Sonntag, 25. März 2012

114 »Ein ungelöstes Rätsel«

Teil 114 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Zyklopenbauten von Malta
Foto W-J.Langbein
Drei Rätsel gibt es auf Malta: Die gigantischen Tempel aus monströsen Steinriesen, die zyklopenhafte Unterwelt des Hypogäum und die geheimnisvollen »Geleise«. Am grünen Tisch lassen sich leicht Lösungen finden. Beispiel: Die großen Monolithen aus Stein wurden auf Karren über die Insel transportiert und zu Tempeln aufgetürmt. Die »Geleise« wurden von den Rädern in den Stein geschnitten.

Die Tempel lassen uns auch heute noch staunen. »Primitive Steinzeitmenschen« haben diese Denkmäler definitiv nicht erschaffen! Unser Bild von den Menschen der Vorzeit muss überdacht und korrigiert werden! Rasch wird verkündet, die Rätsel der Vorzeit seien längst »geknackt«. Lautstark werden Theorien publiziert, die zum Beispiel die gewaltigen Steintransporte mit simpelsten Tricks ermöglichen ... und ohne technische Hilfsmittel.

Auf dem Papier mögen solche Antworten plausibel erscheinen ... besonders dann, wenn man zum Beispiel die zyklopenhaften Steine in ihrem gewaltigen Ausmaßen nicht kennt. Wenn man aber vor Ort auf Malta die Geheimnisse der Insel hautnah erlebt ... vergisst man rasch »einfache« Antworten!

Monströse Tempel geben
Rätsel auf - Foto W-J.Langbein
Vor Ort erkennt man rasch, dass vordergründig einleuchtende »Erklärungen« mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Immer wieder ist zu lesen: Die »Geleise« entstanden, weil dort Karren auf Rädern entlang fuhren. Das ist unmöglich. So sind die Rillen im Stein oft viel zu tief, als dass darin Räder laufen könnten. Hunderte von »Geleis-Rillen« habe ich vermessen. Ich notierte unzählige Ergebnisse. Die Doppelspuren weisen Spurbreiten zwischen 65 und 125 Zentimetern auf. Es müsste also vor Jahrtausenden Vehikel mit unterschiedlichsten Spurbreiten gegeben haben.

Die Rillen laufen zudem keineswegs exakt parallel zueinander. Das heißt: die Spurbreite ändert sich bei jedem Rillenpaar ständig. Damit ein Karren mit seinen Rädern in den Rillen fahren kann, müsste er ständig seine Spurbreite ändern. Das wäre allenfalls mit Gummiachsen möglich. Fazit: Zwei- oder gar vierräderige Vehikel können die »Geleis-Rillen« auf keinen Fall verursacht haben. Zudem müsste es Spuren der Zugtiere geben. Es gibt sie nicht.

Alternativvorschlag: Es wurden auf Malta viele Steinkugeln gefunden. Diese Kugeln rollten in den Steinrillen. Und auf den Kugeln ruhten die Monolithen, die auf diese Weise zu den Tempeln geschafft wurden. Zugtiere sind nicht erforderlich. Die Steine auf den Kugeln wurden von Menschen geschoben und gezogen. In der Realität passt diese »Erklärung« nicht zu den Rillen!

Gibt es eine Beziehung zwischen Tempeln und Geleisen?
Fotos:Ilse Pollo (Foto mittig) und Walter-Jörg Langbein

Nehmen wir an, wir wollen eine Steinkugel von dreißig Zentimetern Durchmesser in einer Rille laufen lassen. Dann muss die führende Rille dreißig Zentimeter breit sein. Sie darf aber nicht dreißig Zentimeter tief sein. Muss doch die Kugel oben aus der Rille herausragen, damit man eine Last auf der Kugel ablegen kann. Bei Mansija ist so eine Rille rund zehn Zentimeter breit, aber bis zu sechzig Zentimeter tief. In dieser Rille kann nur eine Kugel von zehn Zentimeter Durchmesser rollen ... einen halben Meter unter der Oberfläche – ungeeignet für den Transport von Lasten.

Könnte es ein bislang unbekanntes Transportsystem gegeben haben, das die mysteriösen Rillen nutzte? Denkbar ist das. Aber: Tagelang folgte ich unzähligen »Geleis-Spuren«. Sie führen überall hin, nur nicht zu Tempeln. Es gibt also definitiv keine Verbindung zwischen den »Geleisen« und den Tempeln!

Noch ein »Lösungsvorschlag«: Die Rillen dienten nicht als Führung für Räder. Vielmehr war das komplexe Rillen-System so etwas eine Art Kanalisation. In den Rillen floss Wasser. Auch diese »Lösung« erweist sich aus mehreren Gründen als vollkommen unsinnig! Zwei kleine, parallel nebeneinander laufende Rillen sind absurd. Es sei denn – Achtung, Ironie! – eine Rille führte kaltes, die andere heißes Wasser!

Präzise geschnitene Rille.
Foto W-J. Langbein
Die einzelnen Rillen verlaufen heute noch Hunderte Meter weit. Sie mögen einst Kilometer lang gewesen sein, wurden aber im Verlauf der letzten Jahrhunderte teilweise zerstört. So bleiben nur noch kürzere Teilstrecken übrig. Ob kurz oder lang: Wasser fließt immer nur bergab. Die »Geleise« von Malta aber folgen dem Terrain. Sie führen ebenerdig, steigen dann eine sanfte Anhöhe empor und streben dann wieder nach unten. Wasser kann diesem steten »Bergan« und »Bergab« nicht folgen!

Je intensiver man sich mit Malta beschäftigt, desto rätselhafter wird die Insel. Manchmal erinnern die »Geleise« an die Reste eines »Rangierbahnhofs« mit Weichen. Von einem Punkt aus führen die »Geleise« in unterschiedliche Richtungen.

Wenn die »Geleis-Rillen« von Wetterunbilden nicht »angefressen« wurden, vielleicht weil sie viele Jahrhunderte von Erdreich bedeckt waren, erkennt man auch heute noch, wie präzise sie in den Stein geschnitten sind. Keine Frage: Sie wurden, wie auch immer, künstlich angelegt. Die Rillen sind keine Laune der Natur!

Es wird noch verrückter: Manchmal laufen die Rillen schnurstracks auf eine senkrecht abfallende Klippe zu. Sollten da Landmassen abgebrochen und ins Meer gestürzt sein? Andere »Geleise« streben dem Meer zu, kriechen über den steinigen Strand und verschwinden in den Fluten. Ich folgte schwimmend und tauchend so einer Spur ... bis sie sich in den Tiefen des Meeres verlor. Von Anhöhen kann man erkennen, dass sie sehr weit am Meeresboden fortgesetzt werden.

Geleise überall auf Malta
Foto W-J.Langbein
Gibt es eine plausible Erklärung für »Geleise« die an Land beginnen und auf dem Meeresgrund fortgesetzt werden? Ernst von Hesse-Wartegg geht in seinem monumentalen zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« nicht auf die »cart-ruts« ein. Und doch bietet er eine mögliche Antwort für die Frage nach den »Geleisen« auf dem Meeresgrund an. Er schreibt vor dem »Ersten Weltkrieg« (1): »Geradeso wie Sizilien ist auch das unter englischer Herrschaft stehende Malta ein Überrest des versunkenen Kontinents zwischen Afrika und Europa und seinen geologischen Verhältnissen nach nur ein Stück von Tunis. Auch hier blieben bei der großen Katastrophe Menschen übrig, die sich später, vor ungefähr fünf Jahrtausenden, vielleicht mit hinzugekommenen Libyern von Afrika vermengten.«

Malta ist und bleibt rätselhaft. Es wimmelt auf Malta förmlich von mysteriösen Tempeln und Geleisen ... Rätselhaft sind und bleiben die verschachtelten unterirdischen Räume von Malta. Gesichertes Wissen gibt es wenig. Fakt ist: am ältesten ist die unterirdische Anlage des Hypogäums. Völlig zutreffend schreibt Ernst von Hesse-Wartegg (2): »Neben den megalithischen Denkmälern, deren Malta so merkwürdige besitzt, sind nämlich auch solche aus der Bronzezeit vertreten. Nur sind die Denkmäler aus der ältesten Zeit nicht oberirdisch, sondern unterirdisch, wahre Katakomben. Ihr Vorhandensein war selbst den Maltestern unbekannt.«

Sollte das heutige Malta tatsächlich der kleine Rest eines versunkenen Reichs sein ... eines Atlantis im Mittelmeer? Seit rund drei Jahrzehnten beschäftige ich mich intensiv mit Malta ... Die Insel ist ein einziges ungelöstes Rätsel! (3)

Geleise, die ins Nichts führen
Foto W-J. Langbein
Schon seit Jahren protestieren engagierte Vogelschützer gegen den Jagdwahn, der im Frühjahr und Herbst auf Malta ausbricht. Da wird offensichtlich auf alles geschossen, was fliegen kann. An geltendes EU-Recht, das den Abschuss von Sing- und Greifvögeln verbietet, halten sich maltesische Jäger offensichtlich nicht.

Vogelarten, die in anderen europäischen Ländern fast ausgestorben sind, werden auf Malta rücksichtslos abgeknallt ... und das nicht nur zur Jagdsaison. 15.000 und mehr maltesische Jäger scheinen alle Vögel auf dem kleinen Eiland Malta ausrotten zu wollen. Wenn Zugvögel sich ermattet von weiten Marathonflügen auf Malta niederlassen wollen ... warten auf sie schießwütige Jäger.

Langsam scheinen die Proteste Wirkung zu zeigen. So wurden am 6. Juni 2011 zwei maltesische Jäger zu 9.000 Euro Geldstrafe und zwei Jahren Haft und zu 5.000 Euro Strafe und einem Jahr Haft verurteilt ... jeweils ohne Bewährung. Sie hatten streng geschützte Weißstörche erlegt. Bereits im Herbst 2009 untersagte ein Urteil des »Europäischen Gerichtshofes« die auf Malta seit Jahrzehnten zelebrierte Jagdsaison im Frühjahr. Die Jagd auf Zugvögel, die sich dann auf dem Rückflug in ihre Brutgebiete befinden, bedroht den Bestand besonders geschützter Arten, die nach dem Gesetz nicht bejagt werden dürfen.

Blick ins Hypogäum um 1910
Foto Archiv W-J.Langbein
Ich befürchte, dass auch im Frühjahr 2012 europäischer Rechtssprechung zum Trotz wieder rücksichtslos Jagd auf Vögel gemacht werden wird. Abertausende Jäger stellen auf Malta eine mächtige Gruppe von Wählern dar. Haben die Landespolitiker auf der Mittelmeerinsel Angst, sie könnten ihre Wähler verprellen, wenn sie geltendes Recht mit Nachdruck durchsetzen?

Primitiv waren in meinen Augen nicht die steinzeitlichen Erbauer der Tempel von Malta, primitiv sind für mich viele schießwütige maltesische Jäger. So sehr ich das geheimnisvolle Eiland Malta und seine Rätsel schätze, so lange Malta nicht endlich geltendes Recht durchsetzt, kann ich als Tierfreund Malta nicht mehr besuchen.

Fußnoten
1 Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1912/1913, Band II, S.262
2 ebenda, S. 262 und S. 263
3 Langbein, Walter-Jörg: »Malta – Insel der Tempel und Riesen«, erschienen in der
Zweimonatszeitschrift »astroVita«, Ausgabe März/ April 1982 (Zeitschrift wurde inzwischen eingestellt.)

»Die mysteriösen Steine der Bretagne«,
Teil 115 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01.04.2012



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Samstag, 24. März 2012

Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors

Teil 1: Vom Zuchthäusler zum Bestsellerautor
Walter-Jörg Langbein


Hohenstein-Ernstthal
Geburtshaus Karl Mays
in Hohenstein-Ernsthal
um 1910 - Foto: Archiv
Karl May Gesellschaft
Karl May schien von seiner Geburt an zum Scheitern verurteilt. Dem Sohn einer bitterarmen Familie von sächsischen Webern sollte offenbar der Weg in ein bürgerliches Leben verwehrt bleiben. Die Versuche, aus unbeschreiblichem Elend auszubrechen, scheiterten immer wieder. Karl May wurde straffällig und wegen Lappalien zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Immer wieder schien sich zu bewahrheiten, was Hans Fallada in seinem Roman »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« beschreibt. Es schien auch für Karl May zu gelten: Wer einmal im Gefängnis saß, hat schlechte Karten ...

Wie Falladas Kufalt wird Karl May immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Zwickau (»Schloss Osterstein«) scheitert May erneut. Er hatte keine Chance auf Rehabilitation. Zaghafte Versuche, auf ehrliche Weise Geld zu verdienen, wurden von der guten, ehrbaren Gesellschaft nicht geduldet.

Am Rande ... Die Geschichte von »Schloss Osterstein« bietet Stoff für ein umfangreiches Werk ... Ursprünglich war es ein landesherrliches Residenzschloss, wurde dann zur Zuchtanstalt. Es verfiel zur Ruine. Der Zellentrakt musste abgerissen werden. 2006 begann der Wiederaufbau. 2008 öffnete die einstige Zuchtanstalt wieder ihre Tore ... als Senioren- und Seniorenpflegeheim ...

Wieder wird Karl May straffällig, wieder ist er als kleiner Gauner und Trickbetrüger unterwegs. Wieder schließen sich Gefängnismauern für Jahre hinter ihm. Als Karl May 1874 aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen wird, hat er eigentlich – wie Falladas Kufalt – keinerlei Zukunftsperspektive. Der nächste längere Zuchthausaufenthalt scheint schon vorprogrammiert zu sein. Und es sieht so aus, als reagiere Karl May auf seltsame Weise trotzig. Er glaubt, dass die Gesellschaft ihn nur als Kriminellen sehen will ... also will er kriminell sein. In Waldenheim aber kommt es zur Wende ...

Schloss Osterstein - Ruine
Osterstein - Foto oben:
Archiv Langbein,
Foto unten: André Karwath
Karl May fasst nach der Entlassung in der bürgerlichen Gesellschaft Fuß. Er beginnt zu schreiben: zunächst als Redakteur im Verlag von Heinrich Gotthold Münchmeyer und später beim Dresdner Verlag von Bruno Radelli. 1879 beginnt das eigentliche Leben des Karl May, der es zum reichen, meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache bringen sollte. Karl May verfasst Erzählungen, die unter verschiedensten Pseudonymen erscheinen. Fast wie besessen schreibt Karl May für Zeitschriften. Seine Texte erscheinen im »Deutschen Hausschatz«, werden im »Guten Kamerad« veröffentlicht.

Für Münchmeyer produziert May im Eiltempo Kolportageromane. »Das Waldröschen« wird von Hunderttausenden verschlungen. Mit 50 gelingt Karl May der Durchbruch. Friedrich Ernst Fehsenfeld ermöglicht es dem immer wieder vom Schicksal gebeutelten Sachsen, seine Erzählungen in Buchform zu publizieren. 1892 – vor 120 Jahren – startet die Serie »Carl May's Gesammelte Reiseromane«. 1896 wird die Erfolgsreihe in »Karl Mays's Gesammelte Reiseerzählungen« umbenannt. Karl May hat es geschafft ... aus dem armen Weberssohn, dem gescheiterten Lehrer und mehrfach Vorbestraften wird der hoch angesehene, geachtete, ja verehrte Bestsellerautor Karl May.

Noch 1879 war Karl May – zum letzten Mal – zu einer Arreststrafe von drei Wochen verurteilt worden ... wegen angeblicher »Amtsanmaßung«. Karl May hatte versucht zu klären, wie der Onkel seiner damaligen Verlobten Emma Pollmer ums Leben gekommen war. Der Sachverhalt ist klar: Am 25. April 1878 befragt Karl May Zeugen, behauptet, er sei »von der Regierung eingesetzt und etwas Höheres, wie der Staatsanwalt« (1). Karl May verstößt dabei allerdings nicht gegen das Gesetz. Er maßt sich keinen Titel an. Er gibt nicht vor, ein Amt auszuüben. Er deutet nur an, flößt Respekt ein. Man hält ihn für eine »hochgestellte Persönlichkeit«. So soll Karl May geäußert haben (2): »Wenn der Staatsanwalt nicht richtig gehandelt hat, lass ich ihn einstecken – zu was sind denn die Kerle da?!«

Karl May und seine zweite
Ehefrau Klara um 1904
Eine »Amtshandlung« hat Karl May nicht vorgenommen, somit hat er sich ganz eindeutig keiner »Amtsanmaßung« schuldig gemacht. Karl May wurde ganz klar Opfer eines Fehlurteils. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Karl May verbüßt seine Strafe, wird am 22. September um 19 Uhr (3) »dem Gerichtsamt vorgeführt, vor Rückfall gewarnt und entlassen«.

Karl May war seinen fiktiven alter egos Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi im wirklichen Leben nie so nahe wie in jenen Tagen des Jahres 1878, als er zu klären versuchte, unter welchen Umständen Emil Pollmer zu Tode gekommen war. Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi setzten sich in Karl Mays Fantasiewelt immer wieder für Recht und Ordnung ein. Wo Gesetzeshüter versagten, wo Verbrecher fern der Justiz ihr Unwesen treiben konnten ... da schritten Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, begleitet und unterstützt von Winnetou und Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, ein. Ob Nscho-tschi, von Marie Versini im Film ideal verkörpert, im realen Leben Karl Mays ein Vorbild aus Fleisch und Blut hatte?

In seiner Fantasie wurde Karl May, der im realen Leben zum »Kriminellen« abgestempelt worden war, zur heldenhaften Lichtgestalt, zum Heros, zum Superman des Wilden Westens und des Orients, der der Gerechtigkeit immer wieder zum Sieg verhalf.



Schreibend ließ Karl May seine Vergangenheit hinter sich, die allerdings den greisen Karl May wieder einholen sollte! Schreibend wurde aus dem von der Gesellschaft ausgestoßenen Karl May der geachtete, bewunderte und verehrte Volksschriftsteller Karl May. Schreibend schuf er sich ein Leben in Wohlstand. Der Sohn armer Webersleute wurde zum Wohlstandsbürger. 1891 zogen die Mays in der »Villa Agnes«, Radebeul, 1895 in »Villa Shatterhand«, Radebeul, ein.

Karl May im Kostüm
als Old Shatterhand
Schreibend schuf sich Karl May eine alternative Realität, in der sein Blutsbruder Winnetou und sein Gefährte Hadschi Halef Omar zu realen Personen wurden. Und schreibend wurde Karl May wirklich zu Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Berichtete er zunächst noch über die beiden Abenteurer in der dritten Person, so identifizierte er sich nach und nach immer stärker mit den fiktiven Gestalten. Karl May war dabei kein Hochstapler, vielmehr wusste er wohl manchmal selbst nicht mehr zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Im Roman bekam Old Shatterhand einen Namen ... aus dem anonymen Helden wird der Schriftsteller aus Germany Sharlih. Winnetou, der edle Häuptling der Apachen, nennt ihn so.

Millionen Fans folgten Karl May lesend ... und identifizierten sich ihrerseits mit den Helden Karl Mays. Unzählige Leserinnen und Leser träumten sich in eine Welt, in der sie – wie die Mayschen Helden – die Welt gerechter machen konnten. Sie wollten an die Wirklichkeit der schönen Welt Karl Mays glauben ... und der sächsische Schriftsteller machte es ihnen leicht. So ließ er die aus seinen Romanen bekannten Wundergewehre »Bärentöter«, »Silberbüchse« und »Henrystutzen« anfertigen. Und Karl May schlüpfte in Kostüme, ließ sich als »Old Shatterhand« und »Kara Ben Nemsi« fotografieren. So entstanden nicht nur Fotos von Karl May vor Wild-West- und Orientkulissen, auch Besucher Mays wurden kostümiert mit ihrem Helden im Bild festgehalten.

Villa Agnes - Foto X-Weinzar
Mit der wachsenden May-Begeisterung wuchs auch Mays Wohlstand. Jetzt konnte es sich der sächsische Schriftsteller leisten, luxuriös zu wohnen ... in Villen, nicht in Armenhäuschen ... und die Länder seiner Träume zu bereisen. 1899 und 1900 erkundete er den Orient. Zusammen mit seinem Diener Sejd Hassan kam er bis nach Sumatra. 1908 trat May, zusammen mit seiner Frau Klara, seine sorgfältig vorbereitete Amerikareise an. Von Bremerhaven ging's mit dem »Großen Kurfürst« nach New York, dann den Hudsonfluss hinauf nach Albany. Die Mays unternahmen Ausflüge, zu den Niagara-Fällen, aber auch in das Reservat der Tuscarora-Indianer und nach Toronto. Am 18. Oktober 1908 begeisterte Karl May in Lawrence, Massachusetts, mit einem Vortrag.

Emsig schrieb Karl May von seinen beiden Weltreisen Karten an Freunde, Zeitungsredaktionen und treue Leserinnen und Leser. Stolz ließ sich Karl May vor den Pyramiden Ägyptens wie vor den Niagarafällen ablichten. Der blinde Bub aus einer Weberfamilie war allen Widrigkeiten des Lebens zum Trotz am Ziel seiner Sehnsüchte angekommen ... Der Sachse mit der unerschöpflichen Phantasie war endlich angesehen und wohlhabend.

Und doch wird Karl May auf dem Zenit seines Erfolgs von seiner Vergangenheit eingeholt. Ein Erpresser will Karl May lobpreisen ... gegen Bezahlung. Karl May lehnt ab. Und der Erpresser versucht, mit allen Mitteln Karl Mays Namen in den Schmutz zu ziehen, den greisen Schrifsteller zu vernichten.

Karl May vor den
Niagarafällen 
Rudolf Lebius (1868-1946) sucht im Frühjahr 1904 Karl May auf. Der Journalist bietet ein »Geschäft« an: Er will in Artikeln tüchtig für ihn werben, Karl May lobpreisen ... und erwartet als Gegenleistung ein »Darlehen«. Im September trifft bei Karl May eine anonyme Karte ein ... von Lebius verfasst. Er droht May mit Enthüllungen. Der Schriftsteller aber reagiert nicht. Und so beginnt Rudolf Lebius eine wahre Hetzkampagne gegen Karl May. Eine Flut von Prozessen ist die Folge, die Karl Mays Gesundheit – psychisch wie physisch – stark schädigen.

Fußnoten
1: Sudhoff, Dieter und Steinmetz, Hans-Dieter: »Karl-May-Chronik«, Band I, 1842-1896, Bamberg und Radebeul 2005, S. 235 unten und S. 236 oben
2: ebenda, S. 237
3: ebenda, S. 254

Karl May- Glanz und Elend eines Bestsellerautors
Teil 2: Zum 100. Todestag
Walter-Jörg Langbein
erscheint am 29. März 2012


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