Sonntag, 6. Januar 2019

468 »Der Gott mit dem Fisch«

Teil 468 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Krodo auf dem Großen Burgberg
Der Mann – der Überlieferung nach ein Gott – ist nicht mehr der Jüngste. Seine Haare sind lang, der Bart wirkt fast verwegen. Haartracht und Gewand deuten darauf hin, dass es sich um einen alten Germanen handeln könnte. In seiner Rechten hält der schlanke Mann so etwas wie einen Eimer, mit der Linken hebt er ein Rad mit sechs Speichen gen Himmel. Er steht auf einer Säule, genauer gesagt auf einem großen Fisch auf einer Säule. Das mysteriöse Bild findet sich in der »Sachsenchronik« von Conrad Bothe, erschienen anno 1492. Conrad Bothe beschreibt den Mann als den Sachsengott Krodo (andere Schreibweise: Crodo).

Detailgetreu wurde die Zeichnung aus der Sachsenchronik in eine Statuette. Sie lockt bis heute Touristen und Heimatforscher nach Bad Harzburg. Das Krodo-Denkmal steht bei der Ruine der einstigen Kaiserburg »Harzburg«, von der nur noch Reste der einst mächtigen Grundmauern und der  stolzen Türme erhalten sind.

Auch der Brunnen der Burg ist noch vorhanden. Wen oder was stellt die Zeichnung aus der »Sachsenchronik« dar? Ist es wirklich Gott Krodo? Darüber werden auch heute noch zum Teil heftige Kontroversen geführt.

Jacob Grimm, Germanist und Mythenforscher, schreibt zum Thema Gott in seinem dreibändigen Standardwerk »Deutsche Mythologie«(1): »In allen deutschen zungen von jeher ist das höchste wesen einstimmig mit dem allgemeinen namen Gott benannt worden.« In allen deutschen Dialekten wurde, so Historiker und Volkskundler Grimm, das höchste Wesen Gott genannt. Bitter beklagt Jacob Grimm, dass kein einziger Schriftsteller den Versuch unternommen hat (2) »die überreste des heidnischen glaubens zu sammeln«. Vielmehr habe man danach getrachtet (3) »die letzten eindrücke des verhaßten heidentums zu tilgen statt zu bewahren«. Es sei viel von  (4) »unserer mythologie unwiderbringlich entzogen«. Gerade deshalb ist es Jacob Grimm hoch anzurechnen, dass er mit unglaublichem Fleiß eine erstaunliche Fülle an Informationen über die alten vorchristlichen Götter zusammengetragen hat.

Foto 2: Wichtiges Standardwerk!
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Studiert man sein auch heute noch beeindruckendes Werk »Deutsche Mythologie« so erkennt man schnell, dass da zwischen dem christlichen Gott einerseits und den heidnischen Göttern andererseits unterschieden wird. Das Heidentum freilich verschwand nicht spurlos von heute auf morgen. So wurden die heidnischen Götter nicht einfach von den Missionaren des Christentums ausgetilgt. Aber Christus wurde ähnlich wie zuvor die heidnischen Götter umschrieben (5). Diese Strategie führte zu einem Teilerfolg der christlichen Missionierung: Christus und die heidnischen Götter wurden gleichzeitig verehrt. Ethelbert von Kent (um*552;†616) regierte über drei Jahrzehnte seine Grafschaft im Südosten von London. Ethelbert ließ sich taufen und erlaubte den christlichen Missionaren, nach eigenem Gutdünken christliche Gotteshäuser zu errichten. Freilich wollte er keinen übergroßen Zwang ausüben. Vermutlich befürchtete Ethelbert von Kent, Zwangsmissionierung könnte dazu führen, dass sich die Heiden gegen den König erhoben. Und deshalb durften neben christlichen Altären heidnische »Götzenbilder« stehen. Es wurden also in christlichen Gotteshäusern auch noch »heidnische Idole« verehrt und angebetet. Offenbar waren den Missionaren »halbe Christen« lieber als »ganze Heiden« (6). Die Existenz heidnischer Götter wurde nicht bestritten (7): »Auch in christlicher zeit traut man den heidnischen göttern manche fähigkeit zu.«

Foto 3: Krodo, älteste Darstellung, 1492
So war das auch im Alten Israel, als ganz offiziell längst der Monotheismus eingeführt worden war. Mit der Einführung des Jahwe-Kults verschwanden nicht plötzlich die alten Göttinnen und Götter ins Nichts. Konkreter: Falsch ist die Vermutung, dass Salomons Tempel (Hauptheiligtum des jüdischen Monotheismus!) ausschließlich der Verehrung Jahwes diente. Der salomonische Tempel bestand 370 Jahre. Immerhin 236 Jahre davon, also fast zwei Drittel der Zeit, beherbergte er eine Ascherah-Statue. Wie war das möglich? Hatte doch Jahwe angeblich selbst nicht nur das Anbeten fremder Götter im Allgemeinen verboten, sondern ganz konkret gefordert (8): »Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherahbild errichten bei dem Altar Jahwes!« Genau das aber geschah immer wieder! Jahrhunderte lang war Ascherah fester Bestandteil im religiösen Leben der jüdischen Stämme. Konkretem göttlichem Gebot zum Trotz stand ihre Statue im Allerheiligsten im Salomonischen Tempel neben  Jahwes Altar.

Zurück zum mysteriösen Gott Krodo. Betrachten wir uns die Zeichnung aus der Sachsenchronik und das geheimnisvolle Denkmal bei der Harzburg näher. Wir erkennen gleich drei uralte »Symbole« (9)!

Foto 4: Krodo steht auf einem Fisch.

Der Fisch, auf dem Gott Krodo steht, ist eines der ältesten Symbole überhaupt. Ausführlich äußert sich Professor Hans Biedermann (*1930; †1989/1990) in seinem »Lexikon der Symbole«. (10). Er sieht den Fisch als Zeichen für Fruchtbarkeit, für die Kraft die das Leben erhält (11): »Fische bevölkern die Wasserflut …, die mit Fruchtbarkeit und den lebenspendenden Kräften der inneren ›Mütterwelten‹ zu tun haben.« In diesem Zusammenhang muss ein ganz besonderer Fisch aus uralter Mythologie erwähnt werden: Der Sage nach haust er im oberfränkischen Staffelberg. Damit er in den Berg passt, muss er sich in den eigenen Schwanz beißen. Der namenlose Staffelbergfisch, der auch in einigen südamerikanischen Pyramiden hausen soll, hat ein Pendent, nämlich »Uroboros« (Foto 7). Uroboros, eine mythologische Schlange, beißt sich ebenfalls in den eigenen Schwanz.

Foto 5: Krodos Rad
Dieses Motiv ist uralt und stellt, so Biedermann (12), »den Kreis in seiner Verkörperung der ›ewigen Wiederkehr‹ tiergestaltig dar und deutet an, dass dem Ende ein neuer Anfang in ständiger Wiederholung entspricht.« Diesen ewigen Kreislauf des Lebens symbolisiert natürlich auch das Rad, das Gott Krodo empor hält. Denken wir an das zyklische Weltbild der Mayas, die den Ablauf der Zeit als ein sich ständiges Drehen von »Rädern« sahen und in Milliarden und Abermilliarden von Jahren rechneten!


Das »ewige Leben« der Mayas bestand in der ewigen Wiederholung von zyklischen Zeitabschnitten. Vielen heutigen Christen ist nicht bekannt, dass der Fisch das älteste Symbol für den Messias Jesus und somit auch für Auferstehung und ewiges Leben ist. 

Es gibt recht unterschiedliche Symbole für den ewigen Kreislauf des Lebens. Eines findet sich im Paderborner Dom: Im berühmten »Dreihasenfenster« (Foto 8) bilden drei Hasen, die sich drei Ohren teilen, auch so etwas wie ein sich ewig drehendes Rad. Wobei der Hase wiederum ein uraltes Symbol der Fruchtbarkeit ist.

Als nach christlichem Verständnis das sündige Leben auf der Erde durch eine »Sintflut« ausgetilgt wurde, überlebten die Fische. So würden auch die Christen einst überleben und nicht dem ewigen Tod anheimfallen. In zunehmendem Maße bekennen sich heutige Christen mit einem Fischsymbol an ihrem PKW zum christlichen Glauben. Noch einmal Prof. Biedermann, der reale »Symbologe«, echtes Pendant zum fiktiven Professor Langdon (13): »In vielen alten Religionen werden Fische mit den Göttinnen der Liebe und der fruchtbaren Natur in Verbindung gebracht.«

Foto 6: Krodos Rosen
Krodo alias Crodo hält mit der rechten Hand so etwas wie einen Eimer. Darin befinden sich Rosen. Seit ewigen Zeiten sind Rosen das Symbol der Liebe, die den Tod überdauert. Mike Vogler fasst in seinem sehr empfehlenswerten Werk »Rätsel der Geschichte« (14) sachkundig zusammen (15):

»Die dargestellte Symbolik verweist auf Krodos Bedeutung als Fruchtbarkeitsgott. Der Fisch versinnbildlicht das Element Wasser sowie Nahrung, unverzichtbare Bestandteile des Lebens Auf Erden. Das Rad erinnert an das Verrinnen der Zeit, dem Werden und Vergehen alles Lebens. Die Rosen stehen für die Fruchtbarkeit sowie der Menschen als auch der Natur. Zusammenfassend kann man sagen, dass Krodo das Leben als solches symbolisiert.«

Zur Lektüre empfohlen:
Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel 2002 (Der Götze Krodo in Harzburg, S.91-95)
Vogler, Mike: »Hexen, Teufel und Germanen/ Teufelsglaube und Hexenwahn als Folge der Christianisierung/ Beispielhaft verdeutlicht am altsächsischen Gott Krodo«, Leipzig 2012

Fußnoten
(1) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
Berlin 1875-78, Band 1, Seite 11 ganz oben, Rechtschreibung unverändert übernommen.
(2) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
Berlin 1875-78, Band 1, Seite VIII, Zeilen 15 und 16 von oben. V Rechtschreibung unverändert übernommen.
(3) ebenda, Zeilen 18 und 19 von oben
(4) ebenda, Seite IX, Zeile 8 von unten
(5) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
Berlin 1875-78, Band 1, Einleitung S. 7 oben

Foto 7: Uroboros, 17. Jahrhundert.


(6) Siehe hierzu Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
Berlin 1875-78, Band III, Einleitung, Seite 7 oben!
(7) ebenda, Seite 4 Mitte
(8) Das 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(9) Ich fasse den Begriff »Symbol« bewusst sehr weit. So zähle ich die »Elemente« aus verschiedenen Weisheits-und Geheimlehren auch zu den Symbolen!
(10) Biedermann, Hans: »Knaurs Lexikon der Symbole«, München 1989, Seiten 142-145
(11) ebenda Seite 142, rechte Spalte unten und Seite 143, linke Spalte oben.
(12) ebenda, Seite 455, linke Spalte unten, Stichwort  »Uroboros«
(13) ebenda, Seite 143, linke Spalte Mitte
(14) Vogler, Mike: »Rätsel der Geschichte«, eBook, Dresden 2014
Voglers Buch ist Teil 1 einer inzwischen auf 5 Bände angewachsenen Reihe. Es ist sowohl als Taschenbuch als auch als eBook erhältlich!
(15) ebenda,  Seite 4, Pos. 31

Foto 8: Drei Hasen bilden ein Rad


Zu den Fotos:
Foto 1: Krodo-Statue auf dem Großen Burgberg bei Bad Harzburg. Foto wiki commons/ Kassandro 
Foto 2: Wichtiges Standardwerk! FotoVerlag
Foto 3: Krodo, älteste Darstellung, 1492.
Foto 4: Krodo steht auf einem Fisch. Foto wiki commons/ Kassandro 
Foto 5: Krodos Rad. Foto wiki commons/ Kassandro 
Foto 6: Krodos Rosen. Foto wiki commons/ Kassandro
Foto 7: Uroboros, 17. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Drei Hasen bilden ein Rad, Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein 

469 »Der Kaiser, Kelten und Gott Krodo«,
Teil 469 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13. Januar 2019


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Sonntag, 30. Dezember 2018

467 »Der mysteriöse Jodutenstein, Gott Mars und die Mutter der Kälte«


Teil 467 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Bartholomäuskapelle
Sorgfältig befestigen einige Männer ein seltsames Bildnis an einer hohen Stange. Sie stellen die Stange auf, wie einen Mast. Hoch oben: ein Idol, so etwas wie ein Gott, vielleicht furchteinflößend. Und dann bewerfen die Menschen das mysteriöse Ding hoch auf dem Mast, immer wieder. So eine Szene könnte in einem Science-Fiction-Film zu sehen sein. Thema: Kurioser Kult auf einem fremden Planeten. Tatsache ist aber: Szenen wie die beschriebene haben sich auf Planet Erde abgespielt: im Hof eines altehrwürdigen Doms.

Nordöstlich der Bartholomäuskapelle, wenige Schritte vom Dom zu Paderborn entfernt, suchten Archäologen nach Hinweisen auf Vorgängerbauten. Das kleine Gotteshaus mit einer hervorragenden Akustik wurde um das Jahr 1017 (nur wenige Meter vom mächtigen Dom entfernt) errichtet. Warum ausgerechnet das sumpfige Quellgebiet der Pader als Baugrund gewählt wurde? Eine Erklärung: Das Gebiet galt schon bei den »Heiden« als heilig. Wo einst vielleicht eine Quellengöttin verehrt wurde, entstanden Dom und Kapelle.

Vermutlich existierte bereits vor der steinernen Bartholomäuskapelle ein hinfälligeres Kapellchen, womöglich vorwiegend aus Holz gebaut. Es brannte offenbar ab. Im Brandschutt fanden sich Reste einer mysteriösen Inschrift. Die Tafel war stark beschädigt, aber der Text, der einst auf dieser Tafel verewigt worden war, konnte mehr oder minder rekonstruiert werden: Karl der Große rühmte sich, einen »Drachen« besiegt zu haben. Wir dürfen annehmen, dass damit ein heidnischer Kult gemeint war, dessen Heiligtum einst vor dem Bau des Doms Gläubige in die Gefilde der Quellen von Paderborn lockte.

Foto 2: Karl der Große
Karl der Große war ja bekanntlich ein militanter Verfechter des Christentums, der heidnische Kultstätten zerstören ließ. Wem wurde im heidnischen Drachenheiligtum gehuldigt? Welche Göttin oder welcher Gott wurde verehrt? Wer im altehrwürdigen Domen nach Drachen sucht, wird fündig: zum Beispiel am den Kirchenbänken in der Krypta, die die Gläubigen zu Andacht und stillem Gebet laden.

Heftigste Widersache Karls des Großen waren die heidnischen Sachsen, die recht widerspenstig waren und so gar nicht den christlichen Glauben annehmen mochten. Fromme Predigten waren offenbar nicht überzeugend genug. Lange nach Karl, genannt »der Große« (*wahrscheinlich 747 oder 748), fand am 11. Februar 1115 auf dem Lerchenfeld im Welfesholz (1) eine Schlacht statt: Feldmarschall Hoyer erlitt für Kaiser Heinrich V. eine Niederlage. Siegreich endete das blutige Gemetzel für das Heer, angeführt vorwiegend von sächsischen Fürsten wie Herzog Lothar von Süpplingenburg und Bischof Reinhard von Blankenburg.

Stolz errichteten die siegreichen Sachsen ein Denkmal. Wir wissen nicht wirklich, wie es ausgesehen hat. Angeblich soll auf einer Säule die Statue eines sächsischen Ritters in voller Rüstung gestanden haben. Angeblich trug der Ritter in seiner linken Hand einen Schild mit dem sächsischen Wappen und in der rechten Hand einen mächtigen Morgenstern. Mit diesem furchteinflößenden Mordwerkzeug soll er so manchen Sachsen niedergestreckt haben. So zumindest überliefert es die »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen«. In Band 1 dieses faszinierenden Werkes, »gesammelt und herausgegeben von Dr. Johann Georg Theodor Gräße«, anno 1855 im »Verlag von Schönfelds Buchhandlung« zu Dresden erschienen, finden wir einen kurzen Bericht (2) »Vom Abgott Jodute«.

Warum die Siegessäule Jodute genannt wurde? Wie dieser Name entstand, das ist bis heute umstritten. Eine Erklärung: Die kriegerischen Sachsen sollen vor einer Schlacht ihre Streitgefährten mit einem Schrei aufgefordert haben, gemeinsam gegen einen Feind ins Feld zu ziehen. Sie sollen »tiod-ute!«, »Zu den Waffen!«,  gebrüllt haben. Aus diesem »tiod-ute!« habe sich der Name »Jodute« entwickelt.

Foto 3: Stolz wie Hermann

»Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen« wiederum bietet eine ganz andere Erklärung (3)! Das Denkmal sei »Signum adjutorii« genannt worden, was zu Deutsch »Zeichen göttlicher Hilfe« heiße. Aus dem Lateinischen »adjutorii« hätten die Bauern »Jodutte« oder »Gedutte« gemacht, einfach weil sie das Lateinische nicht korrekt sprechen konnten. »Die Bauern beteten es an und meinten, dass sie durch die Hilfe von S(ankt). Jodutten den Streit gewonnen hätten.« Ich kann mir nicht vorstellen, dass selbst simpelste Gemüter ein Kriegerdenkmal für die Darstellung eines Gottes hielten. Das berühmte Hermannsdenkmal bei Detmold zeigt keinen Gott, sondern einen legendären Krieger.

Schlichte Touristen mögen heute glauben, dass »der Hermann« pünktlich um 12 Uhr das Schwert von einer Hand in die andere gibt, nicht aber, dass der eiserne Hermann (Foto 3) ein Gott sein soll. Meiner Meinung ist die lateinische Erklärung nicht sehr überzeugend. Vielmehr glaube ich, dass es einst eine Gottheit namens Jodutte gab, für die zum Dank ein Denkmal errichtet wurde. Wie dem auch sei: Noch Ende des 13. Jahrhunderts sollen unzählige Menschen zu  »Jodute« geströmt sein, so wie heute an sonnigen Sommertagen zum »Hermanns-Denkmal« im Teutoburger Wald.

Foto 4: Einer der Drachen im Dom zu Paderborn

Der Ort, wo der  Jodute stand, wurde bald zur Wallfahrtsstätte. Es muss sich bald ein solcher Rummel um das Monument entwickelt haben, dass sich Kaiser Rudolf von Habsburg empörte. Ihm war das Denkmal ein großes Ärgernis, erinnerte es doch an eine empfindliche Niederlage der Kaiserlichen und wohl auch an das Weiterleben des Heidentums nach der Christianisierung. Anno 1289 ließ er den (die?) Jodute entfernen. Sie wurde ins Kloster Wiederstedt geschafft. An ihrem alten Standort wurde eine Kapelle errichtet. In dieser Kapelle wiederum wurde bald ein »Bildstock« aufgestellt, der der »Jodute« recht ähnlich gesehen haben soll. Vielleicht war es gar die Originaljodute selbst?

Meiner Meinung nach kann es sich bei der Figur, die einst auf der Siegessäule stand, nicht um die profane Darstellung eines Kriegers in Rüstung gehandelt haben. Die Bevölkerung jedenfalls glaubte, dass die Jodute über wundersame Kräfte verfügte. Kranke und gesunde Wallfahrer strömten herbei um dem Bildstock ihre Reverenz zu erweisen. Sie begnügten sich freilich nicht, die Jodute zu verehren oder vielleicht zur Jodute zu beten. Die Wallfahrer versuchten, zumindest einen Splitter der Jodute als eine Art Reliquie mit nach Hause zu nehmen. So wurde die mysteriöse Darstellung stark beschädigt, sie schwand nach und nach dahin. Restauriert wurde das kleine Heiligtum offenbar nicht. Anno 1570 schließlich entfernte man den »Bildstock« aus der Kapelle.

Foto 5: Und noch ein Drache im Dom (unweit der Krypta!)

Hinweise auf heidnische Drachen (Fotos 3, 4 und 5!) gibt es auch heute noch in der Krypta des Doms zu Paderborn. Spurlos verschwunden allerdings ist die Jodute von Paderborn. Von ihr will man offenbar in Kirchenkreisen heute überhaupt nichts mehr wissen.

Foto 6: Geschnitzte Drachen im Kampf (Dom zu Paderborn)

Zurück zur eingangs beschriebenen Szene! Jacob Grimm, der geradezu pedantische Erforscher deutscher Mythologie, berichtet von einem heute seltsam anmutenden Brauch, der im Domhof zu Paderborn zelebriert worden sein soll (4): »Im domhof zu Paderborn, da wo den (sic!) götze Jodute soll gestanden haben, wurde bis ins 16. Jahrhundert der tag dominica laetare etwas einem bilde gleich auf eine stange gesteckt, und von den vornehmsten des landes darnach mit prügeln geworfen, bis er nieder zur Erde fiel.« Jacob Grimm schreibt weiter (5): »War das bild abgeworfen, so trieben die kinder spott und spiel damit, und die adlichen feierten ein gastmal.«

Am 4. Fastensonntag wurde also im Domhof zu Paderborn »Götze Jodute« auf eine Stange gesteckt und mit »Prügeln« beworfen, und zwar so lang, bis das einst verehrte Idol zu Boden fiel. Der erste Wurf war der vornehmsten Familie vorbehalten, die dieses Privileg als große Ehre ansah. Lag Bode – vielleicht zertrümmert – am Boden, bedeutete das noch nicht das Ende der Schmähungen. Jetzt durften die Kinder mit der Figur spielen. Warum? Eine Vermutung liegt, meine ich, nahe: Noch im 15 und 16. Jahrhundert hatte »Götze Jodute« in Paderborn Anhänger. Für diese »Heiden« hatte so eine Götterfigur magische Kräfte. Ihnen sollte der Sieg über »Jodute« vor Augen geführt werden. Diesen Heiden sollte die Machtlosigkeit von »Jodute« vor Augen geführt werden, indem das einstige Idol verächtlich behandelt wurde. Nicht überliefert ist, wie erfolgreich auf diese Weise Noch-Heiden zum Christentum geführt wurden.

Foto 7: Gott Krodo
Karl, genannt »der Große« (*wahrscheinlich 747 oder 748) war es offensichtlich nicht gelungen, den Glauben an »Götze Jodute« auszulöschen. War er im Kampf gegen andere Gottheiten erfolgreicher? Dr. Johann Georg Theodor Gräße trug in seinem Werk »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen« eine Fülle von Hinweisen in Sachen heidnische Gottheiten zusammen. Im sächsischen »Marsburg«, so Dr. Gräße, verehrten die Sachsen Gott Mars. Der Gott hieß bei den Sachsen »Armesule«. Ein »Armesule« habe sich auch in Corvey befunden. Eine lateinische Inschrift erklärte: »In Vorzeiten bin ich der Sachsen Gott gewesen, mich hat angebetet das Volk Martis, welches pfleget die Spitze zu führen.« Offenbar handelte es sich um den führenden Stamm der Sachsen, der das Idol anbetete. Karl der Große hat es vernichtet.

Im Harz, zwischen Blocksberg und der Stadt Goslar, genoss der »Abgott Krodo« hohes Ansehen bei den Sachsen. Einer seiner Beinamen lautete »Mutter der Kälte«. Das lässt vermuten, dass Krodo ursprünglich eine heidnische Göttin war. Wie sonst wäre der Beiname »Mutter« zu erklären. Zu seiner Empörung bezeichneten die Sachsen Krodo als »Gott«, für Karl V. war er der »Krodo-Teufel«. Konsequenz: Nach Dr. Gräße hat Karl der Große auch Krodos Denkmal zerstören lassen.


Foto 8: Sehr lesenswert!
Literaturempfehlungen:

Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel 2002 (»Der Götze Krodo in Harzburg«, S.91-95)

Vogler, Mike: »Hexen, Teufel und Germanen/ Teufelsglaube und Hexenwahn als Folge der Christianisierung/ Beispielhaft verdeutlicht am altsächsischen Gott Krodo«, Leipzig 2012


Fußnoten
(1) Stadt Gerbstedt im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt
(2) Gräße, Dr. Johann Georg Theodor: »Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen«, Dresden 1855, Seiten 27 und 28
(3) ebenda, Seite 28
(4) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und
     Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
     Berlin 1875-78, Band 3, Seite 7, Zeilen 10-14 von unten
(5) ebenda, Zeilen 6 und 7 von unten

Foto 9: Geschnitzte Drachen...
Zu den Fotos
Foto1: Die Bartholomäuskapelle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Karl der Große (Dürer). Foto gemeinfrei.
Foto 3: Stolz wie Hermann/ Das Hermannsdenkmal. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 4: Einer der Drachen im Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Und noch ein Drache im Dom (unweit der Krypta!). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Geschnitzte Drachen im Kampf (Dom zu Paderborn). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gott Krodo. Stilisierte, symbolische Darstellung. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Sehr lesenswert! Foto Verlag
Foto 9: Ein Besuch des Doms zu Paderborn lohnt sich! Foto Walter-Jörg Langbein

468 »Der Gott mit dem Fisch«,
Teil 468 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06. Januar 2019




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