Inschrift verweisen auf einen »Drachen«, dem dort die heidnischen Sachsen noch geopfert haben sollen. Offensichtlich ist es Karl dem Großen gelungen, den Drachenkult von Paderborn zu zerstören!

In einer Gruft von Worms wurde
ein Drache gefunden ... aus Stoff.

Folgen wir der Spur des Drachen. Sie führt uns zur biblischen Schöpfung, oder genauer … in die Zeit vor der biblischen Kreation. Denn was selbst emsige Bibelleser nicht wissen: Laut Bibel gab es vor der Schöpfung durch Gott … die Göttin. Und diese geheimnisvolle Geschichte wird im Text des »Alten Testaments« beschrieben. Dabei meinen wir doch genau zu wissen, was die Bibel über den Anfang der Schöpfung schreibt! Auch Atheisten meinen den einfachen Sachverhalt zu kennen, ob sie nun selten oder nie in der Bibel lesen! So beginnt die Bibel (13):

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.«

Eher harmlos wirkt der Drache von Paderborn.

Mit diesen Worten wird die Bibel eingeleitet. Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (14): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.«    

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab? Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (15): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (16): 

»Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: Auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Drache von Worms. Rekonstruktion 1


Nach Jahrzehnten der Forschung habe ich keinen Zweifel mehr: Der Drache aus christlichen Darstellungen ist eine Chiffre für die Zentralfigur sehr viel älterer Religionen, für die Göttin! Es lohnt sich nach diesem uralten Symbol zu suchen – in unseren Kirchen! Übrigens, ich wurde auch in Worms fündig! In einem uralten Bischofsgrab wurde ein schon arg zerfallenes Stück Stoff gefunden, das einst einen hohen christlichen Würdenträger geschmückt haben mag. Zu erkennen ist nach wie vor, was einst auf der Textile prangte….ein Drache. Mir stand ein schlechtes Foto von dem Drachen zur Verfügung. Ich habe versucht, die geheimnisvolle Kreatur zeichnerisch zu rekonstruieren….

 
Drache von Worms. Rekonstruktion 2


ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein 
Zeichnerische Rekonstruktionen des Drachen von Worms: Langbein

Fußnoten

1) Zum möglichen historischen Hintergrund des Nibelungenlieds hat sich sehr ausführlich Heinz Ritter-Schaumburg geäußert. Empfehlenswert ist die Lektüre von Heinz Ritter-Schaumburg: »Sigfrid ohne Tarnkappe«, München 1990 und, vom gleichen Verfasser: » Die Nibelungen zogen nordwärts«, 5. Auflage, München 1981

2) Buch Hiob, Kapitel 7, Vers 12
3) Psalm 91, Vers 13
4) Jesaja 14, Vers 29
5) Jesaja 27, Vers 1
6) Jesaja 30, Vers 6
7) Hesekiel 32, Vers 2
8) Offenbarung 13, Vers 4

9) »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers/ Neu durchgesehen nach dem vom deutschen Evangelischen Kirchenausschuß genehmigten Text«, Stuttgart 1915, »Anhang: Die apokryphischen Bücher«, »11. Vom Drachen zu Babel«, S. 133 und 134

10) Kautzsch, E.: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, »Erster Band: Die Apokryphen des Alten Testaments«, Tübingen 1900, S. 172-S.193
11) ebenda, S.191
12) ebenda, S. 191
13) 1. Buch Mose Kapitel 1, Verse 1-3
14) Hiob Kapitel 26, Vers 12
15) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
16) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2

»Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«,
Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.08.2014

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Sonntag, 17. August 2014

239 »Drei Heilige Frauen und eine Teufelin!«

Teil 239 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 17.08.2014

Die drei Heiligen Bethen. Foto Langbein
Die drei heiligen Jungfrauen vom Dom zu Worms stammen aus einem Kloster »Maria Magdalena«. Warum hat man sie in die Nikolauskapelle des Doms geschafft? »Wer aber waren die Drei Bethen, die in der Taufkapelle des Doms noch heute in Stein gehauen zu sehen sind?«, fragt Franjo Terhart (1). Dass die drei Bethen sehr gut in das große »Gotteshaus« passen, liegt auf der Hand. Wurde doch die Stadt Worms nach einer der drei holden Wesen benannt. Franjo Terhart bestätigt (2): »Schließlich verdankt die Stadt einer von ihnen, nämlich der Borbeth ihren Namen. (Aus Borbetomagus wurde über Wormazfelt schließlich der heutige Stadtname.)« Zur Erinnerung: »Borbetomagus« bedeutet »Stadt oder Ort der Borbet«.

Mindestens genauso interessant wie die Heilige Borbeth ist ihre Gefährtin »Wilbeth«. Dieser in unseren Ohren ungewohnt klingende Name geht auf das englische Wort »wheel«, auf das Rad zurück. Alljährlich wird noch heute in Lügde ein alter heidnischer Brauch zelebriert, der allerdings leider immer mehr als Attraktion eines lärmenden Rummels Touristen anlocken soll. Die in Lügde zu Tal rollenden brennenden Feuerräder symbolisieren den Mond. Das »wheel« im Namen Wilbeth« weist darauf hin, dass die »christliche« Wilbeth ursprünglich eine heidnische Mondgöttin war!

Die Heilige Borbeth. Foto Langbein

Die drei Bethen, so legt Richard Fester überzeugend dar (3), waren einst Göttinnen, Sinnbilder des ewigen Lebens und der Wiedergeburt. Für den Heidelberger Forscher Hans C. Schöll, Verfasser des wichtigen Werkes »Die Drei Ewigen« (4), waren Ambeth, Wilbeth und Borbeth Muttergöttinnen, die Erde, Mond und Sonne verkörperten. Die weibliche Dreifaltigkeit aus »heidnischen« Zeiten finden im Christentum ihre Entsprechung in den »drei Bethen«.

Besonders interessant: »Wilbeth«, die einstige Mondgöttin! Richard Fester (5): »Wilbeth ist also eine göttliche Mondmutter, die in die Zeiten steinzeitlichen Mütterglaubens und Mütterrechts zurückreicht und zurückweist. Ihre Stelle im christlichen Kult übernahm oftmals die ›Muttergottes auf der Mondsichel‹, ein Motiv, das sich schon im alten Kreta, 3 000 Jahre zuvor, findet.« Deshalb steht die Muttergottes im Dom zu Paderborn fast verschämt auf der Mondsichel, deshalb findet sich zu Füßen der Maria von Guadalupe die Mondsichel: weil Maria in die Rolle der »heidnischen« Muttergöttin geschlüpft ist!

Im Sommer 2014 erlebte ich, wie fromme Pilgerinnen gedankenverloren im Gebet versunken den »drei Bethen« huldigten. Ob vielen der Gottesdienstbesucher bei den Andachten in der Nikolauskapelle vor den »drei Bethen« bewusst ist, wie lange schon die Drei verehrt und angebetet wurden? Wenn Theologie eine wirklich wichtige Aufgabe hat, dann diese: Sie muss die Wurzeln der eigenen religiösen Überzeugungen erkunden. Leider gibt es für fanatische Anhänger unterschiedlichster Religionen nur den eigenen, den angeblich wahren Glauben. Bevor dieser jeweils einzig anerkannte Glaube – von Religionsgründern und Propheten – verkündet wurde, darf es keine wahre Religion gegeben haben. Wir haben nur eine echte Chance, zum Frieden aller über die Grenzen der Religionen hinaus zu kommen: Die Erkenntnis, dass alle Religionen sehr viel ältere gemeinsame Wurzeln haben!

Die Heilige Wilbeth. Foto Langbein

Es beeindruckt mich zutiefst, wie vielen Muttergöttinnen ich auf meinen Reisen begegnet bin – von Malta bis Mexiko, von Perus Pachamama bis zu Paderborns Maria. Offensichtlich gibt es uralte religiöse Bilder, die seit Jahrtausenden leben. Es ist tragisch, dass es zu Religionskriegen kam, bei denen gemetzelt und gemordet wurde. Es ist kein Zeichen menschlichen Mitgefühls, wie viel Leid verursacht wurde und wird, weil für Fanatiker nur der eigene Glaube gilt, der »fremde« Glaube bekämpft wird!

Wilbeth, die göttliche Mondmutter, führt uns weit zurück in die Vergangenheit… und sie ist im Katholizismus heute noch präsent: Aus der Wilbeth wurde die Fir’pet, die der gläubige Katholik heute noch als »Fürbitterin« kennt. Die »Fürbitterin« hat heute einen festeren Glauben im religiösen Brauchtum als in der vermeintlich wissenschaftlichen Theologie, nämlich als Maria. Es sind aber nicht in erster Linie theologische Dispute, die an theologischen Hochschulen ausgefochten werden, die den hilfesuchenden Menschen im Glauben Rückhalt geben. Das mehr oder minder intellektuelle Gedankengut wissenschaftlicher Theologie wird vom gläubigen Volk so gut wie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen und sicher kaum verstanden.

Im Zentrum: Isis oder Maria?
Mit Horus oder Jesus. Foto Langbein

Man mag zum Volksglauben stehen wie man will, viele Menschen in Not finden in den Gotteshäusern Trost, und das allen Skandalen zum Trotz. Schon vor Jahrtausenden spendete die Muttergöttin Isis im Reich der Pharaonen Trost. Darstellungen von Göttin Isis, die sie mit ihrem Sohn Horus zeigen, erinnern in verblüffender Weise an Himmelsgöttin Maria mit ihrem Sohn Jesus. Isis und Horus wurden von griechischen und römischen Künstlern noch zu christlichen Zeiten verewigt. Christliche Künstler wurden zu Darstellungen von Himmelsgöttin Maria mit dem Jesusknaben inspiriert. Würde ein Isis-Gläubiger heute eine christliche Kirche betreten, er würde in den zahlreichen Gemälden und figürlichen Darstellungen von Maria »seine« Isis und in Jesus »seinen« Horus erkennen und – nach seiner Art – beten.

Wenn aber Gläubige aus dem »Alten Ägypten« und Christen unserer Tage in Ehrfurcht vor Isis/ Maria verstummen könnten, sollte es dann nicht auch möglich sein, dass heute Menschen muslimischen und Menschen christlichen oder jüdischen Glaubens in wirklichem Frieden miteinander leben? Die Frage ist nur, ob das wirklich erwünscht ist!

So wie heute Millionen von Christen nach Lourdes pilgern, um zu Maria zu beten, in der Hoffnung, von Krankheit geheilt zu werden, so mag einst die mysteriöse Steinzeitinsel Malta so etwas wie ein Pilgerort gewesen sein. Unzählige Tempel aus gigantischen Steinmonstern  finden sich da auf engstem Raum. Wahrhaftige Monstermauern trotzen seit Jahrtausenden der Zeit, sie würden auch King Kong mühelos Paroli bieten können. Auf Malta wurden vor vier bis sechs Jahrtausenden 22 riesige Tempel gebaut. Bis zu zwanzig Tonnen wiegen die gewaltigen Kalksteinquader, die damals scheinbar mühelos bewegt und aufeinander getürmt werden konnten. Tief unter der Erde wurde die »schlafende Dame« verehrt und angebetet. Lockte die Steinzeit-Maria vor Jahrtausenden Pilger aus ganz Europa an, so wie das heute noch die Himmelskönigin Maria tut?

Die Kreuzkirche auf dem Kalvarienberg. Foto Langbein

Auf meinen Reisen durch die Welt zu den großen Rätseln unseres Planeten begegneten mir immer wieder bewegende Zeugnisse des Glaubens an Heilige Mütter. So stieg ich voller Erwartung von Bad Tölz auf den »Kalvarienberg«. Fromme Pilger reisen aus aller Welt an, um den Kalvarienberg von Bad Tölz zu besteigen, wobei sie die verschiedenen Stationen von Jesu Leidensweg abschreiten, die kunstvoll dargestellt wurden. Diese Form der Frömmigkeit ist mir, ich gebe es zu, fremd. Mich lockte auch nicht in erster Linie der herrliche Blick ins Isartal, sondern die »Krone von Tölz«. 1718 ließ der Zollbeamte Friedrich Nockher sieben Wegkapellen errichten, dann die »Heilige Stiege«. 1735 entstand der »Golgathahügel«, gefolgt von der »Kreuzigungsgruppe« und der »Heiligen Stiege«. Die »Heilige Treppe« stand erst im Freien, wurde dann aber mit einem Gotteshaus überbaut.
 
Im zweiten Raum des heutigen Gotteshauses steht der Besucher vor einer breiten Holztreppe. Rechts und links davon führen steinerne Treppen nach oben. Die mittlere Treppe, so informiert uns eine Schrifttafel, wurde »nach dem Muster der wahren heiligen Stiege zu Rom hier errichtet und durch Einlegung mehrerer heiliger Reliquien eingeweiht«. Deshalb soll die »Heilige Stiege« nur »von den Schriftgläubigen ... nur kniend hinaufgebetet werden.« Die seitlichen Treppen sind für profanere Besuche bestimmt.

Die Heilige Stiege. Foto Walter-Jörg Langbein

Auch in Bad Tölz soll unser Augenmerk auf die himmlischen Gefilde gelenkt werden. Und seit Jahrzehnten folgt die christliche Theologie, so wie sie in den Kirchen gepredigt wird, mehr und mehr dem Volksglauben. So wird nach und nach aus Maria, der Mutter Jesu eine mächtige Himmelskönigin. Der Weg von der im »Neuen Testament« eher unscheinbaren Randfigur Maria zur »Himmelskönigin« ist weit, länger und steiler als die »Heilige Stiege« auf dem Kalvarienberg. In der Kalvarienbergkirche findet sich so manche Maria als Himmelskönigin, wie in jedem katholischen Gotteshaus. Doch steht im krassen Gegensatz zur hohen, ja heiligen Frau Maria die Frau als böse gegenüber.

Nikolaus im Portal. Foto Walter-Jörg Langbein

Besonders  deutlich zeigt dies das Portalbild der Nikolauskapelle. In der Mitte steht riesenhaft der »Heilige Nikolaus«. Was genau dargestellt wird, ist umstritten. Zur Linken des Nikolaus sind drei Menschen vom Tod bedroht. Der Henker hat schon sein Schwert aus der Scheide gezogen und setzt zum tödlichen Hieb an. Der »Heilige Nikolaus« –  mit Bischofsstab – rettet die Bedrohten. Steht er drei zu Unrecht zum Tode Verurteilten bei? Auf der anderen Seite erkennen wir ein Boot auf dem Meere. Mehrere Pilger sitzen im kleinen Schiffchen. Über ihnen schwebt der Teufel, der einen mächtigen Pfahl in das Boot rammt. Eine »Nikolaus-Legende« weiß zu  berichten, dass einst fromme Pilger vom Teufel bedroht wurden. Er wollte ihr Schiffchen versenken.

Eine andere Version der Legende besagt, dass der Teufel die frommen Pilger vom rechten Weg abbringen wollte, indem er sie bat, ein kostbares Geschenk am Ziel ihrer Reise abzulegen. Wieder wissen wir heute nicht mehr genau, was die kunstvolle Steinschnitzerei genau darstellen soll. Unübersehbar aber sind die weiblichen Attribute des Teufels. Der Teufel am Dom zu Worms wird ganz eindeutig als Frau dargestellt. Das ist die unüberbrückbare Diskrepanz: Die Frau als Heilige (Maria) einerseits…. und die Frau als Teufelin andererseits.

Die Teufelin vom Nikolaus. Foto Walter-Jörg Langbein



Fußnoten

1) Terhart, Franjo: »Magische Bretagne«, Dortmund 2006, S. 220, rechte Spalte, Zeilen 5 bis 8 von unten
2) ebenda, rechte Spalte, Zeilen 1 bis 5 von unten
3) Fester, Richard: »Die Steinzeit liegt vor deiner Tür/ Ausflüge in die Vergangenheit«, München 1981, siehe Kapitel »Die Muttergöttin unserer Ahnen«, Seiten 173-189
4) Jena 1936
5) Fester, Richard: »Die Steinzeit liegt vor deiner Tür/ Ausflüge in die Vergangenheit«, München 1981, S. 186

»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«,
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 24.08.2014


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