Sonntag, 22. Oktober 2017

405 »Im Ozean des Geistes«



 »Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 7,
Teil  405 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und 2: In der Unterwelt des Hypogäums, Malta.

Erich von Däniken schloss sein drittes Werk »Aussaat und Kosmos«, 1972 erschienen, mit den Worten (1): »Soll man Tempel sprengen, Kirchen schleifen? Nie und nimmer. Wo Menschen sich zusammenfinden und den Schöpfer preisen, empfinden sie eine wohltuende stärkende Gemeinsamkeit. Wie vom Ton einer Stimmgabel angerührt, schwingt gemeinsame Ahnung von etwas Großartigem im Raum. Tempel und Kirchen sind Orte der Besinnung, Räume des gemeinsamen Lobes für das Undefinierbare, für ES, das wir behelfsweise Gott zu nennen gelernt haben. Diese Versammlungsstätten sind notwendig. Der Rest aber ist überflüssig.«

Wie weit mag diese »wohltuende Gemeinsamkeit« reichen? Findet sie nur örtlich in einem Raum, etwa einer Kirche, statt? Wurde sie vor Jahrtausenden in Tempeln zelebriert, etwa auf Malta (Fotos 3-6!), wo wir Dutzende von wahrhaft gigantischen Anlagen auf engstem Raum finden. Was geschah zum Beispiel in der unterirdischen Welt des Hypogäums auf Malta (Fotos 1-3)? Vordergründig diskutiert man über die Kunst der Steinbearbeitung und des Steintransports. Über den tieferen Sinn der mysteriösen Tempelanlagen, die wir weltweit antreffen, denkt kaum jemand nach. Hatten Tempel vor Jahrtausenden den gleichen Zweck wie Kirchen Jahrtausende später?

Foto 3: Was wurde hier zelebriert?

Endet(e) die »wohltuende Gemeinsamkeit« an den Mauern jeder einzelnen Kirche, jedes einzelnen Tempels? Oder reicht sie weit darüber hinaus? Gibt es etwas wie Schwingungen, die von solchen Versammlungsstätten ausgehen, die sehr weit reichen? Ich spekuliere bewusst nach dem Motto »Keine Angst vor kühnen Gedanken! Gibt es eine Verbindung der vermeintlich »übersinnlichen« Art zwischen Gotteshäusern und Tempeln, selbst wenn sie auf den Globus verteilt anzutreffen sind? Das »Experiment 100. Affe« scheint zu belegen, dass das möglich ist.

Worum geht es? Auf der zu Japan gehörenden Insel Kojima bekamen sogenannte Schneeaffen Süßkartoffeln. Japanische Wissenschaftler warfen Süßkartoffeln in den Sand, was den Tieren aber gar nicht gefiel. Eine weibliche Schneeäffin, neun Monate alt, machte selbständig eine Entdeckung. Sie wusch die Süßkartoffeln, die sie verzehren wollte, im Ozean und verzehrte sie genüsslich. Ein Lernprozess folgte. Weiter Affen machten nach, was sie sahen und reinigten ihre Süßkartoffeln im Salzwasser des Ozeans. Irgendwann geschah etwas Unerklärliches. Als der 100. Affe mit der Nützlichkeit des Kartoffelwaschens vertraut war, fingen plötzlich seine Artgenossen auf anderen Inseln und auf dem Festland an, Süßkartoffeln im Wasser zu reinigen, obwohl ihnen das niemand vorgemacht hatte und kein Kontakt zur Affenkolonie.

Foto 4: Autorenkollegen Hans-Werner Sachmann und W-J.Langbein (Malta)

Mit anderen Worten: Sobald genügend Schneeaffen wussten, dass gewaschene Kartoffeln besser schmecken und dieses Wissen auch in die Tat umzusetzen, muss eine wie auch immer geartete geistige Verbindung zu anderen Affen entstanden sein, die dann schlagartig über das nützlich Wissen verfügten. Lyall Watson (*1939 - †2008), umstrittener Anthropologe und Zoologe, Verfasser einiger Bestseller, fasst zusammen: »Mit dem Hinzukommen dieses hundertsten Affen überschritt die Zahl jedoch offenbar eine Art Schwelle, eine bestimmte kritische Masse, denn schon am Abend desselben Tages tat es fast der gesamte Rest der Herde. Und nicht nur das: das Verhaltensmuster scheint sogar natürliche Barrieren übersprungen zu haben und – ähnlich wie Glyzerinkristalle in hermetisch verschlossenen Reagenzgläsern – auch in Kolonien auf anderen Inseln sowie bei einem Trupp … auf dem Festland spontan aufgetreten zu sein.«

Sollte es also möglich sein, dass zwischen Lebewesen, wie weit sie auch voneinander räumlich getrennt sind, auf »übersinnliche« Weise Informationen ausgetauscht werden? Der Göttinger Theologe Manfred Josuttis spricht von der »Bindekraft einer Gemeinschaft« und weist auf »morphogenetische Felder« hin.

Fotos 5 und 6: Tempel von Hara Qim, Malta.

Rupert Sheldrake (3) bringt »morphogenetische Felder« ins Spiel. Sollte es – von der Schulwissenschaft noch weitestgehend geleugnete – Energiefelder geben, die womöglich den gesamten Globus wie ein dichtmaschiges Netz umspannen?

Viele Wissenschaftler sehen sich als Vertreter der strengen Logik, mit der sie allen Problemen zu Leibe rücken. Verächtlich blicken sie auf religiöse Vorstellungen herab, die auf alle offenen Fragen eine Antwort haben: Gott. Wie entstand der Mensch? Gott hat ihn gemacht, lautet die einhellige Antwort der Religiösen. Rein materialistisch eingestellte Wissenschaftler indes sehen den Menschen als Zufallsprodukt der Evolution an. So heftig auch – und ich habe das bei von mir geleiteten Diskussionen häufig erlebt – die »Religiösen« mit den »Wissenschaftlichen« streiten, in einem Punkt sind sie der vollkommen gleichen Meinung. Wissenschaft wie Religion sieht den Menschen als das Nonplusultra schlechthin, ob man von »Krone der Schöpfung« oder von »Evolution« spricht. Ob göttliches Wirken oder die Kräfte des Zufalls wirkten, der Mensch steht in beiden Bildern über allem, was sich auf Planet Erde wächst und gedeiht.


Foto 7: Widmung »In friendship J(acques) Bergier

Weder im religiösen, noch im »wissenschaftlichen« Weltbild ist Platz für zyklische Entwicklungen. Die Gelehrten und Priester der Mayas sahen das ganz anders. Sie waren davon überzeugt, dass die Weltgeschichte in Zyklen verläuft, dass auf einen Kataklysmus ein Neubeginn folgt. Sie waren vom Untergang der einen Kultur und der Neugeburt einer neuen überzeugt. Wir hingegen haben ein lineares Weltbild. Nach und nach vollzieht sich linear eine Weiterentwicklung. Nach und nach klimmt man auf der Leiter der Evolution empor. Wir sind deshalb die Höchstentwickelten, behaupten die Vertreter beider Welten, von Wissenschaft und Religion.

Wer freilich die Baudenkmäler aus uralten Zeiten staunend untersucht, dem drängt sich eine Frage auf: Gab es in »grauer Vorzeit« weltweit die eine oder andere Hochkultur, die zu schier unglaublichen Leistungen in der Lage war? Weltweit scheinen vor Jahrtausenden – um ein Beispiel zu nennen – sehr ähnliche Techniken angewendet worden zu sein, um riesige Steinkolosse mit unglaublicher Präzision zu schneiden. Riesenbauten entstanden zum Beispiel in der Südsee (Nan Madol, Lelu), aber auch in Tiahuanaco, Bolivien. Auf meinen Reisen zu den Monstermauern, die es überall auf der Welt gibt, fragte ich immer wieder: Gab es schon vor Jahrtausenden Kontakte zwischen den Menschen der Kontinente? Und wenn es sie gab, wie sahen sie aus?

Foto 8: Tiahuanaco, Bolivien (Sonnentor-Motiv)

Gab es vielleicht auf geistiger Ebene Kontakte der »übersinnlichen Art«? Nutzen Vertreter verschiedener Hochkulturen vor Jahrtausenden eine Art der Kommunikation, die – zum Beispiel – ganz ohne Satelliten auskommt, um weltweit miteinander zu kommunizieren? Waren einst die ältesten Tempel unseres Planeten so etwas wie Kommunikationszentren, die untereinander via »System morphogenetische Felder« miteinander verbunden waren? Wir stehen als Laien staunend vor tonnenschweren Steinkolossen, die mit unglaublicher Präzision bearbeitet und oft über große Distanzen transportiert wurden. In wissenschaftlichen Werken finden wir dann immer wieder die Behauptung, dass, was uns geradezu als wundersam erscheint, angeblich mit primitivsten Mitteln geschaffen werden konnte. 

Ich frage erneut: Was geschah in den Tempeln, später in den Kirchen? Waren das simple Rituale ohne jegliche Wirkung? Oder wurden die sakralen Stätten zu Kommunikationszentren, untereinander durch »übersinnliche«, sprich für die meisten Wissenschaftler nicht existente Energiefelder? Trans-ozeanische Kontakte vor Jahrtausenden werden weitestgehend geleugnet, von Kontakten via »morphogenetische Felder« will schon kein etablierter Wissenschaftler etwas hören. So etwas kann es ja nicht geben, weil es so etwas nicht geben darf. So wird die Vorstellung, per wie auch immer geartete Gedankenkraft von Tempel zu Tempel oder von Kirche zu Kirche zu kommunizieren, als unsinnige Fantasterei abgelehnt. Entsprechende Möglichkeiten sind in der Parapsychologie salonfähig, nicht aber in den erhabenen Elfenbeintürmen der sich so ernst nehmenden Schulwissenschaften.

Fotos 9 + 10: Lelu
Schon 1975 hatte ich Gelegenheit, mich ausgiebig mit Jacques Bergier zu unterhalten. Kult- und Bestsellerautor Jacques Bergier (*1912 - †1978), eigentlich Jakow Michailowitsch Berger, verfasste eine ganze Reihe von Sachbüchern, einige zusammen mit Coautor Louis Pauwels. Mich persönlich beeindruckt bis heute besonders das Werk »Aufbruch ins dritte Jahrtausend« (4). Ich traf den sympathischen Schriftsteller am 31. Mai 1975 im Rahmen der »2. Weltkonferenz« der »Ancient Astronaut Society« in Zürich. Jacques Bergier schwärmte im Gespräch mit mir über den »phantastischen Realismus«, der eines Tages die Tore zu fantastischen Erkenntnissen öffnen würde. Dann werde es keinen Unterschied mehr geben zwischen Magier und Ingenieur, dann erst würde »der Ozean des Geistes in seiner Gesamtheit« wahrgenommen.

Emsig notierte ich die zentralen Gedanken, die Jacques Bergier nur so sprudeln ließ. Der Ingenieur von heute stelle mit Computerhardware Verbindungen von Mensch zu Mensch, über Meere und Kontinente hinweg, her. Der Magier benötige keinerlei technischen Aufwand, der zudem immer störungsanfällig sei. Der Ingenieur von morgen, so Bergier, werde »jeden mit jedem im Ozean des Geistes« miteinander verbinden.

Treiben wir die Spekulation noch ein Stück weiter: Überall auf der Welt versammeln sich Menschengruppen, die per Gedankenübertragung miteinander kommunizieren. Nach Bergier wird das morgen oder übermorgen Alltag sein. Gab es dergleichen aber vielleicht schon gestern und vorgestern? Es gibt weltweit über 2000 Loreto-Kapellen. Waren sie als Kommunikationszentren gedacht, die miteinander Gedanken austauschen konnten? Haben die Loreto-Kapellen viel ältere Zentren – heidnische Tempel – abgelöst? Wurden sie just dort errichtet, wo man sich schon vor Jahrtausenden getroffen hatte, um über weite Strecken hinweg im »Ozean des Geistes« eins zu werden?

Fotos 11+12: Lelu
Sind die 2000 Loreto-Kapellen Inseln im »Ozean des Geistes«? Waren Kultplätze auf der Osterinsel, Tiahuanaco in Bolivien und in der Südsee (z.B. Nan Maol und Lelu, Mikronesien) – um drei beliebige Beispiele zu nennen – Zentren der geistigen Kommunikation!

Bevor die zentralen Fragen unbeantwortet bleiben, werden Detailfragen schon gar nicht in Angriff genommen. Noch können wir nur spekulieren, ob etwa die ganz speziellen Maße der Loreto-Kapellen einen Einfluss hatten etwa auf die Bündelung von Gedankenenergie. Sind Gebete in der Gruppe Bündelung von Gedankenenergie?

Um die Kühnheit der Gedanken auf die Spitze zu treiben: Wenn das morphogenetische Feld, wie Walter Häge postuliert, »das Gedankenfeld des universellen Geistes« ist, dürfen wir dieses Feld dann auf Planet Erde eingrenzen? Oder umfasst es die Unendlichkeit? Ermöglicht das morphogenetische Feld dann auch die Kommunikation mit fernen Welten und ihren Bewohnern?

Ein Kommunikationsmittel funktioniert nur, wenn man auch dazu bereit ist, zu benutzen. Man kann nur telefonieren, wenn man den Hörer abnimmt und eine Nummer wählt oder wenn man sein Smartphone anschaltet und eine Nummer eingibt.

Wem derlei Gedankenspiele zu kühn und spekulativ sind, der mag sich auf die Fortsetzung dieses Textes freuen. Dann geht es sehr konkret um die Frage, wie Engel vor vielen Jahrhunderten ein Haus aus Nazareth durch die Luft nach Italien transportierten und warum. Im Vergleich zu Spekulationen über Gedanken-Kommunikation mit dem Kosmos wird es trockener und nüchterner zugehen, aber – hoffentlich – fantastisch genug!

 
Fußnoten
1) Däniken, Erich von: »Aussaat und Kosmos«, Düsseldorf, August 1972, S. 266
2) Lyall Watson: »Lifetide«, New York 1979
3) Sheldrake, Rupert: »Das Gedächtnis der Natur«, Bern 1990
4) Pauwels, Louis und Bergier, Jacques: »Aufbruch ins dritte Jahrtausend/ Von der
     Zukunft der phantastischen Vernunft«, Bern und Stuttgart 1962
Sehr empfehlenswert sind auch:
Pauwels, Louis und Bergier, Jacques: »Die Entdeckung des ewigen Menschen/
     Die Umwertung der Menschheitsgeschichte durch die phantastische
     Vernunft«, Bern, München Wien, o.J.
Pauwels, Louis und Bergier, Jacques: »Eternal Man/ Are we older and wiser
     than we know?«, London (?) 1972
Pauwels, Louis und Bergier, Jacques: »Impossible Possibilities«, London (?)
     1971
5) Häge, Walter: »Die Theorie vom morphogenetischen Feld«, Manuskript


Foto 13: Widmung Bergier
Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: In der Unterwelt des Hypogäums, Malta. Fotos um 1910. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Was wurde hier zelebriert? Foto etwa 1910. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Monstersteine in Tempeln von Malta. Im Bild Hans-Werner Sachmann und Walter-Jörg Langbein. Foto Ilse Pollo.
Fotos 5 und 6: Tempel von Hara Qim, Malta. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Widmung Jacques Bergier. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Tiahuanaco, Bolivien (Sonnentor-Motiv). Foto Ingeborg Diekmann, Bremen.
Fotos 9-12: Lelu, Mikronesien, Reste gigantischer Steinbauten aus uralten Zeiten. Fotos Walter-Jörg Langbein

406 »Von Engeln und einem fliegenden Haus«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 8,
Teil  406 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 29.10.2017



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Sonntag, 15. Oktober 2017

404 »Da umleuchtete ein Licht vom Himmel die Augen vieler«

»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 6,
Teil  404  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Loreto-Kapelle von Birkenstein.
Die Kapelle von Birkenstein misst bescheidene 9,50 Meter in der Länge und 3,50 Meter in der Breite. So bescheiden der kleine Bau von den Maßen ist, so prunkvoll ist er ausgestattet: als Verehrungsstätte.

Pilger kommen nach Birkenstein, um zur Gottesmutter zu beten, um Linderung und Heilung bei Erkrankung zu erbitten, oder um sich zu bedanken für erhaltene himmlische Hilfe.

Da scheint kaum ein anderer Ort besser geeignet zu sein, als das Haus, in dem Maria, die historische Mutter Jesu, lebte.

Die Kapelle von Loreto in Italien gilt nun als das Original. Im bescheidenen Haus soll einst Maria gelebt haben. Nur war das Original in Loreto für die meisten Christen vor Jahrhunderten unerreichbar, da einfach zu weit entfernt. Also baute man die Kapelle von Birkenstein exakt nach den Maßen des Originals. Als »Santa Casa« (»Heiliges Haus«) weltweit bekannt ist die Kapelle von Loreto, die ja ursprünglich eher ein profanes Häuschen war, ein weltliches Minigebäude, kein Ort der Andacht und Verehrung. Daran erinnert in Birkenstein der »Ofen« der Gottesmutter ebenso wie ihr »Küchenschrank«. Der »Ofen« befindet sich wie eine funktionslose Kulisse an der Ostwand, wie auch der »Küchenschrank«. Der Ofen wirkt wie die Attrappe eines »offenen Kamins«. Der Ausdruck »Küchenschrank« ist reichlich hochgegriffen, »Kästchen« passt eher. Es werden auch keine Küchenutensilien darin aufbewahrt, sondern Votivgaben, die an Heilungen erinnern sollen, für die sich die Gläubigen bei der »Mutter Gottes« bedanken wollten. Da finden sich (1) »silberne Ohren, Augen, Herzen, Arme und Beine« neben »schönen alten Rosenkränzen«.

Foto 2: Votivtafeln von Birkenstein.

Das Original in Loreto weist eine schlichte Ziegelmauer auf, die man in Birkenstein nur imitierte. Die Ziegel von Loreto sind rund zwei Jahrtausende alt, in Birkenstein hat man sie nur aufgemalt. Schwester Mayr fragt (2): »Diese einfache Mauer und die wunderbare Barockausstattung – passt denn das zusammen?« Für den gläubigen Christen gibt es keinen Widerspruch zwischen dem ärmlichen »Häuschen«, das nur aus einem Zimmer bestand, und der prunkvollen Ausstattung von Birkenstein. Die Behausung der Maria in Nazareth war nach heutigem Verständnis kein richtiges Haus, sondern nur ein kleiner Vorbau vor einer Höhle. Für tiefgläubige Katholiken war Maria die Mutter des göttlichen Jesus. Die schlichte Frau aus Nazareth wurde im Verlauf der letzten 2000 Jahre zur Miterlöserin, die in den Himmel aufgenommen wurde. Jesus selbst krönte sie zur Himmelskönigin und als Himmelskönigin mit der Mondsichel zu ihren Füßen stellten sie viele Künstler dar.

Foto 3: Votivtafeln von Birkenstein zeigen die himmlische Maria mit dem Jesuskind.

Marias mehr als bescheidene Bleibe (»1-Zimmer-Apartment«) in Nazareth wurde mit der Geburt des Heilands zum höchst bedeutsamen, heiligen Ort für die Christenheit. Die Botschaft von der einfachen Frau aus Nazareth und ihrer Bedeutung für die Christenheit soll die prunkvolle Ausstattung des kleinen Häuschens verdeutlichen. Und das gilt für rund 2000 Loreto-Kirchen und –Kapellen, die bis heute weltweit errichtet worden sind.

Den Erforscher des Mysteriösen und Geheimnisvollen freilich interessiert die Frage, wie denn das Häuschen der Maria aus Nazareth nach Loreto in Italien gelangt sein soll. Beginnen wir mit dem Ende der faszinierenden Geschichte: Mit der »Landung« des »Heiligen Hauses« in Loreto auf einem ganz und gar nicht zufällig gewählten Ort. Am 10. Dezember 1294 kam die »Santa Casa« (»Heiliges Haus«) vom Himmel hoch hernieder. Die Beschreibung erinnert den heutigen Leser zweifelsohne an so etwas wie eine profane »UFO-Landung«. Der Einsiedler Paulus de Sylva verfasste einen informativen Brief, den er keinem Geringeren als König Karl II. von Neapel sandte.

Foto 4: König Karl II von Neapel.
Zum historischen Hintergrund: Karl II. von Anjou – die Franzosen nennen ihn Charles d’Anjou, die Italiener Carlo d’Angiò wurde im Jahr 1254 geboren. Er verstarb am 6. Mai 1309 in Italien. Vom Jahre 1285 regierte er als »König von Neapel«. Der bürgerlich-weltliche Name des Paulus de Sylva kennen wir nicht. Er nannte sich »de Sylva«, was nichts mit adeliger Herkunft zu tun hat. »De Sylva« bedeutet schlich und einfach: »aus dem Wald«. »Paulus aus dem Wald« hauste in einer Klause auf dem damals noch dicht bewaldeten »Bärenhügel« bei Loreto.

Offenbar hatte Karl II., der den wenig schmeichelhaften Beinamen »der Lahme« trug, hatte wohl von wundersamen Geschehnissen gehört und »Paulus aus dem Wald« um Berichterstattung gebeten, befand sich dessen Hütte doch in unmittelbarer Nähe der himmlisch-irdischen Erscheinung. De Sylva verfasste seinen Brief an den König in lateinischer Sprache, er gehörte also gebildeten Kreisen an.

Joseph Sauren veröffentlichte anno 1883 in Einsiedeln das Werk »Das heilige Haus zu Loreto und die Lauretanischen Gnadenorte in deutschen Landen«. Darin enthalten: der komplette Text des Briefes von Paulus de Sylva an Karl II. von Neapel in lateinischer Sprache (3).

Ich zitiere aus einer deutschen Übersetzung (4): »O König, (ich schreibe Dir), um Deine fromme Neugier zu stillen, die mir den Auftrag gab zur Erzählung des großen Wunders der Übertragung des jungfräulichen Hauses, welche durch Engel durchgeführt worden ist, und zwar an die Küste Italiens in der Provinz Picenum im Gebiet von Recanati, zwischen den Flüssen Aspis und Musico (Musone) und Potentia (Potenza).«

Foto 5:  Bau der Kapelle von  Birkenstein.
Pauls de Sylva lokalisiert nicht nur genau, wo das »heilige Haus« von Engeln abgesetzt wurde, er benennt auch Zeugen (5): »Die Sache verhielt sich so, wie ich es öfter von glaubwürdigen Männern aus Recanati selbst gehört habe, und zwar von Franciscus Petrus, Kanoniker in Recanati, und insbesondere vom Kleriker Ugguccio, aber auch von den hervorragenden Rechtsgelehrten Ciscus de Cischis und Franciscus  Percivallinus aus Recanati, die alle mit vielen anderen Leuten, mit denen ich redete, zur Zeit des Wunders lebten. Ich habe dies auch in den öffentlichen Dokumenten mit Aufmerksamkeit gelesen.«

Leider ist es mir trotz intensiver Recherche nicht gelungen, die nicht näher benanannten »öffentlichen Dokumente« ausfindig zu machen, in denen angeblich das Wunder vom aus dem Himmel hernieder fahrenden Hauses auch beschrieben sein soll. Paulus de Sylva jedenfalls behauptet, diese Dokumente eingesehen und mit Zeugen gesprochen zu haben. Dann beschreibt de Sylva das fantastisch anmutende »Wunder« so, dass man es mit den Mitteln heutiger Tricktechnik für einen Sciencefiction-Film eins zu eins umsetzen könnte. Mich erinnert die Schilderung des Ereignisses aus dem Jahr 1294 an Spielbergs UFO-Visionen. Ich zitiere erneut aus Gottfried Melzers Buch »Loreto« (5):

»Im Jahre 1294 seit der Menschwerdung  des Herrn Jesus, am … 10. Dezember, als tiefes Schweigen alles gefangenhielt und die Nacht in ihrem Lauf die Mitte erreicht hatte, umleuchtete ein Licht vom Himmel die Augen vieler, die nahe am Ufer des Adriatischen Meeres sich befanden, und eine süßtönende Harmonie von Singenden trieb die Schlaftrunkenen und Müden an, das Wunder und übernatürliche Ereignis zu schauen.«

Foto 6: Transport des Heiligen Hauses als Briegmarkenmotiv

Woher dieses »Licht vom Himmel« kam, auch das beschreibt Paulus vom Wald ganz unmissverständlich (6): »Und sie sahen und schauten ein Haus von hellem Glanz umflossen, das von Engeln gestützt und durch die Luft getragen wurde. Und die Bauern und Hirten standen da und staunten voll Verwunderung über so ein gewaltiges Ereignis, und sie fielen in Verehrung nieder und harrten aus, das Ende zu sehen und den so staunenswerten Ausgang. Inzwischen wurde jenes Heilige Haus von den Engeln mitten in den großen Wald getragen und niedergestellt.«

Nüchtern betrachtet: Da kam etwas des Nachts vom Himmel, in Licht getaucht, von den staunenden Menschen bewundert. Offenbar wirkte sich die mysteriöse Landung dieses Etwas im Wald auf die Bäume aus, drückte die Bäume nieder. Für den frommen Einsiedler war dies ein Beweis für die Göttlichkeit des beobachteten Phänomens. Er interpretierte fromm-religiös (7):

»Und die Bäume selbst neigten sich 
und verehrten die Königin des Himmels 
und bis heute sieht man sie niedergeneigt 
und gekrümmt, gleichsam als frohlockten 
die Bäume des Waldes.«

Das »Heilige Haus« Marias wurde demnach von Engeln durch die Luft getragen und bei Loreto im Wald niedergesetzt. Der Überlieferung nach wurde der Platz, an dem die »Santa Casa« nicht einfach irgendwo im Wald abgestellt worden sein. Vielmehr habe sich ursprünglich an jener Stelle ein Tempel aus vorchristlichen Zeiten befunden. Paulus de Sylva vermeldet König Karl II. von Neapel: »An diesem Ort. So erzählt die Sage, sei (einst) ein (heidnischer) Tempel gestanden, der einer falschen Gottheit geweiht und von Lorbeer(büschen) umgeben war, und so wurde dieser Ort bis heute Laurentum (Lorento) genannt.«

Fotos 7-10: Vatikan 1995. Briefmarken zum Gedenken des Wunders von Loreto.

Welche »heidnische Gottheit« mag im Wald von Loreto in einem Tempel verehrt worden sein, bevor das »Heilige Haus« just dort abgestellt wurde? Der Lorbeer – griechisch Δάφνη – könnte Aufschluss geben. Im Griechischen ist die Daphne, zu Deutsch »Lorbeer«,  eine Priesterin der göttlichen »Mutter Erde«. Sie galt als Tochter des Flussgottes Ladon oder des Flussgottes Peneios und wurde – wie die Göttin Artemis – als »jungfräuliche Jägerin« verehrt. Daphne, so heißt es, wurde vom mächtigen Gott Apollon arg bedrängt. Um ihre Jungfräulichkeit zu wahren, geschah ein Mirakel: Daphne wurde in einen Lorbeerbaum verwandelt. Und Apollon trug von nun an zur Erinnerung an Daphne einen Lorbeerkranz.

Sollte es in Loreto den Tempel einer vorchristlichen, sprich heidnischen Göttin gegeben haben? War eine jungfräuliche Priesterin für den Tempelkult verantwortlich? An ihre Stelle trat die jungfräuliche Maria. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass noch in frühchristlichen Zeiten Menschen im Wald von Loreto zur heidnischen Göttin beteten. Nach und nach wurde sie durch Jungfrau Maria verdrängt. Die »jungfräuliche Jägerin« wurde von der »jungfräulichen Mutter« abgelöst.

Foto 11: Literaturempfehlung zum Thema.

Fußnoten
1) Mayr, Sr. M. Eresta: »Mein Birkenstein«, Passau 2014, S. 28, Zeilen 1 -3 von oben
2) ebenda, Zeilen 7 und 8 von oben
3) Sauren, Joseph: »Das heilige Haus zu Loreto und die Lauretanischen Gnadenorte in deutschen Landen«, Einsiedeln 1883
4) Melzer, Gottfried: »Loreto/ Der erste und ehrwürdigste Marienwallfahrtsort«, Lauerz, Schweiz, 2. Auflage 2003, S. 61-64, Zitat S. 61, rechte Spalte
5) ebenda, S. 62, linke Spalte oben
6) ebenda, S. 62, linke Spalte unten
7) ebenda, Seite 62, linke Spalte, Zeilen 1-3 von unten und S. 62, rechte Spalte, Zeilen 1-4 von oben
8) ebenda, S.62, rechte Spalte oben

Zu den Fotos
Foto 1: Die Loreto-Kapelle von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Votivtafeln von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Votivtafeln von Birkenstein zeigen die himmlische Maria mit dem Jesuskind. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: König Karl II von Neapel. Foto wiki commons/ gemeinfreiFoto 5: Fromme Malereien zeigen den Bau der Kapelle von  Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5:  Bau der Kapelle von  Birkenstein. Fromme Malerei, Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Kroatien 1994. Transport des Heiligen Hauses durch die Luft als Briefmarkenmotiv. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 7-10: Vatikan 1995. Briefmarken zum Gedenken des Wunders von Loreto. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Literaturempfehlung zum Thema. Reinhard Habeck: Überirdische Rätsel. Foto Verlag

405 »Im Ozean des Geistes«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 7,
Teil  405 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.10.2017 

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