Donnerstag, 25. August 2011

Schoßgebete - von Charlotte Roche

Rezension von Walter-Jörg Langbein

Bei Charlotte Roches zweitem Werk »Schoßgebete«, dem Nachfolger von »Feuchtgebiete«, davon war ich natürlich (!!!) felsenfest überzeugt, konnte es sich nur um ein Brevier – ein Gebetbuch – im klassischen Sinne handeln. Ich stellte mir eine kleine, fromme, theologische Sammlung von Gebeten vor ... vielleicht einen religiösen »Laptop« (aus dem Englischen: »lap« = »Schoß«). Der Stern (1) aber belehrte mich!

Es ist ein wahrer Segen, dass es das Magazin »Stern« gibt. Der »Stern«, der schon die »echten« Hitlertagebücher entdeckte und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte (2), klärte mich auf, worum es in Charlotte Roches Opus geht, nämlich um den irgendwie doch frommen Kreuzzug der attraktiven Autorin (3) Charlotte Roche. So heißt es auf dem Sterncover: »Die Missionarin/ Sex als Erlösung: Charlotte Roche und ihr Bestseller ›Schoßgebete‹«.

Eine Missionarin im christlichen Sinne ist Charlotte Roche allerdings nicht, auch wenn sie ihrem »alter ego« (?) Elizabeth Kiehl durchaus in gewisser Hinsicht katholisches Gedankengut in den Mund legt. So lässt sie Elizabeth Kiehl sagen (4): »Ich glaube, da ist irgendwas schiefgelaufen in der Erziehung, und ich bin eine Art sexuelle Katholikin geworden. Ich habe mich noch nie selbst befriedigt.« Doch Elizabeth Kiehl distanziert sich expressis verbis vom Christentum, verkündet sie doch (5): »Ich vergesse immer, dass ich überzeugte Atheistin bin«.

Bei der Bezeichnung »Missionarin« denken wir im christlichen Abendland gern an eine Verkünderin biblischer Botschaften in fremden Landen. Charlotte Roches Elizabeth Kiehl ist aber für eine Missionarin im strengen Sinne viel zu humorvoll (6): »Bevor ich mit der Übung beginne, stecke ich mir das Wunderbarste der Welt in die Ohren: Oropax. Ist lateinisch für ›Frieden den Ohren‹. Glaube ich jedenfalls. Ich war sehr schlecht in Latein.«

Ich beichte es unumwunden: Ich finde »Schoßgebete« wirklich lesenswert, auch wegen der amüsanten Ironie und eines ganz speziellen Humors. Natürlich kann man »Schoßgebete« wie der »Stern« in seiner Titelstory auf Sex reduzieren. Der Megabestseller – eine Startauflage von 500.000 Exemplaren macht ihn wohl zum erfolgreichsten deutschen Roman überhaupt – ist sehr viel mehr als ein Sex-Brevier. Sie macht sich über unsere deutsche Verklemmtheit lustig. Sie amüsiert sich köstlich über das deutsche Gutmenschentum. Hand aufs Herz: Viele Menschen wenden sich im christlichen Abendland von der organisierten Religion ab und huldigen einer Ersatzreligion. An die Stelle der christlichen Erbsünde mit dem Sündenfall im Paradies (Stichworte Adam, Eva, Paradies, Schlange, Apfel) tritt die von uns mit Eifer verursachte Umweltverschmutzung, die bekanntlich zur globalen Erderwärmung, Überschwemmung Hamburgs und der kompletten Niederlande führen wird.

Wacker agiert Elizabeth Kiehl gegen diesen Sündenpfuhl der modernen Art, der keinen Messias mehr benötigt (7): »Wir versuchen, so wenig wie möglich zu waschen, für die Umwelt, unsere Ersatzreligion. Und dazu gehört zum Beispiel, sehr, sehr oft den gleichen stinkenden Schlafanzug anzuziehen. Wir wechseln auch so wenig wie möglich die Bettwäsche. Dadurch haben unsere Schlafzimmer geruchsmäßig was Höhlenartiges. Ich denke immer: So hat es auch bei den Neandertalern gerochen, nach Menschentalg.« Allerdings geht Elizabeth Kiehl, gemeinsam mit ihrem Mann, Kompromisse ein (8): »Nur wenn wir in Kontakt mit fremden Menschen treten, draußen, achten wir darauf, nicht mehr zu stinken, zu Hause ist alles der Umwelt untergeordnet.« Das nenne ich rücksichtsvolle Anhänger der neuen Umweltreligion.

Zurück zum Buch »Schoßgebete«, das durchaus auch »Stoßgebete« heißen könnte. Die doppelte Bedeutung wäre aber besonders bibelfrommen Leserinnen und Lesern wahrscheinlich entgangen. Im »Evangelium nach Matthäus« findet sich der schöne Vers (9): »Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet.« Er trifft in besonderem Maße auf »Schoßgebete« von Charlotte Roche zu. Fundamentalistisch-christliche wie besonders verklemmte Leserinnen und Lesern scheinen besonders intensiv nach »Schweinkram« zu suchen, nach vermeintlich »ekeligen« Passagen. Und sie werden da und dort fündig ... besonders dann, wenn sie diagonal lesen und sich zufrieden geben mit den gewünschten Entdeckungen.

Die Frage ist nur: Was ist wirklich ekelhaft, und was empfindet nur der Mensch so, der ein gestörtes Verhältnis zu seinem Körper hat? Charlotte Roche doziert an keiner Stelle. Mit bewundernswert lockerer, oft ironisch-humoriger Flapsigkeit packt sie intimste wie gesellschaftskritische Themen an. Beispiel (10): »Wie bringt man Kindern bei, sich vernünftig den Po abzuwischen?« Elizabeth Kiehl jedenfalls nimmt sich sehr pädagogisch dieses Themas an. Sie möchte ihrer Tochter keinen Putzfimmel anerziehen, auch nicht ständig über Hygiene reden.

Weiter im Text (11): »Sie (die Tochter) soll sich nicht vor sich selber ekeln. Sie soll frei sein. Freier als ich. Kein Mensch spricht je darüber: über die Kunst, sich ordentlich den Po abzuwischen. Mir hat das keiner beigebracht. Meine Mutter Elli jedenfalls nicht ... Elli jedenfalls ist da viel zu verklemmt gewesen. Sie hat uns Kindern immer erzählt, dass sie niemals kackt und auch nie furzt. Das hat mich als Kind schwer beeindruckt, ich kam mir gleichzeitig aber so ekelhaft vor, weil ich selbst es nicht stoppen konnte. Sie hat uns erzählt, dass es bei ihr so ätherisch verdampft, durch die Haut sozusagen.«

Und natürlich kann man »Schoßgebete« auf das Gewünschte reduzieren, eigenes Wunschdenken bestätigend: Zunächst wird ausführlich beschrieben, wie Elizabeth Kiehl ihren Mann oral befriedigt. Dann geht sie auf den tragischen Unfall ein, bei dem drei ihrer Brüder umkamen. Und schließlich wird ein gemeinsamer Besuch von Elizabeth Kiel und ihrem Mann im Puff geschildert. Auch hier werden recht ausführlich Details beschrieben. Wer auf diese Weise »Schoßgebete« kondensiert, wird dem Buch und seiner thematischen Vielfalt nicht gerecht.

Im Zentrum steht der tragische Unfall von Elizabeth Kiehls drei Brüdern. Auf die Schilderung dieser Tragödie ist meiner Meinung nach der gesamte Roman ausgerichtet ... und auf die Beschreibung der Folgen dieses Unfalls für Elizabeth Kiehls Leben. Fast beiläufig, dabei aber auch mit beißender Schärfe prangert sie den Sensationsjournalismus der »Druck-Zeitung« an (12). Charlotte Roche findet deutliche Worte zur Verwertung des tragischen Unfalls, bei dem ihre drei Brüder umkamen (13):

»Diese Schweine haben, wie auch immer sie daran gekommen waren, ein Foto von der Unfallstelle abgedruckt, über eine halbe Seite. Ich starre auf das ausgebrannte Auto. Das Gerippe, in dem meine Brüder ums Leben gekommen sind. Ich wollte das Bild niemals sehen. Aber in dem Moment brennt es sich für immer in mein Hirn. Dank der Druck-Zeitung ... Der Tatort, abfotografiert für die Öffentlichkeit. Wo ist das der Nachrichtenwert? Für mich ist das Leichenfledderei ... Sie haben unserer Familie was geklaut, nämlich das Andenken, die privaten Bilder. Das geht niemanden was an, wie das ausgebrannte Auto aussieht, in dem sie starben. Niemanden. Nur die Polizei und, wenn überhaupt, die Angehörigen. Das Auto ist für mich heilig. Die letzte Ruhestätte meiner Brüder, und die Schweine haben es beschmutzt. Sie haben das Andenken an meine Brüder und die Unfallstelle beschmutzt, indem sie es an die Öffentlichkeit zerrten. Was für eine Vergewaltigung unserer Familie.«

Wer mag wohl mit der »Druck-Zeitung« gemeint sein? Der aufgeklärt-gebildete Zeitgenosse mag dabei an die Zeitung mit den vier großen Buchstaben (»BILD«) denken. Nun wird im Impressum von »Schoßgebete« postuliert: »Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit.« Damit ist vermutlich jener reale Unfall vor zehn Jahren gemeint, bei dem Roches Brüder starben. Dabei schleuderte ein Reisebus nach einem Zusammenprall direkt in den PKW der Familie Roche. Es ist mir vollkommen unbegreiflich, wie der »STERN« nach den drastischen Worten von Charlotte Roche sich erdreistet ... eben dieses schlimme Foto in Farbe abzudrucken (14).

Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Elizabeth Kiehl ist mir von Seite zu Seite sympathischer geworden. Das mag daran liegen, dass sie so unbeschwert über Sex zu schreiben vermag. Das mag daran liegen, dass sie Probleme wie die Rolle psychologischer Experten bei der Bewältigung der kleinen und großen menschlichen Probleme des Alltags locker-flockig beschreibt. Das mag daran liegen, dass sie Vegetarierin ist, so wie ich Vegetarier bin.

Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Keine Rezension kann diesem Buch in seiner kraftvollen Vielfalt wirklich gerecht werden. Keine Buchbesprechung kann in wirklich zutreffender Weise vermitteln, was »Schoßgebete« alles bietet. Das erfährt man nur, wenn man das Buch unvoreingenommen liest. Die Lektüre lohnt sich!



Charlotte Roche ist mir von Seite zu Seite sympathischer geworden. Sie wird wohl nicht in die Verlegenheit kommen, dass ihr der Börsenverein des deutschen Buchhandels den »Deutschen Buchpreis« verleiht. Schließlich ist ihr Buch alles andere als langweilig wie so manches so geehrte Opus ... und bedarf keiner Starthilfe mehr. »Schoßgebete« wurde von selbst – und mit Recht – ein Superbestseller.
Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen ... und kann es nur jedem Menschen wärmstens empfehlen, der unverklemmt an ein Buch heranzugehen versteht, dass so manch' heißes Eisen – aber nicht nur Sex – bietet. Wer ein Buch sorgfältig lesen mag ... wer gern schmunzelt, wer sich immer wieder gern zum Nachdenken anregen lässt ...

Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen ... und es berührt mich immer noch, nachdem ich das Buch längst aus der Hand gelegt habe. Ich werde es ein zweites und ein drittes Mal lesen. Ich bin sicher: Ich werde noch viel entdecken!

Und ich freue mich auf den Folgeband, der im letzten Satz ganz klar angekündigt wird (15): »Der Trip beginnt.«

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Fußnoten

1 »STERN«, Nr. 34, 18.8.2011, Titelgeschichte »Die Missionarin«, Seiten 54-61
2 Beginn der Veröffentlichung am 28. April 1983 im »STERN«
3 Siehe u.a. Titelfoto »STERN« Nr. 34 vom 18.8.2011 sowie Rückenakt der Autorin in Stöckelschuhen und Kompressionsstrümpfen (?) daselbst S. 57 rechts oben
4 Roche, Charlotte: »Schoßgebete«, München 2011, S. 15, Zeilen 17-15 von unten
5 ebenda, S. 180, Zeilen 11 und 12 von unten
6 ebenda, S. 122, Teilen 8 bis 11 von unten
7 ebenda, S. 114, Zeilen 8-14 von unten
8 ebenda, S. 114, Zeilen 5-8 von unten
9 Evangelium nach Matthäus Kapitel 7, Vers 8
10 Roche, Charlotte: »Schoßgebete«, München 2011, S. 67, Zeilen 13 und 14 von unten
11 ebenda, Seite 67, Zeilen 7-10 von unten, Zeilen 1 und 2 von unten und Seite 68, Zeilen 1-5 von oben
12 ebenda, Seite 162, Zeile 2 von unten
13 ebenda, Seite 163, Zeilen 9-14 von oben und Zeilen 16-26 von oben
14 »STERN«, Nr. 34, 18.8.2011, Titelgeschichte »Die Missionarin«, Seite 60 links unten
15 Roche, Charlotte: »Schoßgebete«, München 2011, Seite 283, Zeilen 15 und 16 von oben

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Sonntag, 21. August 2011

83 »Die Monstermauer von Ollantaytambo«

Teil 83 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Die Monstermauer von
Ollantaytambo
Foto: W-J.Langbein
Ich stehe vor der »Monstermauer« von Ollantaytambo im südlichen Peru. Tonnenschwere Steinkolosse trotzen seit uralten Zeiten Wind und Wetter. Sintflutartiger Regenschauer macht das Fotografieren schwer. Regennass glänzen die Steinquader. Sie wurden ... davon bin ich überzeugt ... lange vor der Epoche der Inkas zusammengefügt. Von wem? Wann? Warum?

Als Kind versuchte ich herrlich exotische Namen wie »Ollantaytambo« richtig auszusprechen. Sehnsüchtig studierte ich Karten Südamerikas. Ich träumte von Reisen in jene fernen Gefilde ... Jetzt sitze ich hoffnungsvoll im Minibus. Bei strahlendem Sonnenscheint geht’s am Rio Patacancha entlang. Wir erreichen den Urubamba. Am Südufer erkenne ich die kleine Bahnstation von Pachar. Hier macht der Zug von Cuzco nach Machu Picchu Halt.

Das Dörfchen Ollantaytambo hat sich seit meinem letzten Besuch nicht verändert. Lehmhütten stehen auf altehrwürdigen Inka-Mauern. Kaum steige ich aus dem Bus, ziehen sich auch schon Wolken zusammen ... pechschwarze ... und es schüttet vom Himmel. Warum regnet es fast immer, wenn ich nach Ollantaytambo komme?

Ich hole meine Regenjacke aus dem Rucksack, verstaue die beiden Kameras darunter ... und los geht’s. Zügigen Schritts will ich die steinerne Treppe erklimmen. Auf einer Höhe von 2800 Metern über dem Meer komme ich bald in Atemnot ... Weiter ... weiter ... Mir kommt es so vor, als zöge sich der steile Weg entlang der künstlich angelegten Terrassen endlos hin. Sind es zweihundert Stufen oder 2000?

Eine Steinwand mit Nischen - Foto: W-J.Langbein
Ein Weg führt von der Treppe nach links ab. Ich folge ihm und entdecke eine Steinwand mit Nischen. In ihnen sollen einst goldene Statuen von Göttern der Inkas gestanden haben, heißt es. Manche übersetzen den Namen »Ollantaytambo« mit »Speicher meines Gottes«. Ich muss gestehen, eine der Nischen zu einem profanen Zweck missbraucht zu haben ... um die vollen Filme aus meinen beiden Kameras zu nehmen und neue einzusetzen.

Weiter geht es ... zurück zur Treppe ... und nach oben. Plötzlich stehe ich (wieder einmal) vor dieser »Monstermauer«. Die tonnenschweren Steinkolosse sind millimetergenau aufeinander gesetzt worden. Um genau zu sein: Sechs je rund 50 Tonnen schwere Steinkolosse wurden auf der anderen Seite des Urubamba-Flusses von einem Steinbruch am Berg ins Tal geschafft, über den Fluss gebracht und wieder den Berg empor bis an ihren heutigen Platz geschleppt. Sie wurden bearbeitet und millimetergenau angepasst und so zusammengefügt, dass keine Messerklinge zwischen die Steine passt!

Ich schreite die Mauer ab. Sie ist etwas über dreizehn Meter lang. In der Höhe variieren die sechs Porphyr-Kolosse leicht. Der größte hat folgende Ausmaße ... Höhe 3,96 Meter, Breite 2,13 und Tiefe 1,67 Meter. Messen kann ich nur die Dicke des ersten und des sechsten Steines. Die anderen dürften aber ganz ähnliche Maße haben.

Die mysteriöse Mauer
von Ollantaytambo
Foto: W-J.Langbein
Welchem Zweck diente die Mauer? Als Verteidigungswall macht sie keinen Sinn. Vermutlich ist sie Teil eines Tempels, der allerdings nie fertig gestellt wurde. Im Flussbett des Urubamba ruht seit vielen Jahrhunderten ein Steinriese, der jenen der Mauer sehr ähnelt. Er sieht ganz so aus, als habe man ihn irgendwie an die Mauer anfügen wollen. Allerdings ist er wesentlich größer als die schon riesigen Steinquader. Der Stein der Superlative wird auf 250 Tonnen geschätzt. Die Steinmetzen haben ihm vom Steinbruch hinab ins Tal geschafft. Stürzte er beim Überqueren des Flusses in die Fluten und konnte nicht mehr geborgen werden? Oder wurden die Arbeiten urplötzlich abgebrochen?

1536 belagerten die Spanier Cuzco. Wacker hielten die Inkas den Attacken der Europäer stand. Inkaherrscher Manku Qhapaq II. hatte sein Quartier in Ollantaytambo aufgeschlagen. Hernando Pizarro befahl den Angriff auf die Festung. Die Spanier rückten mit 30 Soldaten zu Fuß und 70 zu Pferde an, begleitet von einem großen Kontingent einheimischer Hilfstruppen. Pizarro erinnerte sich später: »Wir fanden die Anlage so gut befestigt vor, so dass es ein entsetzlicher Anblick war!« Der nächtliche Angriff schlug fehl. Fast wären die Spanier vollkommen aufgerieben worden, doch den stark dezimierten Truppen gelang die Flucht.

Schmale Steinstäbe
zwischen den Riesen
Foto: W-J.Langbein
Betrachtet man die massive Steinwand genauer, so fällt ein ungewöhnliches Detail auf. Die genialen Steinmetzen haben die sechs Steinquader sorgsam abgeschliffen, aber nicht direkt aneinandergefügt. Vielmehr setzten sie zwischen jeweils zwei der wuchtigen Steine sehr schmale, ebenso sauber zugeschnittene und polierte Steinstreifen oder Steinstäbe. Bei ausnahmsweise schönem Wetter gelang mir im Herbst 1992 ein schönes Foto dieser Besonderheit. Inkabauweise ist das nicht!

Manche übersetzen »Ollantaytambo« mit »Speicher meines Gottes«. Andere erklären den Namen ganz anders. Einst habe sich ein örtlicher Stammesfürst in eine der Töchter des regierenden Inka verliebt. Die Verbindung sei nicht standesgemäß gewesen, der lokale Regent probte den Aufstand ... und wurde besiegt. Der Name des rebellierenden Verliebten – angeblich hieß er Ollanta – sei in Ollantaytambo verewigt worden. Einleuchtend ist diese Interpretation nicht.

Warum sollte der Zufluchtsort des Inka-Herrschers Manku Qhapaq II. Ausgerechnet nach einem besiegten Aufständischen benannt worden sein? Es sind die Sieger, die die Geschichtsbücher schreiben. Es sind die Sieger, die Städten und Plätzen ihre Namen verleihen. Die Verlierer werden so gut wie möglich vergessen und nicht geehrt ... Schon gar nicht benennt man den Ort, wo die Inka die Spanier schlugen, nach einem verachteten Inka-Rebellen.

Steinkolosse aus Vorinkazeiten
Foto W-J.Langbein
Meine Meinung: Die romantische Liebegeschichte wurde erfunden, um eine »Erklärung« für einen Ortsnamen zu finden ... dessen wirkliche Bedeutung schon vor langer Zeit in Vergessenheit geraten ist!

Gern bezeichneten räuberische Eroberer, die plündernd fremde Kulturen zerstörten, ihre Opfer als »Wilde«. Die eigentlichen »Wilden« aber waren in meinen Augen nicht die Ureinwohner Mittel- und Südamerikas, sondern die »Christen« aus Europa!

Inka-Experten wie John Hemming und Peter Frost (1) gehen davon aus, dass die Inkas »Ollantaytambo« von Vorgängern übernahmen, deren Geschichte gänzlich unbekannt ist. Wenn Touristen nach Ollantaytambo kommen, nehmen sie sich gewöhnlich sehr wenig Zeit.

Wer indes nicht nur einige Minuten vor der wuchtigen Mauer von Ollantaytambo verharrt, sondern die Umgebung – hoch über der Inkastadt Ollantaytambo – erkundet, wird immer wieder auf riesige Steinklötze stoßen, die wohl von den Inkas ... schon vorgefunden wurden! Die Inkas haben einen alten heiligen Ort übernommen. Inka-Mauerwerk ist oft längst schon wieder eingestürzt oder verfallen, während die riesigen Monolithen aus Vorinkubierten nach wie vor den Naturgewalten trotzen! Ich behaupte: Schon die Inkas wussten nichts mit den Steinmonolithen anzufangen ... so wie auch wir heute nach wie vor vor so manchem Rätsel stehen!

Ein Steinriese aus uralten Zeiten
Foto: W-J.Langbein
Wer auch immer wann auch immer mit solch gewaltigen Steinen hantierte, muss erstaunliche Kenntnisse und Fertigkeiten besessen haben. Fakt ist, dass wir mit heutigen technischen Mitteln solche Kolosse kaum an Ort und Stelle schaffen könnten! Gewaltige Kräne und Sattelschlepper wären erforderlich, die im unwegsamen Gelände von Ollantaytambo nicht eingesetzt werden können.

Mir kommt es so vor, als hätten kundige Ingenieure aus uralten Zeiten komplexe Steingebilde anfertigen lassen, die so einem monumentalen Gebäude zusammengefügt werden sollten.

Von »primitiv« kann jedenfalls angesichts so manches Steinwunders nicht gesprochen werden. Warum können wir, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, nicht einfach zugeben... dass wir vor einem Rätsel stehen? Lässt das unsere Überheblichkeit nicht zu?

Unverstandene Technologie in Stein
Foto: Walter-Jörg Langbein
Fakt ist: Die Monstermauer von Ollantaytambo kann Naturkatastrophen überstehen, die moderne Bauten zerstören ... Für die Inkas war das so erstaunlich nicht. Glaubten sie doch, die Bauten von Ollantaytambo seien einst unter Anleitung des großen Schöpfergottes Viracocha errichtet worden. Mit anderen Worten: Die Inkas selbst wussten nicht, wer die monumentalen Steinkolosse verbaute. Sie selbst trauten sich diese Kunst nicht zu, deshalb mussten sie einen mächtigen Gott bemühen ...

Fußnoten
1: Frost, Peter: »Exploring Cusco«, Lima 1989, S.100
Siehe auch Hemming, John: »Monuments of the Incas«, New York 1982


»Das Orakel in der Wüste«,
Teil 84 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.08.2011

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